Im Unterricht aber auch im schulischen Miteinander kann es immer wieder zu Verhaltensproblemen oder Disziplinschwierigkeiten bei Schülern kommen. Besonders im Unterrichtsverlauf können Krisensituationen oder chronische Problemsituationen eine enorme Belastung für Lehrer und Schüler darstellen. Welche Ursachen dem Verhalten zugrunde liegen, weiß man oft nicht, da sie sich nur schwer eindeutig festmachen lassen. Auf der Suche nach den Ursachen kann man sich verschiedener Erklärungsmodelle bedienen, die in ihrer Deutung zwar mannigfaltig und gegensätzlich sind, jedoch alle ihre Berechtigung haben. Eindeutige Ursachenzuschreibungen für das Entstehen eines Problemverhaltens bei Kindern und Jugendlichen können nicht gemacht werden. Vielmehr sind es verschiedenste Theorien, die aus ihrem Blickwinkel versuchen, die Gründe für Verhaltensprobleme zu beschreiben und zu erklären. So existieren beispielsweise soziologische, ökologische, verhaltenstheoretische und psychodynamische Modelle, um nur einige zu nennen. Redl (1987) greift in seiner psychodynamischen Konzeption auf einige Erkenntnisse von Freuds Psychoanalyse zurück. Im Gegensatz zu Freud, der die Unterdrückung der Triebe des ‚Es’ als Ursache für Verhaltensschwierigkeiten sieht, geht Redl davon aus, dass das ‚Ich’ in seiner Funktion gestärkt werden muss. Aus dieser Sichtweise bedarf es also bei Kindern mit Verhaltensstörungen der ‚Ich-Unterstützung’. „Ein schwaches Ich bedeutet das Vorhandensein einer starken Triebspannung, die das Ich, als Realitätsinstanz, nicht bewältigen kann“ (Hillenbrand 1999, S.73). Aus diesem Grund müssen dem Kind also bestimmte Möglichkeiten gegeben werden, die zur Ich-Stärkung beitragen und die Lebenssituation des Kindes beachten. Therapeutische Maßnahmen allein, wie zum Beispiel therapeutische Gespräche oder Spieltherapie können aufgrund ihrer zeitlichen Begrenzung nur kurzfristig ihre Wirkung entfalten und deshalb „den komplexen Hilfe- und Erziehungsbedürfnissen von Kindern mit Gefühls- und Verhaltensstörungen nicht gerecht werden“ (Budnik, Unger, Fingerle 2003, S.178). Aus diesem Grund fordert Redl für Kinder mit Ich-Störung, dass ein „von therapeutischen Prinzipien durchdrungene(r) Erziehungsalltag“ (Budnik, Unger, Fingerle 2003, S.178) geschaffen werden muss. Redl beschreibt hierfür die Schaffung eines therapeutischen Milieus, der die gesamte Lebensumwelt des Kindes berücksichtigt und somit immer einen therapeutischen Einfluss auf das Kind ausübt (vgl. Fatke 1987, S.20).
Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG
2. DAS THERAPEUTISCHE MILIEU IN DER SCHULISCHEN ERZIEHUNGSHILFE
2.1 WAS VERSTEHT MAN UNTER EINEM THERAPEUTISCHEN MILIEU
2.1.1 Der Begriff ‚therapeutisch’
2.1.2 Der Begriff ‚Milieu’
2.2 DAS THERAPEUTISCHE MILIEU IN DER SCHULE
2.3 MÖGLICHKEITEN DER INTERVENTION BEI VERHALTENSSTÖRUNGEN
2.3.1 Bewusstes Ignorieren
2.3.2 Umgruppierung
2.3.3 „Antiseptischer“ Hinauswurf
3. SCHLUSSWORT
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die theoretische Konzeption des therapeutischen Milieus nach Fritz Redl und analysiert deren Übertragbarkeit sowie praktische Anwendungsmöglichkeiten im schulischen Kontext der Erziehungshilfe bei Verhaltensstörungen.
- Grundlagen und Definitionen des therapeutischen Milieus
- Übertragung milieutherapeutischer Ansätze auf den Schulalltag
- Interventionsstrategien bei Unterrichtsstörungen und Krisensituationen
- Die Rolle der Lehrkraft bei der Gestaltung einer therapeutischen Atmosphäre
- Kritische Reflexion der Möglichkeiten und Grenzen von Schule als therapeutischer Lebensraum
Auszug aus dem Buch
2.3.3 „Antiseptischer“ Hinauswurf
Der „antiseptische“ Hinauswurf wird von Redl und Wineman (1976) nicht als ein Hinauswerfen eines Kindes verstanden, dessen Verhalten der Pädagoge nicht mehr dulden kann. Vielmehr soll dem Kind dadurch die Möglichkeit gegeben werden, aus einer problembehafteten Situation hinauszugehen, um sein eigenes Verhalten zu regulieren. Diese Form der Steuerung aggressiven Verhaltens soll in Situationen, die „den Charakter eines Notfalls“ (Redl/Wineman 1976, S.69) tragen, Verwendung finden. Erst wenn andere Interventionstechniken keine Wirkung mehr besitzen, das Kind eventuell sein Verhalten selbst nicht mehr kontrollieren kann, sollte der Pädagoge zu dieser Technik greifen. In erster Linie sollte der „antiseptische“ Hinauswurf der Prävention von Krisensituationen dienen, das heißt, der Pädagoge sollte bereits vor dem Entstehen einer problembehafteten Situation diese Maßnahme anwenden. Es ist wichtig, dass das Herausnehmen eines Kindes aus Gefahrensituationen antiseptisch geschieht. „Das bedeutet, dass wir keineswegs an anderer Stelle Schaden stiften oder gar das eigentliche therapeutische Ziel gefährden dürfen, während wir ein vorübergehendes Problem lösen“ (Redl/Wineman 1976, S.73).
Zusammenfassung der Kapitel
1. EINLEITUNG: Es wird die Problematik von Unterrichtsstörungen dargelegt und die Notwendigkeit eines durch therapeutische Prinzipien durchdrungenen Erziehungsalltags nach Redl motiviert.
2. DAS THERAPEUTISCHE MILIEU IN DER SCHULISCHEN ERZIEHUNGSHILFE: Das Kapitel erläutert theoretische Begrifflichkeiten, überträgt das Konzept auf die Schule und stellt konkrete Interventionsmöglichkeiten wie Ignorieren, Umgruppierung und den antiseptischen Hinauswurf vor.
3. SCHLUSSWORT: Hier erfolgt eine kritische Würdigung der psychoanalytischen Basis sowie eine Einschätzung der praktischen Umsetzbarkeit des Konzepts unter den gegebenen schulischen Rahmenbedingungen.
Schlüsselwörter
Therapeutisches Milieu, schulische Erziehungshilfe, Verhaltensstörungen, Ich-Unterstützung, Fritz Redl, Interventionsstrategien, antiseptischer Hinauswurf, pädagogisch-therapeutische Arbeit, Klassenklima, Gruppenprozesse, Krisensituation, Erziehungsalltag, Schulpädagogik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit beschäftigt sich mit dem pädagogischen Konzept des therapeutischen Milieus nach Fritz Redl und dessen Anwendung zur Unterstützung von Kindern mit Verhaltensstörungen im schulischen Umfeld.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Zentrale Schwerpunkte bilden die Definitionen von therapeutischen Umgebungen, die Notwendigkeit von Ich-Stärkung bei Kindern sowie praktische Interventionsmethoden für Lehrkräfte bei Krisensituationen.
Welches primäre Ziel verfolgt die Autorin?
Ziel ist es aufzuzeigen, wie durch milieutherapeutische Ansätze eine stärkende Atmosphäre an Schulen geschaffen werden kann, um Schülern mit Verhaltensauffälligkeiten gerecht zu werden.
Welche wissenschaftliche Methode liegt der Arbeit zugrunde?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Literaturanalyse von Konzepten der psychotherapeutisch orientierten Pädagogik, insbesondere den Arbeiten von Fritz Redl.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden die Merkmale eines therapeutischen Milieus differenziert, die Übertragbarkeit auf den Schulalltag diskutiert und spezifische Interventionsstrategien wie bewusstes Ignorieren, Umgruppierung und der antiseptische Hinauswurf detailliert vorgestellt.
Welche Keywords charakterisieren diese Arbeit?
Die wichtigsten Schlagworte sind therapeutisches Milieu, schulische Erziehungshilfe, Verhaltensstörungen, Fritz Redl und Interventionsstrategien.
Warum betont die Autorin die Bedeutung des „antiseptischen“ Hinauswurfs?
Die Methode wird als präventive Maßnahme hervorgehoben, um das Kind aus einer Überforderungssituation zu lösen, ohne es zu bestrafen, und um dem Kind Zeit zur Selbstregulation zu geben.
Inwiefern beeinflusst das Kollegium den Erfolg dieses Konzepts?
Die Autorin argumentiert, dass eine konsistente Umsetzung nur dann wirksam ist, wenn das gesamte Kollegium hinter dem therapeutischen Konzept steht und einheitlich handelt.
Sieht die Autorin die Schule als ausreichend therapeutisch wirksam an?
Die Autorin stellt dies kritisch infrage und weist auf den begrenzten zeitlichen Rahmen der Schule hin, wobei sie Ganztagsschulen als geeignetere Orte für eine erfolgreiche Umsetzung ansieht.
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- Nancy Heß (Author), 2007, Das therapeutische Milieu in der schulischen Erziehungshilfe, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/81617