Literaturbericht zu den Westgoten der Spätantike und des Frühmittelalters


Seminararbeit, 2006

19 Seiten, Note: 2,5


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die schriftlichen Quellen

3. Die Herkunftsgeschichte der Goten
3.1. Volker Bierbrauer
3.2. Walter Goffart

4. Zusammenfassung

5. Abkürzungsverzeichnis

6. Quellenverzeichnis

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Im Rahmen der Aufgabe, einen Forschungsbericht zur Geschichte der Westgoten zu liefern, entstand die vorliegende Arbeit, in der ich mich ganz speziell mit einem Forschungsschwerpunkt innerhalb der Frühgeschichte der Goten beschäftige. Wohlwissend, dass für diesen Zeitraum (ca. 1. - 2. Jahrhundert n. Chr.) noch nicht von Westgoten gesprochen werden kann, scheint mir ein thematischer Zusammenhang mit deren Geschichte dennoch erkennbar, da sich die Westgoten aus dem hier behandelten ursprünglichen Gotenstamm entwickelten.

Einer der wichtigsten Aspekte der Frühgeschichte der Goten ist die nach wie vor ungeklärte und durch die im Jahre 2005 erschienene Arbeit von Walter Goffart[1] auch sehr aktuell diskutierte Frage nach der Herkunft der Goten, die nicht zuletzt deshalb mein Interesse gefunden hat, weil sie eine äußerst spannende Gratwanderung zwischen Mythos und Realität darstellt. Das Augenmerk der historischen Forschung richtet sich hierbei seit jeher ganz besonders auf die Stammessage des Jordanes, dessen ‚Getica’,[2] die Hauptquelle für die Geschichte der Goten[3], davon berichtet, dass die Urheimat der Goten im skandinavischen Ostseeraum liegt. Ausgehend von der Insel „Scandza“ seien die Goten auf nur drei Schiffen unter König Berig über die Ostsee gekommen und siedelten fortan an einem von ihnen „Gothiscandza“ genannten Ort[4], der heute zumeist mit dem polnischen Danzig identifiziert wird.[5]

Was die neuere Forschung zu diesem Thema angeht, ist es neben dem Aufsatz von Goffart vor allem die 1994 erschienene Arbeit von Volker Bierbrauer,[6] die ich in meinem Bericht berücksichtigt habe. Diese ist besonders deshalb bedeutsam, weil sie den aktuellen Stand sowohl der historischen als auch der archäologischen Forschung berücksichtigt und diese erstmals auch umfassend interdisziplinär aufarbeitet.[7] Das im Jahre 2002 erschienene Werk von Arne Soby Christensen[8] wiederum verfolgt einen vor allem quellenkritischen Ansatz, indem die nach wie vor sehr umstrittene Hauptquelle Jordanes in Zusammenhang mit der ihm als Vorlage dienenden, aber leider verlorenen gegangenen Gotengeschichte Cassiodors diskutiert wird.

Wenngleich sich dieser Bericht in erster Linie mit zwei (ansatzweise drei) Publikationen der neueren Forschungsliteratur befasst, so versteht sich von selbst, dass eine Beschäftigung mit der älteren Forschung, aber auch begleitender Literatur unerlässlich ist. Ein geschlossenes Bild ergibt sich nur dann, wenn die neuen Erkenntnisse mit anderen Ansichten vergleichend in Bezug gesetzt werden, und so seien an dieser Stelle auch die Werke von Rolf Hachmann,[9] Reinhard Wenskus,[10] Walter Pohl[11] und nicht zuletzt das „historische(...) Standardwerk(...)“[12] von Herwig Wolfram[13] erwähnt, die im Hinblick auf die hier zu untersuchende Problematik jeweils bedeutsame Erkenntnisse lieferten und so auch für diese Arbeit eine Rolle spielen.

Bei ausführlicher Beschäftigung mit dem Thema landet man schnell bei eng damit im Zusammenhang stehenden Aspekten wie Fragen der Ethnogeneseforschung, sprachwissenschaftlichen Untersuchungen zu den Namen der Goten, detaillierten Lokalisierungstheorien der legendären Insel „Scandza“, uvm., und so bitte ich zu berücksichtigen, dass ich diese in meiner Arbeit nicht alle umfassend behandeln kann.

Nach einer quellenkritischen Besprechung der für die Frühgeschichte der Goten relevanten schriftlichen Quellen folgt die Analyse der einzelnen Forschungsarbeiten, die aus chronologischen Gesichtspunkten mit dem Werk von Volker Bierbrauer beginnt.

2. Die schriftlichen Quellen

Die Quellenlage zum oben genannten Schwerpunktthema gestaltet sich – wie kaum anders zu erwarten war – äußerst schwierig. Dass der größte Teil der gotischen Frühgeschichte im Nebel liegt, hängt nicht zuletzt damit zusammen, dass Schriftquellen erst dann entstehen konnten, als die Goten mit einem über Schriftkultur verfügenden Volk, im Wesentlichen den Römern, in Kontakt traten,[14] was im Falle der Ostgermanen, zu denen auch die Goten gehörten, erst recht spät der Fall war.[15] Der Umfang an relevanten Überlieferungen ist spärlich, die Forschungsdiskussion im Rahmen der Quellenkritik aber in vollem Gange.

Die schon genannte Gotengeschichte des Jordanes, das einzige Werk eines gotischen Schriftstellers, das wir besitzen,[16] ist Dreh- und Angelpunkt der gotischen Frühgeschichte. Der aus einem angesehenen Geschlecht in Mösien stammende Jordanes rechnete sich selbst zum gotischen Volk und war Katholik. Eine grammatische Bildung schien er nicht genossen zu haben und obwohl ihm die Lektüre griechischer und lateinischer Texte nicht schwergefallen sein kann, zeigt sich dies auch in seiner eher unbeholfenen Schreibweise.[17] Die quellenkritisch wohl wichtigste Beobachtung ist die von Jordanes im Vorwort zur ‚Getica’ auch selbst genannte Tatsache, dass das Werk letztlich eine Zusammenfassung der früh verlorenen zwölf Bücher ‚Gotischer Geschichten’ von Cassiodor darstellt. Flavius Magnus Aurelius Cassiodorus wurde Ende des 5. Jahrhundert in Bruttium[18] geboren, stammte aus einer angesehenen römischen Familie und war ein aufrichtiger Staatsmann und Gelehrter. Es gilt als allgemein anerkannt, dass er die vorsichtige und römerfreundliche Politik Theoderichs und seiner Nachfolger befürwortete, und so erfüllten seine Werke immer auch den Zweck der Verherrlichung Theoderichs.[19] Ganz besonders die Gotengeschichte sollte zeigen, dass die Goten den Römern in ihrer ruhmreichen Geschichte ebenbürtig sind.[20]

Während die Tendenz in Cassiodors Werk eindeutig feststellbar ist, sind viele andere quellenkritische Aspekte insbesondere in Bezug auf den Zusammenhang zwischen beiden Quellen sehr umstritten, und so zeigt sich, dass die Frage nach der Herkunft der Goten in ganz besonderem Maße vor allem ein quellenkritisches Problem darstellt. Wenn Wolfgang Giese in seiner jüngsten Monografie behauptet, die ‚Getica’ fuße „ganz und gar auf der Gotengeschichte des römischen Senators Cassiodor“[21], vernachlässigt er dabei die sowohl in der Vergangenheit als auch in der Gegenwart äußerst rege Forschungsdiskussion über den Anteil Jordanes’ an unserer Hauptquelle, welche unterschiedlichste Einschätzungen hervorbrachte[22] und derart vereinfacht nicht zu beschreiben ist.

Die Monographie Christensens, die wohl umfassendste quellenkritische Arbeit der neueren Forschung, beschäftigt sich ausgiebig mit den beiden (bzw. der einen) Hauptquelle(n), und auch wenn eine detaillierte Analyse des kompletten Werkes in dieser Hausarbeit keinen Platz findet, möchte ich einzelne Aspekte dennoch kurz zusammenfassen.

Zunächst seien einige in ihrem Quellenwert für die Frühgeschichte der Goten weniger umstrittene Werke nicht-gotischer, sondern vornehmlich römischer und griechischer Autorenschaft genannt, die bei Arne Soby Christensen ebenfalls gut zusammengestellt zu finden sind.

Bei Strabo, in dessen ‚Geographika’, erscheinen die Goten erstmals in den Schriftquellen. Der griechische Autor, Geograph und Philosoph erwähnt im 7. Buch, das auf ca. 17/18 n. Chr. datiert wird, eine allgemein als Goten identifizierte Menschengruppe, ohne diese jedoch genau zu lokalisieren.[23] Immerhin lassen sich seine Angaben auf das Gebiet der unteren Weichsel ausdeuten, und dies korreliert mit Aussagen Ptolemäus’, der in seiner ‚Explicatio geographica’ ebenfalls ein heute zumeist als Goten anerkanntes Volk mit der Weichsel (genauer gesagt östlich der Weichsel) in Verbindung bringt.[24] Die in Tacitus’ ‚Germania’ genannten ‚Gotones’ lokalisiert dieser sehr detailliert in etwa dem gleichen Gebiet. Großer Quellenwert ist lange Zeit auch der ‚Naturalis historia’ von Plinius dem Älteren zugesprochen worden, da man annahm, dass dieser aufgrund der Tatsache, dass er die Werke des griechischen Geographen Pytheas von Massilia als Vorlage nutzte, Informationen aus erster Hand lieferte. Dies relativiert Christensen aufgrund neuerer quellenkritischer Erkenntnisse zum Horizont Pytheas sowie zu einzelnen sprachwissenschaftlichen Aspekten[25], letztlich sei aber zu bemerken, das Plinius selbst auch ein Volk namens ‚Gutones’ nennt, dessen Wanderbeschreibung den der anderen Quellen ähnlich ist.[26]

Alles in allem sind die eben genannten Quellen zwar auch nicht frei von Kontroversen, bestechen in der Frage nach einer skandinavischen Herkunft aber durch Einigkeit, indem sie ‚Scandza’ mit keiner Silbe erwähnen, und so an unserer Hauptquelle zweifeln lassen.[27]

Um abschließend zu Christensens Analyse der Hauptquelle bzw. deren Vorlage von Cassiodor zurückzukehren, sei gesagt, dass Christensen diese Zweifel untermauert. Er bestätigt die bekannte Tendenz des Autors, und geht darüber hinaus davon aus, dass Cassiodor von Theoderich gezielt beauftragt wurde, eine solche ruhmreiche Herkunftsgeschichte zu erfinden. Er mutmaßt gar, dass Cassiodor selbst die Geschichte vernichtete, nachdem er erkannte, dass die Legende mit dem Untergang der Ostgoten nicht mehr von Nöten war.[28]

Es wird interessant sein, wie Walter Goffart die natürlich noch viel weitreichenderen Erkenntnisse Christensens in seiner eine ähnliche Richtung einschlagenden Arbeit berücksichtigt. Zunächst jedoch folgt die Beschäftigung mit dem Aufsatz Bierbrauers.

[...]


[1] Goffart, Walter: Jordanes's 'Getica' and the Disputed Authenticity of gothic Origins from Scandinavia, in: Speculum 80 (2005) 2, S. 379-398

[2] lateinischer Originaltitel: De origine actibusque Getarum

[3] vgl. Pohl, W.: Goten. III. Historisches, in: RGA Bd. 12, Berlin-New York, 1998, Sp. 427

[4] vgl. Jord. Get. 4; 17

[5] vgl. Reichert, H.: Gothiscandza, in: RGA Bd. 12, Berlin-New York, 1998, Sp. 443

[6] Bierbrauer, Volker: Archäologie und Geschichte der Goten vom 1.-7. Jahrhundert. Versuch einer Bilanz, in: FMSt 28 (1994), S. 51-171

[7] vgl. Bierbrauer, Volker: Archäologie und Geschichte der Goten, S. 52

[8] Christensen, Arne Soby: Cassiodorus, Jordanes and the History of the Goths. Studies in a Migration Myth, Kopenhagen, 2002

[9] Hachmann, Rolf: Die Goten und Skandinavien, Berlin, 1970

[10] Wenskus, Reinhard: Stammesbildung und Verfassung. Das Werden der frühmittelalterlichen gentes, Köln, 1961

[11] Pohl, Walter: Die Völkerwanderung. Eroberung und Integration, Stuttgart [u.a.], 2002

[12] Bierbrauer, Volker: Archäologie und Geschichte der Goten, S. 51

[13] Wolfram, Herwig: Die Goten. Von den Anfängen bis zur Mitte des 6. Jahrhunderts, München, 1990 (3., neubearb. Aufl.)

[14] vgl. Giese, Wolfgang: Die Goten, Stuttgart, 2004, S. 11

[15] vgl. Claude, Dietrich: Geschichte der Westgoten, Stuttgart, 1970, S. 7

[16] vgl. Levison, Wilhelm: Die Vorzeit von den Anfängen bis zur Herrschaft der Karolinger (= Wattenbach-Levison, Deutschlands Geschichtsquellen im Mittelalter. Vorzeit und Karolinger, Heft 1), Weimar, 1952, S. 75f

[17] vgl. Ebenda, S. 76

[18] „Bruttium“ ist die alte Bezeichnung für die Landschaft im äußersten Süden des italienischen Stiefels, die sich in etwa mit dem heutigen Kalabrien deckt.

[19] vgl. Wattenbach-Levison, Heft 1, S. 70

[20] vgl. Callies, H.: Cassiodor, in: RGA Bd. 4, Berlin-New York, 1981, Sp. 349

[21] Giese, Wolfgang: Die Goten, S. 11

[22] vgl. Pohl, Walter: Goten. III. Historisches, in: RGA Bd. 12, Berlin-New York, 1998, Sp. 427

[23] vgl. Christensen, Arne Soby: Cassiodorus, Jordanes and the History of the Goths. Studies in a Migration Myth, Kopenhagen, 2002, S. 32f

[24] vgl. Ebenda, S. 38f

[25] Plinius nennt die auf Pytheas zurückgehenden ‚Guiones’ (latein. Entsprechung), die, unterstützt dadurch, dass Pytheas sie an der Nordsee lokalisiert, keineswegs zwangsläufig mit den Goten in Verbindung gebracht werden müssen.

[26] vgl. Christensen, Arne Soby: Studies in a Migration Myth, S. 34f

[27] vgl. Christensen, Arne Soby: Studies in a Migration Myth, S. 24

[28] vgl. Ebenda, S. 345-347

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Literaturbericht zu den Westgoten der Spätantike und des Frühmittelalters
Hochschule
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg  (Institut für Geschichte)
Veranstaltung
Proseminar zur Geschichte des Mittelalters
Note
2,5
Autor
Jahr
2006
Seiten
19
Katalognummer
V83641
ISBN (eBook)
9783638000611
ISBN (Buch)
9783638910606
Dateigröße
625 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit wurde von der Dozentin als sehr gelungen bezeichnet. Die Benotung ist etwas irreführend und rührt in der grundsätzlich außerordentlich harten Bewertung des Lehrstuhls für mittelalterliche Geschichte an unserer Universität.
Schlagworte
Literaturbericht, Westgoten, Spätantike, Frühmittelalters, Proseminar, Geschichte, Mittelalters, Mittelalter, Goten, Frühmittelalter
Arbeit zitieren
Matthias Buchholz (Autor), 2006, Literaturbericht zu den Westgoten der Spätantike und des Frühmittelalters, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/83641

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