Zwischen Repression und Revolution - Jugend in den Anfangsjahren des Stalinismus


Seminararbeit, 2006
20 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Jugend in der bolschewistischen Ideologie

3. Selbstverständnis des Komsomol

4. Der achte Kongress des Komsomol

5. Jugend und Gewalt

6. Motive und Erfahrungen Jugendlicher im Stalinismus

7. Fazit

8. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Situation von Jugendlichen in der Sowjetunion der 1920er und 30er Jahre ist bislang wenig erforscht. Dies mag angesichts der tief greifenden politischen und gesellschaftlichen Umwälzungen in Russland seit der Oktoberrevolution wenig erstaunlich sein, richtet sich der historische Blick doch meistens auf diese „großen“ Ereignisse. Betrachtet man jedoch die damalige gesellschaftliche Situation in der Sowjetunion etwas genauer, erscheint die Vernachlässigung dieses Themas vonseiten der historischen Forschung geradezu bedenklich. So machte beispielsweise im Jahr 1926 die Gruppe der unter 30-jährigen fast 40% der Bevölkerung der RSFSR aus.[1] Die große Jugendlichkeit der Bevölkerung verdeutlicht, dass die neue sowjetische Gesellschaft in hohem Maße von Angehörigen der jüngeren Generationen gebildet wurde. In Bezug auf den hier zu untersuchenden Zeitraum der Anfangsjahre des Stalinismus stellt sich die Frage, welchen Anteil die Unterstützung des Stalinismus durch die Jugend, und insbesondere durch den Komsomol, an der erfolgreichen Etablierung des Regimes hatte.

In der bisherigen Forschung wurde dieser Aspekt oft vernachlässigt. Die westlichen Arbeiten zum Komsomol waren lange Zeit vom Ansatz der Totalitarismusforschung geprägt und betonten den Zugriff der Partei auf die Jugend. Die Geschichte des Komsomol wurde als eine Geschichte der sich stetig steigernden und schließlich allumfassenden Kontrolle der Jugendorganisation durch die Partei geschrieben.[2] Auf sowjetischer Seite hingegen wurde sie als reine Erfolgsstory dargestellt. Erst in jüngerer Zeit rückte die Jugend als gesellschaftliche Gruppe, die wesentlichen Anteil am Aufbau des Stalinismus hatte, ins Blickfeld der Historiker. Detaillierte Studien zur Beteiligung des Komsomol an den Maßnahmen des 1. Fünfjahrplans[3] und den stalinistischen Großprojekten[4] arbeiteten die Bedeutung einer jungen Generation von Aufsteigern als Trägerschicht des Stalinismus heraus. Studien zur Alltagskultur[5] und zum Zusammenhang von Jugend und Gewalt zeigten jedoch auch, dass es hinter der offiziellen Darstellung immer auch ein großes Maß an Ablehnung und abweichendem Verhalten gegenüber dem Sowjetregime gab.[6] Die jüngste Forschung zur Verständigung über die Jugend in den verschiedenen Diskursen innerhalb der Sowjetunion differenzierte das Bild der Forschung weiter.[7] Eine Gesamtdarstellung der Geschichte der Sowjetjugend fehlt jedoch nach wie vor.

Die vorliegende Arbeit stützt sich in wesentlichen Teilen auf die neuere westliche Forschung. Im Mittelpunkt soll das Verhältnis der Jugend zum Stalinismus stehen. Von zentralem Interesse wird dabei die Frage sein, ob die von der Partei propagierte „enthusiastische“ Zustimmung der Jugend zum Stalinismus und insbesondere zum Aufbauprogramm des 1. Fünfjahrplans auf staatlicher Repression beruhte oder ob der Stalinismus für die Jugendlichen eine attraktive Ideologie darstellte, die eine echte emotionale Zustimmung ermöglichte.

Zunächst ist jedoch der Begriff „Jugend“ zu bestimmen. Die neuere kulturhistorische Forschung geht davon aus, dass „Jugend“ „keine historisch unveränderliche Kategorie, sondern ein gesellschaftliches und kulturelles Konstrukt“ darstellt; sie ist „nicht nur der Selbstentwurf einer Altersgruppe, sondern immer auch ein Konstrukt der Erwachsenen“[8]. Was die Jugend ist, wo die Grenzen zwischen Kindheit und Erwachsensein liegen, steht nicht ein für alle Mal fest, sondern wird diskursiv bestimmt und unterliegt somit historischem Wandel.[9] Insofern erscheint eine Begriffsdefinition über Altersgrenzen oder bestimmte biologische Merkmale wenig sinnvoll. Für die vorliegende Arbeit lässt sich der Begriff jedoch enger fassen. Aufgrund der Quellen- und Forschungslage ist hier mit „Jugend“ überwiegend der im Komsomol organisierte Teil der Jugendlichen gemeint; wenn aus den Reihen der Partei von der „Jugend“ gesprochen wurde, war der Adressat meistens die eigene Jugendorganisation. Die Altersgrenzen für Mitglieder lagen bei der Gründung des Komsomol im Jahre 1918 bei 14 und 23 Jahren, wobei die Obergrenze sich später auf 28 Jahre verschob. Zudem lebten vier Fünftel der Jugendlichen auf dem Dorf, wo der Komsomol aber häufig schwach organisiert war. Zieht man dann noch den Anteil der weiblichen Jugendlichen ab, der im Komsomol nur eine Minderheit darstellte und darüber hinaus einen schweren Stand hatte, bleibt als hauptsächlicher Untersuchungsgegenstand die männliche städtische Komsomoljugend übrig. Somit kann diese Arbeit nicht den (ohnehin vermessenen) Anspruch erheben, ein Gesamtbild der Jugendlichen in der Sowjetunion zu zeichnen.

Der zeitliche Schwerpunkt der Darstellung wird auf den Jahren 1928 bis 1934, also ungefähr der Zeit der ersten beiden Fünfjahrpläne, liegen. Da die Wende von 1928 jedoch ohne die Vorgeschichte des Komsomol unverständlich erscheinen muss, werden die Jahre des Bürgerkrieges und der NEP dort, wo sie für das Verständnis notwendig sind, mit einbezogen.

Der erste Teil der Arbeit gibt einen Überblick über die unterschiedlichen Jugendkonzepte in der bolschewistischen Ideologie von der Zeit des Bürgerkrieges bis zum 1. Fünfjahrplan. Im zweiten Teil wird den Jugendvorstellungen der Partei das Selbstverständnis des Komsomol gegenübergestellt. Am Beispiel des achten Kongresses des Jugendverbandes wird im dritten Teil das Verhältnis von Komsomol und Partei untersucht. Im vierten Teil folgt ein Exkurs über den Zusammenhang von Jugend und Gewalt. Der fünfte Teil ist den Motiven der Komsomolzen gewidmet, die unter Einbeziehung von Selbstzeugnissen beleuchtet werden. Im Schlussteil wird schließlich der Versuch unternommen, die Ausgangsfrage zu klären.

2. Jugend in der bolschewistischen Ideologie

Im Verlauf der Etablierung der Sowjetmacht wandelten sich sowohl der Blick auf die Jugend sowie die Ansprüche, die man in der Partei an sie stellte, grundlegend. Welche Aufgaben die Jugendlichen erfüllen sollten und welchen Platz man ihnen innerhalb der sowjetischen Gesellschaft zuwies, war immer von der jeweiligen politischen Situation abhängig.

Bis zur Festigung des stalinistischen Systems entwickelten sich verschiedene Konzepte von Jugend. Sie lassen sich in zwei Hauptlinien gliedern, die sich vereinfachend mit den Worten Idealisierung und Disziplinierung zusammenfassen lassen. Während bei den einen ein idealistischer Blick auf die Jugend als Konstrukteure der zukünftigen kommunistischen Gesellschaft vorherrschte, dominierte bei den anderen eine pragmatische Ansicht, nach der die Jugendlichen für konkrete Aufgaben genutzt und dementsprechend diszipliniert werden sollten. Es wird zu zeigen sein, wie der disziplinierende Diskurs im Laufe der Zeit die Oberhand gewann und die beiden Linien unter Stalin zur Deckung kamen.

Zunächst herrschte unter den bolschewistischen Führern jedoch weitgehende Konzeptlosigkeit. Während der Jahre des Bürgerkrieges finden sich kaum programmatische Äußerungen hinsichtlich der Rolle der Jugend. Zwar sprachen bolschewistische Führer den Jugendlichen eine wichtige Rolle im Kampf für den Kommunismus zu; ein konkretes politisches Konzept lag dem Appell an die Jugend aber nicht zugrunde. Die Beschwörung von jugendlichem Enthusiasmus und Opferbereitschaft – Stereotypen, die die Grundlage für das spätere idealisierte Jugendbild lieferten - blieb ohne genaue Vorstellungen über die Aufgaben der Jugend bloße Floskel. Solange die Rolle des 1918 gegründeten Jugendverbandes jedoch nicht eindeutig bestimmt war, bestand zwischen Komsomol und Partei eine Parallelität, die leicht in eine Konkurrenzsituation münden konnte.[10]

Deutlich weitsichtigere Konzepte entwickelten dagegen Denker wie der Schriftsteller Maksim Gor'kij. Sein Idealbild des jungen Kommunisten, der sein Schicksal selbst in die Hand nimmt und voller Heroismus für das Kollektiv kämpft, war eng mit der Vision des „Neuen Menschen“ verbunden. Dieser utopische Blick auf die Jugend war aufgrund seiner philosophischen Grundlage überzeugender und bot mehr Identifikationspotential als die oft von konkreten gesellschaftspolitischen oder ökonomischen Zielen geleiteten Vorstellungen der Parteiführer.

Die beiden dargestellten Jugendkonzepte – das utopisch-idealistische und das pragmatisch-disziplinierende – konkurrierten während der Zeit der NEP, wobei die Vertreter des idealistischen Ansatzes im Laufe der zwanziger Jahre immer weiter an Einfluss verloren. Die Vertreter des disziplinierenden Ansatzes konnten sich dabei auf Lenin berufen, dessen auf dem III. Komsomolkongress 1920 erhobene Forderung nach „Lernen, lernen und nochmals lernen“ fortan zum Leitmotiv der bolschewistischen Jugendpolitik wurde. Mit der Aufforderung zum disziplinierten Lernen verband sich eine Abwertung von 'typisch' jugendlichen Eigenschaften wie Aufbruchsgeist oder Radikalität. Bevor die Jugend zum Konstrukteur der kommunistischen Gesellschaft werden könne, solle sie erst einmal etwas lernen – so lässt sich zugespitzt das Jugendbild der älteren Generation auf den Punkt bringen. Die 'alte Garde' mit ihrer Erfahrung und ihrem Wissen gewann somit wieder an Autorität; die Hauptaufgabe des Komsomol lag während der NEP dementsprechend auf seiner „Reservefunktion“ als Ausbildungsbasis neuer Kader für die Partei.[11]

[...]


[1] Vgl. Corinna Kuhr-Korolev: Einleitung zu Corinna Kuhr-Korolev / Stefan Plaggenborg, / Monica Wellmann (Hg.): Sowjetjugend 1917-1941. Generation zwischen Revolution und Resignation. Essen, 2001, S. 10

[2] In dieser Tradition stehen beispielsweise Ralph Talcott Fisher: Pattern for Soviet youth. A study of the congresses of the Komsomol, 1918-1954, New York, 1959; László Révész: Organisierte Jugend. Die Jugendbewegung in der Sowjetunion, Bern, 1972; Dieter Putz: Jugend und Partei. Das Verhältnis der revolutionären russischen Jugend und des sovetischen Jugendverbandes zur Leninschen Partei bis zum Abschluß der grundlegenden Phase 1939 (Diss.), Erlangen-Nürnberg, 1975; Allen Kassof: The Soviet Youth Program. Regimentation and Rebellion, Cambridge (Massachusetts), 1965.

[3] Vgl. Ann Todd Baum: Komsomol Participation in the Soviet First Five-Year Plan, Basingstoke u.a., 1987

[4] Vgl. Dietmar Neutatz: Die Moskauer Metro. Von den ersten Plänen bis zur Großbaustelle des Stalinismus (1897-1935), Köln, 2001

[5] Vgl. Anne E. Gorsuch: Youth in Revolutionary Russia. Enthusiasts, Bohemians, Delinquents, Bloomington, 2000

[6] Vgl. Kuhr-Korolev / Plaggendorf / Wellmann (Hg.), Sowjetjugend, S. 12-14

[7] Vgl. Corinna Kuhr-Korolev: Gezähmte Helden. Die Formierung der Sowjetjugend 1917-1932, Essen, 2005

[8] Kuhr-Korolev / Plaggendorf / Wellmann (Hg.), Sowjetjugend, S. 9

[9] Ähnlich werden Kategorien wie z.B. Geschlecht in der Kulturgeschichte als historischem Wandel unterliegend betrachtet. Vgl. Achim Landwehr / Stefanie Stockhorst: Einführung in die Europäische Kulturgeschichte, Paderborn u.a, 2004

[10] Vgl. Kuhr-Korolev, Helden, S. 35-40

[11] Vgl. ebd., S. 40-49

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Zwischen Repression und Revolution - Jugend in den Anfangsjahren des Stalinismus
Hochschule
Universität Augsburg
Veranstaltung
Der Stalinismus in kulturhistorischer Perspektive
Note
2,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
20
Katalognummer
V77803
ISBN (eBook)
9783638827881
ISBN (Buch)
9783638831840
Dateigröße
485 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Zwischen, Repression, Revolution, Jugend, Anfangsjahren, Stalinismus, Perspektive, Komsomol, Stalin, Jugendbewegung
Arbeit zitieren
Thomas Neumann (Autor), 2006, Zwischen Repression und Revolution - Jugend in den Anfangsjahren des Stalinismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/77803

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