Entstehung von Wirtschaftsbeziehungen im arabischen Orient

Der Handel zur Zeit des Propheten Muhammad bis zu den Abbasiden


Diplomarbeit, 2006

77 Seiten, Note: 2


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1 Einleitung

2 Zeitreise durch die frühe islamische Handelsgeschichte
2.1 Arabien vor dem Islam
2.2 Die Gründung des arabisch-islamischen Reiches
2.3 MuÇammad, der Kaufmann
2.4 Die Rechtgeleiteten Kalifen
2.4.1 Abū Bakr aÌ-Ṣiddīq
2.4.2 CUmar ibn al-Ḫaṭṭāb
2.4.3 CUÐmÀn ibn CAffÀn
2.4.4 CAlī ibn Abī Ţālib
2.5 Dynastie der Umayyaden
2.6 Dynastie der CAbbāsiden

3 Anfänge des Handels und deren Konsequenzen
3.1 Netzwerk des Handels
3.2 Handelsrouten der arabischen Kaufleute
3.2.1 Weihrauchstraße
3.2.2 Seidenstraße
3.2.3 Seeweg
3.3 Marktaufsicht – al-Çisba
3.4 Stellung der Kaufleute
3.5 Entwicklung der Geldwirtschaft

4 Entstehung von Handelszentren
4.1 Mekka
4.2 Kūfa, BaÌra und Wāsiţ
4.3 Bagdad
4.4 Kairo
4.5 Damaskus

5 Handelswaren
5.1 Erzeugung und Exportprodukte aus arabischen Ländern
5.1.1 Weihrauch und Myrrhe
5.1.2 Getreide- und Nutzpflanzen
5.1.3 Oliven und Wein
5.1.4 Gemüse und Früchte
5.1.5 Tierzucht
5.1.6 Textilien
5.2 Importprodukte nach arabischen Ländern
5.2.1 Sassanidischer Orient
5.2.2 Byzantinisches Syrien und Ägypten
5.2.3 ‚Barbarischer’ Okzident

6 Fernhandel
6.1 Beziehungen zu Indien
6.2 Beziehungen zu China
6.3 Beziehungen zu Afrika
6.4 Beziehungen zu Europa

7 Konklusion

ABBILDUNGSVERZEICHNIS

Abbildung 1: Zeittafel des Islam

Abbildung 2: Islamischer Staat zur Zeit der rechtgeleiteten Kalifen

Abbildung 3: Ausdehnung und wichtigste Handelsrouten

Abbildung 4: Städte der islamischen Welt zwischen dem 10. und 14. Jahrhundert

Abbildung 5: Die arabischen Eroberungen und die Ausbreitung des Islam

Abbildung 6: Schematische Darstellung der Handelsbeziehungen und des wirtschaftlichen Einflusses der Islamischen Welt (8.-11. Jahrhundert)

Abbildung 7: Aufstellung der Handelsgüter, die nach China gelangten

Im Anfang kannte der Mensch keine Straßen.

Wenn aber viele Menschen in dieselbe Richtung gehen,

entsteht ein Weg.

(Quelle: Kaster, H.: Die Weihrauchstraße)

1 Einleitung

Zur Transkription: Die Umschrift des Arabischen dieser Diplomarbeit wurde dem Vorschlag der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft angeglichen. Begriffe, die sich auch im Deutschen eingebürgert haben, werden ohne Umschrift angegeben.

Nachrichten über den Handel der Araber findet man in vielen Gedichten und Erzählungen und wahrscheinlich hörte jeder von uns bereits eine Geschichte über die Reisen der arabischen Kaufleute, oder erfreute sich an einer spannenden Seemannsgeschichte. Märchen aus den Tausendundein Nächten, wie beispielsweise über Sindbad den Seefahrer, sind in der ganzen Welt populär und werden immer wieder gerne gelesen. Diese Werke berichten über das Leben und Handeln der Araber zu einer längst vergangenen Zeit. Man bekommt Informationen über die wichtigsten Häfen, lernt über die Struktur der einzelnen Markplätze und liest Berichte über Länder und Städte, mit denen die Araber Handel trieben.

Die Wüste, das Nomadentum und die Stammesverbundenheit waren die wesentlichen Bestandteile des ältesten Arabertums. Bereits in vorislamischer Zeit drangen Kaufleute bis weit nach China vor und gründeten Kolonien. Auch auf der Arabischen Halbinsel bildeten im 6. Jahrhundert Städte wie Mekka oder Taif, bedingt durch ihre günstige Lage, Knotenpunkte des Karawanenhandels. Sie bildeten Stützpunkte oder boten Unterkünfte und Treffpunkte für die Karawanenhändler.

Ein Teil dieser Arbeit konzentriert sich auf Arabien zu Beginn des 7. Jahrhunderts, als die großen Reiche der Byzantiner und Sassaniden die östliche Welt beherrschten. Zu dieser Zeit rief MuÇammad in Mekka zu sittlicher Reform und zur Unterwerfung unter den Willen Gottes auf. Nach und nach eroberten arabische Armeen die umliegenden Länder und gründeten ein neues Reich. Durch die Verbindungen zwischen den Ländern entstanden weitläufige Handelsbeziehungen, die sich mit der Zeit immer weiter entwickelten. Ein kurzer, historischer Rückblick soll Hinweise auf bereits bestehende Handelsaktivitäten und Märkte geben. Außerdem wird versucht, die Bedingungen zu erläutern, unter welchen Handelsgüter erworben wurden. Die Frage, womit man damals überhaupt handelte, wird ein weiterer Punkt dieser Arbeit sein.

Da die Arabische Halbinsel im Schnittpunkt dreier Kontinente (Asien, Afrika und Europa) liegt, ist es unumgänglich, näher auf ihre Handelsbeziehungen einzugehen. Leitender Gesichtspunkt dieser Arbeit ist demnach die Handelsbeziehung, die die Islamische Welt seit jeher zu fernen Ländern ausübt. Zu allen Zeiten gab es Bewegungen und Veränderungen in der Islamischen Welt. Handel, der die Grundlage für das Wachstum großer Städte mit sich brachte, führte zu prägnanten wirtschaftlichen und kulturellen Veränderungen in der Islamischen Welt.

2 Zeitreise durch die frühe islamische Handelsgeschichte

In diesem Kapitel soll ein kurzer historischer Rückblick dem Leser Eindruck über die arabische Welt geben. Grundlagen zur Erforschung der Gesellschaft bieten unter anderem arabische Autoren aus islamischer Zeit, die Forschung über die Traditionen ihrer Vorfahren betrieben, aber auch die Entdeckung einer beträchtlichen Anzahl von Inschriften kann Aufschluss über diese Zeit bieten. Auf diesen Grundlagen kann nun die arabische Gesellschaft vor dem Erscheinen des Islams betrachtet werden. Außerdem ist eine genaue Betrachtung der Gesellschaft wesentlich, da sich durch diese Erforschung die Handlungsweise MuÇammad’s besser begreifen lässt.[1]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Zeittafel des Islam

Quelle: Lewis, Bernhard: „Welt des Islam.“, S. 348.

2.1 Arabien vor dem Islam

Funde aus den Küstengebieten am Golf bestätigen die Existenz von Kulturen um 4000 v. Chr. Vor rund 3000 Jahren bewohnten semitische Stämme die Halbinsel, wobei die Lebensweise der Bewohner des inneren Landteiles meist nomadisch war.[2] Das Kulturreich der Dilmun, das besser erforscht wurde, wurde in babylonischen und assyrischen Keilschrifttexten erwähnt. Durch die Erforschung des Dilmun-Reiches wurde bekannt, dass die Kultur der Sumerer nicht die älteste Hochkultur war. Erst bei umfangreichen Grabungen im Jahr 1954 konnte Geoffrey Bibby das Reich der Dilmun eindeutig auf Bahrain lokalisieren. Wohlfahrt erwähnte, dass Funde dieser Kultur Handelsbeziehungen bis in den Oman, nach Mesopotamien und Indien erkennen lassen.[3] Das Reich der Dilmun bestand von 3000 v. Chr. bis 700 v. Chr. und erfreute sich großen Reichtums, bedingt durch die ausgedehnten Perlenbänke, die sich zwischen der Mündung von Euphrat und Tigris bis zur Halbinsel Qatar erstreckten. Handel spielte damals schon eine große Rolle und Dilmun war der Umschlagplatz für viele Gebrauchs- und Luxusgegenstände aus Kupfer, Bronze, Korallen, Elfenbein und Perlen. Die nahezu unerforschte Vorgeschichte des frühen Arabiens konnte um 2900 v.Chr. durch die in Mesopotamien ansässigen Sumerer ans Licht gebracht werden. Bereits zu dieser Zeit entwickelte sich Mesopotamien zu einem Gebiet blühender Landwirtschaft. Durch die Entwicklung der Keilschrift, die als älteste Schrift der Welt gilt, tritt Arabien in das Licht frühgeschichtlicher schriftlicher Überlieferungen. Zentren der alten Kulturen fand man zu dieser Zeit in Mesopotamien unter Einschluss der Golfregion, in Südarabien (Nord- und Südjemen) sowie in Syrien mit seiner südlichen Landschaft Palästina. Die Geschichte des mittelmeerischen Arabien begann nach jener des Zweistromlandes. Anfangs eigenständig, geriet dieser Raum später wiederholt unter die Herrschaft mesopotamischer Reiche.[4]

Auch die semitischen Akkader (um 2350-2150 v. Chr.), die das erste Großreich auf arabischem Boden mit Akkad als Hauptstadt errichteten, trieben damals schon Handel mit Indien und Ägypten. Die Phönizier (1300-63 v. Chr.) sind auf Seevölker zurückzuführen, die über die Zentraltürkei nach Syrien vordrangen und im mittleren Küstenabschnitt siedelten. Das Volk der Phönizier zählt zu den ältesten Handelsnationen der Welt und gründete an der mittelmeerischen Küste Arabiens ein Reich, das Handel mit allen Gestaden des Mittelmeers betrieb. Darüber hinaus entwickelten sie die alphabetische Buchstabenschrift und zählten zu den ersten bedeutenden Seefahrer- und Handelsnationen des Mittelmeeres.[5]

Bedingt durch natürliche Vegetation im gebirgigen Südwesten entstand die Vorraussetzung für Sesshaftigkeit, und die Reiche der Sabäer (um 1200 v. Chr.) und der Minäer begannen sich zu bilden. Bereits zu diesem Zeitpunkt war Arabien ein wichtiger Handelsraum, wo beispielsweise Kupfer auf dem Seeweg importiert wurde. In Keilschrifttexten konnte der Begriff ‚Meerland’ entdeckt werden, welcher wahrscheinlich die Westküste des Persischen Golfes bis zur Insel Bahrain bezeichnete.[6] Ein Land, das mehrmals in alten mesopotamischen Keilschrifttexten auftauchte, war Makan, das sich auf dem Gebiet des heutigen Oman befand. Wohlfahrt erläuterte, dass Makan oder Magan die älteste Bezeichnung für ein Gebiet im äußersten Südosten der Arabischen Halbinsel ist. Schon damals befuhren Boote aus Makan den Golf, um Handelswaren zum unteren Euphrat und Tigris zu bringen.[7] Überdies wiesen in Mesopotamien gefundene Keilschrifttexte, sowohl mesopotamische Keramik im Hadschar-Gebirge als auch Analysen des in Mesopotamien aufgefundenen Kupfers, das wahrscheinlich aus dem Oman stammte, Handelsbeziehungen zwischen Makan und dem Zweistromland auf. Weiters erwähnte Wohlfahrt, dass archäologische Arbeiten im Oman-Gebirge, die im Jahre 1973 begonnen hatten, zur Entdeckung mehr als dreitausend Jahre alter Kupfergruben und Kupferschmelzen führten. Diese Entdeckung, so Wohlfahrt, scheint nun der Beweis dafür, dass Makan mit Nord-Oman gleichzusetzen ist.[8]

Die Araber bezeichnen die letzten Jahrhunderte vor dem Propheten als die Ğāhilīya, die Zeit der Unwissenheit. Zu dieser Zeit bilden die Nomaden neben den Ackerbauern den Großteil der Bevölkerung. Cahen beispielsweise ist der Auffassung, dass die Beschreibung der vorislamischen Gesellschaft für das Verständnis der arabischen Geschichte von großer Bedeutung ist, da die Erkenntnis darüber das Wesen der islamischen Gesellschaft selbst in weit höherem Maße erhellt, als das von der Vorgeschichte anderer Kulturen gesagt werden kann.[9] Unmittelbar vor dem Erscheinen des Islams waren die Beduinen, die sich in Stämmen organisierten, als Gesellschaft in Arabien angesiedelt. Ein wesentlicher Faktor, der das Leben vor dem Islam beeinflusste, war das immense Ausmaß der Wüste. Starke Temperaturschwankungen, spärliche Niederschläge und dadurch unfruchtbarer Boden, zwangen den Beduinen ständige Ortsveränderungen auf. Der Charakter der Beduinen wurde durch diese Naturgewalten gebildet und blieb im Wesentlichen Jahrhunderte hindurch unverändert.[10] Die Beduinen lebten in den Räumen zwischen den Oasen und Städten. Weidewanderung, Kamelzucht, Karawanenschutz, Krieg und Raubzüge waren einige Merkmale ihrer Lebensweise. Aber auch Gastfreundschaft, Dichtkunst, Gesang und Beachtung eigener und fremder Ehre zählten zu ihren Stärken. Die Beduinenkrieger betrachteten sich selbst als Herren innerhalb ihrer Weidengebiete. Für Weide, Wasser und auch andere Ressourcen bestimmten sie genaue Umgangsformen, an die sich Fremde halten mussten. Halbsesshafte Schaf- und Ziegenhüter waren den vornehmen Stämmen hörig, und Fischer und Händler wurden an den Küstenplätzen nur deshalb geduldet, weil sie keine Bedrohung darstellten. Die Beduinen waren als soziales und politisches Element in all den Jahrhunderten vor MuÇammad sehr bedeutsam, da sie den offenen Raum zwischen den Oasen und Städten zu ihrer Heimat machten. Sie bezeichneten sich selbst als die eigentlichen ‚carab’, das heißt ‚die nomadisch Lebenden’. Ritter erläuterte, dass die Entstehung der Beduinenstämme auf den Propheten Hūd, den Vater QaÇtāns, den Vater Ya’rubs, den Großvater von Ḥimyar zurückgeht.[11]

Zu dieser Zeit wurden verschiedenste Stammesheiligtümer wie Bäume, Grotten und Steine für heilig gehalten. Mekka, als Zentrum des Steinkultes, genoss wirtschaftliche Vorteile durch jährliche Wallfahrten auf der Südweststrecke zur Kacba.[12]

2.2 Die Gründung des arabisch-islamischen Reiches

Gabrieli lehnte sich auf drei wesentliche Komponenten des ältesten und echten Arabertums, und zwar auf die Wüste, das Nomadentum und die Stammesverbundenheit. Gemäß ihrer Siedlungsform unterscheidet man Nomaden (al-Badw) und sesshafte (al-ḤaÉar) Araber, wobei es auch Verbände gab, die als Halbnomaden lebten und somit eine Zwischenstellung einnahmen. Zu dieser Zeit gab es weder Gesetze noch öffentliche Institutionen, und so lebten die Stämme sesshaft oder nomadisch in lockerer Gemeinsamkeit, und bestritten ihren Lebensunterhalt überwiegend landwirtschaftlich mit Ackerbau und Viehzucht.[13] Die beduinische Gesellschaft beruht auf dem Prinzip der Stammessolidarität und Stammesautorität. „Der Stamm ist die selbstgenügsame Zelle des entstehenden politischen und sozialen Lebens,... der Stamm garantiert dem Einzelnen die Sicherheit im Kampf, … er schützt sein Leben und seine Habseligkeiten in den Streitigkeiten um Beute und in den Blutfehden, er befriedigt mit seinem genealogischen und kriegerischen Glanz die Eitelkeit und Ruhmsucht, und er anerkennt einen frei gewählten Führer.“[14]

Die Gründung des arabisch-islamischen Reiches rief eine einschneidende Veränderung in der arabischen Gesellschaftsstruktur hervor. Dūrī berichtete, dass die Zeit der islamischen Eroberungen einen neuen Abschnitt in der Geschichte der Araber einleitete. Geografische Faktoren wurden genützt, und es entstanden sesshafte Gemeinschaften, die sich auf ertragreichem Boden ansiedelten, wie hirtennomadische Gemeinschaften im Inneren der Halbinsel. Orte, wo es feste Siedlungen, Landwirtschaft und somit auch ständigen Tauschverkehr gab, waren in den fruchtbaren Oasen des nördlichen und mittleren Hedschas, wie beispielsweise in Mekka und YaÐrib, dem späteren Medina. Als Hedschas wird der Naturraum zwischen dem Golf von Akaba und Mekka bezeichnet. Durch diesen revolutionären Prozess wurde die alte Gesellschaftsordnung durch ein neues System ersetzt, das die Araber zum geschichtlichen Handeln erweckte. Bis heute wirken sich die Veränderungen der politischen und sozialen Organisation aus. Nach und nach entwickelten sich sesshafte Gemeinschaften, die Städte wie BaÌra und Kūfa entstehen ließen, die allmählich zu Zentren kultureller Aktivitäten heranwuchsen. Diese Stämme entwickelten Interessen auf diversen Gebieten wie Koran-, Traditions-, oder Rechtswissenschaften, und aufgrund neu entstandener Gedanken und Anregungen veränderte sich das Leben der Menschen schlagartig. „Der Islam hat eine Grundlage geschaffen für eine staatliche Organisation, eine islamische Zivilisation sowie eine gesellschaftliche Umstrukturierung, die nicht auf Blutsbande, sondern auf ethnisch-religiöser Grundlage beruht.“[15]

2.3 MuÇammad, der Kaufmann

Die wichtigste Quelle über das Leben des Propheten MuÇammad liefert uns der Koran, den die Muslime als Offenbarung Gottes ansehen. Das Leben des Propheten kann nicht mit sicherer Fehlerlosigkeit wiedergegeben werden, da erst nach seinem Tod, in der Zeit des dritten Kalifen CUÐmÀn, der Koran mit offenbaren Lücken niedergeschrieben wurde. Auch die Anordnung der Suren scheint in eine offenbar andere Reihenfolge gebracht worden zu sein, wobei die Wissenschaft bemüht ist, die anfängliche Reihenfolge zu erforschen. Da der Koran zwar die gesammelten Lehren des Propheten erhält, uns aber keine Auskunft über sein Leben bietet, sei als eine weitere wichtige Quelle der ÇadīÐ zu nennen. Manche ÇadīÐe ergänzen oder erläutern die Lehren des Korans, aber viele sind während der beiden ersten Jahrhunderte des Islams umgestaltet oder völlig gefälscht worden. Der ÇadīÐ ist die Überlieferung der Worte und Taten des Propheten, wobei einige seiner Lehren, wie sie im Koran stehen, wiedergeben, und andere über wichtige Ereignisse in seinem Leben berichten. Hier ist beispielsweise die kanonische Biographie (Sīra) zu erwähnen, die ihren klassischen Ausdruck im ‚Leben des Propheten’ des Ibn IsÇÀq findet. ‚Das Buch der Kriegszüge’ (Maghāzī) des Propheten von al-Wāqidī und die große biographische Sammlung über die Prophetengefährten (ţ abaq ā t a Ì - Ì a Çā ba) des Ibn Sacd sind weitere alte Quellen. Außerdem ist zu erwähnen, dass uns über die früheste Zeit von MuÇammads Leben nur relativ wenig bekannt ist. Beispielsweise ist das Jahr der Geburt des Propheten nur annähernd als ‚das Jahr des Elefanten’, also 570, bekannt.[16]

MuÇammad ibn CAbdallah ibn Abī Ţālib, ein Angehöriger des Qurayš-Stammes aus der Sippe der Hāšimiten, wurde um 571 n. Chr. in der kleinen Oasenstadt Mekka geboren. Mekka diente ursprünglich als südarabische Niederlassung und wurde später vom Stamm der Qurayš bewohnt. Zu dieser Zeit war der größte Teil Arabiens Steppe und Wüste mit einzelnen Oasen und einigen Karawanenstraßen. MuÇammad’s Vater war Kaufmann und als sein Sohn geboren wurde, war er mit einer Karawane unterwegs und starb und hat seinen Sohn somit nie gesehen. So musste Āmina, seine Mutter, eine Amme suchen, da sie ihren Sohn alleine nicht nähren konnte. Als er ungefähr sechs Jahre alt war, verlor er seine Mutter, wurde für zwei Jahre von seinem Großvater erzogen, und als auch dieser starb, kam er in die Obhut seines Onkels Abū Ţālib.[17] Er wuchs als Waise in einer Zeit auf, als Mekka eine unabhängige Handelsrepublik war, die vom Handelsverkehr zwischen dem Mittelmeer und fernen Oasen lebte. Jedoch war das gesamte übrige Arabien ein Kampffeld der Perser und Byzantiner, sowie der von diesen beiden Mächten unterstützten jüdischen und christlichen Parteien. Zu dieser Zeit gab es hauptsächlich Nomaden, die ihre Herden weideten und Raubzüge gegen rivalisierende Stämme unternahmen. Durch die Hilfe seines Großvaters väterlicherseits CAbdalmuţţalib und seines Onkels Abū Ţālib hatte MuÇammad großen Erfolg im Karawanenhandel. Sein Onkel nahm ihn auf Karawanenreisen mit, und so kam er bereits in frühen Jahren bis nach Syrien. Zu dieser Zeit lernte er seine erste Frau Hadīğa kennen, die eine reiche und um einiges ältere Kaufmannwitwe war. Diese Zeit war für MuÇammad von großer Bedeutung, da er viele wirtschaftliche Vorteile und sozialen Prestigegewinn durch die Heirat mit Hadīğa erwarb. Das Paar führte, entgegen aller Voraussagen, eine glückliche Ehe und hatte sechs Kinder, von denen allein eine Tochter, Fāţima, die spätere Frau des Kalifen CAlī, am Leben blieb und selbst Nachkommen hatte.[18]

Als MuÇammad beinahe vierzig Jahre alt war, hörte er zum ersten Mal die Stimme Allāhs, und es war gegen 613, drei Jahre nach der Offenbarung, als er zum ersten Mal predigte. Seine Anhänger lernten die Predigten wie Texte, die nach seinem Tode als Botschaften Gottes im Koran zusammengefasst wurden. Von dieser Zeit an stellte der Islam keine reine Glaubensangelegenheit mehr dar, sondern fungierte als Bindeglied für die islamische Gemeinde, die umma genannt wird. Unter seinen ersten Anhängern waren seine Frau Hadīğa und sein Vetter CAlī, doch bei den Qurayš stieß er nicht nur auf vehementen Widerstand und Misstrauen, sondern erweckte auch Furcht, die religiöse oder kommerzielle Ordnung zu bedrohen.[19] Diese neuen Lehren wurden von den führenden Familien in Mekka als Gefahr betrachtet und daher nicht angenommen, weshalb man die Anhänger von ihm zu trennen versuchte. Als die Bedrohungen zunahmen, floh MuÇammad im Jahre 622 mit seinen Anhängern, den MuhāÅirūn aus Mekka und siedelte sich in YaÐrib, einer Stadt etwa 450 km nördlich von Mekka an. So wurde YaÐrib das neue Zentrum des Propheten, wo er eine religiöse Ordnung schuf und als Schiedsrichter eingesetzt wurde, um einen Streit zwischen jüdischen und arabischen Stämmen zu schlichten. YaÐrib wurde ‚madīnat an-nabī’, kurz ‚al-medīna’ die Stadt des Propheten benannt, wo MuÇammad die Stellung des Staatsoberhauptes ausübte und den ersten Stadtstaat gründete.[20]

In der Zeit des Propheten MuÇammad waren Politik und öffentliche Verwaltung einfach strukturiert. Der Prophet wählte Mitglieder der öffentlichen Verwaltung wie den Statthalter, den Richter und die Mitarbeiter. Die Grundregeln des Qur’ān und der Sunna bildeten die Basis für die öffentliche Verwaltung. Seine Aufgaben beliefen sich auf die Erfüllung seiner religiösen Pflichten und das Sicherstellen eines gemeinsamen, friedlichen Lebens. Das Jahr 622 kennzeichnet den Beginn der islamischen Zeitrechnung. Dieser Auszug von Mekka nach Medina wird als hiÅra, was Auszug oder Flucht bedeutet, bekannt. Die neue Rolle des Propheten spiegelte sich in den Lehren und Taten wider, und demzufolge behandeln die mekkanischen Kapitel des Korans vor allem dogmatische und ethische Fragen, während die medinensischen viele gesetzliche und politische Probleme aus dem Alltagsleben der muslimischen Gemeinde aufzeigen. Im Jahre 630 eroberte der Prophet Mekka und brachte es unter muslimische Oberhoheit. Nur 2 Jahre danach, am 8. Juni im Jahre 632 starb der Prophet. Lewis beschrieb die Taten des Propheten folgendermaßen: „Der Bevölkerung Westarabiens hatte er eine Religion gebracht, die mit ihrem Monotheismus und ihren ethnischen Grundsätzen auf einem unvergleichlich höheren Niveau stand als das frühere Heidentum. Er hatte den Gläubigern eine Offenbarungsschrift hinterlassen, die mit der Zeit für viele Millionen Menschen zur Richtschnur des Denkens, Glaubens und Handelns werden sollte. Außerdem hatte er eine neue religiöse Gemeinschaft und einen neuen, wohl organisierten und gut bewaffneten Staat gegründet, der bald zum dominierenden Faktor in Arabien wurde.“[21]

2.4 Die Rechtgeleiteten Kalifen

Der Prophet starb im Jahre 632, nachdem er in weiten Teilen Arabiens einen muslimischen Staat gegründet hatte. MuÇammad war gestorben, ohne einen Nachfolger zu benennen. Das Kalifat war die Herrschaftsinstitution, die die Machtausübung nach dem Tode des Propheten fortsetzte. Das Wort Kalif bezeichnet einen muslimischen Herrschertitel und geht auf das arabische Wort Èalīfa zurück, das oftmals mit der Bedeutung ‚weitergeben’ oder ‚übertragen’ in Verbindung gebracht wird. Im Arabischen wird es jedoch im Sinn von ‚nachfolgen’ oder ‚an die Stelle von jemandem treten’ assoziiert.[22] Der Titel Èalīfa wurde im Mittelalter dafür verwendet, Regenten zu betiteln, die das Amt des obersten muslimischen Herrschers ausübten, oder zumindest einen Anspruch darauf erhoben.[23]

Die schnelle Expansion des Kalifenreiches schaffte in nur kurzer Zeit ein gewaltiges Islamisches Reich. Wie Abbildung 2 zeigt, wurde unter Abū Bakr Südmesopotamien erobert. Am Ende der Herrschaft des zweiten Kalifen CUmar waren ganz Arabien, ein Teil des Sassanidenreiches und die syrischen und ägyptischen Provinzen des Byzantinischen Reiches erobert. Es entstanden militärische Niederlassungen und Anfänge islamischer Staats- und Finanzorganisationen in den eroberten Gebieten. Die Garnisonsstädte BaÌra und Kūfa dienten als Zentren der Militärverwaltung des Irak und bildeten die Ausgangspunkte der weiteren Eroberungszüge nach Osten und Norden. Kalif CUÐmÀn setzte die Eroberungen im Nord- und Ostiran und in Nordafrika fort.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Islamischer Staat zur Zeit der rechtgeleiteten Kalifen

Quelle: Gabrieli, Francesco: „ Die Macht des Propheten.“, S. 88+89.

Jeder der vier rechtgeleiteten Kalifen trug stark zur Geschichte der Islamischen Welt bei. Die ersten beiden Kalifen Abū Bakr und CUmar verbündeten die arabischen Stämme durch erfolgreiche Eroberungszüge und konsolidierten damit den Islam. Unter CUÐmÀn, dem dritten Kalifen und CAlī, dem vierten Kalifen, wurde der Staat geteilt und durch diese letzte Trennung entstanden die zwei großen religiösen Gruppierungen, einerseits die Sunniten, die sich von den Anhängern CUÐmÀns herleiten und die Schiiten, die auf CAlī zurückgehen.

2.4.1 Abū Bakr aÌ-Ṣiddīq

MuÇammad hinterließ keine männlichen Erben, und so wurde Abū Bakr der erste der vier rechtgeleiteten Kalifen. Seine Herrschaft dauerte 2 Jahre von 632 bis 634 und er wurde als direkter Nachfolger des Propheten zum Oberhaupt der Gemeinschaft gewählt. Er war der Vater von Muḥammad’s Gattin CĀ’iša und entstammte einer angesehenen Sippe der Qurayš. Abū Bakr war einer der ältesten Anhänger des Propheten und ein Vertreter der geistlichen Aristokratie. Er war vom Propheten während dessen letzter Krankheit mit der Vertretung beim Gemeinschaftsgebet betraut worden. So nannte man ihn Èalīfat rasūl AllÀh, den Stellvertreter des Propheten Gottes.[24] Er war das Oberhaupt einer ganzen Region, übte Exekutivgewalt aus und befehligte ein eigenes Heer. Um die Vorherrschaft Medinas wiederherzustellen, musste Abū Bakr neue Verträge verordnen, die nur teilweise von den nahe gelegenen Stämmen akzeptiert wurden. Die dadurch entstandene militärische Unterwerfung der Stämme hatte zur Folge, dass die Kriege der Ridda, die einst als Glaubenskriege begonnen hatten, sich zu großen Eroberungsfeldzügen entwickelten.[25]

Viele der Stämme fühlten sich durch den Tod MuÇammads nicht mehr verantwortlich, ihren Pflichten nachzugehen und kehrten zu ihren alten Lebensgewohnheiten zurück. „Mit diesem Abfall (ridda) war aber bemerkenswerterweise keine Wiederbelebung der heidnischen Religion verbunden. Die aufsässigen Beduinen schieden einfach durch einseitige Kündigung aus dem Bündnisverband aus, der den Medinensern den beherrschenden Einfluss über den größten Teil der Halbinsel verschafft hatte.“[26] In seiner kurzen Regierungszeit von zwei Jahren sorgte der erste Kalif für Stabilität auf der gesamten Arabischen Halbinsel. In weniger als einem Jahr nach Amtsübernahme war die ridda niedergeworfen. Im Wesentlichen beschäftigte sich Abū Bakr mit den Auswirkungen der Unterdrückung der Sezession in Arabien (ridda) und mit den bewegten Anfängen der Eroberungskriege. Er bekämpfte die Stämme, die sich nach dem Tode des Propheten von ihm abwandten. Schon zu dieser Zeit war CUmar ein treuer und angesehener Ratgeber an seiner Seite und, als Abū Bakr im Sterben lag, bestimmte er CUmar zu seinem Nachfolger.[27]

[...]


[1] Cahen: Der Islam 1, S. 10.

[2] Ritter: Die Arabische Halbinsel, S. 3.

[3] Ebd., S. 50.

[4] Wohlfahrt: Die Arabische Halbinsel, S. 48-49.

[5] Ebd., S. 57-58.

[6] Meissner: Die Welt der sieben Meere, S. 12.

[7] Wohlfahrt: Die Arabische Halbinsel, S. 500.

[8] Wohlfahrt: Die Arabische Halbinsel, S. 525.

[9] Cahen: Der Islam I, S. 9.

[10] Irabi: Arabische Soziologie, S. 1.

[11] Ritter: Die Arabische Halbinsel, S. 41-42.

[12] Schimmel: Die Religion des Islam, S. 12.

[13] Gabrieli: Die Macht des Propheten, S. 11-12.

[14] Ebd., S. 14.

[15] Dūrī: Arabische Wirtschaftsgeschichte, S. 11.

[16] Gabrieli: Geschichte der Araber, S. 24.

[17] Wohlfahrt: Arabische Halbinsel, S. 96.

[18] Lammens: Islam: beliefs and institutions, S. 24-25.

[19] Cahen: Der Islam 1, S. 15.

[20] Lewis: Welt des Islam, S. 10.

[21] Ebd., S. 11.

[22] Lewis.: Die politische Sprache des Islam, S. 79-80.

[23] Ebd., S. 84.

[24] Lewis: Die politische Sprache des Islam, S. 80.

[25] Lewis: Die Araber, S. 65-66.

[26] Grunebaum: Der Islam in seiner klassischen Epoche, S. 63.

[27] Gabrieli: Die Macht des Propheten, S. 95.

Ende der Leseprobe aus 77 Seiten

Details

Titel
Entstehung von Wirtschaftsbeziehungen im arabischen Orient
Untertitel
Der Handel zur Zeit des Propheten Muhammad bis zu den Abbasiden
Hochschule
Universität Wien  (Institut für Orientalistik)
Note
2
Autor
Jahr
2006
Seiten
77
Katalognummer
V82890
ISBN (eBook)
9783638859547
ISBN (Buch)
9783638866439
Dateigröße
6281 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
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Schlagworte
Entstehung, Wirtschaftsbeziehungen, Orient
Arbeit zitieren
MMag, MBA Andrea Baumann (Autor), 2006, Entstehung von Wirtschaftsbeziehungen im arabischen Orient, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/82890

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