Das Bild der britannischen Anführer Caratacus, Cartimandua und Boudicca bei Tacitus


Seminararbeit, 2006

14 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

A. Tacitus und Britannien

B. Caratacus gegen Rom

C. Cartimandua

D. Der Boudicca-Aufstand

E. Zur Funktion der britannischen Anführer bei Tacitus

F. Anhang

Literaturverzeichnis

A. Tacitus und Britannien

Wir haben es vor allem dem römischen Geschichtsschreiber Publius Cornelius Tacitus zu verdanken, dass sich überhaupt Personendarstellungen und Ereignisgeschichte aus der frühen Phase römischer Agitation in der unter Kaiser Claudius neu erworbenen Provinz Britannia bis in unsere Tage überliefert haben. In seinen Hauptwerken, den Historien und den Annalen, aber auch in de vita Iulii Agricolae, seiner Laudatio auf seinen Schwiegervater Agricola, der als Statthalter selbst aktiv Einfluss am Verlauf der Geschehnisse nahm, gewinnen wir Bilder römischer und britannischer Anführer, bei denen der Autor bei aller Kürze und oftmals drastischer Darstellung den Versuch unternimmt, einen Einblick in die Psyche der handelnden Entscheidungsträger zu gewähren. Warum Tacitus dabei bisweilen seine eigene Vorgabe, die Geschichte „sine ira et studio“[1] niederzuschreiben, vernachlässigt, wird in der nachfolgenden Arbeit ebenfalls erläutert werden. Im Zentrum der Betrachtungen steht die Illustration dreier britannischer Anführer in der Mitte des ersten Jahrhunderts n. Chr.: Caratacus, Cartimandua und Bouddica.

B. Caratacus gegen Rom

Die Person des britannischen Anführers Caratacus darf in der Taciteischen Beschreibung römischer Herrschaft und Eroberungen auf der Insel nicht für sich isoliert gewertet werden. Vielmehr müssen, bedingt durch unser heutiges Wissen um die teils filigranen, aber immer wertenden Geschichtsdarstellungen des Tacitus, stets beabsichtigte Bezüge und Relationen beachtet werden, denn gerade der Bericht vom Umgang von Feinden untereinander bzw. deren Gegenüberstellung impliziert sowohl moralische Vorwürfe als auch persönliche Wert-, oder Geringschätzungen des Historikers. Das Bild des Caratacus muss aus diesem Grund in Abhängigkeit von seinen Gegenspielern, dem römischen Statthalter Ostorius Scapula sowie Kaiser Claudius selbst verstanden werden. Dem Aufeinandertreffen zwischen Caratacus und Cartimandua ist in dieser Arbeit ein eigenes Kapitel gewidmet. Von Tacitus erfahren wir in den Annalen von Buch 12,33 bis 12,38 als auch in den Historien im Buch 3,45 über Caratacus.

Die Entscheidungsschlacht zwischen ihm und Ostorius im Jahre 51 n.Chr. stellt gewissermaßen den Höhepunkt der Ära des zweiten Statthalters in der Provinz Britannia dar. Der Kampf des Caratacus gegen Rom setzte allerdings schon acht Jahre zuvor mit der claudischen Invasion unter dem späteren ersten Statthalter Aulus Plautius 43 n.Chr. ein. Als Sohn des Cynobellinus galt Caratacus in Partnerschaft mit seinem Bruder Togodumnus als größter Machtfaktor inmitten der süd–, und südwestbritannischen Stämme, was sich jedoch mit der Niederlage in der Schlacht von Medway veränderte. Caratacus verlor hier nicht nur seinen Bruder, sondern auch seine Herrschaftsgrundlage, nämlich Land und vermutlich damit auch die Untertanen.

In den Annalen taucht er erst im Jahre 51 n.Chr. im Rahmen einer Kampagne des Ostorius gegen die Siluren in Südwales auf.[2] Tacitus stellt ihn hier als den führenden Kopf des britannischen Widerstandes dar, als einen vertrauenswürdigen, erfahrenen und gleichermaßen erfolgreichen militärischen Führer: „[…] quem multa ambigua, multa prospera extulerant, ut ceteros Britannorum imperatores praemineret.“[3] Daraus folgt also, dass es dem Caratacus gelungen sein muss, als sympathischer Herrscher ohne eigenes Land, nicht nur vor römischen Truppen selbst in ein anderes Stammesgebiet zu flüchten und dort politisches Asyl zu genießen, sondern sogar durch die Stärke des eigenen Charakters zum Anführer einer antirömischen Rebellion mit Zentrum im Walisischen aufzusteigen oder diese sogar zu initiieren. Daumer mildert diese Zeichnung des Tacitus etwas ab und verweist auf fehlende Münzprägung: „Münzen mit seiner Aufschrift sind zum Beispiel nur in seinem alten Herrschaftsbereich im Gebiet der Atrebates gefunden worden, jedoch keine rund um Stroud oder gar im walisischen Bereich. Er konnte sich in Wales vielleicht noch als charismatischer Heerführer verdingen, im Dienste der dortigen Stämme, über einen eigenen, stabilen Rückhalt dürfte er aber nicht mehr verfügt haben.“[4] Raum für Spekulationen über die reale Macht und loyale Gefolgschaft des Caratacus lässt auch der weitere Bericht des Geschichtsschreibers. Denn der Anführer verlagerte den Kriegsschauplatz in das Gebiet der Ordovicer, wohl aus taktischen Gründen: Im Wissen um die zahlenmäßige Unterlegenheit der britannischen Truppen suchte er den Geländevorteil, nutzte einen Flusslauf, Felswälle und die eigene Hinterhangstellung, um den Angreifern dann auch tatsächlich anfängliche Verluste beizufügen.[5] Auch gelang es ihm durch den Ortswechsel, weitere Verbündete auf seine Seite zu ziehen: „[…] additisque qui pacem nostram metuebant […].“[6] Tacitus transportiert in diesem Oxymoron seinen wohl häufigsten moralischen Vorwurf an das Prinzipat, denn er legt dem Leser nahe, dass der aufgezwungene Frieden römischer Spielart vielmehr servitus für die Britannier bedeutet. Denselben Topos legt Tacitus dem britannischen Anführer in der ermutigenden Rede an die eigenen Truppen vor der Schlacht auf die Zunge: „[…] illam aciem testabatur aut recuperandae libertatis aut servitutis aeternae initium fore;“[7] Vor der entscheidenden Schlacht also gegen den Stellvertreter Roms, den Anführer der römischen Legionen ΧІV und ΧΧ mit Hilfskohorten[8], erhob Caratacus die zentrale Kritik an den römischen Eroberungskriegen:

Ewige Knechtschaft und Freiheitsverlust stünden den Britanniern bevor im Falle der Niederlage, konkret wurden finanzielle Belastungen und körperliche Gewalt auch gegen Frauen und Kinder als Symptome römischer Herrschaft aufgezählt. Diese Darstellung des heldenhaften unerschrockenen Führerideals wird durch den Autor der Annalen noch verstärkt durch das beschriebene Verhalten des Gegenspieler Ostorius vor der Schlacht: Trotz sonst durchwegs positiver Skizzierung des Römers findet hier genau das Gegenteil statt, der Feldherr schwelgt in Unsicherheit, bis ihn seine Truppen zum Angriff motivieren können.[9]

Wichtig für das Bild des Caratacus ist ebenfalls die Erwähnung mehrerer verschiedener Stämme bzw. Stammeshäuptlinge, „gentium ductores“[10] die er in seiner Schlachtaufstellung zu vereinen vermochte. Allerdings lässt gerade diese Tatsache Freiraum für Spekulationen bezüglich tatsächlicher Truppenstärke und zahlenmäßiger Anhängerschaft. Daumer nimmt an, dass „Caratacus zwar aus verschiedenen Stämmen Zulauf bekommen haben mag, aber dass kein Stamm in voller Stärke hinter ihm stand. Irgendwie scheinen viele beteiligt gewesen zu sein, aber kein Stamm hat sich dem Caratacus offenbar auf Gedeih und Verderb ausgeliefert.“[11]

Die Schlacht endete letztendlich zuungunsten des Britanniers, Ostorius brachte ihm eine vernichtende Niederlage und Gefangennahme von Gattin, Brüdern und Tochter ein.[12] Caratacus selbst konnte zur Brigantenkönigin Cartimandua fliehen, die sich jedoch als romtreu erwies und diesen preisgab.[13] Caratacus wurde nach Rom gebracht wo er mit seiner Familie und einem Teil seines konfiszierten Besitzes auf dem Triumphzug des Kaisers Claudius ausgestellt wird.[14] Tacitus nimmt diese Gelegenheit wahr, um die chronisch verfrühten und übertriebenen Ruhmesfeiern des Kaisers Claudius anzuprangern, für den der Britannienfeldzug von eminenter Bedeutung war, denn durch die propagandistische Ausschlachtung dieses Gebietsgewinns überstand Claudius die unsichere Anfangsphase seiner Herrschaft, in der sein Thron mehr als nur wackelte.

[...]


[1] Tac. Ann. 1,1,3.

[2] Ann. 12,33,1.

[3] Ibd.

[4] Daumer, Jörg: Aufstände in Germanien und Britannien. Unruhen im Spiegel antiker Zeugnisse. Frankfurt am Main 2005, Zitat S. 146.

[5] Ann. 12,33,2.

[6] Ibd.

[7] Ann. 12,34,1.

[8] Vgl. dazu Webster, Graham: Rome against Caratacus. The Roman campaigns in Britain AD 48-58. London 1978, S. 30.

[9] Ann. 12,35,1-3.

[10] Ann. 12,34,1.

[11] Daumer 2005 (wie Anm. 4), S. 150.

[12] Ann. 12,35,3.

[13] Ann. 12,36,1.

[14] Ann. 12,36,2-3.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Das Bild der britannischen Anführer Caratacus, Cartimandua und Boudicca bei Tacitus
Hochschule
Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg  (Lehrstuhl für Alte Geschichte)
Veranstaltung
Das Bild fremder Völker in antiken Quellen
Note
2,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
14
Katalognummer
V80882
ISBN (eBook)
9783638879866
Dateigröße
411 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bild, Anführer, Caratacus, Cartimandua, Boudicca, Tacitus, Bild, Völker, Quellen
Arbeit zitieren
Christian Pfitzmaier (Autor), 2006, Das Bild der britannischen Anführer Caratacus, Cartimandua und Boudicca bei Tacitus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/80882

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