Essstörung im spezifischen Fall von Bulimie und die Auswirkungen auf Erziehung und Unterricht


Examensarbeit, 2006

161 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

A. Theoretischer Hintergrund
2. Überblick über Essstörungen
2.1 Body-Mass-Index
2.2 Anorexia nervosa
2.3 Bulimia nervosa
2.4 „Binge-Eating“-Störung
2.5 Zusammenhang von Essstörungen
3. Definition
4. Symptomatik
4.1 Person und Auftreten
4.2 Persönlichkeit
4.3 Die Bedeutung des Essens
4.4 Die Essattacke
4.4.1 Auslöser solcher Essattacken
4.4.2 Konsequenzen der Essattacke
4.5 Kompensatorische Maßnahmen
4.6 Anzahl der Anfälle
4.7 Der Teufelskreis
4.8 Ausmaße der Bulimie
5. Mögliche Folgeschäden der Bulimia nervosa
5.1 Somatische Folgenp
5.1.1 Folgen der Mangelernährung
5.1.2 Folgen der Essattacken
5.1.3 Folgen des „Purging“-Verhaltens
5.1.3.1 Folgen des Erbrechens
5.1.3.2 Folgen des Missbrauchs von Medikamenten
5.2 Psychische Folgen
6. Klassifikation
6.1 Diagnostische Kriterien für Bulimia nervosa laut DSM-IV
6.2 Diagnostische Kriterien für Bulimia nervosa laut ICD-10
6.3 Vergleich der Diagnosekriterien von DSM-IV und ICD-10
für Bulimia nervosa
7. Diagnostik
7.1 Instrumente der Diagnostik
7.1.1 Eating Disorder Inventory (EDI-2)
7.1.2 Fragebogen zum Essverhalten (FEV)
7.1.3 Eating Disorder Examination (EDE)
7.1.4 Strukturiertes Interview für Anorektische und
Bulimische Essstörungen (SIAB)
7.2 Differentialdiagnostischer Prozess
7.2.1 Somatische Abgrenzungen
7.2.2 Psychische Abgrenzungen
8. Komorbidität
8.1 Somatische Störungen
8.1.1 Diabetes mellitus
8.2 Psychische Störungen
8.2.1 Anorexia nervosa
8.2.2 Depression
8.2.3 Substanzmissbrauch und –abhängigkeit
8.2.4 Angststörung
8.2.5 Impulsives Verhalten
8.2.6 Persönlichkeitsstörungen
8.2.7 Zwangsstörung
8.2.8 Auffälligkeiten in der Familie
9. Epidemiologie
9.1 Alter
9.2 Geschlechtp
9.3 Soziales Milieu
9.4 Risikogruppen
9.5 Verbreitung einzelner Symptome
10. Ätiologie
10.1 Biologische Prädispositionen
10.1.1 Genetik
10.1.2 Neurochemie
10.2 Soziokulturelle Prädispositionen
10.2.1 Änderung der Geschlechterrolle
10.3 Familiäre Prädispositionen
10.4 Individuelle Prädispositionen
10.4.1 Kognitive Störungen
10.4.2 Psychische Faktoren
10.5 Belastende Lebensereignisse
10.6 Ätiologische Modelle
11. Verlauf
11.1 Rückfallrate
11.2 Vorteilhafte und negative Einflüsse
11.3 Verlauf ohne Therapie
12. Therapie
12.1 Stationär versus ambulant
12.1.1 Rahmenbedingungen
12.2 Biologisch-medizinische Behandlung
12.2.1 Biologische Ansätze
12.2.1.1 Medikamentöse Behandlung
12.3 Psychologische Behandlung
12.3.1 Verhaltensorientierte Therapieverfahren
12.3.1.1 Kognitiv-verhaltenstherapeutische Ansätze
12.3.1.2 Training sozialer Kompetenz
12.3.2 Psychodynamische Ansätze
12.3.2.1 Psychoanalytische Therapie
12.3.2.2 Tiefenpsychologische Therapie
12.3.2.3 Interpersonale Psychotherapie (IPT)
12.3.3 Humanistisch-existenzielle Ansätze
12.3.3.1 Gesprächspsychotherapie
12.3.3.2 Gestalt- und Integrative Therapie
12.3.4 Soziokulturelle oder systemische Ansätze
12.3.4.1 Systemische Familientherapie
12.3.4.2 Gruppentherapie
12.4 Gestaffelte Therapie
12.5 Entlassung
12.6 Vergleich der Therapieresultate

B. Fallbeispiel
13. Fallbeispiel Anja
13.0 Vorinformation
13.0.1 Soziodemographische Angaben zur Person
13.0.2 Angaben zum therapeutischen Rahmen
13.0.3 Therapeutisch relevante Zusatzinformation
13.0.4 Formale Diagnose nach ICD-10 und nach DSM-IV
13.1 Zusammengefasste Exploration
13.1.1 Beschreibung der aktuellen Symptomatik
13.1.2 Lebensgeschichte
13.1.3 Angaben über Verhaltensbeobachtungen
13.1.4 Psychopathologischer Befund
13.2 Verhaltensanalyse
13.2.1 Makroanalyse (Bedingungsanalyse)
13.2.2 Mikroanalyse (Horizontale Verhaltensanalyse)
13.3 Prognostische Einschätzung

C. Prävention und Intervention
14. Möglichkeiten und Grenzen schulischer Prävention und
Intervention
14.1 Auswirkungen der Bulimia nervosa auf den Schulalltag
14.2 Aufgabe der Schule
14.3 Bezug zum Bildungsplan
14.4 Definition von Prävention und Intervention
14.4.1 Primäre Prävention
14.4.2 Sekundäre Prävention
14.4.3 Tertiäre Prävention
15. Handreichungen zur Förderung von Kindern und Jugendlichen
mit Bulimia nervosa
15.1 Ansetzend an der Lernenden
15.1.1 Kognitive Ebene
15.1.2 Emotionale Ebene
15.1.3 Soziale Ebene
15.1.4 Körperliche Ebene
15.1.5 Illustration der Ansatzpunkte an der Lernenden
15.2 Ansetzend an der Lehrperson
15.3 Ansetzend an der Lehrmethode
15.4 Ansetzend an der Lernumwelt
15.4.1 Klassenzimmer
15.4.2 Schulorganisatorische Interventionen
15.5 Ansetzend an den Eltern
15.6 Außerschulische Ansatzpunkte
16. Adressen von Selbsthilfeverbänden und Beratungsstellen
17. Resümee und Ausblick
18. Literaturverzeichnis

Anhang
Anhang I: SKID (Strukturiertes Klinisches Interview für DSM-IV)
Anhang II: Kurzfassung der Handreichungen zur Förderung von
Kindern und Jugendlichen mit Bulimia nervosa

Wissenschaftliche Erklärung

1. Einleitung

„Wer schön sein will, muss leiden!“

Das aktuelle Schönheitsideal ist durch knabenhafte und untergewichtige Models gekennzeichnet, die kaum weibliche Züge aufweisen. Vor allem in der westlichen Gesellschaft wird Schlankheit mit Schönheit gleichgesetzt. Es gilt die Devise: Je dünner, desto schöner (Comer, 2001).

Magere Models und Prominente, wie unter anderem Nicole Richie, die mit einer Körpergröße von 1,57m gerade mal 40 Kilogramm auf die Waage bringt und somit ein deutliches Untergewicht aufweist, sind keine Seltenheit. Sie stehen in der Öffentlichkeit und dienen als Idole für Kinder und Jugendliche, denen nachgeeifert wird. In der Pubertät erleben Heranwachsende kognitive, physische und soziale Umbrüche (Oerter & Montada, 2002). Gerade in dieser Zeit stehen sie der Entwicklung und Festigung ihrer eigenen Identität bevor und fühlen sich aufgrund der genannten Veränderungen besonders verunsichert. Hieran leistet auch der Körper seinen Beitrag, da die Körperinszenierung genutzt wird, um soziale Anerkennung und Achtung bei Gleichaltrigen und/oder Erwachsenen zu erlangen (Fischer, 2004). Aus diesem Grund gewinnt das äußere Erscheinungsbild in der Pubertät zunehmend an Bedeutung, weshalb viel Wert auf einen makellosen Körper gelegt wird (Janalik & Schmidt, 1997). Das Modellieren des eigenen Körpers zu einem makellosen, schlanken Körper wird unter anderem daher als äußerst wichtig erachtet, weil Übergewichtige von der Gesellschaft diskriminiert werden und selbst auch Defizite in Bezug auf Zufriedenheit und Selbstachtung aufweisen (Buhl, 1991).

Der ständige Vergleich des Schönheitsideals mit dem eigenen Körpers führt zu einer Abwertung dessen oder zu dem Streben, die Traumfigur zu erreichen (Janalik & Schmidt, 2004). Allerdings bleibt es oftmals lediglich bei einer Wunschvorstellung, die nicht realisierbar ist.

Da der Körper zum wichtigsten Instrument unserer Selbst-Präsentation geworden ist, bekommen die Vor-Bilder immer größere Bedeutung und verleiten unerbittlich zu Imitation oder resignativem Rückzug

(Janalik & Schmidt, 1997, S.138).

Sich diesem psychischen Druck, den Schönheitsvorstellungen zu entsprechen, zu entziehen, ist kaum möglich, da die Themen des Schlankheitswahns in den Medien stets präsent sind (Janalik & Schmidt, 2004). Die Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper insbesondere beim weiblichen Geschlecht schlägt sich beispielsweise in Frauenzeitschriften nieder, die durch zahlreiche Diätvorschläge und spezielle Sportübungen gekennzeichnet sind, um den Problemzonen entgegenzuwirken. Auch im Fernsehen und in der Werbung begegnet man ständig schönen, schlanken und durchtrainierten Frauen und Männern, mit denen man positive Eigenschaften assoziiert. Zudem wird der Druck von der öffentlichen Meinung und der Industrie erhöht. Vor allem der wirtschaftliche Markt profitiert von der Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper, weshalb sich Light-Produkte immer öfter im Warensortiment von Lebensmittelgeschäften wiederfinden. Es erfordert ein durchweg starkes Selbstbewusstsein, diesen Themen keine Beachtung zu schenken und sich davon nicht beeinflussen zu lassen.

All dies deutet auf eine Überbewertung des Körpers hin, die sich zudem im Boom von Solarien, Fitnesscenter und Kosmetikartikel niederschreibt. Der Körper wird nicht als gegeben akzeptiert und hingenommen, sondern als eine modellierbare Masse angesehen, die man willkürlich nach seinen Vorstellungen formen kann. Der Traumkörper schlechthin stellen gepflegte, braungebrannte und durchtrainierte Körper dar. Sogar medizinische und chirurgische Eingriffe werden auf sich genommen, um dem Idealkörper näherzukommen. So weisen Schönheitsoperationen eine erschreckende Häufigkeitsrate auf.

Der Überbewertung des Körpers steht allerdings eine Distanzierung des Körpergefühls durch dessen immer größer werdende Beherrschung entgegen. Die Gesellschaft fordert zunehmend eine gewisse Selbstdisziplin, die mit der Kontrolle und Unterdrückung der Bedürfnisse, Impulse, Triebe und Affekte des Menschen einhergeht (Elias, 2001). So ziemt es sich nicht, seinen Bedürfnissen vor allem in der Öffentlichkeit freien Lauf zu lassen. Dem Menschen wird abverlangt, gegen seinen natürlichen Drang anzukämpfen, um den gesellschaftlichen Normen zu entsprechen. Dies führt zu einer Verdrängung der körpereigenen Gefühle und somit zu einer Körperentfremdung (Bette, 1989). Kinder werden erzogen, sich wie Erwachsene zu verhalten und somit für die Eltern angenehmer zu sein. So wird bereits im frühen Kindesalter auf eine Herstellung der Körperdisziplin hingearbeitet. Während der Schulzeit müssen Erstklässler lernen, ihren körperlichen Trieben, wie zum Beispiel dem Bewegungsdrang oder der Redelust nicht mehr unmittelbar nachzukommen, sondern ihn zu kontrollieren und auf die Pausen zu schieben.

Das gleichzeitige Aufkommen und die Steigerung von Körperaufwertung auf der einen Seite und Körperdistanzierung auf der anderen Seite bezeichnet Bette (1989) als Paradoxie. Ein übersteigerter Fitnesswahn und Essstörungen resultieren als Folge daraus (Janalik & Schmidt, 1997).

Innerhalb der letzten Jahrzehnten nahm die Häufigkeit von Gewichts- und Essstörungen, die durch ein gestörtes Verhältnis zum Essen und zum eigenen Körper charakterisiert sind, dramatisch zu (Comer, 2001; Fichter & Warschburger, 2002). Der enorme Druck, der insbesondere auf Mädchen und Frauen lastet, äußert sich in deren extrem hohen Erkrankungsrate. Dies liegt daran, dass das Selbstwertgefühl einer Frau weitestgehend durch die körperliche Attraktivität bestimmt ist (Laessle, 1994), die wiederum an etwas Konkretem und Messbaren, wie dem Gewicht, festgemacht wird. Ständig wird ihnen vor allem durch die Medien eingeflößt, dass sie nur dann akzeptiert und erfolgreich sein werden, wenn die attraktiv und schlank sind (Graf-Scheffl, 1993).

Die Realität zeigt eine zunehmende Diskrepanz zwischen Traumfigur und der tatsächlichen Figur innerhalb der letzten Jahren (Jacobi, Thiel & Paul, 2000). Dies liegt zum einen an dem immer dünner werdenden Schönheitsideal und zum anderen daran, dass in der heutigen Wohlstandgesellschaft Nahrungsmittel im Überfluss angeboten werden und man nicht mehr aufgrund des Hungers, sondern eher aufgrund des Appetits isst. Es befindet sich ein riesiges Warenangebot verschiedenster Lebensmittel, die aufgrund günstiger Preise zum Kauf und Konsum verlocken. Noch nie gab es eine solch große Anzahl an Fertigprodukten, welche die Nahrungszubereitung sehr erleichtern. Allerdings werden gerade jene mit appetitsteigernde Zusätze, wie Aromastoffen, versetzt (Bauer, Anderson & Hyatt, 1992), durch deren Geschmack und Duft Signale des Körpers, wie Sättigung, zu ignorieren und selbst dann noch weiter zu essen, nachdem das Hungergefühl gestillt ist (Buhl, 1991).

In Frauenzeitschriften erscheinen paradoxerweise neben Diätvorschlägen auch appetitanregende Rezepte. Lässt sich kein Mittelmaß zwischen Schlankheitswahn und dem übersteigenden Nahrungsmittelangebot finden, kann sehr schnell eine Essstörung daraus resultieren.

Die Bulimia nervosa zeigt dieses Dilemma, in dessen Spannungsfeld sich vor allem Frauen befinden, anschaulich auf: Die Bulimikerin kann den appetitanregenden Nahrungsmittel nicht widerstehen und stopft diese willkürlich in sich herein. Sie lässt sich von ihren Gelüsten leiten ohne darüber nachzudenken. Nach dem Essanfall und der Befriedigung der körperlichen Triebe setzt ihre Geisteskraft wieder ein, die ihr den Traumkörper vor Augen hält, den sie krampfhaft versucht zu erreichen. Aus diesem Grund sieht sie sich dazu gezwungen, ihr Verhalten mit Hilfe kompensatorischer Maßnahmen rückgängig zu machen, um nicht vom Schönheitsideal abzuweichen.

Das Besorgniserregende an dieser Störung besteht in der Häufigkeit ihres Auftreten unter weiblichen Jugendlichen und jungen Frauen (Russell, 1995).

Die vorliegende Arbeit lässt sich in drei Abschnitte unterteilen:

Im ersten Abschnitt (A.) sollen die gesamten theoretischen Grundlagen, die der Bulimia nervosa zugrunde liegen, vorgestellt werden. Dies beinhaltet unter anderem die Symptomatik, die Folgeerscheinungen sowie Prognosen.

Der zweite Abschnitt (B.) umfasst die Darstellung eines Fallbeispiels von Bulimia nervosa mit Hinblick auf Schule und Unterricht. Somit soll der vorangegangene Theorieteil veranschaulicht werden.

Im dritten Abschnitt (C.) soll der Zusammenhang der bulimischen Störung mit Schule anhand konkreter Beispiele dargelegt werden und hilfreiche Handreichungen vorgeschlagen werden, die bei der Intervention vor allem innerhalb des schulischen Rahmens von Nutzen sein können.

Mit Hilfe dieser Arbeit sollen nicht nur das Wissen um die Krankheit vergrößert, sondern auch mögliche pädagogische Handlungsansätze dargestellt werden, wie zum einen die Bulimia nervosa präventioniert und zum anderen bei Auftreten der Störung interveniert werden kann.

Begründung der gewählten Sprachregelung:

Um die vorliegende Arbeit leichter lesbar zu machen, wird auf das gleichzeitige Nennen der femininen und maskulinen Form verzichtet. Da von der bulimischen Störung hauptsächlich weibliche Personen betroffen sind, wird in der vorliegenden Arbeit der feminine Genus verwendet, wenn von der Bulimikerin die Rede ist.

Wenn das natürliche Geschlecht unwichtig ist oder männliche und weibliche Personen gleichermaßen gemeint sind, wie es beispielsweise beim Therapeuten oder Lehrer der Fall ist, wird die maskuline Bezeichnung als Genus commune gebraucht.

A. Theoretischer Hintergrund

In diesem Teil meiner Arbeit möchte ich dem Leser zu Beginn einen kleinen Überblick über die drei häufigsten Essstörungen und deren Zusammenhänge aufzeigen. Des Weiteren wird die Begrifflichkeit der Bulimia nervosa geklärt, sowie näher auf das klinische Bild der Bulimikerin und den möglichen Folgeschäden eingegangen. Auch die Klassifikation und die Diagnostik, anhand denen bulimische Symptome festgemacht werden können, werden in diesem Kapitel aufgeführt. Weitere Störungen, die häufig zusammen mit der bulimischen Erkrankung auftreten, sollen dargelegt werden. Im Anschluss hieran finden sich Angaben zur Epidemiologie des Vollbildes der Bulimia nervosa, aber auch die Verbreitung einzelner Symptome. Zudem werden die ursächlichen Faktoren wiedergegeben, die zur Entstehung und Aufrechterhaltung der Bulimia nervosa beitragen. Daran anschließend wird der Krankheitsverlauf sowie verschiedene therapeutische Vorgehen demonstriert und erläutert.

2. Überblick über Essstörungen

Den Wunsch nach einem schlanken Körper teilen Bulimikerinnen mit fast allen Frauen der westlichen Industriegesellschaft (Cash & Henry, 1995; Goldfein, Walsh & Midlarsky, 2000; Wood, Becker & Thompson, 1996). Allerdings leiden nicht alle unter einer Essstörung, sondern vorwiegend nur solche, bei denen eine große Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper besteht und gleichzeitig ein gezügeltes Essverhalten beobachtet wird (Fairburn, Welch, Doll, Davies & O’Connor, 1997; Stice, 1994).

Das wesentliche Kennzeichen von Essstörungen ist das abnormale Verhältnis zum Essen und zum eigenen Körper. Viele bedeutende Autoren, wie zum Beispiel Fichter (2003) oder Jacobi, Thiel und Paul (2000) stützen sich auf Bruch (1973), die die Kernsymptome psychogener Essstörungen in dem Vorhandensein von Körperschemastörungen, dem tiefen Gefühl eigener Unzulänglichkeit, sowie der gestörten Wahrnehmung von inneren, äußeren und emotionalen Reizen sieht.

Essstörungen werden der Gruppe der psychosomatischen Erkrankungen zugeordnet, da seelische (psychogene) Belastungen als zentrale Ursache der Erkrankung angesehen werden, welche sich auch über den Körper äußern und es angesichts dessen zu schweren somatischen Schäden kommen kann. Innere Konflikte finden ihren Ausdruck über den Körper und weisen darauf hin, dass die Verarbeitung psychischer Probleme nicht ausreichend erfolgt ist und diese nun auf etwas Konkretes - auf den Körper - übertragen werden (Buhl, 1991; Keppler, 1995). Während des Krankheitsverlaufs treten sowohl psychische, als auch somatische Symptome auf, die sich teilweise wechselseitig bedingen (Jacobi et al., 2000).

Die häufigsten und von dem ICD-10 oder dem DSM-IV offiziell anerkannten Essstörungen sind Anorexia nervosa (Magersucht), die Bulimia nervosa (Ess-Brech-Sucht) und die „Binge Eating Disorder“ (Esssucht / psychogene Hyperphagie[1] ohne gegensteuernde Maßnahmen), von der meist, aber nicht ausschließlich, Übergewichtige oder Adipöse betroffen sind .

Auf die Adipositas (Fettsucht) selbst wird hier nicht näher eingegangen, da sie eine körperliche Erkrankung ist und nicht zwingend eine psychische Störung mit ihr einhergeht (Fichter & Warschburger, 2002).

Aufgrund zahlreicher Gemeinsamkeiten fließen die Übergänge der einzelnen Störungsbilder ineinander über. Allen gemeinsam ist das auffällige, gestörte Essverhalten, die ständige Beschäftigung mit dem Thema Essen und den dadurch resultierenden Leidensdruck der Betroffenen.

2.1 Body-Mass-Index

Die oftmals zur eindeutigen Diagnose erforderlichen Gewichtskriterien werden durch den Body-Mass-Index (BMI) bestimmt, der sich wie folgt errechnen lässt:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quadrat der Körpergröße in m2

Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO, 1998) ist zur Diagnose eines kritischen Untergewichts ein Body-Mass-Index von unter 17 erforderlich. Liegt der BMI zwischen 17 und 18,5, so besteht Untergewicht. Der Index für ein Normalgewicht befindet sich zwischen 18,5 und 24,9, ein Übergewicht zwischen 25 und 29,9 und von einem kritischen Übergewicht (Adipositas) spricht man ab einem Wert von 30.

Die Berechnung des BMI für Kinder und Jugendlichen erfolgt wie die des Erwachsenen. Allerdings werden zu deren Ermittlung geschlechtsspezifischen BMI-Perzentile herangezogen, da diese entwicklungsbedingte Wachstumsphasen berücksichtigen (Kromeyer-Hauschild et al., 2001). Die nachfolgende Abbildung zeigt solche Perzentilkurven für Kinder und Jugendliche im Alter von Null bis 18 Jahren unter Bezugnahme des errechneten BMI, sowie Alter und Geschlecht (vgl. Abb. 1).

Aufgrund des Untergewichts bei einer anorektischen Essstörung, bzw. des Übergewichts bei einer „Binge-Eating“-Störung, ist das Erkennen der Essstörung einfacher als bei Bulimikerinnen, da deren äußeres Erscheinungsbild normal scheint. Doch Unter- oder Übergewicht können auch aus anderen Gründen entstehen und sind daher nur bedingt auf Essstörungen zurückzuführen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Perzentilkurven

Quelle: Kromeyer-Hausschild, Wabitsch, Kunze et al. (2001), nach Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (18.08.2006). Wachstumskurven für den Body-Mass-Index (BMI). http://www.bzga-kinderuebergewicht.de/pdf/wachstumskurve.pdf

2.2 Anorexia nervosa

Der umgangssprachliche Ausdruck für die Anorexia nervosa ist die Magersucht. Sie ist vor allem durch den enormen Verlust von Gewicht gekennzeichnet, weshalb ein Untergewicht vorliegt. Ein Richtwert zur Bestimmung von Untergewicht ist der BMI (Body-Mass-Index), der höchstens bei 17,5 liegen darf (APA, 2000).

Die wesentlichen Merkmale anorektischer Personen zeigen sich in dem zielbewussten Streben nach extremer Schlankheit, der krankhaften Angst vor Gewichtszunahme und somit einer zwanghaften Beschäftigung mit den Themen Essen, Gewicht und Aussehen, was sich in dem gestörten Essverhalten äußert (DeSilva, 1995; Porzelius, Berel & Howard, 1999). Dabei werden Hungergefühle geleugnet.

Des Weiteren hängt ihre Selbstbewertung von der eigenen Zufriedenheit mit der Figur und Gewicht ab (APA, 2000). Daher wird die Anorexie oftmals als Folge einer vorangegangenen Diät beobachtet (Comer, 2001) und nicht selten von einem Substanzmissbrauch begleitet (Wiederman & Pryor, 1996). Die einzigen von ihnen als äußerst positiv erlebten Gefühle beschränken sich auf Stolz in Bezug auf erfolgreiche Gewichtsbeherrschung, sowie der damit zusammenhängenden wachsenden Zufriedenheit mit dem Körper.

Man unterscheidet zwei Subgruppen der Anorexia nervosa: Zum einen den „restriktiven Typus“, der den Gewichtsverlust lediglich durch das besonders starke Einschränken der Nahrungsmenge erlangt und dabei den Einsatz von gewichtsreduzierenden Maßnahmen, wie zum Beispiel Erbrechen oder Abführen, unterlässt (APA, 2000; Dilling, Mombour & Schmidt, 2004). Dem gegenüber steht der „Binge-Eating/Purging“-Typus, bei dem regelmäßig Essattacken auftreten („Binge-Eating“), diese jedoch durch gegenregulierende Maßnahmen nach den Mahlzeiten, wie beispielsweise selbstinduziertes Erbrechen oder Missbrauch von Laxanzien[2] und Diuretika[3] („Purging“-Verhalten), einer Gewichtszunahme entgegenwirken (APA, 2000; Dilling et al., 2004). Der prozentuale Anteil der beiden Typen ist annähernd gleich (Comer, 2001).

Mindestens 90% der von der Anorexia nervosa Betroffenen sind Frauen (Leon, Carroll, Chernyk & Finn, 1985). Das Alter bei Beginn der Erkrankung liegt häufig zwischen 14 und 19 Jahren (APA, 1994; Fombonne, 1995).

Die Mangelernährung sowie das Untergewicht ziehen neben kognitiven Störungen, Persönlichkeitsstörungen und affektiven Problemen auch zahlreiche medizinische Komplikationen nach sich (Goldbloom und Kennedy, 1995; Laessle, Schweiger, Tuschl & Pirke, 1991), wie zum Beispiel die Amenorrhoe[4], die bei nahezu 100% der betroffenen Frauen festgestellt wurde (Treasure & Szmukler, 1995).

Da Anorektikerinnen oft Störungen der eigenen Körperwahrnehmung aufweisen (fühlen sich trotz des vorhandenen Untergewichts zu dick), gestehen sie sich das Ausmaß ihrer Krankheit nicht zu und weigern sich, ein dem Alter und der Körpergröße entsprechenden Mindestgewicht zu halten. Sowohl die Folgen der Mangelernährung, als auch die des Untergewichts werden lapidar übersehen und bei Seite geschoben (Tuschen-Caffier, Pook & Hilbert, 2005). Das Misstrauen, das sie gegenüber anderer Menschen zeigen, bringen sie vor allem gegenüber Fachleuten auf.

2.3 Bulimia nervosa

Bei der Bulimia nervosa (Ess-Brech-Sucht), oder auch kurz Bulimie genannt, unterliegt die Betroffene regelmäßig auftretenden Heißhungerattacken, in denen riesige Nahrungsmengen vertilgt werden. Bei der Nahrungsmittelauswahl handelt es sich vor allem um kalorienreiche und fetthaltige Nahrungsmittel, die die Bulimikerinnen aus ihrem sonst üblichen Ernährungsplan verbannen. In der Regel halten sie sich pedantisch an ihren selbst aufgesetzten, sehr strengen Diätplan, der vor allem eiweißhaltige, kalorienreduzierte Nahrungsmittel vorsieht (entspricht dem „restrict eating“). Die logische Folge hieraus ist ein körperlicher Mangelzustand, der starke Heißhungergefühle auslösen kann (Tuschen-Caffier et al., 2005).

Das Auftreten solcher - meist heimlich stattfindender - Essanfälle variiert von zweimal wöchentlich bis mehrmals täglich und spielt sich gewöhnlich in einer Zeitspanne von bis zu zwei Stunden ab (APA, 2000). Meist werden sie in Folge von psychischen Belastungen und negativen Stimmungen hervorgerufen (Alpers & Tuschen-Caffier, 2001; Cattanach, Malley & Rodin, 1988; Tuschen-Caffier & Vögele 1999; Tuschen, Vögele, Kuhnhardt & Cleve-Prinz 1995) und von einem Gefühl des Kontrollverlusts über ihr Essverhalten begleitet. Das Ende eines solchen Essanfalls wird durch ein unangenehmes Völlegefühl eingeleitet, welches sich in starke Schuldgefühle umwandelt und schließlich dazu führt, kompensatorische Verhaltensweisen, wie beispielsweise selbstinduziertes Erbrechen, einzusetzen.

Auch bei der Bulimia nervosa werden zwei Typen spezifiziert: einerseits den „Purging“-Typus, der direkt auf den Essanfall mit Erbrechen, Missbrauch von Abführmitteln, Diuretika oder Einläufen reagiert, und andererseits den Nicht-“Purging“-Typus, der andere Maßnahmen zur Gewichtskontrolle aufgreift, wie exzessives Sporttreiben und Fastenkuren (APA, 2000).

Ähnlich dem psychopathologischen Krankheitsmerkmal der Anorexie findet auch bei dieser Essstörung eine übertriebene Verknüpfung von Selbstwertgefühl und Figur bzw. Gewicht statt. Obwohl die meisten normalgewichtig sind, sorgen sie sich ständig um ihre Figur und ihr Gewicht. Oft sind sie äußerst unzufrieden mit ihrem Körper, da sie - unabhängig von ihrem tatsächlichen Erscheinungsbild oder Gewicht - die Ansicht vertreten, dass sie zu dick aussehen und/oder zu viel wiegen (Ledoux, Choquet & Manfredi, 1993; Mizes, 1995). Daher sehnen sie sich nach einem schlanken, makellosen Körper (Cash & Deagle, 1997; Hsu & Sobkiewicz, 1991), den sie durch das Einhalten von Diäten erreichen wollen. Allerdings gelingt ihnen das konsequente Durchhalten von Diäten nicht, da sie impulsiver und auch emotional instabiler als Anorektikerinnen sind.

Aufgrund des abnormen Essverhaltens empfinden die Betroffenen starke Scham- und Schuldgefühle, die sich in depressiven Stimmungen und Ängsten, sowie Substanzmissbrauch niederschlagen können (Joiner, Heatherton, Rudd & Schmidt, 1997). Doch nicht nur affektive Probleme, sondern auch schwere medizinische Komplikationen treten in Folge des bulimischen Verhaltens auf.

Wie bei der Anorexia nervosa sind von der Bulimia nervosa überwiegend Frauen betroffen. Die Angaben schwanken diesbezüglich von 85-99% der Fälle (Leon et al., 1985; Potreck-Rose, 1987), weshalb die Bulimie des Öfteren als typisch weibliche Störung betitelt wird.

2.4 „Binge-Eating“-Störung

Ähnlich wie bei der Bulimia nervosa kennzeichnen die regelmäßig auftretende Essanfälle das Störungsbild der „Binge-Eating“-Störung (englisch: binge eating disorder, BED), in denen unkontrolliert große Nahrungsmengen aufgenommen werden. Der wesentliche Unterschied besteht darin, dass diesen Essanfällen keinerlei kompensatorische Verhaltensweisen zur Gewichtskontrolle folgen (Gladis et al., 1998; Mussell et al., 1996) - weder das „Purging“-Verhalten (Erbrechen, Missbrauch von Laxanzien, etc.), noch das Nicht-“Purging“-Verhalten (Sport, Fasten). Aus diesem Grund sind die meisten Betroffenen übergewichtig oder adipös.

Des Weiteren können die einzelnen Essanfälle über einen derart großen Zeitrahmen andauern, dass Ende und Anfang verschiedener Essanfälle ineinander übergehen können und es somit zu einer zeitlichen Überschneidung kommt (Tuschen-Caffier et al., 2005). Auch Differenzen bezüglich der Lebensmittelauswahl innerhalb eines Essanfalls lassen sich berichten, denn während die Bulimikerin hauptsächlich süße Speisen „verschlingt“, „frisst“ der „Binge-Eating“-Gestörte auch andere (z.B. deftige) Speisen (Wilfley, Wilson & Agras, 2003). Auch er leidet unter seinem abnormen Essverhalten und empfindet nicht selten Ekel, sowie massive Schuldgefühle, weswegen er ungern in Gesellschaft isst.

Nach Jacobi et al. (2000) weisen von allen Übergewichtigen ungefähr 20 – 50% Symptome der „Binge-Eating“-Störung auf. Sie unterscheiden sich von den anderen adipösen Betroffenen vor allem in der Psychopathologie (Marcus, 1993).

Während der Anteil der Frauen in den oben genannten Störungen deutlich überwog, wird bei der „Binge-Eating“-Störung von einem ausgewogenen Verhältnis bezüglich der Geschlechter ausgegangen (Tuschen-Caffier et al., 2005). Da die „Binge-Eating“-Störung erst 1994 in den Diagnoseschlüssel der DSM-IV aufgenommen wurde, liegen bislang nur wenige empirische Befunde darüber vor.

2.5 Zusammenhang von Essstörungen

Wie bereits aus der vorangegangen Darstellung der verschiedenen Essstörungen ersichtlich, gibt es einige Überschneidungen der einzelnen Störungsbilder, da ihre Übergänge nicht eindeutig voneinander abgrenzbar sind: Während 50% der von Anorexia nervosa Betroffenen ihr Untergewicht durch Nahrungsrestriktion erreichen (restriktiver Typus), leidet der restliche Teil unter Essanfällen („Binge-Eating“) mit anschließenden rückwirkenden Maßnahmen („Purging“). So ähnelt sich das Verhalten des „Binge-Eating/Purging“-Typus der Anorexia nervosa doch sehr dem des „Purging“-Typus der Bulimia nervosa. Der einzige Unterschied stellt hier das bei der Anorexie vorhandene Untergewicht dar. Ein Wechsel von einer Form zur anderen ist daher recht häufig. So kann sich zum Beispiel die Diagnose von Personen mit Bulimia nervosa in die Diagnose Anorexia nervosa „Binge-Eating/Purging“-Typus verändern, wenn die Betroffenen in solch starkem Ausmaß abnehmen, dass sie in das hierfür verlangte Untergewicht fallen.

Doch auch in die andere Richtung lassen sich Gemeinsamkeiten beschreiben, da es auch Übergewichtige gibt, die ein bulimisches Verhaltensmuster aufweisen. Jedoch zeigen die meisten Übergewichtige kein „Purging“-Verhalten (APA, 2000, 1994; Garner & Fairburn, 1988; Russell, 1979).

Die folgende Grafik stellt den Versuch dar, die genannten Zusammenhänge und Unterschiede der einzelnen Störungsbilder in Anlehnung an Comer (2001) aufzuzeigen (vgl. Abb. 2).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Zusammenhänge und Unterschiede von Essstörungen.

Eigene Darstellung, in Anlehnung an Comer (2001), S. 289.

3. Definition

Der Begriff Bulimie stammt aus dem Griechischen und setzt sich aus den Worten „bous“ und „limos“ zusammen. Während limos den Hunger, den Heißhunger, aber auch die Hungersnot bezeichnet, wird das Präfix bous mit Stier, Ochse oder Rind übersetzt. Somit ergibt sich aus der Zusammenstellung der Wörter für Bulimie die Bedeutung Ochsenhunger, wobei hier nicht der Hunger des Tieres gemeint ist, sondern der Hunger auf einen Ochsen (Ziolko, 1985, S.232).

Es deutet auf das wesentliche Kennzeichen der Störung hin - dem regelmäßigen Auftreten von anfallsartigen Heißhungerattacken („Binge-Eating“), in denen innerhalb einer kurzen Zeitspanne Unmengen von Nahrungsmittel verschlungen werden und denen unmittelbar im Anschluss kompensatorische Verhaltensweisen folgen (Fichter & Warschburger, 2002; Steinhausen, 2006). Man unterteilt die kompensatorischen Maßnahmen, wie bereits erwähnt, in zwei Gruppen: zum einen in „Purging“-Verhalten, das durch den Einsatz von Mitteln, wie Laxanzien, Diuretika, Appetitzüglern, Klistieren oder erzwungenes Erbrechen einer Gewichtszunahme entgegenwirken und zum anderen das „Non-Purging“-Verhalten, das ihr Gewicht durch Fasten oder übermäßige sportliche Betätigung regulieren.

Innerhalb eines Essanfalls empfinden die Betroffenen das Gefühl, die Kontrolle über ihr Verhalten verloren zu haben und von alleine nicht mehr mit dem Essen aufhören zu können (Nissen, 1995; Steinhausen, 2006).

Das Krankheitsbild der Bulimia nervosa wurde Ende der 70er Jahre erstmals von Russell (1979) definiert, 1980 im Klassifikationssystem der DSM-III von der American Psychiatric Association als eigenständige diagnostische Erkrankung eingetragen und 1987 unter der Bezeichnung der Bulimia nervosa genauer spezifiziert (APA, 1990; 1987). Auch im ICD-10 fand die Bulimia nervosa ihren Eingang im Jahre 1987 (Dilling, Mombour & Schmidt, 1991).

4. Symptomatik

Bei der Bulimie handelt es sich um eine Störung, der tiefliegende emotionale Konflikte zugrunde liegen. Daher kann die Erscheinung der Krankheit mit einem Eisberg verglichen werden, denn auch bei diesem ist nur die in Bezug auf den gesamten Berg winzigkleine Spitze zu sehen, während die hauptsächliche Masse tief verborgen liegt (Keppler, 1995).

4.1 Person und Auftreten

Allgemein sind Bulimikerinnen in ihrem gesamten äußeren Erscheinungsbild, auf das sie sehr achten, eher unauffällig – sie wirken gepflegt, attraktiv, selbstbewusst und sind meist schlank (Baeck, 1994). Das Körpergewicht der meisten Bulimikerinnen befindet sich im Normalbereich (Fairburn & Cooper, 1984; Fichter & Warschburger, 2002), allerdings weisen sie erhebliche Gewichtsschwankungen von bis zu 15 Kilogramm um den Normbereich innerhalb weniger Tage auf (Nissen, 1995; Pyle, Mitchell und Eckert, 1981; Steinhausen, 2006). Dies ist auf die Alternierung der Episoden von Essanfällen und Fasten bzw. Diäthalten zurückzuführen (Laessle, 1994).

In der Schule oder im Beruf zeigt sich die für die bulimische Patientin typische Orientierung nach Leistung und Perfektion, welche durch außerordentlich gute Schulabschlüsse oder die erfolgreiche Ausübung hochqualifizierter Berufe belegt wird (Baeck, 1994; Graf-Scheffl, 1993). Die Verfolgung des Perfektionismus nimmt gewaltige Ausmaße an, so dass bei Erreichen eines Ziels, der neue Vorsatz konstant höher gefasst wird (Fichter, 1991; Heatherton & Baumeister, 1991). Die erworbenen Erfolgserlebnisse haben eine anhebende Wirkung auf den Selbstwert der Betroffenen und bei sportlichem Erfolgen kommt ein weiterer Selbstwertgefühlaufbau durch eine Beschleunigung der Gewichtsreduktion hinzu.

Nach außen hin verhalten sie sich sehr angepasst und vermeiden Konflikte. Bulimikerinnen werden oft von ihrem Umfeld als liebe, verständnisvolle und unkomplizierte Person beschrieben, die ein großes Einfühlungsvermögen besitzen und aufgrund deren Eigenschaften von sehr vielen als Freundin oder Kollegin geschätzt werden (Buhl, 1991; Graf-Scheffl, 1993). Im sozialen Begegnungen zeigen sie sich offen und außerordentlich kontaktfreudig (Graf-Scheffl, 1993).

4.2 Persönlichkeit

Das perfekte Auftreten entpuppt sich als eine aufgesetzte Fassade einer sehr gebrechlichen und hilfsbedürftigen Persönlichkeit, dessen größter Feind der eigene Körper darstellt, den es zu besiegen gilt (Graf-Scheffl, 1993). Ihren Triumph sieht sie in der Überlistung des Körpers, indem sie sich nicht von ihm leiten lässt, die Kontrolle über ihn beherrscht und seine Signale, wie beispielsweise Hungergefühle, ignoriert. Ihr Selbstwert und ihre Befindlichkeit werden ausschließlich von der momentanen Empfindung des körperlichen Aussehens bestimmt, speziell von der Figur und dem Gewicht (Nissen, 1995; Palmer, 1987; Wise & Laessle, 1999). Es gilt der Grundsatz: Je dünner, desto schöner. Aus diesem Grund lässt sich die krankhafte Angst vor einer Gewichtszunahme erklären, sowie die ständige Verfolgung des Ziels, noch mehr an Gewicht zu verlieren (Baeck, 1994; Bauer, Anderson & Hyatt, 1992; Fichter, 2003; Gerlinghoff, 1996; Laessle, 1994). Da die Betroffenen eine stark verzerrte Wahrnehmung des eigenen Körpers aufweisen und sich nahezu alle als viel zu dick ansehen, ist ihr Selbstwertgefühl, sowie ihre Selbstachtung, die meiste Zeit außerordentlich niedrig (Bauer et al., 1992; Bruch, 1973; Fichter, 2003). Oftmals setzen sie sich eine Gewichtsgrenze, die weit unter dem für sie geltenden Optimalgewicht angesiedelt ist.

Aus diesem Grund lassen sich die vorhandenen Stimmungsschwankungen erklären, die mit den Gewichtsveränderungen verbunden sind, und die sich wechselseitig bedingen: Ein erfolgreicher Gewichtsrückgang bringt eine positive Stimmung mit sich und analog hierzu ist eine durch Gewichtszunahme verursachte depressive Stimmung oft Auslöser weiterer Essattacken, und somit eines erneuten Gewichtsanstiegs (Baeck, 1994). Die depressiven Verstimmungen äußern sich in der bereits beschriebenen Stimmungslabilität, in Gefühlen der Wertlosigkeit und in immensen Schuldgefühlen, die sich bis hin zu Suizidgedanken und –versuchen erstrecken können (Bauer et al., 1992; Laessle, 1989). Die Betroffenen leiden unter Antriebslosigkeit, Schlafstörungen, fühlen sich leer, abgestumpft und unzulänglich. Die Lebensfreude und Begeisterungsfähigkeit für sämtliche Aktivitäten nimmt fortlaufend immer weiter ab (Bauer et al., 1992) und durch den sozialen Rückzug kommen sie kaum mehr aus dem Haus (Jacobi et al., 2000).

Weitere kennzeichnende Charakterzüge bulimischer Betroffener zeigen sich in der unberechenbaren Impulsivität, der extremen Abhängigkeit von sozialen Normen und der Meinung anderer (Comer, 2001; Fichter & Warschburger, 2002). Darin kann man den Grund sehen für die von ihnen selbst auferlegte Wichtigkeit intimer Beziehungen (Muuss, 1986; Striegel-Moore, Silberstein & Rodin, 1993), denn daraus holen sie sich ihre Bestätigung für ihre attraktive Wirkung auf andere, besonders die auf Männer. Deshalb ist es nicht selten, dass sie sich auffällig schminken, aufreizende Kleidung tragen, exzessiv mit Männern flirten und allgemein gesehen sexuell aktiver als andere sind (Buhl, 1991; Graf-Scheffl, 1993).

Dies verhilft ihnen, ihre Angst und Unsicherheit zu überspielen. Doch hinter der Fassade der gutaussehenden Frau kann sich nicht nur Angst, sondern auch Hass auf Männer verbergen. Viele Betroffene berichten von einem gestörten Verhältnis zum anderen Geschlecht und können sich nur selten wirklich auf eine andere Person einlassen und Nähe akzeptieren. Die bei Bulimikerinnen oftmals vorhandenen Partnerschaftsprobleme lassen sich auf diese Einstellung zurückführen, denn zum einen hegen sie den Wunsch nach einer innigen Verschmelzung mit dem Partner und andererseits wollen sie unter keinen Umständen von ihm abhängig werden. Sie möchten ihre Selbständigkeit und die Kontrolle über sich selbst wahren, daher halten sie soziale Kontakte meist oberflächlich. Den Betroffenen fällt es außerordentlich schwer, die eigenen Gefühle und Erwartungen von denen der anderen zu unterscheiden, weshalb ihr Handeln oftmals von der Umgebung gesteuert wird (Buhl, 1991; Graf-Scheffl, 1993).

4.3 Die Bedeutung des Essens

Bulimikerinnen zeigen, abgesehen von ihren Essanfällen, ein ausgeprägtes, restriktives Diätverhalten (Westenhöfer, 1996 nach Fichter & Warschburger, 2002), welches auch als „stark gezügeltes Essverhalten“ oder „restrained eating“ bezeichnet wird (Herman & Mack, 1975; Herman & Polivy, 1975). Sie verfügen über ein großes Wissensrepertoire, was die Kalorienangaben anbelangt, zum Beispiel, wie viele Kalorien welches Nahrungsmittel besitzt. Daher sind sie in der Lage, die exakte Kalorienanzahl von Mahlzeiten im voraus zu berechnen (Fichter & Warschburger, 2002). Demnach weist das Essverhalten bulimischer Patientinnen sowohl während der Essanfälle, als auch außerhalb dieser, gestörte Züge auf (Fichter & Warschburger, 2002).

Ein weiteres Kennzeichen bulimischer Personen ist die andauernde, bereits zum Zwang gewordene, Beschäftigung mit dem Thema Essen, Figur und Gewicht (Fichter, 2003; Graf-Scheffl, 1993). Fichter und Warschburger (2002) spricht in diesem Zusammenhang von „eine[r] kognitiven Fixierung auf diesen speziellen Bereich des Lebens (Nahrungsaufnahme und körperliche Erscheinung gemäß den sozialen Normen)“ (S. 563).

Nicht selten werden Essgestörte darin beobachtet, dass sie Kochbücher durchforschen und Kochrezepte sammeln. Mit größtem Vergnügen bekochen sie andere mit kalorienreichen Mahlzeiten und zwingen diese, sie zu essen (Buhl, 1991; Graf-Scheffl, 1993). Sämtliche Lebensmittel werden den zwei Kategorien „verbotene“ und „erlaubte“ Lebensmittel zugeordnet (Fichter, 2003; Graf-Scheffl, 1993). Demnach gehört die gedankliche Zentrierung auf das Thema „Essen“ und „Nicht-Essen“ zu ihrem Lebensinhalt, der nach und nach immer mehr Raum beansprucht (Baeck, 1994; Keppler, 1995).

4.4 Die Essattacke

Die Einteilung von Lebensmittel in gut und schlecht ist typisch für Bulimikerinnen, da sie ihr dichotomes Ambivalenzdenken auf sämtliche Lebensbereiche übertragen und nicht nur in Bezug auf das Essen. Sie leben in Extremen, denken in Schwarz-Weiß-Mustern und gestehen sich keinerlei Grauzonen und keinerlei Kompromisse zu. Es gibt nur ein Alles-oder-Nichts, Wenn-Dann, Entweder-Oder, die Perfektionistin steht der Versagerin gegenüber, ein Mittelmaß existiert für sie nicht (Baeck, 1994; Fichter & Warschburger, 2002).

Das Gewicht wird einer strengen und übertriebenen Kontrolle unterzogen und durch zahlreiche Diäten und Fasten versucht, das erstrebte Schlankheitsideal zu erreichen. Allerdings meist ohne Erfolg, da es durch die mangelnde Impulskontrolle immer wieder zu Heißhungerattacken kommt (Nissen, 1995), in denen maßlos riesige Mengen von Nahrungsmitteln binnen kurzer Zeit konsumiert werden. Die Betroffenen beschreiben diese als eine unwiderstehliche Gier. Sie lassen sich von ihren Gelüsten leiten, auch wenn sie dabei gegen ihre Diätregeln verstoßen. Dabei handelt es sich vorwiegend um jene Nahrungsmittel, die auf der verbotenen Liste stehen, welche die Betroffenen aus ihrem selbst aufgesetzten Speiseplan verbannten – süße, kalorienreiche und fetthaltige Nahrungsmittel von weicher Konsistenz, die leicht herunterzuschlucken sind und keiner aufwendigen Zubereitung bedürfen (Eiscreme, Kuchen, Krapfen, Sandwiches) (Bauer et al., 1992; Levine, 1987; Steinhausen, 2006). Diese werden in solch einer hohen Geschwindigkeit verschlungen, dass die Betroffenen nicht in der Lage sind, die Lebensmittel richtig zu schmecken oder sie zu genießen, da sie beinahe unzerkaut heruntergeschluckt werden (Comer, 2001; Woell, Fichter, Pirke & Wolfram, 1989). Um eine spätere Entleerung des Mageninhalts zu erleichtern, nehmen viele Betroffene literweise Getränke zu sich (Gerlinghoff, 1996).

Die Spanne der aufgenommenen Kalorienwerte ist sehr weitreichend. Schulte und Böhme-Bloem (1991) berichten von Kalorienwerten, die sich in Bereich von 1.000 bis zu 55.000 Kalorien pro Essanfall bewegen. Auch Pyle et al. (1981) geben eine tägliche Kalorienzufuhr von bis zu 50.000 Kalorien an und nennen somit eine weitaus höhere Zahl als Russell (1989) und Nissen (1995), die sich auf eine Nahrungsmittelaufnahme von bis zu 15.000 Kalorien festlegen. Steinhausen (2006) berichtet von errechneten Werten, die die tägliche Nahrungsmittelzufuhr um das bis zu 27-Fache übersteigen. Eine amerikanische Studie weist einen durchschnittlichen Kalorienwert von 3.000 pro Anfall vor, welche sich über eine Spannbreite von 1.200 bis zu 11.500 Kalorien erstreckt (Mitchell, Hatsukami, Pyle & Eckert, 1986). Während Agras (1995) von einer innerhalb eines Essanfalls aufgenommenen Kalorienzufuhr von 3000 Kalorien spricht, übersteigt die Angabe von Graf-Scheffl (1993) diese mit 30.000 Kalorien pro Essattacke um einiges.

Die Fressattacken finden gewöhnlich im Geheimen statt, wenn der Betroffene alleine ist oder nachts (Baeck, 1994; Bauer et al., 1992; Comer, 2001; Fichter, 2003; Schulte & Böhme-Bloem, 1991) und werden von einem Gefühl des Kontrollverlusts begleitet (Fichter & Warschburger, 2002; Keppler, 1995; Steinhausen, 2006). Dieser Kontrollverlust bezieht sich auf das eigene Essverhalten, speziell auf die Essgeschwindigkeit, sowie das Essquantum und äußert sich in der Furcht, von alleine nicht mehr mit dem Essen aufhören zu können (Nissen, 1995; Steinhausen, 2006). Das Ende der Fressorgie tritt ein, wenn andere Personen hinzukommen, die Nahrungsmittelvorräte aufgebraucht sind oder Erschöpfung bzw. Übelkeit vorliegt (Steinhausen, 2006) .

Aber nicht nur in Bezug auf das Essverhalten wird Planen und Kontrollieren von bulimischen Personen für außerordentlich wichtig angesehen, sondern in nahezu jedem Lebensbereich wird alles Spontane und Unkontrollierte als äußerst unangenehm empfunden (Keppler, 1995; Fichter & Warschburger, 2002; Steinhausen, 2006). Das Auftreten von Heißhungerattacken empfindet die Bulimikerin als eigenes Versagen, da sie es nicht geschafft hat, ihrem Hungergefühl zu widerstehen und der Körper die Kontrolle über sie übernommen hat. Doch es gelingt ihr nur teilweise ihr Essverhalten über mehrere Tage hinweg zu kontrollieren, vorzugsweise dann, wenn Veränderungen eintreten, wie etwa ein Urlaub oder andere Unternehmungen (Paul, 1987).

Ihr Essverhalten in der Öffentlichkeit erscheint überaus kontrolliert und ist durch eine große Beachtung der gesunden Ernährung charakterisiert, die sich in der Bevorzugung von fettarmen Produkten zeigt (Baeck, 1994).

4.4.1 Auslöser solcher Essattacken

Bulimikerinnen fällt es außerordentlich schwer, die eigenen Gefühle und eigene Körpersignale, wie etwa Hunger, Sättigung, aber auch Freude und Wut, wahrzunehmen und diese richtig zu deuten (Fichter & Warschburger, 2002; Graf-Scheffl, 1993). Auch Paul (1987) unterstellt Frauen, die an Bulimie leiden, dass sie nicht mehr in der Lage sind, zwischen psychischen und physischen Bedürfnissen zu unterscheiden. Platte (1990) wies in Untersuchungen nach, dass Bulimikerinnen kaum Stressbewältigungsstrategien besitzen, sich schnell emotional betroffen fühlen und kein Durchhaltevermögen zeigen. Da sie die Fähigkeit, sich mit Problemen auseinander zu setzen, nicht aufweisen, sehen sie die Lösung aufkommender psychischer Schwierigkeiten auf der physischen Ebene, und zwar in der Befriedigung des körperlichen Bedürfnisses - dem Essen (Graf-Scheffl, 1993). Essattacken werden somit als Reaktionen infolge von Gefühlen unerträglicher Spannung, Langeweile, Einsamkeit und Angst verstanden (Comer, 2001; Gerlinghoff, 1996; Johnson et al., 1995; Steinhausen, 2006), die verdrängt werden müssen (Keppler, 1995).

Der Ausbruch einer Essattacke tritt gewöhnlich nach emotional belastenden Ereignissen ein, die die Betroffenen als stressreich, enttäuschend oder problematisch erlebten (Fichter & Warschburger, 2002; Gerlinghoff & Backmund, 1995). Die auslösenden Situationen können aus der Sicht „normaler“ Menschen kleinste Banalitäten darstellen, wie zum Beispiel zu langes Warten auf jemanden, erscheint dem Betroffenen jedoch als wesentliches Problem, da sie sich aufgrund dessen gekränkt oder abgelehnt fühlen und deshalb traurig oder verärgert sind.

Dennoch muss nicht immer eine Spannungssituation vorausgegangen sein, um einen Anfall herbeizuführen, da diese auch grundlos, oder einfach aus Gewohnheit oder als Bestandteil des Tagesablaufs (vgl. Tab. 1) dargelegt werden können (Gerlinghoff, 1996).

Tabelle 1: Gefühlszustände vor einer Heißhungerattacke

Quelle: Paul aus Mader & Ness (1987), S.82

Gefühlszustände vor einer Heißhungeratta>

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

- nicht mehr aufhören können 71,5%
- frustriert 55,8%
- gelangweilt 39,5%
- haben Appetit 34,3%
- ängstlich 30,8%
- um die Zeit totzuschlagen 30,0%
- ärgerlich/wütend 27,1%
- richtig hungrig 12,2%

4.4.2 Konsequenzen der Essattacke

Durch die exzessive Nahrungsaufnahme innerhalb eines Fressanfalls kommt es zu einer kurzfristigen Beseitigung dysphorischer Gefühle, wie Einsamkeit oder Frustration und besitzt an und für sich eine wohltuende und spannungsabbauende Wirkung auf die Betroffene (Fichter, 2003; Gerlinghoff & Backmund, 1995; Steinhausen, 2006). Durch die Aufhebung dieser unangenehmen Gefühle wirkt das Essen als negative Verstärkung (Fichter & Warschburger, 2002; Gerlinghoff & Backmund, 1995). Doch dieser Effekt hält nur vorübergehend an, da es dann zu einem Wandel der als positiv empfundenen Gefühle in extreme Selbstvorwürfe, Scham, Wut und Depression kommt. Sie empfinden Ekel und Abscheu vor sich selbst und bergen starke Schuldgefühle, da sie wieder einmal die Kontrolle über ihr Essverhalten verloren haben (Mizes, 1995; APA, 1994; Nissen, 1995; Porzelius et al., 1999). Die Angst vor einer Gewichtszunahme erwacht erneut (Graf-Scheffl, 1993; Steinhausen, 2006).

Mc Kenzie, Williamson und Cubic (1993) berichten von einer Untersuchung, in der sie herausfanden, dass die Essgestörten sogar nach einer kleinen Mahlzeit das Gefühl hatten, dicker geworden zu sein.

4.5 Kompensatorische Maßnahmen

Aus Angst vor einer Gewichtszunahme suchen die meisten Betroffenen unmittelbar nach einem Fressanfall regelmäßig die Toilette auf (Bauer et al., 1992), um sich den danach entstandenen negativen Gefühlen, wie Wut, Schuldgefühle und ihr schlechtes Gewissen, sowie der aufgenommenen Nahrung mittels Erbrechen zu entledigen (Graf-Scheffl, 1993). Durch das Erbrechen oder mittels anderer Maßnahmen, wie der Einnahme von Abführmitteln, Diuretika, Appetitzüglern oder Schilddrüsenhormonpräparaten, bezwecken sie, einer Gewichtserhöhung entgegenzuwirken, die aufgrund des übermäßigen Nahrungskonsums eintreten würde. Die selbstinduzierte Entleerung wird zwar als beschämend empfunden, ist jedoch für die Betroffenen unerlässlich, um sich vor dem vorhandenen Völlegefühl zu befreien und ihr Versagen rückgängig zu machen (Keppler, 1995). Die Gefühle von Angst, Ekel und Scham, die während des Essanfalls wegen mangelnder Disziplin entstandenen, stellen sich für kurze Zeit ein, da sie dadurch ein Gewichtsanstieg verhindert haben, und wirken somit abermals als negative Verstärkung (DeSilva, 1995; Gerlinghoff & Backmund, 1995; Mizes, 1995). Allerdings tauchen sie dann im Anschluss an das Erbrechen unter anderem in Form von Niedergeschlagenheit wieder auf (Johnson & Larsen, 1983; Keppler, 1995). So nehmen nach jedem Erbrechen die Schuldgefühle, die Selbstvorwürfe und Depressionen immer mehr zu (Comer, 2001; Nissen, 1995; Steinhausen, 2006).

Oftmals weiß die Bulimikerin bereits vor oder während des Essanfalls, dass sie sich danach übergeben wird. So erlaubt das Entleeren mehr Fressen und das Fressen erfordert mehr Entleeren (Porzelius et al., 1999).

Je öfter es praktiziert wird, desto leichter gelingt ihr das Herbeiführen des Erbrechens, so dass es nach einiger Zeit keinerlei Eingriffe mehr vermag und autonom erbrochen werden kann (Bauer et al., 1992).

Doch auch anderen kompensatorischen Maßnahmen wird nachgegangen, um einer Gewichtszunahme entgegenzuwirken, zum Beispiel durch den regelmäßigen Einsatz von Laxanzien (Abführmitteln), Diuretika (harntreibende Mittel, Entwässerungsmittel), Klistieren (Einläufe), Appetitzüglern oder anderen Medikamenten (Comer, 2001; Fichter, 2003; Laessle, 1994; Steinhausen, 2006). Für den Fall, dass die Bulimikerin unter Diabetes leidet, werden auch Vernachlässigungen in Bezug auf die Insulinbehandlung wahrgenommen. Allerdings wird Erbrechen häufiger als die anderen gegenregulierende Methoden beobachtet (Steinhausen, 2006). Diese Verhaltensweisen werden, wie bereits oben erwähnt, als „Purging“-Verhalten zusammengefasst. Doch Fressanfällen können auch Nicht-„Purging“-Reaktionen folgen, wie übertriebene körperliche Betätigung, Fasten oder intermittierendes Diäthalten (APA, 2000; Comer, 2001; Steinhausen, 2006).

4.6 Anzahl der Anfälle

Die Häufigkeit der Anfälle variiert von einmal in vierzehn Tagen bis zu mehrmals täglich (Laessle, 1994). Steinhausen (2006) berichtet von bis zu 15 mal pro Tag. Während Mizes (1995) von einer durchschnittlichen Häufigkeit von zehn Fressanfällen pro Woche berichtet, legt sich Ziolko (1985) auf 11,7 pro Woche fest. Dabei haben etwa 50% aller Bulimikerinnen mindestens einen Fressanfall täglich (Johnson & Larson, 1983). Die Anzahl der Anfälle nimmt in der Regel im Verlauf der Krankheit zu (Gerlinghoff, 1996) und somit bleibt immer weniger Zeit und Energie für andere Aktivitäten (Graf-Scheffl, 1993).

4.7 Der Teufelskreis

Aufgrund der Essattacke, die zwar eine kurzzeitige erleichternde Wirkung hat, im Verlauf jedoch starke Angstgefühle aufkommen, fühlt sich die Bulimikerin dazu veranlasst, kompensatorische Maßnahmen einzuleiten. Nach deren Vollzug stellt sich ihre Angst für kurze Zeit ein, doch tun sich auch hier dysphorische Gefühle auf, da sie nur aufgrund ihres Versagens zu der Tat gezwungen wurde. Diese Niedergeschlagenheit, die ihr Selbstbewusstsein weiter drückt und der leere Magen fungieren als Auslöser der nächsten Essattacke. Diese ist also schon vorprogrammiert (Graf-Scheffl, 1993).

Und so schließt sich der Kreislauf (vgl. Abb. 3), dessen Reaktionen sich ständig wechselseitig bedingen und die Essstörung daher immer weiter chronifiziert (Steinhausen, 2006). Genau betrachtet, handelt es sich bei dem Teufelskreis nicht nur um einen geschlossenen Kreis, sondern vielmehr um eine Spirale, da sich das Ausmaß der Symptomatik mit jedem Prozessdurchlauf mehr und mehr zuspitzt und sich mit der Zeit verfestigt - ein Entkommen aus der Störung wird immer schwieriger. Aufgrund der negativen Verstärkung, die infolge des „Purging“-Verhaltens auftritt, erhält das Modell seine Stabilität und wird lange Zeit aufrecht erhalten (Buhl, 1991; Rosen & Leitenberg, 1985).

Die Betroffenen sind sich über die Abnormität ihres Essverhaltens bewusst (Nissen, 1995) und schämen sich nicht nur vor anderen, sondern auch vor sich selbst, sehr dafür (Graf-Scheffl, 1993). Aus diesem Grund handelt es sich bei der Bulimie um eine verborgene Krankheit, die vor der Umwelt geheimgehalten wird, weshalb die Angst vor der Aufdeckung ihres Geheimnisses ein ständiger Begleiter ist (Baeck, 1994; Buhl, 1991; Gerlinghoff, 1996; Graf-Scheffl, 1993).

Der eigenständige Ausbruch aus dem Teufelskreis von Essen und Erbrechen ist für die Bulimikerin nahezu unmöglich (Graf-Scheffl, 1993), da sie hilflos gegenüber dem Zwang steht, der die Führung über ihr Verhalten übernommen hat (Baeck, 1994; Kanakis & Thelen, 1995; Keppler, 1995). Allerdings erlangen sie zu diesem Eingeständnis erst nach Jahren, da sie lange Zeit der Überzeugung sind, dass sie ihr Verhalten steuern können (Baeck, 1994). Aufgrund der hohen Schamgrenze und der Leugnung der Krankheit erfolgt das Aufsuchen ärztlicher Hilfe relativ spät (Nissen, 1995).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Versuch einer Teufelskreiserstellung durch Fusion der beiden Modelle von Meermann & Borgart (2006, S.75) und Jacobi et al. (2000, S.35).

4.8 Ausmaße der Bulimie

Feiereis (1996) teilt die Bulimia nervosa in drei verschiedenen Schweregrade ein:

Bei der leichtesten Erscheinung der Störung treten zwei bis drei Essattacken pro Woche über eine Zeitdauer von mindestens sechs Monaten hinweg auf. Die psychopathologische Auffälligkeit der Betroffenen nimmt kein großes Ausmaß an und es bestehen auch keine Suizidgedanken. Meistens sind die Betroffenen einsichtig und zeigen eine Bereitschaft zur Therapie.

Eine Bulimikerin, die dem zweiten Schweregrad angehört, erleidet mindestens einen Heißhungeranfall pro Tag und weist eine Krankheitsdauer von ein bis zwei Jahren auf. Sie schildert enorme Stimmungsschwankungen, die bis hin zu schweren Depressionen und Suizidgedanken reichen, allerdings nur über kurze Episoden hinweg und nicht permanent andauern. Da sie eine mittelschwere psychische Symptomatik aufweist, scheiterten die eventuell bereits unternommenen Therapieversuche.

Der dritte und somit härteste Schweregrad ist durch mehrfache Heißhungerattacken pro Tag und durch den Missbrauch von Medikamenten oder Alkohol gekennzeichnet. Die Betroffene verspürt einen enormen Leidensdruck, was sich vor allem in Depressionen und Suizidgedanken äußert. Aufgrund der bestehenden Suizidgefahr ist eine klinische Behandlung der Betroffenen unerlässlich.

Fichter (2003) hingegen spricht von einer unkomplizierten Bulimie, wenn keine weiteren psychopathologische Auffälligkeiten vorliegen. Wird die Bulimie jedoch von anderen psychischen Störungen begleitet oder hat sie sich durch die lange Erkrankungsdauer bereits chronifiziert, so wächst die Komplexität.

5. Mögliche Folgeschäden der Bulimia nervosa

Im folgenden Abschnitt werden sowohl auf die körperlichen, als auch auf die psychischen Folgen eingegangen, die eine Bulimia nervosa nach sich ziehen kann.

5.1 Somatische Folgen

Als Folge des abnormen Essverhaltens bei der Bulimia nervosa, wie beispielsweise aufgrund der Mangelernährung, der Fressanfälle oder des Erbrechens, treten zahlreiche schwerwiegende gesundheitliche Beschwerden auf (Jacobi et al., 2000; Steinhausen, 2006).

Aufgrund dieser zielgerichteten Vermeidung bestimmter Nahrungsmittel, vor allem kalorienreicher und fetthaltiger, kann es trotz des Normalgewichts zu einer Mangelernährung kommen (Pirke, Pahl, Schweiger & Warnhoff, 1985). Die dadurch bedingten Komplikationen werden durch das „Purging“-Verhalten drastisch verstärkt.

5.1.1 Folgen der Mangelernährung

Durch die Mangelernährung oder Nahrungsabstinenz werden Hormone, die zur Reifung der Geschlechtszellen benötigt werden, nur vermindert ausgeschüttet, was dazu führt, dass sich bei etwa der Hälfte der Bulimikerinnen Menstruationsstörungen zeigen, vom unregelmäßigen Auftreten dieser bis hin zur Amenorrhoe (Gerlinghoff & Backmund, 1995; Jacobi et al., 2000; Pirke, 1989; Treasure & Szmukler, 1995). Tritt die Bulimia nervosa vor der Pubertät auf, so kann sich die sexuelle Reife verzögern (Robin, Gilroy und Baker Dennis, 1998).

Durch die eingeschränkte Ausschüttung anderer Hormone, wie beispielsweise Schilddrüsenhormone, kommen trockene Haut, Haarausfall, sowie Ermüdung zum Vorschein (Gerlinghoff & Backmund, 1995; Jacobi et al., 2000; Mitchell et al., 1986).

Gelegentlich wird von Störungen vegetativer Funktionen berichtet, wie beispielsweise Schlafbeschwerden oder sexuelle Probleme (Keys, Brozek, Henschel, Mickelsen & Taylor, 1950).

Durch die unausgewogene Ernährung werden dem Körper wichtige Mineralstoffe und Vitamine entzogen, wodurch das Blutbild verändert werden und eine Blutarmut (Anämie) entstehen kann (Jacobi et al., 2000). Doch auch die Nerven können geschädigt werden und es kann zu einer Polyneuropathie[5] kommen (Jacobi et al., 2000). Auch Konzentrationsstörungen treten häufig in Folge der ungenügender Nahrungszufuhr auf (Graf-Scheffl, 1993).

Durch eine mangelnde Flüssigkeitszufuhr steigt der Harnsäurespiegel an, was zu Nierenstörung, aber auch zu Gicht führen kann (Jacobi et al., 2000).

5.1.2 Folgen der Essattacken

Die enormen Nahrungsmengen, die innerhalb eines Fressanfalls vertilgt werden, haben akute Magenerweiterungen zu Folge, welche mit Magenschmerzen und einem unangenehmen Völlegefühl einhergehen (Gerlinghoff & Backmund, 1995; Steinhausen, 2006). Diese leichteren Beschwerden können sich gelegentlich jedoch bis zu lebensbedrohlichen Komplikationen, wie einer Magenruptur[6] steigern (Gerlinghoff & Backmund, 1995). Weiterhin berichtet Steinhausen (2006) von durch die bulimische Erkrankung hervorgerufene Gastritiden (Magenschleimhautentzündungen) oder Pankreatitiden (Entzündungen der Bauchspeicheldrüse).

Da binnen eines Fressanfalls vorwiegend süße Speisen verzehrt werden, unterstützt dies die Entwicklung von Zahnschäden (Steinhausen, 2006).

5.1.3 Folgen des „Purging“-Verhaltens

Im Anschluss an die Fressattacken wird bei Bulimikerinnen oftmals ein „Purging“-Verhalten beobachtet, welches sich durch selbstherbeigeführtes Erbrechen, den Missbrauch von Abführ- oder Entwässerungsmitteln (Laxanzien und Diuretika) zeigen kann. Durch deren regelmäßigen Einsatz kommt es zu Störungen des Wasser- und Elektrolythaushaltes, wie zum Beispiel die Hypokaliämie[7] oder Hypochlorämie, die ein starkes Defizit der essentiellen Salze wie Kalium bzw. Kochsalz bezeichnen (Comer, 2001; Fichter & Warschburger, 2002; Jacobi et al., 2000; Steinhausen, 2006), und überaus schwerwiegende Folgen mit sich bringen kann.

Besteht zusätzlich eine durch einen Mangel hervorgerufene Störung des Säure-Basen-Haushaltes, wie die metabolische Alkalose[8], so sind Herzrhythmusstörungen (Kammerflimmern) bis hin zu Herzversagen nicht selten. Doch langanhaltende Elektrolytstörungen können sich auch auf die Nieren auswirken, wobei die Nierenfunktion zunehmend beeinträchtigt werden kann und somit Wasseransammlungen im Gewebe (Ödeme) entstehen können (Jacobi et al., 2000). Während diese jedoch grundsätzlich reversibel sind, ist eine durch einen anhaltenden Kaliummangel verursachte chronische Niereninsuffizienz (Nierenversagen) ein dauerhafter Schaden (Fichter & Warschburger, 2002; Jacobi et al., 2000).

Des Weiteren können Elektrolytentgleisungen in Form von Kaliummangel Erschöpfungszustände bezüglich des Kreislaufs nach sich ziehen (Graf-Scheffl, 1993), aber auch Muskulaturschwächen, die von Verkrampfungen bis hin zu Tetanien[9] oder Lähmungen reichen können (Halmi, Agras, Kaye & Walsh, 1994; Jacobi et al., 2000; Steinhausen, 2006).

Ein vorliegender Calciummangel wirkt sich auf das Skelett aus, so dass Osteoporose (Knochenschwund – die Knochengrundsubstanz vermindert sich) und Osteomalazie (Knochen erweichen sich) die Folge hierfür sind (Herpertz-Dahlmann & Remschmidt, 1994; Steinhausen, 2006). Aus diesem Grund ziehen sich die Betroffenen schon nach leichten Stößen Knochenbrüche zu (Gerlinghoff & Backmund, 1995; Jacobi et al, 2000).

5.1.3.1 Folgen des Erbrechens

Die hauptsächliche Ursache schwerer Zahnprobleme liegt allerdings an der Salzsäure, welche durch das Erbrechen und den damit heraufkommenden Magensaft die Zähne und Zahnfleisch angreift. So sind Karies, Erosionen des Zahnschmelzes, Parodontose und sogar Zahnausfall ganz eindeutige Folgen der Bulimie (Casper, 1995; Nissen, 1995; Steinhausen, 2006; Treasure & Szmukler, 1995).

Benutzt man als Brechhilfe Gegenstände zum Auslösen des Würgereflexes, so können sich hierbei auch Verletzungen im Mund und in der Rachengegend zugezogen werden (Gerlinghoff & Backmund, 1995; Laessle, 1994).

Aufgrund des zurückfließenden säurehaltigen Mageninhalts kann sich die Speiseröhre entzünden (Ösophagitis) oder einreißen (Mallory-Weiss-Syndrom), und Sodbrennen (Refluxösophagitis) kann hervorgerufen werden (Gerlinghoff & Backmund, 1995; Jacobi et al., 2000; Laessle, 1994; Steinhausen, 2006). Dies lässt sich auf die Erschlaffung des Oesophagussphincters[10] zurückführen, welche durch das häufige Erbrechen bedingt ist und aus diesem Grund nicht mehr in der Lage ist, richtig zu schließen.

Des Weiteren lassen sich Halsentzündungen, Entzündungen der Rachenschleimhaut, sowie chronische Heiserkeit ebenfalls auf das häufige Erbrechen zurückführen (Graf-Scheffl, 1993; Nissen, 1995; Steinhausen, 2006). In seltenen Fällen trat aufgrund der Aspiration von Mageninhalt in die Luftröhre – also durch Verschlucken - eine Ruptur der Speiseröhre[11] oder eine Aspirationspneumonie[12] auf (Gerlinghoff & Backmund, 1995).

Doch auch Schwellungen der Speicheldrüsen (Sialose), speziell der Ohrspeicheldrüsen (Parotishypertrophie) oder im Wangen- oder Unterkieferbereich, die eine Veränderung des Gesichtes bewirken können, lassen sich bei Bulimikerinnen aufgrund der durch das Erbrechen erhöhte Speichelproduktion vorweisen (Gerlinghoff & Backmund, 1995; Jacobi et al., 2000; Laessle, 1994; Nissen, 1995; Steinhausen, 2006; Zaudig et al., 2000).

Oftmals lassen sich bei Bulimikerinnen bizarre Verformungen der Endglieder wahrnehmen, da sich einerseits ihre Finger und Zehen zu Trommelschlegelfinger oder –zehen verdicken (vgl. Abb. 4) und andererseits auch die Nägel spröde werden und als sogenannten Uhrglasnägel bezeichnet werden (Jacobi et al., 2000). Des Weiteren sind manchmal Läsionen am Handrücken zu erkennen, die sich der Betroffene durch mehrfaches Auslösen des Würgereflexes zugezogen hat (Herpertz-Dahlmann & Remschmidt, 1994).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: Trommelschlegelfinger und –zehen

Quelle: http://www.mevis.de

5.1.3.2 Folgen des Missbrauchs von Medikamenten

Oft leiden Bulimikerinnen unter funktionellen Magen-Darm-Störungen (Comer, 2001; Graf-Scheffl, 1993; Potreck-Rose, 1987). Diese Verdauungsstörungen lassen sich durch den vermehrten Flüssigkeits- und Kaliumverlust über den Darm erklären, die eine Verringerung der Darmtätigkeit zu Folge haben (Jacobi et al., 2000). Dabei wirkt sich der regelmäßige Einsatz von Abführmitteln weiterhin auf die Trägheit aus, was den fortwährenden Einsatz von Laxanzien notwenig macht, um einer Obstipation entgegenzuwirken (Gerlinghoff & Backmund, 1995).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Werden Entwässerungsmittel oder Abführmittel in großen Mengen verabreicht, kann es zu einer Dehydration[13] kommen (Anderson & Swift, nach Zimbardo & Gerrig, 2003). Insbesondere eine erhöhte Dosierung verstärkt akute Dekompensationen des Elektrolythaushaltes (Gerlinghoff & Backmund, 1995). So werden bei Bulimikerinnen häufig auch Veränderungen des EKGs aufgrund des Laxanzienabusus beobachtet (Herpertz-Dahlmann & Remschmidt, 1994).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 5: Somatische Symptome der Anorexia nervosa und Bulimia nervosa (aus Berger, 1989)

Aufgrund des mit der Krankheit einhergehenden niedrigen Blutdrucks treten Herz-Kreislaufstörungen, wie Schwindel, Gleichgewichtsprobleme und Durchblutungsstörungen auf. Die Betroffenen klagen häufig über eine niedrige Körpertemperatur, insbesondere an Händen und Füßen, die im Extremfall sogar zu Erfrierungen führen kann (Jacobi et al., 2000).

5.2 Psychische Folgen

Die Folgen der Bulimia nervosa beziehen sich allerdings nicht nur auf körperliche Komplikationen, sondern erstrecken sich auch auf die Psychopathologie des Betroffenen.

So berichten Steinhausen (2006) und Nissen (1995) über das Vorkommen einer emotionalen Labilität, sowie einer gesteigerten Ängstlichkeit der Betroffenen. Des Weiteren ist eine mangelnde Impulskontrolle absolut charakteristisch für Bulimikerinnen, für die sie sich abgrundtief schämen und deswegen Ekel, sowie Hass gegenüber sich selbst empfinden (Baeck, 1994). Dieser findet Ausdruck durch Selbstschändungen, welche wiederum ein Indiz für die Verachtung des eigenen Körpers sind und selbstzerstörerische Verhaltensweisen nach sich ziehen (Baeck, 1994).

Die bei Bulimikerinnen oftmals vorhandenen Partnerschaftsprobleme lassen sich auf ihre Einstellungen zurückführen, denn einerseits hegen sie den Wunsch nach einer innigen Verschmelzung mit dem Partner, und andererseits fürchten sie sich enorm vor dem Verlust ihrer Selbständigkeit und der damit eingehenden Abhängigkeit von anderen Personen.

Auch Depressionen, die sich bis hin zu Suizidgedanken und –versuchen erstrecken, verstärken sich mit zunehmendem Krankheitsverlauf. So schwindet immer mehr die Lebensfreude und das Interesse an der Umwelt, die mit sozialem Rückzug einhergehen (Graf-Scheffl, 1993). Die immer größer werdende Isolation von ihrem Umfeld, die auch mit einer extremen Angst vor Entdeckung der Krankheit begründet wird, intensivieren die Einsamkeitsgefühle der Betroffenen, was eine Zunahme der depressiven Symptome, sowie eine Herabsetzung des Selbstwertgefühls zu Folge hat (Nissen, 1995).

Allerdings tauchen Depressionen nicht nur als Folge der Bulimie auf, sondern können bereits vor der Erkrankung bestanden haben. Dennoch können Stimmungsschwankungen durch eine kohlenhydratarme Diät und eine Veränderung des Eiweißstoffwechsels begründet werden, da aufgrund eines Serotoninmangels die Übertragung zwischen den Nervenzellen im Gehirn verändert werden kann (Graf-Scheffl, 1993).

Durch die Mangelernährung bedingt wurden kognitive Veränderungen festgestellt, die sich in einer schlechten Konzentration oder auch einer Unentschlossenheit bemerkbar machten (Keys et al., 1950). Des Weiteren wird die ständige gedankliche Beschäftigung mit Essen ebenfalls als Folge der mangelnden Zufuhr an Nahrungsmitteln innerhalb einer Diät gesehen.

Weitere Persönlichkeitsmerkmale sieht Steinhausen (2006) in den Neigungen zu Zwängen, die zum Beispiel durch die häufige Komorbidität mit Kleptomanie oder mit anderen Süchten ersichtlich wird.

6. Klassifikation

Es gibt zwei vorherrschende Klassifikationssysteme (Comer, 2001):

Zum einen das von der Weltgesundheitsorganisation verfasste ICD (International Classification of Diseases), das mit „Diagnoseschlüssel und Glossar psychischer Krankheiten“ übersetzt werden kann. Dieses beinhaltet sowohl medizinische, als auch psychische Störungen. Es liegt bereits in der zehnten Fassung vor (ICD-10). In Deutschland findet das ICD-10 seinen Gebrauch vor allem in der klinischen Praxis (Comer, 2001). Zum anderen aber findet das von der American Psychiatric Association (APA) entwickelte Diagnostic Statistical Manual of Mental Disorders, kurz DSM (Diagnostische und Statische Manual Psychischer Störungen), vor allem in den Vereinigten Staaten seine Anwendung. Das DSM wurde bereits viermal überarbeitet (DSM-IV). Um auf verändernde oder neuaufkommende Erkenntnisse zu reagieren und sich ihnen neu anzupassen, ist es von notwendiger Wichtigkeit, dass beide Klassifikationssysteme regelmäßig überarbeitet und aktualisiert werden.

Vergleicht man beide Klassifikationssysteme, so stellen sich zahlreiche inhaltliche Gemeinsamkeiten heraus, aber auch einige Unterschiede (Andrews, Slade & Peters, 1999). Während es sich bei dem ICD-10 um ein internationales Klassifikationssystem handelt, handelt es sich bei dem DSM-IV um ein nationales (amerikanisches) System und beinhaltet aufgrund dessen viele kulturspezifische Störungen (Fichter, 2003). Ein direkter Vergleich beider Klassifikationssysteme bezogen auf die Bulimia nervosa wird im nachstehenden Text aufgeführt.

Die Bulimie wurde 1980 erstmals von der APA als eigenständige psychische Erkrankung aufgenommen (Keppler, 1995) und 1989 in der Überarbeitung als Bulimia nervosa spezifiziert.

[...]


[1] Hyperphagie, auch Fresssucht genannt, bezeichnet die übermäßig gesteigerte Nahrungsaufnahme.

[2] Abführmittel

[3] Entwässerungsmittel

[4] Unter Amenorrhoe versteht man das Ausbleiben der Menstruation. Während sich die primäre Amenorrhoe auf adoleszente Mädchen (unter 17 Jahren) bezieht, bei denen die Menstruation nicht einsetzt, bezeichnet die sekundäre Amenorrhoe das Ausbleiben der Regel innerhalb mehrerer Monate von bereits menstruierenden Frauen.

[5] Darunter versteht man Erkrankungen des peripheren Nervensystems.

[6] Die Magenruptur bezeichnet das Zerreißen der Magenwand.

[7] Unter Hypokaliämie versteht man eine Verringerung der Kaliumkonzentration im Blut.

[8] Alkalose beschreibt einen durch den Stoffwechsel bedingten zu hohen pH-Wert im Blut.

[9] starke Krampfanfälle

[10] Ventil zwischen Speiseröhre und Magen, das sich normalerweise schließt, um einen Rückfluss des Mageninhaltes (gastrische Säfte) zu verhindern.

[11] Zerrreißen der Speiseröhre

[12] Lungenentzündung, die hervorgerufen wurde, indem Erbrochenes in die Lunge gelangt.

[13] Austrocknung des Körpers

Ende der Leseprobe aus 161 Seiten

Details

Titel
Essstörung im spezifischen Fall von Bulimie und die Auswirkungen auf Erziehung und Unterricht
Hochschule
Pädagogische Hochschule Freiburg im Breisgau
Note
1,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
161
Katalognummer
V79075
ISBN (eBook)
9783640239924
Dateigröße
3790 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Essstörung, Fall, Bulimie, Auswirkungen, Erziehung, Unterricht
Arbeit zitieren
Marina Indlekofer (Autor), 2006, Essstörung im spezifischen Fall von Bulimie und die Auswirkungen auf Erziehung und Unterricht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/79075

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