Die Stellung der Frau im Islam am Beispiel der Vereinigten Arabischen Emirate


Magisterarbeit, 2007
110 Seiten, Note: 1,65

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

A Einleitung | Die Stellung der Frau im Islam am Beispiel der Vereinigten Arabischen Emirate
Exkurs: Islamwissenschaft

B Analyse zur Stellung der Frau im Islam am Beispiel der Vereinigten Arabischen Emirate
1 Der Islam | Einleitung
2 Begriffsbestimmung und Grundzüge
3 Entstehungsgeschichte des Islam
3.1 Vorislamische Zeit
3.2 Die religiöse Situation
3.3 Muhammad – der Stifter des Islam
4 Quellen des Islam
4.1 Koran
4.2 Das islamische Recht – Scharia
5 Stellung der Frau im Islam
5.1 Religiöse Stellung
5.2 Rechtliche Stellung
5.3 Politische Stellung
6 Zusammenfassung
II. Die Vereinigten Arabischen Emirate
1 Vereinigte Arabische Emirate | Einleitung
2 Geschichte der VAE
2.1 Familien- und Stammesstrukturen – Wegbereiter des politischen Systems
3 Staatswerdung und politische Struktur
3.1 Aktuelle politische Entwicklung
3.2 Wohlfahrtsstaat, Erdöl, Wirtschaft
4 Einfluss des Islam
5 Zusammenfassung
III. Der Status der Frau in den Vereinigten Arabischen Emiraten
1 Frauen in den Vereinigten Arabischen Emiraten | Einleitung
2 Gesellschaftliche Stellung der Frauen in den VAE
2.1 Bildungs- und Berufschancen
2.2 Gender und Familie
2.3 Zusammenfassung zur gesellschaftlichen Stellung der Frau
3 Politische Partizipation und Einflussmöglichkeiten
3.1 Die Rolle der Ministerien
3.2 Die Rolle von Organisationen
3.3 Internationale Abkommen und ihre Bedeutung für die Frauen der VAE
4 Zusammenfassung zur Stellung der Frau in den Vereinigten Arabischen Emiraten
Exkurs: Islamischer Feminismus – feministischer Islam?

C Zusammenfassung und Schlussfolgerungen

Anhang

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Vorwort

Die Stellung der Frau im Islam – welches Bild assoziieren wir, also die Mitglieder der westlichen Zivilisation, damit? Die häufigsten Einschätzungen werden nicht allzu positiv ausfallen, wenn die Stellung der Frau im Islam nicht gar als Affront gegen die Menschenrechte angesehen wird. In jüngster Zeit mehren sich die Bilder über ›den Islam‹ und ›die islamische Welt‹: Terroranschläge, Krieg, Geiselentführungen, die Jagd nach Bin Laden oder empörte Muslime, die gegen westliche ›Verunglimpfung‹ des Propheten fäusteballend und flaggenverbrennend durch die Straßen ziehen. Die verstärkte Medienberichterstattung seit 9/11, der Irak-Krieg und die (gefühlt) erhöhte Terrorismusgefahr bringen die Bilder dieser fremden Welt, die von Rückständigkeit, Fanatismus, Armut und der Unterdrückung der Frau geprägt zu sein scheint, direkt in die Wohnzimmer. Dabei wird oft verkannt, dass die Präsentation durch die Medien immer nur ein kleiner Ausschnitt der Realität sein kann und komplexe Zusammenhänge oftmals nicht in das Sendeformat passen.

Die vorliegende Arbeit resultiert aus einer Begegnung der Verfasserin mit der für sie bis dahin fremden Welt des Islam. Sie will weder Stellung beziehen noch Partei ergreifen, sondern eine deskriptive Annäherung an das kontroverse Thema wagen.

Falls nicht anders angegeben, werden die Koranverse in der Übersetzung von Rudi Paret verwendet, dessen Verszählung sich an der offiziellen ägyptischen Koran­ausgabe orientiert. Die Umschrift der arabischen Begriffe folgt dem Standardwerk »Der Islam in der Gegenwart« von Werner Ende und Udo Steinbach (Hrsg.). Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wurde das generische Maskulinum verwendet. Eine ausführliche Beschäftigung mit Internetquellen war notwendig, da aktuelle englisch- oder deutschsprachige Literatur oftmals nicht existierte. Dabei wurde nur auf Webseiten zurückgegriffen, die den Urheber eindeutig angaben und nicht von Privatpersonen stammten.

A Einleitung | Die Stellung der Frau im Islam am Beispiel der Vereinigten Arabischen Emirate

»Schuld sind die Männer – nicht der Koran«

Dieser Buchtitel von Marc-Edouard Enay, soll zur Hauptthese der vorliegenden Arbeit werden. So provokant sie auch scheinen mag, umso interessanter wird es sein sie zu überprüfen. Aus der Hauptthese lassen sich weiterführende Fragen ableiten, die von hoher Relevanz sind. Doch zunächst einige einführende Worte zum gewählten Thema: Die Stellung der Frau im Islam am Beispiel der Vereinigten Arabischen Emirate.

Die Beschränkung auf ein Land erfolgt in der Überzeugung, dass es den Islam und die islamische Welt so nicht geben kann. Schon ein kleiner Blick über Europa hinaus zeigt Unterschiede in der Auslegung des Islam: Betrachtet man die Türkei wird man auch als Laie gravierende Unterschiede zu z. B.: Saudi-Arabien feststellen können. Die Unterschiede zwischen den einzelnen Staaten lassen die Vermutung entstehen, dass der Islam unterschiedlich interpretiert und ausgelegt werden kann. Durch die Konzentration auf ein Land soll Verallgemeinerungen entgegengewirkt werden.

Die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) auf der Arabischen Halbinsel zählen zu den reichsten Ländern der Welt. Dieses Land, das durch den Ölreichtum in wenigen Jahrzehnten vom Nomadentum ins Jetzt katapultiert wurde, vollführt einen Balanceakt zwischen der jahrhundertealten nomadischen Tradition, den Anforderungen der Modernisierung und den Wertevorstellungen des Islam. Die Länder der Arabischen Halbinsel haben viele Gemeinsamkeiten jedoch überwiegen die Unterschiede: Im Vergleich zu Saudi-Arabien sind die VAE pragmatischer in der Auslegung des Islam, nicht zuletzt durch die lange Präsenz der Europäer und der bedeutenden Handelsrouten. Im Gegensatz zu Oman, Katar und Kuwait verfügen die VAE über die größeren Ölvorkommen, was sich wiederum in einer gänzlich anderen Arbeitsrealität für die Bevölkerung auswirkt. Schließlich stellen die Emiratis eine Minderheit im eigenen Land: 80 % der Bevölkerung sind Gastarbeiter. Die Auswahl der VAE für die Überprüfung der Stellung der Frau im Islam hat darüber hinaus einen persönlichen Hintergrund: Die Verfasserin hatte die Möglichkeit im Jahr 2004 und 2005 jeweils für zwei Monate an einer Mädchenschule in Abu Dhabi, der Hauptstadt der VAE, Workshops zu leiten. Diese waren als berufsvorbereitende Maßnahme in Kooperation von der GTZ-Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit GmbH und der Abu Dhabi Educational Zone (AEDZ) veranstaltet worden und boten Jugendlichen im Alter von 12 bis 18 Jahren die Möglichkeit praktische Erfahrungen zu sammeln. Dadurch bot sich der Verfasserin die Chance, als europäische Frau, Einsicht in die Lebenswelt der einhei­mischen Frauen, bzw. Mädchen zu erhalten. Das ist besonders nennenswert, da Frauen in der emiratischen Öffentlichkeit nicht nur tief verschleiert auftreten, sondern auch auf Grund der enormen Hitze kaum außerhalb der Gebäude zu sehen sind. Die Mädchenschule bot hingegen den geeigneten Rahmen mit jungen emiratischen Einwohnerinnen ins Gespräch zu kommen und ihre Mentalität und Lebensweise ein Stückweit kennen zu lernen. Diese Erfahrung führte zu einer zunehmenden Diskrepanz zwischen den Bildern, die der Autorin bereits durch die Medienberichterstattung bekannt waren und nicht mehr recht auf die erlebten Umstände in den Vereinigten Arabischen Emiraten passen wollten. Die Idee, mehr von dieser ›fremden‹ Welt zu erfahren und ihren Wurzeln nachzugehen, gipfelt in der vorliegenden Arbeit.

Die Hauptthese der Arbeit aufgreifend: »Schuld sind die Männer – nicht der Koran«, sollen nun die Leitlinien dargestellt werden:

Im Teil I erfolgt die Darstellung der Grundlagen des Islam und seiner frauenspezifischen Bestimmungen. Dabei gilt es die Stellung der Frau im Islam herauszuarbeiten wobei Vollständigkeit weder erlangt noch erwünscht sein kann – die Komplexität des Themas würde den Rahmen dieser Arbeit bei weitem sprengen. So folgt nach der Übersicht der Entstehungsgeschichte und der Grundlagen des Islam die Darstellung der Frau in religiöser, rechtlicher und politischer Hinsicht. Der Verfasserin ist durchaus bewusst, dass mangelnde Arabischkenntnisse und die dadurch notwendige Konzentration auf deutsch- und englisch­sprachige Literatur zum Teil eine Ausblendung der muslimischen Wissenschaftler nach sich zieht.

Nachdem die theoretische Stellung der Frau im Islam dargelegt wurde, erfolgt im Teil II der Arbeit eine Darstellung der Vereinigten Arabischen Emirate mit besonderem Schwerpunkt auf der Staatswerdung und der politischen Struktur. Welchen Einfluss spielen die Traditionen und der Islam auf dieses Staatswesen neben Wirtschaftswachstum und Ölboom? Alle Faktoren zusammen genommen können einen Einblick in die Lebenswelt der emiratischen Frauen ergeben.

Erst nachdem die Grundlagen des Islam und des politischen Systems der VAE dargelegt wurden, beschäftigt sich Teil III mit dem Status der Frau dieses Landes. Dabei wird die gesellschaftliche sowie die politische Partizipation den Hauptteil bilden wobei die vorher gewonnenen theoretischen Grundlagen einer Überprüfung an der praktischen Umsetzung standhalten müssen. Schließlich könnte eine Antwort auf die Frage gefunden werden: Sind die Männer schuld oder ist es der Koran?

Exkurs: Islamwissenschaft

Das Thema der vorliegenden Arbeit ist dem Bereich der Islamwissenschaft zuzuordnen. Jenem ›kleinen‹ Fach, das laut der Bestandsaufnahme vom Deutschen Orient Institut von 1999 als die »Gesamtheit der Disziplinen verstanden [wird], die sich mit der kulturellen und sozialwissenschaftlichen Forschung über die muslimische Welt einschließlich regional ausgerichteter Forschung innerhalb der ›großen‹ Fächer [...]«[1] beschäftigt. Dabei wird die Islamwissenschaft laut Marco Schöller von einer »Methodendebatte«[2] beherrscht, die ein Nebeneinander von textbezogener-philologischer und sozialwissenschaftlicher Forschung hervorbrachte. Nach wie vor bildet die philologisch-historische Ausrichtung an den Universitäten den Schwerpunkt. Die sozialwissenschaftliche Forschung überwiegt hingegen in den außeruniversitären Einrichtungen. Vom Deutschen Orient Institut werden besonders die Chancen dieser spannungsreichen Konkurrenz der Methoden hervorgehoben. Es wird jedoch zunehmend deutlich, dass fächerübergreifende Forschungs­schwerpukte in der Realität an der Tagesordnung sind.[3]

Laut der vom Deutschen Orient-Institut (Hamburg) und dem Goethe-Institut e.V. betriebenen Internetseite »Islam Research Directory« stellt die historische Quellenforschung an deutschen Universitäten im klassischen Sinne eine zusehends schwindende Größe dar. Stattdessen beschäftigt sich ein Großteil der Fachvertreter mit der Religions-, Kultur- und Sozialgeschichte.[4]

Zum Thema Frauen und Islam trifft Ayla Neusel und Mechtild M. Jansen im Vorwort ihres Sammelbandes »Feminismus, Islam, Nation« eine treffende Aussage:

»Dem zunehmenden Interesse an der Entwicklung der islamischen Länder und insbesondere an der Situation von Frauen in diesen Ländern entspricht eine Flut von Publikationen zu diesem Thema. Eine wissenschaftliche Auseinandersetzung findet zwar durchaus statt, die bleibt jedoch angesichts der grellen Töne in der politischen Diskussion weitgehend ungehört..«[5]

Die vorliegende Arbeit resultiert vor allem aus der Text- und Quellenanalyse der Primär- und Sekundärliteratur wobei das Fehlen von Arabischkenntnissen zu einer einseitigen Verzerrung zu Gunsten eurozentrischer Literatur führt. Dieser Umstand erfährt allerdings infolge der bereits genannten persönlichen Erfahrung in den Vereinten Arabischen Emiraten eine gewisse Abmilderung. Die Möglichkeit einer empirischen Überprüfung der Lebensweisen der emiratischen Frauen wurde frühzeitig beigelegt. Die Gründe dafür liegen sowohl im strukturellen als auch im persönlichen Bereich. Zum einen ist ein nicht zu unterschätzender Zeitaufwand für das Herstellen von Kontakten mit einheimischen Mädchen/Frauen einzuplanen, denn die Uhren auf der Arabischen Halbinsel ticken bekanntermaßen anders. Zum anderen kann ein solcher Kontakt hauptsächlich über Universitäten oder andere Bildungseinrichtungen vor Ort und im weitesten Sinne über die Abu Dhabi Educational Zone, einer Unterabteilung des Ministry of Education hergestellt werden. Durch die Ausübung einer Tätigkeit im Bereich des Bildungswesen der VAE wird die Autorin bereits als Arbeitnehmerin der Abu Dhabi Educational Zone geführt und möchte durch ›kritische‹ Anfragen eine mögliche weitere Zusammenarbeit nicht gefährden. Da sich Mädchen und Frauen nach wie vor unter besonderer Beobachtung in der emiratischen Öffentlichkeit bewegen, können Anfragen durchaus skeptisch bewertet werden. Das Thema Frauen im Islam ist heikel und die Autorin wurde während ihres Aufenthaltes wiederholt darauf hingewiesen. Deswegen ist der Verzicht auf eine Kontaktaufnahme mit einheimischen Mädchen und Frauen in den Emiraten eine persönliche Entscheidung.

B Analyse zur Stellung der Frau im Islam am Beispiel der Vereinigten Arabischen Emirate

I.

Grundlagen des Islam und

frauenspezifische Bestimmungen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.1: Moschee in den Vereinigten Arabischen Emiraten[6]

1 Der Islam | Einleitung

Der Islam ist eine der drei großen monotheistischen Religionen, zu der sich heute ca. 1,2 Milli­arden Menschen weltweit bekennen – das ist in etwa ein Fünftel der Menschheit. Die Mehrheit der Muslime lebt heute in 46 Staaten, die sich, was immer das auch heißt, als ›islamisch‹ be­zeichnen. Der Islam hat sich über die Arabische Halbinsel hinaus über ganz Vorder- und Zentralasien, den Indischen Subkontinent und Südostasien bis zu den Philippinen ausge­breitet. Die Ostküste Afrikas und der ganze Norden des Kontinents nördlich und süd­lich der Sahara sind ebenfalls ›islamisch‹. Durch Auswanderer und Arbeitsmigranten hat sich eine is­lamische Diaspora in der ganzen Welt gebildet, insbesondere in Westeuropa und Nord­amerika.[7]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Ausbreitung des Islam im 20. Jahrhundert[8]

Das Ziel des ersten Abschnitts der vorliegenden Arbeit ist eine Übersicht ›des Islam‹ in seiner theoretischen Form, ohne die praktische Umsetzung in der islamischen Welt zu be­achten – die unterschiedlichen Auslegungen des Islam würden an sich eine eigene Untersuchung erfordern und werden deshalb ausgeklammert. Nach einer Begriffsbestimmung und einer kurzen Skizze der Entstehungsgeschichte, die eine Darstellung der vorislamischen Zeit enthält, folgt eine Beschreibung von Muhammad als Religionsstifter. Seine Rolle ist für den Islam von zentraler Bedeutung, da nicht nur die im Koran niedergeschriebenen Offenbarungen, sondern gleichermaßen die Überlieferungen von Muhammads Taten und Aussprüchen, als zur Nachahmung empfohlene Praxis, handlungsweisend sind. Schwerpunkt des ersten Abschnitts ist die Untersuchung zur Stellung der Frau im Islam: Ihrer religiösen, rechtlichen und politischen Rechte und Pflichten.

2 Begriffsbestimmung und Grundzüge

Die Wörter Islam und Muslim leiten sich von dem arabischen Verb aslama = über­geben, sich ergeben, sich hingeben ab. In der arabischen Sprache ist das Wort Islam ein Verbalsub­stantiv und bedeutet die Hingabe an Gott. Muslim ist das Partizip dazu, also der sich ergebende.[9] Im Deutschen hat sich die ursprüngliche arabische Form Muslim (Plural Mus­lime; Feminin Muslimin/Musliminnen) eingebürgert und hat die persische Aussprache Moslem verdrängt. Die Bezeichnung Mohammedaner lehnen Muslime ab, denn sie beten zu Gott und nicht zu Muhammad. Was die Muslime verbindet ist der Glaube an einen Gott und dessen Offenbarungen an den Propheten Muhammad, die im Koran (Qur'ân) niedergeschrieben sind. Eine passende Definition von Heinz Halm lautet: »Muslim ist, wer den Koran als Offenbarung des einen, einzigen Gottes anerkennt.«[10] Dies entspricht auch dem Glaubensbekenntnis der Muslime und dem zentralen Glaubensartikel des Islam, der schahada: »Ich bezeuge, daß es keine Gottheit außer Gott gibt und daß Muhammad der Gesandte Gottes ist.«[11]

Das Glaubensbekenntnis ist zugleich eine der fünf Säulen (arkan), wie die religiösen Grundpflichten im Islam genannt werden. Sie bilden das Kernstück des koranischen Gesetzes und sind Hauptstützen des Islam.

Arabisch lautet der erste Teil des Glaubensbekenntnisses la ilaha illa Allah. Allah ist die Kontraktion von al-ilah (›der Gott‹), während ilah irgendeinen Gott oder eine Gottheit meint. Allah ist also kein Eigenname wie zum Beispiel Zeus oder Shiva, sondern ein Appellativ wie Deus/Dieu. Somit ist die korrekte Übersetzung: Gott. Diese zweiteilige Formel, mit der sich der Muslim zum absoluten Monotheismus bekennt, wird unzählige Male im Koran wiederholt und ist der Kern der Religion des Islam.[12] Der Monotheismus wird vor allem in der Sure 112 festgeschrieben:

Der Glaube ohne Vorbehalt

Im Namen des barmherzigen und gnädigen Gottes. Sag: Er ist Gott, ein Einziger, Gott durch und durch. Er hat weder gezeugt, noch ist er gezeugt worden. Und ihm ist keiner ebenbürtig. Sure 112

Salat ist die zweite Säule des Islam und bedeutet Gebet oder Anbetung. Dabei handelt es sich nicht um einen gesprochenen oder gedachten Text, sondern um eine bestimmte Abfolge von Körperhaltungen: Stehen, Beugen, Knien und dabei den Boden zweimal mit der Stirn berühren. Das Gebet schließt mit einer Kopfwendung nach rechts und links ab. Im Koran ist die Gebetsrichtung vorgeschrieben: Der Gläubige soll sich nach der Kaaba orientieren, die sich in Mekka im heutigen Saudi-Arabien befindet. Sie besteht aus einem würfelartigen Stein, in dessen Außen­wand zwei Meteoritenstücke eingemauert sind. Vor dem Gebet hat der Betende die rituelle Waschung zu vollziehen. Es ist jedoch nicht festgehalten, wie oft das Gebet zu halten ist. Die übliche Zahl von fünf Gebeten am Tag geht auf die Praxis des Propheten zurück. Sie werden zu verschiedenen Tageszeiten durchgeführt und sind nach diesen benannt: Im Morgengrauen fadschr, am Mittag zuhr, am Nachmittag asr, beim Sonnenuntergang maghrib und Abend ischa. Grundsätzlich kann ein Muslim seiner Pflicht zum Gebet überall nachkommen, solange er darauf achtet, dass der Boden, z. B.: durch Benutzung eines kleinen Teppichs, an der vorgesehenen Stelle nicht verunreinigt ist. Wenn mehrere Muslime an einem Ort leben, dann sollen sie zusammen beten und sich in der Moschee versammeln, dabei gilt der Hof von

Muhammads Haus als das Urbild der Moschee. Die Moschee ist kein besonders geweihter Ort und kann zwischen den Gebeten für Ruhepausen und Mittagsschlaf, als Treffpunkt und Unterrichtsraum genutzt werden. Durch die Stirnwand wird die Richtung zur Kaaba angegeben und in ihrer Mitte erinnert eine leere Nische an die Gegenwart des Propheten. Rechts davon steht die Kanzel (minbar) von der freitags die Predigt gehalten wird. Dabei ist der Freitag als Tag der Predigt in deutlicher Abgrenzung zu den wöchentlichen Feiertagen der Juden und Christen gewählt worden.

Fünfmal am Tag ruft der Muezzin (Rufer) vom Minarett der Moschee zum Gebet. Wie bei den christlichen Kirchtürmen liegt seine Bedeutung weniger in der praktischen Verwendbarkeit, sondern ist vielmehr ein weithin sichtbares Zeichen für die Präsenz des Islam.[13]

Saum ist die dritte Säule des Islam und bezeichnet das Fasten während des

heiligen Monats Ramadan, dem neunten Monat des islamischen Mondkalenders.

Solange es hell ist, bezieht sich das Fastengebot auf Essen, Trinken, Rauchen und

Geschlechtsverkehr. Kranke, Reisende, Kinder sowie schwangere oder stillende Frauen sind durch den Koran von dieser Pflicht befreit, aber wer zum Fasten fähig ist, nur eben im Monat Ramadan verhindert, der soll es zu einem anderen Zeitpunkt nachholen. Das gemeinsame Fasten und das nächtliche gemeinsame Schlemmen verleihen dem Ramadan einen familiären und gemeinschaftsfördernden Charakter. Am Ende des Ramadan steht das Fest des Fastenbrechens.[14]

Die vierte Säule ist das z akat – das Almosengeben. Die Gesamtgemeinde der Muslime war von Anfang an als Solidargemeinschaft ausgelegt, in der einer für den anderen einzustehen hat. So dient das Almosengeben, manchmal Armensteuer genannt, dem Unterhalt der Bedürftigen durch die Vermögenden. Als Abgabe gilt heute der Richtwert von 2,5 % des Überschusses, der nach Versorgung der Familie übrig bleibt.[15]

Der hajj ist die fünfte Säule des Islam und jeder Muslim, der dazu gesundheitlich und finanziell in der Lage ist, sollte einmal in seinem Leben an der Pilgerfahrt nach Mekka teilnehmen. Die jährliche Pilgerfahrt findet während der letzten zehn Tage des zwölften Mondmonats statt und erreicht ihren Höhepunkt mit dem Opferfest Id al-Adha, an dem in der gesamten muslimischen Welt ein Opfertier (Schaf, Kuh oder Kamel) geschlachtet wird.

Die Pilgerreise ist für alle Muslime Pflicht und oftmals spart eine Familie oder auch ein ganzes Dorf, um wenigstens einer Person den hajj zu finanzieren. Die Zurückgekehrten genießen hohes Ansehen und können den Titel Pilger ihrem Namen voranstellen[16]. Der hajj ist für viele Muslime wohl der Höhepunkt ihres bisherigen religiösen Lebens und Heinz Halm betont:

»Nirgends als unter diesen tausenden gleichgekleideten Menschen aller Rassen und aus aller Herren Länder zeigt der Islam sinnfälliger seinen egalitären Anspruch: dass alle Gläubigen vor Gott gleich sind.«[17]

Ungefähr zwei Millionen Pilger verrichten jährlich den hajj.

Zusammenfassend werden die religiösen Pflichten in der folgenden Koransure deutlich:

Was muslimische Männer und Frauen sind, Männer und Frauen, die gläubig, die (Gott) demütig ergeben, die wahrhaftig, die geduldig, die bescheiden sind, die Almosen geben, die fasten, die darauf achten, daß ihre Scham bedeckt ist, (oder: die sich des (unerlaubten) Geschlechtsverkehrs enthalten (?), w. die ihre Scham bewahren) und die Gottes ohne Unter­laß (w. viel) gedenken, - für sie (alle) hat Gott Vergebung und gewaltigen Lohn bereit. Sure 33, Vers 35

3 Entstehungsgeschichte des Islam

3.1 Vorislamische Zeit

Der Islam entstand in den ersten Jahrzehnten des 7. Jahrhunderts auf der Arabischen Halbinsel auf dem Nährboden der dortigen Kulturen und ihrer religiösen Auffassungen, zu einer Zeit, als sich in der Weltgeschichte entscheidende Veränderungen vollzogen. In Europa entstanden die Reiche der Goten, Langobarden und Merowinger. Byzanz, Nachfolger des Oströmischen Reiches, musste sich in Syrien und Mesopotamien gegen den Erzfeind Persien verteidigen. Dieser hatte den Zoroastrismus zur Staatsreligion erhoben und stand in direktem Kontakt mit China, das nach der Einigung unter der Tang–Dynastie seine Macht über ganz Turkestan ausgedehnt hatte.[18]

Auf der Arabischen Halbinsel gehörten die meisten Bewohner nomadischen Stämmen an. Darüber hinaus gab es einige halbsesshafte Stämme und Stammesgruppen sowie kleinere Städte, die jedoch die Ausnahme bildeten. Die Nomaden, die auch Beduinen genannt werden, lebten von ihren Herden und Handelsgeschäften und waren in ihrer Lebensweise von den geografischen Gegebenheiten abhängig. Die Halbin­sel wird von drei klimatischen Zonen geprägt: Im Norden erstreckt sich eine Steppenland­schaft, die Weidewirtschaft und den Unterhalt großer Herden ermöglicht. Der Großteil der Halbinsel besteht jedoch aus lebensfeindlicher Wüste, der Rub al Khali (=Leeres Viertel), die hin und wieder von Oasen unterbrochen wird. An einigen Stellen der Westküste und auch im Süden war und ist Ackerbau möglich.[19]

Der Einzelne identifizierte sich über seine Zugehörigkeit zu einer bestimmten patriarchalisch geprägten Familie, dann über sei­nen Stamm. Die absolute Loyalität zu diesem stand im Gegensatz zu fast beständigen Feindschaften gegenüber Mitgliedern anderer Stämme. Denn die kargen Weideland­schaften und die geringen Niederschläge erforderten die ständige Suche nach neuen Fut­terquellen für die Herden und so benötigte jeder Stamm ein weitaus größeres Gebiet als nur das, in dem er sich zu einer bestimmten Zeit aufhielt. Es gab Übereinkünfte über das Territori­um, in dem ein Stamm Weiderechte beanspruchte und ein starker Stamm konnte dieses Recht auch mit Gewalt durchsetzen.[20]

Außer in Mekka

»schlugen sich die Araber in dem endlosen Wüstengebiet mit dem aufrei­benden Beduinenalltag herum, gemäß dem rudimentären Wirtschaftssystem der Wanderhirten aller Zeiten und Länder. Sie zerfielen in zahllose Stämme, Sippschaften, Un­tergrüppchen, hatten sich unablässig gegen die lebens- und menschenfeindlichen Un­bilden der Wüste, gegen die gnadenlose Natur zu wehren, befehdeten einander kreuz und quer, jagten einander die kargen Weidegründe ab, machten einander halb ausgetrocknete, schier versiegte Brunnenlöcher streitig, raubten einander Vieh und Herden.«[21]

Die Stadt Mekka wurde von sesshaften Stämmen bewohnt und bot somit eine gewisse Besonderheit auf der Arabischen Halbinsel. Obwohl sie außerhalb der Interessen der Großmächte lag, war die Stadt mit dem Norden auf vielfältige Weise verbunden. Mekka war ein bedeutsames Handelszentrum zwischen Südar­abien und dem Mittelmeer, was mehrere Ursachen hatte: Zum einen gewährte die Kaaba, das wohl bedeutendste heidnische Heiligtum Arabiens, unerlässlichen Schutz für die Handelsgeschäfte, weil der Bereich um die Kaaba und auch das weitere Gebiet um Mekka bereits vor dem Islam als heilig galten. Stammesfehden waren innerhalb des heiligen Bezirks verboten, wodurch es den Nomaden möglich war, in der Nähe von Mekka unbehelligt Märkte abzuhalten. Bestimmte Monate galten bei den Stämmen als heilig und in diesen wurden die jährlichen Pilgerfeste sowie große Märkte abgehalten. Hinzukam, dass um 600 n. Chr. durch die ständigen Kriege zwischen Persien und dem byzantinischem Reich die Handelsroute, die durch den Persischen Golf und den Irak nach Aleppo zum Mittelmeer führte, unterbrochen war. So nutzten die mekkanischen Händler die Gelegenheit und ein Großteil des Handels wurde von ihren Kamelkarawanen von Jemen über Mekka nach Gaza, Damaskus und Aleppo abgewickelt. Sie schlossen konsequent alle nicht Mekkaner vom Karawanenhandel aus und gelangten zu erheblichem Wohlstand.[22] Dadurch wurde Mekka schon in der vorislamischen Zeit zu einem wichtigen kulturellen und wirtschaftlichen Zentrum, an das Muhammad nur anzuknüpfen brauchte.

3.2 Die religiöse Situation

Traditionell glaubten die Beduinen an mehrere Götter und Gottheiten, an Dämonen und Naturgeister. Dabei handelte es sich vor allem um lokale Gottheiten, die von Stamm zu Stamm unterschiedlich waren und in heiligen unbehauenen Steinen, Bäumen oder Quellen weilten. Diesen Göttern wurden Opfer (Kamele, Schafe oder Rinder) ge­bracht und zwar meistens ohne die Vermittlung eines Priesters.[23] Gabrieli spricht von einem »Polydämonismus«:

»Eine Unmenge von in Form von Götzenbildern, jeweils meist bloß an ein­zelne Stämme, Clans, Völkerschaften gebundene [...] Stammesgötter und -götzen geis­terten umher, und ihre Abbilder [...] standen als Idole aus dem ganzen Land in der Ka'aba von Mekka versammelt und friedlich vereint.«[24]

Der Polytheismus war nicht sonderlich aus­differenziert und kannte viele Geister (Dschinns), mächtige unsichtbare Wesen, die zwischen den Göttern und den Menschen standen, die sowohl gut als auch schlecht wirken konnten. Darüber hinaus wurden auch seltene Naturphänomene verehrt. Ein Relikt dieses Kultes ist die Verehrung der Kaaba. Ursprünglich handelte es sich um einen Steinkult ohne besondere theologische Begründung, später wurde er mit bestimmten mekkanischen Gottheiten verbunden, vor allem mit den drei Göttinnen al-Lat, al-'Uzza und Manat. Mit der Zeit entwickelten sich jährliche Wallfahrten zu dem Heiligtum, die sich bald auf die gesamte Arabische Halbinsel ausdehnten. Wie bereits erwähnt, waren während der Wallfahrtszeit Stammes­fehden und kriegerische Auseinandersetzungen verboten. Die Fest- und Friedenszeit dau­erte zu Muhammads Zeiten vier Monate.

Mekka wurde so schon zu vorislamischer Zeit ein wichtiges religiöses und wirtschaftliches Zentrum, dessen Einwohner fast vollständig zu dem großen Stamm der Quraish gehörten, der sich wiederum aus etwa einem Dutzend Sippen zusammen­setzte. Gemeinsame wirtschaftliche Interessen verhinderten größere Zusammenstöße zwischen den einzelnen Stammesgruppen und so bildete die Stadt Mek­ka einen Sonderfall im arabischen Kontext, denn sie wurde nicht von einem König, sondern von angesehenen Kaufleuten geleitet.[25]

Der Vollständigkeit halber darf die Rolle des Christen- und Judentums auf der Arabischen Halbin­sel nicht unerwähnt bleiben. Im heutigen Jemen gab es eine große ethnisch bunt gemischte christliche Gemeinde und vermutlich besuchten auch christliche Kaufleute und Anhänger anderer Religionen die jährlichen Märkte in Mekka. Das Judentum war in Arabien noch stärker vertreten und so gab es mehrere geschlossene jüdische Gemeinden vor allem in Medina (früher Yathrib). Auch wenn über den Einfluss dieser Religionen auf die Entstehung und Ausbildung des Islam unterschiedliche Ansichten herrschen, so »kann man ohne Einschränkung sagen, dass der Islam ohne die von beiden Religionen auf der Arabischen Halbinsel geleistete Vorarbeit nicht denkbar wäre.«[26]

3.3 Muhammad – der Stifter des Islam

Für Muslime ist Muhammad zum einen der letzte Prophet, den Allah für die Verkündung seiner Offenbarung erwählte, zum anderen ist er Vorbild und Norm für die politisch–religi­öse Führung der Glaubensgemeinschaft. Sein Leben lässt sich in drei Hauptabschnitte gliedern: Die ersten 40 Jahre bis zu seiner Berufung zum Propheten in Mekka, die Zeit sei­ner ersten Verkündungen, bis er sich nach Medina wandte und seine letzten zehn Jahre in Medina in denen er seine Stellung als Prophet und politischer Führer der ersten isla­mischen Gemeinde festigen und ausbauen konnte.[27]

Muhammad gehörte zur Sippe der Haschim, einem verarmten Zweig der mächtigen Quraish, dem vorherrschenden Stamm in Mekka, deren Chef sein Großvater Abd al-Muttalib, ein bedeutender Händler, war. Muhammads Vater Abd Allah war ebenfalls Händler, der je­doch auf dem Rückweg von einer Reise nach Syrien noch vor der Geburt Mu­hammads starb. Muhammad wurde um das Jahr 570 n. Chr. in Mekka geboren und seine frühe Kindheit verbrachte er bei seiner Mutter, die früh starb. Muhammad war sechs Jahre alt als er zu­erst von einer Amme, dann von seinem Großvater und letztendlich von seinem Onkel Abu Talib aufgenommen wurde. Als er alt genug war, unternahm er mit seinem Onkel Handelsreisen nach Syrien und durch seine Erfahrung übertrug ihm die fast zwanzig Jahre ältere Witwe Khadija, eine wohlhabende und erfolgreiche Händlerin, ihre Waren in Kommission. Nachdem sie mit der Ausführung des Auftrags zufrieden war, bot sie Muhammad die Heirat an, was er annahm. Bis zu ihrem Tod blieb ihr Muhammad, er war dann schon rund 50 Jahre alt, in monogamer Weise treu. Sie gebar ihm drei Söhne, die bald starben und vier Töch­ter: Umm Kulthum, Zainab, Ruqaiya und Fatima. Erst nach ihrem Tod nahm Mu­hammad weitere Frauen.[28] Dies ist insofern betonenswert, da es im Islam sowohl Verfechter für die Polygamie als auch für die Monogamie gibt und beide stützen sich auf die Aussagen im Koran und die Überlieferungen. Doch dazu später mehr.

Die erste Ehe machte Muhammad finanziell unabhängig, was eine wichtige Voraus­setz­ung für seine religiöse Beschäftigung darstellte. Muhammad soll ein nachdenklicher Mensch gewesen sein, der sich einmal im Jahr in eine Höhle am Berg Hira in der Nähe von Mekka zurückzog. Im Alter von etwa 40 Jahren (ca. 610 n. Chr.) hatte er in dieser Höhle seine erste Vision. Doch seine Verkündung blieb über mehr als ein Jahrzehnt ohne großen Erfolg. Er konnte in der ersten Zeit lediglich 60 Anhänger gewinnen.[29] Unterstützt wurde er dabei hauptsächlich von seiner Frau Khadija, die als erste an ihn als Propheten glaubte und Muslimin wurde. Ansonsten waren seine Anhänger in den frühen Jahren junge Männer aus den wohlhabendsten und mächtigsten Familien und Sippen – jüngere Brüder oder Söhne der bedeutendsten Händler. Doch was faszinierte die jungen Männer an der von Muhammad gepredigten Religion? Laut W. Montgomery Watt war

»Die alte tribale Lebensweise mit ihrem überlieferten Stolz auf die Taten des Stammes oder der Sippe [...] im Verschwinden begriffen. Die reichen Sippenchefs wurden Einzelpersonen, die ihre traditionellen Pflichten vernachlässigten. Diejenigen, die nicht zu den Wohlhabenden und Mächtigen gehörten, erfuhren nun die Bedeutungslosigkeit ihrer Existenz. Der Koran wies darauf hin, daß der Sinn des Daseins nicht in der Akkumulierung von Reichtum und Macht lag und die wohlhabenden Händler nicht so reich waren, wie sie meinten, da es über allem einen allmäch­tigen Gott gab.«[30]

Die kritische Haltung gegenüber den reichen Händlern stieß bei diesen bald auf Widerstand. Und als seine Frau Khadija und sein Onkel Abu Talib, beide wichtige Stützen des Propheten, in kurzen Abständen verstarben, wurde für Muhammad die Lage schwierig. Am 16. Juni 622 siedelte Muhammad von Mekka nach Medina (damals noch Yathrib) um, denn er schien zu glauben, dort eher mit seinen Verkündungen Anklang zu finden. Diese Hidschra (›Auswanderung‹) ist der Beginn der islamischen Zeitrechnung und aus dem Führer einer verfolgten Minderheit wurde in den kommenden Jahren ein Politiker und Staatsmann.[31]

Medina war eine 400 km nördlich von Mekka gelegene Oase, in der Datteln und Getreide angepflanzt wurden. Im Jahr der Hidschra herrschten dort acht arabische Sippen, zwischen denen es zu vielen Ausein­andersetzungen kam. Die Pilger aus Medina, die Muhammad in Mekka aufsuchten und den Islam angenommen hatten, hofften in ihm einen Schiedsrichter für die Streitigkeiten zu finden. Mit der »Gemeindeordnung von Medina«[32] beendete Muhammad die inneren Wirren, indem er das Zusammenleben zwischen dem aus Mekka ausgewanderten Stamm und den acht in Medina sesshaften Stämmen regelte. Kurz nach Muhammads Ankunft in Medina kam es jedoch zu weiteren Konflikten, die sowohl theologische als auch andere Ursachen hatten und damit endeten, dass die Juden aus der Stadt vertrieben wurden oder einem Massaker zum Opfer fielen. Somit entstand in Medina eine religiöse Gemeinschaft auf den Grundlagen des Islam, die aus Teilnehmern der Hidschra und aus den Helfern, also eingesessenen Medinensern, die sich dem Islam angeschlossen hatten, bestand. Muhammad wollte jedoch wieder nach Mekka zurückkehren, das in seinen Augen das ursprünglich monotheistische Heiligtum, die Kaaba, durch Götzendienst entweiht hatte und nun wieder der ursprünglichen Bedeutung zurückgegeben werden sollte. So veranlasste er die Hinwendung zur Kaaba als neue Gebetsrichtung. Zuvor war es Jerusalem gewesen. Dadurch wurde Mekka zum Zentrum des Islam erklärt.[33]

Wir sehen, daß du unschlüssig bist, wohin am Himmel du dich (beim Gebet) mit dem Gesicht wenden sollst. Darum wollen wir dich (jetzt) in eine Gebetsrichtung weisen, mit der du gern einverstanden sein wirst: Wende dich mit dem Gesicht in Richtung der heiligen Kultstätte (in Mekka)! Und wo immer ihr (Gläubigen) seid, da wendet euch mit dem Gesicht in dieser Richtung! Sure 2, Vers 144

Die Muslime kämpften um den Besitz des Heiligtums in Mekka und um die Rückkehr in ihre Wohnsitze. Es kam zu einer Reihe von Schlachten und Gefechten und 630 n. Chr. fiel Mekka dem Islam zu. Daraufhin zerstörte Muhammad eigenhändig die in der Kaaba aufgestellten Götzenbilder und deutete den Kult nun endgültig monotheistisch um, so dass jedem Nichtmuslim der Eintritt verweigert wurde. Es wird berichtet, dass er seine Gegner mit Großmut behandelte, um ihnen so den Anschluss an den Islam zu erleichtern und bald war der größte Teil der Arabischen Halbin­sel für den Islam gewonnen. Schon vor Muhammads Tod wurden Vorstöße über die nördlichen Grenzen hinaus unternommen und einer Legende nach soll der Prophet an die Herrscher der umliegenden Reiche, den byzantinischen Kaiser, den persischen Großkönig und den Negus von Abessinen, Briefe, mit der Aufforderung sich zu unterwerfen und den Islam anzunehmen, gesandt haben. Und in der Tat verlief die weitere Ausbreitung des Islam, nachdem Muhammad 632 n. Chr. im Alter von 63 Jahren verstarb, in unglaublichem Ausmaß.[34]

Die Zeit nach seinem Tod wird als die Zeit der vier rechtgeleiteten Kalifen, der raschidun, bezeichnet und als Phase des wahren Islam angesehen, weil dieser damals nahezu vollkommen gewesen sein soll. Da drei der vier rechtgeleiteten Kalife ermordet wurden, erscheint die Aussage vom ›wahren Islam’ – also der idealen Gesellschaftsordnung – nicht unbedingt einleuchtend vor allem in Anbetracht dessen, dass auch heutzutage viele die Rückkehr zum ›wahren Islam’ fordern. Dabei verkennen sie, dass es diesen nie gegeben haben kann, sondern dass der Islam immer der Auslegung der jeweiligen Zeit unterworfen war.

Muhammad hatte keine Bestimmung über seine Nachfolge getroffen und so kam es bald zu Streitigkeiten, die sich sogar zu grundsätzlichen Auseinandersetzungen steigerten und die konfessionelle Spaltung des Islam nach sich zogen. Die Sunniten traten für die Wahl eines Kalifen (khalifa = Nachfolger, Stellvertreter) aus dem Stamm der führenden mekkanischen Handelsfamilie der Quraish, ein, während nach Ansicht der Schiiten die leiblichen Nachkommen Muhammads zur Leitung der Gemeinschaft bestimmt werden sollten, womit insbesondere die Nachkommen seiner Tochter Fatima gemeint werden, da Muhammad keinen männlichen Nachfolger hinterlassen hat. Letztendlich setzte sich Abu Bakr (Regierungszeit von 632–634 n. Chr.), getreuer Anhänger des Propheten und sein Schwiegervater, durch. Nach ihm kamen Umar ibn al-Khattab (Regierungszeit 634–644 n. Chr.), Uthman (Regierungszeit 644–656 n. Chr.) und Ali (Regierungszeit 656–661 n. Chr.).[35] Mit den nachfolgenden Herrschern kam es zum Abschluss der ›rechtgeleiteten’ Kalifen, denn nun kamen Männer an die Macht, die nicht mehr zu den engsten Gefährten des Propheten zählten, sondern sich dem Islam aus Opportunismus und nicht aus Überzeugung angeschlossen hatten.[36]

Die Ausbreitung des Islam erreichte bereits 711 n. Chr. Spanien, also kaum 80 Jahre nach Muhammads Tod. Zu dieser Zeit waren bereits weite Teile Nordafrikas, von Ägypten bis nach Marokko, als auch der gesamte Iran erobert. W. Montgomery Watt gibt zu bedenken, dass die frühen Feldzüge nicht die Verbreitung des Islam oder die Vergrößerung des islamischen Staates zum Ziel hatten, sondern der Zweck einfach darin bestand, Beute zu machen.[37]

Muhammads Verdienst, bzw. die Leistung des Islam zeigt sich vor allem in der Stiftung einer Gemeinschaft, der umma. Denn wo vorher nomadisierende Stämme die Wüste durchzogen und über Sippen hinaus keine Gemeinschaft existierte, vermochte der Islam diese herzustellen:

»Mitten aus einer endlos scheinenden, ereignislosen, geradezu geschichtslosen Vor- und Frühgeschichte bricht mit unglaublicher Wucht und mitreißender Durchschlagskraft Mohammeds neue Konfession auf, erfaßt emotional–affektiv das ganze, über seine riesige gottverlassene Wüste weit verstreut nomadisierende zahlenmäßig geringe Volk, mit weltbewegendem Elan, schweißt es zusammen, erstmals, zu theokratisch reli-

giös–nationaler Einheit.«[38]

Die skizzenhafte Darstellung der Entstehungsgeschichte des Islam verdeutlicht nicht nur die rasche Ausbreitung der neuen Religion, sondern zeigt auch die historischen Hintergründe auf, die den Islam und seine Bestimmungen bis heute prägen. Vieles wird erst durch die historische Einordnung verständlich und erscheint in einem anderen Licht. Der Autorin wurde erst durch ihren Aufenthalt auf der Arabischen Halbinsel bewusst, welchen Einfluss ebenfalls die klimatisch–geografischen Bedingungen auf den Islam hatten: Ersichtlich wird das z. B.: an der rituellen Waschung, die vor jedem Gebet durchzuführen ist. Erst durch die Kenntnis der klimatischen und landschaftlichen Bedingungen der Arabischen Halbinsel, die von Wüste geprägt ist, erschließt sich diese Bestimmung als logische Konsequenz aus den vorherrschenden Lebensumständen: Würden die Gläubigen mit Schuhen oder ungewaschenen Füßen die Moschee betreten, dann würde die Beseitigung des hereingetragenen Sandes großen Zeit- und Arbeitsaufwand bedeuten. Allein dieses schlichte Beispiel macht deutlich, dass der Islam vor seinem historischen als auch vor seinem landestypischen Entstehungshinter­grund zu betrachten ist.

4 Quellen des Islam

Nachdem die Entstehungsgeschichte des Islam in groben Zügen aufgezeigt wurde, folgt die Darstellung der Quellen, die handlungsweisend für Muslime sind. Zu diesen gehört der Koran, der als das Wort Gottes gilt, die sunna (Brauch) des Propheten, die in Form von hadith -Literatur überliefert wurde, in der die Handlungen sowie Aussprüche des Propheten niedergeschrieben sind, sowie die Scharia, das religiös begründete Gesetzeswerk. Alle drei Quellen sind eng miteinander verwoben und ausschlaggebend für die muslimische Lebensweise. Sie regeln weite Bereiche des täglichen Lebens und bilden die Grundlage für die Erforschung der Stellung der Frau im Islam.

4.1 Koran

Der Koran ist die heilige Offenbarungsschrift des Islam, die Gott den Menschen durch seinen Propheten Muhammad gesandt hat und die als »unmittelbares, unvermitteltes, unverfälschtes, buchstabengetreues Gotteswort«[39] gilt. Das arabische Wort Qur'an kommt von qura'a und bedeutet: lesen, vortragen, rezitieren. Muhammad wurde zu Beginn der Offenbarung aufgefordert: Lies!

Trag vor im Namen deines Herrn, der erschaffen hat, den Menschen aus einem Embryo erschaffen hat! Trag (Worte der Schrift) vor! Dein höchst edelmütiger Herr (oder: Dein Herr, edelmütig wie niemand auf der Welt) ist es ja, der den Gebrauch des Schreibrohrs gelehrt hat (oder: der durch das Schreibrohr gelehrt hat), den Menschen gelehrt hat, was er (zuvor) nicht wußte. Sure 96, Vers 1–5

(Diese Sure wurde als erste offenbart)

Obwohl von einer Schrift die Rede ist, erfolgte die Offenbarung ausschließlich mündlich: Vom Engel Gabriel an den Propheten und von diesem an seine Zuhörer. Auch bei Christen und Juden gibt es die Vorstellung von einer Heiligen Schrift, die nun dem Menschen nach und nach offenbart wird. Die Muslime führen den Koran auf ein im Himmel aufbewahrtes Urbuch zurück, welches als das Original aller heiligen Schriften gilt.

(Ich schwöre:) Es ist ein vortrefflicher Koran, (im Original droben im Himmel?) in einer wohlverwahrten Schrift, die nur von Gereinigten berührt wird. (nunmehr als Offenbarung) vom Herrn der Menschen in aller Welt herabgesandt. Sure 56, Vers 77–80

Er hat die Schrift mit der Wahrheit auf dich herabgesandt als Bestätigung dessen, was (an Offenbarungsschriften) vor ihr da war. Er hat auch die Thora und das Evangelium herabgesandt, (schon) früher, als Rechtleitung für den Menschen. Sure 3, Vers 3–4

Und er (d.h. der Koran) ist vom Herrn der Menschen in aller Welt (als Offenbarung) herabgesandt. Der zuverlässige Geist hat ihn herabgebracht, dir ins Herz, damit du ein Warner seiest. (Er ist) in deutlicher arabischer Sprache (geoffenbart) und (bereits) in den Büchern der früheren (Generationen) (enthalten?) (oder: angekündigt?)

Sure 26, Vers 192–196

Der Koran ist kein homogenes, auf einmal entstandenes Ganzes, sondern wurde von Muhammad über einen längeren Zeitraum empfangen. Und erst Muhammads dritter Nachfolger Kalif Uthman (Regierungszeit 644–656 n. Chr.) ließ die Sammlung der verstreuten Aufzeichnungen vollenden und schickte daraufhin je ein Exemplar des nun verbindlichen Textes in die Zentren der arabischen Herrscher: Nach Medina, Mekka, Damaskus, Basra und Kufa. Da Muhammad bereits mindestens ein Jahrzehnt verstorben war als die redigierte Fassung des Korans verschickt wurde, bleibt fraglich inwieweit der Koran das »unverfälschte Gotteswort«[40] sein kann. Unter den islamischen Gelehrten ist dies nicht immer unumstritten gewesen. Die heutigen Korandrucke folgen der Standardversion, die 1923 von Gelehrten der Azhar-Universität in Kairo veröffentlicht wurde und Zweifel an der Authentizität wurden ähnlich wie bei der Bibel beigelegt.[41]

Der Text des Korans besteht aus 114 Kapiteln, die Suren genannt werden, mit einer jeweils unregelmäßigen Anzahl an Versen. Dabei erfolgt die Aneinander­reihung nicht thematisch oder chronologisch, sondern nach der Anzahl der Verse. Sure 2 ist mit 286 Versen die längste wobei die Suren 108 und 110 mit je drei Versen die kürzesten sind. Der zweiten Sure geht die ›Eröffnende‹ voran, die wohl das bekannteste Gebet der Muslime ist und mit dem Vaterunser der Christen gleichgestellt werden kann.[42]

Im Namen des barmherzigen und gnädigen Gottes. Lob sei Gott, dem Herrn der Menschen in aller Welt, dem Barmherzigen und Gnädigen, der am Tag des Gerichts regiert! Dir dienen wir, und dich bitten wir um Hilfe. Führe uns den geraden Weg, den Weg derer, denen du Gnade erwiesen hast, nicht (den Weg) derer, die d(ein)em Zorn verfallen sind und irregehen! Sure 1

Jede Sure trägt eine Bezeichnung, die ein Wort aus dem Text wiedergibt, z. B.: Die Kuh (Sure 2), Die Frauen (Sure 4), Die Ameisen (Sure 27). Jede Sure ist für sich zu betrachten und es wird zwischen den mekkanischen und den medinensischen Suren unterschieden, je nachdem ob Muhammad die Sure in Mekka oder in Medina erhalten hat.[43]

Der Koran wurde in arabischer Sprache offenbart, wodurch sie für die Muslime den Status einer geweihten, wenn nicht sogar göttlichen Sprache erhält. Damit lässt sich erklären, warum es sehr lange dauerte, bis der Koran auch in andere Sprachen übersetzt wurde. Die Sprache des Korans soll einen faszinierenden Charakter haben und eine unbestrittene Schönheit, die an vielen Stellen intensiv, leidenschaftlich und emotionsgeladen ist. Die Ausdruckskraft gilt als beispielhaft und durch die Gliederung des Textes mit Hilfe von Reimwörtern erhält das Vortragen der Suren, das in gesangsartiger Weise erfolgt, einen beschwörenden Charakter auf die Zuhörer. Nicht wenige Koranrezitatoren gelangten zu großer Prominenz und auch heutzutage gibt es zahlreiche Berühmtheiten, die von der muslimischen Bevölkerung hoch geschätzt werden. Gerade wegen ihrer Schönheit und Unnachahmlichkeit ist die Sprache des Korans für die islamische Theologie der Beweis für die göttliche Herkunft.[44]

Der Koran gibt dem gläubigen Muslim Handlungsweisen vor, deren korrekte Befolgung ihm den Weg ins Paradies ebnen sollen. Im Islam gilt: »Gott hat nicht sich und sein Wesen geoffenbart, sondern viel mehr sein Gesetz«.[45] Oder wie es

W. Montgomery Watt ausdrückt:

»Mit einiger Berechtigung könnte man sagen, daß im Islam der Platz der Theologie vom Gesetz und vom Recht eingenommen wird. Jene, die sich mit den intellektuellen Aspekten der Religion beschäftigen, sind Rechtsgelehrte und nicht Theologen, und im Zentrum höherer Gelehrsamkeit steht das Recht, nicht die Theologie.«[46]

So ist also die richtige Befolgung der Gesetze Gottes für jeden Muslim obligatorisch, nur dass der Koran über sich selbst sagt, dass er auch mehrdeutige Verse enthält:

Er ist es, der die Schrift auf dich herabgesandt hat. Darin gibt es (ein­deutig) bestimmte Verse (w. Zeichen) – sie sind die Urschrift – und andere mehrdeutige. [...] Sure 3, Vers 7

Daraus ergibt sich einerseits die Konsequenz, dass jede Koranübersetzung auch gleichzeitig eine Interpretation des Korantextes nach sich zieht und andererseits, dass sich die Verse ohne weitreichende Kenntnisse des Korans und seiner Hintergründe oftmals nicht erschließen lassen. Dies gilt nicht nur für den westlichen Laien, sondern gleichfalls für Muslime, denn die richtige Deutung der Koranverse und das Studium des daraus resultierenden islamischen Rechts, der Scharia, brachte die Jurisprudenz, die fiqh hervor. Zahlreiche Korankommentare aus der Frühzeit des Islam und ausführliche Beschreibungen der Umstände in denen eine Sure oder ein Vers geoffenbart wurde spiegeln die Komplexität wieder, die von der Jurisprudenz bei der Gesetzesfindung beachtet werden muss.

4.2 Das islamische Recht – Scharia

Das islamische Recht, auch unter dem Namen Scharia bekannt (wörtlich: Weg zur Tränke/Wasserstelle), ist laut Konrad Dilger die »Gesamtheit der Regeln, denen ein Muslim folgen muß, wenn er den Anforderungen seines Glaubens genügen will«.[47] Der Begriff bezeichnet einerseits die real existierenden Gesetze der islamischen Staaten und die tatsächlichen Praktiken der jeweiligen Gerichte, und andererseits bedeutet Scharia nicht ein tatsächliches Gesetz, wie William Montgomary Watt betont,

»sondern das ideale Gesetz, wie Gott es den Menschen verkündet, auch wenn die unterschiedliche Rechts­praxis der islamischen Staaten in unterschiedlichem Ausmaß der Scharia nahe kommen mag.«[48]

Der Wirkungsbereich der Scharia ist aber bei weitem größer als jener Gesetze, wie sie im westlichen Kulturkreis üblich sind. Denn die Scharia umfasst nicht nur die im eigentlichen Sinn rechtlichen Vorschriften im Zusammenhang mit Familie, Vererbung, Strafen und Handelsgeschäften, sondern auch die religiösen Handlungen sowie den Bereich der Hygiene, Fragen der Höflichkeit und auch ethische Vorschriften. Für Muslime beruht die Scharia auf den göttlichen Offenbarungen, die der Prophet

empfangen hat. Somit ist der Geltungsbereich der Scharia der Wille Gottes und dieser ist der alleinige Gesetzgeber. Daraus ergibt sich, dass für eine menschliche Rechtsschöpfung kein Raum ist und die Rechtsgelehrten nur das vorhandene Recht aufdecken und auf die jeweilige Lebenssituation anwenden können. Der Kalif, bzw. im schiitischen Islam der Imam, hat in seiner Eigenschaft als Leiter und Führer der islamischen Glaubensgemeinschaft die Aufgabe, das göttliche Gesetz authentisch zu interpretieren. Als göttliches Recht ist die Scharia auch durch staatliche Gesetzgebung nicht antastbar, doch zeigt die Rechtspraxis in islamischen Ländern, dass heute die Scharia insbesondere durch das Straf- und Vermögensrecht der modernen Gesetzgebung verdrängt wurde.[49]

Die Entstehung der Scharia muss im Zusammenhang mit der Entstehung eines Staatswesens auf der Arabischen Halbinsel betrachtet werden. Der Islam beinhaltet sowohl einen religiösen Glauben als auch eine politische Ideologie. Als Staats- und Gesetzesreligion regelt dieser die Beziehungen der Menschen zu Gott und seiner Umwelt. Zu Muhammads Lebzeiten bildeten neben den Offenbarungen auch seine

Ad-hoc-Entscheidungen die Grundlage für eine funktionierende Gemeinschaft. Doch nach seinem Tod (632 n. Chr.) änderte sich die Situation und es musste ein Weg gefunden werden, Konflikte in der muslimischen Gemeinde in legitimer Weise lösen zu können. Eine Grundlage bildete die Redaktion des Korans durch den dritten Kalifen Uthman (gestorben 656 n. Chr.) und die Rückbesinnung auf die Überlieferungen der Taten und Aussagen des Propheten (arab.: hadith).[50] Mit immer größer werdendem Abstand zum Tod des Propheten gewannen die Überlieferungen immer stärker an Bedeutung. Die frühen Gelehrten waren sich einig, dass nicht nur der Koran, sondern auch die Entscheidungen und das Verhalten Muhammads in bestimmten Situationen von Gott inspiriert wurden. Somit war nicht nur das Gotteswort, das er verkündete, sondern auch sein Verhalten verbindlich für die Gläubigen. Die größer werdende Ausdehnung des islamischen Gebietes und der zunehmende zeitliche Abstand zur Lebenszeit des Propheten erforderten verbindliche Regelungen. Damit die göttlichen Gesetze richtig umgesetzt und angewandt werden konnten, bedurfte es weitreichender Studien. Es entwickelte sich die islamische Jurisprudenz (fiqh), die aus den Überlieferungen und dem Koran verbindliche Bestimmungen ableitete und somit die Scharia vervollständigte und ausführlich darlegte.

Der Beginn dieser Entwicklung wird heute um das Jahr 700 n. Chr. angenommen. In dieser Zeit entstand die systematische Rechtsquellenlehre, die von dem berühmtesten aller islamischen Rechtsgelehrten, Muhammad ibn Idris ash-Shafi'i, begründet wurde. Für ash-Shafi'i konstituiert sich die fiqh (=Wissen/Versehen; heute mit Rechtsgelehrtheit oder Rechtswissenschaft übersetzt) aus vier Elementen, die bis heute Bestand haben. Dies sind der Koran, die sunna des Propheten, die in der hadith- Literatur überliefert ist, die ijma, der Konsens unter den Rechtsgelehrten zu einer bestimmten Rechtsfrage und die qiyas, der Analogieschluss, der aus den überlieferten Rechtsentscheidungen gezogen wird.[51]

Die vier Elemente der fiqh im Detail:

n Der Koran ist die hauptsächliche Rechtsquelle des Islam und im weitesten Sinne

ist der gesamte Koran, in dem jeder Vers als göttliches Gesetz verstanden werden kann, für Muslime rechtsverbindlich. Jedoch enthalten nur ungefähr zehn Prozent der 6.000 Verse Ge- oder Verbote, die sich in ausdrückliche religiöse oder rechtliche Forderungen umwandeln lassen. Die meisten wurden Muhammad in der medinen­sischen Periode geoffenbart, als er in der Gesetzgebung Medinas eine entscheidende Rolle spielte. Im Koran finden sich Verbote von bestimmten Nahrungsmitteln

(z. B.: Schweinefleisch und Wein), Vorschriften zum Familienrecht (Ehe, Scheidung und Erbschaft), das Strafrecht und handelsrechtliche Bestimmungen.[52] Jedoch ist keine dieser Vorschriften uneingeschränkt eindeutig:

»In regard to the Qur'an itself, for example, there is room for endless debate about whether some verses have been abrogated by others, as most Muslims believe; and if so, which verses were abrogated by which.«[53]

Hinzukommt die allgemein anerkannte Tatsache, dass es unmöglich ist, »einen Vers zu verstehen, ohne seine Geschichte und die Gründe zu kennen, die zu seiner Offenbarung geführt haben.«[54]

n Als zweite Rechtsquelle wird die sunna des Propheten herangezogen. sunna bedeu-

tet: Brauch, gewohnte Handlungsweise, überlieferte Norm und steht im Islam für das, was der Religionsstifter Muhammad gesagt, getan, geduldet oder bewusst nicht getan haben soll. Die sunna ist in der hadith -Literatur überliefert, die aus Sammlungen von mehreren tausenden gesicherten hadithen besteht. Die bekanntesten und wichtigsten sind die von al-Buchari (gest. 870 n. Chr.) und Muslim (gest. 875 n.Chr). Da es sehr einfach war hadithe zu erfinden, unternahmen die Rechtsgelehrten bestimmte Vorkehrungen, um ihre Echtheit sicherzustellen. Dies wurde durch die Auflistung der Personen, die den Text verbal überliefert hatten zu gewährleisten

[...]


[1] Rudolph, Ekkehard: Bestandsaufnahme – Kultur- und sozialwissenschaftliche Forschung über die muslimische Welt in der Bundesrepublik Deutschland, Deutsches Orient Institut, Hamburg 1999, S. 5.

[2] Schöller, Marco: Methode und Wahrheit in der Islamwissenschaft, Otto Harrassowitz Verlag, Wiesbaden 2000, S. 1.

[3] Vgl.: Rudolph, E., a.a.O., S. 6f.

[4] Islam Research Directory: Islam und Wissenschaft in der Bundesrepublik Deutschland,
URL http://www.islamresearchdirectory.org/de/el.php, Stand: 28/11/2006.

[5] Schöning-Kalender, Claudia/Neusel, Ayla, u.a.: Feminismus, Islam, Nation – Frauenbewegungen im Maghreb, in Zentralasien und in der Türkei, Campus Verlag, Frankfurt/New York 1997, S. 9.

[6] Böhm, Karolina: Moschee in den Vereinigten Arabischen Emiraten, private Fotografie 2005.

[7] Vgl.: Halm, Heinz: Der Islam – Geschichte und Gegenwart, 5. aktualisierte Auflage, C.H.Beck oHG, München 2004, S. 7.

[8] Hattenstein, Markus/Delius, Peter: Islam. Kunst und Architektur, Könemann Verlagsgesellschaft mbH, Köln 2000, S. 582.

[9] Vgl.: Ruthven, Malise: Der Islam – Eine kurze Einführung, Philipp Reclam jun. GmbH & Co, Stuttgart 2000, S. 11.

[10] Halm, H., a.a.O., S. 7.

[11] Ruthven, M., a.a.O., S. 193.

[12] Vgl.: Watt, William Montgomery: Kurze Geschichte des Islam, Klaus Wagenbach Verlag, Berlin 2002, S. 47.

[13] Vgl.: Halm, H., a.a.O., S. 61–65.

[14] Vgl.: Ebd., S. 65ff.

[15] Vgl.: Ebd., S. 67ff.

[16] Vgl.: Ruthven, M., a.a.O., S. 197f.

[17] Halm, H., a.a.O., S. 74.

[18] Vgl.: Ende, Werner/Steinbach, Udo (Hrsg.): Der Islam in der Gegenwart, 5. aktualisierte und erweiterte Auflage, C.H. Beck, München 2005, Lizenzausgabe für die Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2005, S. 21.

[19] Vgl.: Ohlig, Karl Heinz: Weltreligion Islam. Eine Einführung., Matthias-Grünewald-Verlag, Mainz 2000, S. 18f.

[20] Vgl.: Schirrmacher, Christine: Der Islam. Geschichte – Lehre. Unterschiede zum Christentum, Band 1, Hänssler Verlag, Holzgerlingen 2003, S. 2.

[21] Gabrieli, Francesco: Die Araber und der Islam. Eine Konfession und eine Zivilisation. In: Crespi, Gabriele: Die Araber in Europa, Belser Verlag, Stuttgart und Zürich 1983, S. 9.

[22] Vgl.: Watt, W. M., a.a.O., S. 9f.

[23] Vgl.: Schirrmacher, C., a.a.O., S. 9.

[24] Gabrieli, F., a.a.O., S. 9f.

[25] Vgl.: Ohlig, K., a.a.O., S. 20ff.

[26] Ende, W./Steinbach, U.(Hrsg.), a.a.O., S. 22.

[27] Vgl.: Schirrmacher, C., a.a.O., S. 21.

[28] Vgl.: Watt, W. M., a.a.O., S. 10f.

[29] Vgl.: Ohlig, K., a.a.O., S. 28f.

[30] Watt, W. M., a.a.O., S. 18.

[31] Vgl.: Ohlig, K., a.a.O., S. 29.

[32] Ende, W./Steinbach, U.(Hrsg.), a.a.O., S. 24.

[33] Vgl.: Ebd., S. 22ff.

[34] Vgl.: Ebd., S. 25ff.

[35] Vgl.: Watt, W. M., a.a.O., S. 32f.

[36] Vgl.: Ende, W./Steinbach, U. (Hrsg.), a.a.O., S. 33.

[37] Vgl.: Watt, W., a.a.O., S. 35.

[38] Gabrieli, F., a.a.O., S. 8.

[39] Gabrieli, F., a.a.O., S. 11.

[40] Gabrieli, F., a.a.O., S. 11.

[41] Vgl.: Halm, H., a.a.O., S. 13–17.

[42] Vgl.: Halm, H., a.a.O., S. 13–17.

[43] Vgl.: Ebd., S. 13–17.

[44] Vgl.: Khoury, Adel H./Heine, Peter: Im Garten Allahs – Der Islam, Verlag Herder, Breisgau, 1996, S. 34ff.

[45] Ruthven, M., a.a.O., S. 103.

[46] Watt, W. M., a.a.O., S. 83.

[47] Dilger, Konrad: Die Entwicklung des islamischen Rechts. In Munir D. Ahmed u.a.: Der Islam III. Islamische Kultur – Zeitgenössische Strömungen – Volksfrömmigkeit – Die Religionen der Menschheit, Band 25,3, W. Kohlhammer, Stuttgart 1990, S. 60.

[48] Watt, W. Montgomery/Welch, Alford T.: Der Islam I, Mohammed und die Frühzeit – Islamisches Recht – Religiöses Leben – Die Religionen der Menschheit, Band 25,1, W. Kohlhammer, Stuttgart 1980, S. 233.

[49] Vgl.: Dilger, K., a.a.O., S. 60f.

[50] Vgl.: Ebert, Hans-Georg: Tendenzen der Rechtsentwicklung. In Ende, Werner/Steinbach, Udo (Hrsg.): Der Islam in der Gegenwart, 5. aktualisierte und erweiterte Auflage, C.H. Beck, München 2005, Lizenzausgabe für die Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2005, S. 200.

[51] Vgl.: Schirrmacher, C., a.a.O., S. 280ff.

[52] Vgl.: Ruthven, M., a.a.O., S. 106.

[53] Anderson, Norman: Law Reform in the Muslim World, The Athlone Press, University of London 1976, S. 178.

[54] As-Suyuti: Lubab an-Nuqul fi Asbab an-Nazul, Dar Ihaya'al-'ilm, Beirut, 4. Auflage, 1984, S. 13. Zit. nach: Mernissi, Fetema: Der politische Harem – Mohammed und die Frauen, Verlag Herder, Freiburg im Breisgau 1992, S. 123.

Ende der Leseprobe aus 110 Seiten

Details

Titel
Die Stellung der Frau im Islam am Beispiel der Vereinigten Arabischen Emirate
Hochschule
Universität Augsburg
Note
1,65
Autor
Jahr
2007
Seiten
110
Katalognummer
V82323
ISBN (eBook)
9783638860550
ISBN (Buch)
9783638879552
Dateigröße
1484 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Frau, Islam, Beispiel, Arabischen, Emirate
Arbeit zitieren
M.A. Karolina Böhm (Autor), 2007, Die Stellung der Frau im Islam am Beispiel der Vereinigten Arabischen Emirate, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/82323

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