Heinar Kipphardt: "Bruder Eichmann" - Entdämonisierung der Verbrecher und Enthistorisierung der Verbrechen des Nationalsozialismus


Hausarbeit, 2007
15 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Konzepte der Darstellung von Verbrechern des Nationalsozialismus
2.1 Thomas Mann: „Bruder Hitler“ – Distanz aufbrechen
2.2 Hannah Arendt: „Eichmann in Jerusalem“. Ein Bericht von der Banalität des Bösen – Eichmann als Durchschnittsmensch

3. Heinar Kipphardt: „ Bruder Eichmann“
3.1 Die Bruder-These und die Eichmann-Haltung
3.2 Die Analogieebene und der Gegenwartsbezug
3.3 Die Darstellung des Holocausts

4. Zusammenfassung

5. Literaturangaben
Primärliteratur
Sekundärliteratur
Filmmaterial

1. Einleitung

Die vorliegende Hausarbeit möchte sich mit der Darstellung der Verbrecher und Verbrechen des Nationalsozialismus in Heinar Kipphardts Drama Bruder Eichmann beschäftigen. Kipphardt begann sofort unter den Eindrücken des Eichmann-Prozesses 1961 mit der Konzeption des Dramas, beendete seine Arbeit daran allerdings erst im Jahr 1982 kurz vor seinem Tod. Bereits in dem 1965 erschienenen Stück Joel Brand. Die Geschichte eines Geschäfts taucht Adolf Eichmann als Antagonist der Hauptfigur auf. Kipphardt hat sich, besonders auch als Psychiater, über Jahrzehnte mit der Person Adolf Eichmann und dessen Charakter und Denkweise befasst. Dies ermöglichte es Kipphardt – je nach Zeitgeist – immer wieder neue Konzepte der Darstellung zu entwickeln. Während direkt nach dem Krieg Information und Aufklärung im Mittelpunkt stand, widmete sich die Holocaust-Dramatik mit der Zeit immer mehr ihrer Funktion als kulturelles Gedächtnis.

Im ersten Teil dieser Hausarbeit soll auf die Konzepte der Darstellbarkeit von Verbrechen und Verbrechern des Nationalsozialismus eingegangen werden, die Kipphardt bei seiner Arbeit an Bruder Eichmann beeinflussten, und es soll gezeigt werden, wie er diese modifizierte. Mit dieser theoretischen Grundlage kann dann am Text die Darstellungsabsicht Kipphardts herausgearbeitet werden, die sich in zwei Schlagworten zusammenfassen lässt: Entdämonisierung und Enthistorisierung. Durch die Zerstörung der Legende vom Monster und Sadisten und die Darstellung der gewöhnlichen Seite Eichmanns, wird dessen eigentliches Verbrechen offenbart: seine extreme Funktionalität. Diese kann der Zuschauer dann auf der Gegenwartsebene der Analogieszenen wieder erkennen. So wird gezeigt, dass die Verbrechen des Nationalsozialismus keineswegs der Vergangenheit zugeordnet werden dürfen, sondern dass sich bei einzelnen Aspekten dieser Eichmann-Haltung eine sehr deutliche Verbindungslinie bis in die aktuellste Gegenwart ziehen lässt. Die heftige Kritik an Bruder Eichmann zeigte, dass sich viele dieser besonders persönlichen Art von Vergangenheitsbewältigung und Selbstkritik nicht unterziehen wollten. Auch die Tatsache, dass die meisten Theater die Analogieszenen nicht umsetzten, spricht dafür.

Mit dieser Erkenntnis wird deutlich, dass die Verhandlung und Darstellung des Holocausts nicht im Fokus des Stückes steht, auch wenn er in den Gesprächen als Thema stets präsent ist. Deshalb möchte ich zum Schluss nur kurz auf diesen Aspekt, der vor allen Dingen durch die Sprache transportiert wird, eingehen.

2. Konzepte der Darstellung von Verbrechern des Nationalsozialismus

Die beiden offensichtlichsten gedanklichen Vorbilder, an denen sich Kipphardt orientierte, sind Thomas Manns 1938 erschienener Aufsatz Bruder Hitler[1] und Hanna Arendts 1964 als Buch veröffentlichte Prozessanalyse Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen[2], auf die im Folgenden kurz eingegangen werden soll. Dabei geht es nicht darum, diese in ihrer Vollständigkeit zu präsentieren, sondern die Elemente zu benennen, die Kipphardt für seine Konzeption von Adolf Eichmann herangezogen und modifiziert hat. Das soll zeigen, dass in der Auseinandersetzung mit den Verbrechen und Verbrechern des Nationalsozialismus mehrere Standpunkte vertretbar und kombinierbar sind, aus denen sich unterschiedliche Erkenntnisse ableiten lassen.

2.1 Thomas Mann: „Bruder Hitler“ – Distanz aufbrechen

Thomas Mann erkannte in Hitler eine pervertierte Form des Künstlers, einen Menschen, der, obwohl oder gerade weil man ihn hasst und er eine „Katastrophe“ (BH, S. 396) ist, „fasziniert“ (BH, S. 305), „Interesse“ (BH, S. 306) und „eine gewisse angewiderte Bewunderung“ (BH, S. 307) weckt. Er sah in Hitler, dem gescheiterten Maler, eine Ausnahmeerscheinung und nahm diese „peinliche Verwandtschaft“ (BH, S. 309) zum Anlass, sich selbst als Künstler und die Kunst generell kritisch zu überprüfen. Mann zwang sich, nicht die Unterschiede, sondern die Gemeinsamkeiten mit Hitler zu erkennen: „Es ist mit dem Interesse ein selbstdisziplinärer Trieb, es sind humoristisch-asketische Ansätze zum Wiedererkennen, zur Identifikation […] verbunden, die ich dem Haß als moralisch überlegen empfinde.“ (BH, S. 306).

Dieses Konzept greift Kipphardt auf[3], wenn er durch seine Darstellungsweise Eichmanns und die Analogieszenen den Zuschauer dazu anregen möchte, Teile von sich in Eichmann zu erkennen und somit einer Ausbreitung der Eichmann-Haltung, d. h. der reinen Funktionalität, vorzubeugen. Diesem Darstellungsinteresse opferte Kipphardt die Betonung der Einmaligkeit, die bei Thomas Mann und auch bei Hannah Arendt sehr im Vordergrund standen.

2.2 Hannah Arendt: „Eichmann in Jerusalem“. Ein Bericht von der Banalität des Bösen – Eichmann als Durchschnittsmensch

Die Prozessanalyse von Hannah Arendt, die zuerst in fünf Essays in der amerikanischen Wochenzeitschrift The New Yorker publiziert wurde, brach mit der gängigen Darstellungsweise der Verbrecher des Nationalsozialismus, die die Anklage vertrat. Der israelischen Staatsanwalt Gideon Hausner versuchte, das Bild eines sadistischen Ungeheuers zu erzeugen, eines Menschen, der „eine gefährliche, perverse Veranlagung besaß“[4]. Arendt zerstörte diese Legende vom Ungeheuer, indem sie Eichmanns Normalität (EJ, S. 53/54, 326) beschrieb und erläuterte, dass er nie aus fanatischem Antisemitismus, sondern aus übertriebenem Ehrgeiz handelte (EJ, .S. 54). Sie berief sich dabei auf ihre persönlichen Eindrücke von Adolf Eichmann, aber auch auf die Gutachten von sechs unabhängigen Psychiatern, die Eichmann vor und während des Prozesses untersuchten.

Mit dieser Erkenntnis wollte sie Eichmann auf keinen Fall entlasten[5], wie es ihr oft vorgeworfen wurde, sondern die Möglichkeit einer Auseinandersetzung mit seinen Verbrechen eine Stufe weiter auf die Ebene des Verstehens bringen: wie konnte ein normaler, durchschnittlicher Mensch solch ungeheuerliche Taten begehen? Dabei ließ sie die Ausführungen der Verteidigung, Eichmann sei nur ein Rädchen im Getriebe, nicht als Antwort auf diese Frage gelten: „wie die Richter ausdrücklich betonten, wird in einem Gericht keinem System der Prozeß gemacht, […] sondern einer Person; und wenn der Angeklagte zufällig ein Funktionär ist, wird er genau deswegen angeklagt, weil selbst ein Funktionär noch ein Mensch ist“[6]. Auch Kipphardt erkannte in Eichmann die funktionale Haltung des Durchschnittbürgers, die den Faschismus erst zur Todesmaschinerie werden ließ. Die Haltung, dass Gewissen und damit auch Schuld an einen Gesetz- oder Befehlsgeber delegierbar sei.

Anders als bei Hannah Arendt, die bei aller Banalität des Bösen die Einmaligkeit Eichmanns betonte (EJ, S. 328), strebte Kipphardt eine „Generalisation“[7] an, d. h. er möchte durch die Analogieszenen vom Fall Eichmann Parallelen und Vergleiche zu gegenwärtigen Verbrechen ziehen. Dies brachte ihm oft den Vorwurf der Gleichmacherei ein, auf den ich in den folgenden Ausführungen näher eingehen möchte.

3. Heinar Kipphardt: „ Bruder Eichmann“

Nach diesen mehr oder weniger theoretischen Denkansätzen zu Problematik einer Darstellung des Holocausts, sollen nun die Fakten des Fall Eichmanns benannt werden. Die zwei Hauptquellen für das Dokumentarstück waren das Protokoll des israelischen Polizeihauptmanns Avner Less, der in 90 Sitzungen insgesamt 275 Stunden mit Eichmann gesprochen hat und dieses in deutsch geführte Verhör auf 3564 Seiten dokumentierte[8], sowie das aus dem Englischen übersetzte Protokoll der Gespräche des Pastorenehepaars Hull[9]. Darüber hinaus verwendete Kipphardt den Text Die Festnahme des Adolf Eichmann von Moshe Pearlman (1961) und Eichmanns Meine Memoiren (1960). Diese Quellen bearbeitete Kipphardt weitaus radikaler als die Protokolle von Less und Hull, die passagenweise völlig unverändert übernommen wurden (Vgl. z. B. BE S. 34/ EP S. 144ff. oder BE S. 150/ KS S. 135f.).

Auch die Analogieszenen wurden zu großen Teilen aus historischen Dokumenten gewonnen: Ausschnitte aus dem Film Das nukleare Schlachtfeld (I/7c), Auszüge aus Briefwechseln zwischen der Bayer-IG-Farben und der Auschwitz-Lagerleitung (I/9a,c), eine antisemitische Fassung von Wanderers Nachtlied aus dem Stürmer (I/11a), die Aussage Irmgard Möllers vor dem Untersuchungsausschuss des Landes Baden-Württemberg[10] (I/17c) und die Aussagen Ariel Scharons (II/5b,d,e). Die restlichen Szenen, z. B. die Aussagen der KZ- und Ghettoüberlebenden (I/9b,d,e), sind zwar nicht auf ein bestimmtes Dokument zurückführbar, weisen aber eine starke Verbindung zu vielen bekannten Aussagen Überlebender auf. Die fiktionalen Elemente im Stück beschränken sich auf die Figuren Frieda Schilch, den Gefängnisdirektor Ofer und Captain Weiss.

[...]


[1] Mann, Thomas: Bruder Hitler. In: T. M.: Essays. Band 4: Achtung, Europa! 1933–1938. Hg. von Hermann Kurzke und Stephan Stachorski. Frankfurt am Main 1995. S. 305–312. Im Folgenden zitiert unter der Verwendung der Sigle BH und Seitenangabe.

[2] Arendt, Hanna: Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen. München 1986. Im Folgenden zitiert unter der Verwendung der Sigle EJ und Seitenangabe.

[3] Eine genaue Analyse der Unterschiede und Gemeinsamkeiten von Bruder Hitler und Bruder Eichmann bietet:

Koopmann, Helmut: Bruder Hitler – Bruder Eichmann. Zu den Faschismus-Erklärungen von Heinrich und Thomas Mann, Brecht und Kipphardt. In: Allkemper, Alo/ Eke, Norbert Otto (Hrsg.): Literatur und Demokratie. Berlin 2000. S. 213-229.

[4] Hausner, Gideon: Gerechtigkeit in Jerusalem. Der dramatische Bericht des öffentlichen Hauptanklägers im Eichmann-Prozeß über Vorgeschichte und Gang der Verhandlung. München 1967. S. 14.

[5] Bernstein, Richard J.: Verantwortlichkeit, Urteilen und das Böse. In: Smith, Gary (Hg.): Hannah Arendt Revisited: „Eichmann in Jerusalem“ und die Folgen. Frankfurt am Main 2000. S. 294.

[6] Bernstein. S. 296.

[7] Onderdelinden, Sjaak: Geschichte auf der Bühne: die Gattung des dokumentarischen Dramas und ihre Innovationsfähigkeit: Dieter Fortes „Luther/Münzer“ und Heinar Kipphardts „Bruder Eichmann“. In: Neophilologus 76 (1992). S. 265.

[8] Lang, Jochen von: Das Eichmann-Protokoll. Tonbandaufzeichnungen der israelischen Verhöre. Berlin 1982. Im Folgenden zitiert unter der Verwendung der Sigle EP und Seitenangabe.

[9] Hull, William L.: Kampf um eine Seele. Gespräche mit Eichmann in der Todeszelle. Wuppertal 1964. Im Folgenden zitiert unter der Verwendung der Sigle KS und Seitenangabe.

[10] Die betreffende Passage ist nachlesbar in: Rambert, Bernhard/ Binswanger, Ralf/ Bakker Schut, Pieter (Hrsg.): Todesschüsse, Isolationshaft, Eingriffe ins Verteidigungsrecht. Berlin 1995. S. 289/90.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Heinar Kipphardt: "Bruder Eichmann" - Entdämonisierung der Verbrecher und Enthistorisierung der Verbrechen des Nationalsozialismus
Hochschule
Universität Karlsruhe (TH)
Note
1,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
15
Katalognummer
V78013
ISBN (eBook)
9783638800068
Dateigröße
393 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Heinar, Kipphardt, Bruder, Eichmann, Entdämonisierung, Verbrecher, Enthistorisierung, Verbrechen, Nationalsozialismus
Arbeit zitieren
B.A. Yvonne Hoock (Autor), 2007, Heinar Kipphardt: "Bruder Eichmann" - Entdämonisierung der Verbrecher und Enthistorisierung der Verbrechen des Nationalsozialismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/78013

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