Frühförderung aus systemtheoretischer Sicht


Hausarbeit, 2006

24 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1 Systemtheorie nach Niklas Luhmann
1.1 Merkmale von Systemen
1.2 Beziehungen zwischen Systemen
1.3 Kommunikation als System
1.4 Systemdifferenzierung

2 Das System Frühförderung
2.1 Prinzipien der Frühförderung
2.1.1 Ganzheitlichkeit
2.1.2 Interdisziplinarität
2.1.3 Familienorientierung
2.1.4 Soziale Integration
2.2 Frühförderung im Wandel
2.2.1 „Von der dominanten Kindförderung zur Einbeziehung der Lebenswelt“ (Antor, Bleidick 2001, S. 375)
2.2.2 „Von der rein ambulanten Förderung zum Ausbau des mobilen Dienstes“ (Antor, Bleidick 2001, S. 375)
2.2.3 „Von der Dominanz der Fachleute zur Zusammenarbeit mit den Eltern“ (Antor, Bleidick 2001, S. 375)
2.2.4 „Von der Monofachlichkeit zur Interdisziplinarität“ (Antor, Bleidick 2001, S. 375)

Fazit und Ausblick

Literatur

Einleitung

Luhmanns Systemtheorie ist geprägt von „einem radikal antihumanistischen, einem radikal antiregionalistischen und einem radikal konstruktivistischen Gesellschaftsbegriff“ (Luhmann 1997, S. 34f). Mit „antihumanistisch“ meint Luhmann, dass seiner Ansicht nach eine Soziologie nicht auf die einzelnen Menschen, sondern nur auf deren Interaktionen und Beziehungen untereinander blicken kann, völlig unabhängig davon, wer gerade interagiert. „Antiregionalistisch“ meint, dass eine Definition von „Gesellschaft“ Landesgrenzen völlig ausser acht lassen muss, da einzelne politische Systeme oder ökologische Besonderheiten nur die Rahmenbedingungen für überall in gleicher Weise ablaufende Gesellschaftsprozesse liefern. Für diese Arbeit am wichtigsten ist der konstruktivistische Aspekt der Systemtheorie; er besagt, dass kein System direkten Zugang zu anderen Systemen oder seiner Umwelt hat. Jede Information muss also in eine systemeigene Form übersetzt und prozessiert werden, bekommt also automatisch einen neuen Wert, eine neue Bedeutung für das jeweilige System.

Luhmann geht in seinen Ausführungen zu keiner Zeit wertend auf soziale Prozesse ein, vielmehr bezieht er die Position eines neutralen Beobachters.

In dieser Arbeit werfen wir einen systemtheoretischen Blick auf das System Frühförderung und wollen prüfen, ob sich in der Vergangenheit entstandene und gegenwärtig bestehende Strukturen und Prozesse aus diesem Blickwinkel erklären lassen.

Der erste Teil dient der kurzen Beschreibung einiger wichtiger systemtheoretischer Begriffe; im zweiten Teil werden dann unter diesem Aspekt markante Strukturen der Frühförderung betrachtet.

1 Systemtheorie nach Niklas Luhmann

Die grundlegende Aussage der Luhmannschen Systemtheorie ist die Unterscheidung von System und Umwelt. Es gibt somit aus der Sicht eines Systems immer eine Innensowie eine Außenseite. Wichtig sind dabei zum einen die Strukturen und Abläufe, durch die sich ein System von seiner Umwelt abgrenzt, zum anderen aber auch die Medien, die Beziehungen zwischen verschiedenen Systemen ermöglichen.

Im Folgenden sollen zunächst Merkmale von Systemen beschrieben werden, die in ihrem Zusammenwirken das System von seiner Umwelt unterscheiden. Desweiteren soll auf die Mechanismen eingegangen werden, mit deren Hilfe Beziehungen zwischen System und Umwelt hergestellt werden. Darauf folgt die Übertragung der allgemeinen Begriffe auf den speziellen Bereich der Kommunikation, um deren Status als eigenständiges System herauszustellen. Abgeschlossen wird der erste Teil durch die Beschreibung der Systemdifferenzierung als Notwendigkeit zur Komplexitätsreduktion.

Dieser erste Abschnitt dieser Arbeit erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit und ist auch nicht als allgemeine Einführung in Luhmanns Systemtheorie zu sehen; dies ist aus Gründen des begrenzten Umfangs ohnehin nicht möglich. Vielmehr sollen hier allein die Begriffe und Prozesse beschrieben werden, die für eine systemtheoretische Sicht der Frühförderung wichtig erscheinen.

1.1 Merkmale von Systemen

Ein System besteht in seiner Grundeinheit aus Elementen, die aneinander gekoppelt als Strukturen auftreten. Die dynamischen Prozesse der Erschaffung, Verbindung und Trennung der Elemente eines Systems grenzen dieses gegen seine Umwelt ab. Dies soll nun anhand einiger grundlegender systemtheoretischer Begriffe verdeutlicht werden.

Operationen

Operationen bilden die Elemente eines Systems durch den Akt der Unterscheidung und Bezeichnung, wobei jeweils eine räumlich, zeitlich und thematisch spezifische Form gesetzt wird. „Jede Bestimmung, jede Bezeichnung, alles Erkennen, alles Handeln vollzieht als Operation das Etablieren einer solchen Form“ (Luhmann 1997, S. 62); Luhmann macht deutlich, dass die Elemente eines Systems nicht ausschließlich dessen Willen unterliegen, sondern als Produkt der Systemprozesse immer automatisch mitentstehen. Eine so gesetzte Form liefert nicht nur auf ihrer Innenseite das zu Bezeichnende, sondern führt auf ihrer Außenseite zusätzlich das Unbezeichnete mit, also das, wovon der Gegenstand der Bezeichnung unterschieden wurde. Die Grundlegende Unterscheidung ist die zwischen System und Umwelt, denn erst dadurch, dass ein System - durch Eigen- oder Fremdbeobachtung - von seiner Umwelt unterschieden wird, kann ihm Selbstreferenz zugeschrieben werden. Davon hängt die Anerkennung - die sogenannte „soziale Adressabilität“ - durch andere Systeme wie auch durch sich selbst ab.

Strukturen

Strukturen sind relativ stabile Verbindungen von Elementen, also eine Selektion aus vielen Möglichkeiten mit gewisser Dauerhaftigkeit. Eine Struktur „grenzt Wahlmög-lichkeiten ein, verbürgt eine gewisse Sicherheit von Erwartungen“ (Krause 2001, S. 205), sie ist also einerseits eine Einschränkung des Möglichen, erhöht dadurch aber gleichzeitig den Grad der Effizienz eines Systems.

Die Bildung von Strukturen läuft nach systemeigenen Programmen ab, welche ihrerseits als Handlungsrichtlinien fungieren. Als Beispiel wären Gesetze als Programme des politischen Systems zu nennen.

Autopoiesis

Autopoietisch sind solche „Systeme, die nicht nur ihre Strukturen, sondern auch die Elemente, aus denen sie bestehen, im Netzwerk eben dieser Elemente selbst erzeugen“ (Luhmann 1997, S. 65); dies geschieht, wie bereits erwähnt, als Nebeneffekt jeder Handlung eines Systems, ob intendiert oder nicht.

Die Konsequenz daraus ist, dass ein autopoietisches System nicht auf Ressourcen aus seiner Umwelt angewiesen ist um als System zu funktionieren. Allerdings ist Autopoiesis nicht zu verwechseln mit Autarkie, da einem System durch seine Umwelt gewisse Rahmenbedingungen vorgegeben sind. Hierauf werden wir später näher eingehen.

Operative Geschlossenheit

„Operationen sind nur als Operationen eines Systems möglich, also nur auf der Innenseite der Form“ (Luhmann 1997, S. 63), somit ist für ein System kein wirklicher Umweltkontakt möglich. Dies gilt selbst für Beobachtungen, die uns ja als Kontakt zur Umwelt erscheinen, aber „Beobachtungen können nur auf Beobachtungen einwirken, können nur Unterscheidungen in andere Unterschei-dungen transformieren, können, mit anderen Worten, nur Informationen verarbeiten; aber nicht Dinge der Umwelt berühren - mit der wichtigen, aber sehr schmalen Ausnahme all dessen, was über strukturelle Kopplung involviert ist“ (Luhmann 1997, S. 92).

Selbstreferenz

Ein System handelt selbstreferentiell, wenn es sich selbst beobachtet, sich also auf sich selbst in seiner Handlung bezieht. Dies stellt im Grunde eine Erweiterung der operativen Geschlossenheit um den Faktor Bewusstsein dar. Demgegenüber steht die Fremdreferenz, also der Bezug des Systems auf seine Umwelt, wie diese im System repräsentiert ist. Selbstreferenz und Fremdreferenz kommen immer nebeneinander vor, da die Selbstbeobachtung als System die Unterscheidung von seiner Umwelt bereits voraussetzt. Dies ist als Grenze des Systems zu sehen, also „die selbstproduzierte Differenz von Selbstreferenz und Fremdreferenz, und sie ist als solche in allen Kommunikationen präsent“ (Luhmann 1997, S. 77).

1.2 Beziehungen zwischen Systemen

Bisher wurde ausschließlich auf die Abgrenzung eines Systems von seiner Umwelt eingegangen und verdeutlicht, dass von keiner Seite aus direkte Zugriffe auf die jeweils andere möglich sind. Trotzdem bleiben sie nicht unbeeinflusst voneinander, und die dabei wirksamen Prozesse sollen nun beschrieben werden.

Kognitive Offenheit

Systeme sind zwar auf ihrer operativen Ebene geschlossen, der Umwelt können allerdings reine Informationswerte entnommen werden, die auf der Basis der systemeigenen Elemente, Programme und Strukturen operationalisiert, also für das System nutzbar gemacht werden können. Diese Informationsaufnahme wird durch kognitive Offenheit ermöglicht, allerdings besteht auch hier wiederum kein direkter Umweltkontakt, da die Informationen, einmal in das Medium des Systems transformiert, Teil des Systems werden, also in dieser Form nicht wirklich aus der Umwelt in das System eingetreten sind.

Strukturelle Kopplung

Dies ist die wichtigste Einschränkung der operativen Geschlossenheit, da hier die Umwelt Einfluss auf die Operationsmöglichkeiten eines Systems nimmt. „Strukturelle Kopplungen beschränken den Bereich möglicher Strukturen, mit denen ein System seine Autopoiesis durchführen kann“ (Luhmann 1997, S. 100). Es existieren also in der Umwelt eines Systems immer Faktoren, an die es sich anpassen muss, dies allerdings auch wiederum durch Bildung systemeigener Strukturen; es ist der Umwelt also nicht möglich, dem System bestimmte systemfremde Strukturen aufzuzwingen, sie kann lediglich den Rahmen für die möglichen Operationen beeinflussen. Ein Beispiel ist die strukturelle Kopplung lebender Organismen an den Zugriff auf Wasser.

Diese Form der Einflussnahme ohne direkten Zugriff auf ein autopoietisches System bezeichnet Luhmann als Perturbation. Systeme und ihre Umwelt perturbieren sich ständig gegenseitig, indem sie durch eigene Änderungen wiederum Änderungen im jeweiligen Gegenüber anregen. Somit ist das oben genannte Beispiel des Zugriffs auf Wasser nur eine Seite der Medaille. In den Anfängen des Lebens auf der Erde beispielsweise haben bestimmte Bakterien als Abfallprodukt Sauerstoff produziert, dessen Anreicherung in der Atmosphäre erst die Entstehung höherer Lebewesen ermöglichte (vgl. Maturana/Varela 1987), was deutlich macht, dass auch die Umwelt durch das System perturbiert wird. Wichtig daran ist, dass der Anstieg der Sauerstoffkonzentration nur die Rahmenbedingung für die ansonsten vollkommen autonom abgelaufenen evolutionären Entwicklungen setzen konnte, also kein direkter operationaler Zugriff möglich war.

Die nachstehende Abbildung soll die Beziehung zwischen System und Umwelt schematisch verdeutlichen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Ein System erfährt nur dadurch seine Abgrenzung von der Umwelt, dass es als solches beobachtet und bezeichnet wird. Dieser oben bereits erwähnte Aspekt der Definition bedarf meiner Ansicht nach noch einer genaueren Betrachtung.

Wenn wir als Fremdbeobachter ein System als solches bezeichnen, legen wir auch fest, ob wir es für ein autopoietisches oder ein allopoietisches System halten, ob wir ihm Selbstreferenz - und somit Bewusstsein - zuschreiben oder nicht. Genau davon hängt jedoch ab, ob es von uns auch mit einer „sozialen Adresse“ ausgestattet wird, ob wir es also als System ansehen, mit dem wir in Kommunikation eintreten können. Diese Zuschreibung ist im allgemeinen davon abhängig, ob wir Mitteilungen des Systems erhalten, aus denen wir eine sinnvolle Information selektieren können, trifft also auf jeden potentiellen Gesprächspartner zu, egal ob wir seine Ansichten teilen oder nicht.

Deutlich schwieriger ist es dagegen, wenn keine eindeutige „Rückmeldung“ erkennbar ist, aber auch hier gibt es die Möglichkeit der Adressabilität, nämlich die Berücksichtigung des Potentials vorhandener Selbstreferenz. So erhalten wir unsere erste soziale Adresse bereits als Neugeborene innerhalb der Familie, obwohl wir in dieser Phase schlicht keine Fähigkeit zur Teilnahme an der Kommunikation besitzen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Frühförderung aus systemtheoretischer Sicht
Hochschule
Universität zu Köln
Note
1,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
24
Katalognummer
V80722
ISBN (eBook)
9783638875226
ISBN (Buch)
9783638875516
Dateigröße
515 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Kommentar der Dozentin: Interessantes Thema, könnte unter weiter gefasstem Gesichtspunkt für eine Diplomarbeit sehr ergiebig sein
Schlagworte
Frühförderung, Sicht
Arbeit zitieren
Sven Jürgens (Autor), 2006, Frühförderung aus systemtheoretischer Sicht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/80722

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