Erst sieben Jahre nach der Publikation ihres ersten Skandalromans Baise-moi, verfilmte Virginie Despentes, die zuvor in Massagesalons und Peepshows arbeitete, zusammen mit Coralie Trinh Thi, einer ehemaligen Porno-Darstellerin, ihr Erstlingswerk. Schon kurz nach der für Aufregung sorgenden Publikation des Buches eröffnete sich der Autorin die Möglichkeit, die Filmrechte zu verkaufen, sie dachte aber beim Schreiben in keiner Weise an eine etwaige Verfilmung. Nachdem für Despentes schnell klar war, dass nur sie selbst die Regie dieses Films übernehmen konnte, dauert es noch mehrere Jahre, bis sie die passenden Schauspielerinnen für die Besetzung der beiden Hauptrollen fand .
Im Juli 2000 war Baise-moi, eine Woche nach dem Kinostart, in Frankreich als pornografisch und gewaltverherrlichend eingestuft worden. André Bonnet – Richter, Mitglied einer rechtsextremen Partei und Vorsitzender des Elternverbandes „Promouvoir“ zum Schutz christlicher Werte – hatte beim französischen Staatsrat Anzeige erstattet und auch Recht bekommen. Seitdem darf Baise-moi nur noch in Pornokinos gezeigt werden, was faktisch einem Verbot gleichkommt, da es nach dem Siegeszug des Videorekorders kaum noch Pornokinos gibt .
In mancher Hinsicht führt Baise-moi gewissermaßen nur das weiter, was andere bereits begonnen hatten. Allerdings geht der Film mit dem spekulativen und schonungslosen Einsatz von pornographischen Bildern nach dem Dogma 95-Film Lars von Triers’ Idioten, Catherine Breillats Romance und, in geringerem Ausmaß, Patrice Chéreaus Intimacy bisher am weitesten.
Dennoch stellt sich die Frage, warum es gerade dieser Film schafft, die Gesellschaft so zu schocken und warum Baise-moi in den Filmkritiken fast einhellig zerrissen wird. Eine erste Antwort gibt der Filmanfang: Die dort dargestellte Vergewaltigungsszene ist an Brutalität und Grausamkeit sicherlich kaum zu überbieten und schlägt damit per se schon alles bisher Dagewesene und Gesehene. Aber warum schaffen es diese Bilder einer inszenierten Vergewaltigung vielleicht mehr als andere, den Ekel und den Drang des Zuschauers, wegschauen zu wollen hervorzurufen? Anders als bei Vergewaltigungen, die sonst in Filmen dargestellt werden, haben Despentes und Trinh Thi eine Methode angewandt, um den Realitätsfaktor der ganzen Handlung zu erhöhen. „Normale“ Vergewaltigungsszenen deuten die Tat meist nur an. Sieht man je einmal etwas mehr, so ist von vornherein klar, dass diese Szenen tatsächlich nur nachgespielt werden. Das heißt, dass es während des Drehs nicht zu veritablen Geschlechtsverkehr kommt. Dies erscheint einleuchtend, denn andernfalls müsste jeder Film mit diesen eindeutigen Szenen zum Pornofilm deklariert werden und das kann nicht die Intention des Gros der Produzenten sein. Despentes aber bricht in ihrem Film mit geltenden Konventionen. Um diesen so real und hautnah wie nur irgend möglich wirken zu lassen, verwendet sie echte Porno-Darsteller und „echte“ Sex-Szenen zugunsten einer realistischeren und authentischeren Verfilmung. In einem Interview erklärt Despentes auch den Grund dafür:
Die Sex-Szenen müssen echt sein, damit sie ein Teil des Ganzen sein können. Den Frauen endlich ihren ganzen Körper zugestehen, da ihnen das normalerweise nie erlaubt wird. Den Frauen endlich das Recht auf ihre eigene Sexualität zugestehen und es aus dem begrenzten Blickfeld der Männer reißen.
Baise-moi vermag zwar nicht, „den Frauen endlich das Recht auf ihre eigene Sexualität zuzugestehen und es aus dem begrenzten Blickfeld der Männer zu reißen“, wie Virginie Despentes dies gerne hätte, trotzdem gelingt es ihr aber eine Art « nouvelle pornographie écrite par une femme, pour les femmes et du point de vue de la femme » zu erschaffen.
Die oben erwähnten „neuen“ Methoden, die Despentes und Trinh Thi aufgegriffen haben, schließen ebenfalls die Art der Kameraeinstellung ein: Durch die Einstellung auf Detail und den gros plan wird der Zuschauer förmlich gezwungen, sich schonungslos alles anzusehen, was sich vor seinem Auge abspielt. Es gibt keine Einstellung, in der sich der Zuschauer dem, was da vor sich geht, entziehen könnte. Er ist gezwungen, über mehrere Minuten diese Demütigung in allen ihren menschenverachtenden Facetten zu beobachten, es sei denn, er würde gänzlich wegschauen. Ganz wegzuschauen ist jedoch wiederum fast unmöglich, da man von den Bildern dermaßen schockiert wird, dass man hofft, im nächsten Moment komme endlich die Erlösung. Dem ist jedoch nicht so, vielmehr bekommt man während des Betrachtens den Eindruck, die Position eines Voyeurs einzunehmen, was in doppelter Hinsicht unmoralisch erscheint – das Gewissen und die Moral urteilen eindeutig, dass man sich diese Szenen eigentlich nicht einmal anschauen dürfte. Eine Vergewaltigung so zu sehen, wie sie von Despentes dargestellt wird, « vaccine durablement contre la salacité et le voyeurisme » .
Vor allem Männer dürften von dem Rollentausch innerhalb des Films geschockt sein. Das traditionelle Schema wurde von Despentes kurzum auf den Kopf gestellt. Zum einen dringt sie mit dem Krimi und dem Porno in zwei traditionelle Männer-Domänen ein. Zum anderen sind bei ihr die Frauen die Subjekte. Noch diskriminierender und demütigender: Die Männer sind sogar nur einfache Objekte, zur weiblichen Lustbefriedigung – und zwar ohne Skrupel seitens der Frauen. Und all’ dies übt die Frau aus, das zarte, gefühlvolle Geschlecht, das nur ach so gerne in devoten Positionen gezeigt wird. In Baise-moi sind Manu und Nadine als Frauen fast noch männlicher und damit kälter und roher als „richtige“ Männer dargestellt: Sie kennen keine Grenzen – egal in welcher Hinsicht, und eine Moral kommt nur sehr selten zum Vorschein. Hier sind es die Frauen, die das Zepter in der Hand halten und die völlig uneingeschränkt ihre Macht ausüben können. Das ist sicherlich neu für die Männer-Welt und dürfte einem Großteil von ihr auch nicht gefallen.
Im Bereich von Literatur-Verfilmungen ist es gängige Praxis, dass vom Originaltext etwas abgehoben wird, um den Film auf eine Kernaussage zu reduzieren. So ging man auch bei der Baise-moi-Verfilmung von der eigentlichen Textgrundlage weg und schrieb das Drehbuch filmgerecht um. Virginie Despentes äußert sich zu den Unterschieden von Film und Buch in einem Interview wie folgt:
[…] im Film gibt es weniger Tote, denn die zu inszenieren kostet immer sehr viel Geld. Daher wurden die Morde im Film sehr sorgfältig ausgewählt. [lacht] Außerdem fehlen einige weniger wichtige Charaktere. Wir beide [= Despentes und Trinh Thi] haben das Script [sic!] in kaum mehr als einer Woche geschrieben.
Nachfolgend sollen nun die wesentlichen Unterschiede von Buch und Film herausgearbeitet werden, indem die entsprechenden Szenen einander gegenübergestellt werden .
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Vergleich ausgewählter Szenen aus Buch und Film
2.1. Ausgangssituation und parallele Evolution der « existences échouées » zu gewaltverherrlichenden Täterinnen
2.1.1. Äußere Umstände und Ausgangspunkt im Fall von Manu
2.1.2. Begleitumstände und Ausgangssituation bei Nadine
2.2. Konstruktion eines lüsternen Mörderpaares
2.3. Auftakt der kollektiven Mordserie des « duo infernal »
2.4. Finale Kulmination der barbarischen Gewaltakte
3. Schlussbetrachtung
4. Bibliographie
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die mediale Inszenierung des Pornographischen und der Gewalt im Roman sowie in der gleichnamigen Verfilmung "Baise-moi" von Virginie Despentes. Dabei steht die zentrale Forschungsfrage im Mittelpunkt, wie sich die Darstellung der weiblichen Protagonistinnen in beiden Medien unterscheidet, welche filmischen Methoden zur Realitätssteigerung eingesetzt werden und inwieweit der Film unter Berücksichtigung juristischer und gesellschaftlicher Definitionen als pornographisch einzustufen ist.
- Vergleichende Analyse der Handlungsszenen in Buch und Film
- Konstruktion von weiblicher Täterschaft und Rollenbildern
- Einsatz von authentischen Pornodarstellern zur Steigerung des Realitätsfaktors
- Diskussion über die mediale Grenzüberschreitung und Tabubrüche
- Rezeption von Gewalt und Pornographie in der zeitgenössischen Gesellschaft
Auszug aus dem Buch
2.2. Konstruktion eines lüsternen Mörderpaares
Manu und Nadine sind im Film leicht bekleidet in einem Hotelzimmer und hören laute Musik. Dazu bewegen sie sich sehr aufreizend und erotisch. Sie haben augenscheinlich viel Spaß dabei. Auffällig ist, dass Nadine in dieser Situation den Eindruck macht, als habe sie nicht einfach nur Spaß am Tanzen: Sie strahlt eine derartige sexuelle Spannung aus, dass man förmlich darauf wartet, dass etwas zwischen diesen beiden jungen Frauen passiert. Diese Tanzszene erscheint jedoch nicht im Buch, wobei sie fast ein bisschen Glück und Normalität in den Alltag der Mädchen zu bringen scheint: unbekümmertes Fröhlichsein durch ausgelassenes Tanzen – eine Szene ohne Gewalt und ohne Gewaltgedanken bringt dem Film für kurze Zeit eine veritable Harmonie. Eine Szene, die dem Film hinzu geschrieben wurde und die eine Nuance ausgelassener Fröhlichkeit hineinbringt.
Manu fällt im Buch schließlich Nadines vernarbter Rücken auf:
Qu’est-ce que t’as fait à ton dos, grosse, t’avais pas été sage ? Nadine passe sa main dans son dos sans répondre. Au toucher, les boursouflures sont énormes, reliefs sinueux et durs. […] Des traînées sombres lui éclaboussent tout le dos, comme une fresque rageusement raturée. Inquiétants hiéroglyphes déchaînés dans la chair.
Diese Narben, die ihr von einem Freier zugefügt worden sind, sind jedoch nur im Buch von Relevanz, im Film werden darauf keine direkten Anspielungen gemacht. Als ein indirekter Verweis auf die Sado-Maso-Vorliebe Nadines’ könnte jedoch der Anfang des Films gesehen werden: Nadines Gesicht ist in Großaufnahmen zu sehen. Sie befindet sich in einem Raum mit rotem Licht und man erkennt nur schemenhafte Umrisse. Ihr Gesicht sieht ausgebrannt und leer aus. Unter Ihren Augen ist sie ganz schwarz geschminkt. Sie hat einen leicht apathischen Blick. Als Halsschmuck trägt sie eine Art Hundehalsband mit aufgesetzten Stacheln – typischer Sado-Maso-Schmuck. Hinter der sonst so ruhigen Fassade schaut zum ersten Mal auch die dunkle, unschöne Seite Nadines’ hervor.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in das Thema der Verfilmung von "Baise-moi" ein, beleuchtet die kontroversen Reaktionen und die Absicht der Regisseurinnen, durch reale Sex-Szenen und Kameraeinstellungen den Realitätsfaktor zu erhöhen.
2. Vergleich ausgewählter Szenen aus Buch und Film: In diesem Hauptteil werden spezifische Handlungsmomente gegenübergestellt, um Unterschiede in der Erzählweise sowie in der Charakterentwicklung von Manu und Nadine aufzuzeigen.
2.1. Ausgangssituation und parallele Evolution der « existences échouées » zu gewaltverherrlichenden Täterinnen: Hier wird analysiert, wie äußere Umstände und traumatische Erlebnisse die Protagonistinnen in die Rolle von Täterinnen drängen, wobei das Buch tiefergehende Hintergründe liefert.
2.1.1. Äußere Umstände und Ausgangspunkt im Fall von Manu: Dieser Abschnitt fokussiert auf den Selbstmord von Manus Freund Camel als initialen Auslöser ihrer Gewaltbereitschaft.
2.1.2. Begleitumstände und Ausgangssituation bei Nadine: Hier wird Nadines Hintergrund sowie die Rolle ihres Freundes Francis im Vergleich zwischen Buch und Film beleuchtet.
2.2. Konstruktion eines lüsternen Mörderpaares: Dieses Kapitel thematisiert die erotische Inszenierung des Mörderpaares und die symbolische Bedeutung ihrer Handlungen.
2.3. Auftakt der kollektiven Mordserie des « duo infernal »: Die Darstellung verschiedener Gewaltszenen und Raubüberfälle wird hier auf Unterschiede in ihrer Brutalität und Umsetzung untersucht.
2.4. Finale Kulmination der barbarischen Gewaltakte: Der Fokus liegt auf der drastischen Gewalteskalation gegen Ende der Erzählung, inklusive der Tabubrüche, die im Buch expliziter dargestellt werden.
3. Schlussbetrachtung: Die Schlussbetrachtung diskutiert, ob "Baise-moi" trotz seiner pornographischen Elemente und der polarisierenden Rezeption als Film mit künstlerischem Anspruch zu verstehen ist.
4. Bibliographie: Das Verzeichnis listet sämtliche verwendeten Primär- und Sekundärquellen der Arbeit auf.
Schlüsselwörter
Virginie Despentes, Baise-moi, Pornographie, Gewalt, Filmvergleich, weibliche Täterschaft, Realismus, Dogma 95, mediale Inszenierung, Tabubruch, Adaption, Geschlechterrollen, Voyeurismus, Trash-Literatur, Feminismus.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit analysiert die mediale Umsetzung von Virginie Despentes' Roman "Baise-moi" in den gleichnamigen Film, wobei ein besonderer Fokus auf der Darstellung von Gewalt und Sexualität liegt.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind die Unterschiede zwischen literarischer Vorlage und filmischer Adaptation, die mediale Konstruktion von weiblicher Gewaltbereitschaft und die juristische sowie gesellschaftliche Debatte um Pornographie.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, die Unterschiede in der Szenengestaltung aufzuzeigen und zu klären, warum das Werk so starke schockierende Reaktionen hervorruft und ob der Begriff "pornographisch" für den Film gerechtfertigt ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin wählt eine vergleichende Analyse (komparative Methode) zwischen Buch und Film, gestützt durch Interviews mit der Autorin und die Anwendung filmwissenschaftlicher und soziologischer Definitionen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil befasst sich detailliert mit der Evolution der Protagonistinnen zu Täterinnen, der Konstruktion des Mörderpaares sowie ausgewählten Schlüsselszenen wie den Raubüberfällen und den Gewaltexzessen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist geprägt durch Begriffe wie Pornographie, Gewalt, mediale Inszenierung, Authentizität, Tabubruch und die Auseinandersetzung mit feministischen Rollenbildern.
Warum wird im Film auf bestimmte Szenen aus dem Buch verzichtet?
Laut der Argumentation der Arbeit liegen die Gründe vorwiegend in Budgetbeschränkungen, aber auch in der bewussten Entscheidung der Regisseurinnen, die Narration auf essenzielle, schockierende Momente zu fokussieren.
Wie unterscheidet sich die Darstellung der Protagonistinnen in den beiden Medien?
Die Arbeit stellt fest, dass das Buch die innere Zerrissenheit und die Hintergründe der Charaktere (z.B. durch Songtexte oder detaillierte familiäre Details) deutlich stärker betont als der Film, der sich auf eine rohere, direkte Bildsprache konzentriert.
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- Larissa Neuefeind (Author), 2005, Littérature trash = Cinéma trash? Mediale Inszenierungsformen des Pornographischen in Despentes’ "Baise-moi", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/77600