Das mittelalterliche Menschenbild und sein Einfluss auf die Verbreitung des Hexenwahns in Deutschland


Seminararbeit, 2004

16 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

EINLEITUNG

1. UNTERSCHIEDLICHE ASPEKTE ZUR VERDEUTLICHUNG DES MITTELALTERLICHEN MENSCHENBILDES
1.1. Die Bedeutung von Tod und Leiden und ihr Einfluss auf das Leben im christlichen Mittelalter
1.2. Das mittelalterliche Verständnis des Unterschiedes zwischen den Geschlechtern
1.3. Medizin und Heilkunde im Mittelalter

2. MITTELALTERLICHER TEUFELS- UND HEXENGLAUBE
2.1. Definition und Charakterisierung der Hexerei und Zauberei
2.2. Die Identifizierung einer Hexe
2.3. Der Umgang mit vermeintlichen Hexen

3. VERSUCH EINER ERKLÄRUNG DES HEXENWAHNS
3.1. Antifeminismus als Grundlage der Hexenprozesse ?
3.2. Andere mögliche Grundlagen der Hexenverfolgung

4. FAZIT

LITERATUR

EINLEITUNG

Ziel dieser Arbeit ist es, Ansätze zu finden, die vor dem Hintergrund des mittelalterlichen Menschenverständnisses eine Erklärung dafür liefern, inwiefern dieses als Disposition für die Hexenprozesse des Mittelalters und der frühen Neuzeit verstanden werden kann.

Zuerst sollen anhand einiger meiner Ansicht nach für die Erklärung relevanter Aspekte grundsätzliche Züge des mittelalterlichen Menschenbildes herausgearbeitet werden.

Das zweite Kapitel liefert grundlegende Informationen zu Hexenwahn und Hexenprozessen, vermittelt also einen Überblick über das Themengebiet, um im nächsten Schritt auf der Basis der daraus gewonnenen Erkenntnisse den Versuch einer Erklärung zu unternehmen, wie es zu den Hexenprozessen kommen konnte.

Bei der für diese Arbeit notwendigen Eingrenzung des Mittelalters auf einen bestimmten Zeitraum halte ich mich an die in der Forschung am weitesten verbreitete, wenn auch nicht unumstrittene, Meinung, nach der die Zeitgrenzen für den Beginn am Anfang des 8. Jahrhunderts und für das Ende mit Luthers Thesen 1517 gesetzt werden.

1. UNTERSCHIEDLICHE ASPEKTE ZUR VERDEUTLICHUNG DES MITTELALTERLICHEN MENSCHENBILDES

1.1. Die Bedeutung von Tod und Leiden und ihr Einfluss auf das Leben im christlichen Mittelalter

Um das Menschenbild des Mittelalters und die daraus resultierenden Folgen verstehen zu können, muss man sich zuerst der beinahe übermächtigen Präsenz und Bedeutung des Todes zu dieser Zeit be-wusst werden. Denn das mittelalterliche Leben wurde eigentlich nur als eine einzige große Prüfung angesehen, die über ewige Verdammnis in der Hölle oder unendliche Glückseligkeit im Paradies entschied, und so stand laut Walther Rehm „die Frage um das Heil der Seele im Mittelpunkt jeder dogmatischen und weltanschaulichen Erwägung“[1]. Wie so ziemlich jede andere Thematik wurde natürlich auch der Todes-gedanke maßgeblich von der Kirche diktiert, die für sich beanspruchte, den einzig möglichen Weg zur Rettung der Seele zu kennen und zu vertreten. Die größte Herausforderung bestand in der Überwindung der angeborenen Erbsünde. Der Eine, der dies nach christlicher Auffassung vollbracht hatte, war Jesus Christus. Er hatte sich durch sein ertragenes Leid von der Erbsünde gelöst, und wurde damit zum Vorbild für den größten Teil der mittelalterlichen Gesellschaft. Man glaubte, dieses menschlichen Makels nur durch tiefes Leid Herr werden zu können. So kehrte sich das Leid für die Menschen in die einzig wahre Freude, und diejenigen, die in Gottes Namen einen außerordentlich qualvollen Tod erlitten hatten, wurden zu Volkshelden. Oder, um mit Paul Theodor Hoffmann zu sprechen: „Der große Schmerz schafft die großen Märtyrer und Heiligen.“[2]

Der Tod an sich war geprägt von einer besonderen Ambivalenz: Zum einen brachte er sozusagen als Mittelsmann die Seele des Sünders geradewegs in die Hölle, zum anderen konnte er aber auch derjenige sein, der die errettete Seele auf ihrem Pfad ins Paradies begleitete. Doch eins stand fest: Er verschonte niemanden, irgendwann holte er jeden, ob arm oder reich, und so wurde er zum festen Bestandteil des Lebens und gleichzeitig laut Rehm auch zu einem Allgemeingefühl.

Der Tod und das Erlebnis des Todes waren zur damaligen Zeit Rehms Ansicht nach keine individuellen Gefühle. Dies scheint allerdings nur eine logische Folge dessen zu sein, dass es auch in anderen Bereichen des Lebens keine Individualität gab - wenn man hier der Rehmschen These folgen will, schon allein deswegen, weil die Menschen „im Gesamten ein geistiges Eigenleben noch nicht zu führen vermochten“[3]. Setzt man einmal diese „geistige Unreife“ voraus, die mehr oder minder die Menschen des Mittelalters allesamt zu Kindern degradieren würde, so hätte man zumindest eine Erklärung für die besonders im späteren Mittelalter beinahe inflationäre Verbildlichung des Todes gefunden. Die Menschen waren nicht in der Lage, den Tod geistig zu erfassen, gerade auch durch die Konfrontation mit dem Massensterben im 14. und 15. Jahrhundert, als die Pest und andere Seuchen ganze Städte in wenigen Tagen oder Wochen ausrotteten. Es erscheint hier als reiner Selbstschutzmechanismus angesichts dieser enormen psychischen Belastungen, dass die Menschen laut Rehm „nicht mehr denken, sondern nur noch darstellen“[4].

Das späte Mittelalter befasste sich nicht mehr so eingehend mit der Überwindung des Todes, sondern stand ihm angesichts der Ausmaße, die das Sterben angenommen hatte, resignierend gegenüber. So heißt es in der Gesta Romanorum: „Der Mensch ist ein Sklave des Todes, (…) weil er der Hand des Todes nicht entfliehen kann und der Tod alle seine Anstrengungen und Tage dahinrafft“[5].

1.2. Das mittelalterliche Verständnis des Unterschiedes zwischen den Geschlechtern

Im Mittelalter gehörte es quasi zum Allgemeinwissen, dass die Frau als ein „verhinderter Mann“ angesehen wurde. Allerdings ist der Grund für diese Annahme, entgegen der landläufigen Meinung, nicht nur die biblische Theorie über die Frau als aus der Rippe des Mannes geformte „Abart“ desselben und auch nicht die angebliche Schuld der Frau an der Erbsünde, sondern aus mittelalterlicher Sicht eine rein naturphilosophische Tatsache. Es wird vorausgesetzt, dass alles „Seiende“ aus dem Zusammenwirken einer aktiven, formgebenden Kraft und eines passiven, empfangenden Stoffes entsteht. Hier wird nun das männliche Sperma als aktiver und die weibliche Gebärmutter als passiver Teil verstanden, wobei das Blut der Frau als „Baumaterial“ für den neuen Menschen dient. Allerdings ist dies nur die „menschliche“ Seite der Zeugung; was daraus hervorgeht, wäre nicht mehr als eine leere Hülle, denn „die Geistseele wird unmittelbar von Gott geschaffen; also nicht im biologischen Zeugungsvorgang (…) mitgezeugt.“ Dieser „Rohbau“ vermittelt also nur vegetative und animalische Lebensfunktionen[6]. Dabei liegt es in der Natur der aktiven Kraft, etwas ihr ähnliches zu erschaffen, Primärziel der Zeugung wäre also ein männlicher Nachkomme. Zur Entstehung eines weiblichen Nachkommens kommt es hingegen auf Grund äußerer Umstände, wie des Wetters oder bestimmter Planetenkonstellationen, die „behindernd“ auf den Zeugungsprozess einwirken. Da aber die Frau für den Zeugungsprozess eben unabdingbar und somit auch ihre Entstehung notwendig ist, wird auch sie von Gott als Mensch nicht nur anerkannt, sondern auch von vornherein beabsichtigt und beseelt. Sie wird also nicht als bloßer Fehler angesehen, dies wäre hinsichtlich der damals unumstrittenen Unfehlbarkeit Gottes auch pure Blasphemie, da schließlich er es war, der die erste Frau in den perfekten Zustand des Paradieses „entließ“.

[...]


[1] Rehm, 1967, S. 34

[2] Hoffmann, 1937, S. 34

[3] Rehm, 1967, S. 34

[4] Rehm, 1967, S. 83

[5] Trillitzsch, 1973, S. 81

[6] Frank, 1988, S. 78

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Das mittelalterliche Menschenbild und sein Einfluss auf die Verbreitung des Hexenwahns in Deutschland
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum  (Sozialpsychologie und -anthropologie)
Veranstaltung
Sozialanthropologie II
Note
1,3
Autor
Jahr
2004
Seiten
16
Katalognummer
V77449
ISBN (eBook)
9783638828284
ISBN (Buch)
9783638853941
Dateigröße
426 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Menschenbild, Einfluss, Verbreitung, Hexenwahns, Deutschland, Sozialanthropologie
Arbeit zitieren
Kathrin Fehrholz (Autor), 2004, Das mittelalterliche Menschenbild und sein Einfluss auf die Verbreitung des Hexenwahns in Deutschland, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/77449

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