Symbole und Leitmotive im "Helmbrecht" Wernhers des Gartenaere


Seminararbeit, 2001

22 Seiten, Note: sehr gut (1,0)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

I. Helmbrechts Haube
1. Die Haube im Text
1.1 Haubenschilderung
1.2 Herkunft der Haube
1.3 Die Haube als Zeichen für Helmbrechts Aufstiegswillen
1.4 Die Rolle der Haube für das Ende der Dichtung und das Gesamtwerk
2. Interpretationsansätze der Forschung
2.1 Bildprogramm zur moraldidaktischen Unterstützung
2.2 Die Vogelbilder als Schmuck- und Wappenembleme
3. Kritische Anmerkungen

II. Das Gerichtsverfahren gegen Helmbrecht und seine Hinrichtung
1. Helmbrechts Ende
1.1 Verhaftung, Prozess und Strafe
1.2 Die Rache der Bauern
2. Interpretationsansätze der Forschung
2.1 Rechtshistorische Deutung
2.2 Rechtstheologische Deutung
3. Kritische Anmerkungen

III. Die Träume des Meiers
1. Schilderung der Trauminhalte
2. Funktion fiktiver Träume
3. Symbolgehalt der Traumbilder
4. Kritische Anmerkungen

Schlusswort

Literaturverzeichnis

Vorwort

Das Hauptproblem bei der Interpretation mittelalterlicher Texte stellt zweifels-ohne die andersartige Erfahrungswelt dar, die den Menschen früherer Jahr-hunderte zu eigen war.

In diese andere Welt „einzusteigen“, ihre sozialen, religiösen und psycho-logischen Hintergründe zu erkennen, muss aber der Grundpfeiler jeglicher Versuche sein, literarische Werke des Mittelalters zu verstehen.

Dem literaturinteressierten, modernen Rezipienten mögen zwar stilistische Elemente auffallen, die ihm nicht unbekannt sind, eine geistesgeschichtlich – im wahrsten Sinne des Wortes – angemessene Interpretation wird er ohne ein fundiertes Vorwissen jedoch kaum erlangen können.

Ziel dieser Arbeit soll es sein, einen Teil dieses nötigen Vorwissens im Hinblick auf Leitmotive und Symbole, die gemeinhin am schwierigsten zu deuten sind, in kompakter Form zu liefern, und somit das Verständnis Wernhers des Gartenære „Helmbrecht“ zu erleichtern.

Beginnen werde ich meine Ausführungen ausgehend von der Haube als Leitmotiv, die den Bogen vom Anfang bis zum Schluss spannt. Von dort aus werden die Symbolik und die Hintergründe des Gerichtsverfahrens behandelt. Schließlich möchte ich noch auf die Träume des Meiers eingehen, und ihre Funktion und Symbolik untersuchen.

Die drei Blöcke werden nach dem gleichen Muster angegangen. Nach der textimmanenten Behandlung kommen schließlich verschiedene Ansätze aus der Forschungsliteratur zu Wort, die diskutiert werden sollen.

I. Helmbrechts Haube

Selten äußerte sich die Forschung so einmütig wie im Falle der Haube des Bauernburschen Helmbrecht in Wernhers des Gartenære Moraldidaxe, die vermutlich aus der 2. Hälfte des 13. Jahrhunderts stammt.

Das reich verzierte Kleidungsutensil wird durchweg in den Rang eines Leit-motivs erhoben, welches das Heldenschicksal selbst verkörpert und exem-plarisch in den Tun-Ergehen-Zusammenhang des aufmüpfigen Meiersohns integriert zu sein scheint.

Wie dieses Leitmotiv nun vom Anfang bis zum Ende das Werk wie ein roter Faden durchzieht, soll im Folgenden dargestellt werden.

1. Die Haube im Text

1.1 Haubenschilderung

Noch bevor die beiden Hauptfiguren – der Meier und dessen Sohn – dem Pub-likum vorgestellt werden, beginnt der Dichter seine plastische Darstellung der Haube, was sich dann bis v. 103 fortsetzt. Beginnend bei den Vogel-darstellungen, von denen im Proömium vorerst nur die kunstvoll und lebensecht aufgenähten Bilder von tûben und sitechen erwähnt werden, bekräftigt der Dichter die Unangemessenheit der Haube für einen Bauernsohn. Schritt für Schritt erläutert der Autor dem Rezipienten die Abbildungen auf der höfischen Kopfbedeckung, die später noch ausführlicher behandelt werden sollen.

Die Haubenschilderung scheint ganz bewusst an den Anfang des Werkes gesetzt zu sein, denn sie führt leitmotivisch die Problematik des behandelten Themas ein: der Bauernsohn Helmbrecht, der sich mit einem zutiefst höfischen Symbol schmückt, dadurch seinen Aufstiegswillen kundtut und die von Gott gegebene Ständeordnung verletzt.

„owê daz ie gebûre / solhe hûben solde tragen / dâ von sô vil ist ze sagen!“ (v. 54ff)

1.2 Herkunft der Haube

In den Versen 107 – 130 gibt Wernher nun eine Antwort auf die Frage, die sich wohl dem mittelalterlichen Zuhörer und dem modernen Leser gleichermaßen aufdrängt: Woher bekommt ein Bauernbursche eine derart kunstvoll gear-beitete und mit höfischen Symbolen geradezu übersäte Haube?

Diese Antwort ist ebenso simpel wie bezeichnend für die soziale Perspektive des Dichters: Eine Nonne, die aufgrund ihrer hövescheit (v. 110) ihr Ordens-leben aufgegeben hat, und ihren Trieben erlegen ist, aber hierin keineswegs einen Einzelfall darstellt (v. 112-116), fertigt die Kopfbedeckung gegen Auslösung in Naturalien, die sie von Helmbrechts Mutter und Schwester erhält.

Die Parallele zu Helmbrecht scheint unübersehbar, und so nennt Ittenbach die Nonnenepisode auch „ein[en] ‚Meier Helmbrecht im Kleinen’“[1].

1.3 Die Haube als Zeichen für Helmbrechts Aufstiegswillen

Im Dialog Helmbrechts mit seinem Vater, der über ein Fünftel des Werkes in Anspruch nimmt, und gleichzeitig die didaktischen Grundgedanken enthält, spielt die Haube ihre zweite große Rolle für das Gesamtwerk.

Der Vater versucht immer wieder und mit gesteigerter Hartnäckigkeit, seinen Sohn davon zu überzeugen, dass ihm seine Aufstiegsbemühungen nur Unheil einbringen würden. Aber insgesamt drei Mal[2] führt der Sohn seine äußerlichen Adelsattribute – allem voran die Haube – gegen den kohärenten Argumenta-tionsfluss des Vaters ins Feld, um seine Aufstiegsambitionen zu rechtfertigen und sich über seine bäuerliche Herkunft hinwegzusetzen.

1.4 Die Rolle der Haube für das Ende der Dichtung und das Gesamtwerk

Am Ende der Dichtung schließt sich der Kreis. Hier wird offenbar, welch engen Bezug der Autor zwischen Heldenschicksal und Haubenschicksal herstellt. Kommen sowohl Held als auch Haube bei der prozessualen Strafe noch mit dem Leben davon – die Haube scheint überhaupt nicht angetastet zu werden – so sind beide gleichermaßen Gegenstand der Rache der Bauern.

Die Heftigkeit und Gründlichkeit mit der die Bauern die Haube zerstören[3] noch bevor sie ihren Träger hängen, mag man aus ihrer immensen Symbolkraft heraus erklären: sie verletzte durch ihre Unangemessenheit die Ständeordnung und verleitete den Bauernsohn, in den Ritterstand zu streben, dessen ethische Verpflichtungen er wohl weder wahrnehmen konnte noch wollte.

Dadurch, und wohl auch durch seine materielle Grundeinstellung, musste er in ein landschädliches Raubrittertum abgleiten.

2. Interpretationsansätze der Forschung

2.1 Bildprogramm zur moraldidaktischen Unterstützung

Dass die Darstellungen auf Helmbrechts Haube nicht zufällig gewählt sind, sondern der Auswahl der Motive ein regelrechtes didaktisches Programm zu Grunde liegt, ist die Hauptthese in Helmut Brackerts Aufsatz „Helmbrechts Haube“[4], welcher die Grundlage für diesen Abschnitt sein soll.

Er unterteilt die Abbildungen in zwei Lehrkomplexe: zum einen die Lehre der Natur, was die Vogeldarstellungen beinhaltet, und zum anderen die Lehre der Tradition mit Bildern aus den Themenkreisen Illias, Völkerwanderung und Karlssage. Die höfische Tanzszene, die auf der Haubenfront untergebracht ist, steht über alledem, und verdeutlicht das absolute ritterliche Ideal. Gegen eine Zufälligkeit der verwendeten Bilder weisen die beiden Darstellungen aus der Illias:

„Vergleicht man sie mit den zahlreichen Abbildungen solcher Szenen, von denen in der mittelhochdeutschen Literatur die Rede ist, so fällt auf, dass auf keiner der erhaltenen Beschreibungen eben jene beiden Szenenmotive zusammenstehen [...] Diese spezifische Selektion [...] legt bereits die Vermutung nahe, dass die Zusammenstellung gerade dieser beiden Szenen nach einer bestimmten Absicht vorgenommen ist.“[5]

In jedem dieser Lehrkomplexe sieht Brackert sowohl Warnungen, wie man sich auf keinen Fall verhalten soll, als auch Ermahnungen, wie man sich möglichst verhalten sollte, verwirklicht. Diese Einteilung möchte ich kurz skizzieren.

Der Raub der Helena durch Paris entspräche also einem Negativexempel, einer Warnung, die leicht auf Helmbrecht übertragen werden kann. Der Bauernsohn durchbricht durch sein räuberisches Verhalten bestehende Ordnungen, ebenso wie der ehebrechende Paris.

Das Kontrastpaar vervollständigt die Szene aus der Karlssage: Karl und seine Paladine verkörpern bei der Eroberung heidnischer Gebiete und der Ausbreitung der ritterlich-abendländischen Kultur ein Heldenideal, das manheit und witze[6] vereinigt, und Helmbrecht als positives Beispiel und Ermahnung zu moralisch richtigem Handeln dienen soll.

Die Äneasflucht aus dem brennenden Troja mag zunächst neutral erscheinen. Doch wirft ein Blick auf Heinrichs von Veldeke Eneide mehr Licht auf die Sache. Hier wird nämlich berichtet, wie Äneas bei der Flucht seinen greisen Vater aus den Flammen rettet. Auch Albrecht von Halberstadt kennt diese Szene. Hier wird dem Hörer/Leser ein Bild aufopferungsvoller Vaterliebe vor Augen geführt, das nach der Intention des Autors für Helmbrecht wohl eine Ermahnung sein soll.

Das dazu gehörige Kontrastbild ist im Negativbeispiel von Orte und Scharf, der Söhne Etzels offenkundig, denn sie ziehen gegen den ausdrücklichen Willen der Eltern in die Schlacht und verlieren dabei ihr Leben. Wiederum soll dies auch eine Warnung an den Bauernburschen Helmbrecht sein, die ihm Unglück verheißt, wenn er sich nicht an den Rat seines Vaters hält.

Nach Auffassung von Brackert lässt sich dieses Gliederungs- und Deutungs-schema des traditionellen, geschichtlichen Bereichs auch auf die Vogel-darstellungen, i.e. den Bereich der Natur, übertragen.

Da hier Tiere beim Namen genannt werden, lassen sich durch die mittel-alterliche Methode der Tierallegorese tiefe Einsichten in den Bedeutungs-kontext der Vögel gewinnen.

„Zum Glück besitzen wir in Konrads von Megenberg ‚Buch der Natur’ von etwa 1350 die relativ treue Übersetzung einer lateinischen Vorlage, die Thomas von Chantimpré um 1250 verfasst hat, so dass uns das Naturwissen des 13. Jh.s in einem repräsentativen Werk greifbar wird.“[7]

Basierend auf diesem Werk interpretiert Brackert siteche und tûben, sowie die später auftretenden sparwære und galander als Kontrastpaare, die ebenso als Positiv- und Negativexempla, also als Ermahnung und Warnung für Helmbrecht fungieren sollen.

[...]


[1] Ittenbach 1932, S. 407

[2] vgl. v. 271-277; v. 303-324 ; v. 510-515

[3] vgl. v. 1880-1900

[4] ZfdA 103 (1974)

[5] Brackert (1974), S.167f

[6] vgl. v. 69

[7] Brackert (1974), S.173

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Symbole und Leitmotive im "Helmbrecht" Wernhers des Gartenaere
Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg  (Fakultät Sprach- und Literaturwissenschaften)
Veranstaltung
PS: Wernher der Gartenaere, Helmbrecht
Note
sehr gut (1,0)
Autor
Jahr
2001
Seiten
22
Katalognummer
V8252
ISBN (eBook)
9783638152716
ISBN (Buch)
9783656112495
Dateigröße
1122 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Haube, Vögel, Rezeption klassischer Stoffe, Rechtstheologie, Traumdeutung
Arbeit zitieren
Patrick Müller (Autor), 2001, Symbole und Leitmotive im "Helmbrecht" Wernhers des Gartenaere, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/8252

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