Das Verhältnis von Gegenwart und Vergangenheit in Daniel Ganzfrieds "Der Absender"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004

23 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Formale Bezüge: Kapitelabfolgen und Erzählperspektive

3 Der Begriff der Authentizität
3.1 Authentizität und Geschichtsbild
3.2 Oral History und Autobiographie

4 Umgang mit der Vergangenheit in „Der Absender“
4.1 Das Verhältnis von Fiktion und Realität
4.2 Oral History
4.3 Die Veränderung Georgs
4.4 Das Verhältnis zum Vater

5 Ergebnisse

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Daniel Ganzfrieds Roman „Der Absender“[1], erschienen 1995, besteht aus drei Erzählsträngen, die verschiedene, doch miteinander verwobene Geschichten erzählen: Vater und Sohn treffen sich auf dem Empire State Building, ein unbekannter Absender erzählt von seinem Leben als Jude in Ungarn zur Zeit der deutschen Besetzung, Georg, ein Mann Ende Zwanzig arbeitet als Volontär in einem neuen jüdischen Museum in New York.

In dieser besonderen Struktur liegt der Reiz des Romans. Die Lebensgeschichten von Vater und Sohn werden erzählt und in Bezug zueinander gesetzt. Durch sie werden zugleich vielfältige Beziehungen zwischen Vergangenheit und Gegenwart dargestellt. Auch der heutige Umgang mit der Vergangenheit wird durchaus kritisch diskutiert. In diesem Zusammenhang stellt sich insbesondere die Frage der Authentizität von Erinnerungen. Wie sehr wird Authentizität durch Verhältnis zwischen Erinnerung, Realität und Fiktion beeinflusst?

Neben der Geschichte ist „jüdische Identität nach der Shoa“[2] ein wichtiges Thema, das für die Literatur der 2. Generation[3], zu denen auch dieser Roman gezählt wird, typisch ist. Jüdische Identität wird hier sehr vielschichtig und uneinheitlich dargestellt, viele Personen, die unter­schiedlichste Positionen beziehen, unterstreichen noch ihre Vielseitigkeit.

Kurz zum Aufbau dieser Arbeit: Der Schwerpunkt wird auf der Analyse der Bedeutung der Geschichte für die Gegenwart liegen und die Veränderungen, die sich durch die Beschäftigung mit ihr für den Einzelnen ergeben, thematisieren. In Kap. 2 werden die Struktur und die Erzähl­perspektiven des Romans kurz dargestellt und auf ihre Funktion für die Verbindung von Gegenwart und Vergangenheit hin analysiert. Kap. 3 gibt einen Überblick über die Bedeutung der Authentizität. Der Zusammenhang von Authentizität und Geschichtsbild wird dargestellt und eine Definition des Begriffs Oral History gegeben. Zudem werden die Probleme im Umgang mit Oral History und Autobiographie in bezug auf Erinnerung thematisiert. In Kap. 4 wird nun der Roman in Hinblick auf das vermittelte Geschichtsbild untersucht. Dies geschieht zum einen mit Blick auf das Verhältnis von Fiktion und Realität in „Der Absender“ und einer Untersuchung, wie Oral History im Roman thematisiert wird. Zum anderen werden auch die Veränderungen Georgs, die sich aus der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit ergeben, nachgezeichnet.

2 Formale Bezüge: Kapitelabfolgen und Erzählperspektive

In „Der Absender“ gibt es drei Erzählstränge, die auf verschiedene Weisen miteinander verbunden sind. Zu Beginn sind den Lesern diese Verbindungen noch nicht bewusst, erst im Verlauf der Erzählung treten sie zutage. Der erste Erzählstrang ist das Treffen Georgs mit seinem Vater auf dem Empire State Building. Diese Handlung ist in der Gegenwart (um 1991, zur Zeit des 1. Golfkriegs) in New York angesiedelt; ihre Funktion als Rahmenhandlung kommt im Folgenden immer mehr zum Vorschein. Sie verbindet die anderen Geschichten miteinander und bringt sie zu einem Abschluss. Der zweite Erzählstrang handelt von Georgs Leben in New York, seiner Arbeit als Volontär und seiner Suche nach der Identität des Absenders. Diese Handlung ist chronologisch einige Wochen vor dem ersten Handlungskomplex einzusortieren. Dies zeigt sich in Kap. 14, 4 (DA, S. 346); hier kündigt Georgs Vater seinen Besuch in New York an. Den dritten und umfangreichsten Erzählstrang bilden die Lebenserzählungen des Absenders. Sie sind eindeutig in der Vergangenheit anzusiedeln, beginnen um 1944 (Einmarsch der Deutschen in Ungarn), reichen etwa bis zum Ende der 50er Jahre und spielen an vielen verschiedenen Orten (zu Beginn in Ungarn, später u.a. in Schweden und Israel). Im Verlauf des Romans wird angedeutet, dass dies die Erlebnisse von Georgs Vater sind; die zweite Erzählebene zeichnet hingegen nach, wie die Hauptperson Georg genau diese Verbindung herstellen will.

Die Erzählebenen sind zugleich auch Diskurse über die Shoah auf verschiedenen Ebenen[4]: Die Erzählung des Absenders übernimmt Zeugenschaft für die Geschehen der damaligen Zeit, Georgs Arbeit im Museum steht für den professionellen Umgang mit der Vergangenheit, und die Gespräche Georgs mit seinem Vater führen zu einem privaten Generationendiskurs zwischen Vater und Sohn.

Auch die Reihenfolge, in der die unterschiedlichen Erzählstränge im Roman angeordnet sind, ist nicht zufällig und unterstützt noch die Aufteilung zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Die Erzählung des Absenders ist stets eingerahmt von Episoden der Gegenwart, niemals folgen zwei Episoden der Vergangenheit direkt aufeinander. Die Geschichte von Georgs Treffen mit seinem Vater hat noch eine weitere strukturierende Funktion; sie sorgt für eine Verbindung zwischen den Kapiteln: die Kapitel enden mit einem Abschnitt über das Treffen und das folgende Kapitel beginnt mit einem direkt anschließenden Abschnitt. Etwas außerhalb dieser Struktur befindet sich das Kapitel „Übergang“ (DA, S. 221), das ausschließlich aus einer Episode „Georg und sein Vater“ besteht.[5]

Einen großen Teil des Romans hindurch wird diese Struktur eingehalten. Erst gegen Ende, in Kap. 14, kommt es zu einer Auflösung dieser Ordnung: hier gibt es zum ersten Mal einen fast fließenden Übergang zwischen Vergangenheit (den Erzählungen des Absenders) und Gegenwart (den Erzählungen des Vaters). Am Ende des 2. Abschnitts berichtet der Absender von seiner Begegnung mit einer Frau namens Mirah: „Von Zukunft war dabei sowenig die Rede wie von Kindern und wie man verhinderte, dass es soweit kam. Vielleicht war ich bei Mirah ein wenig schneller am Ziel, und ich erinnere mich, dass sie sich der leiblichen Vergnügung nebensächlicher widmete, als ich es von den anderen gewohnt war ...“ (DA, S. 366). Georgs Vater nimmt den Erzählfaden aus dem vorigen Kapitel auf und verfolgt ihn nach einer Zwischenfrage Georgs weiter: „Wie soll ich das beschreiben. Wie ... Nun, vielleicht wie eine, die eigentlich etwas Wichtigeres zu erledigen gehabt hätte und sich nur aus Nachsicht gegenüber meinen kindlichen Bedürfnissen neben mich auf die Chaiselongue hinlegte.“ (DA, S. 366f). Mit diesem Übergang zwischen den Perspektiven scheint die gemeinsame Identität des Absenders und Georgs Vater für die Leser erwiesen, auch wenn dies niemals explizit erwähnt wird.

Besonders ins Auge fallen die verschiedenen Erzählperspektiven des Romans, die die Erzähl­stränge noch zusätzlich voneinander absetzen: die Episoden in der Gegenwart (sowohl Georgs Geschichte als auch die von Georg und dessen Vater) sind aus eher auktorialer (teilweise personaler) Er-Perspektive erzählt, die Lebensgeschichte des Absenders hingegen ist aus einer Ich-Perspektive heraus geschrieben (wechselnd zwischen personal und auktorial).

Dies hat verschiedene Auswirkungen auf den Leser, am bedeutendsten ist eine Verschiebung der ‚Verbundenheit’ oder der Identifikation mit den Textteilen: Die Gegenwart, die dem Lesenden eigentlich zu Beginn näher oder vertrauter ist, da sie einen größeren Bezug zum eigenen Leben aufweist, ist aus der Distanz heraus geschrieben. Besonders deutlich wird dies in der Bezeichnung „der Volontär“, die häufig anstelle von „Georg“ verwandt wird. Diese Verwendung einer Berufsbezeichnung statt eines Namens schafft weitere Distanz. Das „Ich“ in der Erzählung der Vergangenheit hingegen bewirkt, dass diese (für den Lesenden eigentlich weiter entfernte) Episode an Nähe gewinnt.

Eng mit den unterschiedlichen Erzählperspektiven verbunden sind auch die von Ganzfried ge­nutz­ten Erzählformen[6], die zur Unterscheidung der Erzählebenen beitragen: Georgs New York-Erlebnisse werden in einem nüchternen Reportagestil geschildert, die Vater-Sohn-Geschichte trägt biblische Züge[7], die Erzählungen des Absenders sind klar als Überlebenden­bericht einzuordnen.

Ein Ziel, das Ganzfried mit der komplexen Erzählstruktur verfolgt, ist die Vermittlung, „daß es sich bei allen Arten von Erinnerung immer und notwendig um retrospektive Konstruktion auf Grundlage des faktisch Überlieferten und im Licht der Aktualität zu Deutenden handelt.“[8] Dieser Standpunkt soll im Weiteren detailliert erläutert werden.

3 Der Begriff der Authentizität

3.1 Authentizität und Geschichtsbild

Dem Begriff der Authentizität kommt bei Berichten über die Shoah eine zentrale Bedeutung zu. Die Glaubwürdigkeit der Überlebendenberichte ist entscheidend für ihre Bewertung und somit für den Zugang zu der durch sie vermittelten Geschichte. Wird die Authentizität eines Berichts angezweifelt, so wird das darin Erlebte als Fiktion, eventuell gar als Lüge angesehen und somit auch die erzählende Person diskreditiert. Es besteht auch die Gefahr, dass der Eindruck von Fiktion auf andere, die Ähnliches berichten, sozusagen ‚abfärbt’, sie also auch als unglaubwürdig gelten, obwohl dies nicht unbedingt zutreffen muss.

Wichtig bei der Bewertung der Authentizität ist vor allem der dahinterstehende Geschichts­begriff. Lange Zeit galt hier, dass die aufgeschriebene Geschichte ein objektives Bild von den Geschehnissen vermittelt. Heutige (postmoderne) Auffassung ist, dass Geschichte (v.a. Geschichtsschreibung) subjektiv ist.[9] Sie wird u.a. von der Persönlichkeit und den Interessen des Schreibenden geprägt, ist also nicht objektiv, sondern stellt eine Auswahl aus dem Geschehenen dar.[10] Hinzu kommt noch, dass Geschichte nicht einheitlich und eindimensional, sondern vielfältig ist, abhängig davon aus welcher Perspektive sie betrachtet wird, z.B. welche Quellen untersucht werden.

Authentizität wird jedoch von den verschiedensten Faktoren beeinflusst. Der wichtigste ist der der Erinnerung, die ja die gesamte persönliche Berichterstattung über die Vergangenheit prägt.

Im Hinblick auf „Der Absender“ spielt vor allem das Verhältnis von Erinnerung und Realität sowie der Umgang mit ‚Oral History’ eine Rolle. In den folgenden Abschnitten sollen diese Begriffe näher erläutert werden; vorausgeschickt werden muss hier noch, dass sie nicht völlig unabhängig voneinander sind, sondern dass insbesondere die Problematik der Oral History von der Debatte um Fiktion und Realität geprägt ist.

3.2 Oral History und Autobiographie

Was genau ist Oral History? Oral History hat zwei Facetten: zum einen versteht man hierunter mündlich erzählte Geschichte, zum anderen wird auch die mündliche Befragung von Zeitzeugen zu ihren Erlebnissen und die Bearbeitung dieser Quellen (Interviews) unter diesen Begriff gefasst. Oral History ist also auch Methode oder Forschungsinstrument der Geschichtswissenschaft. Bislang gibt es für Oral History keinen feststehenden deutschen Begriff, eine Übersetzung ist etwa der von Vorländer genutzte Begriff „mündlich erfragte Geschichte“[11].

Entstanden ist die Oral History in den 40er Jahren zunächst in den USA mit der Verbreitung von Aufzeichnungsgeräten. Zunächst wurden vor allem wichtige Persönlichkeiten der Zeitgeschichte befragt, beispielsweise Politiker oder Generale. In den 60er Jahren kam es zu einem Wandel innerhalb der Geschichtsforschung und dadurch bedingt auch in der Anwendung der Oral History: die Erforschung der Alltagsgeschichte oder auch der Geschichte „von unten“. In den 70er Jahren wurde Oral History auch in Deutschland genutzt.[12] Heutige Einsatzgebiete der Oral History sind vor allem die Erforschung der Minderheitengeschichte, Frauengeschichte und der Geschichte von Diktaturen (insbesondere des Nationalsozialismus und Stalinismus).

[...]


[1] Daniel Ganzfried: Der Absender. Roman. Frankfurt am Main, Fischer, 1998 (Taschenbuchausgabe). Im Folgenden wird aus dieser Ausgabe zitiert durch die Angabe (DA + Seitenzahl) direkt nach dem Zitat.

[2] Eva Lezzi: Daniel Ganzfried. In: Metzler Lexikon der deutsch-jüdischen Literatur. Hrsg. von Andreas B. Kilcher. Stuttgart, Weimar, Metzler, 2000. S. 168-170. Hier S. 168

[3] Mit Literatur der 2. Generation wird hier Literatur von nach dem 2. Weltkrieg geborenen jüdischen Autoren bezeichnet.

[4] Vgl. Hans Otto Horch: Die Stimme des Vaters. Zu Daniel Ganzfrieds Roman „Der Absender“ (1995). In Deutsch-jüdische Literatur der neunziger Jahre. Die Generation nach der Shoah. Hrsg. v. Sander L. Gilman und Hartmut Steinecke. Berlin, Erich Schmidt, 2002. (Beihefte zur Zeitschrift für Deutsche Philologie; 11) S. 108-117.
Hier S. 109

[5] Auf die besondere Funktion des Kapitels „Übergang“ wird im folgenden noch eingegangen: siehe Kap. 4.3: Veränderung Georgs

[6] Vgl. Lezzi, a.a.O., S. 169

[7] Newman/Wiedmer ziehen hier Vergleiche zur Genesis, insbesondere zu Abraham und Isaak (vgl. S. 306f). Rafaël Newman und Caroline Wiedmer: Odysseus’s Tattoo. On Daniel Ganzfried’s The Sender and Binjamin Wilkomirski’s Fragments. In: Literary Paternity, Literary Friendship. Studies in Honor of Stanley Corngold. Edited by Gerhard Richter. Univ. of North Carolina Press, Chapel Hill, 2002. S. 297-320. Hierzu im Folgenden mehr.

[8] Horch, a.a.O. S. 109

[9] Eine weitaus differenziertere Darstellung dieser Thematik findet sich z. B. in: James E. Young: Beschreiben des Holocaust. Darstellung und Folgen der Interpretation. Frankfurt am Main, Suhrkamp, 1997. S. 13-29.

[10] Ein bekanntes Beispiel ist hier der Begriff der ‚Geschichte des Siegers’.

[11] Herwart Vorländer: Mündliches Erfragen von Geschichte. In: Oral History. Mündlich erfragte Geschichte. Acht Beiträge. Hrsg. von Herwart Vorländer. Göttingen, Vandenhoeck & Ruprecht, 1990. S. 7-28

[12] Besonders bekannt sind die Sozialstudien von Lutz Niethammer, z.B.: Lutz Niethammer/Alexander v. Plato (Hrsg.): „Wir kriegen jetzt andere Zeiten“. Auf der Suche nach der Erfahrung des Volkes in nachfaschistischen Ländern. Berlin u. Bonn, Dietz, 1985.

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Details

Titel
Das Verhältnis von Gegenwart und Vergangenheit in Daniel Ganzfrieds "Der Absender"
Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen  (Germanistisches Institut der RWTH Aachen)
Veranstaltung
Deutsch-jüdische Literatur zwischen 1980 und der Gegenwart
Note
1,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
23
Katalognummer
V79007
ISBN (eBook)
9783638852722
ISBN (Buch)
9783640673728
Dateigröße
540 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Verhältnis, Gegenwart, Vergangenheit, Daniel, Ganzfrieds, Absender, Deutsch-jüdische, Literatur, Gegenwart
Arbeit zitieren
M.A, Kerstin Billen (Autor), 2004, Das Verhältnis von Gegenwart und Vergangenheit in Daniel Ganzfrieds "Der Absender", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/79007

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