Gespräch und Hierarchie in dem Roman 'Wie Uli der Knecht glücklich wird' von Jeremias Gotthelf


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007
36 Seiten, Note: 1,5

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

Einleitung

1 Der Aufbau und Stil im Uli -Roman
1.1 Die bäuerliche Welt

2. Die Gespräche zwischen Herr und Knecht
2.1. Das erste Gespräch als Strafpredigt
2.2 Das Gespräch als Annäherung der Stände – Eine Kinderlehre während der Nacht
2.3. Der Meister als Lebensratgeber

3. Der Kampf um Ordnung – Die Gespräche zwischen Meisterknecht und Glunggebauern
3.1. Die Helferfiguren
3.2. Der Baumwollhändler als Verkörperung des Zeitgeistes

4. Die Reden der Pfarrerfiguren

5. Schluss

Literaturverzeichnis

Einleitung

Die folgende Arbeit befasst sich mit Jeremias Gotthelfs Roman Wie Uli der Knecht glücklich wird. Innerhalb des Romans nehmen Gespräche einen auffallend großen Raum ein und bestimmen den Handlungsverlauf, indem sie Handlung initiieren oder verhindern. Im Folgenden soll daher untersucht werden, welche Funktion sie im Zusammenhang mit den dargestellten hierarchischen Verhältnissen einnehmen. Von besonderem Interesse werden dabei die Gespräche und das Gesprächsverhalten zwischen den Figuren sein, die unterschiedlichen Positionen innerhalb der erwähnten besitzständischen Ordnung angehören und deren Wirkung auf die Entwicklung des Protagonisten Uli. Aus diesem Grund stehen die Gespräche Ulis mit dem Bodenbauern Johannes, dem Glunggebauern Joggeli und seiner Frau und den Pfarrerfiguren im Vordergrund. Erst in zweiter Linie werden wichtige Gespräche mit anderen Nebenfiguren eine Rolle spielen. Diese Auswahl dient gleichzeitig dazu, das umfangreiche Thema einzugrenzen. Da die Verwendung der dialektalen und der hochdeutschen Sprache ein wichtiges Merkmal der Dichtung Gotthelfs ist, fließt deren Bedeutung im Zusammenhang mit der Gestaltung der Gespräche und Figuren in die Untersuchung ein. Um die Gespräche im Hinblick auf die Fragestellung zu analysieren, werden zum Teil die Methoden und Kategorien der germanistischen Gesprächsforschung und der historischen Dialogforschung zu Hilfe genommen. Beide sprachwissenschaftlichen Disziplinen gehen davon aus, dass der Begriff des Gesprächs sich in erster Linie auf den Dialog in gesprochener Sprache bezieht und dialogische Sprachhandlungen meint, zwischen mindestens zwei Personen, die der menschlichen Verständigung dienen.[1] Die literarisch-fiktionalen Gespräche, welche hier zum Untersuchungsgegenstand werden, stellen eine besondere Form der Gesprächsgattungen dar. Sie grenzen sich von den natürlichen Gesprächen dadurch ab, dass sie künstlerische, stilisierte Entwürfe sind, die keine reale Gesprächssituation abbilden, aber auf dem Wirklichen basieren. So lassen sich aufgrund von fiktionalen Gesprächen Rückschlüsse auf zeitgenössische Gesprächswirklichkeiten in den verschiedenen Kommunikations- und Praxisbereichen ziehen.[2]

Zum Zweck der Übersichtlichkeit wird bei Zitaten aus der Werkausgabe der Nachweis unmittelbar an das Zitat durch die Abkürzung: UK/Seitenzahl erbracht.

1 Der Aufbau und Stil im Uli -Roman

Bereits der Titel deutet das Thema des Romans an, welcher erstmals 1841 veröffentlicht wurde.[3] Der Er-Erzähler schildert die sittliche Bildung und die daraus resultierende ökonomische Entwicklung des Knechts Uli. Dabei verweist der Untertitel auf die didaktische Intention des Autors, der sich ursprünglich an eine bestimmte Leserschaft wenden wollte, welche wie die handelnden Figuren im Uli -Roman, der bäuerlichen Gesellschaft entstammt.[4]. Im ersten Teil des Romans steht die Beziehung zwischen dem Knecht und seinem Meister, dem Bodenbauer Johannes, im Vordergrund. Mit Hilfe seines vorbildlichen und geduldigen Meisters gelingt es Uli, geistig und moralisch zu reifen. Die eigene Persönlichkeitsentwicklung bildet die Grundlage für Ulis Aufstieg zum Meisterknecht. Als neuer Meisterknecht auf dem Hof des Glunggebauern Joggeli, welcher im starken Kontrast zum ersten Meister dargestellt ist, wird Uli im zweiten Teil des Romans auf seine Treue zu einem unvollkommenen Meister und seine innere Stärke hin geprüft. Am Ende des Uli steht das versprochene Glück: Uli heiratet und wird Pächter. Diese knapp umrissene Inhaltsangabe macht deutlich, dass der Handlungsort und -raum, zwei Bauerngute im Schweizer Kanton Bern[5], eng umgrenzt ist. Der Erzähler konzentriert sich auf die oft realistische Darstellung des ländlichen Lebens der auftretenden Figuren. Dieser Realismus spiegelt sich besonders eindrucksvoll in der verwendeten dialektalen Sprache wider. In unterschiedlicher Ausprägung sprechen die Figuren einen mehr oder weniger starken Berner Dialekt, welcher zur Charakterisierung der Figuren beiträgt und als ‚Sprache des Volkes’ die Nähe zum Lesepublikum, der ländlichen Bevölkerung, herstellt. Im Gegensatz dazu sind die Erzählereinschübe in hochdeutscher Sprache verfasst und beinhalten nur vereinzelte mundartliche Ausdrücke, wodurch eine objektive Distanz zwischen dem erzähltem Geschehen und dem Erzähler erreicht wird.

1.1 Die bäuerliche Welt

Mit seiner Orientierung am realen Leben steht Gotthelf in der Tradition von Pestalozzi und dessen pädagogischer Absicht, zur Aufklärung des Volkes beizutragen. Aber der Uli ist mehr als ein Erziehungsroman. In ihm vertritt der Autor sein christlich geprägtes Weltbild.[6] Uli kann nur in dem Maße wachsen, in welchem seine Nähe zu Gott wächst und inwieweit sein Leben einem gelebten Glauben entspricht. Am Beispiel des Bodenbauers und seiner Familie wird die bäuerliche Gemeinschaft idealisiert dargestellt und zum Ort des wahren christlichen Lebens. Zu dieser traditionellen Gemeinschaft gehören alle, die im Hause leben und arbeiten, d.h. neben dem Bauern, der Bäuerin und deren Kindern auch die Mägde und Knechte. Mit dem Bauern/ Meister als Oberhaupt der wirtschaftlichen und sozialen Gemeinschaft, die auch als ‚Familie’[7] bezeichnet wird, ist diese durch eine strenge, patriarchalische Hierarchie strukturiert. Der Erzähler im Uli -Roman verdeutlicht bereits am Anfang, durch die Wiedergabe der direkten Rede der Meisterfrau, dass die Verantwortung der Meisterleute für die Dienenden über das bloße Verköstigen und Entlohnen hinausreicht:

‚[...] die Meisterleut sind doch Meister in ihrem Hause, und was sie in ihrem Hause dulden, und was sie ihren Leuten nachlassen, dafür sind sie Gott und den Menschen verantwortlich.’ (UK/8)

Zum einem zeigt sich durch dieses Textbeispiel, dass die Meisterleute einen erzieherischen Auftrag gegenüber ihren Untergebenen zu erfüllen haben, der durch ihren christlichen Glauben geprägt ist und sie verantwortlich macht für das Seelenheil ihrer Hausgenossen. Zum anderen wird mit dem Bezug auf Gott die übergeordnete Position in der Hierarchie religiös begründet. Indem Gotthelf das traditionsbewusste, christliche ‚Haus’ propagiert und die damit verbundene ‚gottgegebene’ Ordnung, wendet er sich eindeutig gegen den vorherrschenden Zeitgeist, welcher geprägt war von Individualisierung und die damit verbundene Säkularisierung. Die traditionellen Dienstverhältnisse wurden im Zuge der Liberalisierung im neunzehnten Jahrhundert immer mehr verdrängt durch die neue, freie Lohnarbeit. Gotthelf sah in ihr u.a. die Ursache für die Zerstörung sozialer Beziehungen und im Emanzipationsbestreben des Individuums verurteilte er den Egoismus des Einzelnen, der für die Entstehung feindlicher Klassen und Interessengegensätzen verantwortlich ist.[8]

2. Die Gespräche zwischen Herr und Knecht

Der Romananfang ist vom Erzähler so gestaltet, dass er in ‚medias res’ den Leser sofort in die bäuerliche Welt des Bodenbauers Johannes einführt:

Es lag eine dunkle Nacht über der Erde; noch dunkler war der Ort, wo eine Stimme gedämpft zu wiederholten Malen ‚Johannes!’ rief. Es war ein kleines Stübchen in einem großen Baurenhause[...]. (UK/7)

Im folgenden Gespräch zwischen der Meisterfrau und dem Meister, eröffnet sie den Dialog, indem sie den Meister auffordert, dass er „füttern“ (UK/95) müsse, weil der Knecht Uli „voll“ (UK/95) ist und wieder einmal „gehudelt“ (UK/95) hat.[9] Das als unverantwortlich kritisierte Verhalten des Knechts wird zum Gesprächsanlass im Ehebett der Meisterleute und im Themenbereich ausgeweitet auf das allgemeine, zeittypische Verhalten der Dienstleute und das Arbeitsverhältnis zwischen Meister und Diensten. Durch die Wiedergabe der direkten Rede der Meisterfrau übt der Erzähler Kritik an den neuen, modernen Arbeitsverhältnissen und charakterisiert die Bodenbauern als Anhänger eines traditionellen Verständnisses von den Verpflichtungen der Meister gegenüber den Dienstleuten, welches auf sittlich-moralischen Maximen beruht:

‚[...] Es ist mir nicht nur wegen dir, sondern auch wegen Uli. Wenn man ihm nichts sagt, so meint er, er habe das Recht dazu, und tut immer wüster. Und dann müssen wir uns doch ein Gewissen daraus machen; Meisterleut sind Meisterleut, und man mag sagen, was man will, auf die neue Mode, was die Dienste neben der Arbeit machen, gehe niemand etwas an [...] Du musst ihn ins Stübli nehmen [...] und ihm ein Kapitel lesen.’ (UK/7f.)[10]

Die Handlungsaufforderung an den Bauern verdeutlicht dessen hierarchische Stellung im Haus. Als Oberhaupt der Familie und des landwirtschaftlichen Gutes ist es seine Aufgabe, die Knechte an ihre Pflichten zu erinnern und, wenn notwendig, zurechtzuweisen. Gleichzeitig dominiert aber die Bäuerin den Dialog durch ihre größere Anzahl an Gesprächsschritten und Wörtern und dadurch, dass nach ihrer Handlungsaufforderung das Gespräch abrupt abbricht.[11] Damit verweist der Erzähler auf die gleichwertige Stellung zwischen Mann und Frau innerhalb ihrer ehelichen Beziehung. Der folgende Erzählereinschub über das ‚Kapitel lesen’ erweitert das Bild des verantwortungsvollen Meisters aus dem vorangegangenen Gespräch, indem er ihn als den idealtypischen Vertreter des „Bauernadel“ (UK/8) zeichnet. Das Adlige bezieht sich auf der einen Seite auf die lange Tradition der bäuerlichen Kultur und auf das Verwurzeltsein der Sitten und Gebräuche sowie der hierarchischen Ordnung. Auf der anderen Seite adelt diesen Typus von Bauern vor allem seine „Selbstbeherrschung und ruhige(n) Gemessenheit“ (UK/9) mit welcher er den Betreffenden geistig züchtigt. Die auftauchenden Wörter, wie „Familie [...] Familiensitte [...] Mann und Weib [...] Sünder [...] in vollkommener Ruhe, recht väterlich, [...] lässt ihm aber auch Gerechtigkeit widerfahren [...]“ (UK/8f.) betonen die sittlichen Prinzipien, die christlichen Ursprungs sind und den Meister Johannes so zu einem vorbildlichen christlichen Hausvater machen. Nur unter solchen Voraussetzungen gelingt das didaktische ‚Kapitel lesen’.[12] Im zweiten Kapitel mit dem Titel „Ein heiterer Sonntag in einem schönen Baurenhause.“ (UK/15) wird in einer feierlichen, religiös verklärten Szene die Frömmigkeit des Meisters vorgeführt, der ‚am Tag des Herrn’ die göttliche Schöpfung preist. Mit Mitteln einer allegorischen Naturbeschreibung wird die Natur erotisierend zum „süße(n) Bräutlein“ (UK/15), die strahlende Sonne zur „Priesterin Gottes“ (UK/15) überhöht und als „Gottes unermessliche(r) Tempel“ (UK/15) die gesamte Schöpfung zum Zeugnis der göttlichen Liebe, welche den Bauern inspiriert, selbst liebevoll in seinem eigenen ‚Tempel’, dem der Familie, zu handeln. Ganz im Sinn des christlichen Gebots der Nächstenliebe und der Fürsorgeverpflichtung für die Untergebenen, geht es dem Meister um das Heil der „eigenen Seele [und] darum an den Seelen anderer auch“ (UK/16). Dieser christliche Impetus bestimmt im weiteren Verlauf die Handlungen der Bodenbauerfigur im Zusammenhang mit seinem Vorhaben, auf Ulis Verhalten erzieherisch einzuwirken.

2.1. Das erste Gespräch als Strafpredigt

Im vorangegangenen Abschnitt wurde deutlich, dass das ‚Kapitel lesen’ einen besonderen Gesprächsbereich zwischen dem Hausvater/ Meister und seinen Dienstboten betrifft. Das Fehlverhalten von Uli zwingt den Meister zu diesem Gespräch. Die im Befehlston gehaltene Aufforderung: „Kumm, los neuis [...] !“ (UK/9) des Bodenbauern, unterstreicht dessen Autorität und Entschlossenheit, gleichzeitig betont sie, dass sich der Knecht der kommenden Situation stellen muss. Entsprechend dem angemessenen Verhaltens eines königlichen Bauers, findet dieses Gespräch unter Ausschluss der Öffentlichkeit, im „Stübli“ (UK/9), statt. Dieser Raum ist sonst nur den Meisterleuten oder besonderen Gästen vorbehalten.[13] Die Gestaltung der Gesprächssituation, in Hinsicht auf die räumliche Ordnung der Gesprächspartner, verdeutlicht die dominante Position des Meisters und die Unsicherheit des Knechts. Während jener sich „oben“ (UK/9) an den Tisch setzt, bleibt Uli an der Tür stehen und „machte ein Schafsgesicht, das sich gleich leicht in ein trotziges oder ein reumütiges verwandeln ließ(UK/9).“ Ulis Stehen bleiben an der Tür spricht einerseits dafür, dass er es nicht gewohnt ist, sich in diesem besonderen Raum des Bauernhauses aufzuhalten. Andererseits gibt der Erzählerhinweis auf seine Mimik Aufschluss darüber, dass der Verlauf des Gesprächs von Seiten des Knechts noch völlig offen ist und so die Tür auch zur Fluchtmöglichkeit werden könnte. In einer psychologisierenden Beschreibung des Äußeren von Uli werden die körperlichen Attribute, wie Schönheit, Jugend und „kraftvollem Aussehen“ (UK/9) mit einer selbstgefährdenden charakterlichen Anlage Ulis verbunden, welche die Vergänglichkeit der körperlichen Vorzüge betont und beschleunigen kann. Gleichzeitig wird auf die sittliche Gefährdung des Knechts angespielt, die eine Veränderung seines Verhaltens notwendig macht.[14] In der Gesprächseröffnung wird durch den Meister das Gesprächsthema, Ulis ‚Hudeln’, direkt angesprochen. Indem er zunächst logisch argumentierend dem Knecht die Folgen eines solchen Verhaltens, nämlich die Gefährdung der Tiere und damit des gesamten Hofes, vor Augen führt, versucht er Uli auf der sachlichen Ebene zum Umdenken zu bewegen. Zu dieser Ebene gehört auch die Thematisierung der Besitzverhältnisse und damit des Dienstverhältnisses:

‚[...]; ich will meine Rosse und Kühe keinem anvertrauen, der den Kopf voll Brönz oder Wein hat, einen solchen darf ich nicht mit der Laterne in den Stall lassen, [...], es sind mir schon zu viele Häuser so verleichtsinnigt worden.’ (UK/9f.)

Der Meister macht durch die Verwendung des Possessivpronomens ‚meine’ die unterschiedliche Position am Hof deutlich. Der Knecht gefährdet sein Arbeitsverhältnis, welches von dem Vertrauen geprägt ist, dass er verantwortungsvoll mit dem Besitz anderer umgeht. Ulis rasche, in einer schnellen, parataktischen Reihe gehaltene Reaktion: „Er hätte noch nichts verleichtsinniget, [...], er hätte seine Arbeit immer noch gemacht, [...], und was er saufe, zahle ihm niemand; was er versaufe, gehe niemand an, er versaufe sein Geld. (UK/10)“, zeugt von einer trotzigen, abweisenden Haltung. Er ist nicht wie sein Meister in der Lage, den sachlichen Sprachduktus zu übernehmen, sondern wechselt auf die Beziehungsebene und betont ausschließlich sein Recht auf Selbstbestimmung. Die Wiedergabe seiner Äußerungen in indirekter Rede, im Gegensatz zu der direkten Rede des Bodenbauers, unterstreicht dabei sein Gesprächsverhalten. Während der Meister Uli in der zweiten Person direkt anspricht und dadurch das menschliche Verhältnis hervorhebt, aber auch seine Souveränität gegenüber dem Knecht demonstriert, meidet Uli die direkte Anrede und die damit verbundene Gerichtetheit seiner Äußerungen an den Meister. Der verwendete Konjunktiv unterstützt die Unsicherheit, die Uli durch seine Reaktion ausstrahlt.[15] Diese unterschiedlichen Redeformen werden als stilistisches und charakterisierendes Mittel vom Erzähler im weiteren Verlauf des Gesprächs beibehalten. Im nächsten Gesprächsschritt wechselt der Meister durch die Bezeichnung „mein Knecht“ (UK/10) ebenfalls von der sachbezogenen auf die Beziehungsebene und argumentiert gegen Ulis Entfremdung vom Familiensinn eines traditionellen Bauernhofes, indem er ihn darauf aufmerksam macht, dass er den Ruf des Bodenbauers in der bäuerlichen Nachbarschaft beschädigt und an sein Gewissen appelliert. Der Tonfall des Bauern steigert sich zu einer Aufzählung der Vergehen des Knechts, bezogen auf die vernachlässigte Arbeit und findet seinen Höhepunkt in der Konfrontation des Ulis mit seinem unsittlichen Verhalten, wodurch die persönliche Betroffenheit des Meisters deutlich wird:

‚Es ist ein Elend, dir zuzusehen. Da staunest du so gradeaus, dass man wohl sieht, daß man wohl sieht, daß du an nichts als an deine Schleipfe sinnest, mit denen du desumetrolet bist.’ (UK/10)

Die Ausführungen seines Meisters führen bei Uli nicht zur erwünschten Reue, sondern veranlassen ihn, das Gesprächsthema zu wechseln und in allgemeiner Form über ‚die’ Meister und die schlechte Situation der Dienstleute zu klagen. Der Bodenbauer erkennt, dass durch die einseitige und abwehrende Sichtweise seines Knechts eine gegenseitige Verständigung momentan nicht erreichbar ist, deshalb muss er das Gespräch abbrechen, um weiteren Unfrieden zu verhindern. In didaktischer Absicht und aufgrund seiner Erfahrung prognostiziert er Ulis Zukunft, falls er sein Verhalten nicht ändert:

‚Jawohl gibst du dich mit Schleipfen ab, und zähle darauf, du wirst unglücklich! [...] das ist ja das wüstest Meitli zentum; [...] da bist du ihm gerade der Rechte, für dich anzugeben, wenns gefehlt hat, kannst Kindbett halten für andere, [...] dein Leben lang mitten in der teuren Zeit sein wie soviel tausend andere, die es gerade machten wie du und jetzt im Elend sind [...]. Geh jetzt, besinne dich, und wenn du dich nicht ändern willst, so kannst du in Gottes Namen gehen; ich begehre dich nicht mehr. Gib mir in acht Tagen den Bescheid.’ (UK/11)

Mit eindrücklichen Worten verdeutlicht der Meister unmissverständlich Ulis weiteren Werdegang, indem er ihm die mögliche Konsequenz aus seinem Verhältnis zu einem ‚wüsten Meitli’ vor Augen führt: Ein Leben in Elend und der Verlust des Dienstverhältnisses beim Bodenbauern. Die Bedenkzeit, die er dem Knecht einräumt, verweist auf die Hoffnung, die der Meister hat, dass seine Worte bei Uli eine positive Wirkung haben und auf seine Geduld, die ihn als gerechten und väterlichen Meister auszeichnen. Insgesamt trägt das Gespräch zwar die Merkmale einer ‚Strafpredigt’, indem der Meister in seiner autoritären Position dem Knecht seine Fehler darlegt und ihn auf die Folgen seines Handelns hinweist und den Themenbereich bestimmt, aber er lässt Uli die Möglichkeit, auf seine Redeinhalte einzugehen und bezieht sich in seinen Darlegungen auf die Äußerungen des Knechts. Ulis Einsicht und Reue folgen in logischer Konsequenz und werden vom Erzähler mittels erlebter Rede dargestellt. Sie verdeutlicht seine Unzufriedenheit mit sich selbst, denn „er ärgerte sich nicht mehr über den Meister, [...] sondern über sich, daß er gehudelt. (UK/12)“ Er wird von der Angst vor der möglichen Zukunft beherrscht, so dass er „hinter jedem Fürtuch Anne Lisi [sah] (UK/13)“.

[...]


[1] Vgl. Kilian, Jörg: Historische Dialogforschung. Eine Einführung. Tübingen: Niemeyer 2005, S. 3. u. Vgl. Henne, Helmut: G egensprechanlagen. Literarische Dialoge (Botho Strauß) und linguistische Gesprächsanalyse. In: Cherubim, Dieter u.a. (Hg.): Gespräche zwischen Alltag und Literatur. Beiträge zur germanistischen Gesprächsforschung. Tübingen: Niemeyer 1984, S. 1- 19, hier S. 2.

[2] Vgl. Kilian, J. 2005: a.a.O., S. 44f.

[3] Vgl. die Hinweise zur Textausgabe im Anhang von Rudolf Hunziker in: Gotthelf, Jeremias (Albert Bitzius): Wie Uli der Knecht glücklich wird. Eine Gabe für Dienstboten und Meisterleute. IV. Bd. Bearbeitet von Rudolf Hunziker. Erlenbach-Zürich: Rentsch 1921, S.390.

[4] Schon der beträchtliche Umfang des Romans, die Lektüregewohnheiten des einfachen Volkes, zu dem die angesprochenen Dienstboten gehörten und deren geringe finanzielle Mittel sprechen gegen eine Rezeption des Werkes in dieser sozialen Klasse. Pierre Cimaz verweist darauf, dass sich deren Lektüre lediglich auf die Kalender oder kleinere Broschüren beschränkte und Gotthelf selbst geht in seinen Korrespondenzen davon aus, dass die eigentlichen Adressaten für sein Werk nicht erreichbar sind. Vgl. Cimaz, Pierre: Jeremias Gotthelf (1797-1854) – Der Romancier und seine Zeit. Tübingen, Basel: Francke 1998, S.69f..

[5] Der Erzähler nennt immer wieder u.a. Gemeindenamen, die eine genaue geographische Zuordnung zulassen. Vgl. u.a. UK/ 50.

[6] Jeremias Gotthelf ist das literarische Pseudonym des Pfarrers Albert Bitzius, der sich über seine literarischen Werke an die Gemeinde wendete. Vgl. Cimaz, P. 1998: a.a.O., S. 39f.

[7] Werner Hahl verweist in diesem Zusammenhang auf die Doppelbedeutung des Terminus ‚Familie’. Einerseits markiert er die Rechtslage von Dienstboten, denn das Dienstrecht war in das Familienrecht eingegliedert. Andererseits vermittelt er einen: „religiös-allegorischen Bezug, denn das Leben des Hausgenossen in familiärer Zucht und Liebe wurde überhöhend gedeutet als Vollzug der vom Vatergott gegebenen Ordnung.“ Vgl. Hahl, Werner: Gotthelfs Liberalismus-Kritik im europäischen Kontext. Ein Blick auf Benjamin Disraelis Roman ‚Sybil. Or the Two Nations’. In: Pape,Walter u.a. (Hg): Erzählkunst und Volkserziehung. Das literarische Werk des Jeremias Gotthelf. Tübingen: Niemeyer 1999, S. 243-263, hier S. 246.

[8] Vgl. Hahl, W. 1999: a.a.O., S. 245ff.

[9] ‚Hudeln’ ist der mundartliche Ausdruck für: u.a. liederlich leben, lumpen, flüchtig arbeiten. S. Juker, Bee: Wörterbuch zu den Werken von Jeremias Gotthelf. Erlenbach-Zürich, Stuttgart: Rentsch 1972, S.60. Er taucht im Roman immer wieder im Zusammenhang mit übermäßigen Wirtshausbesuchen oder unsittlicher Lebensweise auf.

[10] „Kapitel lesen“ bedeutet hier soviel wie „Strafpredigt/ strenge Zurechtweisung“. Vgl. Juker, B. 1972: a.a.O., S. 63.

[11] Vgl. dazu die verschiedenen Kategorien der Gesprächsanalyse in: Kilian Jörg 2005: a.a.O., S. 63, Abb. 6 u. zu den Gesprächsschritten: Ebenda, S. 69f.

[12] Vgl. Hahl,Werner: Jeremias Gotthelf – der ‚Dichter des Hauses’. Stuttgart, Weimar: Metzler 1993, S.53f.

[13] Vgl. Juker, B. 1972: a.a. O., S. 99.

[14] „Uli war ein großer, schöner Bursche, noch nicht zwanzig Jahre alt, [...], aber mit etwas auf seinem Gesichte, das nicht auf große Unschuld und Mäßigkeit schließen ließ, das ihn im nächsten Jahre leicht zehn Jahre älter konnte aussehen lassen.“ Ebenda.

[15] Vgl. Reber, Alfred: Stil und Bedeutung des Gesprächs im Werke Jeremias Gotthelfs. Berlin: Walter De Gruyter 1967, S. 39 u. 52.

Ende der Leseprobe aus 36 Seiten

Details

Titel
Gespräch und Hierarchie in dem Roman 'Wie Uli der Knecht glücklich wird' von Jeremias Gotthelf
Hochschule
Technische Universität Berlin  (Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaften)
Note
1,5
Autor
Jahr
2007
Seiten
36
Katalognummer
V83636
ISBN (eBook)
9783638000581
ISBN (Buch)
9783638910583
Dateigröße
581 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gespräch, Hierarchie, Roman, Knecht, Jeremias, Gotthelf
Arbeit zitieren
Anke Neugebauer (Autor), 2007, Gespräch und Hierarchie in dem Roman 'Wie Uli der Knecht glücklich wird' von Jeremias Gotthelf, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/83636

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