„Es ist doch mehr und anderes als das bekannte noble ennui.“
Dieses von Thomas Mann in Bezug auf Stifters Œuvre beobachtete ‚mehr’ soll ins Zentrum der vorliegenden Arbeit gerückt werden. Schon von Zeitgenossen als „das überschätzte Diminutiv-Talent“ bezeichnet, hat gerade Stifter immer wieder negative Einschätzungen erfahren, die im zweifelhaften Prädikat ‚Poet der Langeweile’ kulminieren.
Ziel dieser Arbeit soll es sein, die immer wieder thematisierte Langatmigkeit, die scheinbar endlos idyllisierenden Beschreibungen, die dem Leser bei der Rezeption Stifterscher Erzählprosa begegnen, aus einer anderen Perspektive heraus zu betrachten. Thomas Mann bezeichnet den Österreicher als „Ehrenretter der Langeweile“ und betont des Weiteren, „was für ein aufregender, außerordentlicher, alle Augenblicke ins Extreme [...] vorstoßender Erzähler“ er ist. Seine Beobachtung soll in diesem Rahmen als erste Motivation herangezogen werden, innerhalb der Ordnungssysteme Stifters tatsächlich nach ‚mehr’, nach anderen Strukturen zu suchen, an denen sich der jeweils dargestellte Kosmos reibt und so seine ‚Außer-Ordentlichkeit’ bedingt.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Strömungen und Tendenzen in einer schwierigen Zeit
I. Teil
Un-Ordentliche Ordnung
I. 1 „Bergkristall“ – (un)geordnete Erzählräume
I. 1.1 Problematisches Weihnachtsidyll
I. 1.2 ‚Tal-Welt’
I. 1.3 Schneekatastrophe: Orientierungsverlust
I. 1.4 Ordnungsversuche
I. 1.5 Rettung
I. 2 „Turmalin“ – Fragmentarische Lebensbilder
I. 2.1 Der ‚verschachtelte’ Rentherr
I. 2.2 Der ‚Ehe-Bruch’
I. 2.3 Die ‚Ordnungs-Stifterin’ und das unterirdische Paar
I. 2.4 Das ‚kopflastige’ Mädchen
II. Teil
Ordentliche Un-Ordnung
II. 1 Der Nachsommer – die ‚andere’ Rosen-Welt
II. 1.1 Das Rosen-Panorama
II. 1.2 Heinrich Drendorf – ein schweigender Erzähler
II. 1.3 Strategien eines schweigenden Erzählers
II. 1.4 Rückblickende Entzifferung: ‚Rosen - Zeichen’
II. 2 Welt des Nichts – „Der fromme Spruch“
II. 2.1 ‚Figuren-Spiel’ in einer entleerten diegetische Welt
II. 2.2 Der Chronist: ein unsichtbarer Erzähler
II. 2.3 Grenzen der Kommunikation
Das Spiel zwischen Ordnung und Chaos bei Adalbert Stifter – Versuch eines Fazits
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die Arbeit untersucht das ambivalente Wechselspiel zwischen Ordnung und Chaos im Erzählwerk von Adalbert Stifter. Ziel ist es, hinter der scheinbar idyllischen und harmonisierenden Oberfläche von Stifters Texten die tieferliegenden, oft beunruhigenden Strukturen und deren Darstellungsstrategien aufzudecken, um so die vermeintliche "Poesie der Langeweile" als komplexes, spannungsvolles Ordnungssystem neu zu bewerten.
- Analyse des Spannungsfeldes zwischen Ordnungssystemen und deren Destabilisierung in "Bergkristall" und "Turmalin".
- Untersuchung der "ordentlichen Un-Ordnung" in "Der Nachsommer" und "Der fromme Spruch".
- Reflexion über die Rolle von Sprache, Schweigen und Narrationsstrategien bei der Etablierung oder Zersetzung von Ordnung.
- Deutung der Rolle von Naturgewalten und sozialen Abgründen als Störfaktoren innerhalb der Erzählwelten.
- Kritische Auseinandersetzung mit Biedermeier-Konzepten und der literarischen Darstellung von "Abgründigkeit".
Auszug aus dem Buch
I. 1.3 Schneekatastrophe: Orientierungsverlust
Der langsame Prozess des allmählichen Wetterumbruchs und zugleich der ‚Entfärbung’ des Textes setzt sich auf dem Weg der Kinder zu den Großeltern fort. Hier häufen sich Indizien, die auf den dramatischen Wetterwandel schließen lassen: Sie finden ihren Ausdruck in einer ‚langsamen’ reihenden Aufzählung, die Ausdrücke wie „kein Schnee“, „Fahlroth“, „unbeschneit und ruhig“, „noch nicht gefroren“, „mit einer zarten Feuchtigkeit überzogen“, „kein Reif“, „baldigen Regen“ (204) enthält und somit das begriffliche Inventar der allmählichen Veränderung verzeichnet. Diese Begriffe stellen einen Bezug her zu den Beobachtungen am Morgen. Gerade durch ihre langsame Ausführlichkeit erhält diese Aufzählung ihre Bedeutsamkeit und zeigt nicht nur, „dass gerade die ‚Monotonie’ der Stifterschen Erzählweise geeignet ist, Spannung zu erzeugen, so dass es im Leser zu einem dialektischen Umschlag vom Zustand der Langeweile in den der Spannung kommt.“40 An derartigen Passagen kann zudem exemplarisch gezeigt werden, dass durch ihre Langsamkeit ‚Un-Ruhe’ in den Text gelangt, in dem sie, schon rein quantitativ, ihren Raum in der Diegesis bekommt, langsam in seine Strukturen einsickert und sie stetig verändert.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung beleuchtet Stifters Ruf als "Poet der Langeweile" und formuliert das Ziel, die tiefere, chaotische Dynamik seiner Texte jenseits dieser oberflächlichen Zuschreibung freizulegen.
Strömungen und Tendenzen in einer schwierigen Zeit: Dieses Kapitel verortet Stifters Werk historisch im Biedermeier und thematisiert das Spannungsverhältnis zwischen Restauration und liberalem Aufbruch als Hintergrund für die Ambivalenz der Texte.
I. 1 „Bergkristall“ – (un)geordnete Erzählräume: Das Kapitel analysiert, wie in "Bergkristall" eine vermeintlich geordnete Welt durch den Einbruch unberechenbarer Naturgewalten destabilisiert wird.
I. 2 „Turmalin“ – Fragmentarische Lebensbilder: Hier wird untersucht, wie soziale Isolation und verschachtelte Wohnverhältnisse im "Turmalin" eine tiefgreifende Desintegration der Figuren spiegeln.
II. 1 Der Nachsommer – die ‚andere’ Rosen-Welt: Dieses Kapitel zeigt auf, wie "Der Nachsommer" durch ein striktes Ordnungssystem versucht, Störungen zu eliminieren, dabei aber selbst zur artifiziellen, fragilen Konstruktion wird.
II. 2 Welt des Nichts – „Der fromme Spruch“: Das Kapitel behandelt Stifters letzte Erzählung und zeigt, wie hier die Reduktion auf absolute Ordnung zu einer totalen Leere und einem "Sprachraum höchster Artifizialität" führt.
Schlüsselwörter
Adalbert Stifter, Biedermeier, Ordnung, Chaos, Erzählstrategien, Bergkristall, Turmalin, Der Nachsommer, Der fromme Spruch, Ambivalenz, Literaturtheorie, Erzählstruktur, Sprachlosigkeit, Sinnstiftung, Desintegration.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert Stifters Erzählwerk unter der Fragestellung, wie er das Verhältnis von Ordnung und Chaos gestaltet und welche narrativen Strukturen er einsetzt, um Ordnung zu etablieren oder deren Zerfall darzustellen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Dialektik von Ordnung und Unordnung, die Rolle der Sprache als Ordnungsinstrument, das Phänomen der "Abgründigkeit" im Biedermeier sowie die Analyse spezifischer Erzähltexte wie "Bergkristall" und "Der Nachsommer".
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, nachzuweisen, dass Stifters Texte entgegen ihrer oft als langatmig oder rein idyllisch empfundenen Wahrnehmung eine "unruhige" Doppelbödigkeit besitzen, die den Leser mit den Grenzen menschlicher Ordnung und Sprache konfrontiert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Untersuchung ist textzentriert und arbeitet stark erzähltheoretisch (unter Anlehnung an Genette sowie erzählstrategische Analysen), um die diskursive Konstruktion von Welt in den Texten zu erfassen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil ist zweigeteilt: Zuerst werden Texte mit "un-ordentlicher Ordnung" (Bergkristall, Turmalin) analysiert, danach solche mit einer scheinbar "ordentlichen Un-Ordnung" (Nachsommer, Der fromme Spruch), um die Radikalisierung von Ordnungsstrategien aufzuzeigen.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind neben Ordnung und Chaos vor allem Diskurs, Histoire, Differenzlosigkeit, Artifizialität, Sprachlosigkeit, "Schule des Verstummens" und die Funktion des Erzählers als "Chronist".
Inwiefern spielt der "Nachsommer" eine Sonderrolle?
Der Roman wird als ein extremes Beispiel für eine rigide, fast schon sterile Ordnungskonstruktion identifiziert, die durch ein komplexes System von Verboten ("Verbots-Grammatik") versucht, das Chaos vollständig aus dem Blickfeld zu verbannen.
Welche Bedeutung kommt dem "Turmalin" zu?
Die Erzählung dient als Beispiel für das Scheitern von Lebensentwürfen und die Fragmentarisierung familiärer Strukturen, wobei der "Ehebruch" und die verschachtelten Räume eine zentrale Rolle bei der Dekonstruktion familiärer Ordnung spielen.
Wie bewertet die Arbeit das "Fazit" bei Stifter?
Das Fazit der Arbeit betont, dass es bei Stifter keine "echte" Synthese von Ordnung und Chaos gibt; stattdessen oszillieren die Texte zwischen dem Wunsch nach absoluter Sinnstiftung und dem "Nichts", das durch die gewaltsame Reduktion in der Sprache sichtbar wird.
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- Inga Wiefhoff (Author), 2007, Ordnung und Chaos im Erzählwerk Adalbert Stifters, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/79363