Aspekte deutscher Auswanderung nach Lateinamerika

Das Beispiel Brasilien


Seminararbeit, 2004

17 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2.Hauptteil
2.1. Die Haltung Brasiliens
2.2. Zahlenmäßige Dimension der deutschen Einwanderung
2.3 Gründe deutscher Auswanderung
2.4. Deutsche Siedlungsgebiete

3. Schlußbetrachtungen

4.Literatur- und Abbildungsverzeichnis

5. Anhang

1. Einleitung

Im 19. Jahrhundert kam es vor allem im Bereich des damaligen Deutschen Reiches zu einer Auswanderungswelle ungeahnten Ausmaßes, von Horst Rößler in seinem Artikel[1] sogar als Massenexodus bezeichnet. So findet man für die Zeit von 1820-1930 eine Zahl von 5,9 Millionen Auswanderern allein in die Vereinigten Staaten. In meiner Hausarbeit möchte ich mich jedoch den 10%[2] der restlichen Auswanderer widmen, die nicht dorthin gingen.

Interessanterweise sollte Brasilien als Auswanderungsland an zweiter Stelle folgen, und somit bot Lateinamerika sogar schon vor dem II. Weltkrieg einer großen Menge Deutscher Zuflucht. Besondere Beachtung verdienen diese Zahlen meiner Ansicht nach zusätzlich dadurch, dass diese nicht einmal nach dem Erwerb von eigenen deutschen Kolonien übertroffen wurden.

Daher möchte ich in meiner Arbeit untersuchen, wer und aus welchen Gründen Interesse an den Deutschen als Einwanderer hatte, wie groß der Siedlungsstrom in dieses Gebiet war und welche möglichen Ursachen wir auf der anderen Seite für eine Auswanderung finden. Abschließend möchte ich untersuchen, wo die Deutschen siedelten und inwiefern man in jenen Gebieten noch ihre Spuren finden kann.

2.Hauptteil

2.1. Die Haltung Brasiliens

Die große Attraktivität gerade Brasiliens vor den zahlreichen weiteren Ländern Lateinamerikas liegt auch und vor allem in seiner einzigartigen politischen Situation zu Beginn des 19 Jahrhunderts begründet.

Denn während es im spanischen Kolonialreich durch die Absetzung des rechtmäßigen Herrschers zu einer Phase der Unsicherheit und Ungewissheit über die Zukunft kam, hatten die portugiesischen Überseegebiete das Glück, dass 1808 das Königshaus aus Portugal floh und sich in Brasilien niederließ. Somit entstand kein Machtvakuum, ganz im Gegensatz zu den spanischen Gebieten. Bezieht man dies nun besonders auf die Deutschen als Einwanderer, für die klimatisch vor allem die „Cono Sur“ Länder ideal erschienen, besaß Brasilien einen sehr großen Vorteil gegenüber Chile oder Argentinien.

Während also im Rest Lateinamerikas in den folgenden Jahren die großen Umbrüche stattfanden, die am Ende die Unabhängigkeit vom spanischen Festland bringen sollten, gab es in Brasilien durch die Anwesenheit des Prinzregenten Dom João in Rio eine relativ stabile politische Situation. Eine der ersten Aktivitäten der Regierung war die Öffnung der Häfen Brasiliens am 28. Januar 1808[3] auch für Nichtportugiesen und noch im selben Jahr ermöglichte der Prinzregent auch ihnen - sofern sie katholisch waren[4] - den unentgeltlichen Erwerb von Staatsland, welches „sesmarias“ genannt wurde.

Die Gründe für diese „Öffnung“ des Kontinentes auch für Fremde, versteht man, wenn man sich die Bevölkerungszahlen der Kolonie genauer ansieht. Um 1816 lebten schätzungsweise 850.000 Portugiesen oder Menschen portugiesischer Abstammung in einer Kolonie mit einer Ausdehnung von cirka 8,5 Millionen km² und mit diesen Personen mussten bisher alle Posten in Militär, Verwaltung und Politik besetzt werden, und dies in einem Reich, das in Personalunion mit Portugal fast so groß wie Europa war. Ein weiterer Aspekt mit dem sich die Öffnung nach außen begründen lässt, ist das Verhältnis zwischen den Weißen und der Restbevölkerung Brasiliens. In einem Ministerialbericht für den König aus dem Jahr 1819 finden sich bei einer Gesamtbevölkerung von 3,6 Millionen: Negersklaven[5] 1,7 Millionen, Mulattensklaven 202.000, freie Mulatten und Mamelucken[6] 426.000, freigelassene Neger 159.000 bei 843.000 Weißen[7]. Auch wenn diese Zahlen aus der Zeit nach der Öffnung stammen, zeigen sie doch die politische Situation der Kolonie sehr deutlich. Die Kolonialgesellschaft kannte nur die weißen Herren und ihre Sklaven, eine Mittelschicht gab es in der Gesellschaft so gut wie nicht.[8]

Mit der geplanten Schaffung einer sozialen Mittelschicht verfolgte die brasilianische Regierung gleich mehrere Ziele. Die Wirtschaft des Staates war damals völlig auf den Export von tropischen Produkten spezialisiert, wie zum Beispiel Zucker, Baumwolle, Kaffee oder auch in geringerem Maße auf die Viehwirtschaft. Vorherrschend waren riesige Plantagen, auf denen die Monokulturen durch die Arbeit von Sklaven bewirtschaftet wurden und im Besitz der reichen weißen Oberschicht waren, während die Weidewirtschaft fast gänzlich der Versorgung der Städte und jener Oberschicht diente.[9] Als Folge der Monokulturen fehlte jedoch eine vielseitige Landwirtschaft zur Versorgung der Bevölkerung im eigenen Lande.

Durch Siedlungskolonien wollte man den Aufbau einer solchen Landwirtschaft erreichen und zugleich die Versorgung der Bevölkerung sicherstellen. Zudem hoffte die Regierung mit diesen Siedlern eine ihnen treu ergebene Hausmacht zu erhalten, waren doch die Besitzer der Latifundien meist nur daran gewöhnt, Befehle zu erteilen, jedoch nicht zu gehorchen.[10]

Doch es gab noch mehr ehrgeizige Ziele der Regierung für ihre Siedlungspolitik. Durch die Ansiedlung der Neuankömmlinge, vor allem im Süden des Landes, wollte man neben der Erschließung noch unberührter Landstriche auch das System der „Wehrbauern“ kopieren. Außer ihrer Funktion als „Puffer“ gegen die Ureinwohner des Südens mussten die Einwandrer vor allem in der ersten Zeit der Einwanderung auch Militärdienst ableisten.[11]

Die Idee dazu schreibt man demSekretär der Kronprinzessin Leopoldina[12] zu, der mit ihr 1817 in Brasilien landete. Die Frau Dom Pedros I. war die Tochter des Kaisers von Österreich Franz I. und in ihrem Gefolge befanden sich viele Deutsche, womit es zu einer gewissen Verbindung von Brasilien und Mitteleuropa kam. Das System der Wehrbauern, die im Verteidigungsfall als Soldaten ihr Land für den Monarchen verteidigen müssen, kannte jene Kronprinzessin und spätere Kaiserin sehr wohl aus ihrer Heimat, wo auch deutsche Siedler in Ungarn gegen die Türken bestehen sollten. Ihr Sekretär Dr. Georg Anton von Schäfer hatte zudem während seiner Zeit beim Zaren von Russland etwas Vergleichbares kennen gelernt, lebten doch an den gefährdeten Grenzen des Reiches Kosaken.[13]

Für diese Ideen brauchte man vor allem ausländische Kräfte, denn die bisherigen Versuche mit Portugiesen in Südbrasilien hatten zu keinem Erfolg geführt, denn diese litten unter „ dem verabscheuungswürdigen Laster der Faulheit und dem ebenso verderblichen der Verachtung der körperlichen Arbeit“.[14] Auf Grund ihrer Mentalität konnten viele der Portugiesen sich nicht der landwirtschaftlichen Arbeit widmen, denn sie schämten sich, die gleichen Arbeiten zu verrichten, die man sonst durch Sklaven verrichten ließ. So widmeten sich die Kolonisten eher der Fischerei, Viehwirtschaft oder versklavten wiederum die ansässigen Ureinwohner[15]. Den fremden Siedlern wurde in jenen „Kolonialnúcleos“ jedoch jede Sklaverei verboten,[16] denn man wollte versuchen, ein unabhängiges Standbein der Wirtschaft aufzubauen. Zu Beginn des 19.Jahrhunderts begann man nämlich, allen voran Großbritannien, die Sklaverei mehr und mehr zu bekämpfen. Sogar innerhalb Brasiliens verlor die Sklaverei allmählich ihre moralische Basis[17] und es war klar, dass die Abschaffung der Sklaverei in der Zukunft bevorstand. Daher wollte man im Süden des Landes einen Neuanfang wagen und sich nicht erneut in Abhängigkeit bringen.[18]

[...]


[1] Rößler, S.148

[2] ebd.

[3] Fouquet, S.96ff.

[4] Oberacker, S.182

[5] Ich übernehme diesen Begriff von Fouquet, ohne dadurch eine Wertung vornehmen zu wollen.

[6] Mamelucken= Nachkommen von Weißen und Indianern

[7] Fouquet, S.14

[8] Oberacker, S.182

[9] Oberacker, S.182

[10] Oberacker, S.182

[11] Bernecker, S.202

[12] Oberacker, S.184

[13] Oberacker, S.184

[14] Oberacker, S.182

[15] Oberacker, S.183

[16] Bendocchi, S.44

[17] Manchester, S.169 ff

[18] Bendocchi, S. 33

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Aspekte deutscher Auswanderung nach Lateinamerika
Untertitel
Das Beispiel Brasilien
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Note
1,7
Autor
Jahr
2004
Seiten
17
Katalognummer
V73028
ISBN (eBook)
9783638696333
ISBN (Buch)
9783640139477
Dateigröße
623 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Aspekte, Auswanderung, Lateinamerika
Arbeit zitieren
Lars Degen (Autor), 2004, Aspekte deutscher Auswanderung nach Lateinamerika, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/73028

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