Die Welt als Remix – Neue Popliteratur in Deutschland am Beispiel von Benjamin von Stuckrad-Barres Remix und Remix 2

Eine textanalytische Spurensuche


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007

29 Seiten, Note: 2,0

Anonym


Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Vom Dadaismus zur neuen deutschen Popliteratur - eine literaturhistorische
1.1 Dadaismus und Beat-Generation
1.2 Pop-Art und Postmoderne: Leslie Fiedler
1.3 Popliteratur in Deutschland: Neuer Realismus
1.4 Die neue deutsche Popliteratur
1.4.1 Popliteratur im Fokus der popular culture

2. Schreiben am Rande der Oberfläche - Zur Programmatik und Charakteristik der neuen Popliteratur
2.1 Die Oberfläche als Topos
2.2 Stilistisch-ästhetische und formale Aspekte von Popliteratur

3. Remix und Remix 2: typisch Pop? Eine textanalytische Spurensuche
3.1 Zu Inhalt, Form und Stil
3.2 Zur Frage der Oberfläche

Schluss

Bibliographie

Einleitung

In der Literaturwissenschaft gibt es wohl kaum einen Terminus, der weniger klar umrissen und weniger klar definiert ist, als der Begriff „Popliteratur“. Es herrscht eine gewisse Randbereichsunschärfe, das Genre lässt sich nicht eindeutig bestimmen. Grenzen zwischen Popliteratur und populärer Literatur lassen sich kaum ziehen; die Frage drängt sich auf, ob es sie eigentlich gibt. Es scheint so zu sein, dass Texte einer ganzen Generation junger Autoren, die eine moderne Alltags- und Jugendkultur und insbesondere einen bestimmten konsumorientierten Lebensstil thematisieren, mit dem Begriff Popliteratur bezeichnet werden, weil dieser Stempel offenbar universell einsetzbar ist. Woran liegt das? Warum ist im Prinzip alles Pop, wenn es nichts anderes ist, wenn es etwa nicht politisiert oder kritisiert? Und war das immer so?

Popliteratur fehlt heute im Prinzip alles, was sie bestimmbar und klassifizierbar macht. Es fehlt ihr an innerer Homogenität und einheitlichem Programm. Es fehlt an sozialkritischen oder politischen Hintergründen. Die Gesamterscheinung Popliteratur ist uneinheitlich, ohne Grenzen und als Begriff nicht recht fassbar. So gibt es neben dem Begriffs- auch ein Zuordnungsproblem: „Auch wenn es […] ein […] ‚Manifest‘ der Popliteraten gibt, so läßt sich das, was die literarische Öffentlichkeit unter Popliteratur versteht, schwer auf Manifestvorgaben reduzieren“1. Es gibt kaum Gemeinsamkeiten, kein gemeinsames literarisches Merkmal.

Doch trotz ihrer Unschärfe und vielleicht gerade wegen ihrer teils inneren Widersprüchlichkeiten haben die Schlagworte Pop und Popliteratur und das damit verbundene literarische Genre eine Bedeutung für die Literaturwissenschaft. Allerdings zeigt sich anhand der Forschungsliteratur, dass es sich um ein relativ neues und bisweilen wenig erforschtes Gebiet zu handeln scheint: die Zahl der Publikationen ist bis heute recht übersichtlich.

Diese Arbeit nun hat das Ziel, sich dem Kern dieser Problematik anzunähern und den Versuch einer Grenzziehung zu wagen. Basierend auf dem literaturwissenschaftlichen Forschungsstand soll in einem ersten Schritt geklärt werden, welchen Hintergrund das Phänomen Popliteratur hat, wodurch diese literarische Strömung entstanden ist.

Der Begriff Popliteratur wird dabei anhand der wichtigsten Meinungen umrissen und hinsichtlich seiner stilistischen Kernpunkte präzisiert. Die Heterogenität soll dabei aufgelöst, die Programmatik (oder zumindest wesentliche Kennzeichen) entwickelt und aufgezeigt werden. Dabei verfolgt diese Arbeit einen holistischen Ansatz: das Phänomen Popliteratur soll als Ganzes erklärt und definiert werden, sofern dies aufgrund der relativen Unschärfe und der Heterogenität des Genres möglich ist. Es kann und soll nicht auf einzelne Besonderheiten eingegangen werden, dafür ist die innere Heterogenität zu groß. Es wird sich dabei aber zeigen, dass nicht alles, was unter dem Begriff Popliteratur subsumiert ist, auch tatsächlich diese Bezeichnung zu Recht trägt. Es soll insbesondere die Frage geklärt werden, welches die besonderen Kennzeichen sind, die einen zeitgenössischen Text von den unzähligen anderen Gegenwartsliteraturen abheben und ihn dem Genre Pop zuordnen lässt. Da der Verfasser dabei die jüngere Popliteratur im Blick hat - aufgrund des beschränkten Rahmens dieser Arbeit kann auf die früheren popliterarischen Ausformungen der 1960er und 1970er Jahre nur kurz eingegangen werden -, sollen die theoretischen Überlegungen und Ergebnisse in einem abschließenden Schritt praktisch zur Anwendung gelangen.

Es schließt sich eine knappe Textanalyse mit dem Ziel an, die theoretisch gewonnenen Erkenntnisse über Popliteratur zu konkretisieren und in der Textarbeit zu belegen. Untersuchungsgegenstand sind dabei die 1999 und 2004 erschienenen Textsammlungen „Remix“ und „Remix 2“ von Benjamin von Stuckrad-Barre. Diese beiden Bücher eignen sich sehr gut für eine textanalytische Spurensuche, da bereits die Titel andeuten, dass hier Kernelemente der Popliteratur (wie etwa die relative thematische Wichtigkeit von Musik) in äußerst dichter Form zu finden sind. Die Textsammlungen bestehen aus sehr heterogenen Textformen und eignen sich m.E. daher besonders gut, die typischen Merkmale eines popliterarischen Genres aufzuzeigen und die theoretischen Vorüberlegungen zu präzisieren, aber auch um einen neuen Aspekt zu beleuchten: das Verhältnis von literarischem und journalistischem Schreiben in der Popliteratur.

Die Texte können natürlich nicht in ihrer ganzen Dichte erfasst werden (es handelt sich um 124 Einzeltexte verschiedenster Textsorten); im Mittelpunkt stehen in dieser Betrachtung einzelne Aspekte, die besonders charakteristisch sind und die theoretischen Ausführungen in Abschnitt 1 und 2 greifbar machen.

1. Vom Dadaismus zur neuen deutschen Popliteratur - eine literaturhistorische Einordnung So umstritten, so heterogen und diffus der Begriff Popliteratur ist, so klar lässt sich die literaturhistorische Entwicklung dieses Genres umreißen.

Damit man das Phänomen Popliteratur verstehen kann, muss man zunächst klären, auf welcher Folie sie entstanden ist und man muss auflösen, welche inneren Entwicklungen es gegeben hat. Popliteratur als isoliertes Phänomen der 90er Jahre des 20. Jahrhunderts zu betrachten, wäre eine zu enge und falsche Sichtweise, aber sie entspräche wohl dem öffentlichen Diskurs und der öffentlichen Wahrnehmung von Popliteratur. Ein Grund für diese Sichtweise ist m.E. sicher das Problem, Popliteratur sowohl als rezeptions- als auch als produktionsästhetisches Phänomen auffassen zu können: „Versteht man darunter [unter Popliteratur] die jeweils avanciertesten künstlerisch-stilistischen Produkte […], oder geht es primär darum, einem Produkt […] den Stempel ‚Pop‘ aufzudrücken?“2.

Die Öffentlichkeit neigt allzu oft dazu, alles, was nicht den althergebrachten Kategorien trivialer Literatur oder ernst zu nehmender Hochliteratur entspricht - aus Einfachheit - als Popliteratur zu bezeichnen. Dabei ist heute alles Pop, was medial gekoppelt und öffentlich dargestellt wird. Ein solch weit gefasster Begriff von Pop - der auch die Literatur als Teil ihrer Kultur umfasst - wird dem Begriff Popliteratur nicht gerecht, weil er die Popliteratur als historisch und ideengeschichtlich isoliert betrachtet.

Popliteratur ist aber eben kein Ad-hoc-Phänomen einer konsumorientierten Jugend, die sich in medialer Selbstinszenierung als Teil einer allumfassenden Popkultur darzustellen versucht, sondern ein Resultat einer literaturhistorischen Entwicklung.

Popliteratur erklärt sich als Phänomen über seine Entstehungsgeschichte, wobei sich die heutige Popliteratur in entscheidendem Maße in ideologischer Hinsicht von ihren Wurzeln entfernt hat. Dies ist sicher auch der Grund, warum der heutigen Popliteratur im öffentlichen Diskurs oftmals vorgeworfen wird, dass sie einem reinen gewinnorientierten Selbstzweck diene und lediglich Medium der Selbstinszenierung ihrer Autoren sei. Diese Kritik beruht auf einem falschen Verständnis von moderner Popliteratur, denn moderne Popliteratur wird dabei nur unter dem Aspekt ihrer Entfernung von den Anfängen betrachtet, ohne dass man ihr eine eigene Funktion zugestehen würde, oder ihr einen literarischen Wert zuschriebe.

Dass gerade frühe Popliteraten die heutige Popliteratur nicht würdigen wollen, weil ihr jedes Politische oder Revolutionäre fehle, beweist ja gerade, dass es eine Entwicklung innerhalb dieses Genres gegeben hat und dass Popliteratur eben nicht als Einzelphänomen aus dem leeren Raum zu verstehen ist. Auch dass frühe Popliteraten heute bisweilen schon der Hochliteratur zugeschrieben werden, deren Anfänge in der Subkultur gesucht werden können, beweist eine innere Entwicklung der Popliteratur und eine Entwicklung in der öffentlichen Wahrnehmung.

Die Ursprünge der Popliteratur liegen dabei im US-amerikanischen Kulturraum und lassen sich - ideengeschichtlich - bis in die frühen Jahre des 20. Jahrhunderts zurückverfolgen. Da es sich in dieser Ausarbeitung thematisch um eine Beschäftigung mit der neueren Popliteratur handeln soll, wird im Folgenden nur kurz auf die wesentlichsten Entwicklungen und Eckpunkte eingegangen, um zum einen ein umfassendes Bild der Popliteratur zu entwerfen und um zum anderen die späte Popliteratur als Phänomen besser begreifen zu können.

Dabei wird der Hauptfokus dieser literaturgeschichtlichen Einordnung auf den Entwicklungen in Deutschland und auf dem Verhältnis von Postmoderne und Popliteratur liegen. Der Dadaismus als früher Vorläufer und die US-amerikanischen Ursprünge der Beat-Bewegung werden aus Raumgründen nur kurz, und nur soweit, wie es zum Gesamtverständnis notwendig ist, beleuchtet.

1.1 Dadaismus und Beat-Generation

Den entscheidenden Schritt in Richtung Popliteratur kann man nur verstehen, wenn man nach den Wurzeln gräbt.

Wenn man Popliteratur im Sinne einer Außenseiterliteratur (die sie im Gegensatz zu heute ursprünglich gewesen ist) als eine klare Auseinandersetzung und als eine Gegenfolie zu einer hochkulturellen, bürgerlichen Literatur begreifen will, dann liegen ihre Wurzeln sicher bei den Dadaisten: „Mit ihrer ästhetischen Radikalität, dem spielerischen Umgang mit Banalitäten des Alltags und ihren neuen Aktionsformen stießen die Dadaisten erst die Türen auf zu den Straßen, auf denen sich die Popliteratur später abspielte“3.

Die Dadaisten bewirkten in der Zerstörung der literarischen Formen eine intensive Auseinandersetzung mit dem Althergebrachten, indem sie in der Auseinandersetzung und in der Ablösung von humanistisch-bürgerlichen Wertevorstellungen aufgrund der starken Desillusionierung durch den Ersten Weltkrieg und der Industrialisierung eine scharfe Abgrenzung von der Hochliteratur suchten.

In einer Antikunst und einer Zerstörung der literarischen Formen und der Sprache zeigten sie ab der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg ihre Desillusionierung über den bürgerlichen Humanismus. Schon in diesem frühen Stadium „hoben [sie] die Grenzen zwischen Kunst und alltäglichem Leben auf und entwickelten völlig neue Formen der Literatur und ihres Vortrags“4, eine Forderung, die Leslie Fiedler später an die Popliteratur stellen würde.

Bevor man von einer Popliteratur in Deutschland sprechen konnte, gab es in den USA Vorläufer, die schon einige Jahre früher entstanden waren. Seit den späten 1960er Jahren des 20. Jahrhunderts kennt man in Deutschland den Begriff Popliteratur (entscheidend geprägt durch Leslie Fiedlers berühmten Aufsatz Cross the Border - Close the Gap), aber bereits in den 1950er Jahren gab es in den USA mit den Texten der Beat-Generation eine literarische Bewegung, die einen „dritten Weg jenseits von Sublimliteratur und Trivialliteratur“5 betreten hatte. Das gemeinsame Kennzeichen dieser Beat-Generation und der frühen deutschen Popliteratur war der „Nimbus des Subversiven, wenn nicht gar Revolutionären“6.

Die Beat-Generation zeichnete sich in den vierziger und fünfziger Jahren durch möglichst große Unmittelbarkeit aus, die zum Teil an die „écriture automatique“ der Surrealisten erinnert. Intensive Erlebnisse und Emotionen, Räusche und sexuelle Phantasien werden drastisch und scheinbar kunstlos und in einem radikalen Individualismus geschildert, der der Gesellschaft und ihren Ansprüchen eine schroffe Absage erteilt.

Es waren v.a. Autoren wie Allen Ginsberg oder William S. Burroughs, die mit zornigen Texten am bestehenden System und am amerikanischen Traum, der mit der Realität nichts gemein hatte, Kritik äußerten, indem sie in einer sehr prägnanten, expressiven und deutlichen Sprache ihre Kritik am amerikanischen Traum zum Ausdruck brachten. Themen dieser Subkultur waren alles gesellschaftlich Abseitige, wie Drogen oder Homosexualität. Dabei bediente sich diese literarische Gruppe expressiver Bilder und Sprache. Sie „öffneten […] die Poesie und Prosa für einen freien, offenen, expressiven Ausdruck“7, zu dem auch Alltags- und Umgangssprache und eine expressive Obszönität gehörten. Es handelte sich in erster Linie um eine Protestbewegung, die der Gesellschaft einen Spiegel vors Gesicht halten wollte. Man darf wohl sagen, dass die Literatur der Beat-Generation - ebenso wie die Literatur des Dadaismus - einen Zerrspiegel der Gesellschaft darstellte. Die Ideale des Guten und Schönen, die heile Welt, sollte an die Wirklichkeit angepasst werden. Unter diesem Aspekt erklärt sich m.E. auch die starke Orientierung an der Oberfläche und dem Alltagstopos der neueren Popliteratur in Deutschland, auch wenn diese jegliche sozialkritische Funktion bisweilen abstreitet und einen sozialrevolutionären Anspruch (der Kennzeichen der frühen deutschen Popliteratur ist) weitestgehend ablehnt.

1.2 Pop-Art und Postmoderne: Leslie Fiedler

In seinem berühmten Text Cross the Border - Close the Gap von 1968 prägte der Literaturwissenschaftler Leslie Fiedler für diese neue Generation von Schriftstellern und für diese subversive, kritische Literatur den Begriff Popliteratur.8

Fiedler spannte darin den Bogen von der Hoch- zur Subkultur, indem er der Ansicht war, dass die Grenzen zwischen der Hochkultur und der Alltagskultur in der Pop-Art, also in der Eroberung der Museen durch die Alltagskunst - und bezogen auf die Literatur - in der Etablierung der popliterarischen Texte läge. Bezeichnenderweise wurde Fiedlers Aufsatz - ein literaturwissenschaftlicher Text - in einem, für wissenschaftliche Publikationen eher ungewöhnlichen Medium veröffentlicht: in der Zeitschrift Playboy.

Pop-Art war dabei der Ausgangspunkt, von dem aus sich diese Entwicklung auch auf die Literatur ausweiten sollte:

Vor der Literatur hatte sich bereits die bildende Kunst der ‚popular culture‘ zugewandt und diese - angefangen mit den ‚Objets trouvès‘ der Dadaisten, die Dinge des alltäglichen Gebrauchs in ihre Kunstwerke integrierten, und den ‚Ready-mades‘ der Surrealisten, die einzelne Alltagsgegenstände durch bestimmte Präsentationsformen in den Rang von Kunstwerken erhoben - zum Gegenstand künstlerischer Auseinandersetzung gemacht.9

Den Texten der Popliteratur (als literarische Variante es Pop-Art) käme dabei die Funktion zu, die in jeder Massenkultur steckt: eine subversive Wirkung in der Gesellschaft: „Weil Pop-Art […] gegen jene anachronistische Überbleibsel Krieg führt, ist sie subversiv, ungeachtet ihrer erklärenden Absichten, und eine Bedrohung für alle Hierarchien, weil sie wider die Ordnung ist“10.

Ausgehend von der neuen Kunstform der Pop-Art als einer Kunst, die gegen die normale Ordnung war und Kennzeichen einer Subkultur sein sollte, veränderte sich die Wahrnehmung von Kunst und Kultur in den USA. Dabei ging es in erster Linie um eine Auflösung der Grenzen zwischen Hoch- und Subkultur, wie sie Fiedler fordert. Die Grenzen zwischen elitärer Hoch- und populärer Massenkultur verwischten. Künstler wie Andy Warhol oder Roy Lichtenstein inszenierten eine populäre Massenkultur und wollten damit den Weg ebnen zu einer klassenlosen Gesellschaft innerhalb der industrialisierten Massengesellschaft: „Die Vorstellung von einer Kunst für die ‚Gebildeten‘ und einer Subkunst für die ‚Ungebildeten‘ bezeugt den letzten Überrest einer ärgerlichen Unterscheidung innerhalb der industrialisierten Massengesellschaft, die nur einer Klassengesellschaft zustünde.“11

Fiedler fordert von der Literatur in der Auseinandersetzung mit der Beat-Generation „eine zugleich populäre wie sinnlich-lustbetonte Literatur, die den sterilen Akademismus […] ablösen sollte“12. In dieser Forderung und dieser Hinwendung verbindet Fiedler „seine Überlegungen zum ‚Todeskampf der literarischen Moderne‘ und den ‚Geburtswehen der Post-Moderne‘ mit einer empathischen Bezugnahme auf junge amerikanische Autoren, die sich ‚offen der Form des Pop‘ bedienten und so den ‚Graben‘ zwischen Trivial- und Hochliteratur überwinden hälfen“13. Schon in dieser Bezugnahme werden Berührungspunkte zwischen postmodernen und popliterarischen Schreibweisen sichtbar. Die literarische Erscheinungsform der Postmoderne verstand sich dabei als Gegenbewegung gegen eine zunehmend als statische und totalitär empfundene Moderne, zunächst in der Architektur und dann auf dem Wege der Übertragung dieses Begriffs in der Philosophie und der Literatur.

Die Popliteratur generierte sich analog dazu als „Ausdruck einer Gegenkultur“14, die in der Überwindung von Grenzen zwischen elitärer Hochliteratur und niederer Trivialliteratur „einen sozialrevolutionären Anspruch verknüpft“15.

Schon der Titel von Fiedlers Aufsatz zur Postmoderne von 1968 zeigt an, dass es sich bei dem Literaturprogramm der Postmoderne um einen Aufruf zur Grenzüberschreitung handelt: Cross the Border - Close the Gap stellt Literatur als zugleich intellektuell und elitär, aber auch als romantisch und sentimental dar. Für Fiedler ist der postmoderne Schriftsteller „gleichermaßen zu Hause in der Welt der Technologie und im Reich des Wunders“16, und schafft durch eine Mehrfachstruktur in seinen Texten eine Verbindung zwischen Wirklichkeit und Fiktion sowie von Elitärem und Populärem. „Der postmoderne Roman muss ‚die Lücke […] schließen zwischen hoher Kultur und niederer, belles-lettres und pop art‘, so dass für Fiedler ‚die Überbrückung der Kluft zwischen Elite- und Massenkultur die exakte Funktion der Literatur heute ist‘“17. Eben dieser Versuch der Grenzverwischung ist es, der die frühe Popliteratur auszeichnet. Das Programm einer frühen Popliteratur war „die Grenzen zwischen E und U, zwischen anspruchsvoller und unterhaltender Literatur einzureißen“18.

Dies sollte nach Fiedler auch zur Vorgehensweise der postmodernen Kritik werden: anstatt eine elitäre Ausgrenzung von Populärkultur oder Volkstümlichkeit zu betreiben, sollte sie sich loslösen vom rationalistischen Kanon der Moderne und als Kritik selbst zur Kunst werden: “criticism is literature or it is nothing“19.

Neben diesen beiden Punkten spielt für Fiedler noch die letzte Größe, die des Rezipienten, eine Rolle, denn auch der Rezipient soll Teil des neuen Umgangs mit Kunst werden:

[...]


1 Wiegerling, Klaus: Lord Henry oder Fürst Pückler? In: Kritische Ausgabe - Zeitschrift für Germanistik & Literatur. 4. Jahrgang, 1/00: „Popliteratur“, Bonn 2000, S. 9

2 Frank, Dirk: Popliteratur. Stuttgart 2003, S. 10 (künftig zitiert als Frank 2003)

3 Ernst, Thomas: Popliteratur. Hamburg 2001, S. 11 (künftig zitiert als Ernst 2001)

4 Ebd., S. 10

5 Frank 2003, S. 11

6 Ebd., S. 11

7 Ernst 2001, S. 15

8 Vgl. ebd., S. 22ff.

9 Hoffmann, Dieter: Arbeitsbuch Deutschsprachige Prosa seit 1945. Band 2: von der Neuen Subjektivität zur PopLiteratur. Tübingen 2006, S. 333 (künftig zitiert als Hoffmann 2006)

10 Leslie A. Fiedler, 1968, zitiert in: Hoffmann 2006, S. 334

11 Leslie A. Fiedler, 1968, zitiert in: Ernst 2001, S. 22

12 Frank 2003, S. 12

13 Hoffmann 2006, S. 328

14 Ebd., S. 329

15 Ebd., S. 330

16 Leslie A. Fiedler, 1968, zitiert in: Welsch, Wolfgang: Unsere postmoderne Moderne. Weinheim 1987, S.16.

17 Petersen, Christer: Der postmoderne Text - Rekonstruktion einer zeitgenössischen Ästhetik am Beispiel von Thomas Pynchon, Peter Greenaway und Paul Wühr. Kiel 2003, S.184 (künftig zitiert als Petersen 2003)

18 Frank 2003, S. 5

19 Leslie A. Fiedler, 1971, zitiert in: Petersen 2003, S.184 7

Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Die Welt als Remix – Neue Popliteratur in Deutschland am Beispiel von Benjamin von Stuckrad-Barres Remix und Remix 2
Untertitel
Eine textanalytische Spurensuche
Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf  (Philosophische Fakultät)
Veranstaltung
Hauptseminar Gegenwartsliteratur
Note
2,0
Jahr
2007
Seiten
29
Katalognummer
V83215
ISBN (eBook)
9783638895002
ISBN (Buch)
9783640295029
Dateigröße
498 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Welt, Remix, Neue, Popliteratur, Deutschland, Beispiel, Benjamin, Stuckrad-Barres, Hauptseminar, Gegenwartsliteratur
Arbeit zitieren
Anonym, 2007, Die Welt als Remix – Neue Popliteratur in Deutschland am Beispiel von Benjamin von Stuckrad-Barres Remix und Remix 2, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/83215

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