Die Erzählung "Die schönsten Sagen vom Räuber Woynok" von Anna Seghers

Ein Beitrag zur Realismus/Expressionismus - Debatte?


Hausarbeit, 2006
16 Seiten, Note: 1.0

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung: Die Realismus/Expressionismus – Debatte

2. Die schönsten Sagen vom Räuber Woynok
2.1 Die Sagen im Kontext von Seghers Exilwerk
2.2 Handlung und Figuren
2.3 Die Motive und das Mittel des Erzählens
2.4 Das Vorwort und die Kunstthematik

3. Schluss: Die ‚Sagen’ als Seghers Beitrag zur Debatte und ein Ausblick auf Späteres

4. Literaturliste

1. Einleitung: Die Realismus/Expressionismus – Debatte

Die Machtübernahme der Nationalsozialisten in Deutschland veranlasste Anna Seghers und viele andere antifaschistische Schriftsteller und Intellektuelle 1933 ins Ausland zu emigrieren. Im Ausland versuchten Schriftsteller wie Becher, Brecht und Seghers von Beginn an die intellektuellen Kräfte des Exils zu bündeln, gemeinsame Ziele zu definieren und Aktionen zu starten. Sie wollten so eine breite Koalition gegen Hitler schmieden, der nicht nur Kommunisten sondern auch andere antifaschistischen Kräfte angehören sollten. Sie entwickelten hier schon einen Gedanken für den kulturellen Bereich[1], wie er dann 1935 auf dem VII. Kongress der Komintern als Volksfrontgedanke zur politischen Losung im Kampf gegen Faschismus und Nationalsozialismus wurde[2].

War man sich unter den antifaschistischen Schriftstellern einig, dass ihre Arbeiten Waffen im Kampf gegen Faschismus und Nationalsozialismus sein sollten, so gab es doch Diskussionen darüber, wie eine marxistische Kunst beschaffen sein müsse, um das zu leisten. Schon seit dem Ende der Weimarer Republik wanderten die Diskussionen linker Intellektueller um die Themen Erbe, Tradition und Realismus in der marxistischen Kunst. Eine dieser öffentlich geführten Diskussionen war die Realismus/Expressionismus - Debatte (vgl. Romero 2000 S.308).

Die Debatte begann mit zwei Aufsätzen von Klaus Mann und Gottfried Kurella[3] in der in Moskau erscheinenden volksfrontnahen Zeitschrift Das Wort im September 1937 und galt 1938 als beendet. Sie wurde vor allem zwischen Georg Lukács auf der einen Seite und Ernst Bloch, Bertolt Brecht sowie Anna Seghers auf der anderen Seite geführt. Es ging dabei vorrangig um die Definierung eines Realismusbegriffes und um die Methoden, mit der der Künstler die Wirklichkeit darzustellen habe. Im Speziellen wurde darüber diskutiert, in wie weit der Expressionismus bzw. Techniken des Expressionismus einen Platz in der marxistischen Kunst hätten[4]. Während Lukács die Wirklichkeit im Sinne des Realismusbegriffs des 19. Jahrhunderts als etwas Zusammenhängendes, Ganzes sah, bei dem es nur schwarz oder weiß, gut oder schlecht, richtig oder falsch geben könne und er den Expressionismus für den ‚dekadenten’ Wegbereiter des Faschismus hielt, setzte sich Bloch bereits 1935 beim Schriftstellerkongress in Paris mit seinem Beitrag Marxismus und Dichtung für „eine offene, dialektische Haltung zur literarischen Tradition“ (Romero 2000 S. 308) ein. Er hob ebenso den Wert des Expressionismus mit seinen Techniken (z.B. die Montagetechnik, Simultantechnik) als auch „[…] den Wert des Poetischen und der Trauminhalte für die marxistische und revolutionäre Literatur […]“ (Romero 2000 S.311) hervor.

Dieser Beitrag und das Zusammentreffen mit verschiedenen Schriftstellerkollegen auf dem Kongress veranlassten Seghers sich wieder mehr als zum Ende der Weimarer Republik mit Märchen und Sagen in ihrem eigenen Werk zu beschäftigen (vgl. ebd. 311). Genau wie Brecht und Bloch trat Seghers für Fülle und Farbigkeit und für Vielfalt der künstlerischen Methoden in der Literatur ein (vgl. Koh 2005 S.63). In dieser Ansicht spiegelt sich das, was Seghers selbst „die zwei Linien“ in ihrem Werk nannte. Zum einen nutzte sie Farbigkeit der Märchen und Sagen zum anderen erzählte sie das, was sie in der Wirklichkeit bewegte und setzte so auf eine Verbindung von „realistischer und märchenhaft – phantastischer Schreibweise“[5] (vgl. Romero 2000 S.311). In ihren Briefen an Lukács im September 1938 und Februar 1939[6] setzt sich Seghers kritisch mit dessen Realismusauffassung und seiner Auffassung über die künstlerische Methodik auseinander. Er meinte, dass die Wirklichkeit als Ganzes zu sehen sei und die Realität nicht durch einen zerstückelnden, zerbrechenden und montierenden Stil dargestellt werden könne. Ähnlich wie Brecht, der meinte, dass neue Probleme und Realitäten neue Mittel der Bewusstmachung benötigten (vgl. Koh 2005 S.63), sah sie in allen Stilbrüchen und Experimenten der Kunst sowie in jedem künstlerischen Werk eine „Tendenz zur Bewusstmachung von Wirklichkeit“[7]. Diese Stilbrüche und Experimente seien häufig die Folgen von Schockwirkungen, die aus Krisensituationen von Künstlern resultierten. Der Künstler könne die neue Wirklichkeit nicht in seiner Ganzheit erfassen, was ihn zu Experimenten und Stilbrüchen bei der Bewusstmachung der Wirklichkeit führe. Das hätte wiederum Fülle und Farbigkeit in der Kunst zur Folge (vgl. Koh 2005 S.63).

Wie die Briefe von Seghers an Lukács oder der Schriftstellerkongress 1935 in Paris zeigen, wurden die Themen der Debatte erheblich länger diskutiert als nur zwischen 1937 und 1938.

Mehr noch als diese schon nach dem Höhepunkt der Realismus/Expressionismus - Debatte erschienen Briefe, könnten im Exil entstandene Romane, Geschichten und Erzählungen von Seghers auf die Debatte verweisen. Koh vermutet, dass die 1936 entstandene und 1938 in der Zeitschrift Das Wort veröffentlichte Erzählung Die schönsten Sagen vom Räuber Woynok eine literarische Antwort auf die Debatte sein könnten (vgl. Koh 2005 S.65). Ich möchte in dieser Arbeit diese Vermutung aufgreifen und ohne dabei den Anspruch zu erheben, diese vielschichtig interpretierbare Erzählung vollständig ausgedeutet zu haben, untersuchen, inwiefern die Erzählung sich auf die Realismus/Expressionismus – Debatte beziehen könnte.

2. Die schönsten Sagen vom Räuber Woynok

2.1 Die Sagen im Kontext von Seghers Exilwerk

Seghers Zeit der Emigration von 1933 bis 1947 war geprägt vom Volksfrongedanken, dem gemeinsamen Kampf gegen den Faschismus, von Debatten und Treffen unter gleich gesinnten Kollegen. In diesem Umfeld wurde Seghers Schreibweise und ihre Einstellung zur Kunst besonders weiterentwickelt und geprägt (vgl. Romero 2000 S.282). Die Periode des Exils war in ihrem vielfältigen Schaffen eine äußerst produktive. Neben publizistischen und essayistischen Texten entstanden in dieser Zeit eine Vielzahl von Erzählungen, Romanen und auch Hörspiele. Abgesehen von der 1924 erschienenen Erzählung Die Toten auf der Insel Djal ist Seghers Prosa der Zeit der Weimarer Republik und der ersten Jahre des Exils geprägt vom Schreiben über realistische Themen. Beispielhaft hierfür sind Romane und Erzählungen wie Die Gefährten, Der Kopflohn, Der letzte Weg des Kohlmann Wallisch, Der weg durch den Februar oder Die Rettung. Erst mit der 1936 entstandenen und 1938 in Das Wort erstmals veröffentlichten Erzählung Die schönsten Sagen vom Räuber Woynok, die gefolgt wird von Erzählungen wie Sagen von Artemis, Reise ins elfte Reich oder Die drei Bäume, findet sie wieder zum mythisch – phantastischen Thema ihrer ersten Erzählung zurück. Hinzu kommen Texte wie der Roman Das siebte Kreuz in dem realistische Themen aus Hitlerdeutschland mit biblischen – mythischen Motiven durchsetzt sind. Seghers Prosa jener Zeit liefert eine Fülle von erzählerischen Formen. Doch unwichtig welche Form des Erzählens sie wählt, egal ob sie die Struktur des Montageromans, der Simultantechnik oder der Reportage nutzt, sich der Verfahren des realistischen europäischen Gesellschaftsromans bedient, expressionistische Sujets wie die moderne Großstadt gebraucht oder Sagen und Mythen verarbeitet, neu gestaltet oder erfindet, immer versucht sie mit diesen vielschichtigen Mitteln eine „höchstmögliche Annäherung an die Realität zu erreichen“(Hilzinger 2000 S.78).

[...]


[1] Vgl. Romero, C. Z.. Anna Seghers : eine Biographie 1900 - 1947. Berlin: Aufbau-Verlag.2000. S.181

[2] Vgl. Beutin, Wolfgang: Deutsche Literaturgeschichte. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Stuttgart: Metzler 1992. S.405

[3] Klaus Mann: Gottfried Benn: Die Geschichte einer Verwirrung und Alfred Kurella: Nun ist dies Erbe zu Ende

[4] Koh, M.-I.: Mythos und Erzählen im Werk von Anna Seghers. Würzburg: Königshausen & Neumann. 2005. S.63-64

[5] Hilzinger, S.: Anna Seghers. Stuttgart: Reclam 2000. S.33

[6] Der Briefwechsel wurde 1939 in der deutschsprachigen Moskauer Literaturzeitschrift Internationale Literatur veröffentlicht (vgl. Koh 2005 S. 63)

[7] Vgl. Anna Seghers: Über Kunstwerk und Wirklichkeit Bd.1. Bearb. und eingel. von Sigrid Bock. Berlin: Aufbau Verlag 1970 (Deutsche Bibliothek) S. 179

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Details

Titel
Die Erzählung "Die schönsten Sagen vom Räuber Woynok" von Anna Seghers
Untertitel
Ein Beitrag zur Realismus/Expressionismus - Debatte?
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg  (Germanistisches Institut)
Veranstaltung
Anna Seghers: Phantastische, legendenhafte und mythische Erzählungen
Note
1.0
Autor
Jahr
2006
Seiten
16
Katalognummer
V76357
ISBN (eBook)
9783638805056
ISBN (Buch)
9783640463091
Dateigröße
439 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Erzählung, Sagen, Räuber, Woynok, Anna, Seghers, Phantastische, Erzählungen
Arbeit zitieren
Heiko Moschner (Autor), 2006, Die Erzählung "Die schönsten Sagen vom Räuber Woynok" von Anna Seghers, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/76357

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