Die Geschichte der O - Die „Bibel des SM“ als literarisches Werk


Seminararbeit, 2005

25 Seiten, Note: 1A


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zur Autorin – Wer war Pauline Réage?
2.1. „Die Geschichte der O“ – Das Werk einer Frau?
2.2. Pauline Réage – Dominique Aury – Anne Declos

3. Die Geschichte der O – Analyse in fünf Akten
3.1. Die Liebenden von Roissy
3.1.1. Befreiung vom eigenen Ich
3.1.2. Eine entrückte Welt
3.2. Sir Stephen
3.2.1. Die Furcht vor der eigenen Hingabe
3.2.2. Der „wahre“ Gebieter
3.3. Annemarie und die Ringe
3.3.1. Sir Stephens Zeichen – eine sadomasochistische Eheschließung?
3.3.2. Ein möglicher Weg zurück in die Freiheit
3.4. Das Käuzchen
3.4.1. Der Stellenwert der körperlichen Züchtigung
3.4.2. Die völlige Auflösung des Ichs
3.4.3. Der Tod als logische Konsequenz?
3.5. Nachfolgeband: Rückkehr nach Roissy

4. Die Rezeption des Werkes
4.1. Die O und die Zensur
4.2. Die O und der Feminismus
4.3. Die O und die BDSM-Szene
4.3.1. Die Rezeption des Buches
4.3.2. Erkennungszeichen und Rituale

5. Fazit

6. Quellenverzeichnis
6.1. Verwendetet Internetseiten
6.2. Verwendete Literatur

1. Einleitung

„Die Geschichte der O, einerseits hochgerühmtes literarisches Meisterwerk, andererseits verfehmtes Objekt moralischer Entrüstung, gehört ohne Frage zu den umstrittensten und rätselhaftesten Büchern des 20. Jahrhunderts.“[1]

Einerseits mit einem Literaturpreis ausgezeichnet, andererseits als pornographischer Auswurf tituliert, entspricht die „Geschichte der O“ sicher der Beschreibung, die uns die Internetbuchhandlung „amazon“ von diesem Werk gibt. Das Buch zeichnet sich einerseits durch exzellenten Umgang mit der Sprache, anderseits aber auch durch die Verwendung „ einiger der abgedroschensten Klischees aus dem Repertoire der Pornographie[2] aus. Zweifelsohne ist es ein Werk, das polarisiert und aufwühlt. Trotz aller Emotionen – von erotischen Gefühlen bis hin zu heller Empörung – die diesen Buch in der geneigten Leserschaft wachruft, möchte ich in meiner folgenden Arbeit in erster Linie versuchen, mich dem Werk als einem Stück Literatur zu nähern.

2. Zur Autorin – Wer war Pauline Réage?

Bei der „Geschichte der O“ ist eine kurze Information über die Autorin nicht uninteressant, da die Geschichte der Autorin, vor allem aber die Geschichte des Pseudonyms und seiner Auslegungen, auch einige interessante Einblicke in die Rezeption dieses Werkes gibt.

2.1. „Die Geschichte der O“ – Das Werk einer Frau?

„Im Übrigen ist nichts trügerischer und vergänglicher als eine Identität. Wenn man glauben kann, wie es Hunderte von Millionen Menschen glauben, dass wir mehrere Leben leben, warum soll man dann nicht auch glauben, dass wir in jedem Leben der Treffpunkt mehrerer Seelen seien? Wer bin ich schließlich, sagt Pauline Réage, wenn nicht der auf lange Zeit stumme Teil von irgend jemandem, der nächtliche und geheime Teil, der sich niemals öffentlich durch eine Tat, durch eine Geste verrät, ja nicht einmal durch ein Wort, sondern über die Schleichwege des Imaginären mit Träumen umgeht, die so alt sind wie die Welt?“[3]

Das Werk „Die Geschichte der O“ erschien im Juni 1954 zum ersten Mal in Frankreich als „ Histoire d'O“ unter dem Pseudonym Pauline Rèage. 1955 gewann das Buch dass den französischen Literaturpreis "Deux Magots", der für neue und unkonventionelle Bücher vergeben wird[4]. Doch auch zu diesem Zeitpunkt war nach wie vor unbekannt, wer dieses Werk eigentlich verfasst hat. Das es sich bei dem unter Pseudonym erschienenen Roman um ein so hochgradig literarisches Werk handelte, entfachte sofort heftige Spekulationen über die wirkliche Autorenschaft[5]. Die wenigsten nahmen an, dass sich hinter diesem Pseudonym tatsächlich eine Frau verbergen könnte. Albert Camus urteilte, es handle sich hier um typisch dreckige Männervorstellungen, niemals könne eine Frau dergleichen niedergeschrieben haben. Auch innerhalb der feministischen Literaturwissenschaft (z.B. Andrea Dworkin) rief dieses Werk immer wieder massive Kritik hervor und es wurde unterstellt, dass hier unter einem weiblichen Pseudonym Männerphantasien bedient werden – tatsächlich könne dieses Machwerk aber nur von einem Mann stammen. Verdächtigt wurden unter anderem André Malraux, Henri de Montherlant, Louise de Vilmorin, André Pieyre de Mandiargues, Raymond Queneau, Dominique Aury, Jean Paulhan und George Plimpton[6]. Zusammenfassend kann man sagen, dass die weibliche Autorenschaft der „Geschichte der O“ immer wieder angezweifelt worden ist. In dieser Verleugnung drücken sich die Widerstände aus, die Möglichkeit anzuerkennen, dass die erotische Inszenierung von Gewalt, auch wenn sie meist mit starken Ängsten verbunden ist, eine weibliche Wunschvorstellung sein kann[7].

2.2. Pauline Réage – Dominique Aury – Anne Declos

Erst Mitte der 90er bekennt sich die in Frankreich relativ bekannte Kritikerin und Übersetzerin Dominique Aury (auch dieser Name ist bereits ein Pseudonym - mit bürgerlichem Namen heißt die 1907 als französische Professorentochter geborene Schriftstellerin Anne Declos) im Alter von mittlerweile 88 Jahren in einem Interview mit dem „New Yorker“ zur Autorenschaft dieses Werkes. Den Namen "Réage" entnahm Aury einer Karte der französischen Kleinstadt, in der ihr Vater ein Landhaus hatte: dort ist eine Gegend namens "Le Grand Réage" verzeichnet. „Pauline“ wählte sie in Anlehnung an Napoleons Schwester Pauline Borghese und die frühe Feministin und Sozialistin Pauline Roland[8].

Dominique Aury arbeitete um 1940 für das renommierte Verlagshaus Gallimard. Dort traf die auch auf Jean Paulhan, den zeitweiligen Herausgeber von Gallimards mächtiger Verlagszeitschrift 'Nouvelle Revue Francaise‘, kurz NRF genannt, mit dem sie auch ein Verhältnis hatte. Ihr Liebhaber und Arbeitgeber provozierte sie übrigens auch durch die chauvinistische Bemerkung, dass eine Frau keinen erotischen Roman schreiben könne, zur „Geschichte der O“. Er selbst hatte übrigens an „de Sade“ gearbeitet. Das Buch entstand aus einer Folge von Briefen, die Aury an ihren deutlich älteren Liebhaber schickte, um ihm erotische Phantasien zu schildern. Als er die „Geschichte der O“ abgeschlossen vorliegen hatte, notierte Paulhan: „Es ist der exorbitanteste Liebesbrief, den je ein Mann erhielt.“ Paulhan war es auch, der schließlich die Veröffentlichung dieses Romans vorantrieb – allerdings nicht bei dem renommierten Verlag Gallimard, sondern bei einem sehr jungen Verleger namens Jean-Jacques Pauvert. Laut Susan Sontag wurde das Werk „zum Teil durch die Unterstützung von Jean Paulhan, der das Vorwort schrieb – über Nacht berühmt“.[9] Vielerorts wurde auch angenommen, Paulhan selbst habe das Buch verfasst.

Die intellektuelle, beinahe prüde Dominique Aury war zuvor neben ihren Übersetzungen vor allem mit dem Werk „Anthologie der religiösen Dichtung Frankreichs“ in Erscheinung getreten. Sie verstarb 1998.

3. Die Geschichte der O – Analyse in fünf Akten

Die „Geschichte der O“ gehört, wie Jean Paulhan in seinem Vorwort bemerkt:

„ganz offensichtlich zu den Büchern, die ihren Leser prägen – die ihn nicht ganz so zurück lassen, wie sie ihn vorfanden – oder ihn sogar völlig verändern: die von dem Einfluss, den sie ausüben, auf wunderliche Weise selbst erfasst werden und sich mit dem Leser wandeln.“[10]

Aus der Perspektive einer unbeteiligten Beobachterin wird die Geschichte einer Frau erzählt, die ihre Befriedigung in der totalen Hingabe sucht. Allerdings, obwohl das Buch in der dritten Person geschrieben ist, berichtet die Erzählerin stets aus Os Perspektive und gibt nie vor, mehr zu wissen als O selbst.[11]

Prinzipiell kann das Werk in vier große Kapitel oder Abschnitte gegliedert werden, die die einzelnen Etappen eines Prozesses markieren, der immer mehr zur Entpersonalisierung und Objektwerdung der Hauptfigur führt und der von dieser Hauptfigur vom Beginn bis zum Ende aktiv bejaht wird. Zusätzlich zu diesen vier Abschnitten gibt es noch ein fünftes Kapitel, das in einer anderen Version des Werkes ein alternatives Ende zu dieser Geschichte anbietet.

3.1. Die Liebenden von Roissy

Die Protagonistin des Werkes, statt mit einem Namen nur mit dem Buchstaben O versehen und ihr Geliebter René gehen spazieren und steigen wie zufällig in ein Taxi. Das Taxi bringt sie ohne eine Anweisung zu einem Palais außerhalb Paris. Während der Fahrt muss sie die Handtasche abgeben und sich auf Anordnung ihres Geliebten die Unterwäsche ausziehen. Sie soll das Palais betreten und alle Anweisungen befolgen. O gehorcht, ohne Fragen zu stellen. „Eine andere Version des gleichen Anfangs war brutaler und simpler: die junge Frau war, ebenso gekleidet, von ihrem Geliebten und einem seiner Freunde, den sie nicht kannte, im Wagen mitgenommen worden. Der Unbekannte saß am Steuer, der Geliebte neben der jungen Frau und diesmal sprach der Freund, der Unbekannte.“[12] Ebenso wie Réage der Leserschaft zwei verschiedene Varianten eines Endes zu dieser Geschichte anbietet, so überlässt sie es auch ihren LeserInnen, zwischen zwei Anfängen zu wählen. Bei dieser Variante verbindet René O die Augen, fesselt ihre Hände und zieht ihr die Unterwäsche aus. Ein Freund Renés gibt die Anweisungen, René spricht kein Wort.

In dem besagten Palais, Roissy, angekommen, wird O gebadet und geschminkt, mit Armfesseln und Halsband ausgestattet und ihr werden die Regeln erläutert: Sie müsse jedem Mann auf jede Art zur Verfügung stehen, dürfe jederzeit gepeitscht werden, dürfe keinem der Männer in die Augen sehen, nicht sprechen, müsse kleinere Dienste ausführen, immer so sitzen oder stehen, dass Mund und Schoß für die anwesenden Männer offen scheinen. Nachts werde täglich einer der Diener kommen um sie auszupeitschen.

Ihr Aufenthalt dauert ungefähr vier Wochen, die O wird gepeitscht und vergewaltigt, jedoch René lässt dies immer nur stellvertretend durch andere tun. Zu den anderen Mädchen im Palais ist O distanziert, sie hält das Schweigegebot ein. René erklärt ihr, dass er sie umso mehr liebe, je mehr er sie ausliefere. Die O „bebte vor Glück, weil er sie liebte, bebte in freudigem Einverständnis.“[13]

3.1.1. Befreiung vom eigenen Ich

Immer wieder wird betont, dass O's Fesseln sie von sich selbst befreit hätten, dass sie durch Misshandlung und Prostituierung an Würde gewonnen habe und durch die Spuren der körperlichen Züchtigung an Schönheit. Körperteile, die bisher versteckt wurden – insbesondere Anus und Vagina – scheinen durch das ständig auf sie gerichtete Begehren auch für O selber immer schöner und begehrenswerten zu werden.[14] Der Schmerz, dem sie ausgesetzt ist, bewirkt einen gewaltsam erzwungenen Selbstverlust. Dieser Selbstverlust ist für O eine (offenbar die einzige) Möglichkeit aus sich selbst heraus zu gehen und ihre eigenen Grenzen zu überschreiten. In der Vorstellung von der Welt, die in der „Geschichte der O“ sichtbar wird, ist das höchste Gut offensichtlich diese Überschreitung der Grenzen der eigenen Persönlichkeit.[15]

Bereits in diesem ersten Kapitel, wird viel über O und die Vorstellung, die die sie beherrschenden Männer von ihr haben, ausgesagt. Zunächst einmal soll O jegliches Subjektsein einbüßen, jede Möglichkeit, ihren Körper als Instrument eigenen Handelns zu nutzen. Sie soll nur noch ein Ding sein. Darüber hinaus wird sie ständig in ihrer Integrität verletzt, auch dann, wenn sie von keinem der Männer im Schloss benutzt wird – das zeigt sich vor allem in der Tatsache, dass sie jederzeit verfügbar und offen zu sein hat.[16]

[...]


[1] http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3931406253/qid=1139225500/sr=8-1/ref=pd_ka_1/028-0919158-4230947 (am 06.02.2006)

[2] vgl. Sontaag, Susan: „Die pornographische Phantasie“, Seite 53

[3] Réage, Pauline: „Ein verliebtes Mädchen“, Seite 271

[4] Siehe auch http://www.datenschlag.org/papiertiger/frameindex.html (am 11.12.2005) unter dem Begriff „Geschichte der O“

[5] Vergleiche Deja, Christine: „Frauenlust und Unterwerfung“, Seite 127

[6] Siehe http://www.datenschlag.org/papiertiger/frameindex.html (am 11.12.2005) unter dem Begriff „Réage, Pauline“

[7] Vergleiche Deja, Christine: „Frauenlust und Unterwerfung“, Seite 15

[8] Siehe auch http://www.datenschlag.org/papiertiger/frameindex.html (am 11.12.2005) unter dem Begriff „Réage, Pauline“

[9] Vergleiche Sontag, Susan: „Die pornographische Phantasie“, Seite 50

[10] Paulhan, Jean: „Das Glück der Sklaverei“, Seite 122

[11] vgl. Sontag, Susan: „Die pornographische Phantasie“, Seite 54

[12] Réage, Pauline: „Die Geschichte der O“, Seite 18

[13] Réage, Pauline: „Die Geschichte der O“, Seite 38

[14] vgl. Deja, Christine: „Frauenlust und Unterwerfung“, Seite 76

[15] vgl. Sontag, Susan: „Die pornographische Phantasie“, Seite 56

[16] vgl. Benjamin, Jessica: „Herrschaft – Knechtschaft: Die Phantasie der erotischen Unterwerfung“, Seite 99

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Die Geschichte der O - Die „Bibel des SM“ als literarisches Werk
Hochschule
Alpen-Adria-Universität Klagenfurt  (Institut für Germanistik)
Note
1A
Autor
Jahr
2005
Seiten
25
Katalognummer
V73756
ISBN (eBook)
9783638881883
ISBN (Buch)
9783640850563
Dateigröße
3318 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die "Geschichte der O" wurde einerseits mit einem Literaturpreis ausgezeichnet, andererseits als pornografischer Auswurf tituliert. Die voliegende Arbeit versucht, sich dem Werk als ein Stück Literatur zu nähern. Stimmige Zusammenfassung von Entstehungsgeschichte, Diskussionen um die Urherberschaft, Inhalt, Interpretation und Rezeption des Werkes.
Schlagworte
Geschichte, Werk
Arbeit zitieren
Mag. phil Simone Krainer (Autor), 2005, Die Geschichte der O - Die „Bibel des SM“ als literarisches Werk, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/73756

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