Standortpolitik der Bundeswehr und regionale Strukturpolitik im Landesteil Schleswig von den 1950er Jahren bis zur Gegenwart

Wie Tarp durch die Bundeswehr aufblühte


Examensarbeit, 2005
76 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Geschichte der Bundeswehr

3. Standortpolitik der Bundeswehr in Schleswig-Holstein
3.1. Geschichte der Marine
3.2. Bundeswehrstandorte in Schleswig-Holstein
3.3. Standortpolitische Kriterien für den Bundeswehrstandort Eggebek/Tarp
3.4. Probleme bei der Standorteröffnung Eggebek/Tarp
3.5. Die Schließung des Standortes Eggebek/Tarp steht bevor

4. Strukturpolitik in Schleswig-Holstein
4.1. Strukturpolitik und regionale Konversion
4.2. Strukturpolitik in Eggebek und Tarp vor der Bundeswehr- stationierung (Mitte der 1950er bis Mitte der 1960er Jahre)
4.3. Strukturpolitik in Eggebek und Tarp während der Bundeswehr- Stationierung (seit Mitte der 1960er Jahre)
4.3.1. Baumaßnahmen in Tarp seit Anfang der 1960er Jahre
4.3.2. Die Veränderung der Gewerbestruktur Tarps in den 1960er Jahren
4.3.3. Die Entwicklung Eggebeks seit der Stationierung der Marineflieger
4.3.4. Die Entwicklung der gewerblichen Struktur und der Einwohnerzahlen Tarps und Eggebeks im Vergleich

5. Zusammenhang zwischen der Standortpolitik der Bundeswehr und der regionalen Strukturpolitik am Beispiel Tarps
5.1. Die Bedeutung der Bundeswehr als Wirtschaftsfaktor
5.1.1. Die Bedeutung der Soldaten und zivilen Bundeswehr- bediensteten für die Standorte
5.1.2. Personalabbau der Bundeswehr als regional- ökonomisches Problem
5.1.3. Maßnahmen der Landesregierung nach Veröffentlichung der Personalabbaupläne der Bundeswehr Anfang der 1990er Jahre
5.2. Die Bundeswehr als Katalysator der regionalen Strukturpolitik am Beispiel Tarps

6. Die Folgen der Schließung des Standortes Eggebek/Tarp – Perspektiven für die Region

7. Zusammenfassende Betrachtung

8. Literatur- und Abbildungsverzeichnis
8.1. Literatur
8.2. Materialien aus dem Internet
8.3. Auskünfte von Personen und Institutionen
8.4. Niederschriften und amtliche Briefwechsel aus dem Gemeindearchiv der Gemeinde Tarp
8.5. Zeitungsartikel
8.6. Abbildungsnachweis

1. Einleitung

„[…]

Frage: Kommen wir zur Bundeswehr als Wirtschaftsfaktor. Sind weitere Standortschließungen geplant?

Struck: Der Verteidigungsminister ist kein Wirtschaftsförderungsminister, er kann keine Bestandsgarantien geben.

[…]“1

Diese Äußerung des Bundesverteidigungsministers Peter Struck in einem Interview am 24. April 2003 sorgte in vielen Teilen Deutschlands für Unmut. Im Zusammenhang mit einer Neuausrichtung der Bundeswehr wurden im gesamten Bundesgebiet Personalreduzierungen vorgenommen und sogar Standorte geschlossen bzw. deren bevorstehende Schließung verkündet.

Der zitierte Ausschnitt des Interviews enthält einen Widerspruch: Einerseits wird die Bundeswehr als Wirtschaftsfaktor bezeichnet, andererseits distanziert sich der Bundesverteidigungsminister von den Aufgaben der Wirtschaftsförderung.

Wirtschaftsförderung ist eine strukturpolitische Aufgabe und unterliegt den Wirtschaftsministerien der Länder und des Bundes. Die Bezeichnung der Bundeswehr als Wirtschaftsfaktor wirft eine für diese Arbeit zentrale Frage auf: Besteht ein Zusammenhang zwischen der Standortpolitik der Bundeswehr und der regionalen Strukturpolitik? Um diese Frage zu klären, analysiere ich, wie sich die Stationierung von Bundeswehreinheiten auf die Gemeinde Tarp im Kreis Schleswig-Flensburg auswirkte. Dabei wähle ich exemplarisch den Bundeswehrstandort des Marinefliegergeschwaders 2 in Eggebek/Tarp, weil er einerseits der zweitgrößte Standort im Kreis Schleswig-Flensburg ist, andererseits wird er Ende 2005 aufgelöst und bietet daher die Möglichkeit, nicht nur die Folgen seiner Eröffnung, sondern auch die möglichen Folgen seiner Schließung für die Region aufzuzeigen. Zudem habe ich ein persönliches Interesse an diesem Standort, da ich in dieser Region und somit mit diesem Standort aufgewachsen bin und immer noch dort lebe. Außerdem erhielt die Schließung des Bundeswehrstandortes Eggebek/Tarp ein besonders großes öffentliches Interesse: Sowohl die Presse als auch das regionale Fernsehen berichteten über die Ängste und Nöte der von der Schließung betroffenen Standortgemeinden.

Nach der Entscheidung für dieses Thema ergaben sich für mich eine Reihe von Fragen: Warum wurden Bundeswehreinheiten in Schleswig-Holstein stationiert? Warum ausgerechnet in Eggebek und Tarp? Wie sah das Dorfbild der beiden Standortgemeinden vor der Bundeswehransiedlung aus? Ich selbst hatte die beiden Orte ohne Bundeswehr gar nicht kennen gelernt und kann sie mir auch ohne Bundeswehr nicht vorstellen. Welche Probleme gab es im Zusammenhang mit der Ansiedlung von Bundeswehreinheiten in Eggebek und Tarp? Wie veränderten sich das Dorfbild und die Gewerbestruktur in den Standortgemeinden durch die Bundeswehrpräsens? Welche Bedeutung hat die Bundeswehr für die Standorte, und welche Folgen und Probleme ergeben sich durch die Schließung des Standortes Eggebek/Tarp?

Alle Fragen münden in der Kernfrage dieser Arbeit: Besteht ein Zusammenhang zwischen der Standortpolitik der Bundeswehr und der regionalen Strukturpolitik in Eggebek und Tarp? Wenn ja, inwiefern wirken beide Bereiche zusammen?

Um diesen Fragenkatalog zu klären, gehe ich zunächst auf die Geschichte der Bundeswehr ein. Im Zusammenhang mit der Standortpolitik der Bundeswehr stelle ich die Geschichte und Entwicklung der Marine dar, weil sie den Großteil der in Schleswig-Holstein stationierten Bundeswehreinheiten darstellt. Nach einer Übersicht über die schleswig-holsteinischen Bundeswehrstandorte befasse ich mich speziell mit den standortpolitischen Kriterien für den Standort Eggebek/Tarp. In diesem Zusammenhang werde ich auch Probleme bei der Standorteröffnung und die standortpolitischen Kriterien für die Schließung des Geschwaders darstellen.

Nach der Erörterung der standortpolitischen Aspekte gehe ich auf die strukturpolitischen Gesichtspunkte ein. Dabei werde ich den Begriff Konversion definieren; ein Begriff, welcher in Presse und Kommunalpolitik in den letzten zwölf Monaten sehr oft verwendet wurde. Die Strukturpolitik in den Standortgemeinden Tarp und Eggebek vor und während der Bundeswehrstationierung wird Aufschluss geben über die beeindruckende Entwicklung seit Beginn der 1960er Jahre. Abschließend werden die Entwicklungen der beiden Standortgemeinden hinsichtlich ihrer Einwohnerzahlen und ihrer Gewerbestruktur verglichen.

Um die Kernfrage zu untersuchen, ob ein Zusammenhang zwischen Standortpolitik und regionaler Strukturpolitik besteht, werde ich zunächst die Bedeutung der Bundeswehr als Wirtschaftsfaktor deutlich machen. Besonderes Augenmerk soll hierbei auf den Personalabbau der Bundeswehr und die Maßnahmen der Landesregierung, um diesen Reduzierungen entgegenzuwirken, gelegt werden.

Die Untersuchungen von Standortpolitik der Bundeswehr und Strukturpolitik in der Standortgemeinde Tarp wird nicht nur die große Bedeutung der Bundeswehr als Wirtschaftsfaktor zeigen, sondern auch eine bereits 1967 veröffentlichte These bestätigen: „Die Bundeswehr wirkte wie ein Katalysator für die gewerbliche Entwicklung.“2 Diese These wird in Kapitel 5.2. auf die Gemeinde Tarp übertragen und belegt. Der Grund für die Wahl der Gemeinde Tarp für die Analyse des Zusammenhanges zwischen Standort- und Strukturpolitik liegt in der bemerkenswerten Entwicklung Tarps seit Anfang der 1960er Jahre. Da zur selben Zeit die Bundeswehr in Tarp stationiert wurde, ist es nahe liegend, dass ein Zusammenhang besteht.

Abschließend stelle ich die Folgen der Standortschließung Eggebek/Tarp für die Region dar und stelle Perspektiven für die Region ohne den Wirtschaftsfaktor Bundeswehr dar. In diesem Zusammenhang stellt sich natürlich auch die Frage, ob die Standortschließung vorhersehbar war. Wenn ja, welche Vorkehrungen für die strukturpolitische Zukunft der Region wurden getroffen?

Bei der Recherche allgemeiner Themenbereiche, wie beispielsweise die Geschichte von Bundeswehr und Marine und die Standort- und Strukturpolitik, waren zahlreiche Publikationen nützlich. Sehr hilfreich war dabei der Sammelband von Bruno Thoß (1995), sowie Publikationen des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes (1975) und zahlreiche Informationen des Bundesverteidigungsministeriums. Hinsichtlich der allgemeinen historischen Entwicklung der Standortgemeinden dienten Chroniken der Gemeinden Eggebek und Tarp als Quelle für Grundinformationen. Beim Heranziehen von Einwohnerzahlen und den Zahlen von Gewerbebetrieben seit Mitte der 1950er Jahre zeigte sich das Statistische Landesamt sehr kooperativ. Bezüglich der Untersuchung über die Folgen der Bundeswehrreduzierung stellte sich vor allem die Analyse von Grundmann (1994) als sehr ergiebig dar. Vor allem die Archivrecherche im Gemeindearchiv Tarps gab Aufschluss über die Verhandlungen zwischen der Standortgemeinde und der Bundeswehr hinsichtlich ihrer Kooperation. Für die aktuellen Informationen seit Veröffentlichung der Schließungspläne des Standortes Eggebek/Tarp im Frühjahr 2003 waren Zeitungsartikel aus dem Flensburger Tageblatt sehr hilfreich. Auch das Internet diente als brauchbare Informationsquelle, vor allem bei der Recherche von Reden des Bundesverteidigungsministers.

2. Geschichte der Bundeswehr

Unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges begannen die Alliierten mit der Entmilitarisierung des besiegten Deutschlands. Der Ausbruch des Koreakrieges im Juni 1950 veränderte jedoch die sicherheitspolitischen Denkweisen: „In der Öffentlichkeit verbreitete sich weithin das Gefühl einer akuten militärischen Bedrohung.3 Der amerikanische Teil der Alliierten Hochkommission signalisierte sein Einverständnis mit einer möglichen Wiederbewaffnung Deutschlands. Interesse an einer deutschen Wiederbewaffnung hatte sowohl Adenauer, der in einem deutschen Wehrbeitrag einen großen Schritt zur Wiedererlangung der staatlichen Souveränität sah, als auch die amerikanische Regierung, die durch das wiederbewaffnete Deutschland eine „militärische Lücke in Mitteleuropa“4 schließen wollte. Im August 1950 schlug der britische Premierminister Churchill die Schaffung einer europäischen Armee vor, an der die Bundesrepublik beteiligt sein sollte. Für eine Integration der Bundesrepublik in ein europäisches Verteidigungssystem sprachen sich auch weitere westliche Politiker aus. Im Oktober 1950 äußerte der französische Außenminister Pleven seinen Plan zur Schaffung einer Europa-Armee. Die Bundesregierung erkannte, dass die Frage nach einem deutschen Wehrbeitrag im engen Zusammenhang mit einer europäischen Union stand. Adenauer bekundete im August 1950, „im Falle der Bildung einer internationalen westeuropäischen Armee einen Beitrag in Form eines deutschen Kontingents zu leisten5. Schwengler betont, dass die junge Bundesrepublik nur an der Seite der Westmächte gegen die zunehmende sowjetische Bedrohung sicher sein würde6.

Im Juli 1952 unterzeichneten die Außenminister der Bundesrepublik Deutschland, Frankreichs, Italiens und der Beneluxstaaten den Gründungsvertrag der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft (EVG). Im August 1954 scheiterte der EVG-Vertrag jedoch am Veto der französischen Nationalversammlung, die ihn nicht ratifizierte.

Auf der Pariser Konferenz wurde vertraglich festgelegt, die Bundesrepublik in die Westeuropäische Union (WEU) und NATO aufzunehmen. Der deutsche Bundestag ratifizierte im Februar 1955 die Pariser Verträge, die den Beitritt der Bundesrepublik in WEU (6. Mai 1955) und NATO (9. Mai 1955) ebnete. „Sie erlaubten eine bis zu 500.000 Mann starke Armee im Rahmen von NATO und WEU.7 Gleichzeitig verzichtete die Bundesrepublik auf den Besitz von ABC-Waffen.

Nachdem die Bundesrepublik im Mai 1955 auf der Basis des so genannten Deutschlandvertrages ihre staatliche Souveränität erhielt, wurde das Bundesministerium der Verteidigung mit dem Minister Theodor Blank gebildet. Anfang 1956 wurden die ersten Freiwilligen einberufen und kurz darauf wurden die wehrpolitischen Grundgesetzänderungen, wie z.B. die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht, verabschiedet. Die oberste Befehlsgewalt der Bundeswehr liegt seitdem in Friedenszeiten beim Bundesminister der Verteidigung, im Verteidigungsfall beim Bundeskanzler8. Die Bundeswehr stellt eine Verteidigungsarmee dar und darf nicht für einen staatlichen Angriff benutzt werden9.

Bis Anfang 1959 sollten zwölf Divisionen aufgestellt werden, und der Aufbaus von Marine und Luftwaffe war bis 1960 geplant.

Natürlich verlief eine Wiederbewaffnung auf deutschem Boden so kurz nach Ende des verheerenden Weltkrieges nicht ohne Proteste und Gegenstimmen seitens der Bevölkerung. Abbildung 1 zeigt diese am Beispiel einer Demonstration in München.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1:

Demonstration gegen die Wiederbewaffnung 1955 in München

Die meisten Deutschen vertraten das Argument „Ohne mich11. Man war sich sicher, eine deutsche Wiederbewaffnung würde nicht von heute auf morgen umgesetzt werden und die Sowjetunion würde einem solchen Schritt kaum tatenlos zusehen. Die eigentlichen Argumente für einen deutschen Wehrbeitrag wurden dabei ignoriert. „Erst allmählich setzte sich die Tolerierung einer Sicherheitspolitik durch, zu der es unter den gegebenen Umständen keine realistische Alternative zu geben schien.12

Die sowjetische Antwort auf die Westintegration der Bundesrepublik erfolgte durch Aufnahme der DDR in das Bündnissystem des Warschauer Paktes. Durch die Aufnahme der BRD in die NATO und der DDR in den Warschauer Pakt wurde das geteilte Deutschland zur Pufferzone zwischen den Machtblöcken im Ost-West-Konflikt, der mit dem Begriff „Kalter Krieg“ bezeichnet wurde.

Die Entwicklung der Bundeswehr von 1955 bis zur deutschen Einheit 1990 lässt sich in diesem Zusammenhang sinnvoll anhand folgender Zeittafel13erläutern:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten1415

Die Zahl der Auslandseinsätze der Bundeswehr nahm in den 1990er Jahren zu: 1991 war die Bundeswehr an humanitären Einsätzen in Anatolien, im Iran und in der Türkei beteiligt. Nach Ende des Golfkrieges 1991 unterstütze sie die Vereinten Nationen in den Kriegsgebieten. 1993 organisierte die Bundeswehr Hilfsgütertransporte nach Somalia. Unterstützt wurden auch die KFOR-Friedenstruppen im Kosovo 1999 und im Januar 2002 amerikanische Truppen in Afghanistan, nachdem die NATO einige Monate vorher als Antwort auf den Terroranschlag in New York den Bündnisfall erklärte.

Aber auch innerhalb Deutschlands wurde die Bundeswehr weiterhin benötigt: 1995 leistete sie Katastrophenhilfe bei Überschwemmungen an Rhein, Mosel, Main und Nahe und 1997 leistete sie Hilfe nach dem Oderhochwasser.

Nach der Wiedervereinigung wurde die Nationale Volksarmee der ehemaligen DDR in die Bundeswehr integriert. Die Bundeswehr wuchs auf insgesamt 521.000 Mann, sollte jedoch Reduzierungen unterzogen werden. Dieses war Teil des 1990 geschlossenen „2+4-Vertrages“ zwischen den beiden deutschen Staaten und den Siegermächten des Zweiten Weltkrieges, der die deutsche Einheit besiegelte. Bis Ende 1994 sollte die Bundeswehr auf 370.000 Mann reduziert werden16.

Mit der Wiedervereinigung verbesserte sich „[d]ie Sicherheit und die strategische Lage Deutschlands […] grundlegend […]“17. Somit musste die Funktion der Bundeswehr neu konzipiert werden.

Im November 1991 wurde auf der NATO-Gipfelkonferenz in Rom ein neues strategisches Konzept verabschiedet, das sich auch auf das strategische Konzept der Bundeswehr auswirkte18: Sie sollte schnelle Eingreiftruppen besitzen, multinationale Verbände unterstützen und ihren Aufgabenbereich für Einsätze der Vereinten Nationen und NATO erweitern.

Am 26. November 1992 erließ Verteidigungsminister Volker Rühe die Verteidigungspolitischen Richtlinien19. Der Auftrag der Bundeswehr beinhaltete nunmehr:

- Schutz der Bundesrepublik vor äußeren Gefahren
- Förderung der militärischen Stabilität und Integration Europas
- Verteidigung der Bundesrepublik und ihrer Verbündeten
- Hilfeleistungen bei Katastrophen und Notlagen in Form von humanitären Einsätzen

Die Bundeswehr erlebte also fast 40 Jahre nach ihrer Gründung einen einschneidenden Wandel. Sie wurde 1955 als Teil des nordatlantischen Verteidigungsapparates einberufen, um gemeinsam mit ihren Verbündeten die westliche Welt vor der sowjetischen Bedrohung des Kalten Krieges zu schützen. Als 1989/90 der Kalte Krieg beendet war, konnte sich die Bundeswehr ihrem zweiten, bislang eher peripheren Aufgabengebiet widmen: humanitäre Hilfe und internationale Einsätze.

Neue Aufgabenschwerpunkte erforderten neue Richtlinien, wie Verteidigungsminister Rühe sie 1992 formulierte. Im Jahre 2003 wurden durch den Verteidigungsminister Struck neue Verteidigungspolitische Richtlinien erlassen, welche die Aufgaben der Bundeswehr auf folgende Gebiete definierten20:

- Landesverteidigung gegen äußere Bedrohung
- Bündnisverteidigung im Rahmen der NATO
- internationale Einsätze zur Erhaltung und Stabilisierung des Friedens

Mit der Umsetzung dieser neuen Verteidigungspolitischen Richtlinien aus dem Jahre 2003 sind Probleme verbunden, auf die in den folgenden Kapiteln näher eingegangen wird.

3. Standortpolitik der Bundeswehr in Schleswig-Holstein

Der Einsatzbereich der Bundeswehr in Schleswig-Holstein war geprägt durch die Lage Schleswig-Holsteins zwischen Nord- und Ostsee und die strategischen Ziele der NATO. Seit Gründung der Bundeswehr wurden die besonderen Einsatzschwerpunkte der Marine auf den Ostseeraum gelegt. So waren die Aufgaben der deutschen Marine in der Zeit des Kalten Krieges auf dieses Territorium konzentriert. Die wichtigsten Aufgaben waren: Sicherung der Ostseezugänge gegen feindliche Angriffe und Sicherung der Häfen sowie des Nachschubweges in bzw. aus der Nordsee. „Schon früh wurde die Lage des Landes als günstiger Standort für Flugplätze genutzt.“21

Einschneidende Veränderungen in der Sicherheitspolitik durch das Ende des Kalten Krieges Anfang der 1990er Jahre führten auch zu weitreichenden Reformen der militärischen Strukturen22: Truppenabbau, Abrüstung und Änderungen der Strategien von NATO und Bundeswehr führten zu einem Identitätswandel der Bundeswehr. „Krisenreaktionskräfte für den Einsatz im Rahmen der UN […] wurden in den Vordergrund gerückt.“23

Schleswig-Holstein war also der Hauptstationierungsstandort der bundesdeutschen Marine. Daher soll im folgenden Kapitel die Geschichte der Marine dargestellt werden, um anhand ihrer Entwicklung die Bedeutung der Marine und damit auch der Bundeswehr für Schleswig-Holstein zu verdeutlichen.

3.1 Geschichte der Marine

Die Entwicklungsgeschichte der Marine in der Bundesrepublik Deutschland wird von Monte in fünf Phasen eingeteilt24:

1.) 1950 – Mitte 1954
2.) 1954 – Ende 1967
3.) 1968 – Mitte 1980
4.) 1980 – Anfang 1990
5.) seit 1990

Der Zeitraum von 1950 bis Mitte 1954 wird von Monte als „Vorphase“25 der marinegeschichtlichen Entwicklung bezeichnet. In dieser Zeit entstanden erste eigene deutsche Überlegungen bezüglich einer bundesdeutschen Marine. In diesem Zusammenhang ist die Himmeroder Denkschrift vom Oktober 1950 zu nennen. Die Aufgaben der Marinen des Atlantikraumes wurden in dieser Denkschrift grundlegend formuliert: Oberste Priorität sollte die Sicherung der Ostsee gegen Angriffe und feindliche Landungen sein. Zudem sollte laut Himmeroder Denkschrift ein „[…] Ausbruch von russischen U-Booten aus den Ostsee-Eingängen“26 verhindert werden. Zusätzlich sah diese Denkschrift die „Unterbrechung des russischen Nachschubverkehrs in die Ostsee“27 vor.

Im März 1951 formulierte Admiral Wagner in der gleichnamigen Denkschrift, die deutsche Marine sollte als Teil der „atlantischen Marine“28 eine Bündnismarine sein, die ihren Aufgabenschwerpunkt in der Ostsee haben sollte.

Die Himmeroder Denkschrift und die Wagner-Denkschrift gelten als Meilensteine der Entwicklung der deutschen Marine.

Die Verhandlungen der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft (EVG)29 wurden im EVG-Vertragswerk vom Mai 1952 festgehalten. Dieses Vertragswerk sah die Aufgaben der deutschen Marine in der Sicherung von Flussmündungen und Hafenzufahrten, der Küstenverteidigung im Ostseeraum, der Minenabwehr und der Sicherung der Seewege in die Nordsee.

Nach dem Scheitern der EVG im August 1954 trat die Bundesrepublik Deutschland nach Verhandlungen in London (September-Oktober 1954) und Paris (Oktober 1954) am

6. Mai 1955 der WEU und am 9. Mai 1955 der NATO bei30. Beide Bündnisbeitritte „[…] bereiteten den Grund für eine in den nächsten Jahrzehnten feststellbare Ausweitung der Rolle der deutschen Marine in der alliierten Verteidigungsplanung“31.

Anlehnend an die Gedanken Wagners wurden der NATO die deutschen Vorstellungen einer Bündnismarine mitgeteilt. Der Aufbau der Marine ging rasch voran und lässt sich zeitlich 1954 bis 1967 einordnen32.

Nach Monte wird der Zeitraum 1968 bis Mitte 1980 als Phase bezeichnet, in der die Fähigkeiten der deutschen Marine ausgebaut wurden33. Ende der 1960er Jahre wurde das strategische Konzept der Marine überarbeitet. Gründe hierfür waren einerseits die Entwicklung der Sowjetunion zu einer Militärmacht, die in der Nuklearrüstung auf einen Patt mit den USA zusteuerte. Andererseits prägten die Prinzipien von „Flexible Response“ und „Forward Defense34 dieses neue Konzept. „’Vorneverteidigung’ in der Ostsee mit konventionellen Kräften hoher Qualität einerseits und Sichern der Seeverbindungen in der Nordsee zum Heranbringen von überseeischem Nachschub und Verstärkung andererseits waren beides Voraussetzungen zum Standhalten Westeuropas im Falle eines großangelegten Angriffs durch den Warschauer Pakt.“35 Dadurch gewann die Rolle der deutschen Marine an Bedeutung. 1975 erließ der Bundesverteidigungsminister Georg Leber aufgrund der neuen NATO-Strategien angepasste Verteidigungspolitische Richtlinien.

Abbildung 2 zeigt die neuen Aufgaben der Marine. Hauptaufgabe der deutschen Marine blieb weiterhin die Sicherung des Ostseeraumes, nun aber mit dem eindeutigen Auftrag, die sowjetischen Marineeinheiten nicht in Nordsee und Atlantik vorstoßen zu lassen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Aufgaben und Operationsgebiete der deutschen Marine36

„Zu Beginn der 80er Jahre war der Anteil der deutschen Marine an den Streitkräften der NATO im Nordflankenraum auf rund 1/3 gewachsen, bezogen auf den Ostseeraum stellte sie sogar 3/4 aller Kräfte.“37 Die deutsche Marine erhielt also eine Schlüsselrolle in den strategischen Plänen der NATO. Diese Schlüsselrolle behielt sie bis zum Ende des Kalten Krieges.

Anfang der 1990er Jahre, geprägt durch die Vereinigung beider deutscher Staaten und die Auflösung des Warschauer Paktes und der Sowjetunion, „existierte die alte Weltordnung nicht mehr“38. Der Kalte Krieg war beendet, die Bedrohung verschwunden. Diese neue Situation machte ein strategisches Umdenken notwendig, sowohl bei der NATO als auch innerhalb der Bundeswehr.

Am 26. März 1991 veröffentlichte das Bundesministerium der Verteidigung die neuen Zielvorstellungen der Marine. Sie beinhalteten neue, angepasste Aufgaben der Marine und stellten die zur Umsetzung benötigten Kräfte dar, „[…] was insgesamt auf etwa eine Halbierung der bisherigen Flotte und eine Reduzierung des Personals um ein gutes Drittel hinausläuft“39. Die neuen Zielvorstellungen der Marine lieferten den Grundsatz für ihre künftige Rolle: „allgemeingültige Aufgaben ohne spezifische Eingrenzung auf bestimmte Seegebiete und entregionalisierten Einsatz“40.

3.2. Bundeswehrstandorte in Schleswig-Holstein

Anfang 1956 wurden die ersten Soldaten und zivilen Mitarbeiter in Schleswig-Holstein stationiert. Zum selben Zeitpunkt wurde in Kiel das Wehrbereichskommando I errichtet. Schnell begann auch in Schleswig-Holstein der Ausbildungsbetrieb für Heer, Luftwaffe und – vorrangig – Marine. „Aufgrund der besonderen geostrategischen Lage und der speziellen Bedrohungssituation im Ostseeraum verfügte das Land recht bald über eine hohe Soldatendichte – 1980 war der stärkste Stand mit fast 62.000 Soldaten und 23.000 Zivilbediensteten erreicht.“41 Laut Ludwig wurde die Bundeswehr zum größten Arbeitgeber in Schleswig-Holstein neben dem Land selbst. Im Jahre 2002 stellte die Bundeswehr mit 32.600 Soldaten und 15.000 Zivilbeschäftigten immer noch einen sehr wichtigen Wirtschaftsfaktor dar42.

Das Personalstrukturmodell von 1984 sah eine künftige Stationierung von 63.000 Soldaten (30.000 Heer, 9.000 Luftwaffe und 24.000 Marine) vor43. Insgesamt betrachtet stellte Grundmann in seiner Analyse fest, dass 12,7 % aller Bundeswehrsoldaten auf Schleswig-Holstein entfielen. 63 % aller Marinesoldaten waren in Schleswig-Holstein stationiert. Diese hohe Konzentration an Marinesoldaten ist „auffallend, aber geostrategisch bedingt“44. Die Gründe für diese intensive Stationierung von Marinesoldaten in Schleswig-Holstein spiegeln sich in der Entwicklungsgeschichte der Marine wieder, insbesondere in der in Kapitel 3.1. erwähnten Schlüsselrolle, welche die deutsche Marine in den 1980er Jahren besaß.

Die tatsächlichen Zahlen der stationierten Soldaten wichen jedoch von dem o.g. Personalstrukturmodell ab: Ende 1989 waren 61.171 Soldaten und im Mai 1990 58.798 Soldaten in Schleswig-Holstein stationiert45. Grund dafür ist die sich Anfang der 1990er Jahre wandelnde sicherheitspolitische Strategie der Bundeswehr46, die eine Umstrukturierung innerhalb der Bundeswehr vorsah.

Innerhalb des Kreises Schleswig-Flensburg konzentrierte sich die Stationierung von Soldaten auf wenige Standorte. 1991 waren stationiert47:

Kappeln/Olpenitz: 2352 Soldaten

Eggebek/Tarp: 1671 Soldaten

Jagel/Kropp: 1555 Soldaten

Schleswig: 1367 Soldaten

Glücksburg: 611 Soldaten

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthaltenAbbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3: Bundeswehrstandorte in Schleswig-Holstein 199148

Abbildung 3 zeigt die Bundeswehrstandorte in Schleswig-Holstein im Jahre 1991. Wie in Kapitel 3.1. erläutert, bestand die Hauptaufgabe der schleswig-holsteinischen Bundeswehr, besonders der Marine, darin, den Ostseeraum zu überwachen und zu sichern. Diese Aufgabe spiegelt sich in Abbildung 3 wider, denn viele Stützpunkte, vor allem die großen Standorte wie Flensburg, Kiel, Kappeln und Eckernförde befinden sich an der Ostseeküste. Im Gegensatz zur Ostseeküste ist die Nordseeküste nicht derart intensiv mit Standorten versehen. Mit Ausnahme der Insel Sylt und des Standortes Husum gibt es keine Bundeswehrstandorte, die unmittelbar an der Nordseeküste liegen. Im Landesinneren hingegen befinden sich die meisten Standorte. Dieses sind Standorte des Heeres und der Luftwaffe, aber auch, wie in Eggebek/Tarp und Jagel, Einheiten der Marine in Form von Marinefliegereinheiten.

Zu einem Bundeswehrstandort gehören jedoch nicht nur Soldaten, sondern auch zivile Beschäftigte. Wie bereits erwähnt, konzentriert sich die Stationierung der Bundeswehr im Kreis Schleswig-Flensburg auf wenige Standorte. Die Anzahl der Zivilbeschäftigten im Jahre 1991 belief sich bezogen auf diese Standorte auf insgesamt 2614 Personen49, die wie folgt verteilt waren:

Eggebek/Tarp: 648 Zivilbeschäftigte

Schleswig: 616 Zivilbeschäftigte

Kappeln/Olpenitz: 595 Zivilbeschäftigte

Jagel/Kropp: 526 Zivilbeschäftigte

Glücksburg: 229 Zivilbeschäftigte

Bei der Besetzung der Standorte mit Zivilbeschäftigten gibt es laut Grundmann eine standortpolitische Auffälligkeit: „Luftwaffe und Marine benötigen […] für die Aufrechterhaltung ihrer Einheiten in Schleswig-Holstein weit mehr zivile MitarbeiterInnen als das Heer und sind daher hinsichtlich der zivilen Beschäftigung arbeitsplatzintensiver.“50 Der Grund ist ein strategischer: Im Verteidigungsfall müssen Marine und Luftwaffe Häfen bzw. Flughäfen ansteuern, die vom zivilen Personal versorgt und gewartet werden müssen.

Die Auswirkungen der Bundeswehrstationierungen von Soldaten und zivilem Personal in den Standortgemeinden und den betroffenen Regionen werden in Kapitel 5 näher erläutert.

[...]


1 http://www.bmvg.de/archiv/reden/minister/download/030424_struck_superillu.php.txt (09.06.2004)

2 Carstensen, 1967, S. 84

3 Wettig, 1995, S. 17

4 Ellwein, 1984, S. 99

5 zitiert nach: Fett, 1975, S. 170

6 vgl. Schwengler, 1995, S. 101

7 Ellwein, 1984, S. 100

8 vgl. Ellwein, 1984, S. 142

9 vgl. Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.), 2001

10 Wettig, 1995, S. 24

11 Militärgeschichtliches Forschungsamt (Hrsg.), 1982, S. 442

12 Jacobsen, 1995, S. 96

13 vgl. http://www.bundeswehr.de/forces/grundlagen/geschichte/geschichte_flash.php (11.05.2004)

14 Monte, 1995, S. 605

15 Monte, 1995, S. 605

16 vgl. Bundesministerium der Verteidigung (Hrsg.), 2000a, S. 10

17 Schönbohm, 1995, S. 405

18 vgl. Grundmann, 1994, S. 17

19 vgl. Naumann, 1995, S. 696

20 vgl. http://www.bundeswehr.de/forces/grundlagen/040504_auftrag.php (11.05.2004)

21 Lange, 2003, S. 727

22 vgl. auch Kapitel 2

23 Lange, 2003, S. 727

24 vgl. Monte, 1995, S. 592

25 Monte, 1995, S. 592

26 zitiert nach: Monte, 1995, S. 593

27 zitiert nach: Monte, 1995, S. 593

28 zitiert nach: Monte, 1995, S. 595

29 vgl. Kapitel 2

30 vgl. Kapitel 2

31 Monte, 1995, S. 596

32 vgl. Monte, 1995, S. 596

33 vgl. Monte, 1995, S. 596

34 vgl. Kapitel 2

35 Monte, 1995, S. 605

36 Bundesministerium der Verteidigung (Hrsg.), 1980, S. 107

37 Monte, 1995, S. 607

38 Monte, 1995, S. 611

39 Monte, 1995, S. 612

40 Monte, 1995, S. 612-613

41 Ludwig, 2002, S. 53

42 vgl. Ludwig, 2002, S. 53

43 vgl. Grundmann, 1994, S. 70

44 Grundmann, 1994, S. 71

45 vgl. Grundmann, 1994, S. 73

46 vgl. Kapitel 3.1.

47 vgl. Grundmann, 1994, S. 73-74

48 Lange u.a. (Hrsg.), 1999, S. 176

49 vgl. Grundmann, 1994, S. 81

50 Grundmann, 1994, S. 81

Ende der Leseprobe aus 76 Seiten

Details

Titel
Standortpolitik der Bundeswehr und regionale Strukturpolitik im Landesteil Schleswig von den 1950er Jahren bis zur Gegenwart
Untertitel
Wie Tarp durch die Bundeswehr aufblühte
Hochschule
Europa-Universität Flensburg (ehem. Universität Flensburg)  (Institut für Geschichte und ihre Didaktik)
Note
2,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
76
Katalognummer
V81855
ISBN (eBook)
9783638847551
ISBN (Buch)
9783638845823
Dateigröße
3258 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Standortpolitik, Bundeswehr, Strukturpolitik, Landesteil, Schleswig, Jahren, Gegenwart
Arbeit zitieren
Stefan Andresen (Autor), 2005, Standortpolitik der Bundeswehr und regionale Strukturpolitik im Landesteil Schleswig von den 1950er Jahren bis zur Gegenwart, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/81855

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