Stanley Kubricks Lolita (1962)

How did they ever make a movie of Lolita?


Hausarbeit, 2005

24 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Filminhalt

3. Entstehung

4. Adaption: Vom Roman zum Film
4.1 Zensur
4.2 Die Problematik der Verfilmbarkeit: Analytischer Vergleich der literarischen Vorlage und der filmischen Umsetzung

5. Einordnung der Charaktere unter dem Aspekt des Kinos von Stanley Kubrick
5.1 Humbert Humbert (James Mason)
5.2 Clare Quilty (Peter Sellers)
5.3 Lolita Haze (Sue Lyon)
5.4 Charlotte Haze (Shelley Winters)
5.5 Zusammenfassung

6. Der Nymphenmythos
6.1 Definitionen nach Nabokov und Kubrick
6.2 Psychoanalyse
6.3 Sue Lyon - Schicksal einer Hollywood-Lolita

7. Fazit

8. Quellenverzeichnis

9. Anhang
9.1 Stab und Darsteller
9.2 Bildmaterial
9.3 Stanley Kubrick - Filmographie

1. Einleitung

Als Freunde und ich dieses Jahr das Programm der Berlinale in den Handen hatten, nahmen wir uns fest vor, auch einen Film in der Retrospektive zu sehen. Zwei Freunde kauften Karten und entschieden sich eher zufallig und spontan fur Lolita von Stanley Kubrick. Ich wusste, dass im Martin-Gropius-Bau gerade eine Ausstel- lung uber ihn zu sehen war, die ich noch besuchen wollte. Aufierdem hatte ich vor einigen Jahren den Film Lolita von Adriane Lyne gesehen, von dem ich weniger be- geistert war. Ich war also ziemlich gespannt auf das Original und meinen ersten Film von Stanley Kubrick.

Wahrend des Films konnte man uber ironische Doppeldeutigkeiten und Verhal- tensweisen lachen. Wenn ich aber genauer uber das Gezeigte bzw. Nichtgezeigte nachdachte, der Liebe ernes alten Mannes zu einem jungen Madchen, wurde ich wieder ernst. Die Offenheit mit dem Thema hatte mich bei der Verfilmung von Lyne damals etwas schockiert. Im Nachhinein las ich die Kritiken, die vor der Vorstellung verteilt wurden. Dabei wurde bei mir das Interesse geweckt, mich in einer Hausar- beit genauer mit dem Film, seiner literarischen Vorlage von Nabokov sowie den Umstanden und Schwierigkeiten der Verfilmung auseinander zu setzen.

„How did they ever make a movie of Lolita?" Mit dieser Frage wurde 1962 auf den Filmplakaten geworben und ihr mochte ich in meiner Hausarbeit nachgehen. Als Einleitung sollen ein zusammenfassender Abriss der Filmhandlung und ein Uber- blick zur Entstehung dienen. Um vor allem die kritischen Stimmen zum Film nach- vollziehen zu konnen, verlangt es nach einem Vergleich mit der literarischen Vorla­ge. Kubrick hatte aufierdem mit Schwierigkeiten der Zensur zu kampfen. Eine Ana­lyse der filmischen Charaktere in Bezug auf das Werk von Stanley Kubrick, soll die Problematik des Films tiefer herausarbeiten. Am Ende gehe ich kurz auf den My- thos der Nymphen, die als psychologisches Phanomen zentrales Thema des Films sind.

2. Filminhalt

Ein Mann betritt ein verwahrlostes Landhaus und konfrontiert den betrunkenen Bewohner Clare Quilty (Peter Sellers) mit Vorwurfen uber sein Verhalten gegenuber einer gewissen Dolores Haze, Lolita. Nach einigen aussichtslosen Versuchen den mittlerweile bewaffneten Mann von einer Tat abzuhalten, wird Quilty erschossen. Ruckblende - vier Jahre vorher: Der Mann, Humbert Humbert (James Mason), kommt aus Europa nach Amerika, um am Beardsley College zu unterrichten. Er ist Literat und Literaturwissenschaftler. Da seine Tatigkeit erst im Herbst beginnt, mochte er den Sommer zunachst in Ramsdale verbringen. Dort mietet er sich im Haus der Familie Haze ein Zimmer. Der uberzeugende Ausloser hierfur, ist die fruhreife Tochter des Hauses, Lolita (Sue Lyon), von der Humbert von Beginn an heimlich verzaubert ist. Die Witwe Charlotte (Shelley Winters) bemuht sich, die Aufmerksamkeit des charmanten Europaers auf sich zu ziehen und hofft auf mehr als nur einen Sommergast. Auf einer Party, die sie zusammen mit Humbert besucht, treffen sie auf ihren ehemaligen Bekannten Clare Quilty, einem Drehbuchautor. Nachdem Charlotte einige vergebliche Versuche unternimmt, Humbert naher zu kommen und ihre Tochter storend und rebellisch in entsprechenden Situationen auftaucht, schickt sie Lolita in ein Sommercamp. In einem Brief gesteht sie Humbert schliefilich ihre Liebe und macht ihm einen Heiratsantrag. Gleichgultig und nur auf sein Vorteil bedacht, auf Dauer in der Nahe von Lolita zu sein, nimmt er diesen an. Bei einer heimlichen Lekture seines Tagebuchs, erkennt Charlotte die wahren Be- weggrunde fur Humberts Bleiben. Vollig aufgelost und wutend, rennt sie hinaus in den Regen und wird auf der Strafie von einem Auto uberfahren.

Der „trauernde Witwer" Humbert bricht in Ramsdale alle Zelte ab und holt seine Stieftochter Lolita aus dem Camp. Er erzahlt ihr zunachst nur von einer Krankheit ihrer Mutter. Die Nacht verbringen sie in einem Hotel, in dem wegen eines Polizei- kongresses nur ein Zimmer frei ist. Hier trifft Humbert auf einen Polizisten (Quilty in Verkleidung), der zweideutige Bemerkungen uber ihn und seine junge Beglei- tung macht. Um den Schein zu wahren, bestellt Humbert ein Klappbett, lasst sich aber am nachsten Morgen von Lolita verfuhren und gesteht ihr schliefilich den Tod ihrer Mutter.

Das Paar lasst sich in Beardsley nieder. Lolita geht zur Schule. Humbert arbeitet an der Universitat. Eifersuchtig verweigert er Lolita die Teilnahme an einem Theater- projekt in der Schule. Daraufhin besucht ihn der angebliche Schulpsychologe Dr. Zempf (alias Quilty), um Humbert uber die Geruchte, die um die wahre Beziehung zwischen ihm und seiner Tochter kursieren, zu informieren.

Humbert und Lolita gehen erneut auf Reisen durch Amerika und werden bald von einem mysteriosen Wagen verfolgt. Lolita wird krank und muss in ein Kranken- haus. Humbert erhalt im Hotel einen Anruf, in dem ein Unbekannter (alias Quilty) eine polizeiliche Untersuchung zu seinem Sexleben und sein Verhaltnis zu Lolita ankundigt. Als Humbert daraufhin ins Krankenhaus eilt, wurde Lolita bereits von ihrem „Onkel" abgeholt. Vollig aufier sich, entkommt der randalierende Humbert nur knapp der Einweisung in eine psychiatrische Abteilung.

Zwei Jahre vergehen, als er einen Brief von Lolita erhalt. Sie erwartet ein Kind und mochte mit ihrem Ehemann nach Alaska auswandern. Sie bittet Humbert um Geld, der sie daraufhin besucht. Lolita gesteht ihm, dass Clare Quilty der einzige war, den sie je geliebt hat. Dieser habe die beiden die ganze Zeit uberwacht. Sie lehnt Hum­berts flehendes Angebot ab, fur immer mit ihm zu gehen. Nachdem er ihr das Geld gegeben hat, fahrt er zu Quilty und erschiefit ihn.

Epilog: Humbert Humbert starb im Gefangnis an Koronarthrombose, wahrend er semen Mordprozess erwartete.[1]

3. Entstehung

Der russische Schriftsteller Vladimir Nabokov veroffentlichte 1955 in Frankreich den Roman Lolita. Nachdem einige amerikanische Verlage 1954 den Druck seines Werkes ablehnten und die Geschichte von Humbert Humbert und seiner Liebe zu einem jungen Madchen nicht herausgeben wollten, konnte er schliefilich den Pariser Verlag Olympia Press uberzeugen. Das Buch wurde von Beginn an kontrovers disku- tiert. Bevor es 1958 in den USA und ein Jahr spater in England veroffentlicht wurde, war es in Frankreich fur zwei Jahre verboten.

Stanley Kubrick und James B. Harris erwarben 1959 die Filmrechte fur 150.000 $. Wahrend Columbia Pictures, United Arts und Warner Brother ihre Filmidee ablehn­ten, konnten sie Seven Arts und MGM (Metro-Goldwyn-Mayer) uberzeugen. Der ers- te Drehbuchentwurf, den Nabokov auf Bitten von Kubrick anfertigte, umfasste vierhundert Seiten. Er wurde um die Halfte gekurzt und kurz vor Beginn der Dreh- arbeiten in den Associated British Studios (Elstree, England) im Herbst 1960 von Kub­rick erneut uberarbeitet. Zu einer Zeit, in welcher der Motion Picture Production Code und die Legion of Decency Filme nach einer strengen Zensurregelung beurteilten, wurde der Film uber ein halbes Jahr vor einer Veroffentlichung zuruckgehalten. Diese Problematik werde ich in Punkt vier genauer beleuchten. Die Weltpremiere fand am 13.Juni 1962 im Loews State Theatre in New York statt.

1974 veroffentlichte Nabokov seine erste Drehbuchfassung unter dem Titel Lolita: A Screenplay.

Der Regisseur von Filmen wie Flashdance und 9 V Wochen Adrian Lyne verfilmte 1997 den Roman von Nabokov erneut. (Diese Umsetzung ich jedoch Teil meiner Hausarbeit.)

4. Adaption: Vom Roman zum Film

Nabokovs Lolita zahlt zu den erfolgreichsten Romanen des 20.Jahrhunderts und brachte dem Schriftsteller Ruhm und Anerkennung. Die erotische Beziehung zwi- schen dem reifen Mann Humbert und der zwolfjahrigen Lolita schockierte. Die lite- rarische Sprache hingegen uberzeugte. Auch Stanley Kubricks Film erhitzte die Gemuter der Kritiker. Hier war es weniger die anzugliche Handlung, die haupt- sachlich in den Kritikmittelpunkt ruckte, sondern vielmehr die Frage, ob die filmi- sche Umsetzung der literarischen Vorlage gerecht werde.

4.1 Zensur

Um die Verzogerung des Vertriebs nach der Fertigstellung von Lolita und die Kri- tikstimmen, welche die Veroffentlichung des Films mit sich brachte, nachvollziehen zu konnen, mussen die Reglementierungen, zum einen durch den Motion Picture Production Code und zum anderen durch die Legion of Decency, genauer betrachtet werden.

Der Production Code, der 1934 verabschiedet wurde, uberwachte mit vielen ein- schrankenden Richtlinien bis in die spaten sechziger Jahre filmische Inhalte. Diese sprachlichen und visuellen Einschrankungen bezogen sich vor allem auf Gewalt- und Liebesszenen. Kriminelle Handlungen durften nicht in der Art und Weise dar- gestellt werden, dass die Zuschauer fur den Kriminellen Verstandnis aufbringen oder mit ihm sympathisieren. Es war damals undenkbar, brutale Gewalt bis ins kleinste Detail zu zeigen, wie so oft heutzutage. Nacktheit, anregende bzw. zwei- deutige Bewegungen waren verboten, Geburten und Geschlechtskrankheiten waren ebenfalls ein Tabu. Als bekannt wurde, dass Kubrick eine Verfilmung von Nabo­kovs umstrittenen Roman plant, entbrannten einige Proteste. MGM verlegte den Drehort nach England, wo es aufierdem noch uber Kapital verfugte, das nach engli- schen Gesetzen im Land selbst ausgegeben werden musste. Kubrick und Harris schufen verschiedene Methoden, um eine Zensierung zu vermeiden[2]. Sie verwarfen aber u. a. die Idee, Lolita und Humbert in einem amerikanischen Bundesstaat wie Kentucky oder Tennessee zu verheiraten, in der die Ehe mit Minderjahrigen gesetz- lich erlaubt war.

Auch die katholische Kirche hatte Einfluss auf die Veroffentlichung von Filmen und rief 1934 die Legion of Decency ins Leben, um „unmoralische" Filme zu bekampfen. 1975 stellte sie ihre Arbeit ein. Es gelang ihr zwar nie, in die Produktion von Filmen hineinzuwirken, sie konnte 1962 jedoch die Veroffentlichung von Lolita ein halbes Jahr hinauszogern: „Wenn sie (die Legion of Decency) deinen Film ablehnte, bekamen alle katholischen Kirchen in den USA die Nachricht: Es ist Sunde, Lolita zu sehen."[3] Kubrick musste Lolita neu schneiden und aufierte sich in einem Interview der Zeit- schrift Newsweek: „Wenn ich gewusst hatte, wie stark die Zensur war, hatte ich den Film nicht gemacht."[4] 4.2 Die Problematik der Verfilmbarkeit: Analytischer Vergleich der literarischen Vorlage und der filmischen Umsetzung

Im Vergleich mit der literarischen Vorlage wird Stanley Kubricks filmische Umset­zung in einem entscheidenden Punkt immer wieder angegriffen: die fehlende Ero- tik. Nachdem Nabokovs Roman skandalos bei Offentlichkeit und Kritikern aufge- nommen wurde, wusste er nicht, wie er Humberts Leidenschaft mit den strengen Zensurrichtlinien konform bringen konnte. „Wenn Lolita ein Misserfolg ist, dann liegt das nur an der Abwesenheit des Erotischen. [...] Ich hielt Lolita fur machbar."[5] Im Film konzentriert er sich auf die komische Seite der Geschichte. Kubrick betrach- tet Humberts Obsession innerhalb der gesellschaftlichen Zwange ironisch, auch er hatte mit ihnen zu kampfen. Diese Ironie aufiert sich vor allem in der doppeldeuti- gen Sprache und der schauspielerischen Umsetzung der einzelnen Rollen, auf die ich im funften Punkt der Hausarbeit genauer eingehen werde.

Die doppeldeutige Sprache findet sich z. B. in der Unterhaltung zwischen Jean Far- low, der Nachbarin der Familie Haze und Humbert auf einer Party. Sie gibt ihm nachdrucklich zu verstehen, dass sie und ihr Mann wirklich in allem sehr offen und grofizugig sind, was auch als sexuelle Andeutung zu verstehen ist. Ihr Mann, John Farlow, fordert Charlotte zum Tanz aus und sagt, man konne sozusagen die Damen wechseln[6]. Auch die verschiedenen Rollen, hinter denen sich Clare Quilty versteckt, konnen zweideutig verstanden werden. Sicherlich hat Kubrick das Sommercamp, in dem Lolita ihre Unschuld verliert, nicht ohne Hintergedanken „Camp Climax" ge- nannt.

Der einzig eindeutige erotische Moment, der im Verlauf des Films erneut aufgegrif- fen wird, ist der Vorspann. Hier sieht man, wie ein zerbrechlicher Kinderfufi von einer mannlichen Hand gehalten wird und sorgfaltig die Fufinagel lackiert werden.

[...]


[1] Vgl. Kirchmann, Kay: Stanley Kubrick - Das Schweigen der Bilder. S.287/288

[2] Vgl. 4.2 Die Problematik der Verfilmbarkeit

[3] Zitat James B. Harris - Harlan, Jan [Regie Prod]: Stanley Kubrick - A Life In Pictures.

[4] Zitat Stanley Kubrick - Harlan, Jan [Regie Prod]: Stanley Kubrick - A Life In Pictures.

[5] Zitat Stanley Kubrick - Hummel, Christoph: Stanley Kubrick. S.78

[6] Vgl. Kubrick, Stanley [Regie]: Lolita.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Stanley Kubricks Lolita (1962)
Untertitel
How did they ever make a movie of Lolita?
Hochschule
Universität der Künste Berlin
Note
1,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
24
Katalognummer
V82100
ISBN (eBook)
9783638885683
ISBN (Buch)
9783640204274
Dateigröße
830 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Stanley, Kubricks, Lolita
Arbeit zitieren
Jenny Wünning (Autor:in), 2005, Stanley Kubricks Lolita (1962), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/82100

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