Der Faust in der Historia von 1587 - Eine ambivalente Figur


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005
23 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Vorrede der Historia

3. Der Teufelspakt - Motivationen und unmittelbarer Nutzen

4. Faust und Mephistopheles

5. Der Faust des Schwankteils

6. Fausts Tod

7. Schlussteil – Faust als ambivalente Figur

8. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Historia von D. Johnann Fausten zeigt entscheidende Stationen im Leben dieser Figur, zusammengestellt von einem anonymen Autor. Faust wird innerhalb der Forschung immer wieder verschiedenartig gewertet und charakterisiert.

Ziel dieser Hausarbeit ist es zu untersuchen, wie der Protagonist konkret an verschiedenen Stellen der Historia dargestellt wird. Sie ist somit sicherlich als Versuch einer Annäherung an Widersprüche und Ambivalenzen, wie sie diese erste Ausformung der Faustgestalt in ihrem Leben, Wesen und Handeln bestimmen, zu verstehen. Dazu wird es erforderlich sein recht textnah zu argumentieren, da so erst ein möglichst vielschichtiges Bild dieser Figur entstehen kann, das sich dem Anspruch dieser Hausarbeit, Faust in verschiedenen, auch widersprüchlichen Facetten und Kontexten zu zeigen, annähert.

Zunächst einmal erscheint es in diesem Zusammenhang interessant auf die Vorrede des Erzählers einzugehen. Bereits hier wird Faust in vielerlei Hinsicht bewertet. So entsteht ein bestimmtes Bild dieser Figur, das in Einklang mit protestantischen Verstehens– und Bewertungskriterien steht, wie sie im Verlauf der Arbeit noch kurz zu benennen sein werden. Des Weiteren wird es aufschlussreich sein zu beobachten, in welcher Form die im Vorfeld gelieferte Konzeption innerhalb der gesamten Historia verfolgt oder aber vielmehr an bestimmten Stellen verworfen wird.

Ferner erscheint der Teufelspakt zentral für die Faustkonzeption. Dieser soll in einem zweiten Abschnitt behandelt werden. Von besonderer Signifikanz sind in diesem Zusammenhang Motivation und unmittelbarer Nutzen dieses Handels, wie sie vom Erzähler dargestellt werden, seine unmittelbare und langfristige Auswirkungen auf die weitere Existenz Fausts.

Weiterhin soll der Protagonist auch in Bezug auf den ihm zunächst einmal „vnterthenig“[1] dienenden Mephistopheles hin betrachtet werden. Seine Rolle innerhalb des vorliegenden Lebens- und Schicksalsweges Fausts wird genauer zu untersuchen sein.

Zudem erscheint es sinnvoll den Faust im Mittelteil der Historia detaillierter zu betrachten um zu sehen, wie er sich tatsächlich in den 24 Jahren zwischen Paktabschluss und Tod verhält, wie sich seine Verdammnis mit Bezug auf diesen Abschnitt motiviert.

Im Anschluss soll zudem thematisiert werden, wie der Schlussteil der Historia, die Darstellung von Fausts Tod, mit dem im Vorfeld entworfenen Faustbild vereinbar ist oder es vielmehr übersteigt, in Ambivalenz zu ihm zu verstehen ist.

Im Rahmen der abschließenden Überlegungen werden dann, teils synthetisierend, skizzenhaft eigene Zugänge zu dieser Figur diskutiert und weiterführende Arbeitsansätze formuliert mit dem Ziel das bearbeitete Thema in einen größeren Kontext zu stellen.

2. Die Vorrede der Historia

Innerhalb der Vorrede zur Historia werden zunächst einmal die Weichen für das Faustbild und die Wertung dieser Figur, wie sie das gesamte Faustbuch bestimmen, gestellt. Dies geschieht nach Roloff in Form einer „theoretisch konsequenten Abhandlung“[2]. So werden bereits in den ersten Zeilen „Zauberey und Schwartzkünstlerey“ (S. 8) als verwerflichste menschliche Handlungen festgelegt. Die Zauberei ist nach Luther als konkreter Verstoß „gegen Gottes Gebote“[3] zu verstehen. Somit richtet sich der Mensch, der sich mit der Zauberei beschäftigt, also automatisch gegen die göttliche „Schöpfungsordnung“[4].

Im Anschluss untermauert der Erzähler diese These und seine Grundeinstellungen mit einer längeren Akkumulation von Bibelzitaten (vgl. S. 8f.), die zunächst einmal das Fundament der gesamten Vorrede bilden und letztlich auch Basis und Autorität des gesamten Faustbuchs darstellen.

Ein zentraler Satz der Vorrede ist zudem sicherlich „der Teuffel lohnet seinen Dienern“ (S. 11). Anhand dieser allgemeinen Weisheit zeigt sich dem Adressaten, dem „Christlichen Leser“ (S. 8), dass der weitere Weg des Sünders vom Moment der Verbindung mit dem Bösen an feststeht und auch zunächst einmal zwingend feststehen muss. Mit dem Dienst am Teufel, dem sich der Sünder in gewisser Weise unterwirft, letztlich also mit der Abkehr von seinem Schöpfer, hat der Mensch diesen zugleich in fundamentaler Weise negiert und kann sich den Konsequenzen nicht entziehen. Solches und ähnliches menschliches Handeln verurteilt der Erzähler in aller Deutlichkeit als „muhtwillige Vnsinnigkeit“ (S. 11).

Weiterhin lässt sich das in der Vorrede getroffene, vorgreifende Urteil hinsichtlich Fausts anhand eines zweiten zentralen Grundsatzes des Erzählers verdeutlichen: „Was zum Teuffel wil / das l(ßt sich nicht auffhalten.“(S. 14) Auch von dieser Weisheit her ist Faust in seinem Weg vorbestimmt, seine Entwicklung steht bereits fest.[5]

Der Mensch als „Atheist“[6] existiert nach lutherischem Welt- und Menschenbild ohne beziehungsweise in einem falschen kommunikativen Verhältnis zu Gott[7]. Der Unglaube als eine verkehrte Sichtweise auf den Schöpfergott, die ihn nicht in der absoluten Wahrheit verortet, sondern ihn vielmehr mit der Lüge verbindet, wird ebenfalls bereits in der Vorrede als ein den Sünder in seinem Wesen bestimmender Parameter herausgestellt (vgl. S. 8). Nach Luther ist göttliche „Gnade“[8] die einzige Möglichkeit „Befreiung“[9] von jeglicher Sünde zu erlangen. Auf diese muss stets rückhaltlos gehofft werden um sie tatsächlich zu erhalten.

Dieses hier skizzenhaft nachgezeichnete generelle Bild des Sünders aus protestantischer Sicht überträgt der Erzähler im weiteren Verlauf der Vorrede dann auf das konkrete „schrecklich Exempel“ (S. 12) des Fausts. Der Leser wird bereits hier explizit und unmissverständlich aufgefordert den in der Historia gezeigten Lebensweg ausschließlich als „Warnung“ (S. 12) zu rezipieren. Sie soll gerade nicht etwa als Ansporn zur Nachahmung interpretiert werden. Vielmehr zeigt sich bereits innerhalb der Vorrede, dass das Böse allein zum Zweck der Unterweisung und der Warnung dargestellt werden soll. Die Historia kann mit Blick auf diese Einführung insgesamt als „protestantische Warnliteratur“[10] bezeichnet werden, die ihre Aussage mit Hilfe des zu verwerfenden Protagonisten trifft.

Die hier gezeigten Positionen und Wertungen zeigen sich innerhalb des Faustbuchs ebenfalls immer wieder in Form von Erzählerkommentaren und –wertungen. Diese sollen dem Leser die Legitimation der hier erstmals in gebündelter Form vorliegenden schriftlichen Überlieferung des Fauststoffes und somit den Sinn und Nutzen ihrer Lektüre auch während der Rezeption vor Augen halten. Gleichzeitig bieten sie dem Adressatenkreis Anleitungen zur Interpretation von Fausts Handeln.

Im weiteren Verlauf dieser Arbeit soll jedoch immer wieder auch thematisiert werden, inwiefern bestimmte Tendenzen, die innerhalb des Faustbuchs durchaus vorhanden sind, vielleicht teilweise von der in der Vorrede entworfenen durchweg negativen Wertung abweichen, sie überwinden. So stellt sich also wiederholt die Frage inwiefern Faust als ambivalente Figur dargestellt wird.

Diese wird in der Vorrede so beantwortet, dass Faust als negatives und abschreckendes Beispiel dem Leser präsentiert wird. Offen bleibt jedoch sicherlich die Frage, wie Faust im weiteren Verlauf der Historia gewertet wird.

3. Der Teufelspakt - Motivationen und unmittelbarer Nutzen

Der Erzähler stellt Faust zu Beginn der Historia in keinen größeren biografischen Kontext. Für ihn ist vielmehr von grundlegender Bedeutung, dass auf dessen formale Abwendung vom Christentum, manifestiert durch den Abbruch des Theologiestudiums (vgl. S. 14f.), in logischer Konsequenz auch der innere Abfall von Gott erfolgt. Dieses Faktum wird für den weiteren Verlauf der Historia von außerordentlicher Bedeutung sein, da bei solch intensiver Kenntnis christlicher Dogmen, wie sie bei Faust vorliegt, ein Zuwiderhandeln in noch schärferer Form verurteilt werden muss.[11] Der Erzähler verdeutlicht diesen Sachverhalt bereits im ersten Kapitel recht prägnant und wiederholt nochmals seine in der Vorrede vorgenommene Verurteilung des Protagonisten, denn „Wer den Willen deß HERRN weiß / vnd thut jn nicht / der wirdt zwyfach geschlagen“ (S. 15).

Außerdem erfolgt der Ausbruch des Protagonisten aus der christlich geprägten Gesellschaft, wie Roloff in seinem Aufsatz festhält, ohne zwingenden Grund, wie er zum Beispiel durch „materielle“[12] Engpässe gegeben wäre. So ist Faust also auch von dieser Seite her zunächst einmal nicht zu entschuldigen. Übergeordnete Erklärungsansätze für sein konkretes Handeln werden vielmehr in seiner „Spekulation auf die Vernunft“[13] gesucht. Dieser Drang zu „speculieren“ (S. 22) kennzeichnet den Protagonisten im ersten Teil der Historia zunächst einmal recht eindeutig als „Weltmensch“ (S. 15), der sich zudem als „D. Medicinae“, „Astrologus vnnd Mathematicus“ (S. 15) betätigen möchte. Der Erzähler fasst diese Tendenzen in der recht prägnanten Formel zusammen, dass Faust den Drang verspüre „das zulieben / das nicht zu lieben war“ (S. 15). Wehrli stellt in seinem Aufsatz ebenfalls die Problematik dieses menschlichen Anspruchs auf autonomes Wissen vor lutherischen Verstehenshorizonten heraus[14]. Diese wird dem Leser durch die Natur des weiteren Lebenslaufs Fausts auch klar vermittelt.

Die „Eigenverantwortlichkeit“[15] des Protagonisten für seinen radikalen Bruch mit der christlichen Werteordnung und den darauf folgenden Lebensweg thematisiert Müller in ihrer Untersuchung zur Historia. Dieser wichtige Aspekt manifestiert sich in der „Entschuldigung der Eltern Doct. Fausti“ (S. 13) und wird vom Erzähler an exponierter Stelle betont. Fausts Sozialisation wird somit in ihrer Bedeutung für sein späteres „ruch<->vnd Gottloß“ (S. 14) Leben eindeutig negiert.

Ursachen für diese Entwicklung, so wie Gründe für den Abschluss des Teufelspaktes, werden weiterhin in Fausts Charakter gesehen[16]. Er wird als Figur mit gegensätzlichen Eigenschaften bezeichnet, die ihn letztlich bis ins Innerste bestimmen. Einerseits wird ihm „Geschickligkeit“ (S. 14) attestiert, der Leser findet zudem eine Liste seiner universitären Erfolge (vgl. S. 14f.). Andererseits jedoch hat der Protagonist nach dem Bericht des Erzählers auch „einen thummen / vnsinnigen vnnd hoffertigen Kopff“ (S. 14). Letzteres fasst Könneker als „religiöse Unerleuchtetheit“[17] Fausts zusammen, welche ihn verstockt, ihn unfähig macht in religiösen und göttlichen Kontexten zu denken. So ist es ihm unmöglich diese als auch für sich geltend anzunehmen und zu internalisieren. Konsequenz dieser Verstockung ist sicherlich, dass Faust sein Handeln auch nicht vor einem solchen Hintergrund reflektieren kann. Somit werden zwiespältige Elemente im Charakter des Protagonisten als äußerst problematisch herausgestellt.

Erkenntnisstreben und Wissensdurst werden innerhalb der Forschung als Gründe für Fausts Teufelsbeschwörungen angesehen. Die eigentliche Motivation für diese ist nach Haug jedoch das unbedingte Streben nach Macht, der Wille sich das Böse anzueignen und es zu „beherrschen“[18]. Stolz determiniert Fausts Wesen zudem in wesentlicher Art und Weise. Letztlich erfolgt so eine Machtaneignung auf „widergöttliche Weise“[19]. Jedoch lässt sich ein enger Zusammenhang zwischen den beiden Komplexen von Macht und Wissen wohl nicht abstreiten. So erscheint es legitim sie in ihrer Gesamtheit als entscheidend für Fausts Einwilligung in den Vertrag zu werten. Faust personifiziert also in seinem Wesen eine generelle „Sündenverfallenheit“[20] des Menschen.

[...]


[1] Historia von D. Johann Fausten. Kritische Ausgabe. Stuttgart 1999, S. 23. Im Folgenden werden die Seitenzahlen im Text nachgestellt.

[2] Hans-Gert Roloff, Artes et Doctrina. Struktur und Intention des Faustbuchs von 1587. In: Klaus Matzel und Hans-Gert Roloff (Hg.), Festschrift für Herbert Kolb zu seinem 65. Geburtstag, Bern u.a. 1989, S. 539.

[3] Beatrice Frank, Zauberei und Hexenwerk. Eciam loqui volo vom zaubern. Da seht ihr, quod ein rechter zauberer. In: Gerhard Hammer und Karl-Heinz zur Mühlen (Hgg.), Lutheriana. Zum 500. Geburtstag Martin Luthers von den Mitarbeitern der Weimarer Ausgabe. (Archiv zur Weimarer Ausgabe der Werke Martin Luthers 5) Köln u.a. 1984, S. 292.

[4] A.a.O., S. 296.

[5] Vgl. Hans-Gert Roloff, Artes et Doctrina, S. 543.

[6] Oswald Bayer, Martin Luthers Theologie. Eine Vergegenwärtigung. Tübingen 2003. S. 162.

[7] Vgl. a. a. O. S. 164.

[8] A.a.O, S. 171.

[9] A.a.O., S. 166.

[10] Maria E. Müller, Der andere Faust. Melancholie und Individualität in der Historia von D. Johann Fausten. In: Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte (DVJS), LX. Band, S. 573.

[11] Vgl. Urs Herzog, Faustus- „ein böser und guter Christ“. Das Volksbuch von 1587. In: Wirkendes Wort 27, 1977, S. 27.

[12] Vgl. Hans-Gert Roloff, Artes et Doctrina, S. 543.

[13] Barbara Könneker, Faust-Konzeption und Teufelspakt im Volksbuch von 1587. In: Heinz-Otto Burger (Hg.), Festschrift Gottfried Weber. Zu seinem 70. Geburtstag überreicht von Frankfurter Kollegen und Schülern (Frankfurter Beiträge zur Germanistik 1), Bad Homburg v.d.H. 1967, S. 177.

[14] Vgl. Max Wehrli, Doktor Fausts Untergang. In: Max Wehrli, Humanismus und Barock. (Spolia Berolinensia 3, Berliner Beiträge zur Mediävistik). Hildesheim u.a. 1993, S . 226.

[15] Maria E. Müller, Der andere Faust, S. 574.

[16] Vgl. Barbara Könneker, Faust-Konzeption und Teufelspakt, S. 175f.

[17] A.a.O., S. 176.

[18] Walter Haug, Der Teufelspakt vor Goethe. Oder Wie der Umgang mit dem Bösen als felix culpa zu Beginn der Neuzeit in die Krise gerät. In: DVJS 75 (2001), S. 185.

[19] Walter Haug, Der Teufelspakt, S. 200.

[20] Barbara Könneker, Faust-Konzeption und Teufelspakt, S. 168.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Der Faust in der Historia von 1587 - Eine ambivalente Figur
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Germanistisches Institut)
Veranstaltung
Der frühe Prosaroman
Note
2,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
23
Katalognummer
V79306
ISBN (eBook)
9783638863667
Dateigröße
478 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Faust, Historia, Eine, Figur, Prosaroman
Arbeit zitieren
Inga Wiefhoff (Autor), 2005, Der Faust in der Historia von 1587 - Eine ambivalente Figur, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/79306

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