Konkrete Poesie - Zweck, Ziel und Spielcharakter von konkreter Poesie


Seminararbeit, 2002

29 Seiten, Note: sehr gut


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.0 Fast unsichtbar
1.1 Fast unsichtbar statt einer Einleitung
1.2 Forschungsliteratur
1.3 Zielstellung und das Wesen des ``Spiels´´

2.0 schweigen – Eugen Gomringers visuelle Konstellation und eine Parodie dazu
2.1 Die Variation zu vielleicht im Kontext der Grundlage
2.2 Vielleicht Goethe – Ein hypothetischer Vergleich zwischen der Variante von Gomringers vielleicht und Goethes Ein gleiches
2.3 Manöver – Genese eines literarischen Experiments

3.0 Zum Abschluss

4.0 Literaturverzeichnis

1.0 Fast unsichtbar

1.1 Fast unsichtbar statt einer Einleitung

Handelt es sich hierbei um ein Gedicht? Auf der Folie eines traditionalistisch gestimmten, exakten poetologischen Verständnisses von Lyrik muss die Antwort lauten: Wohl kaum![1]

Darf man darüber hinaus aus dem ``Text´´, sofern er einen darstellt, überhaupt ein ästhetisches Prinzip ableiten? Jenes Prinzip also, das unter dem Blickwinkel von Schönheit der Literatur besonders der Lyrik eigen ist. Das durch die Strophe, den Vers, den Reim, durch die Metapher und das Symbol, ganz einfach durch die stilbildende Vorstellung, was lyrische Kunst ausmacht, im Gedicht ideale Gestalt annimmt? Es erscheint fraglich!

Zusätzlich versagen die Methoden, mit denen man in der Literaturwissenschaft gemeinhin Gedichte zerpflückt (Berthold Brecht), interpretiert, einer genauesten Analyse unterzieht. So steht der Frage nach der herauszufilternden Thematik, der poetischen Form, den vielfältigsten sprachlichen Tropen und rhetorischen Mitteln nur eine beschränkte Anzahl von unbefriedigenden Antworten gegenüber, die uns das Gedicht, welches wir zunächst konkret nennen, liefert. Eine klare Aussage unter herkömmlichen Gesichtspunkten, wie man sie bei traditioneller Lyrik erhält, ist bei dieser Art von Gedicht nur bedingt oder nicht möglich.

Freilich ist obiges Beispiel radikal gewählt. Auf einfachste Weise erfüllt der realisierte ``Text´´ auf weißem Hintergrund mit Hilfe eines Interpunktionszeichens das, was die Überschrift verspricht: Fast unsichtbar.

Ein scheinbar in sich geschlossenes Kontinuum, das auf eine etwaige abstrakt-transzendentale Thematik, eine messbare segmentale Form und sprachliche Bilder verzichten kann, ja verzichten muss, um den theoretischen und zu aller erst von Eugen Gomringer formulierten Anspruch jener lyrischen Gattung zu erfüllen, die man Konkrete Poesie oder Konkrete Dichtung[2] nennt.

Das zur Hinführung gedachte Gedicht ist konkret, und sonst nichts. Es schließt irgendeine abstrakte Dimension aus. Der Punkt dient als rein rationalistisches Mittel, um den Zweck des Titels gerecht zu werden. Er hat seine Funktion als Signal des Satzendes verwirkt (ist in erster Linie kein Satzzeichen, eher ein zeichnerisches Produkt[3] ) und dient hier lediglich als ein materieller Gebrauchsgegenstand zur Erfüllung der (minimalistischsten visuellen) Veranschaulichung. Außerdem ist es einfach, überschaubar, gegenständlich, mit einem Wort: konkret. Und führt man den Begriff des ``Spiels´´, d.h. die selbstständige Schaffung des Autors und Lesers von Varianz und Veränderung des bestehenden Gedichts, ins Feld - denn auch ein Komma wäre als Mittel recht - umreißen wir kurz die wichtigsten Charakteristika dieser Spielart von Lyrik, die sich zudem aus einem spezifisch sprachlich-gesellschaftlichen Hintergrund geformt hat, in dem der Dichter als Medium fungiert und zugleich dessen artikulatorischer Repräsentant auf Dichtungsebene ist.

1.2 Forschungsliteratur

Für den Überblick der Forschungsliteratur werde ich nur jene Literatur berücksichtigen, auf die ich mich in meiner Arbeit hauptsächlich stütze. Allein der gewaltige Umfang der bisher publizierten Literatur über Konkrete Poesie machen eine Nennung oder gar eine inhaltliche Zusammenfassung unmöglich. Da diese Arbeit im Wesentlichen auf die Interpretation beziehungsweise Kommentierung ausgewählter Konkreter Gedichte von Eugen Gomringer fußt, erscheint berücksichtigte Forschung nur als Hilfsmittel, denn als endgültig regelnde und stets beeinflussende Autorität.

In seinem schmalen Band „Experimentelle Literatur und konkrete Poesie“ sieht Harald Hartung beispielsweise eine Affinität zwischen wissenschaftlichem Experiment und künstlerischem beziehungsweise literarischem Experiment, wie es sich ja in der Konkreten Poesie zu vollziehen scheint. Denn genauso wie das Experiment in der Wissenschaft, seien „auch künstlerische Experimente wiederholbar, reproduzierbar, ihre Resultate multiplikapel, der Charakter ihrer Einheitlichkeit, ihrer Aura aufgehoben.“[4] In Anlehnung an Helmut Heißenbüttel, laut Hartung ein „Exponent“[5] des künstlerischen Experiments, plädiert er dafür, Literatur nur als experimentell zu kennzeichnen, wenn der Autor erklärt „wo und in welcher Weise“[6] experimentell gehandelt wird.

Den Terminus „experimentell“ schließt Hartung für die Literaturgattung Konkrete Poesie hingegen aus, denn

„er bietet sich zur Beschreibung all jener Tendenzen und Methoden an, die über die

Fixierung der konkreten Poesie hinaus die Geschlossenheit poetischer Gebilde

(Gedichte) in Frage stellen, ohne zu einer neuen gattungsmäßigen oder stilistischen

Festlegung zu gelangen, wie es die konkrete Poesie in ihren Konstellationen, Textbildern und Artikulationen tut.“[7]

Gemäß dieser Erörterung darf es also ein experimentelles Gedicht geben, solange dieses sich nicht durch fälschende Eingriffe, zum Beispiel durch konkrete Elemente, zu einer neuen Gattung modifiziert. Es muss trotz der Eingriffe ein Gedicht der Nichtkonkreten Poesie bleiben, sonst ist es nicht experimentell.

[...]

In seiner groß angelegten und eine die Konkrete Dichtung verteidigenden und rechtfertigenden Studie „Untersuchungen zur Konkreten Dichtung“, an die ich mich im wesentlichen halte, spannt Dieter Kessler weiterhin den Bogen von historischen Vorformen Konkreter Dichtung (Figurendichtung des Barock beispielsweise) über eine vorläufige Theorie dieses literarischen Phänomens bis hin zur ausführlichen Behandlung einzelner konkreter Texte. Schon im Vorwort beschwert er sich über die bisherige unsachgemäße Behandlung des Themas durch die untersuchenden Personen, welche „oberflächlich“[8], „unzulässig“[9] und „grotesk“[10]

sei. Man müsse „der Konkreten Dichtung ein Recht auf eine adäquate Auseinandersetzung“[11]

einräumen. Und hier greift Kessler jenes Problem auf, das sich an der missverständlichen und falschen Annäherung an den Gegenstand Konkrete Poesie entzündet; das auch ich anprangere und aus dem ich teilweise meine Motivation für diese Arbeit ziehe, nämlich den Fehler zu machen, sie mit denselben handwerklichen Voraussetzungen, die ein Literaturwissenschaftler zur Verfügung hat, zu behandeln wie man traditionelle Gedichte zu behandeln gedenkt. Sprache, die „nur noch sie selbst sein soll“[12] und sein will, entzieht sich derlei konventionellen Methoden, die in der Einleitung mit dem Inventar Thematik, Form, Sprache schon angesprochen worden sind. Sie müssen in Anbetracht der in Konkreter Dichtung innewohnenden eigendynamischen Gesetze und Regeln scheitern. Kessler versucht diesen Missstand zu beseitigen, indem er eben diese herausfiltert, um zu einem angemessenen Umgang und damit auch angemessenen Verständnis von Konkreter Dichtung zu gelangen.

Monika Schmitz-Emans’ relativ neuere Monographie „Die Sprache der modernen Dichtung“ hat für die Arbeit ein vorbereitendes, ergänzendes und allgemeines Moment. Der Aspekt der Konkreten Dichtung bildet hier nur ein Kapitel unter vielen, die über die Sprache in der Moderne (Billingualismus, Nonsensdichtung, auch speziell Lautdichtung) reflektieren. Im Kapitel über Konkrete Dichtung diagnostiziert sie an dieser einen „Ausdruck des Versuches eine Einheit von Signifikant [Zeichen] und Signifikat [Bezeichnetem] zu schaffen.“[13] Ding und Namen, (Sprach)material und Inhalt fallen im Idealfall zusammen. Eine gleichsam „uralte Utopie“[14] und „regulative Idee des poetischen Schreibens“[15], so Schmitz-Emans.

Aus dieser These folgert sie dann zwei Konsequenzen. Erstere mache sich bemerkbar in der „Idee der Abwesenheit“[16], die für konkrete Texte konstitutiv sei. Hier zeige sich, dass gerade die Abwesenheit der Signifikate, die Gedanken an sie provoziert werden. Folglich müsse diese vorhandene „Spannung zwischen Präsenz und Absenz“[17] durch die vollständige Eliminierung des Signifikats abgebaut werden. Zweite Konsequenz wäre „die Aufhebung von Gattungsgrenzen“[18]: „Gattungsgrenzen sind Differenzierungen zwischen unterschiedlichen Formen der Repräsentation; wo hingegen nunmehr ``präsentiert´´ wird, werden sie hinfällig.“[19] Leider habe ich bei der letzteren Konsequenz Schwierigkeiten zu folgen. Wenn man zum Beispiel analog die Gattungsgrenzen in der Epik hernimmt, dann sind Märchen, Fabeln, Novelle „unterschiedliche Formen der Repräsentation“ von Epik, die sich in den einzelnen entsprechenden Texten äußert, die sich durch die verschiedenen Gattungen abgrenzen, Und genauso ist Konkrete Dichtung eine andere Form der Repräsentation von Lyrik selbst. Die Dichotomie Präsentation und Repräsentation sind aber im konkreten Text immanent angelegt, wo sie sich dann zugunsten der Präsentation verschiebt. Wo sollen dann Gattungsgrenzen aufgehoben sein? Sie wirkt sich nicht auf den äußeren literarisch-strukturellen Sachverhalt der Gattung aus. Auch wenn Schmitz-Emans sich auf einzelne Theoretiker stützt, die sie nicht nennt und die dasselbe behaupten, kann ich diesen Gedankengang nicht nachvollziehen.

Der gerade vollzogene Quellenüberblick hat die Problemfelder kurz skizziert, die uns implizit oder diskussionsstellend im Verlaufe der Arbeit begleiten. Problemfelder, die so skizziert werden können. Konkrete Poesie als literarisches Experiment? Frage nach der richtigen Auseinandersetzung mit ihr sowie jene nach der Stiftung einer Identität von Signifikant und Signifikat.

[...]


[1] Eigenes Gedicht, das im Entstehungsprozess eine Veröffentlichung in einem Internetportal für Lyrik (http://www.lyrikecke.de unter dem Pseudonym ``Marc Golem´´) berücksichtigte. Der Titel ist dort in einer Übersichtsmaske verzeichnet. Der Benutzer stellt sich unter ihm kurzfristig etwas bestimmtes vor, was dann einen gewissen Verblüffungseffekt bei Abrufung des Gedichtes zu Folge hat.

[2] „Konkrete Dichtung“ und „Konkrete Poesie“ werden im Sinne der Einheitlichkeit und eines poetologischen Gattungsbegriffs groß geschrieben. Vgl. hierzu Schmitz-Emans, Monika: sie schreibt „konkrete Dichtung.“

[3] Daher auch die Affinität von Bildender Kunst und Konkreter Poesie, die eben auch den Akzent auf die Visualität setzt.

[4] Hartung, Harald: Experimentelle Literatur und konkrete Poesie. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1975, S. 21.

[5] Ebd. S. 56.

[6] Ebd. S. 23.

[7] Ebd. S. 56.

[8] Kessler, Dieter: Untersuchungen zu Konkreten Dichtung. Vorformen – Theorie – Texte. Meisenheim am Glan: Verlag Anton Hain 1976, S. 11.

[9] Ebd. S. 12.

[10] Ebd. S. 11.

[11] Ebd. S. 13.

[12] Ebd. S. 11.

[13] Schmitz-Emans, Monika: Die Sprache der modernen Dichtung. München: Wilhelm Fink Verlag 1997, S.183.

[14] Ebd. S. 183.

[15] Ebd. S. 185.

[16] Ebd.

[17] Ebd. S. 186.

[18] Ebd.

[19] Ebd.

Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Konkrete Poesie - Zweck, Ziel und Spielcharakter von konkreter Poesie
Hochschule
Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg  (Institut für deutsche Philologie)
Veranstaltung
Proseminar: Vermessen, entmessen, verortet, entwortet - Lyrik der Moderne
Note
sehr gut
Autor
Jahr
2002
Seiten
29
Katalognummer
V7352
ISBN (eBook)
9783638146395
ISBN (Buch)
9783638781350
Dateigröße
446 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Kritische Auseinandersetzung mit einer Auswahl von Sekundärlitertur über Konkrete Poesie. Behandlung des Gedichtes -schweigen- und die Variationen über das Thema -vielleicht- von Eugen Gomringer, Zweck und Ziel von Konkreter Poesie. Eigenversuche mit Konkreter Dichtung. (Stichwort: Spiel). 229 KB
Schlagworte
Konkrete, Poesie, Zweck, Ziel, Spielcharakter, Poesie, Proseminar, Vermessen, Lyrik, Moderne
Arbeit zitieren
Marcus Erben (Autor), 2002, Konkrete Poesie - Zweck, Ziel und Spielcharakter von konkreter Poesie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/7352

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