Das Erdbeben von Lissabon und die Frage nach dem Übel in der Welt

Krüger, Voltaire, Rousseau im Vergleich


Seminararbeit, 2004
25 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Das Erdbeben von Lissabon

3. Johann Gottlob Krüger
3.1. Beschreibung des Erdbebens
3.2 Erklärungen der Katastrophe
3.2.1 theoretische Erklärung
3.2.2 Rechtfertigung
3.3 Fazit zu Krüger

4. Voltaire
4.1 „Alles ist gut“
4.1.1 Voltaires Argumentation
4.1.2 Gottesbild
4.2 Fazit zu Voltaire

5. Jean-Jacques Rousseau
5.1 Menschenbild
5.2 Erklärung der Theodizee
5.3 Fazit zu Rousseau

6. Resümee

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Bei dem heutigen Stand der Wissenschaft und. Technik ist es möglich, die Ursache von Naturkatastrophen relativ genau zu bestimmen. Häufig ist es sogar möglich diese Ereignisse vorherzusagen, ein Eintrittsdatum zu benennen – ja sogar eine Wahrscheinlichkeit für ihr Eintreten zu berechnen. Als Folge dessen sind derartige Katastrophen wie Erdbeben, Flutwellen oder Vulkanausbrüche in ihrem Ausmaß nicht mehr in einer Größenordnung verheerend, wie sie es in früheren Zeiten gewesen sind. Die Zahl der Opfer kann durch heutige Kenntnisse stark begrenzt werden; das Ausmaß durch Schutzmassnahmen eindeutig eingeschränkt werden. Selbst wenn Katastrophen eintreten, die eine hohe Anzahl von Opfern fordern, werden zunächst Wissenschaftler, sogar Politiker beschuldigt, nicht rechtzeitig vor Eintreten des Unglücks gewarnt zu haben bzw. Vorsichtsmaßnahmen ergriffen zu haben.

Bestes Beispiel hierfür ist die Vorhersage eines Erdbebens in Los Angeles vor dem Jahr 2020.[1] Die Seismologen errechneten hierbei eine Wahrscheinlichkeit von 60 Prozent für das Eintreten dieses Ereignisses zu jenem Zeitpunkt. Interessant erscheint hier, die Möglichkeit des genauen Berechnens der Auswirkungen eines Bebens. Nach Angaben der Wissenschaftler können genaue Angaben über die Anzahl der Opfer gegeben werden. Bei diesen Berechnungen, fällt es aber auf, dass die Frage der Opfer von der Frage nach den wirtschaftlichen Folgen überschattet wird.[2] Eine Katastrophe im heutigen Verständnis besitzt offensichtlich eine andere Bedeutung als in früheren Zeiten. Heute gilt ein Ereignis als Katastrophe, wenn ein hoher wirtschaftlicher Schaden entsteht. Vormals galt jedoch eine große Anzahl von Menschenopfern als ausreichendes Kennzeichen einer Katastrophe.

Zudem sind die Diskussionen um Ursache dieser Ereignisse heutzutage auf einer rein naturwissenschaftlichen Ebene angelangt. Ausschließlich in einem für das Naturereignis spezifischen Wissenschaftsbereich werden Thesen über den Ursprung behandelt. Größtenteils herrscht in diesen Fragen allgemeine Einigkeit; meist sind die Ergebnisse wissenschaftlich verifiziert.

Im Vergleich zu früheren Diskussionen über Ursache von Naturkatastrophen, fällt auf, dass heute eine Betrachtungsweise aus einer religiösen Sicht vollkommen weggefallen ist. Es ist allgemein angenommen, dass eine Handlung Gottes, aus welchem Antrieb auch immer, als Ursache für ein derartiges Unglück auszuschließen ist. Die Kirche selbst propagiert Katastrophen sogar kaum noch als Fingerzeig bzw. Warnung oder Strafe Gottes, um die Menschheit zu religiösen Tugenden zu erziehen und auf unchristliche Handlungen der Gesellschaft hinzuweisen. Eine derartige direkte Beziehung zwischen den persönlichen Handlungen und den göttlichen Antworten darauf ist keine aktuelle Argumentation der christlichen Kirche mehr.[3]

In Zeiten der Aufklärung und speziell nach der Erdbebenkatastrophe 1755 in Lissabon herrschte eine völlig andere Diskussion in den Kreisen der Gelehrten, der Kirche und der Wissenschaftler. „Denn mit dem Untergang der portugiesischen Hauptstadt ging auch der Glaube an die Überlegenheit einer menschendienlichen Vernunft gegenüber den rohen Kräften der Natur verloren.“[4] Durch diese Tragödie breiteten sich die Fragen vom Übel in der Welt, von der Blindheit der Vorsehung und vom Zweifel an der Gerechtigkeit Gottes sehr schnell aus und beschäftigten nicht nur die Gelehrten dieser Zeit.

Gegenstand dieser wissenschaftlichen Abhandlung werden die Aspekte der o.g. Auseinandersetzung sein. Es gilt zu beleuchten, welche Argumentationen für die Ursache des Jahrhundertbebens zu dieser Zeit gängig waren und vor allem, welche Bedeutung der religiöse Bezug dieser Fragestellung bis heute innehat.

Untersucht wird hierbei die Darstellung des Erdbebens von Lissabon 1755 in Abhandlungen von Johann Gottlob Krüger, Voltaire und Jean-Jacques Rousseau. Hierbei wird neben der unterschiedlichen Darstellung des Ablaufs der Katastrophe, Hauptaugenmerk auf die abweichenden Erklärungen der Ursachen sowie auf die verschiedenen religiösen Haltungen gelegt. Es wird den Fragen nachzugehen sein, wie diese drei Autoren das Beben als Handlung Gottes rechtfertigen bzw. versuchen, die Ursachen zu erklären und welche Position sie zu dem Pope´schen Grundsatz „whatever is, is right“ bzw. zur Leibnizschen Theodizee-Formel beziehen.

Im Folgenden wird nur sehr spärlich auf die biographischen Daten der behandelten Personen eingegangen, da sie für diese Arbeit keine Relevanz haben. Vielmehr wird eine werkimmanente Herangehensweise bevorzugt. Ziel ist hierbei ausschließlich, die unterschiedlichen Erklärungsansätze des Bebens herauszuarbeiten und einen Einblick in die damalige Diskussion zu gewähren, sowie einen Ausblick auf gegenwärtige Diskurse darzulegen.

2. Das Erdbeben von Lissabon

Die Stadt Lissabon, die am 1. November 1755, von einem gewaltigen Erdbeben heimgesucht wurde, beherbergte zu dieser Zeit 150 000 Einwohner und stellte ein Symbol der blühenden Wirtschaft Portugals dar.[5] Durch die günstige Lage am Tejo bildete sie einen idealen Handelsstandort und war Zentrum des portugiesischen Reichs mit seinen zahlreichen Kolonien. Insgesamt drei Erdstösse zerstörten am Feiertag Allerheiligen 17 000 Häuser und 30 000 Menschenleben.[6]

Zum Zeitpunkt des ersten Bebens um ca. zehn Uhr, befanden sich die meisten Einwohner in den Kirchen bei der Messe zum Gedenken der Heiligen. Der erste Erdstoss, ausgelöst durch das weit vor den Toren Lissabons im Meer gelegene Epizentrum, ließ zunächst die „Gebäude der Stadt erzittern. In der alten Kathedrale schwangen die riesigen Kronleuchter hin und her, und die Kirchenglocken läuteten, wie von Geisterhand bewegt.“[7] Die flüchtende Menge wurde kurz nach dem ersten Stoss von dem Zweiten erfasst. Die ersten Häuser wurden zerstört, Kirchen fielen in sich zusammen, Trümmer erschlugen und begruben die fliehenden Menschen unter sich. Die immense Zerstörung verursachte eine Staubentwicklung in der ganzen Stadt, die sogar das Sonnenlicht nicht mehr durchließ und eine Dunkelheit an einem sonnigen Morgen bedeutete. In dieser düsteren Phase erfolgte der dritte Stoß eine Viertelstunde nach dem Zweiten. „Der Boden unter Lissabon hob und senkte sich wie eine Welle im Sturm. Nach diesem dritten schweren Erdstoß lag fast die ganze Stadt in Trümmern.“[8]

Nach den drei Hauptstößen folgten nun einige schwächere Nachbeben. Der die Sonne verdunkelnde Staub wurde durch einige ausbrechende Feuer aufgehellt. Ursache hierfür waren zahlreiche umgekippte Kirchenkerzen und verlassene Herdfeuer. Sehr schnell breiteten sich die Flammen aus und zerstörten fünf Tage lang, was vom Erdbeben verschont wurde. Ausgerechnet die Bordelle wurden von Feuer und Beben verschont, welches zusätzliche Nahrung für die anschließende Ursachendiskussion darstellte.

Schließlich wurde Lissabon am sechsten Tag der Katastrophe nach drei Erdstössen und kaum zu stoppenden Flammen von drei Flutwellen heimgesucht. Diese so genannten Tsunamis werden im Allgemeinen durch untermeerische Beben ausgelöst und entfachen erst in den seichten Küstengewässern ihre volle Höhe von bis zu 30 Metern.[9] Innerhalb weniger Minuten überschwemmten die Wassermassen die untere Stadt, wo sich viele Obdachlose und Verwundete eingefunden hatten und riss nochmals eine Vielzahl von Menschen in den Tod.

Die Stärke des Bebens lässt sich äußerst schwer umschreiben, sie wird jedoch deutlich anhand der Tatsache, dass sogar in Deutschland und in den Niederlanden Kirchturmglocken von selbst läuteten und die Wasserpegel in ganz Europa an diesem Tag schwankten. Selbst Städte in Nordafrika wurden schwer verwüstet. Noch heute gilt das Erdbeben von Lissabon vom 1.November 1755 als eine der schwersten Naturkatastrophen seit Menschengedenken.

3. Johann Gottlob Krüger

Knapp ein halbes Jahr nach Ereignen des Bebens in Lissabon schloss Johann Gottlob Krüger seine „Gedanken von der Ursache des Erdbebens, nebst einer moralischen Betrachtung“ ab. Dieses Werk von dem Professor für Medizin und Philosophie an der Universität Helmstedt wird in diesem hier behandelten Diskurs berücksichtigt, da es im Vergleich zu den anderen Texten an einem entgegengesetzten Ende der Argumentationskette anzusiedeln ist.

3.1. Beschreibung des Erdbebens

Auffällig an Krügers ersten beiden Kapiteln, in denen er den Ablauf des Bebens und den Zustand der Stadt schildert, ist seine Detailtreue. Eindeutig liegt ihm daran, keine Übertreibung oder Unwahrheiten zu liefern, sondern sich strikt an die Überlieferungen zu halten. Er tritt mit seinen Ausführungen den schon damals „sensationslüsternen“ Meldungen der Presse entgegen.[10] Lediglich seine Auslegung vieler Fakten und seine emotionale Sprache lässt die intentio autoris offensichtlich werden.

Krüger beschreibt Lissabon in einer etwas übertriebenen Art als die prächtigste Stadt Europas mit Residenz des reichsten Monarchen. „Die Weisheit, der Reichtum, das Vergnügen und die Majestät wohnten hier zusammen in einem prächtigen Hause.“[11] Hier wird schon eine erste Anspielung auf die damit einhergehende Maßlosigkeit deutlich, mit der Krüger spätere Argumentationen führt. Denn in einer reichen, wohlhabenden Stadt, gibt es, so Krüger, auch stets eine überschwängliche und lasterhafte Lebensweise.

An jenem Morgen des Erdbebens am Feiertag der „Allerheiligen“ herrschte, laut Krüger, durch die „heitere und stille Luft“ eine festliche Atmosphäre.[12] Die meisten Menschen befanden sich in den Kirchen, um die Messe abzuhalten. Diese besagte Stille sollte diesmal aber nur „größere Aufmerksamkeit auf die Donnerstimme des Schöpfers befördern“.[13] Schon an dieser Stelle wird die Position Krügers deutlich: In seinen Augen, war diese Katastrophe eine von Gott geplante und zur Strafe der Menschheit ausgeübte Tat.

[...]


[1] Gerald Deckart u.a.: Katastrophen, die die Welt erschütterten. Zürich 1991, S.302.

[2] Vgl. ebd., S.303.

[3] In der islamischen Religion dagegen ist eine solche direkte Beziehung interessanterweise sehr wohl noch zu erkennen und lässt auch auf eine verbreitete Problemstellung stoßen. Die Weiterführung dieser These würde aber in diesem Rahmen zu weit führen und das Thema verfehlen.

[4] Horst Günther: das Erdbeben von Lissabon erschüttert die Meinungen und setzt das Denken in Bewegung. Berlin 1994. Klappentext.

[5] Angebene Werte und Daten sind im Folgenden entnommen aus: Gerald Deckart u.a.: Katastrophen, die die Welt erschütterten. Zürich 1991.

[6] Hierbei ist eine exakte Menge nicht eindeutig festzustellen, da die Zahlen von Text zu Text schwanken. Die angegebenen Zahlen stellen aber einen häufig wiederkehrenden Wert dar.

[7] Gerald Deckart u.a.: Katastrophen, die die Welt erschütterten. Zürich 1991, S.94.

[8] Ebd. S.94f.

[9] Vgl. dazu Gerald Deckart u.a.: Katastrophen, die die Welt erschütterten. Zürich 1991, S.96.

[10] Vgl. Wolfgang Breidert: Die Erschütterung der vollkommenen Welt. Die Wirkung des Erdbebens von Lissabon im Spiegel europäischer Zeitgenossen. Darmstadt 1994, S. 23.

[11] Johann Gottlob Krüger: Gedanken von den Ursachen des Erdbebens, nebst einer moralischen Betrachtung. In: Wolfgang Breidert (Hg.): Die Erschütterung der vollkommenen Welt. Die Wirkung des Erdbebens von Lissabon im Spiegel europäischer Zeitgenossen. Darmstadt 1994, S. 27.

[12] Ebd. S.28.

[13] Ebd. S.28.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Das Erdbeben von Lissabon und die Frage nach dem Übel in der Welt
Untertitel
Krüger, Voltaire, Rousseau im Vergleich
Hochschule
Universität Karlsruhe (TH)  (Institut für Literaturwissenschaften)
Veranstaltung
Hauptseminar Katastrophen in der Literatur
Note
1,3
Autor
Jahr
2004
Seiten
25
Katalognummer
V77550
ISBN (eBook)
9783638829779
Dateigröße
510 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Erdbeben, Lissabon, Frage, Welt, Hauptseminar, Katastrophen, Literatur
Arbeit zitieren
M.A. Jonas Reese (Autor), 2004, Das Erdbeben von Lissabon und die Frage nach dem Übel in der Welt, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/77550

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