Edward Burnett Tylor: Evolutionismus - Animismus


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007

26 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Edward Burnett Tylor
2.1. Vita
2.2. Werk

III. Tylors evolutionstheoretischer Ansatz
3.1. Tylors Stufenmodell
3.2. Survivals
3.3. Kritische Anmerkungen zur Evolutionstheorie Tylors

IV. Animismus nach Tylor
4.1. Die Seelentheorie nach Tylor
4.2. Die Weiterentwicklung zum Götterglauben nach Tylor
4.3. Die Hauptformen der barbarischen Gottesverehrung
4.4. Kritische Anmerkungen zur Animismustheorie Tylors

V. Schlusswort

VI. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Das 19. Jahrhundert war die Epoche der Industrialisierung, des Imperialismus und damit verbunden der Hinwendung zum Materialismus und der Abwendung vom Idealismus. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts gewann der evolutionistische Ansatz bei der Untersuchung außer-europäischer Gesellschaftsformen endgültig Oberhand.[1] Die wirtschaftliche Entwicklung war in allen Bereichen hauptsächlich durch zwei Grundsätze geprägt. Dem Prinzip der Entwicklungslehre und dem der positiven Methode. Diese positive Methode ist ein Phänomen der Neuzeit. Die entsprechenden Arbeitsweisen hierzu, wie z. B. die historische Textkritik, die Vergleichsmethode aber auch Experimente mit methodischer Durchführung entwickelte sich erst Ende des 18. Jahrhunderts und Anfang des 19. Jahrhunderts. Auch die Religionswissenschaft konnte sich dieser Methoden nicht verwehren. Neue Kulturregionen fielen in den Blickpunkt des wissenschaftlichen Interesses. Auch die Erforschung der so genannten „primitiven Völker“ erhielt rege Beachtung. Es entstand eine Fülle von positivem wissenschaftlichem Material, anhand dessen man die positiven Methoden in der Religionsforschung prüfen konnte.

Das Entwicklungsprinzip bewährte sich zuerst in der Biologie. Danach unter dessen Einflussnahme in der Ethnologie. In diesem wissenschaftlichen Bereich entstand durch positive Tatsachen, wie z. B. der systematische Überblick über die verschiedenen Kulturen, die Annahme, dass sich die heutige Kultur der Völker aus den niederen Anfängen ganz langsam ausgebildet hat. Weiterhin war hier bedeutsam, dass die Volkskunde innerhalb der Kulturvölker Überreste altertümlicherer Kulturgeschichte entdeckt hat. Die prähistorische Forschung schien dies durch die Annahme, dass die Kulturvölker einst auf der Stufe der Naturvölker gestanden haben, zu unterzeichnen.[2] Die englischen Anthropologen leisteten ihre Arbeit unter dem bestimmenden Einfluss beider Prinzipien. Zu ihnen gehörte auch Edward Burnett Tylor. Er hat das System des Animismus entwickelt. Er arbeitete dabei auf der Basis einer vergleichenden Methode unter Einbezug von ethnologischen Einzelheiten und Evolutionsgedanken. In seinem Hauptwerk „Primitive Culture“ untersucht er den Seelenglauben der Menschen, hauptsächlich den der Naturvölker.[3] Diese Hausarbeit soll sich mit eben dieser Seelentheorie von Tylor beschäftigen. Sie soll der Frage nachgehen was Animismus überhaupt ist. Und wie sich diese bei den Naturvölkern darstellt und wie Tylor dessen Entwicklung betrachtet. Zur Beantwortung soll eine Auseinandersetzung mit Tylors Ausführungen die Basis darstellen. Ebenso sollen die Schwachstellen an Tylors Theorie aufgezeigt werden.

II. Edward Burnett Tylor

2.1. Vita

Edward Burnett Tylor, geboren am 2. Oktober 1832, erblickte diese Welt, als die industrielle Entwicklung und somit der technische Fortschritt bereits ihren Siegeszug in England angetreten hatte. Er wuchs also in einer Zeit heran in der er in eigener Erfahrung erleben sollte, wie schnell sich die Zivilisation entwickeln kann. Er kannte als fünfter Spross eines begüterten Eigentümers einer Messinggießerei schon früh die technischen fortschrittlichen Erneuerungen dieser Zeit. Er erlebte nicht nur eine Wandlung des alltäglichen Wahrnehmungsvermögens, sondern auch, dass die Geschichte der Erde, und mit ihr die der Geschöpfe und des Menschengeschlechts nun auf eine andere Art betrachtet und empfunden wird. Charles Darwin erntete mit seiner Evolutionstheorie große Aufmerksamkeit und Charles Lyell erarbeitete eine chronologische Erdformation, die sich auf damals unbegreiflichen ausgedehnten Perioden stützte.[4] Zu einer religiösen Minorität, den Quäkern, gehörend, blieb ihm eine universitäre Ausbildung versagt. Da es zu der Zeit notwendig war, der anglikanischen Kirche anzugehören, um ein entsprechendes Studium an einer staatskirchlichen Universität zu absolvieren. So stieg Tylor, nachdem er seine Schulbildung in einer kleinen Quäker-Schule in Tottenham abgeschlossen hatte, im Alter von sechzehn Jahren in den Betrieb seines Vaters ein. Auch durch diese Prägung der Religion auf ihn, hatte er kein Interesse an derselben und sein handeln war nie religiös geprägt. Im Gegenteil, er war der Ansicht, dass die Wissenschaft die Religion im Laufe der Zeit unwiderruflich überwinden würde. Sein Wissen musste er sich ausschließlich selbstständig aneignen. So ist es nicht verwundernd, dass er auch selbst Feldforschung betrieb. Nach ein paar Jahren Arbeit in der Messinggießerei, unternahm er aus gesundheitlichen Motiven eine länger dauernde Reise nach Amerika. Dabei lernt er in Havanna den Archäologen und Geschäftsmann Henry Christy kennen. Tylor wird 1856 dessen Begleiter auf einer mehrmonatigen archäologischen Forschungsreise nach Mexiko. Hier machte er aus eigener Erfahrung mit einigen der Kulturen Bekanntschaft, die später so intensiv seine Aufmerksamkeit innehatte. 1858 heiratete er Anna Fox. Seitdem führte Tylor anscheinend ein freies Dasein eines Privatgelehrten. In dieser Zeit studierte er nachhaltig die vorhandenen Literatur von prähistorischen Untersuchungen, archäologischen, kulturgeschichtlichen, sprachwissenschaftlichen und mythologische Abhandlungen, sowie ethnografische Reisebeschreibungen. Seitdem das britische Universitätswesen ab 1870 erneuert worden war und die anglikanische Kirche ihren Einfluss verloren hatte, konnten auch Dozenten wie Tylor, die nicht Mitglieder der Staatskirche waren, an großen Universitäten lehren. Tylor wurde so 1883 durch die Schenkung von Pitt-Rivers ethnografischer Sammlung an die Universität von Oxford mit zwei anthropologischen Vorlesungen beauftragt, nachdem der erste Versuch Anthropologie als Lehrfach zu etablieren in Cambridge erfolglos war und er 1871 in die Royal Society aufgenommen wurde.[5] Noch 1883 übernahm er das Amt des Kustos des Pitt-Rivers-Museum. Ein Jahr später wurde ihm auch das Amt eines Readers in Anthropology übertragen. 1896 wurde er zum Professor ernannt. Tylor war der erste Ethnologe, der an einer britischen Universität Anthropologie lehrte. Nachdem er 1909 in den Ruhestand ging, wurde er 1912 für seine wissenschaftlichen Leistungen in den Adelsstand aufgenommen. Edward Burnett Tylor verstarb am 02. Januar 1917 mit vierundachtzig Jahren in Wellington.[6]

2.2. Werk

Seine erste Veröffentlichung, „Anahuac: or Mexico and the Mexicans, Ancient and Modern“, schrieb Tylor 1861 nach seiner Rückkehr von der Expedition in Mexiko mit Henry Christy. Er beschäftigte sich hiernach ausgiebig mit der vorhandenen Literatur über die Geschichte Mexikos. Seine Recherchen und seine individuellen Reflexionen seiner Reise flossen hier ein. 1865 folgte sein erstes großes wissenschaftliches Werk: „Researches into the Early History of Mankind and the Development of Civilization.“ Sechs Jahre später, 1871, veröffentlicht er das Werk, wodurch er endlich berühmt wurde und den Rang eines der bestimmenden britischen Ethnologen seiner Zeit erwarb. Nämlich die aus zwei Bänden bestehende Arbeit über die „Primitive Culture. Researches into the Development of Mythology, Philosophy, Religion, Language, Art, and Custom.“ Tylor wurde durch diese Arbeit endlich berühmt und erlangte den Rang einer der bestimmenden britischen Ethnologen seiner Zeit. Seine letzte umfassende Abhandlung veröffentlichte Tylor 1881 unter dem Titel „ Anthropology. An Introduction to the Study of Man and Civilization.“. Daneben veröffentlichte er zwischen 1869 bis 1898 zahlreiche Aufsätze.[7] Ihm ist es zu verdanken, dass das Studium der schriftlosen Gesellschaften außerhalb Europas den Status einer akademischen Disziplin bekam, die auch universitär verankert ist. Durch ihn konnte ab 1905 Anthropologie als ein eigenständiges Fach studiert werden.[8]

III. Tylors evolutionstheoretischer Ansatz

Tylor wagte sich mit seinen vergleichenden Untersuchungen auf ein Areal, in dem eine Entwicklung von simplen zu vielschichtigen Formen nicht immer eindeutig belegbar war. Nämlich das Gebiet der Kultur, das alle Fähigkeiten und Gewohnheiten – auch für Tylor – umfasst. Er geht von einer autonomen Entwicklung der gleichartigen Kulturzüge an unterschiedlichen Zeiten und Orten aus. Diese Entwicklung führt Tylor auf die Tatsache zurück, dass der menschliche Geist unter gleichen Bedingungen auch Gleiches hervorbringt. Er widerspricht somit den damals gängigen Rassentheorien. Denn laut Tylor ist die Menschheit als eine natürliche Homogenität zu betrachten. Die Unterschiede in der Zivilisation sind auf eine unterschiedliche Entwicklung als auf eine unterschiedliche Rasse zurück zu führen. Somit hatten äußerliche Unterschiede für ihn keinen Einfluss auf die Entwicklungsstufen.[9] Laut Tylor entfaltete sich die Zivilisation ausgehend von einer niederen Stufe kontinuierlich zu einer höheren Stufe. D. h. dass die heutige Zivilisation Resultat einer stufenweisen Entwicklung aus früheren, weniger vollendeteren und einfacheren Verhältnissen ist. Keine Stufe erscheint willkürlich, sondern resultiert aus einer früheren Stufe.[10] Er ist sich sicher, dass entwickelten Verbesserung kontinuierlich weiter übernommen worden und dass diese Entwicklung trotz mehrfachen Rückschritten und Stillständen andauernd fort gegangen ist. Dabei geht diese Entwicklung laut Tylor bis in die prähistorische Zeit zurück. Denn für Tylor hätte der Fundus der prähistorischen Archäologie die stetige Entwicklung erwiesen.[11] So lassen sich nach Tylor drei Hauptstufen der Lebensart des Menschen unterscheiden. Die Stufe der Zivilisation, die der Barbarei und die Stufe der Wildheit.

3.1. Tylors Stufenmodell

Der Mensch der sich auf der Stufe der Wildheit befindet, lebt von wilden Tieren und Pflanzen. Er kennt weder den Ackerbau, noch die Haltung und Unterhaltung von Nutztieren. Dieser so genannte Wilde ist laut Tylor nur in tropischen Wäldern sesshaft, da er hier in kleinen Sippen stets dieselben Überfülle an Nahrung in einer Gegend vorfindet. In weniger wärmeren und weniger ergiebigeren Regionen muss der Wilde stets eine wandernde Lebensweise führen, um zu überleben, da sich in diesen Regionen die Nahrungsmenge bald aufgezehrt hat. Um ihre groben Arbeitsgeräte herzustellen, gebrauchen sie natürliche Materialien, wie z. B. Knochen und Steine, die sie eben fertig in der Natur vorfinden. Sie können jedoch andere natürliche Rohstoffe, wie z. B. die Erze nicht weiter verarbeiten. Sie gehören demzufolge der Epoche der Steinzeit an.

Der Barbar hingegen betreibt Ackerbau und sammelt somit bewusst Nahrungsvorräte an. Dieser Typus ist fest, in Dörfer und Städten, angesiegelt. Infolge dessen sieht Tylor die verbesserte Entwicklung der Sitten, Wissenschaften, Künste und der öffentlichen Einrichtungen. Zu dieser Gruppe zählen auch Hirtenvölker, da sie, trotzdem sie nicht sesshaft sind, von ihren Herden leben. Für Tylor entspricht dieser Typus der Metallzeit, trotzdem einige barbarische Völker ausschließlich, wie wilde Völker, Steinwerkzeuge benutzten. Die Entwicklung und Beherrschung der Schrift ist für Tylor ein Indiz, dass die Stufe der Zivilisation erreicht ist. Denn die Schrift stellt, dadurch dass sie die Historie und mit ihren die Religion, die Gesetze und das Wissen für die Nachwelt festhält, für die Zukunft und die Vergangenheit die Verbindung für eine kontinuierliche „...Kette intellectuellen und moralischen Fortschritts...“[12] dar. Durch diese drei Stufen hindurch, hat sich die Zivilisation, so Tylor, entwickelt. Tylor sieht auch zur gleichen Zeit alle drei Stufen verkörpert, wobei die Europäer hier die Zivilisierten, die Einwohner Neuseelands die Barbaren und die in den Wäldern Brasiliens Lebende die Wilden sind.[13] Aber er sagt auch, dass dort wo nun eine zivilisierte Kultur herrscht, auch einst eine barbarische und wilde Kultur vorherrschend war.[14] Für Tylor ist es jedoch schwierig Aussagen über den Ursprung der Menschheit bzw. wie lange der Mensch die Erde schon bevölkert zu treffen. Er bemängelt, dass sich dies mit den damaligen Erkenntnissen nicht beurteilen ließe. Aber er muss bereits in der ältesten Steinzeit, aufgrund der archäologischen Funde, gelebt haben.[15] Tylor benutzte dieses Modell jedoch deutlich sorgfältiger als andere Evolutionisten. Er vermied es diese drei Stadien gewissen Gesellschaften zuzuschreiben. Da es ja für Tylor auch noch Relikte des unzivilisierten Denkens in den zivilisierten Kulturen gab.[16]

[...]


[1] Vgl. Karl-Heinz Kohl: Edward Burnett Tylor, in: Axel Michaelis (Hg.): Klassiker der Religionswissenschaft.

Von Friedrich Schleiermacher bis Micea Eliade, München 1997, S. 47.

[2] Vgl. Josef Pascher: Der Seelenbegriff im Animismus Edward Burnett Tylors. Ein Beitrag zur

Religionswissenschaft, Würzburg 1929, S. 1 f.

[3] Vgl. Pascher: Der Seelenbegriff im Animismus Edward Burnett Tylors, Würzburg 1929, S. 2 f.

[4] Vgl. Kohl: Edward Burnett Tylor, in: Michaelis (Hg.): Klassiker der Religionswissenschaft,

München 1997, S. 40 ff.

[5] Vgl. ebenda, S. 45 f.

[6] Vgl. ebd., S. 47.

[7] Vgl. ebd., S. 45 ff.

[8] Vgl. ebd., S. 56.

[9] Vgl. ebd., S. 48 f.

[10] Vgl. Edward B. Tylor: Einleitung in das Studium der Anthropologie und Civilisation, Braunschweig 1883,

S. 26ff.

[11] Vgl. Kohl: Edward Burnett Tylor in: Michaelis (Hg.): Klassiker der Religionswissenschaft, München 1997,

S. 49.

[12] Tylor: Einleitung in das Studium der Anthropologie und Civilisation, Braunschweig 1883, S. 31.

[13] Vgl. ebd., S. 30 ff.

[14] Vgl. ebd., S. 31.

[15] Vgl. ebd., S. 38.

[16] Vgl. Kohl: Edward Burnett Tylor in: Michaelis (Hg.): Klassiker der Religionswissenschaft, München 1997,

S. 56.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Edward Burnett Tylor: Evolutionismus - Animismus
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Religionswissenschaft)
Veranstaltung
Hauptseminar: Religionsethnologie. Geschichte, Konzepte, Methoden
Note
1,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
26
Katalognummer
V76131
ISBN (eBook)
9783638798365
ISBN (Buch)
9783638803359
Dateigröße
443 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Edward, Burnett, Tylor, Evolutionismus, Animismus, Hauptseminar, Religionsethnologie, Geschichte, Konzepte, Methoden
Arbeit zitieren
Kathrin Weiß (Autor), 2007, Edward Burnett Tylor: Evolutionismus - Animismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/76131

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