Das natürliche Verhalten des Menschen legt ihm nahe, bevorzugt aus subjektiver Perspektive zu entscheiden, zu handeln und zu urteilen. Die Kunst der Intersubjektivität scheint im Alltagsleben noch realisierbar, stößt aber unmittelbar an ihre Grenzen, wenn es darum geht, außergewöhnliche Phänomene nachzuvollziehen. Es stellt sich schnell die Frage danach, wie und warum ein derart dem eigenen Ich fremdes Verhalten existieren kann. Aufgehellt wird dieses ein Übermaß an sozialer Kompetenz postulierende Verhalten durch die Frage nach Motiven. Denn diese liefern oftmals eine Antwort darauf, was uns so unvorstellbar erscheint. Das ist wohl auch der Grund dafür, warum in der Literatur eine tiefgründige Motivik zu finden ist. Mit Hilfe dieser Handlungsketten und Schemata ist es oftmals möglich, einem literarischen Werk Sinn zu verleihen und die Frage nach der „tieferen Botschaft“ zu klären. Dabei ist eines der wohl beliebtesten Motive in der Literatur das Motiv des Inzests, das aufgrund seines ambivalenten Charakters stets von neuem fasziniert.
Dabei bindet sich die Inzestthematik an die unterschiedlichsten Sinnzusammenhänge: Sie ist Zeichen für Dekadenz ebenso wie für Utopie, sie beschreibt sowohl eine grausame Handlung als auch einen Liebesrausch. Und sie ist Ausdruck für Schöpfung wie auch für Destruktion. Inzest stellt sich als eine Thematik dar, die sich gegen Eindeutigkeit sperrt. Diese Uneindeutigkeit der Inzestthematik eröffnet gerade deshalb ein weitläufiges Spektrum, das auch innerfamiliäre Gewalt sowie seelischen und physischen Missbrauch implizieren kann – doch gerade auf literarischer Ebene ist häufig ein durchaus positiv konnotiertes Phänomen gemeint. In welchem Bedeutungszusammenhang das Motiv des Inzests zu setzen ist, in welchen (strukturellen) Kontexten es zutage tritt und welche Intention ein Autor bei der Verwendung dieses Motivs verfolgt, soll in der folgenden Arbeit untersucht werden.
Dabei erfolgt die Beschäftigung mit dem Inzestmotiv anhand der Romane "Der Erwählte" (1951) von Thomas Mann und "Der Mann ohne Eigenschaften" (1930-1952) von Robert Musil. Im "Erwählten" wird dabei eine doppelte Inzestkonstellation aufgezeigt. Aus der Verbindung der Zwillinge Wiligis und Sibylla entspringt das Kind Grigorß, das später eine Beziehung zu seiner Mutter eingehen wird. Im "Mann ohne Eigenschaften" hingegen wird allein das Verhältnis der Geschwister Ulrich und Agathe thematisiert.
Inhaltsverzeichnis
0 EINLEITUNG
1 GESCHICHTE DES INZESTS
1.1 Rechts- und Traditionsgeschichte des Inzests
1.2 Ausnahmen des Inzestverbots
1.3 Wissenschaftliche Inzesttheorien: Claude Lévi-Strauss
1.4 Inzest als Tabu
2 DAS LITERARISCHE INZESTMOTIV
2.1 Poetischer Reiz des Inzestverbots
2.2 Mythische Vorbilder bei Robert Musil
2.2.1 Platons Bericht vom Kugelmenschen
2.2.2 Hermaphroditismus und Mondmetaphorik
2.2.3 Narkissos und Spiegelmetaphorik
2.2.4 Isis und Osiris
2.3 Androgynität: Begründung der Geschwisterliebe im Mythos
2.4 Vorbilder bei Thomas Mann
2.4.1 Die Ödipus-Legende
2.4.2 Mittelalterliche Inzestgeschichten
3 MOTIVSTRUKTUR DES INZESTS
3.1 Strukturbildendes Element und Handlungsschemata
3.2 Zum Geschwisterinzest
3.2.1 Manns Zwillinge: Wiligis und Sibylla
3.2.2 Musils Geschwister: Ulrich und Agathe
3.3 Manns Mutter-Sohn-Liebe: Sibylla und Grigorß
3.4 Motivstruktur und Raumsemantik
3.4.1 Der Erwählte
3.4.2 Der Mann ohne Eigenschaften
4 DIE INZESTTHEMATIK IM WANDEL DER ZEIT
4.1 Inzest als Topos der Aufklärung und der Romantik
4.2 Inzest als Topos der Jahrhundertwende
4.3 Inzest im 20. Jahrhundert: Blutschande und Rassendiskurs
4.3.1 Inzest als Ganzheitserfahrung
4.3.2 Inzest als Privileg der Auserwählten
5 PSYCHOANALYSE, METAPHYSIK UND INZEST
5.1 Verschiedene Deutungsansätze
5.2 Johann Jakob Bachofen: Das Mutterrecht
5.3 Sigmund Freud: Totem und Tabu
5.4 Thomas Mann und die Psychoanalyse
5.4.1 Grimald – „Männchen“ der Urhorde
5.4.2 Vom Mutterrecht zur Paternität
5.4.3 Die Welt in zwei – Dualismus im Werk Manns
5.5 Robert Musil und die Psychoanalyse
5.5.1 Ulrich und Agathe - Narzisst und Spiegelbild
5.5.2 Zur Schuld des Vaters
5.6 Zur Liebeskonzeption Musils: Eros, Sexus und Fernliebe
6 ZUR „ERNSTHAFTIGKEIT“ DER ROMANE
6.1 Der Inzest bei Mann – Lebensphilosophie der Humanität
6.2 Der Inzest bei Musil – Liebeskonzeption als utopische Weltanschauung
6.3 Autobiographische Einflüsse und zeitgenössische Rezeption
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Motiv des Inzests in den Romanen Der Erwählte (1951) von Thomas Mann und Der Mann ohne Eigenschaften (1930-1952) von Robert Musil. Ziel ist es, die strukturellen Kontexte und die Intentionen der Autoren bei der Verwendung dieses anachronistischen Motivs zu klären, insbesondere im Hinblick auf die Frage nach der "Ernsthaftigkeit" des Inzestmotivs als Lebens- und Liebeskonzeption.
- Historische und rechtliche Genese des Inzesttabus
- Mythische Vorbilder und die Bedeutung der Androgynie
- Strukturanalysen des Geschwister- und Eltern-Kind-Inzests
- Verknüpfung von Psychoanalyse und Inzestthematik
- Rolle des Inzestmotivs im Kontext von Aufklärung, Romantik, Jahrhundertwende und Rassendiskurs
Auszug aus dem Buch
0 Einleitung
Das natürliche Verhalten des Menschen legt ihm nahe, bevorzugt aus subjektiver Perspektive zu entscheiden, zu handeln und zu urteilen. Die Kunst der Intersubjektivität scheint im Alltagsleben noch realisierbar, stößt aber unmittelbar an ihre Grenzen, wenn es darum geht, außergewöhnliche Phänomene nachzuvollziehen. Es stellt sich schnell die Frage danach, wie und warum ein derart dem eigenen Ich fremdes Verhalten existieren kann. Aufgehellt wird dieses, ein Übermaß an sozialer Kompetenz postulierende Verhalten durch die Frage nach Motiven. Denn diese liefern oftmals eine Antwort darauf, was uns so unvorstellbar erscheint. Das ist wohl auch der Grund dafür, warum in der Literatur eine tiefgründige Motivik zu finden ist. Mit Hilfe dieser Handlungsketten und Schemata ist es oftmals möglich, einem literarischen Werk Sinn zu verleihen und die Frage nach der „tieferen Botschaft“ zu klären. Dabei ist eines der wohl beliebtesten Motive in der Literatur das Motiv des Inzests, das aufgrund seines ambivalenten Charakters stets von neuem fasziniert.
Dabei bindet sich die Inzestthematik an die unterschiedlichsten Sinnzusammenhänge: Sie ist Zeichen für Dekadenz ebenso wie für Utopie, sie beschreibt sowohl eine grausame Handlung als auch einen Liebesrausch. Und sie ist Ausdruck für Schöpfung wie auch für Destruktion. Inzest stellt sich als eine Thematik dar, die sich gegen Eindeutigkeit sperrt.
Zusammenfassung der Kapitel
0 EINLEITUNG: Einführung in die Inzestthematik als literarisches Motiv und Darlegung der Zielsetzung der Arbeit anhand der Romane von Thomas Mann und Robert Musil.
1 GESCHICHTE DES INZESTS: Historischer Überblick über die Rechts- und Traditionsgeschichte des Inzestverbots und wissenschaftliche Theorien zur Entstehung des Tabus.
2 DAS LITERARISCHE INZESTMOTIV: Untersuchung der poetischen Funktion des Inzestmotivs unter Rückgriff auf mythische Vorlagen wie den Androgynie-Mythos oder die Ödipus-Legende.
3 MOTIVSTRUKTUR DES INZESTS: Analyse der strukturbildenden Handlungsschemata des Inzests sowie der Raumsemantik in den beiden untersuchten Romanen.
4 DIE INZESTTHEMATIK IM WANDEL DER ZEIT: Untersuchung des Wandels des Inzest-Topos von der Aufklärung über die Romantik bis hin zur Moderne und zum Rassendiskurs des 20. Jahrhunderts.
5 PSYCHOANALYSE, METAPHYSIK UND INZEST: Auseinandersetzung mit der Rezeption von Theorien von Johann Jakob Bachofen und Sigmund Freud im Werk von Mann und Musil.
6 ZUR „ERNSTHAFTIGKEIT“ DER ROMANE: Synthese der Ergebnisse zur Frage, wie Mann und Musil den Inzest als Liebes- und Lebenskonzeption in ihren Werken verhandeln.
7 ZUSAMMENFASSUNG: Zusammenfassende Gegenüberstellung der Ergebnisse und Ausblick auf die aktuelle Inzestforschung.
Schlüsselwörter
Inzest, Inzestverbot, Literaturwissenschaft, Thomas Mann, Robert Musil, Psychoanalyse, Androgynie, Mythos, Tabu, Geschwisterliebe, Dekadenz, Rassendiskurs, Symbolik, Identität, Utopie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Magisterarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert das Motiv des Inzests als literarisches und kulturgeschichtliches Phänomen in zwei zentralen Werken der Moderne: Thomas Manns "Der Erwählte" und Robert Musils "Der Mann ohne Eigenschaften".
Welche Themenfelder stehen im Mittelpunkt?
Die Analyse umfasst die historische Entwicklung des Inzesttabus, die Einbettung in antike Mythen, die theoretische Grundlage durch Psychoanalyse und Metaphysik sowie die Rolle des Motivs im Kontext gesellschaftlicher Krisen und des Rassendiskurses.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es zu untersuchen, mit welcher Intention Mann und Musil das Inzestmotiv verwenden, welche strukturellen Ähnlichkeiten und Differenzen ihre Werke aufweisen und inwiefern der Inzest als ernstzunehmende Lebens- oder Liebeskonzeption utopischen Charakters gedeutet werden kann.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden angewandt?
Die Arbeit nutzt methodische Ansätze aus der Strukturgeschichte, der psychoanalytischen Literaturkritik (insbesondere unter Rückgriff auf Freud und Bachofen) sowie der strukturalistischen Raumsemantik nach Jurij M. Lotman.
Was wird im Hauptteil der Untersuchung behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Untersuchung der literarischen Motivstruktur, die diachrone Betrachtung des Inzest-Topos im Wandel der Zeit und die spezifische psychoanalytische Deutung durch die Autoren.
Welche Keywords charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Inzest, Androgynie, Geschwisterliebe, Psychoanalyse, Mythos, Tabu, Décadence und Utopie.
Welche Rolle spielt die Androgynie in dieser Untersuchung?
Die Androgynie dient als zentrales mythisches Modell, das die Sehnsucht nach Ganzheit und die Aufhebung der Geschlechterdifferenz als Motiv für die inzestuöse Liebe bei Mann und Musil begründet.
Wie unterscheidet sich die Behandlung des Inzests bei Thomas Mann und Robert Musil?
Während bei Mann die christliche Idee von Sünde, Gnade und Humanität im Zentrum steht, wird der Inzest bei Musil eher als utopisches Experiment und Form der "Fernliebe" in einer entfremdeten modernen Gesellschaft reflektiert.
Warum wird der Inzest bei Thomas Mann als "Vorrechts-Tabu" bezeichnet?
Mann deutet den Inzest in der Tradition alter Mythen als ein Privileg, das den "Auserwählten" (oder Göttern) vorbehalten war, und grenzt dies von der moralischen Verurteilung des Inzests für das "gemeine Volk" ab.
- Quote paper
- Gina Saiko (Author), 2006, "Ach, wäre fern, was ich liebe!" Zum Motiv des Inzests in Thomas Manns "Der Erwählte" und Robert Musils "Der Mann ohne Eigenschaften", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/80453