Die Verwendung des Klatschmotivs in Agatha Christies Detektivromanen um Miss Marple


Seminararbeit, 2006

30 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Gliederung

I. Einleitung und Ziel der Arbeit

II. (Definition von) Was ist Klatsch?
a. Wortgeschichte
b. Abgrenzung zum Gerücht
c. Weiblichkeit des Klatschens
d. Verbindung von Klatsch und Mord

III. Die Detektivgeschichten um Miss Marple und ihr Klatsch-Kontext
a. Klatsch im Detektivroman – Metaphern etc.
b. Miss Marples Charakter
c. Ermittlungsmethoden – Die Macht des Gespräches
d. Erzählmittel „Klatschen“
i. Genuss des Klatschens
ii. Gefahr des Klatschens
iii. Fehlwahrnehmungen

IV. Fazit

I. Einleitung und Ziel der Arbeit

„Hast du es schon gehört …?“ – Geheimnisse üben naturgemäß einen hohen Reiz auf uns aus; Dinge, die nicht für unsere Ohren bestimmt sind, wecken das Interesse umso mehr. Wie im Alltag des wahren Lebens, so ist Klatsch und Tratsch, ist das Reden über intime Affären anderer, auch in der Literatur ein beliebtes Thema, eignet es sich doch derart vortrefflich, um dem Leser das Gefühl zu geben, einen Einblick in die privatesten Angelegenheiten von Fremden erhalten zu können. Wo sonst, als in fiktiven Romanwelten ließe sich dieser voyeuristische Trieb so umfassend und ohne schlechtes Gewissen befriedigen? Nachweislich beschäftigt sich die literarische Welt daher bereits seit antiken Zeiten mit dem unterhaltsam-packenden Klatsch-Motiv und seinem „Charme des Indiskreten“.[1] Am eklatantesten aufgeblüht ist die literarische Verarbeitung des unbedachten, plauderhaften, aber unter vertraulichem Deckmantel stattfindenden Geredes unter vertraulichem Deckmantel in der Zeit des sich dem wahren, meist kleinbürgerlichen Leben zuwendenden Realismus.[2]

Zum Unterhaltungssektor gehört überdies seit ebenso langen Zeiten ein ganz bestimmtes Genre innerhalb der trivialen Literatur: der Detektivroman. Auch ihm ist eigen, dass er dem Leser ermöglicht, über die Fiktion an spannenden Vorgängen, an den Ermittlungen in Mordangelegenheiten, zu partizipieren, die ihm im realen Leben für gewöhnlich verwehrt bleiben.[3]

Hinsichtlich des kriminalliterarischen Feldes fehlt der Name einer Autorin in keiner Gattungsstudie: Agatha Christie. Die 1976 verstorbene Britin konnte ihr Leben lang beständig Erfolge feiern – und auch nach ihrem Tod bleibt die Popularität der Schriftstellerin weltweit ungebrochen: Schon 1990 gingen Schätzungen von über zwei Milliarden verbreiteten Roman-Exemplaren der Christie, die insgesamt 95 Bücher geschrieben hat,[4] aus – eine Zahl, die lediglich die Bibel zu übertreffen vermag.[5] Und übersetzt wurde die „Beste Kriminalschriftstellerin des Jahrhunderts“[6] bislang in insgesamt 103 Sprachen, was sogar Shakespeares Verbreitung überbietet.[7]

Christies Figur der alten, schrulligen Detektivin Miss Marple, stellt aufgrund ihrer spezifischen Ermittlungstechniken und Charaktereigenschaften für die ‚Klatsch-Forschung’ einen besonders interessanten Ansatzpunkt dar; sie bildet sozusagen eine Synthese zwischen unterhaltsamer Detektiv- und Klatschliteratur, gilt sie doch als Inbegriff einer verschrobenen Klatschbase.[8] Hier tut sich eine hoch spannende Lektüre-Landschaft auf, die sich bestens zur literarischen Erforschung des bislang recht kontrovers und lückenhaft dargestellten Themas der Gerüchte- und Klatschforschung zu eignen scheint. Diese These wird im Folgenden zu belegen sein.

Ziel der Arbeit ist es, anhand verschiedener Romane die Verwendung des Klatsch-Motivs zu beleuchten. Allein schon der Charakter der Protagonistin eröffnet diesbezüglich sehr komplexes und viel versprechendes Analysematerial. Ist sie lediglich eine neugierige Tratschtante oder vielleicht doch vielmehr eine geniale, mythisch überhöhte Rachegöttin auf den Spuren der berühmten Fama? Des Weiteren wird besonders die symptomatische, die Handlung vorantreibende Bedeutung des Klatsch-Moments für die Komposition der Detektivgeschichte untersucht werden. Denn Klatschtheorien warnen nicht selten vor der Gefahr des Klatschens – wird dieses Element bei Christie (als narratives Mittel) eingesetzt, und wenn ja, wie? Ebenso wird der Genuss-Aspekt, wird die Lust am Konsum von Intimitäten, welche Agatha Christie in ihren Marple- Romanen auf äußerst geschickte Weise funktional einsetzt, zu analysieren sein. Und auch das Faktum, dass Klatsch profan als eine Tätigkeit beschrieben wird, die vor allem vom weiblichen Geschlecht frenetisch ausgeübt, ja, geradezu zelebriert wird, darf nicht vergessen werden. Die Studie wird sich daher auch dem gender -Aspekt des Klatschens widmen.

Zunächst soll allerdings gezeigt werden, dass das indiskrete Sprechen über Abwesende erstaunlicherweise eine klare Verbindung zum Mordgeschäft aufweist. Diese verblüffende These lässt sich anhand einer kurzen Vorstellung der Geschichte des Klatsch-Begriffes belegen.

II. „Klatsch“ – was ist das eigentlich?

II.a Wortgeschichte: Klatsch – (r)eine Frauensache?

Der Ausdruck „Klatsch“ kann auf eine hochinteressante Wortgeschichte zurückblicken, dessen Analyse durchaus lohnenswert ist und zum Verständnis des Phänomens beiträgt. Birgit Althans setzt diesbezüglich im 18. Jahrhundert an,[9] einer Zeit welche dem Klatsch seine Konnotation des Schmutzes und der Besudelung einbrachte. Denn damals galten die Waschweiber, welche in mühevoller, langwieriger Arbeit die Kleidung insbesondere der reichen Leute zu reinigen hatten, als besonders geschwätzig. Aufgrund ihrer Tätigkeit konnten sie oftmals intime, teilweise pikante Details aus den Leben ihrer Herren anhand verschiedener Schmutzrückstände in der Wäsche ablesen. Ein derartiges indiskretes Reden über Intimitäten Abwesender, welches den Waschweibern selbst eine Ablenkung und daher Arbeitserleichterung bedeutete, fasste Martin Luther einerseits in das Bild, dass die Frauen die Kleidung „mit dem Maule waschen“,[10] zum anderen leitete sich hieraus bald die onomatologische Bezeichnung „Klatsch“, bzw. die Tätigkeitsbeschreibung des „Klatschens“ ab, was sich vor allem durch die akustische Kulisse der Waschweiber-Arbeit erklären lässt: das durch das Schlagen der Wäsche erzeugte permanente Klatsch-Geräusch. Die Übertragung dieser Lautmalerei auf die spezifische Beschreibung einer Kommunikationssituation verleiht der Klatscherei (im Sinne des Geschwätzes) einen unvergleichlichen Charakter; so wird nämlich der Gesprächsinhalt als lautes, jedoch schnell verhallendes und daher nichtiges und belangloses Gerede abgetan, dessen potentielle Verletzbarkeit zudem stets mitschwingt.[11] Diese wiederum bezieht sich im weitesten Sinne – und dies mag überraschen – nicht nur auf das Klatschopfer, welches in Verruf gerät und daher der Gefahr der öffentlichen Erniedrigung ausgesetzt wird, sondern ebenso wird der Informationslieferant durch die Einstufung seines Geredes als „Klatsch“ herabgesetzt und mit einem blasphemischen Zeichen versehen, denn „[w]enn man eine Rede als Klatsch bewertet, zeichnet man auch den anderen Sprecher mit einem Stigma: Klatsch!“[12] Hieraus lassen sich auch die Klatsch-Gerede metaphorisierenden Redensarten „sich das Maul zerreißen“ oder „mit böser Zunge sprechen“ ableiten.[13]

Obwohl Klatschen noch heute meist mit dem weiblichen Geschlecht, dem Paradigma der schwatzenden Waschweiber, in Verbindung gebracht wird, ist es im historischen Sinne keineswegs eine reine ‚Unart’ der Frauen. Die Redeart lässt sich nämlich auf einen lokalen Kontext ausweiten, welcher damals im Gegensatz zu unserem heutigen Verständnis vor allem mit männlicher Arbeit in Verbindung gebracht wurde: auf Kaffeehäuser. In den Frauen nicht zugänglichen Kaffeestuben wurde von Männern mit dem Ziel geklatscht, möglichst gute Geschäfte zu machen, der Akt wurde also quasi als Profession verstanden und betrieben; die im Ursprung lediglich der Unterhaltung dienliche kommunikative Beschäftigung kann demnach auch gewinnbringend eingesetzt werden, wie die Geschäftsmänner schon im 18. Jahrhundert verstanden.[14]

Dennoch: Die althergebrachte Verknüpfung der ‚klatschenden’ Konversationsform mit dem Femininen, im Bilde der tratschenden Waschweiber, bleibt bis heute unauflösbar,[15] obgleich es spezifisch männlichen Klatsch immer gegeben hat und bis heute gibt.

II.b Klatschtheorien und ihre Verbindung zum Detektivroman

Der Ausdruck „Klatsch“ gibt in unserem Wortverständnis nicht nur Auskunft über den Inhalt einer Kommunikation, nämlich das Reden über Neuigkeiten bezüglich persönlicher Angelegenheiten nicht-anwesender Personen, sondern er charakterisiert zudem den typischen Vorgang der Kommunikation: Klatsch als Geschwätz hinter vorgehaltener Hand.[16] Dennoch zeigen zahlreiche Studien auf, dass Klatsch nicht zwangsläufig destruktiv sein muss. So stellt er beispielsweise einen bedeutenden Faktor dar, wenn es darum geht, Intimität, eventuell sogar Freundschaft, zwischen zwei Menschen zu konstituieren.[17]

Zudem ist Klatsch nicht eindeutig zu trennen von einem ihm verwandten Phänomen, dem Gerücht, welches ebenso wie Klatsch eine informelle Art der Kommunikation darstellt.[18] Werner Wunderlich bezeichnet Klatsch auch als die „alltägliche schwatzhafte Variante des Gerüchts“,[19] in erster Linie dem menschlichen Unterhaltungsbedürfnis dienlich. Das Gerücht wiederum findet seine Verkörperung in der mystischen Gestalt der Fama. Bei Virgil ist die Fama eine fatalistische, ständig wachsende Göttin zwischen Himmel und Erde, deren zahllosen Augen weder Wahrheit noch Lüge entgeht.[20] Hier deutet sich eine erste Nähe zum Detektivroman an: Da nicht selektiert wird zwischen Wahr und Falsch, gehen von der Fama ein enormes Gefahrenpotential sowie eine tragische Kraft aus; gleichzeitig indiziert dies, dass die Fama einen Kommunikationsprozess verkörpert, der einer Richterinstanz gleichkommt, wie sie im Detektivroman gebraucht wird. Es spiegelt sich die spezifische Komposition des Detektivromans in Famas Geschichte wider: Sie ist „kurz und knapp auf effektvolle Behauptungen zugespitzt“, sie erhebt ihren „Faktizitäts- und Authentizitätsanspruch“ durch Details, sie lässt viel Raum für Spekulationen und Bewertungen durch absichtliche Vagheit in der Darstellung; außerdem werden Informationen meist den Vorurteilen und Klischees der Menschen angepasst.[21] Weiter beschreibt der Detektivroman einen durch die Mordtat ausgelösten Zustand von Unsicherheit, Bedrohung und Angst – genau diese Faktoren stellen die Vorbedingungen zur Entstehung eines Gerüchts wie auch eines erhöhten Klatschbedürfnisses dar.[22] Und nicht zuletzt der Ansatz einer männlichen Klatschtradition, die Verknüpfung der Redetätigkeit mit einer professionellen Motivation nämlich, lässt sich in der detektivischen Ermittlungsarbeit vermuten.

Diese erste Schnittmenge zwischen Klatsch und Detektivroman stellt den Ausgangspunkt meiner Überlegungen dar und wird im Folgenden noch weiter zu beleuchten sein, und zwar explizit hinsichtlich des signifikanten Exempels der Miss-Marple -Romane Agatha Christies.

[...]


[1] Klaus Thiele-Dohrmann: „Schwatzende Zungen – lüsterne Ohren“. Zur Psychologie des Klatsches. München: Wilhelm Heyne Verlag 1988, S. 82. (Thiele-Dohrmann nennt als Beispiele etwa die Autoren Horaz und Sueton, in deren Werken Klatsch eine übergeordnete Rolle spielte.)

[2] Wissenschaftliche Studien erforschen diesbezüglich etwa Wilhelm Raabes Werk. (Vgl. Brigitte Doerrlamm: Gasthäuser und Gerüchte. Zu integrativer Polyphonie im Werk Wilhelm Raabes. Frankfurt a.M.: Lang 2003.)

[3] Mit den Reizen und Vorzügen von Kriminalliteratur beschäftigt sich z.B.: Dieter Wellershoff: Vorübergehende Entwirklichung. Zur Theorie des Kriminalromans. In: ebd. (Hg.): Literatur und Lustprinzip. Essays. München: dtv 1975, S. 60-106.

[4] Vgl. Dennis Sanders u. Len Lovallo: The Agatha Christie Companion. The complete guide to Agatha Christie’s life and work. London: W.H. Allen 1985, S. xvi.

[5] Vgl. Thomas Klingenmaier: „Tod in einer schmerzlosen Welt. Zum hundertsten Geburtstag der Kriminalschriftstellerin Agatha Christie“. In: Stuttgarter Zeitung, Nr. 214, 15.09.90, S. 37.

[6] Den Titel verlieh Christie die Bouchercon Mystery Convention im Dezember 2000. (Vgl. Peggy Voigt: „Agatha Christie ist die Jahrhundertautorin“. In: buchreport.magazin, Dez. 2000, S. 63-65.)

[7] Vgl. H.R.F. Keating (Hg.): Agatha Christie. First Lady of Crime. London: Weidenfeld and Nicolson Ldt. 1977, S. 7 („Introduction”).

[8] Inwiefern diese Darstellung adäquat und sachgemäß zu nennen ist, bzw. inwiefern sie auf zu klischeehafte Weise wichtige Eigentümlichkeiten des Marple-Charakters übersieht, wird im Folgenden zu untersuchen sein.

[9] Vgl. Birgit Althans: Der Klatsch, die Frauen und das Sprechen bei der Arbeit. Frankfurt a.M.: Campus Verlag 2000, S. 24.

[10] Vgl. ebd., 18.

[11] Vgl. ebd., 36f.

[12] Ebd., 38f.

[13] Vgl. Werner Wunderlich: Gerücht – Figuren, Prozesse, Begriffe. In: Manfred Bruhn und ders. (Hg.): Medium Gerücht. Studien zu Theorie und Praxis einer kollektiven Kommunikationsform. Bern/Stuttgart/Wien: Haupt Verlag 2004, S. 41-66, hier: S. 55f.

[14] Ausführlich zur Entwicklung des männlichen Klatschens vgl. Althans, S. 80-154.

[15] So ist laut Althans’ Definition Klatsch das genüssliche, nutzlose Sprechen über Abwesende, das primär mit dem weiblichen Körper in Verbindung gebracht wird. Vgl. ebd., S. 13.

[16] Vgl. Jörg R. Bergmann: Klatsch. Zur Sozialreform der diskreten Indiskretion. Berlin/ New York: Walter de Gruyter 1987, S. 61.

[17] Vgl. Deborah Tannen: Du kannst mich einfach nicht verstehen. Warum Männer und Frauen aneinander vorbeireden. Übersetzt von Maren Klostermann. Hamburg: Ernst Kabel Verlag 1991, S. 101f; vgl. auch Thiele-Dohrmann, S. 164ff. Letzterer erkennt Klatsch als Möglichkeit zur Selbsterkenntnis, zum Aggressionsabbau und Erweckung von Gemeinschaftsgefühl.

[18] Manfred Bruhn: Gerüchte als Gegenstand der theoretischen und empirischen Forschung. In: ders. und Werner Wunderlich (Hg.): Medium Gerücht. Studien zu Theorie und Praxis einer kollektiven Kommunikationsform. Bern/Stuttgart/Wien: Haupt Verlag 2004, S. 11-40, hier: S. 16.

[19] Wunderlich, S. 57.

[20] Vgl. ebd., S. 44f. Vgl. außerdem Marco Publius Virgilius: Werke in einem Band. Übersetzt von Dietrich Ebener. Berlin: Aufbau-Verlag 1984.

[21] Vgl. Wunderlich., S. 46.

[22] Vgl. ebd., S. 45.

Ende der Leseprobe aus 30 Seiten

Details

Titel
Die Verwendung des Klatschmotivs in Agatha Christies Detektivromanen um Miss Marple
Hochschule
Universität Siegen  (FB 3: Literatur-, Sprach- und Medienwissenschaften)
Veranstaltung
Literatur- und Medientheorie des Gerüchts
Note
1,7
Autor
Jahr
2006
Seiten
30
Katalognummer
V82622
ISBN (eBook)
9783638018630
ISBN (Buch)
9783638919937
Dateigröße
613 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Verwendung, Klatschmotivs, Agatha, Christies, Detektivromanen, Miss, Marple, Literatur-, Medientheorie, Gerüchts
Arbeit zitieren
Sabine Buchholz (Autor), 2006, Die Verwendung des Klatschmotivs in Agatha Christies Detektivromanen um Miss Marple, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/82622

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