George F. Kennans "Langes Telegramm" und seine Bedeutung für die frühe Phase des Kalten Krieges


Seminararbeit, 2005
31 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. George F. Kennan

III. Historischer Kontext: Sicherheitspolitisches Engagement der USA in Europa 1946-

IV. Das „Lange Telegramm“
1. Entstehung
2. Inhalt
3. Wirkung und Kritik

V. Der X-Artikel: „The Sources of Soviet Conduct“
1. Entstehung
2. Inhalt
3. Wirkung und Kritik

VI. “The Wise Men”

VII. Schlussbetrachtung

VII. Literaturverzeichnis:

Internet :

I. Einleitung

Kennan came as close to authoring the diplomatic doctrine of his era as any diplomat in our history”, sagte Henry Kissinger über einen der bedeutendsten Männer amerikanischer Nachkriegsgeschichte.[1] Sicherlich mag er damit Recht haben. George Frost Kennan, bekannt als der „Vater der Containment-Politik“ und berühmt durch sein „Langes Telegramm“, beinahe berüchtigt durch seinen Aufsehen erregenden „X-Article“ in Foreign Affairs, war einer der maßgeblichen Planer und Berater der amerikanischen Außenpolitik.

Diese Arbeit möchte sich nun, nach einem Blick auf Kennans Biographie, vor allem mit den Entwicklungen in der frühen Phase des Kalten Krieges und hier insbesondere mit Kennans „Langem Telegramm“ und dem „X-Artikel“ als zentrale Dokumente der amerikanischen Außenpolitik befassen.

Nach einem kurzen Überblick über den historischen Kontext, hier mit besonderem Augenmerk auf das sicherheitspolitische Engagement der USA in Europa von 1946-1949, soll zunächst der Entstehungsrahmen des Langen Telegramms aufgezeigt werden, um dann seinen Inhalt einer genaueren Untersuchung zu unterziehen. Anschließend werden Wirkung und Kritik dieses Dokumentes eine zentrale Rolle spielen. Im Folgenden wird dann auch der X-Artikel als Folge des Langen Telegramms unter den Aspekten von Entstehung, Inhalt, Wirkung und Kritik betrachtet werden. Weiterhin soll der dort konstatierte „Containment-Begriff“, der zum Schlagwort der Truman-Doktrin wurde, einer kritischen Untersuchung unterzogen werden.

Abschließend soll noch das Zusammenwirken der profiliertesten (außen-)politischen Berater unter Harry S. Truman näher betrachtet werden, um Kennans Position im Kreis dieser führenden sechs Freunde, auch als „The Wise Men“ bekannt, eingehender herauszuarbeiten.

Hierbei muss die Arbeit sich aufgrund des begrenzten Umfangs auf die frühe Phase des Kalten Krieges beschränken und kann nur einen Einblick in einen ausgewählten Teil der Entscheidungs- und Entwicklungsprozesse der amerikanischen Außenpolitik geben. Nichtsdestotrotz gelingt es hoffentlich zumindest die tragende Rolle George F. Kennans zu verdeutlichen und die fundamentalen Auswirkungen die das Lange Telegramm und der X-Artikel auf die amerikanische Politik und ihre außenpolitische Strategie hatten.

II. George F. Kennan

Der 1904 in Milwaukee, Wisconsin geborene George F. Kennan, besuchte zunächst die Internatsschule der St. Johns Military Academy, bevor er 1921 zum Studium nach Princeton wechselte. Dort, als aus der Mittelschicht stammender „hoffnungslos ungehobelter Mittelwestler“, fand er nie wirklich Zugang zu seinen reichen Kommilitonen aus dem Osten. In seinen Memoiren hält er fest: „Ich wandelte durch Princeton in heiliger Einfalt, immer unter den Letzten jeder Reihe, ewig uneingeweiht, wenige kennend, von wenigen gekannt. Persönliche Schwächen, Hochmut, Überempfindlichkeit, die trotzige Ablehnung guten Zuspruchs und eine wahre Gier nach schlechter Behandlung, die mich, wenigstens in meiner eigenen Sicht, des Mitgefühls umso würdiger machen sollte, all das trug zu meinem Unbehagen bei.“[2] 1925 bewarb er sich für den Auswärtigen Dienst, über den er schreibt: „Ich hatte mich für die Bewerbung hauptsächlich darum entschieden, weil ich nicht recht wusste, was ich sonst tun sollte.“[3] Den Sommer 1926 verbringt er in Heidelberg, Berlin und Bansin, liest Johann Wolfgang von Goethe und Oswald Spengler, um sein Deutsch zu verbessern, das er bei einem sechsmonatigen Aufenthalt mit seiner Stiefmutter in Kassel 1921 gelernt hat. Nachdem er sieben Monate an der Foreign Service School in Washington D.C. verbracht hat, wird er zunächst in Genf und dann in Hamburg eingesetzt. Dort gelangt er zu der Einsicht, „dass ich bislang schandbar gleichgültig am Leben vorbeigelaufen war, dass ich viel versäumt hatte und dass meine Bildung aus unbefriedigendem Stückwerk bestand. Nach einigen weiteren Monaten war ich überzeugt, ich müsse vor allem meine Kenntnisse vervollkommnen und zu diesem Zweck auf die Universität zurückkehren.“[4] Ein Ausscheiden aus dem Diplomatischen Dienst ist hierfür jedoch nicht notwendig, da das State Department 1928 seinen Beamten die Möglichkeit bietet, für drei Jahre an die Universität zurückzukehren, wenn sie sich zu Fachleuten für Arabisch, Russisch, Chinesisch oder Japanisch ausbilden lassen. Kennan nutzt diese Chance und wird ins Baltikum versetzt. Danach arbeitet er als Vizekonsul in Tallinn und nimmt dort Privatunterricht in Russisch. Nach einjährigem Studium in Berlin erwirbt er das Übersetzerdiplom und widmet sich 1930/31 dem Studium der russischen Geschichte. In Berlin lernt er die Norwegerin Annelise Soerensen kennen, die er bereits im September in Kristiansand heiratet. Von 1931-1933 ist Kennan im Russlandreferat in Riga tätig, wo er zum Fachmann für Wirtschaftfragen avanciert. Die folgenden vier Jahre verbringt er in Moskau und dort die Stalinistischen Säuberungen miterlebt. 1937 kehrt er nach Washington zurück und arbeitet im Russlandreferat des Außenministeriums. Kurz vor Kriegsbeginn wird er nach Prag versetzt und erlebt den Einmarsch deutscher Truppen. Kennan wechselt an die Botschaft in Berlin, unterhält dort ab 1940 Beziehungen zu Helmut James Graf von Moltke, einem Vertreter des militärischen Widerstandes und wird anschließend zusammen mit weiteren 130 Diplomaten und Journalisten zunächst in Bad Nauheim interniert. Im Austausch gegen eine Gruppe Deutscher gelangt Kennan nach Lissabon, wo er zwischen dem Ministerpräsidenten Dr. Antonio de Oliveira Salazar und Präsident Franklin D. Roosevelt eine Mittlerfunktion übernimmt, um die Azoren für die amerikanische Armee als Zwischenstopp für die Landung in der Normandie nutzen zu können. 1944 wird er als Botschaftsrat und politischer Berater nach London versetzt, bevor er noch im selben Jahr wieder nach Moskau zurückkehrt und dort unter Botschafter Averell Harriman bis 1946 die zivile Abteilung betreut. In ebendiesem Jahr, am 22. Februar, verfasst er sein, den Memoiren und der Geschichtsschreibung zufolge 8000 Worte, in der Tat nur 5540 Worte, umfassendes „Langes Telegramm“, auf das im folgenden noch näher einzugehen sein wird.

Anschließend wird er an die Nationale Kriegsakademie in Washington versetzt und wird schließlich 1947 zum Chef des policy planning staff (PPS) ernannt. Kennan beschäftigt sich mit einem Plan zum Wiederaufbau Europas (ERP-European Recovery Program), der am 5. Juni 1947 von General Marshall in einer Rede an der Universität Harvard vorgestellt wird und unter seinem Namen als Marshallplan in die Geschichte eingehen sollte.

Berühmt wurde Kennan jedoch vor allem durch einen Artikel, der in der Zeitschrift Foreign Affairs Ende Juni 1947 erschien. Obwohl der Aufsatz unter dem Pseudonym „X“ veröffentlicht wurde, wurde die Autorschaft rasch publik und der dort erwähnte Begriff der „Eindämmung“ (containment) wurde in Bezug zur kurz zuvor veröffentlichten Truman Doktrin gesetzt und zu deren Kern erhoben. Die einzelnen Inhalte und Auswirkungen dieses bedeutenden Aufsatzes werden im Folgenden noch genauer zu untersuchen sein.

1952 wird Kennan zum amerikanischen Botschafter in der Sowjetunion ernannt, doch bereits im Oktober wieder abberufen, da er die Sowjetunion mit Nazi-Deutschland verglichen hatte.[5]

Nachdem er 1953 aus dem Staatsdienst ausscheidet, betätigt er sich ab 1954 als Professor in Princeton und Schriftsteller. 1957 erhält er den Pulitzerpreis und 1982 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Als er am 17. März 2005 in Princeton mit 101 Jahren stirbt, hinterlässt er eine große Zahl bedeutender Schriften, allen voran seine Memoiren, die einen interessanten Einblick in das Leben dieses bedeutenden Diplomaten ermöglichen.[6]

III. Historischer Kontext: Sicherheitspolitisches Engagement der USA in Europa 1946-1949

Im Zweiten Weltkrieg kämpften die USA, England und die Sowjetunion gemeinsam gegen das nationalsozialistisch regierte Deutschland. Gemeinsames Interesse, spätestens seit dem deutschen Angriff auf Russland war die Niederwerfung Deutschlands. Dies setzte jedoch eine enge Zusammenarbeit der „Großen Drei“ voraus. Im Januar 1943, auf der Konferenz von Casablanca, beschlossen Präsident Franklin D. Roosevelt und der britische Premierminister Winston Churchill bis zur bedingungslosen Kapitulation (unconditional surrender) der Achsenmächte weiterzukämpfen. Im Winter 1943 gelang es dann schließlich auch Josef Stalin zu einem Treffen in Teheran zu bewegen, bei dem sich die Alliierten auf eine enge Zusammenarbeit einigten und eine mögliche Nachkriegsordnung diskutierten.

Zu diesem Zeitpunkt bildeten sich in der amerikanischen Regierung zwei entgegengesetzte Richtungen heraus. Das State Department sprach sich für die Entmilitarisierung und Denazifizierung des besiegten Deutschland aus, lehnte jedoch eine Dezentralisierung oder Zerstücklung entschieden ab und forderte stattdessen eine Demokratisierung und Eingliederung in die Weltwirtschaft, um die politische und wirtschaftliche Stabilität Deutschlands zu erhalten. Roosevelt hingegen setzte sich für harte und strafende Friedensbedingungen ein. Der Präsident stand daher den Vorstellungen des Treasury Departments unter Henry Morgenthau, der sich im September 1944 in seinem Morgenthauplan für die vier D´s –demilitarization, denazification, decartelization und democratization- aussprach, näher, vermied es jedoch weiterhin sich konkret festzulegen. Dieser Plan hatte allerdings nie eine Chance auf Verwirklichung, da zum einen sowohl die Briten, als auch die Sowjets andere Interessen verfolgten, und zum anderen das War Department unter Stimson entschieden opponierte. Daher gab es zum Zeitpunkt der deutschen Kapitulation keine langfristige deutschlandpolitische Konzeption der USA. Die Besatzungsdirektive JCS 1067, die ursprünglich nur für eine kurze Übergangszeit vorgesehen war, wurde zur Grundlage der amerikanischen Deutschlandpolitik.[7]

Auch das Verhältnis zu den alliierten Partnern stand auf wackligen Beinen. Bereits auf der Konferenz von Potsdam 1945 zeichneten sich Interessensgegensätze zwischen Ost und West ab, konnten jedoch durch Formelkompromisse vorläufig gelöst werden. Trotz der Verschlechterung der amerikanisch-sowjetischen Beziehungen, wurde auch unter dem neuen Präsidenten Harry S. Truman an dem Prinzip der Kooperation mit der Sowjetunion, welches dem Konzept der „One World“ entsprang festgehalten. Noch auf den Außenministerkonferenzen von London und Moskau im Jahr 1945 bemühte sich der amerikanische Außenminister Byrnes mit seinem Vorschlag eines auf 25 Jahre angelegten Entmilitarisierungsplanes, alle europapolitischen Interessen zu vereinen, konnte jedoch damit das steigende Misstrauen und die wachsenden Interessensgegensätze zwischen Ost und West nicht verhindern.[8]

Bereits Anfang 1946 zeichnet sich daher eine entscheidende Wende in der amerikanischen Russlandpolitik ab. So bekennt Truman am 5. Januar 1946 (gegenüber Byrnes): „Ich denke nicht, daß wir weiter auf Kompromiss spielen sollten“.[9] Kennans „Langes Telegramm“ vom 22. Februar 1946 bestätigt diese These, indem es vor einem expansiven und autoritären Regime unter Stalin warnt.[10] Kurz darauf, am 5. März 1946, spricht Churchill in seiner berühmten Fulton-Rede vom „ Eisernen Vorhang “, wodurch die Pariser Außenministerkonferenz vom Mai 1946 bereits unter einem schlechten Stern steht. Die USA versucht ein letztes Mal, die Viermächtekooperation zu retten und an der Potsdamer Erklärung festzuhalten. Der russische Außenminister Molotov reagiert abweisend und zerschlägt damit letztendlich die amerikanischen Zusammenarbeitsversuche.[11] Am 6. September 1946 verdeutlicht Byrnes in seiner Rede in Stuttgart die Pläne zur Gründung einer Bizone (ab 1.1.1947) und der Schaffung eines gesamtdeutschen Rates der Ministerpräsidenten. Der Inhalt der Rede kann als Synthese des Vorschlages von General Lucius Clay, der sich für eine Fusion der amerikanischen und britischen Zone ausgesprochen hatte und des Memorandums von David Harris, einem Mitarbeiter der Division of Central European Affairs, der für die Schaffung von Zentralverwaltungen als Vorstufe für eine gesamtdeutsche Regierung plädierte, verstanden werden.[12]

Nachdem der stellvertretende Außenminister Dean Acheson am 27. Februar 1947 dem Kongress das „worst-case“ –Szenario in Europa, das heißt, eine Destabilisierung ganz Süd- und Mitteleuropas, ausgelöst durch kommunistische Umstürze in der Türkei und Griechenland geschildert hatte und die Moskauer Außenministerkonferenz vom März/April 1947 das endgültige Scheitern der Viermächtekooperation aufgezeigt hatte, vollzog sich ein radikaler Kurswechsel in der US-Politik. Truman sprach daher am 12. März 1947 von einer Zweiteilung der Welt in eine freie und eine totalitär regierte Sphäre. Er sprach sich dafür aus, den „freien Völkern“ beizustehen und so jedwede Art der kommunistischen Expansion zu verhindern. Diese Absage an den Isolationismus war zugleich die Geburtsstunde der Containment-Politik, die auf der Basis von George F. Kennans Vorschlägen, aus der Taufe gehoben wurde. Kennan war auch wesentlich an dem im Zuge der Truman-Doktrin ausgearbeiteten Marshallplan beteiligt. Bis 1952 gewährte das ERP (European Recovery Program) 17 westeuropäischen Ländern, sowie den drei Westzonen 13 Milliarden Dollar Wirtschaftshilfe und beförderte somit den Aufbau eines wirtschaftlichen starken Westeuropa als „Dritte Kraft“.

Der kommunistische Coup in der Tschechoslowakei vom 25. Februar 1948 verschärfte die Spannungen in Europa und führte nach starkem Druck der Amerikaner auf die Franzosen zur Trizonenfusion. Auf der Londoner Sechsmächtekonferenz (vom 23.2.bis 6.3.1948 und vom 20.4. bis 1.6.1948), verhandelten die westlichen Großen Drei und die Beneluxstaaten ein Rahmenprogramm für einen westdeutschen Staat, nachdem die Sowjetunion am 20. März 1948 den Alliierten Kontrollrat verlassen hatte und somit das Ende der Viermächtekooperation besiegelt hatte.[13]

Die Währungsreform vom 20. Juni 1948 leitete die Berlin Krise vom 24. Juni 1948 bis 12. Mai 1949 ein. Die USA umgingen die russische Blockade Berlins, die eine Weststaatsgründung verhindern sollte, mit einer in der Geschichte einzigartigen Luftbrücke, die mehrmals täglich alles benötigte Material und Lebensmittel nach Berlin einflog und die Versorgung der Bevölkerung gewährleistete. Dies führte zu einem mentalen Umschwung in der deutschen Bevölkerung, die die USA nunmehr als „Schutzmacht“ betrachteten. Auch die Amerikaner blieben von diesem gegenseitigen Vertrauensverhältnis nicht unbeeindruckt und verlagerten ihr Feindbild von den Deutschen auf die Sowjets.[14]

Im Juli 1948 entbrannte nochmals eine heftige Diskussion um die Weststaatsgründung, wie sie in den „Londoner Empfehlungen“ vom 2. Juni 1948 festgelegt war. Ausgerechnet George F. Kennan, der sich zunächst für eine Teilung ausgesprochen hatte, trat nun an die Spitze der Opposition und legte mit seinem „Program A“, das sich für ein neutralisiertes Gesamtdeutschland aussprach, für international überwachte Wahlen plädierte, eine deutsche Regierung bevorzugte, sowie die Aufhebung der Zonen und den Rückzug des Militärs an die Peripherie forderte einen Gegenentwurf vor.[15]

Mit der endgültigen Teilung Deutschlands, nach dem Londoner Modell in zwei Staaten im Mai 1949, der folgenden Westintegration und der Gründung bzw. dem Ausbau der NATO, wurde die Bipolarität der Welt, von der Truman bereits 1947 gesprochen hatte, endgültig verfestigt. Im Zuge des fortschreitenden Kalten Krieges und der Entkolonialisierung weitete sich der Ost-West-Konflikt auf andere Teile der Welt aus und drängte Deutschland, hier vor allem Berlin als zentrales „Schlachtfeld“ des Kalten Krieges vorläufig aus dem Fokus des Geschehens.

IV. Das „Lange Telegramm“

1. Entstehung

Im Februar 1946 erreichte eine Anfrage des Finanzministeriums die amerikanische Botschaft in Moskau. Botschafter Averell Harriman war gerade außer Landes und George F. Kennan hatte währenddessen die Leitung der Botschaft übernommen. Das Finanzministerium, das sich nach Kriegsende große Hoffnungen auf eine enge Zusammenarbeit mit den Russen gemacht hatte, unterrichtete die Botschaft davon, dass „die Russen zu erkennen geben, sie seien nicht willens, der Weltbank und dem Internationalen Währungsfonds anzugehören. [...] Wie war ein derartiges Benehmen der sowjetischen Regierung zu erklären? Was steckte dahinter?“[16] Bisher hatte Kennan vergeblich versucht, sich bei der amerikanischen Regierung Gehör zu verschaffen und seine Vorschläge für einen adäquaten Umgang mit der UdSSR darzulegen. Jetzt sah er seine Chance gekommen, seine Erfahrungen und Erkenntnisse mitzuteilen. In seinen Memoiren beschreibt er diese Gelegenheit folgendermaßen: „ Achtzehn Monate lang hatte ich unentwegt Leute am Ärmel gezupft und versucht, sie auf das Phänomen aufmerksam zu machen, [...] das unsere Regierung und unser Volk verstehen lernen mussten, wenn sie eine Chance haben sollten, die Probleme der Nachkriegszeit zu meistern. Aber ich hätte genauso gut einem Stein predigen können. [...] Jetzt plötzlich wurde ich nach meiner Meinung gefragt. Gewiß war der Anlaß geringfügig, aber die Zusammenhänge waren es nicht. Es hatte keinen Zweck, die Frage mit ein paar Routinebemerkungen abzutun, [...] Mit einem Bruchteil der Wahrheit war niemand gedient. Dies hier erforderte die ganze Wahrheit. Sie hatten sie hören wollen. Und bei Gott, jetzt sollten sie sie hören.“[17]

Kennans Antwort vom 22. Februar 1946 war ein 5540 Worte umfassendes, in fünf Teile gegliedertes Telegramm, das aufgrund seiner Länge unter der Bezeichnung „Langes Telegramm“ in die Geschichte eingehen sollte. Als Rechtfertigung für die „unerhörte Überbeanspruchung der telegraphischen Verbindungswege“ gab Kennan an, dass die Anfrage des Ministeriums „derartig verwickelte, derartig heikle, uns gedanklich so fremde, aber für die Beurteilung der internationalen Lage zugleich so wichtige Fragen berühre, daß ich ihre Beantwortung nicht in eine kurze beengte Form pressen könne, ohne mich einer gefährlichen Vereinfachung schuldig zu machen.“[18]

2. Inhalt

Kennan untergliederte sein Telegramm in fünf Abschnitte, die sich zunächst mit den Grundzügen des sowjetischen Verhaltens seit Kriegsende und den Voraussetzungen für dieses Verhalten befassten. Im dritten und vierten Abschnitt untersuchte er die Umwandlung dieses Verhaltens in offizielle und inoffizielle Politik, um dann abschließend „die Bedeutung all dieser Dinge für die amerikanische Politik“ aufzuzeigen.[19]

Der sowjetischen Propaganda entnahm Kennan, dass die Grundzüge sowjetischen Verhaltens geprägt sind von der Vorstellung, dass die „ UdSSR immer noch inmitten feindseliger ‘Kapitalistischer Einkreisung’ [lebt] , mit der es auf die Dauer keine friedliche Koexistenz geben kann. [...] Im weiteren Verlauf der internationalen Revolution werden zwei Zentren von weltweiter Bedeutung entstehen: ein sozialistisches Zentrum, das die zum Sozialismus neigenden Länder an sich zieht, und ein kapitalistisches Zentrum, das die zum Kapitalismus neigenden Länder an sich zieht.“ Weiterhin ist die kapitalistische Welt voll innerer Konflikte. „ Diese Konflikte sind durch friedlichen Ausgleich nicht lösbar.“ Unvermeidliche Folge dieser inneren Konflikte des Kapitalismus wäre Krieg, der entweder innerkapitalistisch, also zwischen zwei kapitalistischen Staaten sein kann, oder ein Interventionskrieg gegen die sozialistische Welt. Ersterer würde die Möglichkeiten und Chancen des Sozialismus erhöhen, wohingegen ein Interventionskrieg mit allen Mitteln vermieden werden muss, da dieser den Fortschritt des sowjetischen Sozialismus erheblich behindern würde.[20] Daraus ergibt sich für die sowjetische Politik, dass alles getan werden muss, um „die relative Stärke der UdSSR in der internationalen Gemeinschaft zu vergrößern.“[21] Gleichzeitig sollte jede Chance genutzt werden, um den Kapitalismus zu schwächen. Meinungsverschiedenheiten und Konflikte der kapitalistischen Mächte sollten ausgenutzt und verschärft werden, ebenso wie „demokratisch-fortschrittliche“ Elemente, die die Interessen der UdSSR unterstützen, gefördert und benutzt werden sollten.[22]

[...]


[1] Zit. n.Isaacson, Walter/ Thomas, Evan, The Wise Men, Six friends and the world they made, New York 1986, S.24.

[2] McConnell, Scott, The Good Strategist in: The American Conservative, 2005.

www.amconmag.com/2005.html (19.10.2005)

Kennan, George Frost, Memoiren eines Diplomaten, Memoirs 1925-1950, Stuttgart 1968, S. 17ff.

[3] Ebd. S.24.

[4] Ebd. S.31.

[5] Urban, George, Gespräche mit Zeitgenossen, Weinheim 1982,S.258.

[6] George F. Kennan in: www.wikipedia.org/wiki/George F. Kennan.de (17.05.2005)

[7] Schwartz, Thomas A., Germany into Europe: United States Policy in Germany, 1945-49, in: Krebs, Gerhard, 1945 in Europe and Asia, Reconsidering the end of World War II and the change of the world order, München 1997, S.37ff.

Trachtenberg, Marc, A Constructed Peace. The Making of a European Settlement, 1945-1963, Stanford 1999, S.15-33.

[8] Schmidt, Wolfgang, Vom Feind zum Partner: amerikanische Deutschlandpolitik von 1944 bis 1949, Bonn 1996,S.83-97.

[9] Ebd. S.88.

[10] Stöver, Bernd, Der Kalte Krieg, München 2003, S.21.

Gellman, Barton, Contending with Kennan, Toward a Philosophy of American Power, New York 1984, S.3-20.

Harper, John L., American Visions of Europe, Cambridge 1994, S.190-197.

[11] Curchill in Fulton in: www.lsg.musin.de/Geschichte/Quellen/churchill_in_fulton.htm (28.05.2005)

Weber, Jürgen, Deutsche Geschichte 1945 bis 1990, Grundzüge, München 2001,S.36ff.

[12] Görtemaker, Manfred, Kleine Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, Bonn 2004, S.25-37.

Schmidt, W., Vom Feind zum Partner: amerikanische Deutschlandpolitik von 1944 bis 1949, S.103-109.

[13] Ebd. S.202-212.

Stöver, B., Der Kalte Krieg, S.23ff.

Dülffer, Jost, Jalta, 4. Februar 1945. Der Zweite Weltkrieg und die Entstehung der bipolaren Welt, München 1998, S.178-224.

Gaddis, John Lewis, We know now. Rethinking Coldwar History, Oxford 1997, S.37ff.

[14] Weber, J., Deutsche Geschichte 1945-1990, S.40-46.

Larres, Klaus, International and security relations within Europe, in: Fulbrook, Mary, Europe since 1945, Oxford 2000, S.196-227.

[15] Schwartz, T.A., Germany into Europe: United States Policy in Germany, 1945-49, S.44-49.

Schmidt, W., Vom Feind zum Partner: amerikanische Deutschlandpolitik von 1944 bis 1949, S.167-190.

[16] Kennan, G.F., Memoiren eines Diplomaten, S.296.

[17] Ebd. S.296-297.

[18] Ebd. S.297.

[19] Ebd. S.297.

Kennan, George Frost, “The Long Telegram” (1946)

www.gwu.edu/~nsarchiv/coldwar/documents/episode-1/kennan.htm (28.05.2005)

[20] Kennan, G.F., Memoiren eines Diplomaten, S.553ff.

[21] Ebd. S.555.

[22] Ebd. S.555.

Ende der Leseprobe aus 31 Seiten

Details

Titel
George F. Kennans "Langes Telegramm" und seine Bedeutung für die frühe Phase des Kalten Krieges
Hochschule
Universität Augsburg
Note
2,3
Autor
Jahr
2005
Seiten
31
Katalognummer
V77038
ISBN (eBook)
9783638804202
ISBN (Buch)
9783638897150
Dateigröße
533 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
George, Kennans, Langes, Telegramm, Bedeutung, Phase, Kalten, Krieges
Arbeit zitieren
Daniela Götzfried (Autor), 2005, George F. Kennans "Langes Telegramm" und seine Bedeutung für die frühe Phase des Kalten Krieges, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/77038

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