Die Universität Dillingen als Bollwerk der Gegenreformation


Hausarbeit, 2007

59 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Historische Rahmenbedingungen
1.1 Konfessionalisierung in den katholischen Territorien
1.2 Die Bildungsreform und die Expansion der Schriftlichkeit
1.3 Die deutsche Universitätslandschaft im konfessionellen Zeitalter

2 Intention und Gründungsmotive des Stifters
2.1 Die Universität als Prestigeobjekt
2.2 Intention und geographische Lage
2.3 Universität für die Hausmacht
2.4 Reorganisation der Priesterausbildung, Propaganda und Indoktrination

3 Entwicklung der Universitätim Überblick
3.1 Gründungsphase 1553 – 1610 (Kardinal von Waldburg)
3.2 Neuorientierung 1610-1740 (Bischof Heinrich von Knöringen)
3.3 Säkularisation 1740-1803 (Clemens Wenzeslaus, Johann Michael Sailer)
3.4 Ausblick: Nachgeschichte 1803-
3.4.1 Lyzeum mit akademischem Rang 1803-
3.4.2 Philosophisch-Theologische Hochschule der Augsburger Bischöfe 1923-
3.4.3 Eingliederung in die Universität Augsburg 1970/ Akademie für Lehrerfortbildung 1971/ Die ehemalige Universität heute: Akademie für Lehrerfortbildung und Personalführung

4 Dillingen das schwäbische Zentrum der Gegenreformation
4.1 Ausbildungsstätte von Klerus und Adel
4.2 Katholisches Bollwerk der Jesuiten
4.3 pionierhafter Sondercharakter

5 Anhang

6 Literaturverzeichnis
6.1 Weiter hinzugezogene Literatur

1 Historische Rahmenbedingungen

Historischer Ausgangspunkt ist das Zeitalter von Reformation und der Gegenreformation, also das Jahrhundert von circa 1550 bis 1648. Diese Zeit war eine Ära der kompletten Neugestaltung der geistigen Welt des Katholizismus und der kirchlichen Frömmigkeit.

In der ersten Hälfte des 16.Jahrhunderts kam es zu verschiedenen Kriegen zwischen Protestanten und Katholiken im deutschsprachigen Raum. Diese endeten in Deutschland 1555 mit dem Augsburger Religionsfrieden. Die errungene Lösung lag darin, dass der jeweilige Landesherrscher die Konfession seiner Untertanen bestimmte. Der Religionsfrieden sicherte den Frieden im Reich, welcher aber gleichzeitig die Konfessionalisierung zur Folge hatte. Dieser gesellschaftliche Vorgang bedeutete eine immer stärkere Abgrenzung und Verfestigung der drei Konfessionen Protestantentum, Katholizismus und Kalvinismus.

Die Konfessionalisierung veränderte das öffentliche und private Leben in Europa tiefgreifend und stabilisierte gleichzeitig die Herrschaft über ständische Eliten und Untertanen. Die in dieser Zeit neu entstehenden Orden - Theatiner, Oratorianer, Ursulinen, Jesuiten - wirkten als Instrumente der Gegenreformation. Deren Inhalte waren unter anderem die Neufassung der Dogmenlehre und der Sakramente, eine strengere Beachtung der Ordensregeln, Einrichtung von Priesterseminaren und die eidliche Verpflichtung des Klerus auf das tridentinische Glaubensbekenntnis. Ihre Ziele lagen in der Wiedergewinnung klarer theoretischer Normen, in Propaganda und Verhinderung von Gegenpropaganda. Weiter strebten sie eine Verinnerlichung ihrer Grundsätze durch Bildung und die Disziplinierung ihrer Anhänger an. Vor allem der Orden der Jesuiten leitete die katholische Konfessionalisierung ein. Die große Zäsur durch Reformation und Gegenreformation wäre ohne eine Beteiligung der Universität kaum möglich gewesen. Genau daran war die Dillinger Universität in sehr großem Maße beteiligt.

1.1 Konfessionalisierung in den katholischen Territorien

Nach 1550 breitete sich die evangelische Bewegung verstärkt in den katholischen Territorien aus. Die katholische Kirche wurde von der durch Luther ausgelösten Welle völlig überrannt. Die Ideen der Reformation breiteten sich wie ein Lauffeuer aus – die Bevölkerung strömte zum neuen Glauben, Reichsstädte und Fürsten gingen auf die Seite der Reformation über. Auch im Bistum Augsburg breitet sich die neue Lehre rasch aus. Das Heilige Römische Reich war im Begriff protestantisch zu werden. Diesem Prozess stellten sich zunächst die Häuser Wittelsbach und Habsburg entgegen, später dann auch die Bischöfe im Süden und Westen des Reiches. Die Gegner der Reformation wandten Mittel der Diplomatie an, aber beeinflussten auch durch staatliche Repression und intensive Mission. Es begannen Reformen in der Seelsorge. Aber eine wirkliche Klerusreform sahen die Verteidiger des alten Glaubens nur durch die Ausbildung neuer Priestergenerationen.

Die entscheidende Hilfe bei der Reform leisteten die Jesuiten. Als Vorkämpfer der Erneuerung des alten Glaubens gründeten sie die bedeutenden Kollegien in Wien, Ingolstadt, Köln, München, Innsbruck, Dillingen und Graz. 1618 überzogen Kollegien und Bildungsanstalten in unterschiedlicher Dichte die katholischen Regionen. Hier wurden Absolventen ausgebildet, deren Kenntnisse und Lebensführung dem kirchlichen Leben neuen Halt geben sollten. Ziel war es, eine neue Priestergeneration auszubilden. „Institutionell und inhaltlich bedeuteten die Reformation und die Formierung rivalisierender Kirchen (…)unvermeidlich eine Wiederverkirchlichung und damit auch eine Wiederbelebung scholastischer Wirtschaftsstrukturen.“[1] Ihre wichtigste Aufgabe lag in der Verbreitung und Reinhaltung des Glaubens und die Weitergabe der „erlaubten“ Wissenschaften. Die alte wie die neue Kirche versuchten gleichermaßen, einen möglichst unmittelbaren Einfluss auf die Universitäten zu nehmen. „Mittels Zensur, Aufsicht, Eidesformeln, durch inquisitionsverwandten Verfahren und weitere geistliche Mittel suchte man dies Ziel zu erreichen.“[2]

1.2 Die Bildungsreform und die Expansion der Schriftlichkeit

Die Universitätslandschaft nach 1550 zeichnet sich aus durch Expansion, Territorialität und Konfessionalität. „Die Universitäten (entwickelten) im Zeichen des Glaubenskampfes bald ein eigenes weiterführendes, ein nachhumanistisches Selbstverständnis. (…) in allen Konfessionen und überall in Europa wurde es nun das Ziel, die Studenten nicht nur zu fähigen kirchlichen und weltlichen Bediensteten heranzubilden, sondern zugleich zu Kämpfern des wahren Glaubens.“[3] Die reformatorische Bildungskrise zu Beginn des 16. Jahrhunderts wirkte sich auch auf die Universitäten aus. Die Anzahl der Immatrikulationen bis 1530 ging durch die Wirren der Reformation um zwei Drittel zurück. Durch die auf den Augsburger Religionsfrieden folgende Konfessionalisierung in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts wurden allerdings derart viele weiterführende Schulen und Universitäten gegründet, dass dies einer „Bildungsrevolution“ nahe kommt. „Das änderte nichts daran, dass insgesamt die Ausbildungssituation im katholischen Reich katastrophal war, befanden sich doch auch die Schulen in einer gleichermaßen desaströsen Lage. Vielerorts waren sie eingegangen, in Folge dessen fehlte es gravierend an Ausgebildeten, Priestern und Lehrern. Eine Reform und der Wiederaufbau des Bildungssystems waren also unabdingbar.“[4]

Im Geist des konfessionellen Zeitalters vollzog sich eine grundlegende Neuordnung des Universitäts- und Schulwesens. In den katholischen Territorien eröffneten die Jesuiten ab der Mitte des 16. Jahrhunderts leistungsfähige Gelehrtenschulen. Das Jesuitengymnasium beachtete die pädagogischen Grundsätze des Humanismus und lehrte die Schüler Latein und Griechisch, Philosophie nach Aristoteles und Theologie nach Thomas von Aquin.

Aber mindestens genauso bedrohlich erschien die Aussicht, dass der Katholizismus in Deutschland an personeller Auszehrung zugrunde gehen könnte. Daher hatten die Neugründungen das Ziel, professionellen Nachwuchs zuerst für den Kirchen-, dann für den Fürstendienst zu gewinnen. Um dem Theologen- und Pfarrermangel abzuhelfen, richteten die Territorien Stipendienstiftungen für ein. Die Universitäten bildeten vorwiegend Theologen aus, womit ihr konfessioneller Charakter vorgegeben war. „ Der Personalmangel der Kirche war der Hauptanstoß der katholischen Bildungsreform und seine Behebung ihr wichtigstes Ziel.“[5]

Der Bildungsexpansion folgte die Expansion des Druckmarktes. Mit dem Ausbau der Schulen hat sich die Anzahl der lesefähigen Bevölkerung innerhalb von siebzig Jahren nahezu verdoppelt. Die deutsche Sprache wurde standardisiert. Die Alphabetisierung erfasste vor allem die Städte. Orte des Buchdrucks blieben vor allem die Reichsstädte. Die wachsende Zahl an Büchern beeinflusste auch Rechts-, Wissens- und religiöse Kultur. Auch Luthers Thesen verbreiteten sich nicht zuletzt Dank des neuen Mediums rasch im ganzen Deutschen Reich und darüber hinaus. Die Menge an publizierter reformatorischer Streitliteratur verringerte sich in der Mitte des 16. Jahrhunderts, steigerte sich dann aber wieder, da nun auch die Katholiken den publizistischen Kampf mit Flugblättern, Bilddrucken und Liedern aufnahmen. „Dies hatte auch zur Folge, dass die in Augsburg 1547-1555 gedruckte Literatur vornehmlich geistlich-theologischen Charakters war, Kontroversliteratur wurde kaum gedruckt. Ingolstadt und Dillingen bedienten hier zum Schutz ihrer katholischen Territorien diesen Markt. In einer Zeit, in der die Kommunikation noch immer von einer oralen Kultur mitgeprägt wurde, die Schriftlichkeit nur einer dünnen Oberschicht als Kommunikationsmittel diente, waren Predigten als Transportmöglichkeit von Meinungen und als Instrument der Beeinflussung bzw. der Meinungsbildung von zentraler Wichtigkeit.“[6]

So hatte Herzog Albrecht V. von Bayern den Verkauf und Erwerb aller Druckerzeugnisse verboten, die nicht aus den geläufigeren katholischen Druckorten stammten. Diese Einschränkung hatte damit unweigerlich eine Öffnung gegenüber Frankreich, Spanien, Italien und den spanischen Niederlanden zur Folge, was sich natürlich auf die weitere kulturelle Entwicklung des katholischen Deutschlands unverwechselbar ausgewirkt hat.

1.3 Die deutsche Universitätslandschaft im konfessionellen Zeitalter

In der Frühen Neuzeit hatten die Universitäten ihr bisheriges Monopol für wissenschaftliche Erkenntnisse verloren. Die wirkliche Rolle der Universität der Frühen Neuzeit bestand in der Kulturvermittlung und darin leistete sie einen wesentlichen Beitrag. Die Zunahme neuer Universitäten in der Zeit der Reformation war unermesslich hoch. Die evangelische Reformation löste eine Welle von Hochschul- und Schulgründungen aus. An die Stelle wissenschaftlicher Ansätze eines gerade aufgekommenen Humanismus traten wieder kirchliche Kontrolle und Disziplinierung.

Seit der Mitte des 16. Jahrhunderts traten in den katholischen Territorien des Reiches die Jesuitenschulen ihren Siegeszug an. Nachdem in Köln 1544 die erste Jesuitenniederlassung auf deutschem Boden errichtet worden war, brachten die Kollegstiftungen der Habsburger und der Wittelsbacher einen ersten Durchbruch; seit den 1550er Jahren konzentrierten sich Neugründungen auf die Hochstifte. Diese mussten recht häufig gegen heftige Widerstände der Domkapitel durchgesetzt werden.

Die katholischen Neugründungen setzten sich von den protestantischen in Ansehung ihrer Fundatoren und ihres Zuschnitts deutlich ab. Die Mehrzahl der neuen Hochschulen ist geistlichen Landesherren zu verdanken.

Auf die frühe Gründung des Augsburger Bischofs Kardinal von Waldburg in Dillingen folgte eine hochstiftische „Gründungswelle“ im Zuge der Umsetzung des Konzils von Trient.

Die Universitäten der evangelischen Kirchentümer wie die Hochschulen aus dem katholischen Altbestand waren so genannte „vollständige“ Universitäten. Im Unterschied dazu wurden die „jungen“ katholischen Universitäten als „semiuniversitas“ gegründet. Diese boten lediglich die „facultas linguarum“ (Gymnasium) sowie die philosophischen und theologischen Studiengänge (facultas artium, theologiae). Ein vollständiger Ausbau, der auch in Dillingen geplant war, kam lediglich in Würzburg zustande. Die so genannten Jesuitenuniversitäten „verfügten meist nur über zwei Fakultäten, die artistische mit einem angegliederten Gymnasium und die theologische, so z.B. in Dillingen (1553), Graz (1586), Olmütz (1581) (…)Breslau (1648).“[7] Doch der Universitätsrang hing nicht von den Fakultäten sondern von den päpstlichen und kaiserlichen Privilegien ab.

An den Universitäten wurden so genannte „gestiftete Bursen“ errichtet, die armen Studenten, die sich zum Kirchendienst bereit erklärten, Unterkunft und Unterhalt boten. Diese kirchliche Bildungspolitik wollte so ein Heer von Seelsorgern fördern, das vor allem aus ärmeren Schichten stammte. Auf diese Weise wurde auch Nachwuchs aus dieser Bevölkerungsschicht gefördert. „Der gleiche Notstand, der bei den Protestanten zur Einrichtung des Stipendienwesens geführt hatte, gebar nun auf katholischer Seite die ‚Seminaridee’. Vieles sprach dafür, solche Institutionen der Nachwuchsförderung an den bestehenden Universitäten einzurichten.“[8]

Aber nicht nur einzelne Studenten bedurften finanzieller Hilfen, auch die Dillinger Hochschule selber musste ihre Kosten mit finanziellen Mitteln decken. „Das am 13. Mai daraufhin gefällte Urteil des Nuntius lautete dahin, dass das neue Kollegium zu seinem Unterhalt jährlich die Summe von 2250 Goldgulden bedürfe und ihm zur Aufbringung dieses Betrages außer anderem die Augsburger Klöster St. Nikolaus, St. Margareth und St.Martin (…) ‚eingegeben’ werden sollten; und dieser Spruch wurde von dem auf den Reichstag abgeordneten Nuntius Pighinus am 13.März 1551 beglaubigt und bestätigt.“[9]

Mit ihrem variablen Unterrichtsangebot hatten die Jesuiten im katholischen Reich für den gesamten Umfang der Gelehrtenschule vom Gymnasium über den philosophischen Kurs bis zur Priesterausbildung und zum Theologiestudium eine Vorrangstellung errungen. Ihr Bildungswesen konnte weitgehend unabhängig von landesherrlichen Einflüssen agieren. „Die Gründung des Collegium Romanum 1553 in Rom war ein frühes Zeichen katholischer Reformanstrengung. Damit einher ging der Ausbau jesuitischer Universitäten in den vom Protestantismus gefährdeten Ländern, insbesondere im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation. Universitäten wie Ingolstadt, Dillingen oder auch Wien wurden stilbildende Orte für den Orden, neben und zum Teil vor dem Collegium Romanum“[10]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Überall, wo die Jesuiten sich niederließen, schufen sie Bildungseinrichtungen. Die Jesuiten bestimmten die akademische Bildungslandschaft im katholischen Deutschland jener Epoche. „Dass die Societas Jesu unter dem Zwang der Umstände in die Rolle des katholischen Schulordens hineinwuchs, hatte für ihre Studienordnung keine größeren Änderungen zur Folge. Das bedeutet, dass die katholische Jugend in Deutschland (…) mehr als zwei Jahrhunderte lang nach einem Lehrplan unterrichtet wurde, dessen ursprüngliche Intention es war, die Ausbildung jesuitischer Ordenstheologen zu regeln.“ [11] Die Jesuiten gründeten Druckereien und Verlage; auch Mission, Predigt, Krankenpflege und Gefangenenfürsorge waren Felder jesuitischer Aktivitäten. Ein wichtiges Feld der Jesuiten war gemäß ihrem Gelübde die Bildung der Jugend. Der Erfolg des Ordens beruhte auf seinem straffen, zentralistischen Aufbau und der großen Mobilität sowie der Konzentration auf wenige Aufgaben. Charakteristisch für den jesuitischen Orden war die Verbindung von Seelsorge und Lehrtätigkeit. Die von den Jesuiten gegründeten Schulen und Universitäten sollten die Gewähr dafür bieten, dass kommende Generationen fest verwurzelt im katholischen Glauben heranwuchsen. Es kann ohne große Übertreibung festgestellt werden, dass der Jesuitenorden die altgläubige Universität rettete. Und solange humanistische und konfessionelle Ausrichtung Hand in Hand gingen, war die jesuitische Studienordnung konkurrenzfähig und erfolgreich. Im Laufe des 18. Jahrhunderts zeigte sich jedoch, dass die geschlossene jesuitische Bildungswelt für Neuerungen schwer zugänglich war. „In dem Moment, in dem die Vorherrschaft theologischen Denkens nicht mehr aktuell sein konnte, verloren die Patres den Anschluss an die geistige Entwicklung der Zeit.“ [12]

„Die Stärke der jesuitischen Schulordnung war zugleich, und zwar je länger, je mehr, ihre Schwäche. Nachdem sie den Lehrplan, die Unterrichtsmethode und den Bücherkanon in allen Einzelheiten vorschrieb, löste sie die Funktionsfähigkeit der Schulen von der persönlichen Qualität der Lehrkräfte weitgehend ab.“[13]

Die für die Ausbildung von Theologen bestimmte Studienordnung blieb unverändert. Daraus ergaben sich Divergenzen mit den Ausbildungs­vorstellungen der Landesherren und auch mit den allgemeinen gesell­schaftlichen Bildungsstandards. Ihr Programm war gekennzeichnet von großer Starrheit. „Die gute und erfolgreiche Organisation der Bildungslandschaft, die den Jesuiten im Reich gelang, war zugleich freilich ein Manko. Indem sie an ihrer Ausbildungsordnung beharrlich festhielten und ihr Ausbildungsziel der Ordenstheologe blieb, vermochten sie nicht auf die Wünsche einer sich wandelnden Umwelt einzugehen. Ihr standardisiertes Lehrprogramm und Lehrpersonal (…) erlaubte wenig Eigenständigkeit und war kaum innovativ, da es das nicht zu sein brauchte, und so entwickelte es sich nicht mit dem Zeitgeist fort. Bereits während des 17. Jahrhunderts erschien ihr Unterricht abgestanden und unzeitgemäß. Es kam nicht von ungefähr, dass (…) von den 212 Dillinger Professoren des Ordens zwischen 1563 und 1773 nur 144 literarisch hervortraten.“[14]

2 Intention und Gründungsmotive des Stifters

Die Bildungsinstitutionen dienten in der Frühen Neuzeit der Konsolidierung des verdichteten Staates. Sie spielten eine Hauptrolle bei der kirchlichen Integration besonders der Führungsschichten. Nach der Glaubensspaltung sind zuerst in den protestantischen Gebieten aus kirchlichen Motiven Universitäten gegründet worden. Im katholischen Bereich zogen etwas später die geistlichen Territorien unter den Universitätsgründern nun um der Selbsterhaltung willen gleich. Im frühmodernen Konfessionsstaat belegen diese Hochschulgründungen einen Funktionsgewinn der Bildungsinstitutionen.

„Insgesamt lässt sich beobachten, dass Reformen, Neuerungen, Lebensfähigkeit immer von den Landesherren angestoßen und garantiert werden mussten. Selbst wenn die Universitäten ihrerseits die Initiative ergriffen, bedurfte es dieser Voraussetzung.“[15]

Nach dem Augsburger Religionsfrieden (1555) spitzen sich die konfessionellen Auseinandersetzungen zu. Um das von den Wirren der Reformation unheilvoll erschütterte, in seinem Fortbestand gefährdete Bistum Augsburg zu retten und wieder auf die Höhe zu bringen, wusste der junge Kardinal von Waldburg kein heilsameres Mittel als eine Universität, an der ein neues, brauchbares Geschlecht von Seelsorgern herangebildet werden konnte. Für diese Hochschule gab es für ihn keinen passenderen Platz als die Kleinstadt Dillingen.

Er plante bereits bei seinem Regierungsantritt 1543 die Gründung einer Institution zur Ausbildung des Diözesanklerus, in der Hoffnung, die 200 bereits reformierten Pfarreien zurück zu gewinnen und in jedem Fall die 800 katholischen zu erhalten. Die Schule sollte eine Stütze der wankenden Kirche in Deutschland werden. Der Kardinal hatte große Hoffnungen an die Schule geknüpft und erwarteten von deren Zöglingen eine „Stärkung der katholischen Kirche und Vermehrung ihrer Glorie“[16].

Ziel und Zweck der Universität war es auch, der römischen Kirche im Konfessionsstreit eine kraftvolle Stimme zu verschaffen. Damit unterstützte Kardinal von Waldburg die kirchenpolitischen Pläne Kaiser Karls V. im Reich. Nach dessen Sieg gegen das Bündnis protestantischer Landesfürsten im Schmalkaldischen Krieg (1546/47) sah der Kardinal die Notwendigkeit für die Gründung einer Hochschule. Diese war seit Martin Luthers Erscheinen die erste Neugründung einer katholischen Universität, die in Deutschland stattfand. „Diese erste Stiftung der Gegenreformation erhielt aktuelle bildungspolitische Aufgaben ‚ad fidei orthodoxae propagationem’[17] als Alternative zur reformierten Nachbaruniversität Tübingen und in Spannung zum Rat in Augsburg, der 1537 katholische Traditionen aus der Reichsstadt verbannt hatte.“[18]

Die Aufgabengebiete der 1549 gegründeten Universität lagen in der Ausbildung des Pfarrernachwuchses und des katholischen Adels in Schwaben und im restlichen Süddeutschland. Sie diente, wie viele andere Hohen Schulen ihrer Zeit der Ausbildung von Theologen und juristischer Staatsdiener. Der Sondercharakter wird hier bereits erkennbar in der Begründung der Stiftung als Werkzeug der wahren Kirche bei ihrem Kampf gegen die Unterdrückung durch die Häresie. Kardinal von Waldburg legte damit als einziger Bischof in Deutschland Protest ein gegen die Abmachung des Augsburger Religionsfriedens, die den Übergang zahlreicher Besitzungen der Kirche in die Hände der Fürsten besiegelte. Er zeigte hiermit aber auch, dass er es nicht bei bloßen Worten belassen wollte. In jedem Fall wurde der gesamte Betrieb der Theologischen Fakultät auf die Bekämpfung der Ketzerei und die Festigung der Papstkirche umgestellt.

2.1 Die Universität als Prestigeobjekt

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

„Landesfürstliches Prestigedenken spielte neben religionspolitischen Motiven (…), aber ebenso auch bei den bischöflichen Gründungen eine Rolle“[19] Auch Kardinal von Waldburg war viel an einem prestigeträchtigen Hochschulstandort gelegen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Sein Ziel war es, zur Ausbildung des Klerus und zum Schutz des katholischen Glaubens eine Anstalt zur Verfügung zu stellen, welche durch die Tugend und die Gewissenhaftigkeit ihrer Kursteilnehmer, die Nachlässigkeit der Moral ausgleichen sollte, die in anderen Universitäten von Süddeutschland vorherrschte. Mit diesem Ziel vor Augen stellte er spezielle Richtlinien für Studium und Religionsausübung auf und veranlasste, dass jeder Student einen Eid abzuleisten hatte, sich an diese Regeln zu halten.

Nicht nur für die bischöfliche Residenz sondern auch für die Stadt selber wurde die neue Hochschule zum Gewinn. Die Universität begründete keinesfalls nur Dillingens Ansehen weitum im Land, sie leitete der Stadt auch erhebliche wirtschaftliche Vorteile zu. Von den Studenten war nur ein Teil, vornehmlich der für den geistlichen Stand bestimmte, in dem von den Jesuiten geleiteten Konvikt in Dillingen untergebracht. Ein großer Teil war auf Herberge und Verköstigung bei Familien in der Stadt angewiesen. Auch wenn diese Studenten oft nicht wohlhabend waren und keine großen Ausgaben machen konnten, trugen sie dennoch zur Einkommensaufbesserung der Dillinger Bürger bei.

Auch das kulturelle Leben der Stadt genoss durch die Universität so manchen Vorteil. Um die Hochschule und ihre manchmal berühmten Professoren kennen zu lernen, kamen häufig Persönlichkeiten hohen Ranges nach Dillingen. Zu den Festlichkeiten der Universität, vor allem zu ihren großen Theaterveranstaltungen, strömte die Umgebung zahlreich in die Stadt. Dabei blieb immer Geld in den heimischen Kassen, bei den zahlreichen Wirten wohl der größte Anteil.

2.2 Intention und geographische Lage

Als Gründer waren in der Regel Landesherren tätig. Dadurch erscheinen die Hochschulen in der Neuzeit noch eindeutiger als staatliche Einrichtungen, auch wenn diese sich nach wie vor um das päpstliche Gründungsprivileg bemühten.

Auch die Gründung der Dillinger Hochschule im Zuge der Gegenreformation fällt hier nicht aus dem Rahmen. Deren Träger war zwar der Bischof, dieser agierte aber in seiner Eigenschaft als weltlicher Kirchenfürst. Diese Bindung an den jeweiligen Landesherren zog eine umfassende Territorialisierung der Hochschulen mit sich. „Kirchliche Anstalten, also solche der Bischöfe existierten im Allgemeinen nicht. Einige Territorialfürsten (…) versuchten daher ihrerseits Kollegien oder seminaria für den Priesternachwuchs einzurichten. Die Gründung einer Art Priesterseminars 1550 in Dillingen durch den Augsburger Bischof Otto von Truchseß verfolgte das gleiche Ziel. Obwohl es im folgenden Jahr bereits zur Universität erhoben wurde, reüssierte es anfänglich ebenso wenig wie die landesherrlichen Einrichtungen.“[20]

Die Wahl der Stadt Dillingen für das geplante Kollegium geschah nicht ohne Grund. Augsburg kam als Standort für diese Hochschule nicht in Betracht, nachdem der dortige Stadtmagistrat und auch das Domkapitel kaum dafür zu gewinnen waren; außerdem war die dortige Bevölkerung zu 90% protestantisch und diesem Vorhaben sicherlich nicht gewogen. Als Standort für die neue Universität war die bischöfliche Residenzstadt Dillingen ideal. Das kleine Städtchen gehörte zu jenem Typus der frühneuzeitlichen Stadt, der von einem ausgeprägten Bevölkerungswachstum gekennzeichnet war.

Prägend auf die wirtschaftliche und soziale Entwicklung der Kleinstadt wirkten vor allem die Präsenz von Residenz, städtischen Klöstern und später eben der Universität. „Die ökonomische Macht etwa der großen schwäbischen Reichsstädte ereichte Dillingen als fürstbischöfliche Landstadt nie.“[21]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Dillingen gehörte den Bischöfen von Augsburg; hier waren sie souveräne Herren. Die schwäbische Stadt wurde seit dem 13.Jahrhundert allmählich neben Augsburg ständige Residenz der Bischöfe. „Dillingen verdankt seinen Aufstieg an der Wende vom 15. zum 16.Jahrhundert dem reichen Augsburg. Dillingens allmähliche Erhebung zum Mittelpunkt des ostschwäbischen Bistums ist nämlich eine indirekte Folge der wachsenden Wirtschaftskraft einzelner Bürger und Patrizier in der alten Reichsstadt Augsburg[22]

Auch war Dillingen Sitz der weltlichen Regierung und der höchsten Stellen des Hochstifts. Zudem lag der kleine Ort genug weit weg von Augsburg und außerhalb der Reichweite dort vorherrschenden Protestantismus. Dillingen lag im östlichen Schwaben sehr verkehrsgünstig und der Kardinal persönlich weilte sehr gerne in diesem Städtchen. „Als Platz der neuen Schule empfahl sich Dillingen noch besonders durch seine damals geringe Ausdehnung, seine Stille und seine Lage in fruchtbarer und freundlicher Gegend. ‚In meae dictionis amaenissimo saluberrimoque oppido Dilinga’[23], schrieb Otto 1548 Oktober 11 an Papst Paul III, ‚will ich ein scholasticum literariumque collegium’[24] errichten.“[25]

Weiterhin war die Bevölkerung in dieser Zeit auch der Meinung, dass Schulen und andere Lehranstalten ihren Sitz besser in kleineren Städten haben sollten, da in jenen das Leben noch unverdorbener wäre und die jungen Menschen weniger von ihren Zielen und Sitten abzubringen wären.

Während sich die Reformation in vielen schwäbischen und fränkischen Territorien und Reichsstädten durchsetzte, war die Residenzstadt des Augsburger Bischofs Dillingen katholisch zuverlässig. Der schwäbische Ort lag in der Frühen Neuzeit in einem Territorium, das von dem streng katholischen und extrem gegenreformatorisch ausgerichteten Kardinal von Waldburg regiert wurde – vergleichbar mit der Lage von Ingolstadt und Innsbruck. Hier nahm der Fürstbischof Kardinal Otto Truchseß von Waldburg sein kirchliches Reformwerk in Angriff, das vor allem im Bereich der Bildungspolitik zum Vorzeigeobjekt werden sollte.[26]

Die Idee lag darin, mit der neuen Hochschule in Dillingen im schwäbischen Raum ein Gegengewicht vor allem zur 1534 auf die reformatorische Seite übergetretene Universität Tübingen zu bilden. Die Universität sicherte der Stadt für Jahrhunderte eine geistige Vorrangstellung im weiten Umkreis. Zudem traf die Gründung im hochstiftischen Residenzort im „Zeitalter der Konfessionalisierung“ auf eine neue Herausforderung, da gerade in Schwaben der rigorose Einschnitt durch die Reformation den Verlust der gymnasialen Grundbildung an die protestantischen Reichstädte nach sich zog und deshalb kompensiert werden musste.

Die fürstbischöfliche Residenz und die jesuitische Universität beherrschten die geschichtliche Entwicklung und das kulturelle Leben Dillingens bis ins späte 18. Jahrhundert hinein.

[...]


[1] Weber 2002 S.75

[2] Hammerstein in: Rüegg 1996 S.136

[3] Hammerstein in: Rüegg 1996 S.108

[4] Hammerstein 2003 S.36

[5] Seifert in: Hammerstein 1996 S.315

[6] Wallenta 2003 S.75

[7] Hammerstein 2003 S.42

[8] Hammerstein 2003 S.37

[9] Roth 1911,S.336

[10] Hammerstein in: Rüegg 1996 S.108

[11] Seifert in: Hammerstein 1996 S.317

[12] Hammerstein 2003 S.42

[13] Seifert in: Hammerstein 1996 S.331

[14] Hammerstein 2003 S.42

[15] Hammerstein in: Rüegg 1996 S.136

[16] Roth 1911, S.336

[17] Anm.d.Verf.: zur Verbreitung des rechten Glaubens

[18] Boehm 1983 S.102

[19] Seifert in: Hammerstein 1996 S.325

[20] Hammerstein 2003 S.37

[21] Wüst in: Kießling 1999 S.427

[22] Immenkötter in: Kießling 1999 S.43

[23] Anm.d.Verf.: in Dillingen, der lieblichsten und heilsamsten Stadt

[24] Anm.d.Verf.: ein Kolleg für Scholastik und Wissenschaften

[25] Zoepfl 1969 S.295

[26] nach Zoepfl 1969

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Details

Titel
Die Universität Dillingen als Bollwerk der Gegenreformation
Hochschule
FernUniversität Hagen  (Historisches Institut)
Veranstaltung
Vormoderne: Alteuropa als Gegenwelt und Traditionszusammenhang
Autor
Jahr
2007
Seiten
59
Katalognummer
V74142
ISBN (eBook)
9783638845977
ISBN (Buch)
9783638844888
Dateigröße
1567 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Universität, Dillingen, Bollwerk, Gegenreformation, Vormoderne, Alteuropa, Gegenwelt, Traditionszusammenhang, Augsburg, Religionsfrieden, Ingolstadt, Reformation, Sailer, Luther, Waldburg, Stadion, Akademie, Kirche, Renaissance, Frühe Neuzeit
Arbeit zitieren
Felicitas Söhner (Autor), 2007, Die Universität Dillingen als Bollwerk der Gegenreformation, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/74142

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