Tacitus und Britannien
Wir haben es vor allem dem römischen Geschichtsschreiber Publius Cornelius Tacitus zu verdanken, dass sich überhaupt Personendarstellungen und Ereignisgeschichte aus der frühen Phase römischer Agitation in der unter Kaiser Claudius neu erworbenen Provinz Britannia bis in unsere Tage überliefert haben. In seinen Hauptwerken, den Historien und den Annalen, aber auch in de vita Iulii Agricolae, seiner Laudatio auf seinen Schwiegervater Agricola, der als Statthalter selbst aktiv Einfluss am Verlauf der Geschehnisse nahm, gewinnen wir Bilder römischer und britannischer Anführer, bei denen der Autor bei aller Kürze und oftmals drastischer Darstellung den Versuch unternimmt, einen Einblick in die Psyche der handelnden Entscheidungsträger zu gewähren. Warum Tacitus dabei bisweilen seine eigene Vorgabe, die Geschichte „sine ira et studio“ niederzuschreiben, vernachlässigt, wird in der nachfolgenden Arbeit ebenfalls erläutert werden. Im Zentrum der Betrachtungen steht die Illustration dreier britannischer Anführer in der Mitte des ersten Jahrhunderts n. Chr.: Caratacus, Cartimandua und Bouddica.
Die Person des britannischen Anführers Caratacus darf in der Taciteischen
Beschreibung römischer Herrschaft und Eroberungen auf der Insel nicht für sich isoliert gewertet werden. Vielmehr müssen, bedingt durch unser heutiges Wissen um die teils filigranen, aber immer wertenden Geschichtsdarstellungen des Tacitus, stets beabsichtigte Bezüge und Relationen beachtet werden, denn gerade der Bericht vom Umgang von Feinden untereinander bzw. deren Gegenüberstellung impliziert sowohl moralische Vorwürfe als auch persönliche Wert-, oder Geringschätzungen des Historikers. Das Bild des Caratacus muss aus diesem Grund in Abhängigkeit von seinen Gegenspielern, dem römischen Statthalter Ostorius Scapula sowie Kaiser Claudius selbst verstanden werden. Dem Aufeinandertreffen zwischen Caratacus und Cartimandua ist in dieser Arbeit ein eigenes Kapitel gewidmet.
Von Tacitus erfahren wir in den Annalen von Buch 12,33 bis 12,38 als auch in den Historien im Buch 3,45 über Caratacus.
Inhaltsverzeichnis
A. Tacitus und Britannien
B. Caratacus gegen Rom
C. Cartimandua
D. Der Boudicca-Aufstand
E. Zur Funktion der britannischen Anführer bei Tacitus
F. Anhang
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, wie der römische Geschichtsschreiber Tacitus die britannischen Führungspersönlichkeiten Caratacus, Cartimandua und Boudicca in seinen Werken darstellt. Dabei wird analysiert, inwiefern Tacitus diese Figuren nutzt, um eigene kritische Perspektiven auf das römische Prinzipat zu spiegeln oder eine moralische Bewertung vorzunehmen.
- Analyse der narrativen Darstellung britannischer Anführer bei Tacitus
- Untersuchung des Spannungsfeldes zwischen römischer Patriotik und Systemkritik
- Vergleichende Betrachtung der Charaktere Caratacus, Cartimandua und Boudicca
- Interpretation antiker Quellenzeugnisse zu den britannischen Aufständen
- Bewertung der historischen Objektivität unter Berücksichtigung von Tacitus' Leitsatz "sine ira et studio"
Auszug aus dem Buch
B. Caratacus gegen Rom
Die Person des britannischen Anführers Caratacus darf in der Taciteischen Beschreibung römischer Herrschaft und Eroberungen auf der Insel nicht für sich isoliert gewertet werden. Vielmehr müssen, bedingt durch unser heutiges Wissen um die teils filigranen, aber immer wertenden Geschichtsdarstellungen des Tacitus, stets beabsichtigte Bezüge und Relationen beachtet werden, denn gerade der Bericht vom Umgang von Feinden untereinander bzw. deren Gegenüberstellung impliziert sowohl moralische Vorwürfe als auch persönliche Wert-, oder Geringschätzungen des Historikers. Das Bild des Caratacus muss aus diesem Grund in Abhängigkeit von seinen Gegenspielern, dem römischen Statthalter Ostorius Scapula sowie Kaiser Claudius selbst verstanden werden.
Die Entscheidungsschlacht zwischen ihm und Ostorius im Jahre 51 n.Chr. stellt gewissermaßen den Höhepunkt der Ära des zweiten Statthalters in der Provinz Britannia dar. Der Kampf des Caratacus gegen Rom setzte allerdings schon acht Jahre zuvor mit der claudischen Invasion unter dem späteren ersten Statthalter Aulus Plautius 43 n.Chr. ein. Als Sohn des Cynobellinus galt Caratacus in Partnerschaft mit seinem Bruder Togodumnus als größter Machtfaktor inmitten der süd–, und südwestbritannischen Stämme, was sich jedoch mit der Niederlage in der Schlacht von Medway veränderte. Caratacus verlor hier nicht nur seinen Bruder, sondern auch seine Herrschaftsgrundlage, nämlich Land und vermutlich damit auch die Untertanen.
In den Annalen taucht er erst im Jahre 51 n.Chr. im Rahmen einer Kampagne des Ostorius gegen die Siluren in Südwales auf. Tacitus stellt ihn hier als den führenden Kopf des britannischen Widerstandes dar, als einen vertrauenswürdigen, erfahrenen und gleichermaßen erfolgreichen militärischen Führer: „[…] quem multa ambigua, multa prospera extulerant, ut ceteros Britannorum imperatores praemineret.“
Zusammenfassung der Kapitel
A. Tacitus und Britannien: Einführung in die Bedeutung der taciteischen Werke für die Überlieferung britannischer Geschichte und die Vorstellung der untersuchten Anführer.
B. Caratacus gegen Rom: Untersuchung der Darstellung des Caratacus als charismatischen Widerstandskämpfer und der taktischen Verwendung seiner Person durch Tacitus zur Kritik am römischen Prinzipat.
C. Cartimandua: Analyse des negativen Bildes der Cartimandua bei Tacitus, die als romtreue Verbündete durch Verrat an Caratacus und persönliches Fehlverhalten gezeichnet wird.
D. Der Boudicca-Aufstand: Darstellung der Boudicca als Anführerin wider Willen, deren Handeln durch erlittenes Unrecht motiviert ist und die bei Tacitus eine rein ereignisorientierte Charakterisierung erfährt.
E. Zur Funktion der britannischen Anführer bei Tacitus: Abschließende Betrachtung, die davor warnt, die Systemkritik des Autors über dessen grundlegende Haltung als römischer Patriot zu stellen.
F. Anhang: Auflistung der verwendeten Literatur und Quellen für die Analyse.
Schlüsselwörter
Tacitus, Britannien, Caratacus, Cartimandua, Boudicca, Römisches Reich, Prinzipat, Widerstand, Geschichtsschreibung, Antike Quellen, Annalen, Historien, Statthalter, Aufstand, Herrschaftslegitimation
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Bild britannischer Anführer in den antiken Schriften des römischen Historikers Tacitus.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die Darstellungen von Caratacus, Cartimandua und Boudicca sowie deren Einbettung in die römische Expansionsgeschichte.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es zu ergründen, wie Tacitus diese Figuren charakterisiert und ob er sie dazu verwendet, den Sittenverfall oder die politische Situation Roms zu kommentieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine quellenanalytische Untersuchung, die moderne Sekundärliteratur heranzieht, um die taciteische Erzählweise zu dekonstruieren.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil widmet sich chronologisch und thematisch den drei Anführern und diskutiert deren Rollen, Taten und das jeweilige Bild, das Tacitus von ihnen zeichnet.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Tacitus, Britannien, Widerstand, Prinzipat, römische Herrschaft und historische Quellendarstellung.
Warum bewertet Tacitus Cartimandua so negativ im Vergleich zu anderen?
Tacitus wertet ihr Handeln als Verrat an der eigenen Sache, unterlegt mit moralischen Vorwürfen hinsichtlich ihres persönlichen Lebenswandels.
Warum wird Boudicca anders dargestellt als Caratacus?
Boudicca fehlt eine tiefgreifende individuelle Charakterisierung; sie wird primär durch ihr Schicksal als Opfer römischer Übergriffe definiert.
Welche Rolle spielt die römische Propaganda bei der Darstellung?
Die Arbeit zeigt auf, dass Tacitus die kaiserliche Erfolgsdarstellung hinterfragt und die Motive der römischen Herrschaft kritisch beleuchtet.
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- Christian Pfitzmaier (Author), 2006, Das Bild der britannischen Anführer Caratacus, Cartimandua und Boudicca bei Tacitus, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/80882