Ein vergleichender Blick auf Literaturtheorie und Psychoanalyse lädt dazu ein, Analogien zu ziehen, um somit Erkenntnisse von der einen Wissenschaft auf die anderen übertragen zu können. Besonders über das gemeinsame Medium beider Bereiche, die Sprache, lassen sich interessante Thesen aufstellen.
Erweist sich die These "Literatur ist Symptom und Ursache von Kollektivpsychosen" als tauglich, so lässt sich der Mensch in seinem Wesen als literarisch verfasste Entität verstehen. Dann erwiese sich die Identität des Menschen als in Geschichten verfasst. Das Leben vollzöge sich nach Erzählmustern und folge einer narrativen Ordnung. Gemeinschaften haben so gesehen Teil an Geschichten und jedes Individuum ist nicht nur in seine eigene Geschichte, sondern auch in die Geschichte der anderen verstrickt.
Literatur ist der Ort, wo sich die Kategorien entwickeln, die wiederum das Leben für den Menschen mit Sinn und Einheit versehen. Sowohl für den Psychoanalytiker Jacques Lacan, als auch für den Philosophen Paul Ricœur ist der Mensch existenziell gespalten. Legt man Lacans Theorie des Spiegelstadiums und Ricœurs Ausführungen zur narrativen Identität nebeneinander könnte man formulieren: „Literatur ist der Spiegel, in dem sich der Mensch mit einem Aha Erlebnis jubilatorisch wiedererkennt, sich in ihr entfremdet und schließlich durch die Literatur wieder zur Einheit gelangt.“
Anspruch dieser Arbeit ist es nicht, prototypische Topoi zu analysieren und die latenten Pathologien, die diese indizieren aufzudecken. Vielmehr soll die Möglichkeit einer solchen Untersuchung geprüft werden. Ich frage mich also im Folgenden, ob es überhaupt Sinn hat, die entsprechenden Thesen aufzustellen, ob tatsächlich ein reziproker Zusammenhang zwischen Literatur und Mensch besteht, ob der hier formulierte literarische Subjektivismus dem szientistischen Objektivismus etwas hinzuzufügen hat.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Der Mensch als homo narrans
1.1 Psychoanalyse als Vergeschichtlichen des Lebens
1.2 Lebenswelt und Geschichten
1.3 Der Begriff der Geschichte
2. Literarische Produktivität
2.1 Psychoanalytische Sicht auf literarische Produktivität
2.2 Philosophische Sicht auf literarische Produktivität
3. Produktion und Rezeption von Literatur
3.1 Mimesis und Mythos
3.2 Literatur als Probelaboratorium von Leben und Welt
4. Literatur und Kollektivpsychose
5. Ausblick
Schlusswort
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die These, dass Literatur nicht nur ein Symptom psychischer Zustände ist, sondern eine ursächliche Rolle bei der kollektiven Wirklichkeitskonstruktion spielt. Ausgehend von der Definition des Menschen als homo narrans wird analysiert, wie narrative Strukturen Identität stiften und ob sich die identitätsstiftende Kraft der Literatur im Sinne einer "Kollektivpsychose" als pathologisch oder erkenntnisfördernd bewerten lässt.
- Die psychoanalytische und philosophische Verankerung des Menschen als geschichtenerzählendes Wesen.
- Die Wechselwirkung zwischen literarischer Produktion und menschlicher Identitätsbildung.
- Die Anwendung von Paul Ricœurs Mimesis-Modell auf den Prozess des Erzählens.
- Die kritische Reflexion des literarischen Raums als "Probelaboratorium" menschlichen Handelns.
- Die Erforschung der These, inwiefern Literatur als Ursache für kollektive psychische Dispositionen fungieren kann.
Auszug aus dem Buch
Literatur als Probelaboratorium von Leben und Welt
Der Übergang von Leben zu Werk zurück zum Leben ist somit geschafft, aber nicht abgeschlossen. Denn der Mensch ist nie isoliert in seine exklusive Lebensgeschichte, sondern immer auch als Teil einer anderen Geschichte in diese verstickt. Jeder Autor ist auch Leser und somit im Sinne der Mimesis III durch andere vorangegangene Werke und schließlich durch sein eigenes Werk „verändert“. Damit dreht sich die Reziprozität von literarischer Produktion und Rezeption, von Mimesis II und III im Raum der Mimesis I, im Kreise. Aber diese Kreisbewegung ist um die Achse der Mannigfaltigkeit der Interpretationen, der Lebenshintergründe, der ständig variierenden Bedeutungshorizonte zur Spirale auseinander gezogen. Don Quixote beispielsweise wurde zu dem was er ist, weil er Ritter-Romane las, schließlich in deren Kategorien dachte und handelte. Die Komik dieser Figur resultiert auch daraus, dass Don Quixote dies im Zirkel von Rezeption und Produktion bzw. Aktion tat, anstelle der Spirale zu folgen, die ihn von seiner Perspektive aus, in seiner Zeit anders hätte produktiv bzw. aktiv werden lassen. Wir können hinter unser jeweiliges pränarratives Vorverständnis nicht mehr zurück. So kann man unmöglich einen übermächtigen, zornigen Helden mit einer einzigen kleinen verwundbaren Stelle am Leib nicht mit Achilles in Verbindung bringen, auch wenn er Siegfried heißt.
Literarisches Schaffen ist neben der Wunscherfüllung und der Erkenntnisvermehrung auch ein unverbindliches Probehandeln, im Alltagserzählen wie in der Literatur. So antizipieren wir im Erzählen von Vergangenem bereits Zukünftiges. Wir testen probehalber das feed back nach der Mimesis III ohne die Konsequenzen in voller Härte fürchten zu müssen; „Das hab ich ja nur so gesagt.“ könnte man auf negative Annerkennung erwidern oder bei positiver Anerkennung den Grad der Unverbindlichkeit des Probehandelns schwächen, bis hin zu faktischem Handeln.
Leben und Handelnder verändern sich also durch das Rezipieren bzw. die Lektüre. Und hier verschwimmt auch die Grenze zwischen Selbstfindung und Selbsterfindung, zwischen sich finden und sich erfinden.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Arbeit führt die These ein, dass Literatur sowohl Symptom als auch Ursache von Kollektivpsychosen ist, und definiert den Menschen als erzählendes Wesen.
1. Der Mensch als homo narrans: Dieses Kapitel verortet das Geschichtenerzählen als konstitutiven Bestandteil menschlicher Existenz und beleuchtet die Bedeutung narrativer Strukturen für das psychische Wohlbefinden.
1.1 Psychoanalyse als Vergeschichtlichen des Lebens: Es wird untersucht, wie die Therapie mittels narrativer Rekonstruktion der eigenen Lebensgeschichte zur Heilung oder Persönlichkeitsentwicklung beiträgt.
1.2 Lebenswelt und Geschichten: Auf Basis phänomenologischer Ansätze wird dargelegt, dass menschliche Erfahrung untrennbar mit der Struktur von Geschichten verwoben ist.
1.3 Der Begriff der Geschichte: Hier erfolgt eine begriffliche Differenzierung der verschiedenen Ebenen von Geschichte, von der Alltagsgeschichte bis zur historischen Entwicklung.
2. Literarische Produktivität: Das Kapitel widmet sich der Frage, warum der Mensch Literatur schafft und welche psychologischen sowie philosophischen Triebfedern dahinterstehen.
2.1 Psychoanalytische Sicht auf literarische Produktivität: Die Darstellung beleuchtet klassische psychoanalytische Ansätze, in denen Literatur als Phantasietätigkeit und Form der Triebkompensation verstanden wird.
2.2 Philosophische Sicht auf literarische Produktivität: Hier wird analysiert, wie narrative Komposition hilft, zufällige Lebensereignisse in einen sinnhaften, diachronen Zusammenhang zu bringen.
3. Produktion und Rezeption von Literatur: Dieses Kapitel betrachtet den wechselseitigen Prozess zwischen Autor, Werk und Leser durch das Modell der Mimesis.
3.1 Mimesis und Mythos: Es wird erklärt, wie durch narrative Konfiguration (Mythos) individuelle Erfahrungen in universelle Strukturen übersetzt werden.
3.2 Literatur als Probelaboratorium von Leben und Welt: Das Kapitel verdeutlicht, wie Lesen und Erzählen als unverbindliches Probehandeln dienen und maßgeblich zur Identitätsbildung beitragen.
4. Literatur und Kollektivpsychose: Die zentrale These wird hier auf ihre pathologischen Implikationen geprüft, wobei die kollektive Identifikation mit narrativen Mustern als "literarische Psychose" diskutiert wird.
5. Ausblick: Der Autor schlägt zukünftige Forschungsansätze vor, insbesondere die Untersuchung universeller "Supertopoi" als Zeugnisse des menschlichen Wesens.
Schlusswort: Die Arbeit resümiert, dass die bewusste Auseinandersetzung mit Literatur als ursächlicher Faktor für unser Weltbild notwendig ist und schließt mit einer Variation der Schiller-Sentenz.
Schlüsselwörter
Homo narrans, Psychoanalyse, Literaturtheorie, Kollektivpsychose, narrative Identität, Mimesis, Probelaboratorium, Paul Ricœur, Weltinterpretation, Psychologie, Erzählstruktur, Subjektivität, Sinnstiftung, Phantasie, Topoi.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Wechselwirkung zwischen Literatur und der menschlichen Psychognomie, wobei die These aufgestellt wird, dass Literatur nicht nur menschliches Erleben widerspiegelt (Symptom), sondern aktiv Identitäten und Sichtweisen auf die Realität prägt (Ursache).
Welche zentralen Themenfelder werden abgedeckt?
Die Arbeit verknüpft Literaturtheorie, Philosophie des 20. Jahrhunderts und Psychoanalyse, um die Rolle narrativer Strukturen für den Menschen als "geschichtenerzählendes Tier" zu ergründen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, die Möglichkeit einer Untersuchung zu prüfen, ob ein reziproker Zusammenhang zwischen Literatur und Mensch besteht und inwiefern dieser den "szientistischen Objektivismus" herausfordert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine interdisziplinäre hermeneutische Untersuchung, die insbesondere das Mimesis-Modell von Paul Ricœur nutzt, um Produktion und Rezeption von Literatur theoretisch zu erschließen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Entstehung von Identität durch Narration, die Bedeutung des "Probehandelns" in der Literatur und hinterfragt kritisch, ob kollektive Identifikationsprozesse mit literarischen Figuren paranoide oder schizophrene Züge tragen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den Kernbegriffen gehören Homo narrans, Kollektivpsychose, narrative Identität, Mimesis und das Konzept der Literatur als Probelaboratorium.
Was meint der Autor mit dem Begriff "Supertopos"?
Ein Supertopos ist ein redundantes, zeitloses Motiv oder eine Erzählstruktur, die sich über alle kulturellen und historischen Unterschiede hinweg etabliert hat und als existenzielles Zeugnis des Menschen gewertet wird.
Warum wird Literatur im Kontext von Psychosen betrachtet?
Der Autor nutzt den Begriff "Kollektivpsychose" provokant, um aufzuzeigen, wie Literatur unsere Wahrnehmung der Welt strukturiert und filtert – ähnlich wie psychische Störungen die Realitätswahrnehmung beeinflussen, jedoch mit der Besonderheit, dass diese "literarischen Psychosen" gesellschaftlich als Erkenntnis oder Kunst anerkannt sind.
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- Bruno Gransche (Author), 2007, Der Homo Narrans, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/82032