Die Fremde in Pillenform - Zu einigen Inhalten und Problemen zeitgenössischer Reiseführer


Hausarbeit (Hauptseminar), 2000

21 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

1. Einstieg
Themeneingrenzung und Quellenlage — Eine Arbeitsdefinition des Reiseführers

2. Das moderierte Erleben
Der "Instant-Reiseleiter": Funktionen des modernen Reiseführers — Reiseführer vs. Guides

3. Culture ™ — Einige Aspekte des Reiseführermarktes 08
Zwänge der Marktbehauptung — Image- & Nischenwerbung — Touristische Klischees — Qualitative Kriterien der Kulturbeschreibung

4.Ausblick
Reiseführer als Mediatoren: Möglichkeiten & Probleme

5.Literaturvermerke

1.Einstieg

Themeneingrenzung und Quellenlage — Eine Arbeitsdefinition des Reiseführers

"Reiseliteratur, die: Sammelbez. für literar. Werke, die dem Thema Reise gewidmet sind; die Skala reicht, der Dehnbarkeit des Begriffs Literatur entsprechend, vom a) Reiseführer (Baedeker) über b) geograph. Schriften, c) wissenschaftl. Reisebeschreibung (A.v.Humboldt) und d) künstler.-literar. Reiseschilderung zur Verbindung der R. mit der epischen Gattung des Romans als e) Reise- oder Wanderroman (Jean Paul)."

(Best 1994, S. 449)

Wer in die Fremde reist, muß mit dem Unbekannten rechnen. Diese "Binsenweisheit" hat ihren Wahrheitsgehalt in all jenen Jahrhunderten, in denen Menschen - aus welchen Gründen und auf welche Weisen auch immer - gereist sind, keineswegs verloren. Wer in die Ferne reist, sieht sich mit fremden Kulturen, Sprachen und Gepflogenheiten konfrontiert, begegnet Faszinierendem und Erschreckendem, sammelt neue und unerwartete Erfahrungen.

Der weltweite Massentourismus, der als eines der Wahrzeichen der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts gelten kann (es sieht so aus, als würde sich das im neuen Jahrtausend fortsetzen), ist meistenteils ein Produkt der konsumgesellschaftlichen Freizeitindustrie. Man reist nicht mehr, weil man muß - sondern weil man will und es sich leisten kann.

Reisen ist ein Dauerlieblingsthema des ‚westlichen’ Menschen - und somit der Massenmedien. Wer sich - statt nur die mündlichen, filmischen oder literarischen Reiseberichte anderer zu rezipieren - selbst auf den Weg macht, um fremde Länder und Kulturen kennenzulernen, dem steht ein ganz eigenes Medium zur Verfügung, dessen primäre Aufgabe darin besteht, das Kennenlernen und ‚Bewältigen’ der Fremde zu moderieren: der Reiseführer.

Für die schriftliche Darstellung und Dokumentation von Kultur bzw. Kulturaspekten gibt es kein Patentrezept, nicht einmal einheitliche Kriterien - dies ist ein Grundsatzproblem nicht nur der ethnographischen bzw. ethnologischen Fachliteratur, sondern auch des Reiseführers. Zu jedem populären Reiseziel der Erde gibt es eine ganze Reihe von "touristischen Gebrauchsanweisungen"[1], die jede für sich ein bestimmtes Konzept verfolgt und eine bestimmte Zielgruppe zufriedenstellen möchte.

Die vorliegende Arbeit wird den Versuch unternehmen, einige Aspekte des zeitgenössischen Reiseführers anzusprechen. Dies kann im gegebenen Rahmen nur äußerst selektiv geschehen; es sollen dabei jedoch drei wesentliche Bereiche angesprochen und miteinander verknüpft werden:

1. Inhalte, Konzeptionen und Funktionen von Reiseführern,
2. Rahmenbedingungen und Zwänge der Reiseführerindustrie und ihres Marktes sowie
3. die RezipientInnen von Reiseführern, deren Nachfrage das Angebot bestimmt.

Dies soll auch vor dem Hintergrund der Frage geschehen, inwiefern Reiseführer die Forderung nach adäquater Kulturvermittlung bzw. -mediation erfüllen können, die - u.a. aus ethnologischer Perspektive - an sie herangetragen werden. Dies geschieht z.B. auch im Vergleich zu den „Guides“[2], einheimischen Führern vor Ort oder Begleitern von Reisegruppen, deren jeweilige spezielle Formen der Kulturvermittlung vielleicht offenkundiger von vielerlei Interessen und Einflüssen gelenkt werden, als dies bei Buchreiseführern der Fall ist.

Zur Sekundärliteratur ist anzumerken, daß das Maß der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit zeitgenössischen Reiseführern überraschend gering ist - entsprechend wenig Sekundärliteratur existiert. Dies ist auf den ersten Blick auf zwei mögliche Ursachen zurückzuführen. Zum einen - so die Klage einiger AutorInnen, die sich mit dem Thema beschäftigt haben - gebe es starke Ressentiments gegen die wissenschaftliche Beschäftigung mit bestimmten Arten von Gebrauchsliteratur, weil - so das Vorurteil - selbige aus historischer oder literarischer Sicht wertlos erscheine. Im Zusammenhang mit Reiseliteratur schreibt z.B. Burkhart Lauterbach:

"Wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Reiseliteratur befaßt sich lieber mit Reiseberichten und Apodemiken als mit Reiseführern, ja, sie sieht das Aufkommen letzterer sogar eher als Beginn des Abstiegs historischer Reiseliteratur - und nimmt sie daher nicht ernst."

(Lauterbach 1992a, S. 61)

Die zweite mögliche Ursache bezieht sich auf die grundlegenden Schwierigkeiten bei der Auseinandersetzung mit nichtarchivalischen, zeitgenössischen Quellen - nämlich der Umstand, daß dieser Literaturbereich nicht abgeschlossen ist und sich laufend verändert. Diese Fluktuation macht möglicherweise den modernen Reiseführer in den Augen mancher zu einem undankbaren Forschungsobjekt:

Reiseführer sind meistenteils Gebrauchsliteratur, die stark aktualitätsabhängig ist und dementsprechend schnell veraltet. Das macht das Ermitteln empirischer Daten über Reiseführer schwierig, da der Buchmarkt sich in diesem Bereich entsprechend schnell verändert. Versuche einer Erfassung und Auswertung in dieser Hinsicht sind von verschiedenen AutorInnen unternommen worden, haben jedoch fast zwangsläufig den Charakter von Fallstudien. Das macht sie keineswegs wertlos - aber selbst beispielhafte Arbeiten wie die Fallstudie Sabine Gorsemanns zu Island-Reiseführern[3] können nur auf vergleichsweise schmaler empirischer Basis agieren.

Auf die verschiedenen Definitions- und Festlegungsversuche, was im wissenschaftlichen Sinne als Reiseführer gelten darf und was nicht, kann hier nicht eingegangen werden, zumal die Übergänge zwischen verschiedenen Unterbereichen der Reiseliteratur[4] notorisch fließend sind. Das ist zum Teil auf die nach vielgestaltigen Kriterien ausgerichteten Konzeptionsstrategien von Reiseführerherstellern zurückzuführen, denn jede mögliche neue Kombination von dem Thema Reise gewidmeten Textarten ist - zumindest potentiell - ein Produkt mit hohem Wiedererkennungswert, das eine Marktlücke auszufüllen vermag. Auf diesen Aspekt wird jedoch an anderer Stelle noch eingegangen werden.

Die vorliegende Arbeit legt daher die Definition Sabine Gorsemanns zugrunde, weil diese sich weniger an den Formen und Strukturen der Reiseführer als vielmehr an ihrer grundsätzlichen Funktion orientiert. Dies erleichtert die notwendige Abgrenzung von anderen Formen der Reiseliteratur. Aufgrund des darin enthaltenen Rückbezugs zum Phänomen des Reisens und des Tourismus (die schließlich den Themenrahmen des Seminars darstellten), erscheint diese Wahl sinnvoll.

Gorsemann definiert Reiseführer im Kern als

"eine Buchart [...], die sich als Angebot an Touristen versteht, sie bei der ideellen und materiellen Realisation ihrer Reisepläne und -wünsche zu unterstützen. Die Bedingungen, die mit dem eingangs bestimmten Phänomen Tourismus den Wünschen der Reisenden gesetzt sind, bilden dabei die allgemeine Grundlage des
Genres."

(Gorsemann 1995, S. 111)

Diese Definition verweist zugleich auf die Funktionen von Reiseführern als Vermittler zwischen dem Tourist und der in den Reiseführern behandelten Reiseziele. Dazwischen steht der Buchmarkt, der Reiseführer konzipiert, herstellt, bewirbt und verkauft. Im folgenden sollen nun einige Aspekte der Wechselwirkung dieser drei Bereiche angesprochen werden.

[...]


[1] So lautet der Nukleus von Sabine Gorsemanns Definition des Reiseführers, auf die im folgenden noch eingegangen werden wird.

[2] Der sprachlichen Vereinfachung halber werde ich hier durchgehend mit „Reiseführern“ die Buchreiseführer bezeichnen und Führer vor Ort sowie Reisebegleiter als „Guides“ zusammenfassen.

[3] vgl. Gorsemann 1995, S. 177ff..

[4] vgl. Zitat Seite 1

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Die Fremde in Pillenform - Zu einigen Inhalten und Problemen zeitgenössischer Reiseführer
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Institut für Ethnologie und Afrikastudien)
Veranstaltung
Oberseminar Ethnologische Tourismustheorien
Note
1,3
Autor
Jahr
2000
Seiten
21
Katalognummer
V83829
ISBN (eBook)
9783638004329
ISBN (Buch)
9783638912167
Dateigröße
469 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Fremde, Pillenform, Inhalten, Problemen, Reiseführer, Oberseminar, Ethnologische, Tourismustheorien
Arbeit zitieren
Hendrik Schulthe (Autor), 2000, Die Fremde in Pillenform - Zu einigen Inhalten und Problemen zeitgenössischer Reiseführer, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/83829

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