Fetische, Seelengefäße und Opfer bei den Lyela in Burkina Faso


Seminararbeit, 2005

14 Seiten, Note: 1,2


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Allgemeine Informationen über die Lyela

3. Fetische
3.1 Forschungsgeschichte des Begriffes „Fetisch“ und „Fetischismus“
3.2 Definition
3.3 Bestandteile eines Fetisches
3.3.1 Das materielle Objekt
3.3.2 Fetische bewohnende Mächte
3.3.2.1 Seelen
3.3.2.2 Geister
3.3.2.3 Ahnen
3.4 Anwendungsgebiete von Fetischen
3.5 Tugere- Kult
3.6 Abgrenzung Fetischobjekt und Ahnenfigur

4. Opfer
4.1 Definition
4.2 Opferzeremonien der Lyela
4.3 Awana- Zeremonie

5. Schlussbetrachtung

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Im westafrikanischen Raum sind so genannte „Fetische“, oft fremdartig anmutende Gebilde in anthropomorpher Gestalt, eines für europäische Augen bizarr wirkenden Bündels aus unterschiedlichen Materialien oder auch eines ungewöhnlichen Topfes, weit verbreitet. Die dort ansässigen Menschen beziehen diese Gegenstände in ihre religiöse Vorstellungswelt sowie ihre religiösen Praktiken mit ein, was bei frühen religionswissenschaftlichen Forschern, bei welchen es sich häufig um christliche Missionare handelte, den Eindruck erweckte, die Eingeborenen würde einen Götzendienst verrichten. Für lange Zeit dominierte diese Vorstellung die wissenschaftliche Meinung über afrikanische Religion. Der Fetischismus wurde vielfach sogar als Hauptelement einer archaischen, ja sogar primitiven Religion angesehen. Erst in der jüngeren Forschung bemühen Ethnologen sich, hinter das religiöse Phänomen Fetischismus zu blicken und die mit diesen Gegenständen verbundenen, komplizierten Glaubensvorstellungen zu begreifen.

In dieser Hausarbeit möchte ich mich diesen Forschern anschließen und eine nähere Betrachtung dieser Gegenstände und ihrer Funktion in der Gesellschaft der Lyela in Burkina Faso durchführen. Zu Beginn werde ich die zu behandelnde Ethnie demographisch kurz darstellen, um einen Eindruck der vorliegenden gesellschaftlichen Hintergründe zu schaffen. Ein kurzer Exkurs in die Forschungsgeschichte des Fetischismus erscheint mir sinnvoll, um die zu diesem Thema vorhandene Literatur ethnologischer Größen wie etwa Edward Burnett Tylor einordnen und sie in ihrem sozialen und historischen Kontext begreifen zu können. Anschließend möchte ich mich nach einem einführenden definitorischen Abschnitt den konkreten sakralen Objekten zuwenden. Eine differenzierte Betrachtung von den verwendeten Objekten einerseits und den diese Objekte bewohnenden Energien andererseits erscheint mir sinnvoll, um einen Überblick über die Bandbreite der hier zu Tage tretenden Vorstellungen zu erhalten. Als konkretes Beispiel eines Aufgabenbereiches von Fetischen bei den Lyela werde ich mich mit dem so genannten Tugere- Kult auseinandersetzen. Anschließend werde ich Ahnenfiguren von Fetischen und Seelengefäßen abgrenzen und dabei auf die an dieser Stelle auftretende Definitionsproblematik eingehen.

Anschließend werde ich zu der Thematik der Opfer übergehen und erneut mit einem definitorischen Abschnitt beginnen. Folgend werde ich einige Opferzeremonien, welche die Lyela durchführen, darstellen, um die Bedeutung von Opferzeremonien in der Gesellschaft der Lyela zu betonen.

2. Allgemeine Informationen über die Lyela

Burkina Faso, in der westafrikanischen Savanne gelegen, stellt die Heimat der Lyela dar. Sie gehören ebenso wie die Bulsa und die Tallensi zur Sprachfamilie der Gur- Sprachen. Ihre Wirtschaft beruht auf Ackerbau und Viehzucht, welche aber größtenteils zu Opferzwecken betrieben wird. Hauptsächlich werden Hühner, Schafe und Rinder herangezogen. Grundnahrungsmittel stellen verschiedene Hirsearten dar. Die Lyela leben in verstreuten Gehöften, die als Siedlungen angesehen werden. Jede Siedlung wiederum besteht aus exogamen Verwandtschaftsgruppen. (Schott 1997: 9 f.)

Die Glaubenswelt der Lyela wird bevölkert von einem allmächtigen aber fernen Himmelsgott, von Ahnen und Geistern. Obwohl der Himmelsgott das höchste göttliche Wesen darstellt, werden ihm nur gelegentlich Gebete zu Teil. Eine kultische Verehrung dieses himmlischen Wesens findet nicht statt. Im Gegensatz dazu werden den Ahnen und der Erde regelmäßig Opfer dargebracht, da sich die Menschen von diesen Entitäten abhängig wissen. Neben diesen verehrten Wesenheiten existieren in der Vorstellungswelt der Lyela ebenfalls zahlreiche Naturgeister, welche den „Busch“, also die eine menschliche Siedlung umgebende unkultivierte Region, besiedeln. Der Ahnenkult nimmt in der Religion der Lyela eine zentrale Bedeutung ein. Nur ein Mann, der männliche Nachkommen gezeugt hat, kann nach seinem Tod die Stellung eines Ahnen einnehmen. Dies basiert auf der Vorstellung, dass nur ein Verstorbener, dem Opfer dargebracht werden, zum Ahnen transferiert werden kann. Doch da lediglich männliche Mitglieder der Gesellschaft Opfer darbringen dürfen, da das Töten der Opfertiere dem weiblichen, lebensspendenden Prinzip entgegensteht, kann ein Verstorbener ohne männliche Nachkommen keine Opfer erhalten und somit auch nicht zu Ahnen werden. Personen, die sich nicht den Geboten der wechselseitigen Solidarität entsprechend verhalten haben, werden beispielsweise als schadenbringende „Hexen“ , als Ehebrecher oder Diebe postuliert und aus der Gesellschaft ausgestoßen; sie müssen die Gemeinschaft verlassen. (Schott 1986: 172 ff.)

3. Fetische

Fetische stellen einen wichtigen Bestandteil der westafrikanischen Religionen dar. Ihre wichtigste Funktion ist ihre Manipulierbarkeit. Durch ihre Gegenständlichkeit bezeugen sie die Existenz und die Präsenz einer Macht und machen diese gleichsam für den Menschen ansprechbar und steuerbar. Sie stellen folglich Instrumente dar, welche den Umgang mit dem Nominosen ermöglichen. (Thiel 1986: 65)

3.1 Forschungsgeschichte des Begriffes „Fetisch“ und „Fetischismus“

Die Geschichte der Erforschung des Fetischismus und der als Fetische bezeichneten Objekte reicht bis ins 15. und 16. Jahrhundert zurück. In dieser Zeit fielen portugiesische Seefahrer die Bedeutung von sakralen Objekten für die Religion Westafrikas auf. Sie bezeichneten diese Objekte als „Fetische“. (Vgl. Schott 2002: 134 f.)

1760 erschien das Werk „Du culte dieux fetiches“ des Autors Charles de Brosses, in welchem der Fetischismus das erste Mal in der Forschungsgeschichte als religiöser Kult bezeichnet wurde. Kennzeichen dieses Kultes sei die religiöse Verehrung von Gegenständen oder Tieren. De Brosses erkennt jedoch bereits die Tatsache, dass diese Gegenstände nicht selbst als göttliche Wesen angesehen werden, sondern in der Vorstellung mit göttlichen Eigenschaften ausgestattet sind. Dieser „Kult der Fetische“ sei ein weit verbreiteter Bestandteil einer allgemeinen Religion. (Vgl. Schott 2002: 134 f.)

Im 18. und 19. Jahrhundert änderte sich die Sichtweise auf den Fetischismus erneut. Im Zeitalter der Aufklärung, in dem jedes Phänomen und jede Glaubensvorstellung rational erklärbar sein musste, um nicht als irrational und primitiv betitelt zu werden, musste der Fetischismus auf Unverständnis stoßen. So bezeichnete ihn Friedrich Schiller 1789 in Jena in einer Antrittsvorlesung als abschreckendes Beispiel heidnischer Idolatrie. (Schott 2002: 134)

Für Edward B. Tylor stellt der Fetischismus eine Zwischenstufe in der Entwicklung von Animismus über Manismus und Polytheismus bis hin zum Monotheismus dar. Diese evolutionistische Vorstellung, welche Tylor in seinem Werk „Primitive Religion“ (1913) ausarbeitet, stellt die vorherrschende Meinung zahlreicher Gelehrter im 19. und 20 Jahrhundert dar. Tylor sieht den Ursprung der Religion in der Entdeckung eines seelisch-geistigen Prinzips durch Traumerfahrungen. Anschließend an diese Erkenntnis entwickelte sich der Animismus, der alle Gegenstände und Wesen der Welt als beseelt ansieht. Der Animismus ist Grundlage für den Fetischismus, welcher als eine Vorstufe des Polytheismus bezeichnet wird. Aus dem Polytheismus wiederum entstand anschließend der Monotheismus der Weltreligionen. (Vgl. Thiel 1977: 139 f.)

Heutige Forscher sehen den Fetischismus als religiöses Phänomen, nicht als selbstständige Religion an. (vgl. Thiel 1986:??) Der französische Ethnologe Albert de Surgy weist daraufhin, dass der Begriff des Fetischs selbst in der heutigen Ethnologie in Verruf geraten sei und rät deshalb zur Verwendung der idiomatisch korrekten, ursprünglichen Bezeichnungen der jeweils untersuchten Ethnie, um eine wertfreie wissenschaftliche Untersuchung zu gewährleisten. (Vgl. Schott 2002: 136)

3.2 Definition

Der Ethnologe Josef Franz Thiel definiert Fetisch als

„(…) Bezeichnung für eine Kategorie sakraler Objekte, in denen eine übermenschliche Kraft wohnt, die durch Geschenke oder Opfer aktiviert und gesteigert werden kann.“ (Thiel 1986:??)

Ein Fetisch besteht folglich aus zwei Komponenten: einem materiellen Objekt sowie einer geistigen Potenz, die in diesem Objekt Wohnung nimmt und durch dieses Objekt ansprechbar wird. Diese übermenschliche Kraft kann entweder eine unpersönliche Energie oder eine konkrete menschliche Persönlichkeit sein. Der Glaube, dass die Persönlichkeit eines Verstorbenen in einem Objekt wohnen oder in ein solches Objekt gebannt werden kann, ist in Schwarzafrika weit verbreitet. (Thiel 1992: 186)

[...]

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Details

Titel
Fetische, Seelengefäße und Opfer bei den Lyela in Burkina Faso
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
1,2
Autor
Jahr
2005
Seiten
14
Katalognummer
V73732
ISBN (eBook)
9783638744607
ISBN (Buch)
9783638956581
Dateigröße
415 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Fetische, Seelengefäße, Opfer, Lyela, Burkina, Faso
Arbeit zitieren
Rebecca Müller (Autor), 2005, Fetische, Seelengefäße und Opfer bei den Lyela in Burkina Faso, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/73732

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