Einem Erbauer eines jüdischen Sakralbaus sind architektonisch viele Freiheiten gegeben, da es nur wenige Vorschriften für den Bau einer Synagoge gibt. Das erklärt, warum sich typische Baustile in diesem Bereich nicht über Jahrhunderte hinweg gehalten haben: die Architektur von Synagogen ist abhängig von ihrem zeitgenössischen Umfeld und damit stets im Wandel begriffen.
Eine solche architektonische Wende ist im ausklingenden 18. Jahrhundert zu verzeichnen. Die allgemeine Einführung eines klassizistischen Baustils in Deutschland hatte auch Auswirkungen auf den Synagogenbau im Speziellen. Hier wurde radikal mit jüdischen Traditionen gebrochen, die sich zuvor über mehrere Jahrhunderte im 17. und 18. Jahrhundert gehalten hatten.
Wie ist dies zu erklären?
Und, wurde mit den vermehrt baulichen Veränderungen dieser Zeit ein bestimmter Zweck verfolgt?
Ein herausragendes und einmaliges Beispiel architektonischer Neulösungen stellt die Wörlitzer Synagoge im heutigen Sachsen-Anhalt dar. Der Bruch mit einem klassischen rechteckigen Grundriss und der räumlichen Verbindung von Gebetsraum mit Ritualbad (Mikwe) machen das Gebäude zu einem interessanten Forschungsobjekt. Es gilt, zu untersuchen, ob diesen Veränderungen tiefgreifendere Beweggründe unterliegen, als einzig die Ausnutzung gestalterischer Freiheiten des Architekten. Daraus ergibt sich auch die Frage, inwieweit liturgische Anforderungen der Innengestaltung dem jüdischen Gottesdienst dann noch entsprechen können.
Das im Wintersemester 2006/2007 an der Universität Greifswald angebotene Seminar »Jüdischer Ritus und Synagogenarchitektur«, in dessen Rahmen die vorliegende Arbeit entstanden ist, gibt Anlass, diese Thematik näher zu betrachten.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Historischer Hintergrund und Entstehungsgeschichte der Wörlitzer Synagoge im 18. Jh.
3 Architektur und Ritus der Wörlitzer Synagoge
3.1. Architektonische Besonderheiten
3.1.1. Rundbau
3.1.2. Mikwe
3.2. Rituelle Regelmäßigkeiten
4 Vom »Judentempel« zum »Vesta-Tempel« – Die Synagoge im Wandel der Zeit
4.1. Zeit des Dritten Reiches
4.2. Restaurierung und Nutzung des Baus nach 1945
5 Fazit
6 Anhang
6.1. Literaturverzeichnis
6.2. Abbildungen
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Wörlitzer Synagoge als herausragendes und einmaliges Beispiel architektonischer Neulösungen im 18. Jahrhundert. Dabei wird der Frage nachgegangen, ob der Bruch mit klassischen, rechteckigen Grundrissen und die räumliche Verbindung mit einer Mikwe tieferliegenden Beweggründen unterliegt als nur der Ausnutzung gestalterischer Freiheiten, und inwieweit die architektonische Umsetzung den liturgischen Anforderungen des jüdischen Gottesdienstes gerecht werden konnte.
- Historische Einbettung der Wörlitzer jüdischen Gemeinschaft in Anhalt-Dessau.
- Analyse der architektonischen Besonderheiten, insbesondere des Rundbaus und der unterirdischen Mikwe.
- Untersuchung ritueller Regelmäßigkeiten und deren Vereinbarkeit mit dem architektonischen Konzept.
- Reflektion über die Synagoge im Wandel der Zeit, von ihrer Rolle als „Reform-Tempel“ bis zur Zerstörung und späteren Restaurierung.
Auszug aus dem Buch
3.1.1. Rundbau
Als Vorbild für die Synagoge diente der kreisrunde »Vesta-Tempel« auf dem Forum Boarium in Rom, den es auch heute noch gibt. In zeitgenössischer Literatur werden für den Wörlitzer Bau daher zwei Bezeichnungen verwendet: »Judentempel«, da er von Beginn an als jüdisches Gebetshaus geplant war, und »Vesta-Tempel« aufgrund des Originals. Erdmannsdorff und der Fürst kannten den römischen Tempel, der als ältestes erhaltenes römisches Marmorgebäude gilt, von Gemälden und Besichtigungen vor Ort. Die Gemeinsamkeiten beider Gebäude sind nicht von der Hand zu weisen: Der Bau in Wörlitz ist ein verputzter Sandsteinbau, kreisrund, und mit 12 toskanischen Pilastern geschmückt.
Der Architekt erlebte den Bau in Italien seiner Zeit mit 20 Stützen, die ursprünglich einmal freistanden und Säulen bildeten. Aufgrund baulicher Veränderungen im Mittelalter waren die Zwischenräume der Säulen vermauert worden, sodass Pilaster entstanden und das Gebäude zylindrisch wurde. Die Intercolumnien wurden zudem mit Fenstern ausgestattet, die auch in dem anhaltischen Ort der Beleuchtung des Innenraums dienen. Das hölzerne Kegeldach, das den originalen Vesta-Tempel gedrungen erscheinen lässt, wird hier durch ein mit Fenstern versehenes Laternendach aufgelockert. Eine Treppe aus Naturstein macht es möglich, die Synagoge von der Stadtseite her beidseitig zu begehen. Hier fallen sofort die zwei Türen ins Auge, die sich links und rechts der Nord-Süd-Achse befinden. Sie machen auf die getrennten Eingänge für Männer und Frauen der jüdischen Gemeinde aufmerksam.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Dieses Kapitel führt in die Thematik ein und begründet die Relevanz der Wörlitzer Synagoge als Forschungsobjekt innerhalb der Synagogenarchitektur.
2 Historischer Hintergrund und Entstehungsgeschichte der Wörlitzer Synagoge im 18. Jh.: Hier wird der historische Kontext der jüdischen Gemeinschaft in Anhalt-Dessau unter der Toleranzpolitik von Fürst Franz beleuchtet.
3 Architektur und Ritus der Wörlitzer Synagoge: Dieses Kapitel analysiert die spezifische Architektur des Rundbaus und der Mikwe sowie deren Einbindung in die jüdische Liturgie.
4 Vom »Judentempel« zum »Vesta-Tempel« – Die Synagoge im Wandel der Zeit: Der Abschnitt thematisiert die Geschichte des Gebäudes während des Dritten Reiches sowie die spätere Restaurierung und heutige museale Nutzung.
5 Fazit: Das Fazit fasst die Bedeutung der Wörlitzer Synagoge als architektonische und kulturelle Symbiose aus Aufklärung und jüdischer Tradition zusammen.
6 Anhang: Dieser Teil umfasst das Literaturverzeichnis sowie eine Zusammenstellung aller verwendeten Abbildungen.
Schlüsselwörter
Wörlitzer Synagoge, Fürst Franz, Architektur, Synagogenarchitektur, 18. Jahrhundert, Aufklärung, Jüdischer Ritus, Vesta-Tempel, Mikwe, Anhalt-Dessau, Friedrich Wilhelm von Erdmannsdorff, Reformjudentum, Sakralbau, Toleranzpolitik, Kulturerbe.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der besonderen architektonischen Gestaltung der Wörlitzer Synagoge im 18. Jahrhundert und deren Rolle im Kontext der Aufklärung und jüdischer Riten.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die frühklassizistische Architektur, die tolerante Politik des Fürsten Leopold III. Franz von Anhalt-Dessau sowie die Verbindung zwischen jüdischen Traditionen und modernen, ästhetischen Entwürfen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die Beweggründe für den für Synagogen ungewöhnlichen Rundbau zu verstehen und zu prüfen, ob die Architektur den funktionalen und rituellen Anforderungen des jüdischen Gottesdienstes entsprach.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer fundierten Literaturanalyse zur jüdischen Geschichte und Synagogenarchitektur in Anhalt sowie der Auswertung historischer Quellen und Bildmaterialien.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt den historischen Entstehungshintergrund, die architektonischen Besonderheiten (wie den Rundbau und die Mikwe), rituelle Anforderungen und die wechselvolle Geschichte des Baus bis zur modernen Restaurierung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Wörlitzer Synagoge, Architektur, Aufklärung, jüdischer Ritus, Rundbau, Mikwe und Anhalt-Dessau.
Welche Rolle spielte der "Toleranzblick" in der Konzeption der Synagoge?
Der Toleranzblick bezeichnet eine bewusst angelegte Sichtachse, die die Synagoge in Bezug zur evangelischen Kirche setzt und den aufgeklärten Geist der Anlage sowie die Gleichstellung der Glaubensrichtungen symbolisiert.
Wie wurde die Synagoge in der Zeit des Dritten Reiches behandelt?
Die Synagoge wurde in »Vesta-Tempel« umbenannt, ihr Inventar entfernt und das Gebäude entweiht, um es aus dem kollektiven Gedächtnis der Stadt zu tilgen.
- Quote paper
- Anne Waldow (Author), 2007, Die Wörlitzer Synagoge - zwischen architektonischer Einmaligkeit und rituellen Traditionen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/76750