Franz Kafka: "Die Verwandlung" - Die Verwandlungsmetapher und ihre Psychodynamik


Hausarbeit, 2004

12 Seiten, Note: 1,8


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.Einleitung

2.Die Vorgeschichte und ihre psychischen Auswirkungen
2.1. Die berufliche Situation
2.2. Gregor und seine Umwelt
2.3. Fazit: Die psychische Situation Gregors

3. Interpretation der Verwandlungsmetapher
3.1. Als körperlicher Ausdruck der Isolation und Entfremdung
3.2. Als Ausdruck eines inneren Triebes
3.3. Als Ausdruck eines inneren Konflikts

4.Ergebnisse

5.Literaturverzeichnis
5.1. Primärliteratur
5.2. Sekundärliteratur

1. Einleitung

Der Beginn der Erzählung Die Verwandlung von Franz Kafka bzw. die Frage, was Auslöser der Verwandlung Gregor Samsas in ein „ungeheures Ungeziefer“ ist, hat in der Kafka-Forschung eine Vielzahl von verschiedenartigen Interpretationen verursacht. „Hauptproblem“, so Beicken1, „ist die besondere Natur des zentralen Symbols, denn es erlaubt keine der herkömmlichen Interpretationen mehr“. Die Interpretationsvielfalt, die in der Forschung sichtbar wurde, führte sogar dazu, Kafkas Erzählungen als nicht interpretierbar einzustufen2. Doch es kann nicht Sinn der Literaturwissenschaft sein, die Beschäftigung mit Texten, die Schwierigkeiten bereiten bzw. eine communis opinio nicht zulassen, aufzugeben, sondern es ist dann ihre Aufgabe, diese Schwierigkeiten zu benennen und immer wieder neue Fragen an die betreffenden Texte zu stellen.

Im Gegensatz zu Beicken3 ist der Urheber dieser Arbeit der Auffassung, dass die Interpretation eines literarischen Werkes immer von den „Erkenntnisinteressen“ des betreffenden Interpreten beeinflusst sein muss und ihm nicht unbedingt „Gewalt antut“. Erkenntnis ist nicht möglich ohne Erkenntnisinteresse, doch muss es Aufgabe des Interpreten sein, die subjektiven Faktoren, die seine Arbeit bestimmen, möglichst gering zu halten und - vor allem - zu formulieren.

So soll der Ausgangspunkt dieser Arbeit ein bemerkenswertes Zitat von Heinz Politzer sein: „Sie [d.h. die Erzählung] handelt nicht von einer Verwandlung, sondern einem Verwandelten“4. Das Hauptaugenmerk soll also auf dem Protagonisten der Erzählung Gregor Samsa liegen und dabei besonders dessen psychische Situation und ihre Folgen für eine psychologische Deutung der Verwandlung berücksichtigen. Dass dabei vieles außer Acht bleiben muss - genannt seien hier nur beispielsweise Gregors besonderes Verhältnis zu seiner Schwester und seinem Vater - bedingt die gebotene Kürze dieser Arbeit. Die Analyse von Gregors Lebenssituation, vor allem seiner beruflichen Existenz und seinem Verhältnis zu seiner näheren Umwelt, wird ein psychisches Grundmuster des Protagonisten liefern, von dem ausgehend mögliche Interpretationsansätze dargestellt werden, die - in einem letzten Schritt - in eine abschließende Interpretation einfließen sollen.

2. Die Vorgeschichte und ihre psychischen Auswirkungen

Heinz Politzer schreibt: „Die Verwandlung des Handlungsreisenden Gregor Samsa in ein ungeheures Ungeziefer ist im ersten Satz der Erzählung die Verwandlung vollzogen. [...] Wie eine antike Tragödie zeigt die Geschichte lediglich den letzten Akt“5. Die Ursachen dieses einschneidenden Erlebnisses werden in der Verwandlung nicht explizit benannt, jedoch lassen Gregors Gedanken im Verlauf der Erzählung einerseits Rückschlüsse auf Gregors existenzielle Situation und andererseits auf seinen Umgang mit dieser Situation und die psychischen Auswirkungen auf ihn zu. Der Leser erfährt sukzessive durch das Medium der Gedanken Gregors nach der Verwandlung von Ereignissen und Konstellationen, die vor der Verwandlung ihren Ursprung haben. Er ist also bei der Interpretation der Verwandlung Gregors in ein „ungeheures Ungeziefer“ (S.115)6 gezwungen, zuerst Gregors Gedanken zur Vorgeschichte der Verwandlung zu analysieren, um dann - in einem weiteren Schritt - zu den Ursachen und Triebfedern vorzudringen, die der Verwandlungsmetapher zugrunde liegen7. Im Folgenden sollen daher die Gedanken Gregors zu seiner Situation vor der Verwandlung analysiert werden und dabei vor allem sein Verhältnis zu Beruf, Familie, zu sich selbst und anderen Berücksichtigung finden.

2.1. Die berufliche Situation

Gregors Unzufriedenheit mit seiner beruflichen Situation ist deutlich erkennbar:

„Ach Gott“, dachte er, „was für einen anstrengenden Beruf habe ich gewählt! Tag aus, Tag ein auf der Reise. Die geschäftlichen Aufregungen sind viel größer, als im eigentlichen Geschäft zu Hause, und außerdem ist mir noch diese Plage des Reisens auferlegt, die Sorgen um die Zuganschlüsse, das unregelmäßige, schlechte Essen, ein immer wechselnder, nie andauernder, nie herzlich werdender menschlicher Verkehr. Der Teufel soll das alles holen!“ (S.116)

Doch Gregor sieht sich nach dem Bankrott seines Vaters gezwungen, ja sogar „verurteilt“ (S. 124), die Alleinversorgerposition in der Familie zu übernehmen - ganz im Gegensatz zu seinem eigentlichen Wunsch, diese Arbeit aufzugeben:

„Wenn ich mich nicht wegen meiner Eltern zurückhielte, ich hätte längst gekündigt, ich wäre vor den Chef hin getreten und hätte ihm meine Meinung von Grund des Herzens [sic!] aus gesagt.“ (S.117)

Gregor stellt also sein eigenes Wohlbefinden dem der Familie hintan und vertröstet sich zusätzlich noch auf eine unbestimmte, ferne Zukunft, in der alles besser werden soll:

„Nun, die Hoffnung ist noch nicht gänzlich aufgegeben; habe ich einmal das Geld beisammen, um die Schuld der Eltern an ihn abzuzahlen - es dürfte noch fünf bis sechs Jahre dauern -, mache ich die Sache unbedingt. Dann wird der große Schnitt gemacht.“ (S.117f.)

Gregor ist folglich innerlich hin- und her gerissen zwischen seinen eigenen Wünschen und dem äußeren Zwang, der Last, die auf seinen Schultern liegt8. Doch die Entscheidung für das Tragen dieser Last, hat für ihn furchtbare Konsequenzen. Er sieht sich einem Durcheinander von Druck, Abhängigkeit und Unmenschlichkeit ausgesetzt, das ihn vollkommen in Isolation und Entfremdung treibt und so weit führt, dass Gregor jenseits seiner beruflichen Sphäre keine eigene mehr besitzt.9 Sautermeister hat diese Entfremdung treffend charakterisiert:

„Der Beruf präsentiert sich Gregor als Entfremdung auf drei ständig wechselnden Ebenen: [1.] die Zeit ist in Termine aufgesprengt [...]; [2.] eine [...] Befriedigung des elementarsten Bedürfnisses, des Bedürfnisses zu essen, ist ihm versagt; [3.] die Menschen sind bloß Objekte seiner geschäftlichen Interessen [...] wie umgekehrt er ein Objekt ihres [...] auf preisgünstige Waren zielenden Kalküls ist.“10

Diese Entfremdung geht sogar noch weiter, denn Gregor internalisiert die Forderungen der Berufswelt, seine Existenz basiert fast ausschließlich auf seiner Arbeit, selbst seine Freizeit verbringt er mit inadäquaten Beschäftigungen:

„Der Junge hat ja nichts im Kopf als das Geschäft. Ich ärgere mich schon fast, daß er abends niemals ausgeht; jetzt war er doch acht Tage in der Stadt, aber jeden Abend war er zu Hause. Da sitzt er bei uns am Tisch und liest still die Zeitung oder studiert Fahrpläne. Es ist schon eine Zerstreuung für ihn, wenn er sich mit Laubsägearbeiten beschäftigt.“ (S. 126)

Vonseiten der Berufswelt wird Gregor infolge der eigenen und der indirekten Abhängigkeit der Familie von ihr11 so sehr unterdrückt, dass er selbst jedes kleinste Versäumnis als äußerst peinlich und seinen Beruf gefährdend ansieht. Sein Chef wird von Gregor wie ein Despot charakterisiert, der „von der Höhe herab“ (S.117) mit seinen Angestellten kommuniziert und vollkommene Kontrolle über die Angestellten beansprucht.12 Der Druck, den die Berufswelt auf ihn ausübt, ist ein am Nutzen orientierter, trotz Gregors Aufopferung für seinen Beruf und seine Familie schwebt über ihm das Damoklesschwert der Entlassung:

„Und ihre Stellung ist durchaus nicht die festeste. […] Ihre Leistungen waren in der letzten Zeit also sehr unbefriedigend; es ist zwar nicht die Jahreszeit, um besondere Geschäfte zu machen, das erkennen wir an; aber eine Jahreszeit, um keine Geschäfte zu machen, gibt es überhaupt nicht, Herr Samsa, darf es nicht geben.“ (S.129)

Die nach dem Leistungsprinzip agierende Arbeitswelt drängt Gregor repressiv in die Rolle eines Arbeitstiers.

2.2. Gregor und seine Umwelt

Doch Gregor erhält auch von seiner direkten Umgebung nicht die Anerkennung, die er für seine Aufopferung verdient hätte:

„Man hatte sich eben daran gewöhnt, sowohl die Familie, als auch Gregor, man nahm das Geld dankbar an, er lieferte es gern ab, aber eine besondere Wärme wollte sich nicht mehr ergeben.“ (S.152)

Im Gegenteil, „die Selbstverleugnung, die Gregor in seiner Hingabe an den Beruf des Handelsagenten an den Tag gelegt hatte war [...] übertrieben gewesen. [...] der Vater hatte Gregors Pflichtbewußtsein rückhaltlos ausgebeutet“13, denn „das Geld, das Gregor allmonatlich nach Hause gebracht hatte […] [war] nicht vollständig aufgebraucht worden“, mit dem „die Schuld des Vaters“ (S.154) hätte zurückgezahlt und Gregor somit eher von seiner beruflichen Last entbunden werden können.

[...]


1 Beicken, Peter U.: Franz Kafka. Eine kritische Einführung in die Forschung. Frankfurt am Main 1974. S.261.

2 Vgl. Corngold, Stanley: Franz Kafka. The necessity of form. Ithaca 1988. S.80: „Certainly, it has become the practice of many sharp readers of Kafka to try to prove his stories in indecipherable“.

3 Beicken: Einführung in die Forschung. S.261: „Alle solche ,Erklärungsversuche’ zwingen den Interpre- ten, jeweils gewisse Hauptursachen herauszugreifen, was freilich immer wieder auf die Bestätigung seines Erkenntnisinteresses hinausläuft und der Geschichte letztlich Gewalt antut“.

4 Politzer, Heinz: Franz Kafka. Der Künstler. Frankfurt am Main 1965. S.125.

5 Politzer: Künstler. S. 104.

6 Fortlaufende Seitenzahlen in Klammern im Text beziehen sich in der Folge immer auf die Seitenzahlen folgender kritischer Ausgabe der Verwandlung: Kafka, Franz: Die Verwandlung. In: ders.: Drucke zu Lebzeiten. Hg. v. Wolf Kittler, Hans-Gerd Koch und Gerhard Neumann. Frankfurt 1994. S.115-200 (Textband).

7 Vgl. Honegger, Juerg B.: Das Phaenomen der Angst bei Franz Kafka. Berlin 1975. S.196: „Kafka stellt das frühere Leben Gregors so ausführlich und deutlich dar, daß dessen Verwandlung […] in engster Verbindung […] zu sehen ist.“

8 Vgl. Emrich, Wilhelm: Franz Kafka. Bonn 1958. S.118 „Samsa schwankt zwischen den Sphären. Einer- seits wird er von den rational-planenden Überlegungen seiner Arbeit bestimmt […]. Andererseits ver- flucht er seine Arbeit“ und Honegger: Das Phaenomen der Angst bei Franz Kafka. Berlin 1975. S.195: „durch den Widerstand, welchem er aus Rücksicht auf die Familie nicht nachgeben durfte wurde ihm die Arbeit immer schwerer, so daß sie sich schließlich nur noch […] im unablässigen Kampf gegen den Willen, sie aufzugeben, bewältigen ließ; je stärker Gregor diese Abwehr bekämpfen musste, desto ver- hasster wurde ihm sein Beruf“.

9 Vgl. Tauber, Herbert: Franz Kafka. An interpretation of his works. Port Washington 1968. S.19f.: “He awakes to an inexpressible feeling of alienation from the world around him, to which he had adapted himself to the point of self-oblivion”.

10 Sautermeister, Gert: Die sozialkritische und sozialpsychologische Dimension in Franz Kafkas "Die Ver- wandlung". In: Der Deutschunterricht 26 (1974). S.101f.

11 Vgl. Sautermeister: sozialkritische und sozialpsychologische Dimension. S.103f.: „Aus der materiellen Abhängigkeit des Vaters Samsa von Gregors Chef entfalten sich weitere Abhängigkeiten. Als Sohn muss Gregor für das geschäftliche Unglück seines Vaters büßen und seinem Chef blind gehorchen. [...] zugleich wird die Familie finanziell vom Sohn abhängig“.

12 Sokel, Walter H.: Kafkas ‚Verwandlung’. Auflehnung und Bestrafung. In: Heinz Politzer (Hrsg.): Franz Kafka. Darmstadt ³1991. S.274: „wie der Besuch des Prokuristen ein Schlaglicht auf die Macht wirft, mit der das Unternehmen Gregor wegen der Verschuldung seines Vaters unterdrückt. [...] Die Firma verfolgt Gregor [...] um ihn mit der Drohung der sofortigen Entlassung gefügig zu machen, bevor er die Gelegenheit hat, die Schuld abzutragen“.

13 Politzer: Künstler. S.112. und vgl. Sautermeister: sozialkritische und sozialpsychologische Dimension. S.103f.: „Die finanzielle Abhängigkeit vom Sohn hindert die Familie jedoch nicht daran, die moralische und psychische Abhängigkeit des Sohns von ihr schamlos auszunutzen“.

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Franz Kafka: "Die Verwandlung" - Die Verwandlungsmetapher und ihre Psychodynamik
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg  (Deutsches Seminar II)
Veranstaltung
Einführung in das Studium der Neueren Deutschen Literatur
Note
1,8
Autor
Jahr
2004
Seiten
12
Katalognummer
V82830
ISBN (eBook)
9783638889346
ISBN (Buch)
9783638889438
Dateigröße
483 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Franz, Kafka, Verwandlung, Verwandlungsmetapher, Psychodynamik, Einführung, Studium, Neueren, Deutschen, Literatur
Arbeit zitieren
Robert Igel (Autor), 2004, Franz Kafka: "Die Verwandlung" - Die Verwandlungsmetapher und ihre Psychodynamik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/82830

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