Praktische Fragen und Antworten zum besseren Verständnis der Borderline-Erkrankung in sozialpädagogischen Arbeitsfeldern


Diplomarbeit, 2005
73 Seiten, Note: 1,2

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Zu dem Begriff Borderline

2. Anmerkungen zur Diagnose

3. Grundsätzliches zu den DSM – IV Kriterien
3.1 Angst - ein Leitsymptom der Borderline-Symptomatik
3.2 Die Neigung, sehr intensive, jedoch instabile Beziehungen herzustellen
3.3 Identitätsstörungen
3.4 Potentiell selbstschädigende und impulsive Handlungen
3.5 Wiederholte Suizidversuche und selbstverletzende Verhaltensweisen
3.5.1 Häufige Erscheinungsformen bei der Selbstverletzung
3.5.2 Die bevorzugten Körperteile ( In dieser Reihenfolge )
3.6 Eine ausgeprägte Sensibilität der Stimmung
3.7 Immerwährendes Gefühl von Leere
3.7 Intensive Wut oder Schwierigkeiten, Wut und Ärger zu kontrollieren
3.8 Entfernungs- oder Entfremdungsgefühl

4. Verlauf

5. Aspekte der frühen Entwicklung

6. Näheres zur Entstehung

7. Die Auswirkungen der Symptomatik auf sich selbst und die Umwelt

8. Die Stärken von Menschen mit Borderline

9. Therapie
9.1 Ein Entstehungsmodell von Borderline im Rahmen der Dialektisch-Behaviorale Therapie
9.2 Die Dialektisch-Behaviorale Therapie
9.2.1 Einzeltherapie
9.2.2 Fertigkeitentraining in der Gruppe
9.2.3 Telefonkontakt
9.2.4 Intervision

10. Praktische Fragen im Umgang mit Borderline- Verhalten
10.1 Die Anfänge einer Beziehungsaufnahme
10.1.1 Beistand und Beruhigung
10.1.2 Das emotionale Angebot
10.1.3 Empathie

11. Grundsätzliches zur Haltung eines Helfers
11.1 Diskrepanz zwischen persönlichem Eindruck und Vorinformationen
11.2 Loyalitätskonflikte
11.3 Der Betroffene wirkt bedrohlich und unsympathisch
11.4 Die Beschäftigung mit der Traumatisierung
11.5 Unrealistische Forderungen
11.6 Tabuisierung bestimmter Themen
11.7 Mit Ressourcen haushalten

12. Der Umgang mit Lebenspartnern und der Familie der Betroffenen

13. Empfehlungen des Helfers beim Drang zu destruktivem Verhalten

14. Die Prognose

15. Schlusswort

Literaturverzeichnis

Einleitung

Meine Diplomarbeit soll in erster Linie zum besseren Verständnis der Borderline-Persönlichkeitsstörung beitragen. Insbesondere möchte ich der Fragestellung nachgehen, wie Berührungsängste im Umgang mit Borderlinern abgebaut werden können und welche Anforderungen dabei an den Helfer gestellt werden. Im Vordergrund der Betrachtungen soll die Haltung eines Helfers stehen.

Als ich mich für das Thema der Diplomarbeit entschied, hatte ich schon einiges über die Psychodynamik der Borderline-Persönlichkeitsstörung in Erfahrung gebracht, da ich während des integrierten Praktikums im Sozialdienst der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Universität Lübeck oft mit Borderline-Patienten konfrontiert wurde. Bedingt durch Borderline im privaten Bekanntenkreis, habe ich mich zudem schon im Vorfeld intensiv durch Lesen von Fachliteratur mit der Thematik auseinandergesetzt.

Als ich meinen Kommilitonen von meinem Diplomarbeitsthema erzählte, wussten die wenigsten etwas über diese Erkrankung. Einige hatten zumeist in der Praxis erfahren, dass man sich am besten vor Menschen mit dieser Diagnose fern hält, da der Kontakt mit so genannten „schwierigen“ Patienten, zu denen vor allem die Borderliner zählen, in der Regel oft Unverständnis, Ärger und Hilflosigkeit bei ihnen auslösten. Kein Wunder: diese psychische Erkrankung ist für Außenstehende nur schwer verstehbar, und zwar nicht nur für Angehörige und Freunde, sondern auch für viele Fachleute. Scheinbar wie aus heiterem Himmel wird aus Freude Verzweiflung, aus Angst Wut, in einem Augenblick noch unbekümmert, fügt sich jemand plötzlich schwere Verletzungen zu. Das wirkt verrückt und macht Angst. In professionellen Teams löst der erste Kontakt oft äußerst gegensätzliche Motivationen aus. Diese bewegen sich üblicherweise zwischen der Vorrausahnung einer Überforderung und der Neugierde auf eine Herausforderung. So etwas wie Indifferenz ist selten zu spüren.

In der Literatur wird ebenfalls schnell auf dasselbe Spannungsfeld hingewiesen. Man stößt auf die spaltende Wahrnehmung, anstrengendes „Agieren“, auf Selbstverletzungen und das Symptom der regelmäßigen Beziehungsabbrüche im privaten wie auch im professionellen Bereich. „Alle Borderliner sind schrecklich“, „die führen sich doch nur auf“ oder sind „Therapeutenkiller“. Solche Aussprüche kennen Borderliner nur zu gut. Wechselhafte und extreme Verhaltensmuster führen fast zwangsläufig zu Missverständnissen und Unverständnis, was das Miteinander erheblich erschwert. In Unkenntnis der Erkrankung wird den Patienten oft böswillige Absicht unterstellt. Erst wenn sich schwere Depressionen, Beziehungskrisen oder massives selbstschädigendes und suizidales Verhalten zeigen, wird an eine Erkrankung gedacht. Meine eigene Praxiserfahrung zeigte auf, dass man in vielen sozialpädagogischen Arbeitsfeldern mit dem Krankheitsbild Borderline konfrontiert wird. Dazu zählen vor allem der Sozialpsychiatrische Dienst, die Suchtkrankenhilfe, die klinischen Sozialdienste, die Straffälligenhilfe und nicht zu vergessen die Wohngruppen für verhaltensauffällige Jugendliche und junge Erwachsene. Hinzuzufügen sind weiterhin die Ehe-, Familien- und Lebensberatungen und Frauenhäuser, wo Angehörige von Borderlinern Hilfe suchen.

Meine Absicht ist es, mit der Diplomarbeit den Umgang mit Borderline Klienten in den typischen sozialpädagogischen und sozialtherapeutischen Arbeitsfeldern deutlich zu machen und gleichzeitig eine Einstiegshilfe für diejenigen zu schaffen, die zukünftig mit Betroffenen und ihren Angehörigen arbeiten werden. Da die Borderline-Störung oft zusammen mit anderen Störungen auftritt, ist die Begegnung mit Betroffenen im Rahmen der Behandlung von Sucht, Ess-Störungen, Depressionen und anderen Erkrankungen kein Zufall. Insbesondere möchte ich verdeutlichen wie eng der sozialpädagogische Tätigkeitsbereich mit anderen, beziehungsweise weiteren Kontexten und psychiatrischen Versorgungseinrichtungen verknüpft ist.

„Als Helfer wird man häufig vor dem Umgang mit Borderline-Patienten gewarnt und ermahnt, besonders vorsichtig zu sein. Oft sind die Geschichten dramatisch und der Zuhörer erkennt, dass es sich bei der Borderline-Störung vor allem um eines geht: heftige Emotionen.“[1] Bei der Beziehungsarbeit mit Klienten, die psychopathologische Tendenzen oder Neigungen aufweisen, geht es jeweils um ein Austarieren und Ausbalancieren. Das willentliche Streben nach einer Balance zwischen Selbst- und Fremdbezogenheit scheint eine subtile Spaltung in ein „Entweder - Oder“ nur schwer oder gar nicht zu überwinden.

Menschen mit Borderline scheinen eine besondere Wahrnehmung für diese „trennende Bezogenheit“ zu haben. Borderliner haben ein feines Gespür für den Anderen. Ihre oft schonungslose Direktheit und die Fähigkeit, erfahrene Therapeuten und Teams in ihr emotionales Szenario zu involvieren fasziniert zugleich. Daher wollte ich der Thematik auf den Grund gehen, was eine wirkliche Beziehung verhindert und was die Spaltung in „gut“ und „böse“ dabei für eine Rolle spielt. Die Trennung in „schwarz“ und „weiß“, „falsch“ und „richtig“, „wahr“ und „unwahr“ sind allgegenwärtig. Häufig genug scheinen Polarisierungen jedoch auch bei psychisch „Gesunden“ Dimensionen anzunehmen, die in ihrer Konsequenz denen auf Borderline- Niveau nicht nachstehen. Allerdings würde man bei diesen alltagsgebräuchlichen Polarisierungen auf den intakten Realitätsbezug verweisen, womit diese von der pathologischen Spaltung zu unterscheiden wäre. Eine Überwindung der Spaltung scheint nur durch eine Integration der Gegensätze möglich. So stellt sich die Frage, was eine Beziehung zu der Voraussetzung macht, dass Reifungs- und Verselbständigungsprozesse in Gange kommen können und sich letztlich das subjektive Gefühl einer verbesserten Lebensqualität einstellt.

Das die Beziehung einen besonderen Stellenwert in der soziotherapeutischen Arbeit einnimmt, dürfte kein Novum darstellen. Dennoch gibt es unterschiedliche Auffassungen darüber, was in die Begegnung hineingehört und auch in welcher Weise sie die Arbeit maßgeblich mitbestimmen kann und soll.

Ich habe dieses Thema gewählt, weil eine gute Beziehung den Rahmen darstellt, in dem alle Aspekte der sich widerstreitenden Struktur der Borderline-Persönlichkeitsstörung am offensichtlichsten erscheinen, weil Beziehung selbst oft genug zum Auslöser für die Symptomatik wird und für die weitere Entwicklung eine entscheidende Rolle spielt. Die Borderline-Persönlichkeit stellt in der Beziehungsgestaltung hohe Anforderungen an den psychiatrisch Tätigen. Die ambivalenten und schnell wechselnden Gefühle der Betroffenen führen auch bei den Helfern immer wieder zu inneren Widersprüchen. Die Sicherheit im Umgang mit Borderlinern ist mein erklärtes Ziel in dieser Arbeit.

1. Zu dem Begriff Borderline

Borderline ist eine der elf Persönlichkeitsstörungen. Sie beginnt meist im frühen Erwachsenenalter und wird durch ein oder mehrere Verhaltensmuster beschrieben, die in ihrer Ausprägung für die allgemeine Lebensbewältigung hinderlich sein können. Bei Persönlichkeitsstörungen handelt es sich im Gegensatz zu anderen Erkrankungen um ein sich langsam entwickelndes und am Verhalten erkennbares Zustandsbild. Persönlichkeitsstörungen beinhalten immer Verhaltensweisen, mit denen wir in gewisser Weise alle zu kämpfen haben. Wer hat nicht schon einmal eine intensive, instabile Beziehung erlebt oder hin und wieder einen Zornausbruch gehabt? Wer kennt nicht die Verlockungen von Rauschzuständen oder hat Angst davor gehabt, allein zu sein, hat Stimmungsschwankungen durchgemacht oder sich irgendwie selbstzerstörerisch verhalten? In gewissem Maße kennt das jeder Mensch, aber nicht alle Menschen sind von diesem Syndrom so sehr betroffen, dass es ihr Leben stört oder erheblich beeinträchtigt. Die Borderline-Persönlichkeitsstörung ist für die meisten Menschen ein diffuser Begriff, mit dem sie inhaltlich wenig verbinden können. Wenn Patienten mit der Diagnose Borderline konfrontiert werden, haben sie meistens bereits eine Odyssee von Klinikaufenthalten, Therapeutenwechseln und unterschiedlichen Diagnosen hinter sich. Manchmal wird auch in Kliniken das komplexe Krankheitsbild erst nach einiger Zeit erfasst, denn die Betroffenen kommen vorwiegend wegen Depressionen, Angstzuständen, Problemen mit Alkohol und Drogen oder wegen Essstörungen in eine Behandlung. In Unkenntnis der Erkrankung wird den Patienten oft böswillige Absicht unterstellt. Erst wenn sich schwere Depressionen, Beziehungskrisen oder massiv selbstschädigendes und suizidales Verhalten zeigen, wird an eine Erkrankung gedacht. Nur nach einer genauen Befragung und Beobachtung kann dieses Krankheitsbild mit Sicherheit festgestellt werden.[2]

Ist die Diagnose dann sicher, reagieren sie oft verwirrt und verunsichert: Borderline was ist das überhaupt? Bei der Borderline-Erkrankung handelt es sich meist um eine Vielzahl von Verhaltensmustern und Beschwerden, die von den Betroffenen selbst und der Umwelt als belastend erlebt werden. Diese wechselhaften und extremen Verhaltensmuster führen häufig zu Missverständnissen und Unverständnis, was das Miteinander erheblich erschwert.

Der Beginn liegt im frühen Erwachsenenalter, und die Störung manifestiert sich in den unterschiedlichsten Lebensbereichen. Hinzu kommt, dass diese Diagnose mit dem Makel einer schwerwiegenden Erkrankung behaftet ist, die in die Nähe der Geisteskrankheiten rückt. Die Borderline-Persönlichkeit wird in der Psychoanalyse als eine schwere Störung angesehen, die eher von erfahrenen Psychoanalytikern behandelt werden sollte.

2. Anmerkungen zur Diagnose

Eine der umstrittensten Diagnosen im Bereich der Psychiatrie war die des Borderline-Syndroms. Sie war oftmals eine Velegenheitsdiagnose, wenn man sich nicht klar für eine Neurose, eine Charakterstörung oder eine Psychose entscheiden konnte.

Die Borderline-Persönlichkeitsstörung ist keine Ausschlussdiagnose, sondern muss positiv nachgewiesen werden, denn sie hat konkrete und spezifische Folgen hinsichtlich der Therapie. Natürlich existieren „klassische“ Symptome, die ohne Probleme zu erkennen bzw. zu explorieren sind. Bei Menschen mit einer Borderline Störung können die Symptome jedoch so vielfältig sein, dass es schwierig ist, eine symptombezogene Diagnose zu stellen. Der erste Versuch einer zusammenfassenden klinischen Beschreibung verknüpft mit pathogenetischen Aussagen sowie mit therapeutischen Implikationen stammt von Kernberg.

Christa Rhode-Dachser hat für den deutschsprachigen Raum die Beschreibung von Kernberg übernommen und einige Befunde ergänzt.[3] Borderlinestörungen werden heute so häufig diagnostiziert, dass sich der Eindruck aufdrängt, sie sei die typische seelische Störung unserer Zeit. Dies bringt einerseits eine intensive fachwissenschaftliche Diskussion mit sich und lässt andererseits auch Fehlinformationen und Vorurteile aufkommen. „Irrtümer sind unter Fachleuten immer noch weit verbreitet, so dass Betroffene nicht selten schon unzählige Diagnosen mit jeweils unterschiedlichen Therapieangeboten verpasst bekommen haben, bevor die richtige Diagnose eine erfolgversprechende Therapie möglich macht.“[4]

Aktuelle Studien lassen vermuten, dass etwa zwei Prozent der Bevölkerung unter den für eine Borderline Störung typischen Symptomen leiden. Auch in Deutschland sind etwa ein bis eineinhalb Millionen Menschen an dieser seelischen Störung erkrankt. In der neueren psychiatrischen Literatur wird das Borderlinesyndrom entweder als „latente und pseudoneurotische Schizophrenie“[5] oder als Persönlichkeitsstörung verstanden. Die ICD-10-Diagnostik geht von einer emotional instabilen Persönlichkeitsstörung aus. Diese Ansicht wird aber international kaum mehr geteilt, so dass sie im Vergleich immer mehr an Bedeutung verliert. In der dritten Auflage der DSM – III wurde die Borderline-Diagnose zum ersten Mal zu einer offiziellen psychiatrischen Krankheitsdiagnose.

3. Grundsätzliches zu den DSM – IV Kriterien

Um eine Diagnose zu stellen, orientieren sich die Fachärzte und Therapeuten an wissenschaftlichen Leitlinien. In den diagnostischen Leitlinien DSM-IV (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders) werden neun Kriterien für eine Borderline-Persönlichkeitsstörung aufgeführt.[6] Mindestens fünf der folgenden Merkmale müssen vorliegen und zwar in einer Weise, dass sie fest in der Persönlichkeit des Betreffenden verankert und kennzeichnend für das Individuum sind. Dennoch weist das DSM-System auch deutliche Grenzen auf. Am bedeutsamsten ist hierbei die Tatsache, dass das System keine adäquate Grundlage für die Therapieplanung ist, was auch von den Autoren selbst eingestanden wird.[7] Sie eignen sich auch nicht zu einer Selbstdiagnose, denn es sind Erlebnisweisen, wie sie sehr viele Menschen in gemilderter Ausprägung durchaus kennen.

Erst ihre Intensität und die deutlichen Beeinträchtigungen im sozialen und beruflichen Gefüge oder subjektive Beschwerden machen sie zu einer Erkrankung. Auf den ersten Blick scheinen diese Kriterien wenig zusammenhängend und nur am Rande miteinander verwandt. Wenn man sie jedoch näher betrachtet, erkennt man, dass die neun Symptome miteinander verwandt sind und in wechselseitiger Beziehung zueinander stehen. Erkennbar wird das ein Symptom ein weiteres nach sich zieht. So zieht sich meist ein durchgängiges Verhaltensmuster von Instabilität in der Gefühlswelt, in zwischenmenschlichen Beziehungen, im Selbstbild sowie eine ausgeprägte Impulsivität durch den Alltag des Borderliners.

3.1 Angst - ein Leitsymptom der Borderline-Symptomatik

Chronische, diffuse, frei-flottierende Ängste wurden von der Mehrzahl der Autoren beschrieben, die im Feld der Borderline-Störungen meinungsbildend sind. Solche generalisierten Ängste, sowie verschiedene phobische Ängste stellt etwa Kernberg an den Beginn seiner Beschreibung der Borderline-Symptomatik. Die Autoren Hoch und Polatin hatten das Störungsbild als eigentlich psychotisch und uneigentlich neurotisch verstanden und eine Symptomtrias von Pan-Angst, Pan-Neurose und Pan-Sexualität beschrieben. Die Patienten konnten nach ihrem Verständnis ein breites Spektrum von Ängsten, neurotischen Symptomen und sexuellen Störungen bieten. Kernberg und mit ihm viele andere, hatten die Beschreibung der Phänomene offensichtlich stark an der Studie von Hoch und Polatin angelehnt, von der man heute annimmt, dass es sich um eine eher psychotische Gruppe handelte, wovon auch die Autoren ausgegangen sind. Die Inhalte der Ängste von Borderline-Patienten können sich auf jeden Inhalt beziehen. Dennoch fällt in der Literatur auf, dass eine Reihe von Ängsten verstärkt bearbeitet und ihnen auch eine mehr oder minder ausgeprägte Spezifität für die Borderline-Störungen zugeschrieben wurde. Ganz offensichtlich gibt es eine bestimmte beschreibbare Gruppe von Ängsten, die sich häufen. Aus der Literatur lassen sich etwa fünf abgrenzbare Inhalte solcher Ängste herausarbeiten:[8]

- Angst vor Überwältigung durch konflikthafte Impulse und Vorstellungen
- Angst vor struktureller Regression
- Angst vor dem Alleinsein und chronische Angst vor Trennungen
- Angst vor Selbstverlust
- Angst vor dem phantasierten Verschlungenwerden

Das erste Kriterium des DSM - IV beschreibt ein verzweifeltes Bemühen, reales oder imaginäres Alleinsein zu verhindern. Ein permanentes Gefühl vor Trennungen. Wenn Borderliner allein sind, verlieren sie aufgrund ihrer gestörten Ich-Identität häufig das Gefühl für die Realität ihrer Existenz. Erschwerend kommt hinzu, dass sie oft auch ein vorübergehendes Alleinsein als dauerhafte Isolation wahrnehmen. Borderline Persönlichkeiten erleben deshalb immer wieder starke Angst vor dem Verlassenwerden durch nahestehende Personen. Diese Angst motiviert die Betroffenen zu verzweifelten Bemühungen, dieses Verlassenwerden zu vermeiden. Dabei greifen sie auch zu extremen Mitteln z.B. selbstverletzendes Verhalten, um den nahestehenden Menschen unter Druck zu setzen. Werden Borderliner trotz dieser Bemühungen verlassen, durchleben sie meist intensive emotionale Krisen, in deren Verlauf die hier beschrieben Symptome oft sogar noch verstärkt auftreten.

3.2 Die Neigung, sehr intensive, jedoch instabile Beziehungen herzustellen

Menschen mit einer Borderline-Störung führen meist unbeständige und unangemessen intensive Beziehungen zu anderen Menschen, die durch einen Wechsel zwischen extremer Idealisierung und Abwertung charakterisiert sein können. Die Intensität der Beziehungen ergibt sich aus der Intoleranz der Borderline-Persönlichkeit gegenüber Trennungen. Ihre Unbeständigkeit rührt aus fehlender „Objektkonstanz“ (Die Fähigkeit, andere als komplexe Menschen wahrzunehmen). Der Borderliner entwickelt eine Abhängigkeit zum Partner und idealisiert ihn, solange dieser seine Bedürfnisse befriedigt. Erfährt er Zurückweisung oder Enttäuschung, verfällt er ins andere Extrem und wertet den Partner ab, ohne sich jedoch von ihm trennen zu können. Dann eskaliert das manipulierende Verhalten des Borderliners. Er zeigt sich schwach und hilflos, neigt beispielsweise zu Hypochondrie, Masochismus, Selbstverletzungen und Suiziddrohungen/ -versuchen. Die antisoziale Persönlichkeit ist jedoch nicht gleichbedeutend mit sozialer Desintegration. Im Gegenteil, Borderliner verfügen häufig über eine gute soziale Integration, die aber wie eingangs erwähnt von Inkontinuität gekennzeichnet ist, d.h. die einzelnen Bindungen sind intensiv, aber instabil. Die persönliche Bedeutung einer engen Beziehungsperson wird häufig abgewertet und der andere diskreditiert oder verdeckt manipulativ beeinflusst. Typische Mittel hierzu sind somatische Klagen, provokative Handlungen, oder irreführende Botschaften. Borderline Patienten fühlen sich in ihren Beziehungen auffallend häufig verletzt oder als Opfer.

3.3 Identitätsstörungen

Die sogenannte Identitätsstörung ist die Schwierigkeit zu beschreiben, wer und wie man wirklich ist beziehungsweise die ausgeprägte und andauernde Instabilität des Selbstbildes. Borderline-Betroffene leiden unter einer andauernden Identitätsstörungen die sich auf die Bereiche Selbstbild, sexuelle Orientierung, Berufswahl, langfristige Ziele, Wertesystem und Art der gewünschten Partner/ Freunde erstrecken kann. Den Betroffenen fehlt deshalb ein konstantes Identitätsgefühl. Sie akzeptieren ihre Eigenschaften wie Intelligenz und Attraktivität nicht als konstantes Gut, sondern als Eigenschaften, die immer wieder neu verdient und im Vergleich mit anderen beurteilt werden müssen. Das Selbstwertgefühl und die Fähigkeit zur Selbstachtung basieren beim Borderliner deshalb nicht auf in der Vergangenheit erbrachte Leistungen, sondern auf aktuellen Erfolgserlebnissen, Misserfolgen und Feedbacks durch Dritte. Daraus resultieren oft ein übermäßiges Engagement und ein unrealistisches Streben nach Perfektion mit entsprechenden Misserfolgserlebnissen, aber auch der häufige Wunsch nach Veränderung im Berufs-/ Privatleben.

3.4 Potentiell selbstschädigende und impulsive Handlungen

Für potentiell selbstschädigende und häufig impulsive Handlungen sind beispielsweise übermäßiges Geld ausgeben, kleptomanische Verhaltensweisen, perverse Sexualität oder sexuelle Promiskuität, Substanzmissbrauch, Diebstahl, Rücksichtslosigkeit zum Beispiel im Straßenverkehr oder Essstörungen typisch. Manchmal dienen impulsive Handlungen als Verteidigungsmechanismen gegenüber Gefühlen von Einsamkeit und der Angst verlassen zu werden. Bedenkt man die starke Anspannung, die durch einen Konflikt oder Streit ausgelöst werden kann, lassen sich Gefühle wie Traurigkeit, Zorn und Enttäuschung durch die unterschiedlichsten Verhaltensmuster wie Fressanfälle, Kaufräusche, das Ziehen durch Bars etc. vertreiben. Dieser Mechanismus lässt sich leicht mit Alkohol- und Drogenmissbrauch aufrechterhalten. Unter Umständen führt dies nur zu einer Verschlechterung des Selbstwerterlebens, was die Vermeidung von Konfliktlösungen verstärkt. Aus Hilflosigkeit greifen viele dann zu Verhaltensmustern, die ihnen längerfristig schaden. So ist mir ein Fall bekannt, in dem eine junge Frau regelmäßig ein Medikament hochdosiert über einen längeren Zeitraum einnahm, weil sie sich zu dick fühlte. Die Einnahme wurde letztendlich lebensbedrohlich und sie musste damit rechnen einen irreversiblen Nierenschaden davonzutragen. Die körperlichen Warnsignale ignorierte sie vollkommen. So lagerte der Körper bis zu 7 Liter Wasser ein. Ihre Beine waren auf ein bedenkliches Maß angeschwollen. Dies behandelte sie wiederum mit dem gleichen Medikament.

3.5 Wiederholte Suizidversuche und selbstverletzende Verhaltensweisen

Wiederholte beziehungsweise wiederkehrende Suizidversuche, -drohungen, -andeutungen und selbstverletzendes Verhaltensweisen finden ihren Ausdruck in selbstbeigebrachten Schnitt-, Stich- und Brandverletzungen an Gliedmaßen, Rumpf und Genitalien, durch Exzesse mit Drogen, Alkohol und Nahrungsmitteln. Selbst das Schlagen und selbsterzeugte Krankheiten gehören zu den häufig angewandten Methoden. Meist beginnt die Selbstverletzung als impulsive Selbstbestrafung, entwickelt sich aber nach und nach zu einem einstudierten und ritualisierten Verhalten.

Suiziddrohungen und -versuche und Selbstverletzungen sind unterschiedlich motiviert und können wie folgt interpretiert werden: Der Versuch, den erlittenen psychischen Schmerz mitzuteilen, Hilferuf, Selbstbestrafung, Bestrafung nahestehender Menschen, Ablenkung von anderen Leidenformen, Abbau von Angst, Zorn oder Traurigkeit oder als Entspannungstechnik. Einigen gelingt es so, keinen emotionalen Schmerz zu spüren, die anderen versuchen gerade dadurch, wieder etwas zu spüren und aus der Isolation herauszukommen. Hinterher erleben Borderliner ein Gefühl von Erleichterung und Befreiung von der Angst. Leider kann letzteres dazu führen, dass selbstverletzendes Verhalten immer wieder eingesetzt wird, ohne die eigentlichen Konflikte zu lösen. Viele Borderline-Patienten berichten, dass sie während der selbstverletzenden Aktion keinen Schmerz spüren, stattdessen eine ruhige Euphorie danach.[9]

[...]


[1] Ewald Rahn: Basiswissen. Umgang mit Borderline-Patienten, 2. Auflage 2004, Psychiatrie-Verlag, Bonn 2003, S. 17

[2] Ingrid Sender: Ratgeber, Das Borderline-Syndrom, CIP Medien-Verlag, München 2000, S. 5

[3] Konrad Strauss: Neue Konzepte zum Borderline-Syndrom, Junfermannsche Verlagsbuchhandlung, Paderborn 1993, 2. Auflage 1994, S. 50 ff

[4] Dr. phil. Rose Riecke-Niklewski und Dr. med. G. Niklewski: Leben mit einer Borderline-Störung, Trias Verlag, Stuttgart 2003

[5] Lilo Süllwold, Jutta Herrlich, Stephan Volk: Zwangskrankheiten. Psychobiologie, Verhaltenstherapie, Pharmakotherapie, Kohlhammer-Verlag, Stuttgart 1994

[6] Henning Saß, Hans-Ulrich Wittchen, Michael Zaudig: Handbuch der Differentialdiagnosen. DSM-IV, Hogrefe-Verlag, Göttingen 1999

[7] Gerhardt Dammann, John F. Clarkin: Handbuch der Borderline-Störungen, Schattauer-Verlag, Stuttgart 2000, S. 125

[8] Sven Olaf Hoffmann: Angst als Leitphänomen der Borderline Symptomatik, Handbuch der Borderline-Störung, Schattauer-Verlag, Stuttgart 2000, S. 227 ff

[9] Ingrid Sender: Ratgeber, Das Borderline-Syndrom, CIP Medien-Verlag, München 2000, S. 16

Ende der Leseprobe aus 73 Seiten

Details

Titel
Praktische Fragen und Antworten zum besseren Verständnis der Borderline-Erkrankung in sozialpädagogischen Arbeitsfeldern
Hochschule
Hochschule Neubrandenburg  (Soziale Arbeit)
Veranstaltung
Arbeit mit psychisch Kranken
Note
1,2
Autor
Jahr
2005
Seiten
73
Katalognummer
V81492
ISBN (eBook)
9783638847292
ISBN (Buch)
9783638844567
Dateigröße
643 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Praktische, Fragen, Antworten, Verständnis, Borderline-Erkrankung, Arbeitsfeldern, Arbeit, Kranken
Arbeit zitieren
Robert Radloff (Autor), 2005, Praktische Fragen und Antworten zum besseren Verständnis der Borderline-Erkrankung in sozialpädagogischen Arbeitsfeldern, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/81492

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Praktische Fragen und Antworten zum besseren Verständnis der Borderline-Erkrankung in sozialpädagogischen Arbeitsfeldern


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden