Anfang des 20. Jh, im Jahre 1930, schrieb Jorge Luis Borges über einen Dichter aus dem Stadtviertel Palermo von Buenos Aires. Er ist selbst dort aufgewachsen, wenige Straßen von diesem Dichter entfernt . Die Rede ist von Evaristo Carriego . Im Buch, welches den Namen des Dichters trägt, erwartet uns allerdings weniger eine Biographie des Carriego. Einige biographische Daten sind zwar im Kapitel II zu lesen, aber der Umfang der restlichen nicht-biographischen Kapitel könnte die Bezeichnung „Biographie“ nicht rechtfertigen. Wenn mensch weiter liest, stößt er auf viele kritische Anmerkungen über Carriegos Werk und Wesen, wie auch auf Interpretationen seiner Gedichte. Wir könnten also meinen, es handelt sich um eine kritische Auseinandersetzung mit dem Dichter und seiner Lyrik. Das wäre aber meines Erachtens eine oberflächliche Feststellung. Meine These ist, dass Borges´ Evaristo Carriego ein Modell der alternativen Nationalgeschichtsschreibung vorschlägt beziehungsweise ist. Diese These könnte auch indirekt durch die üblichen Beschreibungen des Buches gestützt werden.
Insbesondere in der Neubearbeitung von 1955 beinhaltet das Werk viele Elemente, welche diese These unterstützen. Das ist der Grund, warum es auch sehr interessant ist, über dieses Werk Borges´ zu forschen. Als erstes seiner Prosawerke ist diese Essaysammlung für die Borges- Forschung von Bedeutung, denn wir finden hier schon viele seiner in späteren Werken wieder aufgegriffenen Theme. Besonders interessant sind seine hinzugefügten Fußnoten und Erklärungen über sein früheres Denken und Schreiben. Borges scheint ein Schriftsteller zu sein, welcher sein Geschriebenes ständig unter die Lupe nimmt, weiter schreibt, umschreibt und kritisiert.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitende Thesen und Fragen
2. Analyse
2.1 Vorstellung der Recherche
2.2 Das Stadtviertel Palermo und die Konstruktion einer Stadtgeschichte
2.3 Die Konstruktion des (Anti-)Helden
2.4 Der identitätsstiftende Beitrag der Zeit
2.5 Die Konstruktion einer Mythologie
3. Schlussfolgerungen
4. Bibliographie und Quellenhinweise
4.1 Primärliteratur
4.2 Sekundärliteratur
4.2.1. Druckausgaben
4.2.2 Online-Recherche
5. Anhang
Anhang 1
Anhang 2
Anhang 3
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht Jorge Luis Borges' Werk "Evaristo Carriego" als eine Form der alternativen Nationalgeschichtsschreibung, die durch die Dekonstruktion traditioneller Heldengeschichten eine neue argentinische Identität entwirft. Die zentrale Forschungsfrage befasst sich mit der subtilen Konstruktion des "argentinischen Antihelden" und deren Einfluss auf das Bewusstsein des Lesers.
- Analyse von Borges' Essayistik als Instrument der Identitätskonstruktion.
- Untersuchung der Bedeutung des Stadtviertels Palermo für die Geschichtserzählung.
- Erforschung der Konzepte von Zeit und Mythologie in der argentinischen Identitätsbildung.
- Kritische Auseinandersetzung mit postkolonialen Aspekten und der Rolle von Nationalhelden.
- Betrachtung von Borges' Methodik zur Dekonstruktion von "unantastbaren Wahrheiten".
Auszug aus dem Buch
2.2 Das Stadtviertel Palermo und die Konstruktion einer Stadtgeschichte
Bereits im Vorwort von Borges´ Evaristo Carriego erklärt der Schriftsteller seine Absichten: es geht ihm um eine Geschichte von Palermo, die imaginativ sein kann und sogar ein Palermo beschreiben kann, welches es vielleicht nie gegeben hat.
¿Qué habia, mientras tanto, del otro lado de la verja con lanzas? ¿Qué destinos vernáculos y violentos fueron cumpliéndose a unos pasos de mí en el turbio almacén o en el azaroso baldío? ¿Cómo fue aquel Palermo o cómo hubiera sido hermoso que fuera? A esas preguntas quiso contestar este libro, menos documental que imaginativo.
Es geht Borges nicht nur um eine Beschreibung sondern um eine Verschönerung, wobei er uns anfangs nicht erklärt, was schön ist. Immer wieder im Verlaufe seiner Essays gibt er uns Hinweise, was ein schönes Palermo/ Argentinien sein könnte. Das ist jedenfalls, so viel können wir festhalten, ein authentisches. Was authentisch ist, ist natürlich die nächste Frage. Er versucht diese Frage nicht selbst zu beantworten, sondern verweist auf Quellen. Seine Hauptquelle fürs authentische Palermo ist Carriegos Dichtung, die Dichtung seines Nachbars und Freundes seines Vaters. Typisch ist diese Borgesche Art der Aufführung von literarischen Quellen, welche wie historische Dokumente behandelt werden. Wenn er aber nur so verfahren würde, wäre er wahrscheinlich nicht sonderlich glaubwürdig. Borges scheint über eine Art Genialität in der Konstruktion seiner Geschichte anhand der erwähnten Quellen zu verfügen. Er kritisiert nämlich die Quellen, er zweifelt an ihrer Historizität und Glaubwürdigkeit, er stellt sie bloß als manipulative Werke der Geschichte. So ist das Verb „modificar“ im nächsten Passus deutlich als „verdrehen“ und nicht als „verändern“ zu verstehen. Die negative Bedeutung wird aus dem Kontext des Verbs „impone“ hergeleitet.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitende Thesen und Fragen: Einführung in das Werk von Borges und Darlegung der These, dass das Buch ein Modell der alternativen Nationalgeschichtsschreibung darstellt.
2. Analyse: Untersuchung von Borges' Erzählweise, dem Einfluss des Stadtviertels Palermo und der Konstruktion einer neuen, zirkularen Zeit sowie einer eigenen Mythologie.
3. Schlussfolgerungen: Fazit zur postmodernen Prägung des Werkes und dem Beitrag von Borges zur Definition einer argentinischen Identität jenseits klassischer Heldenkonzepte.
4. Bibliographie und Quellenhinweise: Auflistung der verwendeten Primär- und Sekundärliteratur sowie der genutzten Online-Ressourcen.
5. Anhang: Bereitstellung von biographischen Daten zu Borges und Carriego, Kartenmaterial zum Stadtviertel sowie ein Handout zum Referat.
Schlüsselwörter
Jorge Luis Borges, Evaristo Carriego, Argentinien, Nationalidentität, Antiheld, Palermo, Mythologie, Geschichtsschreibung, Postmoderne, Postkolonialismus, Criollismo, Identitätsbildung, Literaturwissenschaft, Stadtgeschichte, Zeitkonstruktion.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht, wie Jorge Luis Borges in seinem Werk "Evaristo Carriego" durch eine dekonstruktive literarische Herangehensweise das Bild des traditionellen argentinischen Nationalhelden hinterfragt und ein alternatives Identitätsmodell entwirft.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen umfassen die Konstruktion nationaler Identität, die Bedeutung lokaler Topographien wie Palermo, die Rolle der zirkularen Zeit in der Geschichtsschreibung sowie die Entstehung von Mythen innerhalb der argentinischen Literatur.
Welches primäre Ziel verfolgt die Arbeit?
Das primäre Ziel ist es aufzuzeigen, wie Borges durch seine essayistische Auseinandersetzung mit dem Dichter Carriego eine Bewusstseinsveränderung beim Leser anregt, um eine "neue", vom Postkolonialismus geprägte argentinische Identität zu fördern.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird ein postmoderner analytischer Ansatz gewählt, der die "Dekonstruktion" von Texten und Mythen in den Vordergrund stellt und Borges' Quellenarbeit kritisch würdigt.
Welche Aspekte werden im Hauptteil besonders behandelt?
Im Hauptteil liegt der Fokus auf der Analyse der Rechercheergebnisse, der städtebaulichen und historischen Konstruktion Palermos als Schauplatz, der Entwicklung der Antihelden-Figur sowie der philosophischen Behandlung von Zeitkonzepten.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Die Arbeit lässt sich primär durch Begriffe wie "Identitätsentwurf", "Nationalheld", "Dekonstruktion", "Postmoderne", "Evaristo Carriego" und "Borges" charakterisieren.
Wie unterscheidet sich Borges' Geschichtsverständnis von traditionellen Konzepten des 19. Jahrhunderts?
Während im 19. Jahrhundert oft eine lineare, homogene und lückenlose Geschichtsschreibung zur Nationenbildung genutzt wurde, setzt Borges auf eine zirkulare, fiktiv-imaginative und prozesshafte Darstellung der Vergangenheit.
Welche Rolle spielt der Begriff des "Antihelden" in dieser Arbeit?
Der Antiheld fungiert als Identifikationsfigur für den "gewöhnlichen" Argentinier, der sich nicht mit glorifizierten militärischen Nationalhelden identifizieren möchte, sondern in den Figuren der Compadritos oder des einfachen Volkes eine authentischere Repräsentation findet.
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- Eleni Andrianopulu (Author), 2004, Die Dekonstruktion des Nationalhelden in Borges' Evaristo Carriego, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/74569