Geschichte und Problematik der s-Schreibung im 19. und 20. Jahrhundert


Examensarbeit, 2004

82 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Grundlagen und Voraussetzungen
2.1 Phonologische Grundlagen – die s-Laute des Deutschen
2.1.1 Die historische Entwicklung der s-Laute
2.1.2 Die s-Laute im heutigen Deutsch
2.2 Orthographische Prinzipien
2.2.1 Das Lautprinzip
2.2.2 Das Stammprinzip
2.2.3 Das Homonymieprinzip
2.2.4 Das ästhetische Prinzip
2.2.5 Das pragmatische Prinzip
2.2.6 Das grammatische Prinzip
2.2.7 Die orthographischen Prinzipien – ein kurzes Fazit
2.3 Graphische Grundlagen – s-Schreibung zwischen Fraktur und Antiqua
2.4 Das Eszett und seine Entstehung

3 Das 19. Jahrhundert – Aufbruch in eine geregelte orthographische Zukunft
3.1 Ausgangspunkte
3.2 Reformvorschläge bis 1876
3.2.1 Die historische Richtung
3.2.1.1 Jakob Grimm
3.2.1.2 Philipp Wackernagel
3.2.1.3 Karl Weinhold
3.2.1.4 Probleme des historischen Ansatzes
3.2.2 Die phonetisch-traditionelle Richtung
3.2.2.1 J. C. Heyse und Ahnen
3.2.2.2 Rudolf von Raumer
3.2.2.3 Samuel Lefmann
3.2.2.4 Probleme des phonetischen Ansatzes
3.3 I. Orthographische Konferenz – versuchte Durchsetzung der Einheitsorthographie
3.4 Schulorthographien und Vorschläge einzelner Autoren zwischen 1876 und 1900
3.4.1 K. Duden (1876): Zukunftsorthographie
3.4.2 Die wichtigsten Schulorthographien
3.4.2.1 Österreich
3.4.2.2 Bayern
3.4.2.3 Preußen
3.4.2.4 Andere Schulorthographien
3.4.3 G. A. Saalfeld (1885) und R. Bax (1897)
3.5 Das 19. Jahrhundert – Fazit und Zusammenfassung

4 Das 20. Jahrhundert – Verwirklichung der Einheitsorthographie
4.1 II. Orthographische Konferenz – Berlin 1901
4.2 Nachlese der II. Orthographischen Konferenz – Reformvorschläge bis 1933
4.2.1 Drei mögliche Wege zu einer vereinfachten s-Schreibung
4.2.1.1 Möglichkeit A: <ß> wird durch <s> ersetzt
4.2.1.2 Möglichkeit B: <s>/<ss> oder <ſ>/<ſſ> ersetzen <ß>
4.2.1.3 Möglichkeit C: <ss> ersetzt <ß> nach Kurzvokal
4.2.2 Oskar Brenner 1902
4.2.3 Die Vorschläge des Leipziger Lehrervereins (1931)
4.3 Orthographie und Nationalsozialismus – die Zeit von 1933-1945
4.4 Aufbruch zum Fortschritt – Reformbestrebungen und Erkenntnisse zwischen 1945 und 1996
4.4.1 Reformvorschlag A: <s> an Stelle von <ß>
4.4.2 Reformvorschlag B: <s>/<ss> ersetzt <ß>
4.4.2.1 „Ist eine reform unserer rechtschreibung notwendig?“ – Die Vorschläge des FDGB Leipzig (1947)
4.4.3 Reformvorschlag C: <ss> ersetzt <ß> nach Kurzvokal
4.4.3.1 Österreich 1961/62
4.4.3.2 Kommission (1985) und (1989)
4.4.3.3 Maas (1992)
4.4.4 Reformvorschlag D: generell <ss> statt <ß>
4.4.4.1 Stuttgarter Empfehlungen (1954)
4.4.4.2 Resolution (1973)
4.5 Die Neuregelung der Rechtschreibung 1996
4.5.1 Geschichte der Neuregelung
4.5.2 Die neuen Regeln für die s-Schreibung
4.5.3 Kritik an der Neuregelung der s-Schreibung
4.6 Das 20. Jahrhundert – der zusammenfassende Überblick

5 Ausblick

Literaturverzeichnis

Danksagung

1 Einleitung

Die vorliegende wissenschaftliche Hausarbeit beschäftigt sich mit der Geschichte und Problematik der s-Schreibung in den vergangenen beiden Jahrhunderten. Sie soll wesentliche Entwicklungsstränge der s-Orthographie dieser Zeit aufzeigen und problematische Zusammenhänge verdeutlichen.

Im 19. und 20. Jahrhundert erfuhr die deutsche Orthographie grundlegendere Veränderungen als je zuvor: es gab sehr viele neue Reformbestrebungen, zahlreiche Autoren, die sich zu Rechtschreibung äußerten und zwei staatlich sanktionierte Rechtschreibreformen.

Ausgehend von den phonologischen Grundlagen für die s-Laute und den unterschiedlichen orthographischen Prinzipien, soll zunächst die Geschichte des 19. Jahrhunderts mit ihren zahlreichen und schließlich doch immer wieder gescheiterten Reformbestrebungen Betrachtung finden. Danach steht das 20. Jahrhundert, das sich durch die zwei, auch und vor allem durch staatliche Instanzen getragene, Reformen auszeichnet, im Zentrum der Betrachtung. Dabei werden in diesem wie in jenem Jahrhundert die problematischen Aspekte der verschiedenen Reformansätze betrachtet und erläutert.

Den Abschluss der Darstellungen soll ein Ausblick ins 21. Jahrhundert bilden, der durch die Erfahrung und vorhergegangenen geschichtlichen Darstellungen gespeist wird.

2 Grundlagen und Voraussetzungen

2.1 Phonologische Grundlagen – die s-Laute des Deutschen

2.1.1 Die historische Entwicklung der s-Laute

Die Entwicklung der s-Laute ist sprachgeschichtlich gesehen nicht ganz einfach nachzuvollziehen, da sie sich nicht kontinuierlich verlaufen ist bzw. die s-Laute auf verschiedenartige Laute des Germanischen und Indogermanischen zurückgehen. Die erste historische Betrachtung der Genese der s-Laute geht auf Jakob Grimm zurück. Bramann (1982: 59) gibt einen Überblick über die von Grimm entdeckte s-Laut-Entwicklung:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tab. 1 nach Bramann (1982: 59)

Aus der Tabelle wird ersichtlich, dass die neuhochdeutschen s-Laute verschiedene Ursprünge haben. Der stimmlose s-Laut geht zum einen aus dem indogermanischen Reibelaut hervor, der sich zu germanisch t entwickelt hatte. Im Zuge der 2. Lautverschiebung hatte dieser sich von einem Tenues in einen Spiranten gewandelt. Andererseits geht [s] jedoch auch auf germanisch s zurück.

Auch der stimmhafte s-Laut [z] geht sowohl auf den germanischen Spiranten s, als auch auf germanisch t zurück.

Um 1300 haben sich dann sowohl in Lautung als auch in der Graphie entscheidende Wandlungen vollzogen. Es „verändert mhd. <s> in mehrfacher Hinsicht seinen Lautwert. Dort wo es seinen palatalen Charakter aufgibt und zum reinen dentalen stl. /s/ wird, fällt es mit mhd. <z> zusammen.“ (Schmidt 2004: 327). Im Zuge dessen wird zu dieser Zeit in der Schriftsprache auch der Gegensatz von [s] und [z] an diesen Stellen nicht mehr verzeichnet.

Die Veränderungen, die sich vom Mittelhochdeutschen zum Neuhochdeutschen vollziehen, betreffen allerdings nicht „die Art und Zahl der Phoneme […], sondern ihren Lautwert, ihre graphische Wiedergabe sowie insbesondere ihre Distribution und damit ihre Frequenz“ (Schmidt 2004: 328).

2.1.2 Die s-Laute im heutigen Deutsch

Das heutige Deutsch verfügt noch immer über die zwei s-Laute [s] und [z]. Sie gehören zu den so genannten Frikativen, den Reibelauten. Sie werden alveolar, d. h. durch Kontakt der Zunge mit dem Zahndamm gebildet.[1]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 2 zeigt die Verteilung der deutschen s-Laute auf die Graphie.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tab. 2[2]

Das stimmlose [s] kommt im Deutschen in allen Positionen außer dem Anlaut vor. Das stimmhafte [z] steht dagegen nur im Anlaut vor Vokalen und im Inlaut zwischen Vokalen.

Der Status von [z] als Phonem des Deutschen und damit als Allophon von [s], gilt laut Altmann/Ziegenhain (2002: 69) als nicht gesichert, da es außer [z] nur noch einen stimmhaften Frikativ im Phoneminventar gibt und zwar [v]. Darüber hinaus gibt es nur wenige Minimalpaare, die eine Opposition von [s] und [z] erkennen lassen und zwar nur im Inlaut.

(1) a. [raizən] <reisen>

b. [raisən] <reißen>

Weiterhin wird die stimmhafte Variante (1a) im deutschen Sprachraum nur teilweise realisiert, so z. B. im Oberdeutschen gar nicht.

Die s-Schreibung des Deutschen beruht sehr stark auf den phonologischen Hintergründen der s-Laute. Die Laut-Buchstaben-Zuordnung und deren Begründung sind die Ausgangspunkte für alle Vorschläge, die eine bestimmte s-Schreibung betreffen.

2.2 Orthographische Prinzipien

Das Deutsche verfügt, wie andere Schriftsprachen auch, über verschiedene Prinzipien, die in der Orthographie ihre Anwendung finden. Sie waren schon Voraussetzung und unumgängliches Instrumentarium für eine theoretische Auseinandersetzung mit der Orthographie, als diese sich noch nicht durch normierte Regeln auszeichnete. Sie bilden auch heute noch bewusst oder unbewusst die Grundlage des Schreibens, der Rechtschreibung und der Überlegungen, die Reformbestrebungen vorausgehen, deshalb sind sie für eine Untersuchung der Geschichte der Rechtschreibung und ihrer allgemeinen Betrachtung von großer Bedeutung.

Unter den orthographischen Prinzipien versteht man laut Nerius (2000e: 85) die

Kennzeichnung der generellen oder grundlegenden Beziehungen der graphischen Ebene zu den anderen Ebenen des Sprachsystems und damit [den] theoretischen Rahmen für die verschiedenen Arten von orthographischen Regeln.

Die meisten Autoren[3] unterscheiden sechs oder sieben verschiedene Prinzipien. Diese sollen an dieser Stelle auf ihre Bedeutung für unser Thema hin untersucht werden.

2.2.1 Das Lautprinzip

Obwohl das Deutsche keine eindeutige Laut-Buchstaben-Zuordnung aufweist, kann man es doch als „annähernd phonologische Schrift“ (Augst 1974b: 12) bezeichnen, d. h. es wurde stets angestrebt, phonologisch unterscheidbare Laute auch möglichst eindeutig und graphisch verschieden darzustellen. Dies ist es, was das Lautprinzip fordert.[4]

Bei Nerius (2000e: 88) findet sich im Gegensatz zu Augst (1974b) ein etwas weiter gefasster Begriff des Lautprinzips. Er fasst drei auf die Phonologie bezogene Prinzipien unter dem Begriff Phonologisches Grundprinzip zusammen. Dazu gehören: das phonematische Prinzip (Zusammenhang zwischen Graphem und Phonem), das syllabische Prinzip (hat Bedeutung für die Untersuchung der Worttrennung) und das intonatorische Prinzip (bezieht sich auf Akzentsetzung, Tonhöhenverlauf etc).

Für die s-Schreibung folgt aus dem Lautprinzip die schriftliche Unterscheidung von [s] und [z], sofern dieser Unterschied tatsächlich gehört wird, und damit die Beseitigung des Nebeneinanders von <s> für [s] (2a), [z] (2b) und sogar[∫] (2c).

(2) a. das Ma ß

b. die S anduhr

c. die S tanduhr

2.2.2 Das Stammprinzip

Hinter diesem Prinzip, auch etymologisches oder historisches Prinzip genannt (vgl. Augst 1974b: 22), verbirgt sich die Kennzeichnung und Betonung der Familienzusammengehörigkeit der einzelnen Wörter (auch und v. a. im Hinblick auf ihre historische Herkunft), so dass ein Wort in unterschiedlichen Flexionen ein ähnliches Schriftbild aufweisen kann. Demzufolge kann es dann in seinen unterschiedlichen Formen vom Leser leichter erkannt werden. Das Prinzip hat also einen „morphemidentifizierenden Aspekt“ (Nerius 2000e: 89), aber auch einen „morphemdifferenzierenden Aspekt“ (Nerius 2000e: 89) wenn bei lautgleichen oder ähnlichen Worten der semantische Unterschied verdeutlicht werden soll (vgl. auch 2.2.3).

Wichtig ist es, an dieser Stelle zu erwähnen, dass das Stammprinzip, bei anderen Autoren (z. B. Piirainen 1981) auch morphemisches oder morphematisches Prinzip genannt, nicht nur den diachronen Zusammenhang der Wörter aufzuzeigen fordert, sondern auch den synchronen Zusammenhang der verschiedenen Flexionen der Wörter.

Bei der heutigen s-Schreibung finden wird die Anwendung des Stammprinzips z. B. bei Paaren wie

(3) a. er las [la:s]

b. sie lasen [la:zən].

Obwohl bei (3a) Auslautverhärtung vorliegt, d.h. ein stimmloses [s] gesprochen wird, finden wir in der Schreibung dasselbe <s> wie bei (3b), wo es für das stimmhafte [z] steht.

Gerade an diesen Stellen prallen die Forderungen des Lautprinzips, das eine genaue Wiedergabe der Phoneme anstrebt und des Stammprinzips, das die Zusammengehörigkeit der Wortfamilie betonen will, stark aufeinander. Diesen Widersprüchen werden wir noch sehr oft in unserer Untersuchung begegnen, sowohl im 19. als auch im 20. Jahrhundert.

2.2.3 Das Homonymieprinzip

Dieses Prinzip fordert vom Schreiber eine Unterscheidung von lautgleichen, aber wortfamilienverschiedenen Wörtern.[5] Augst (1974b: 31) hält dieses Prinzip allerdings für überflüssig, da sich semantische Unterschiede ebenso gut aus dem Kontext erschließen lassen.

In der s-Schreibung findet dieses Prinzip sehr häufige Anwendung bei der Unterscheidung und Abgrenzung des Artikels/Pronomens das gegen die Konjunktion dass.

2.2.4 Das ästhetische Prinzip

Bei dem ästhetischen Prinzip handelt es sich im Wesentlichen um Forderungen, die das reine Schriftbild betreffen. Dieses Prinzip ist wie die Ästhetik überhaupt sehr willkürlich und subjektiven Eindrücken unterworfen. So gibt es beispielsweise im Deutschen die Forderung nach Vermeidung einer Reihung von drei gleichen Konsonanten bei Zusammensetzungen oder die Forderung nach Abschaffung von verdoppelten Lauten zur Darstellung von gedehnten oder geschärften Lauten, was auch das <ß> als Zusammensetzung aus <s> und <|> bzw. <s> und <z> beträfe (vgl. Augst 1974b: 34). Auch die Anwendung dieses Prinzips hält Augst für unnötig, da hier keine Sprachinformation transportiert wird[6].

2.2.5 Das pragmatische Prinzip

Dieses Prinzip findet seine Anwendung in der Verwendung von Majuskeln beim Schreiben von Höflichkeitsanreden, Eigennamen usw. (vgl. Augst 1974b: 35). Hiermit wird ebenfalls keine gesonderte Sprachinformation übertragen, es dient im Wesentlichen nur der Hervorhebung und Leseerleichterung.

2.2.6 Das grammatische Prinzip

Die Großschreibung der Substantive basiert auf diesem Prinzip. Auch hier lässt sich über die Notwendigkeit streiten, da die Abgrenzung von Substantiven gegenüber den anderen Wortarten beim Sprechen schließlich nicht erfolgt und die Bedeutungen trotzdem erschlossen werden können. Die Gegner dieses Prinzips argumentieren, dass dem Rezipienten auch beim Lesen[7], das schließlich nicht schwieriger ist als das Hören, eine ähnlich hohe graphische Varianz[8] zugemutet werden kann, wie er sie im täglichem Leben als phonetische Varianz (als Hörer) sowieso vorgesetzt bekommt. Dort sei er ja auch in der Lage, die große Vielfalt der Laute so zu klassifizieren, dass eine gemeinsame Kommunikation möglich ist (vgl. Leiss 1997: 32 f.).

Die unterschiedliche Gewichtung der Wörter und die daraus resultierende Großschreibung der Substantive bringen zwar eine je nach Ansicht mehr oder minder überflüssige Mehrarbeit für den Schreiber mit sich, sie dienen aber als "zusätzliche Lesehilfe" (Augst 1974b: 43) und haben damit ihre Berechtigung.

2.2.7 Die orthographischen Prinzipien – ein kurzes Fazit

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die orthographischen Prinzipien sich sowohl auf die Phonem- und Morphemebene der Schreibung beziehen (Laut- und Stammprinzip) als auch ästhetische und semantische Aspekte berücksichtigen. Gerade das macht eine eindeutige Favorisierung eines Prinzips so schwer, da bei jedem Prinzip wiederum andere wichtige Gesichtspunkte der Schreibung vernachlässigt werden. Aber man kann eine Hierarchie der Prinzipien aufgrund ihrer unterschiedlich großen Tragweiten und Konsequenzen für die Schreibung annehmen (vgl. Nerius 2000e: 93). So stehen in den meisten Betrachtungen Lautprinzip und Stammprinzip höher im Ansehen als etwa das ästhetische, grammatische oder pragmatische Prinzip.

In den Theorien des 19. und 20. Jahrhunderts zeigt sich eine klare Konkurrenz zwischen Lautprinzip und Stammprinzip, aber auch ästhetischen Betrachtungen (z. B. im Zusammenhang mit den Schrifttypen Fraktur und Antiqua oder im Hinblick auf eine gewisse Schrifttradition und von daher gewohnten Anblicken).

Wünschenswert für heutige Verhältnisse und spätere Reformen wäre ein "dynamisch-integratives Konzept" (Müller 1988: 60), das sich den verschiedenen Anforderungen der Entwicklung anpassen kann.

2.3 Graphische Grundlagen – s-Schreibung zwischen Fraktur und Antiqua

Bei der Beschäftigung mit der historischen s-Schreibung stößt man zwangsläufig auf die graphischen und drucktechnischen Hintergründe der Graphie. Denn die verschiedenen Sprachwissenschaftler nehmen in ihren theoretischen Ansätzen stets Bezug auf die eine oder andere Schrift, oder sie geben Regeln vor, wie die s-Laute in den verschiedenen Schrifttypen zu setzen seien. Daher ist es an dieser Stelle unumgänglich, auf Frakturschrift und Antiqua einzugehen.

Wichtig in diesem Zusammenhang ist aber auch, dass seit jeher mehr als nur zwei Zeichen für die Darstellung der s-Laute zur Verfügung stehen, u. a. sind das Lang-s und Rund-s, sowie Eszett und zahlreiche Kombinationen dieser Zeichen. Sowohl Lang-s als auch Rund-s sind "genuiner Bestandteil des antiken lateinischen Alphabets" (Kranich-Hofbauer 2000: 54). Das Rund-s geht auf die römische Majuskelschrift zurück und kommt seit dem 14. Jahrhundert vorwiegend auslautend vor, das Lang-s dagegen ist eher als kursive Variante zu betrachten und meist im An- und Inlaut zu finden. Das Eszett hat dagegen mehrere Ursprünge (mehr dazu unter 2.4).

Alle s-Zeichen sind in den beiden verschiedenen Schriftarten zu finden.

Noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts war die so genannte "deutsche Schrift", die Fraktur, hervorgegangen aus der gotischen Schrift, allgemein gebräuchlich. Sie zeichnete sich durch ein gebrochenes, "verschnörkeltes" Schriftbild aus.

Abb. 1 zeigt eine Übersicht der in Fraktur gebräuchlichen Schrifttypen und Ligaturen für die verschiedenen s-Laute. Zu sehen sind das große <S>, Lang-s, Rund-s, doppeltes Lang-s, Eszett, <z> und die Kombination <st>.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1

Zu <z> ist dabei anzumerken, dass es bis gegen Ende des 13. Jahrhunderts als Zeichen für den stimmlosen s-Laut stand, der sich durch Lautverschiebung aus dem germanischen t entwickelt hatte (vgl. Michel 1959: 458). Deshalb ist er hier in der Reihe der Zeichen für die s-Laute mit aufgeführt.

Bei der Anwendung der Schriftzeichen findet sich in der Fraktur eine relativ feste Verteilung von <s> an- und inlautend und <|> vor allem auslautend (vgl. Poschenrieder 1997: 174).

In der so genannten lateinischen Schrift, der Antiqua, die bereits im 19. Jahrhundert von einigen Sprachwissenschaftlern (so z. B. Grimm) favorisiert wurde und schließlich mit dem Bormann-Erlass der Reichsschriftkammer am 3.1.1941 endgültig durchgesetzt wurde (vgl. Hartmann 1999: 295, 313), finden sich die in Abb. 2 vorgestellten Typen und Ligaturen.[11]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2

Mit dem allmählichen Rückzug der Fraktur schon gegen Ende des 19. Jahrhunderts verschwand auch <s> allmählich aus dem Gebrauch, da es sich in der Antiqua in Deutschland fast nur noch in Festverbindungen wie <ſs> hielt, welches häufig als "Länge-ß", d.h. als Zeichen der Markierung für vorhergehenden Langvokal verwendet wurde (vgl. Poschenrieder 1997: 174).

2.4 Das Eszett und seine Entstehung

Im Zusammenhang mit den in Deutschland im 19. und teilweise auch 20. Jahrhundert parallel verwendeten Schriften ist es auch nötig, sich mit dem viel zitierten und beschriebenen Sonderzeichen <ß> bzw. <ß> zu beschäftigen.

Das Eszett der Antiqua ist nämlich ein anderes als das der Fraktur. So erklärt beispielsweise Poschenrieder (1997: 174), dass <ß> im 14. Jahrhundert aus einer Kombination von <s> und <z> hervorgegangen ist. Dies diente der "graphische[n] Scheidung der aus westgermanisch t entstandenen stimmlosen Dentalspirans s (hier bisher mit z wiedergegeben) von der Affrikata z, die ja ebenfalls durch die hochdeutsche Lautverschiebung aus westgermanisch t hervorgegangen war", so Michel (1959: 461). Da aber in der gotischen Schrift <z> und <z> graphisch zusammenfielen, sicherte man das so genannte "scharfe", stimmlose s durch Voranstellen eines Lang-s <s> vor das geschwänzte <z> (vgl. Kranich-Hofbauer 2000: 54). Das Eszett der Fraktur verdient also seinen Namen im wörtlichen Sinne und wurde erst später als Doppel-s interpretiert, was vermutlich dem stimmlosen Charakter, der beiden Lauten gemein ist, zuzuschreiben ist (vgl. Kranich-Hofbauer 2000: 55). Darüber hinaus ist zu sagen, dass das Eszett der gedruckten Fraktur erst spät als Einzelzeichen verwendet und stattdessen lange als Ligatur aus den oben genannten zwei Buchstaben gesetzt wurde, während es in den Handschriften schon viel eher als individuelles Einzelzeichen zu finden ist (vgl. Kranich-Hofbauer 2000: 57).

In der Antiqua ist <ß> aus einer Zusammenfügung von <ſ> und <s> zu < ſs> entstanden und diente schon im 16.Jahrhundert als Allograph für doppeltes <s>. Grimm verwandte dann wohl als erster das neu gestaltete Zeichen (vgl. Poschenrieder 1997: 174), das der Antiqua, der lateinischen Schrift, zuvor nicht eigen war. Dafür wurde es dann recht schnell und vor allem schneller als in der Fraktur als Einzelzeichendrucktype eingeführt (vgl. Kranich-Hofbauer 2000: 57).

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurden dann die zunächst auch verschieden verwendeten Eszett gleichartig gebraucht, nämlich sowohl als Allograph für doppeltes gesetztes <s> als auch als Zeichen für geschärften s-Laut.[12]

Wesentlich zu erwähnen ist in dem Zusammenhang ebenfalls, dass das Eszett zwar digraphisch entstanden ist, aber nach und nach als einfacher Konsonant galt und heute noch gilt.

Die historisch unterschiedliche Entstehung des Eszett wird bei der Betrachtung der verschiedenen Reform- und Schreibvorschläge der Sprachwissenschaftler der letzten beiden Jahrhunderte noch eine Rolle spielen.

3 Das 19. Jahrhundert – Aufbruch in eine geregelte orthographische Zukunft

3.1 Ausgangspunkte

Vor Beginn 19. Jahrhunderts fand sich in Deutschland nur in sehr geringem Maße eine Einigkeit in irgendeiner Hinsicht, schon gar nicht in der Rechtschreibung. Die dezentrale Organisation der deutschen Einzelstaaten, Fürstentümer und Königreiche und das Fehlen einer allgemeinen Schulpflicht sind dafür verantwortlich.

Nun aber änderten sich die Vorzeichen: wirtschaftlicher Aufschwung durch die zunehmende Zusammenarbeit der einzelnen Länder, sowie eine höhere Wertung kultureller Leistung, wie die stärkere Verwendung von schriftlicher Kommunikation und die Einführung der allgemeinen Schulpflicht, brachten es mit sich, dass einerseits immer mehr Menschen "Zugang zur geschriebenen Sprache fanden" (Nerius/Möller 2000: 117) und damit andererseits das Verlangen nach einer geregelten Schreibung immer größer wurde.

J. Ch. Gottsched hatte diesem Bedürfnis bereits 1748 mit der "Grundlegung einer Deutschen Sprachkunst" Rechnung getragen. Er versuchte u. a. die Systematik der s-Laute darzustellen. Die von ihm erkannten bzw. geforderten Regeln lassen sich folgendermaßen darstellen (vgl. Michel 1959: 472):

a) stimmhafter s-Laut wird durch <s> bezeichnet
b) stimmloser s-Laut soll nach Langvokal oder Diphthong mit <ß> bezeichnet werden
c) stimmloser s-Laut soll nach kurzem Vokal im Inlaut mit <ss>, im Wort- und Silbenauslaut mit <ß> bezeichnet werden.

Sein Schreibkanon[13] lautete also:

A. sie la s en, das Ma ß, sie ha ss en, der Ha ß

Gottsched verstand unter dem <ß> nur den Ausdruck eines doppelten <ss> (vgl. c)). Der Unterschied läge lediglich in der unterschiedlichen Art und Weise der Silbentrennung, wobei bei Langvokal der s-Laut zur nachfolgenden Silbe gezogen wird, bei Kurzvokal dagegen in beiden Silben auftritt, also geteilt wird (vgl. Michel 19959: 472).

Wie kann aber ein Graphem für einen stimmlosen s-Laut gleichzeitig einen verdoppelten stimmhaften s-Laut darstellen? Nicht zuletzt wegen Unstimmigkeiten dieser Art gilt sein Werk mit den enthaltenen Regeln und deren Begründungen als unausgereift und unsystematisch (vgl. Nerius 2000a: 230). Trotzdem fand Gottscheds Regelung zur s-Schreibung noch bis zur Rechtschreibreform 1996 und darüber hinaus Anwendung.

Einen weiteren Schritt in Richtung regelhafte Schreibung unternahm J. Chr. Adelung 1788, der seine "Vollständige Unterweisung zur deutschen Orthographie" publizierte, die bis 1835 noch in weiteren vier Auflagen veröffentlicht wurde. Der Ausgangspunkt von Adelungs Überlegungen war, wie bei Gottsched, zunächst das Bemühen um eine Vereinheitlichung der Literatursprache[14], ihre Durchsetzung und deren erhoffter Einfluss auf die Vereinheitlichung des allgemeinen Sprachgebrauchs. Adelung verbindet dieses Bemühen mit dem Nachdenken über sprachliche und orthographische Prinzipien.

So favorisierte er bei der Festlegung orthographischer Normen stets solche Formen, die bereits weit verbreitet waren und wandte sich gegen Änderungen der althergebrachten Orthographie, auch wenn es dafür gute, bspw. phonetisch begründete Argumente gab (vgl. Nerius 2000a: 233). Damit war er Vorreiter für eine weitere Vereinheitlichung der deutschen Rechtschreibung.

Sein 1788 veröffentlichtes Werk bestach vor allem durch die systematische Zusammenfassung der von ihm gewonnenen Erkenntnisse über die Gesetzmäßigkeiten der deutschen Orthographie und die klare Anwendung und Hierarchisierung dreier orthographischer Prinzipien: Aussprache, Abstammung und allgemeiner Gebrauch. Als wichtigstes Prinzip gilt ihm, der sich im Allgemeinen gegen Reformen wendet, der allgemeine Gebrauch. Darunter versteht er den Gebrauch, wie er sich bei den von ihm geschätzten obersächsischen Schriftstellern aus der Mitte des 18. Jahrhunderts findet. Als Grundlage der Aussprache gilt ihm wiederum der Gebrauch der obersächsischen höhergestellten Klassen. Unter dem Prinzip der Abstammung versteht Adelung nicht etwa die diachronischen Zusammenhänge sondern wendet eine synchrone Betrachtungsweise von Wortverwandtschaft an (vgl. Nerius 2000a: 235).

Im Hinblick auf die s-Schreibung liegt die Leistung von Adelung in der Unterteilung der s-Laute in Säusler, das sind der "gelinde Säusler" <s>, der verdoppelt scharfe Säusler <|> und <s> nach geschärften Vokalen, der einfach scharfe Säusler <ß> sowie der harte Säusler <z> und den Zischlaut <|ch> (vgl. Michaelis 1883: 32). Dabei gibt er als historische Entstehung des <ß> die Verschleifung aus <s> und <|> an, was schon Michaelis (1883) als falsch bezeichnet und uns auch heute noch als unrichtig gilt (vgl. 2.4). Überdies ist sein Verhältnis zur s-Schreibung, besonders im Hinblick auf seine Ansichten zu Gottscheds Regelungen, sehr gespalten. So erkannte er einerseits die <ß>-Schreibung nach Langvokal, Diphthong sowie am Silben- und Wortauslaut an, mitunter vertrat er aber auch die Auffassung, man müsse besser <ss> schreiben, um die Verwandtschaft der Wörter zu unterstreichen. Darüber hinaus gab er zum ersten Mal den Hinweis, <ss> als "stellvertretende Verdopplung" (Michel 1959: 474) des <ß> aufzufassen, also als verdoppelten stimmlosen s-Laut zu sehen. Diese Betrachtung hatte Gottsched noch vermissen lassen.

In späteren Jahren schloss Adelung sich dann wieder voll und ganz dem Gottschedschen System an.

Sein Kanon lautet also auch:

A. la s en, Ma ß, ha ss en, Ha ß

Grundsätzlich lässt sich zu Adelung sagen, dass seine systematische Darstellung der deutschen Rechtschreibverhältnisse auf der Grundlage bestimmter orthographischer Prinzipien großen Einfluss auf die Sprachwissenschaftler des 19. Jahrhunderts genommen hat, wie wir in den folgenden Betrachtungen noch sehen werden.

Die "Vollständige Unterweisung zur deutschen Orthographie", die noch bis 1876 nachgedruckt wird, ist außerdem auch Anzeichen dafür, dass der "Ausgangspunkt zu Beginn des 19. Jahrhunderts […] also eine relativ vereinheitlichte Schreibung mit schon großer normativer Kraft" ist, so Scheuringer (1996: 55), auch wenn nicht alle Wörterbücher damit übereinstimmen und es Schwierigkeiten mit regionalen Unterschieden in Aussprache und Schreibung sowie mit z. T. widersprüchlich definierten Regeln gab.

3.2 Reformvorschläge bis 1876

Von Beginn des 19. Jahrhunderts an bis zur so genannten I. Orthographischen Konferenz 1871 gab es von den unterschiedlichen Sprachwissenschaftlern der Zeit zahlreiche Reformvorschläge, die die s-Schreibung betreffen. Die meisten dieser Vorschläge lassen sich zwei grundlegend verschiedenen Richtungen zuordnen: der historischen und der phonetischen Richtung. Diese beiden Richtungen möchte ich in Anlehnung an Nerius/Möller (2000) als Grundlage der Gliederung der folgenden Darstellung nutzen und unter ihrem Mantel die Positionen der einzelnen Vertreter aufzeigen.

3.2.1 Die historische Richtung

Die historische Richtung und ihre Anhänger gründen ihre Ansprüche an die deutsche Rechtschreibung auf eine besondere Betonung der sprachgeschichtlichen Hintergründe und der Entwicklung der Sprache. Die Orthographie sollte im Zuge dessen diese Hintergründe betonen und darauf beruhen. Das hätte zwei Vorteile: durch den Verzicht auf die Darstellung und Rücksichtnahme regionaler Besonderheiten entstünde zum einen eine größere Einfachheit und zum anderen, noch wichtiger, eine stärkere Vereinheitlichung im deutschen Schriftsprachgebrauch.

Bedeutende Anhänger der historischen Richtung waren, J. Grimm, Ph. Wackernagel und K. Weinhold.

3.2.1.1 Jakob Grimm

Grimm, der sich in den Anfängen seiner schriftstellerischen Tätigkeit noch an die gottschedschen und adelungschen Rechtschreibvorschläge hielt (vgl. Michel 1883: 39) entwickelte später einen der bedeutendsten Reformansätze des 19. Jahrhunderts. Er beschäftigt sich bis 1822 intensiv mit der adelungschen Orthographie und erarbeitet Vorschläge, um der Rechtschreibung, die nach seinem Dafürhalten längst einer Änderung bedurfte, die Gesetze des Mittelhochdeutschen zugrunde zu legen. So erscheinen 1822 seine "buchstabenlehre" und 1840 die "lautlehre".[15]

Bedeutend für die s-Schreibung sind bei Grimm nicht nur die konkreten Vorschläge, sondern auch die Tatsache, dass er sich bereits in den frühen Veröffentlichungen der lateinischen Schrift bedient, auf Majuskelgebrauch verzichtet (vgl. Hiehle 1949: 304 f.) und darüber hinaus auch Lang-s <ſ> in der Antiqua einführt und zwar als Zeichen für das stimmhafte s. Dieser Gebrauch erweist sich jedoch als inkonsequent, so Hiehle (1949: 309), da er das Zeichen auch bei den stimmlosen Lautverbindungen <ſt>, <ſp> und <ſch> gebraucht und oft auch <ß> für <ſſ> verwendet.

Schon 1822 schlägt Grimm vor, <ß> als historisches Eszett dort einzuführen, wo im Niederdeutschen <t> steht. Darüber hinaus lehnte er die Wandlung von (historisch) <ß> zu <ss> nach Kurzvokal im Inlaut ebenso ab, wie den umgekehrten Fall der Wandlung von <ss> zu <ß>. Als Begründung dafür diente ihm die Erkenntnis, dass <ß> zusammen mit <z> die Gruppe der Zischlaute bilde, während, <s> ein Graphem für einen Spiranten darstelle (vgl. Michaelis 1883: 40). Durch diesen phonetischen Unterschied könne es nicht richtig sein, dass man ein Graphem für die Darstellung eines Spiranten auch für die Darstellung eines Zischlautes heranzieht. Damit mutet Grimm den Schreibern nicht nur ein außerordentlich feines Gehör zu, sondern auch die Kenntnis der mittelhochdeutschen Lautverhältnisse.

Zusätzlich sprach sich Grimm für eine Vereinfachung des doppelten s-Lautes am Wortende aus, er favorisierte dort nach mittelhochdeutschem Vorbild die Schreibung des einfachen s-Lautes (vgl. Michaelis 1883: 41).

Sein Kanon von 1822 lautet also:

B. "groß, große; haß, haße; roſ, rosse" (Michaelis 1883: 41).

Später kehrte Grimm jedoch wieder zu seiner anfänglichen Anhängerschaft Gottscheds zurück. Davon ausgenommen war nur die einfache s-Schreibung am Wortauslaut und die Einführung der Zeichenkombination <ſs> statt <ß> ab 1834 (vgl. Michaelis 1883: 48).

Der neue Kanon lautete nun:

C. "groſs, groſse, haſs, haſse, ross (ros), rosse" (Michaelis 1883: 48).

Für das für 1852 geplante Wörterbuch verwandte Grimm erneut eine andere Graphie zum Ersatz von <ß>, nämlich <sz>. Nun lautete der Kanon:

D. grosz, grosze, hasz, hasze, ros, rosse.

Keiner der Vorschläge fand jedoch über die Gruppe der Sprachwissenschaftler hinaus größere Beachtung.

3.2.1.2 Philipp Wackernagel

Wackernagel galt als der "zäheste Anhänger des historischen ß" (Michaelis 1883: 49). Aus seiner strikten Schreibung des <ß> da, wo germanisch ursprünglich <t> stand, ergab sich eine starke Seltenheit von <ss>, das nunmehr nur in Fremdwörtern, bei dessen und wessen sowie bei der Vorsilbe miss- und dem Suffix -nis (bzw. deren Verlängerung) und wenigen anderen Wörtern[16] auftauchte (vgl. Wackernagel 1836: X, zit. nach Michaelis 1883: 50). Außerdem hoffte Wackernagel auch auf die Einführung eines neuen Zeichens für <ß>.

So lautete sein Kanon 1848:

[...]


[1] Von dem palatal gebildeten [∫]-Laut soll in dieser Arbeit abgesehen werden.

[2] Die Darstellung lehnt sich an an Maas (1992: 311). Dieser verzeichnet aber 1992 noch nicht das auch auslautend vorkommende Graphem <ss>.

[3] vgl. die Übersicht bei Nerius (2000e: 94 f.).

[4] Ich werde mich im Folgenden auf die Termini von Augst (1974b) stützen und für die Betrachtungen Nerius (2000e) hinzuziehen.

[5] Dieses Prinzip überschneidet sich mit dem von Nerius (2000e: 89) konstatierten "morphemdifferenzierenden" Aspekt des Stammprinzips.

[6] Nerius (2000e: 96) lehnt dieses Prinzip aus systemtechnischen Gründen ab. Es beziehe sich auf Einzelfälle statt einen systematischen Bezug zur Schreibung herzustellen.

[7] Bei Nerius (2000e: 89) finden sich sowohl pragmatisches als auch grammatisches Prinzip teilweise als lexikalisches und syntaktisches Prinzip wieder, die einerseits die Unterscheidung semantischer Unterschiede und "deren Fixierung durch verschiedene graphische Mittel" anmahnen und andererseits bestimmte graphische Mittel nutzen, um Unterschiede auf der Ebene des Satzes vorzunehmen (z. B. Interpunktion).

[8] Eine graphische Varianz würde z. B. auftreten, wenn Substantiv und Verb einer Wortfamilie gleich geschrieben werden: funken und Funken.

[9] Zu bemerken ist an dieser Stelle, dass das so genannte Lang-s beim Auftreten als doppelter Konsonant sowohl als eine Ligatur gesetzt werden konnte, als auch als Zusammensetzung aus zwei einzelnen Buchstaben.

[10] Für die Kombination von Lang-s und t in Wörtern wie <fasten> etc. wurde nur eine Ligatur <\> gesetzt. Vermutlich resultiert daher die lang geltende Regel "Trenne nie st, denn es tut ihm weh." (vgl. Gallmann 1985: 232).

[11] An dieser Stelle muss gesagt werden, dass die lateinischen Schrifttypen nicht eineindeutig denen der Fraktur zugeordnet werden können, da die einzelnen Sprachwissenschaftler des 19. und auch des 20. Jahrhunderts verschiedene Vorschläge für die Darstellung der s-Laute in der Antiqua machten. Dies wird bei der Vorstellung dieser Ideen unter 3. noch aufzuzeigen sein.

[12] Bei dem Gebrauch des Eszett werden z. T. bis heute die Regeln für das Eszett der Fraktur angewendet (vgl. Poschenrieder 1997: 175).

[13] Ich möchte an dieser Stelle einen "Kanon" am Vorbild von Michaelis (1883) einführen, um in Beispielen die jeweils zugrunde liegende Theorie der benannten Autoren zu illustrieren. Dazu ist anzumerken, dass die Beispiele meist nicht den Schriften entnommen sind, sondern eine Anwendung der vorgeschlagenen Regeln auf geeignete Beispielwörter darstellen.

[14] Sowohl Gottscheds als auch Adelungs Überlegungen zu einer einheitlichen Literatursprache beruhten auf der Grundlage des "Sprachgebrauch[s] der oberen Klassen Obersachsens" (Nerius 2000b: 232). Nicht zuletzt dadurch gab es im Zuge der Suche nach einer allgemeinen Sprachregelung und Literatursprache Widerstand gegen Gottsched. Auch dieser Widerstand war Grund für die unterschiedlichsten Regelungen der verschiedenen Rechtschreibbereiche (vgl. Nerius 2000b: 231).

[15] Die meisten Autoren, die sich mit der Historie der Orthographie beschäftigt haben, zählen Grimm zu den Vertretern der historischen Richtung. Allerdings möchte ich an dieser Stelle den Aufsatz von Hiehle (1949) erwähnen, der versuchte, Grimm auch als Wegbereiter einer lautrichtigen Schrift darzustellen.

[16] Wackernagel "erlaubte" aber auch, alle diese Wörter auslautend mit <|> zu schreiben (vgl. Wackernagel 1836: X, zit. nach Michaelis 1883: 50).

Ende der Leseprobe aus 82 Seiten

Details

Titel
Geschichte und Problematik der s-Schreibung im 19. und 20. Jahrhundert
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Institut für Germanistische Sprachwissenschaft)
Note
1,7
Autor
Jahr
2004
Seiten
82
Katalognummer
V80347
ISBN (eBook)
9783638826044
Dateigröße
743 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Geschichte, Problematik, Jahrhundert
Arbeit zitieren
Sabine Heinichen (Autor), 2004, Geschichte und Problematik der s-Schreibung im 19. und 20. Jahrhundert, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/80347

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