Der Status der pastoralen Welt und die Inszenierungsfunktion der Bukolik


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007
22 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1. Trias von Wolfgang Iser
1.2. Übertragung der Trias auf die arkadische Welt
1.3. Arkadien als Zwischenwelt

2. Hauptteil
2.1 Der locus amoenus in La Diana
2.2. „Fuente“ als Begegnungs- und Gedächtnisort
2.3. Soziale und historische Realität in La Diana
2.4. Inszenierungsfunktion der Bukolik bei Theokrit und Vergil
2.5. Die Inszenierungen in Montemayors La Diana

3. Schlussbemerkung

Einleitung:

In der vorliegenden Arbeit geht es um den Status der pastoralen Welt und die Inszenierungsfunktion der Bukolik von der Antike bis in die Renaissance. Grundlage für die Ausführungen ist die Trias, bestehend aus Fiktivem, Realem und Imaginärem, von Wolfgang Iser.[1] Iser entwickelt diese spezifische Theorie im Rahmen einer allgemeinen Theorie über Fiktionalität, auf die ebenfalls kurz eingegangen wird. Der theoretischen Grundlagenschaffung folgt die praktische Übertragung der Trias auf die arkadische Welt. Es wird untersucht, wie die pastorale Welt als Zwischenwelt zwischen Realität und Idealvorstellung fungiert. Im Folgenden wird konkret auf die gesellschaftliche und historische Situierung der arkadischen Welt in La Diana von Montemayor eingegangen. Im Mittelpunkt der Interpretation soll das Spannungsfeld zwischen historisch-sozialer Wirklichkeit und poetisch-abstrakter Idealvorstellung des Autors stehen. Anhand einzelner Figuren und im Roman vorkommende Indikatoren werden die Berührungspunkte mit der gesellschaftlichen Realität näher erläutert. Die `fuente` als Ort im Spannungsfeld zwischen Realität und Idealvorstellung im locus amoenus der Hirten und dessen Grundfunktion als Begegnungs- und Erinnerungsort werden des weiteren genauer beleuchtet. Abgerundet wird diese Arbeit durch die Bezugnahme auf die Inszenierungsfunktion der Bukolik. Zunächst werden die antiken Vorbilder Theokrit und Vergil im Vordergrund stehen und schließlich die Doppelung des Liebesleides in Vers und Prosa in Montemayors La Diana beschrieben.

1.1. Trias: Reales- Fiktives- Imaginäres

Nach Iser ist ein literarischer Text als Produkt eines Autors eine bestimmte Form der Weltzuwendung.[2] Für jeden fiktionalen Text ist eine Selektion aus vorhandenen Umweltsystemen, seien diese sozio-kultureller oder literarischer Natur, notwendig. Die Selektion beruht auf keiner Regel, sondern auf dem Autor und dessen spezifischer Weltzuwendung. Zudem kommt es bei der Erschaffung von Texten stets zu einer Kombination von Textelementen. Diese reicht von der lexikalischen Ebene, zum Beispiel durch Neologismen, bis hin zu den Schemata, durch die Figuren und deren Handlungen organisiert werden. Ein literarischer Text gibt sich zudem durch ein Signalrepertoire als fiktional zu verstehen. Eine Fiktionssignal kann nur verstanden werden, wenn Autor und Publikum bestimmte, historisch variierende Konventionen teilen und durch Selbstanzeige eine Fiktion durchbrochen wird. Iser geht also bei seiner Behandlung der allgemeinen Frage nach, welchen Kriterien zufolge ein fiktionales von einem nicht-fiktionalen Werk unterschieden werden kann. Diese Frage ist keine beliebige, da es sich hier um den Status des literarischen Textes an sich handelt.[3]

Um einen literarischen Text einordnen zu können, reicht eine einfache Opposition von Wirklichkeit und Fiktion, einer der Elementarbestände unseres intersubjektiv geltenden „stummen“ Wissens, nicht aus. In fiktionalen Texten werden Reales und Fiktives häufig vermischt, so dass die Opposition von Fiktion und Wirklichkeit nach Iser um eine dritte Komponente, das Imaginäre, erweitert werden muss, um die Vermischung von Realität und Fiktivem adäquat erklären zu können.[4] So kann es in einem fiktionalen Text durchaus reale Elemente wie Emotionen oder gesellschaftliche Realitäten geben. Iser definiert die drei Teile seines dreigliedrigen Modells folgendermaßen:

Das Reale wird als die außertextuelle Welt verstanden, die als Gegebenheit dem Text vorausliegt und dessen Bezugsfelder bildet. Diese können Sinnsysteme und Weltbilder oder auch andere Texte sein, in denen eine spezifische Organisation beziehungsweise Interpretation von Wirklichkeit geleistet ist. Folglich bestimmt sich das Reale als die Vielfalt der Diskurse, denen die Weltzuwendung des Autors durch den Text gilt. Das Imaginäre wird anderseits als das Bündel der Ideal- oder Phantasievorstellungen gekennzeichnet, auf die im fiktionalen Text Bezug genommen wird. An sich ist das Imaginäre aber „in seiner Erscheinungsweise diffus, formlos, unfixiert und ohne Objektreferenz“.[5] Es ist nicht möglich das Imaginäre als ein menschliches Vermögen zu bestimmen, sondern das Imaginäre manifestiert sich im Zusammenspiel mit dem Fiktiven.

Das Fiktive nimmt eine vermittelnde Rolle zwischen realer Welt und der Phantasievorstellung ein. In dieser Zwischenwelt wird Reales irrealisiert und Imaginäres real gemacht. Das Ziel des Fiktiven besteht nach Meinung Isers in der Umformulierung formulierter Welt und die ästhetische Fiktion befriedigt letztlich ein Bedürfnis nach dem Vollkommenen.

1.2. Übertragung der Trias auf die arkadische Welt

Das Fiktive in bukolischen Texten versteht man also nur, wenn man es als mittleres Glied eines dreigliedrigen Modells versteht, in dem Reales, Fiktives und Imaginäres zusammenspielen. Ein Sachverhalt kann je nachdem als Gegebenheit, als Möglichkeit oder als (ewige) Idee vorgestellt werden. Auf die Bukolik bezogen ist das Reale die gesellschaftliche Realität, das Fiktive der bukolische Raum als Zwischenwelt, in dem Imaginäres, nämlich die Idealvorstellung vom Goldenen Zeitalter konkretisiert wird und einen realen Kontext erhält. Zur besseren Anschauung habe ich die Trias und deren Übertragung auf die Bukolik in einem Schema zusammengefasst:

Allgemein:

REALES FIKTIVES IMAGINÄRES

reale Welt Imaginäres wird konkretisiert und Phantasie-/

erhält realen Kontext, dadurch wird Idealvor=

Reales ein Stückweit imaginiert stellung

↓ ↓ ↓

Bukolik:

gesellschaftliche Bukolischer Raum als Zwischenwelt Goldenes

Realität Zeitalter als Ideal/Flucht=

punkt

Ob eine Fiktion in einem literarischen Text angenommen wird oder nicht, hängt nach Meinung Isers vom Publikum ab, so dass eine Fiktion stets im alltäglichen Leben verankert werden muss. Um dies zu erreichen, werden nach Meinung Wehles in der Literatur Begriffe der Zeit benutzt, ein Adressatenkreis, die Zeit und die Art des Umgangs mit dem Text festgelegt.[6]

Nach Meinung Isers gibt sich jeder fiktionale Text zudem durch ein Signalrepertoire zu verstehen, das vom Publikum aber nur verstanden werden kann, wenn von Autor und Publikum bestimmte historische Konventionen geteilt werden.[7] Iser kommt zu dem Schluss, dass Fiktionalität durch eine bestimmte Inszenierung bewusst gemacht werden kann. Dies zeigt sich in ausgezeichneter Weise in der bukolischen Literatur aufgrund bestimmter Inszenierungspraktiken. In der Bukolik wird durch Inszenierungspraktiken wie dem stilisierten Wettsingen der Hirten vor einem textimmanenten Publikum Fiktionalität zur Anschauung gebracht und somit selbst thematisiert. Iser schreibt dazu:

Nun gibt es in der Geschichte der Literatur einen Diskurs, in welchem literarische Fiktionalität durch das Kenntlichmachen ihres Fingiertseins in das Bewusstsein einer Epoche getrieben wurde: die Schäferdichtung der Renaissance [...]

Es zeigt aber auch, dass die Schäferwelt als ein Gegenbild verstanden wurde, das alles das ermöglichte, was die soziale Realität verweigerte.[...] Die Bukolik ist ein Diskurs, in dem das Fingieren thematisiert wird und dadurch literarischer Fiktionalität zur Anschauung verholfen wird. Durch Inszenierungspraktiken, wie dem Wettsingen der Hirten, wird Fiktionalität zur Anschauung gebracht und eingeübt. (59-60)

Die Bukolik ist demnach ein Diskurs, in dem das Fingieren thematisiert wird und in dem dadurch literarischer Fiktionalität zur Anschauung verholfen wird. In der Schäferdichtung der Renaissance wurde die Schäferwelt als ein Gegenbild verstanden, das alles das ermöglichte, was die soziale Realität verweigerte.

[...]


[1] Siehe Wolfgang Iser: Das Fiktive und das Imaginäre. Perspektiven literarischer Anthropologie, Frankfurt am Main 1993 , S.9-109.

[2] Siehe Iser (1993:24).

[3] Iser setzt den „fiktionalen“ mit dem „literarischen“ Text gleich. Siehe Iser (1993 : 18).

[4] “Sind fiktionale Texte wirklich so fiktiv, und sind jene, die man nicht so bezeichnen kann, wirklich ohne Fiktion?“ (ebenda). „Denn offensichtlich gibt es im fiktionalen Text sehr viel Realität, die nicht nur eine solche identifizierbarer sozialer Wirklichkeit sein muß, sondern ebenso eine solche der Gefühle und Empfindungen sein kann“

[5] Siehe Iser (1993: 21).

[6] Wehle, der die grundlegenden Züge der Iserschen Theorie übernimmt, schreibt zu einer sozio-kulturellen Situierung einer Fiktion: „Wenn das Publikum nicht mitmacht, ginge der ganze Kunstaufwand leer aus. Seine Wirksamkeit hängt fraglos von einer ästhetischen Einstellung auf seiten des Wahrnehmenden ab. Literarische Texte hätten aber schwerlich den Ausstieg aus dem Realen riskiert, wenn sie nicht annehmen durften, dass ihr Publikum ihnen ins Reich der Fiktion folgt. Ja ihre Verankerung im Zusammenhang des Lebens ist so fest, dass ihnen geradezu die Verbindlichkeit eines Kontrakts zukommt. Siehe Winfried Wehle: „Arkadien. Eine Kunstwelt?“ , in: Stierle, Karl Heinu u.a. (Hg): Die Pluralität der Welten. Aspekte der Renaissance in der Romania, München 1987, S. 141f.

[7] Siehe zu diesem Punkt Iser (1993:35).

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Der Status der pastoralen Welt und die Inszenierungsfunktion der Bukolik
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen
Note
2,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
22
Katalognummer
V83298
ISBN (eBook)
9783638892193
ISBN (Buch)
9783638892476
Dateigröße
482 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Vollständige Zitierung über Fußnoten, daher ohne extra ausgewiesenes Literaturverzeichnis.
Schlagworte
Status, Welt, Inszenierungsfunktion, Bukolik
Arbeit zitieren
Sebastian Braun (Autor), 2007, Der Status der pastoralen Welt und die Inszenierungsfunktion der Bukolik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/83298

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