Die Rolle des Niederdeutschen in ostfriesischen Grundschulen heute

Diskutiert vor dem Hintergrund aktueller Konzepte zur Vermittlung einer Nahsprache


Examensarbeit, 2006

95 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0. Vorwort

1 Einleitung

2. Historische und aktuelle Situation des Niederdeutschen
2.1 Definitionen
2.1.1 Niederdeutsch und Plattdeutsch
2.1.2 Sprache und Dialekt
2.2 Zur geographischen Einordnung Ostfrieslands
2.3 Die Geschichte des Niederdeutschen
2.4 Die Sprachensituation in Ostfriesland

3. Image des Plattdeutschen
3.1. Plattdeutsch als ein „Hemmnis jeder Bildung“
3.2 Frühe Mehrsprachigkeit mit Plattdeutsch: Eine Chance und ein Zugewinn

4. Mehrsprachigkeit bei Kindern: Definition und Beschreibung

5. Rechtliche Grundlagen für die Legitimation des Niederdeutschen in der Schule

6. Berücksichtigung des Niederdeutschen im Unterricht in ostfriesischen Schulen

7. Didaktisch-Methodische Aspekte des Niederdeutsch-Unterrichts in der (Grund-)Schule
7.1 Über die Relevanz der Einbeziehung des Plattdeutschen in den Unterricht
7.2 Die Ziele des Niederdeutsch-Unterrichts
7.3 Plattdeutsch als „Brückensprache“
7.4 Möglichkeiten der Einbeziehung des Plattdeutschen in den Unterricht

8. Herkömmliche Konzepte zur Vermittlung des Niederdeutschen
8.1 Lesewettbewerb Plattdeutsch: Ein Erfahrungsbericht aus der Praxis
8.2 Unterricht in einer Arbeitsgemeinschaft Plattdeutsch

9. Bilingualer Unterricht in Ostfriesland
9.1 Bilingualer Unterricht und Immersions-Methode: eine Begriffsklärung
9.2 Beschreibung und Leistungsfähigkeit von Immersion
9.3 Das Projekt „Mehrsprachigkeit in der Vor- und Grundschulperiode“
9.4 Immersions-Unterricht in der Grundschule Simonswolde

10. Drei Konzepte des Plattdeutsch-Unterrichts im Vergleich

11. Ausblick: Hat Niederdeutsch eine Zukunft?

12. Schlusswort

13. Literaturverzeichnis
13.1 Sekundärliteratur
13.2 Internetquellen
13.3 Gespräche

0. Vorwort

„Warum sprichst du kein Plattdeutsch?“ Diese Frage habe ich schon vielen Gleichaltrigen gestellt, bei denen ich wusste, dass sie aus einem Elternhaus kommen, in dem die ostfriesische Regionalsprache durchaus noch gesprochen wird. Und ich höre sehr oft diese Antwort: „Ich mag nicht so gerne Platt sprechen!“ Das ist für mich ein Zeichen, das darauf hindeutet, dass selbst in Ostfriesland weder frei noch selbstbewusst mit dieser Sprache umgegangen wird. Ich versuche immer wieder, dem entgegen zu treten und wo immer es geht, auch Platt zu sprechen. Denn für mich bedeutet diese Sprache auch soziale Geborgenheit.

Aufgrund dieser persönlichen Beziehung / Affinität zur niederdeutschen Sprache war es für mich von besonderem Interesse, in meiner Examensarbeit zu untersuchen, ob und in welcher Weise Plattdeutsch heute in der Schule vermittelt wird bzw. vermittelt werden kann.

1 Einleitung

Nicht zuletzt bedingt durch die PISA-Studie befindet sich das deutsche Schulsystem in einem Prozess massiver Umgestaltung. Unterrichts-Methoden und Fächer geraten auf den Prüfstand. Die Heranwachsenden sollen „fit“ gemacht werden für den internationalen Bildungsmarkt, was sich ja unter anderem auch in den Universitäten mit den neuen Bachelor- und Masterabschlüssen widerspiegelt. Gerade in dieser Zeit ist die Gefahr groß, dass das Bewusstsein für die Qualität des Regionalen in den Hintergrund gedrängt wird – dies gilt insbesondere natürlich auch für die Einbeziehung der Regionalsprache Plattdeutsch in den Unterricht.

Obwohl Niederdeutsch seit 1993 in Niedersachsen schulrechtlich verankert ist, spielt Platt im Lehrplan der meisten (Grund-)Schulen keine Rolle. Selbst in der „Modellregion für Niederdeutsch“, in Ostfriesland, ist es längst keine Selbstverständlichkeit, dass den Kindern die Begegnung mit der plattdeutschen Sprache ermöglicht wird, obwohl gerade hier Platt zu den grundlegenden Elementen regionaler Identität zählt.

Nachdem die niederdeutsche Sprache auch in Ostfriesland einem jahrzehntelangen Verdrängungsprozess ausgesetzt war, hat hier seit der 1980er-Jahre ein Umdenken eingesetzt. Die Bemühungen um Zweisprachigkeit sind mittlerweile größer denn je – und das auf allen Ebenen. Nur bei der schulischen Integration der Mundart tun sich die Ostfriesen (noch) schwer. Eine moderne Regionalsprachenförderung wird den Kindern gerade einmal an jeder fünften Grundschule geboten. Es herrscht in diesem Bereich nach wie vor ein krasser Gegensatz zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Und das, obwohl gerade in Ostfriesland (noch) verhältnismäßig gute Voraussetzungen dafür bestehen, dass die Sprache von den Schülern erlernt werden kann. Den Kindern wird somit nach wie vor die große Chance der Zweisprachigkeit genommen, die erwiesenermaßen viele Vorteile mit sich bringt (vgl. Kapitel 3.2).

Gerade weil sich die Situation der niederdeutschen Sprache in der schulischen Erziehung nicht positiv darstellt, möchte ich in dieser Examensarbeit einen gewichtigen Teil jenen Konzepten widmen, mit Hilfe derer den Kindern die Begegnung mit der so genannten Nahsprache ermöglicht wird. Dabei gehe ich im Besonderen auf die herkömmlichen Angebote des Plattdeutschen Lesewettbewerbs und der Arbeitsgemeinschaft Plattdeutsch sowie auf die noch unbekanntere Methode des Immersions-Unterrichts ein. Alle drei Vermittlungs-Konzepte werden zur Zeit in ostfriesischen Grundschulen angewandt.

Im zweiten Kapitel werde ich zunächst einige grundsätzliche Aspekte zur Region Ostfriesland, zur niederdeutschen Sprache sowie ihrer historischen und aktuellen Situation darlegen. Im folgenden dritten Kapitel soll es dann in erster Linie um die hartnäckigen Fehleinschätzungen gehen, die dazu geführt haben, dass die Sprache in Ostfriesland speziell seit Ende der 60er-Jahre sowohl schulisch als auch außerschulisch stark an Bedeutung verloren hat. Nach der definitorischen Einordnung der Mehrsprachigkeit (Kapitel 4) und einer Beschreibung der rechtlichen Grundlagen, auf die sich die Einbeziehung des Niederdeutschen in der Schule stützt (Kapitel 5), möchte ich dann unter anderem auf der Grundlage einer 1994 durchgeführten Erhebung darstellen, inwieweit die plattdeutsche Sprache überhaupt in ostfriesischen Schulen Berücksichtigung findet (Kapitel 6).

In den danach folgenden Kapiteln 7 bis 10 werden dann didaktisch-methodische Aspekte des Niederdeutsch-Unterrichts thematisiert. Hier werde ich unter anderem den konventionellen Vermittlungskonzepten Plattdeutscher Lesewettbewerb und Platt-AG die Immersions-Methode gegenüberstellen, ehe ich in Kapitel 11 auf die Zukunftschancen der Regionalsprache eingehen und in Kapitel 12 ein Fazit meiner Examensarbeit ziehen werde.

Einleitende Worte zu Beginn eines jeden Kapitels sollen dem Leser die Schwerpunkte meiner nachstehenden Ausführungen darlegen.

Da das Hauptaugemerk dieser Examensarbeit auf der Berechtigung und den didaktischen Möglichkeiten zur Berücksichtigung der niederdeutschen Sprache im Grundschulunterricht liegt, werde ich auf eine Darstellung der linguistischen Charakteristika der Sprache nur in begrenztem Maße eingehen.

Wenn auf den folgenden Seiten von Schülern und Lehrern die Rede ist, stehen die Begriffe aus Gründen der Übersichtlichkeit sowohl für männliche als auch für weibliche Akteure des Unterrichts. Entsprechendes gilt auch für weitere Personengruppen, die in dieser Examensarbeit genannt werden.

2. Historische und aktuelle Situation des Niederdeutschen

Zunächst möchte ich als Grundlage für diese Arbeit einige einleitende Informationen geben, die grundsätzliche Aspekte der Sprache Niederdeutsch und der Region Ostfriesland betreffen. Dabei gebe ich neben kurzen Definitionen zu Niederdeutsch, Plattdeutsch, Sprache und Dialekt eine kurze geographische Einordnung Ostfrieslands. Zudem werde ich auf die Geschichte der niederdeutschen Sprache eingehen, ehe ich das Kapitel mit einer Beschreibung der aktuellen Sprachsituation in Ostfriesland abschließe.

2.1 Definitionen

Gibt es einen Unterschied zwischen Niederdeutsch und Plattdeutsch? Ist die Regionalsprache Niederdeutsch nun eigentlich eine Sprache oder ein Dialekt? Unter anderem mit diesen beiden Fragen möchte ich mich in den nächsten beiden Kapiteln beschäftigen.

2.1.1 Niederdeutsch und Plattdeutsch

Ich verwende in meiner Arbeit den Begriff „Niederdeutsch“ synonym für „Plattdeutsch“ und umgekehrt. Denn es sind zwei Bezeichnungen für dieselbe Sprache. Während in der (sprachwissenschaftlichen) Literatur häufig der Begriff Niederdeutsch verwendet wird, bezeichnen die meisten Ostfriesen ihre Sprache als Plattdeutsch. Plattdeutsch (oder auch abgekürzt einfach nur Platt genannt) ist die populäre Benennung der norddeutschen Mundart (=Dialekt). In Norddeutschland verbindet sich damit eine feste Vorstellung von einer Sprache, die sich vom Hochdeutschen unterscheidet. Dieses Gefühl der „Eigensprachlichkeit“ drückt sich in vielfacher Weise aus, was so in anderen deutschen Mundartlandschaften nicht der Fall ist (vgl. STELLMACHER, Niedersächsischer Dialektzenzus 1995, S. 28). Die Bedeutung des Begriffs Plattdeutsch ist nicht einfach mit der „Sprache des platten Landes“ gleichzusetzen. Vielmehr ist Plattdeutsch die Sprache, in der man etwas „deutlich, verständlich und frei heraus“ sagt (vgl. MÖLLER, Plattdüütsch – een Spraak stellt sik vör 1999, S. 21). NIEBAUM beschreibt, dass das Wort Plattdeutsch seinen Ursprung im Französischen hat. Es handelt sich um ein Lehnwort (frz. plat = platt, niedrig, gemein), das über das Mittelniederländische (holländ. plat, alledaagsch = alltäglich, niedrig) nach Norddeutschland gelangte und eine „volkstümlich-einfache“ Sprache des täglichen Lebens bezeichnete (vgl. NIEBAUM, Niederdeutsch in Gegenwart und Geschichte 1986, S. 9; SANDERS, Sachsensprache, Hansesprache, Plattdeutsch 1982 S. 26). Niederdeutsch/Plattdeutsch wird als eine zusammenfassende Bezeichnung aller Varietäten des Deutschen beschrieben, die keine Merkmale der so genannten zweiten Lautverschiebung aufweisen. Das Niederdeutsche gliedert sich in die Dialektverbände des Nordniederdeutschen, Westfälischen, Ostfälischen, Mecklenburgisch-Vorpommerschen, Brandenburgischen, Mittelpommerschen, Ostpommerschen und Niederpreußischen (vgl. GLÜCK, Metzler Lexikon Sprache 2005, S. 439).

2.1.2 Sprache und Dialekt

Nachdem ich Niederdeutsch bzw. Plattdeutsch definiert habe, möchte ich mich nun mit den Begriffen Dialekt und Sprache beschäftigen. Ist das Niederdeutsche nun eine Sprache oder ein Dialekt? Eines vorweg: Eine eindeutige Antwort auf diese Frage werde ich nicht liefern können.

Denn es gibt kein einfaches Kriterium, nach dem festgelegt werden könnte, welche Sprachformen selbstständige Sprachen und welche Dialekte sind (vgl. GLÜCK, Metzler Lexikon Sprache 2005, S. 612). Das Problem der Abgrenzung wird im Metzler Lexikon Sprache sogar als „Dilemma“ (ebd.) beschrieben. Klar ist, dass weltweit zwischen 3000 und 5000 Sprachen gesprochen werden, die von „kleinen und kleinsten“ (ebd.) Sprachgemeinschaften verwendet werden. „Lediglich einige Hundert davon werden auch geschrieben und nur ein Teil von diesen sind entwickelte Schriftsprachen.“ (ebd.) In Europa werden rund 100 Sprachen gesprochen, sofern auch alle autochthonen (= eingesessenen) Regional- und Minderheitensprachen mitgezählt werden, zu denen auch das Niederdeutsche gezählt wird (vgl. STICKEL, Eigene und fremde Sprachen im vielsprachigen Europa 2002, S. 15).

Auch LÖFFLER schreibt, dass es im strengen Sinn nicht möglich ist, eine Definition zu geben, was genau eine Sprache - er bezeichnet sie in Abgrenzung zum Dialekt als „Standard“ - und was ein Dialekt ist (vgl. Die Renaissance der Regionalsprachen im grenzenlosen Europa 1991, S. 121). Es gebe vielmehr nur vage Erklärungen, weil Definitionen den wechselnden Verhältnissen nicht gerecht würden:

„Mit den beiden Namen Standard und Dialekt sollen zwei Pole bezeichnet werden auf einer sprachlichen Skala, an deren einem Ende die genormte Einheitssprache steht (…). Am andern Pol der Skala wird diejenige Sprachform als Dialekt bezeichnet, die sich von der Standardsprache merklich unterscheidet im Tonfall, in der Aussprache bestimmter Laute, in der Verwendung anderer Wörter und Wendungen. Diese Abweichung ist regelhaft und an einen Ort oder eine Gegend gebunden und damit kennzeichnend für eine Gruppe von Leuten.“ (ebd.)

LÖFFLER kommt zu dem Schluss, dass sich die Merkmale eines Dialekts also immer nur in Abgrenzung zur Standardsprache angeben lassen (ebd.).

Obwohl eine klare Abgrenzung zwischen Dialekt und Sprache also nur schwer möglich ist, gibt es in der Literatur verschiedene Sichtweisen, die sowohl darauf schließen lassen könnten, dass Niederdeutsch auf der einen Seite eine Sprache darstellt oder auf der anderen Seite doch ein Dialekt ist. Einige möchte ich im Folgenden nennen.

Ein Grund, der für die Anerkennung des Plattdeutschen als eigene Sprache spricht, ist der große sprachliche Abstand des Niederdeutschen zur hochdeutschen Standardsprache. Denn das Niederdeutsche ist dem Niederländischen, dem Englischen und dem Friesischen oft näher als dem Hochdeutschen (vgl. WIRRER, Die Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen und das Niederdeutsche 1993, S. 34). Auch Els Oksaar bezeichnet das Niederdeutsche eher als Sprache, denn „wenn Niederdeutsch ein Dialekt des Hochdeutschen ist, dann muß rein sprachlich gesehen auch Schwedisch es sein, denn es gibt sehr viele Gemeinsamkeiten!“ (NATH, Mehrsprachigkeit bei Kindern 2001, S. 7)

Dass das Niederdeutsche überhaupt in die „Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen“ aufgenommen wurde, spricht auch für die Sichtweise, dass es als eine (Regional-)Sprache definiert wird. Denn in Artikel 1 der Charta wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass Dialekte von Amtssprachen in dieser keine Berücksichtigung finden (vgl. MORITZ, Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen 2002, S. 5).

Das wissenschaftliche Gutachten von Prof. Dr. Hubertus Menke von der Universität Kiel gab letztlich den Ausschlag dafür, dass das Niederdeutsche als Sprache in die Charta aufgenommen wurde. Er bezeichnet Niederdeutsch als eine eigenständige, einzigartige Kultursprache. So hätten Wissenschaftler nachgewiesen, dass das Hoch- und das Niederdeutsche weder den gleichen Ursprung aufweisen, noch typologisch übereinstimmen würden. Die Regionalsprache sei eigenständig und besitze eine eigene Lexik, einschließlich des grammatikalischen Regelinventars sowie eine eigene Geschichte, Schreibtradition und Normenentwicklung, ebenso gesonderte Sprachgebrauchsdomänen. Daher sei Niederdeutsch kein Dialekt der hochdeutschen Standardsprache, es existiere vielmehr als Regionalsprache unter dem Dach des Hochdeutschen (vgl. BÖRNSEN, Plattdeutsch im Deutschen Bundestag, S. 50 – 53).

Es gibt aber durchaus auch Sichtweisen, die Niederdeutsch als Dialekt einordnen lassen. So schildert WIRRER, dass das Niederdeutsche im Verlauf seiner Geschichte keine Standardvarietät herausgebildet hat, weil der Standardisierungsprozess mit dem Verfall der Hanse abbrach. So lasse sich das Niederdeutsche als „eine Sammelbezeichnung für linguistisch nahe verwandte Dialekte im nördlichen Drittel des deutschen Sprachgebietes“ beschreiben (Die europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen und das Niederdeutsche 1993, S. 35). Auch STELLMACHER definiert das Niederdeutsche deswegen als einen Dialekt, weil es keine verbindliche Schreibweise gibt, sondern vielmehr eine Vielzahl verschiedener Schreibweisen (vgl. Niederdeutsch 1996, S. 504).

Es lässt sich zusammenfassen, dass es keine endgültige und vor allem einheitliche definitorische Abgrenzung der Begriffe Sprache und Dialekt gibt. Somit lässt sich auch nicht abschließend erörtern, welcher Sprachform die Regionalsprache Niederdeutsch nun zuzuordnen ist. Für meine weiteren Ausführungen in den folgenden Kapiteln ist es mir an dieser Stelle wichtig, folgende Erkenntnis von Els Oksaar hervorzuheben: Bei Mehrsprachigkeit wird kein Unterschied gemacht zwischen Sprache und Dialekt(vgl. NATH, Mehrsprachigkeit bei Kindern 2001, S. 7).

2.2 Zur geographischen Einordnung Ostfrieslands

Ostfriesland liegt im nordöstlichen Teil von Niedersachsen und ist eine Region mit einer Gesamtgröße von 3143 Quadratkilometern. Damit ist es etwa so groß wie Luxemburg. Zu Ostfriesland gehören die Landkreise Aurich, Leer und Wittmund sowie die kreisfreie Stadt Emden. Laut einer Statistik der Industrie- und Handelskammer Emden (vgl. www.ihk-emden.de) leben in den 33 Städten und Gemeinden etwa 463000 Einwohner (Stand 31.12.2003). Dass es sich um eine ländlich geprägte Region handelt, verdeutlicht unter anderem das Verhältnis der Einwohnerzahl zur Fläche. In Ostfriesland leben auf einem Quadratkilometer durchschnittlich 147 Menschen (deutschlandweit pro Quadratkilometer 231 Menschen). Vor der ostfriesischen Halbinsel zwischen Dollart und Jadebusen liegen die sieben ostfriesischen Inseln Borkum, Juist, Norderney, Baltrum, Langeoog, Spiekeroog und Wangerooge (vgl. DEETERS, Kleine Geschichte Ostfrieslands 1985, S. 7).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Übersichtskarte Ostfriesland.
REERSHEMIUS: Niederdeutsch in Ostfriesland 2004, S. 13

2.3 Die Geschichte des Niederdeutschen

Das Niederdeutsche hat heute seinen Charakter als Muttersprache oder Erstsprache verloren. Es tritt heute (wenn überhaupt) als Zweitsprache neben dem Hochdeutschen auf. Doch das war nicht immer so. Im Mittelalter galt Niederdeutsch als eine der wichtigsten Sprachen in Europa. In diesem Kapitel möchte ich die sehr wechselreiche Geschichte der heutigen Regionalsprache anhand dreier Perioden darstellen: Es handelt sich um die von einander unabhängigen Sprachstufen des Altniederdeutschen, des Mittelniederdeutschen und des Neuniederdeutschen.

Niederdeutsch gehört zu den germanischen Sprachen. Innerhalb dieser germanischen Sprachen gibt es drei große Gruppen: Westgermanisch, Nordgermanisch und Ostgermanisch. Gemeinsam mit dem Englischen, dem Friesischen, dem Niederländischen und dem Hochdeutschen zählt das Niederdeutsche zu den westgermanischen Sprachen (vgl. SANDERS, Sachsensprache, Hansesprache, Plattdeutsch, 1982, S. 38).

Die älteste Form des Niederdeutschen ist das so genannte Altsächsische. Es wird auch als Altniederdeutsch bezeichnet und bezeichnet die Sprache des germanischen Stammes der Sachsen. Sie werden erstmals um 150 n. Chr. erwähnt. Als die eigentliche Zeit des Altsächsischen zählen die Jahre zwischen 800 und 1100 n. Chr. In dieser Zeit sind auch die meisten Texte entstanden, die heute noch vorliegen. Ein Großteil dieser oft christlichen Texte jener Zeit wurde von einigen wenigen Gebildeten (zumeist Geistlichen) verfasst. Der „Heliand“ gilt als das bedeutendste Schriftwerk jener Zeit. Es ist ein Buch mit geschätzten 46000 Wörtern, in dem das Leben Christi poetisch dargestellt wird. Bis ins 11. Jahrhundert gibt es noch wenige weitere Texte. Im 12. Jh. aber bricht die altsächsische Überlieferung ab.

Die altsächsische Sprache wurde im 9. Jahrhundert n. Chr. im Süden durch eine Sprachscheide entlang einer Linie nahe Köln über Kassel nach Merseburg (Westfalen) begrenzt. Im Norden grenzte das Altniederdeutsche an den altfriesischen Sprachraum, den man sowohl in einem Teil des heutigen Westfrieslands (Niederlande) als auch teilweise im heutigen Ostfriesland (vor allem nordöstlich von Emden) sprach. Während im Westen der Sprachraum des Altsächsischen in den östlichen Provinzen der heutigen Niederlande endete, war die Grenze im Westen in etwa die Linie entlang der Städte Halle, Magdeburg, Gifhorn und Lüneburg (vgl. MÖLLER, Plattdüütsch – een Spraak stellt sik vör 1999, S. 11 – 19; SANDERS, Sachsensprache, Hansesprache, Plattdeutsch 1982, S. 91 - 121).

Etwa um 1200 begann der Übergang vom Altsächsischen zum Mittelniederdeutschen. Diese bis zum 16./17. Jahrhundert andauernde Sprachperiode gilt als die Blütezeit des Plattdeutschen. Damals, im ausgehenden Mittelalter, war Platt „Weltsprache“ des hansischen Wirtschaftsraumes (Hansezeit etwa von 1350 bis 1550) rund um Ost- und Nordsee: die bürgerliche Schriftlichkeit in Platt setzte sich durch, das Gesetz wurde auf Platt festgehalten und mit der Erfindung der Buchdruckerei wurde zunächst auch in niederdeutscher Sprache gedruckt. Niederdeutsch erreichte zur Hansezeit den Status einer Kultursprache von Weltrang (vgl. MÖLLER, Plattdüütsch – een Spraak stellt sik vör 1999, S. 21 – 23). Der Sachsenspiegel (Spegel des Sassen, 1220 – 1224) von Eike von Repgow gilt heute als das berühmteste Rechtsbuch jener Zeit. Der in niederdeutsch verfasste Prosatext gibt das Land- und Lehnrecht der Sachsen wieder. Auch die Fabelfigur Reynke de Vos, als listiger Fuchs in dem Lübecker Druck von 1489 dargestellt, ist heute noch bekannt (vgl. ebd., S. 29).

Vom 16. Jahrhundert an aber drängte das Hochdeutsche immer stärker von Süden nach Norden, so dass am Ende des 16. Jahrhunderts die Phase des Niedergangs des Niederdeutschen eingeleitet wurde: Die gehobenen Sozialschichten übernahmen das Hochdeutsche in ihrem schriftlichen Verkehr als erste. Der Verlust der wirtschaftlichen und politischen Macht der Hanse und der Einfluss der Reformation, der noch durch die Erfindung des Buchdrucks verstärkt wurde, waren die wesentlichen Ursachen für den Schreibsprachenwechsel. Die Folge war, dass ab etwa 1650 der gesamte öffentliche Sprachgebrauch hochdeutsch war – der ursprünglich rein niederdeutsche Norden wurde zweisprachig. Platt wurde in den folgenden Jahrhunderten immer mehr als die Sprache der „kleinen Leute“ angesehen, die vor allem in der Familie und Nachbarschaft benutzt wurde. Wer sich an die höhere bürgerliche Schicht orienierte, bevorzugte Hochdeutsch (vgl. ebd., S. 23). Die Sprachwissenschaft bezeichnet die plattdeutsche Sprache seit Mitte des 17. Jahrhunderts als Neuniederdeutsch. Der weitgehende Sprachwechsel setzte sich im 19. und 20. Jahrhundert fort (vgl. ebd., S. 33).

Trotzdem blieb Niederdeutsch bis zum zweiten Weltkrieg zumindest die Alltagssprache in Norddeutschland, besonders entlang der Küste, obwohl das Schulsystem in Deutschland auf Hochdeutsch ausgerichtet war (NATH: Regionalsprachenförderung in Ostfriesland 1999, S. 5).

Nach Kriegsende wurde im gesamten Bildungssystem die Standardsprache Hochdeutsch durchgesetzt. Zweisprachigkeit wurde nicht einmal für die Grundschulzeit systematisch in Betracht gezogen. Die Schulpolitik der 60er- und 70er-Jahre sorgte dafür, dass plattdeutsch sprechenden Eltern davon abgeraten wurde, auch mit ihren Kindern die Regionalsprache zu sprechen. Mir der Begründung, durch eine plattdeutsche Erziehung würden die Kinder daran gehindert, die Standardsprache Hochdeutsch zu erlernen (ebd., S. 6). Heute stirbt die Regionalsprache vor allem in den küstenfernen Gebieten aus. Ostfriesland aber gilt weiterhin als zweisprachige Region – noch. Auf das "Image-Problem“ des Plattdeutschen werde ich in Kapitel 3.1. noch genauer eingehen.

2.4 Die Sprachensituation in Ostfriesland

Im gesamten norddeutschen Gebiet leben ungefähr acht Millionen Sprecher des Niederdeutschen. Die plattdeutsche Sprache ist heute aber größtenteils zu einer Sprache der Privatsphäre und des sozialen Zusammenhalts geworden. Zumindest aber in den küstennahen Gebieten – und vor allem in Ostfriesland – hat diese Regionalsprache trotz aller Schwierigkeiten sich behaupten zu können, in der Öffentlichkeit nach wie vor eine wichtige Stellung: als emotional besetztes Ausdrucksmittel und Identitätssymbol (vgl. NATH, Regionalsprachenförderung in Ostfriesland 1997, S. 7). In diesem Kapitel möchte ich aufzeigen, dass Niederdeutsch in Ostfriesland auch heute weiter verbreitet ist, als sich dies vermuten lässt.

In Ostfriesland wird ein besonderer Dialekt des Niederdeutschen gesprochen. Linguistisch kann man Ostfriesland in zwei Gebiete einteilen: den Nordosten (das Harlingerland) und den Südwesten. Hinzu kommen zahlreiche phonetisch und teilweise lexikalisch unterscheidbare Gebiete. Vor allem die westlichen Dialekte des Niederdeutschen unterscheiden sich stark von denen in anderen Gebieten in Norddeutschland. Sie ähneln
eher der niederländischen Sprache als dem Hochdeutschen. Ostfriesland gilt als eine zweisprachige Region, allerdings handelt es sich um eine verborgene, nicht perfekte Zweisprachigkeit (vgl. NATH, Regionalsprachenförderung in Ostfriesland 1997, S. 7 - 9). LÖFFLER schreibt, dass die Regionalsprache im Großen und Ganzen eher die „Öffentlichkeit und den Kontakt mit Fremden“ scheut. „Diese Privatheit scheint an vielen Orten Merkmal des Dialekts zu sein.“ (Die Renaissance der Regionalsprachen im grenzenlosen Europa 1991, S. 126)

Bis in die 60er-Jahre hinein war das Niederdeutsche die allgemeine Alltags- und Umgangssprache in Ostfriesland. Auch bedingt durch die Bildungsreform ab 1968 kam es jedoch zu einer starken Abwertung des Niederdeutschen. Die plattdeutsche Sprache wurde mehr und mehr zurückgedrängt (BRÜCKMANN, Frühe Mehrsprachigkeit in der Grundschule 2000, S. 65).

Eine Erhebung des Gesundheitsamtes Aurich-Norden, die am Schuljahresbeginn 2001/02 durchgeführt wurde, untersuchte die Sprachkenntnisse von Kindern. Im Rahmen des Schulreifetests wurden den Eltern der Kinder Fragebögen vorgelegt, anhand derer die Plattdeutschkenntnisse der Kinder bzw. die Plattdeutschverwendung im familiären Umfeld erfragt wurden. Insgesamt 1118 Fragebogen wurden ausgewertet. Sie belegen, dass „viel mehr Menschen Plattdeutsch sprechen können, als gemeinhin angenommen wird“ (BRÜCKMANN, Frühe Mehrsprachigkeit in der Grundschule 2003, S. 78). Die beiden Bereiche Aurich und Norden wurden getrennt voneinander ausgewertet. Gerade im Bereich Aurich ist das Plattdeutsche noch weit verbreitet. So sprechen dort in 52,3 Prozent der befragten Familien beide Elternteile Platt. Im Norder Gebiet sind es nur 39,2 Prozent. In Familien, in denen beide Elternteile Platt sprechen können, lernen im Bereich Aurich 39,5 Prozent der Kinder ebenfalls Plattdeutsch zu sprechen. Im Bereich Norden sind dies 27 Prozent. Im Bereich Aurich können somit 24 Prozent der schulpflichtig gewordenen Kinder Platt sprechen, in Norden dagegen nur 13,4 Prozent. Da bei früheren Umfragen die Prozentzahlen für die anderen Landkreise Ostfrieslands, nämlich Wittmund, Leer und Emden stets niedriger lagen als für Aurich und Norden, wird mit dieser Umfrage „der Bereich Aurich als Kerngebiet für den Erhalt des Plattdeutschen in Ostfriesland sichtbar“ (ebd.).

Weitere Ergebnisse der Umfrage sind, dass Platt sprechende Großeltern auf die aktiven Sprachkenntnisse der schulpflichtig gewordenen Kinder fast keinen Einfluss haben, was in folgender Schlussfolgerung zum Ausdruck kommt:

„Entweder sehen die Kinder ihre Großeltern nicht häufig genug, um von ihnen die Sprache lernen zu können, oder die Großeltern sprechen überwiegend Hochdeutsch mit ihren Enkelkindern. Das ist sehr schade, weil die Großeltern in der Regel das qualitativ bessere Platt sprechen.“ (ebd.)

Weiterhin wurde festgestellt, dass in 76 Prozent aller befragten Familien zumindest ein Elternteil Platt spricht, allerdings nur knapp 20 Prozent derer, die die Sprache an die Kinder vermitteln könnten, tun dies auch konsequent (ebd.).

Eine weitere Umfrage an ostfriesischen Schulen im Rahmen des 1994 durchgeführten Pilotprojekts „Plattdeutsch in der Schule“ ergab, dass quer durch alle Altersgruppen 21,3 Prozent der Schüler über sehr gute aktive Plattdeutschkenntnisse verfügen. Es sprachen im Durchschnitt mehr Mädchen (26,5 Prozent) als Jungen (16,3 Prozent) sehr gut Platt. 60 Prozent aller befragten Schüler bewiesen gute bis sehr gute passive Plattdeutschkenntnisse. Es wurden in dieser Umfrage die Antworten von insgesamt 656 Schülern aus verschiedenen Schulstufen und Schulformen berücksichtigt (vgl. GERDES, Pilotprojekt „Plattdeutsch in der Schule“ 1996, S. 45).

Die Umfrage an den Berufsbildenden Schulen in Aurich und Leer 1995 bestätigte erstmals die Vermutung, dass die plattdeutsche Sprache vor allem im Arbeitsleben in Ostfriesland einen hohen Stellenwert besitzt. Jeder zweite von insgesamt 495 befragten Berufsschülern im dritten Lehrjahr gab an, dass er Plattdeutsch sowohl innerbetrieblich als auch im Umgang mit der Kundschaft bräuchte. Es wurden Schüler sowohl aus handwerklichen als auch aus kundenorientierten Büro-(Berufen) befragt (vgl. ebd., S. 14 - 18).

Auch im Bereich Kindergärten, Kinderspielkreise und Vorschulen wurden in ganz Ostfriesland 1997 Umfragen durchgeführt und Fragebögen zur Sprachsituation verteilt. Es gingen 129 Einrichtungen mit 738 Erziehern und 6484 Kindern in die Bestandserhebungen ein. Vor allem zwei Ergebnisse möchte ich nennen: Die Kinder in den befragten Einrichtungen kamen zu 43,5 Prozent aus einer häuslichen Umgebung, in der Platt gesprochen wurde, und 48 Prozent der Erzieher gaben an, Platt sprechen zu können (vgl. NATH, Der Modellversuch Zweisprachigkeit im Kindergarten 1999, S. 10, 11).

Während ich mit Hilfe der oben genannten Umfragen ausschließlich auf die Plattdeutsch-Kompetenz speziell in Ostfriesland eingegangen bin, möchte ich zum Abschluss dieses Kapitels auf eine repräsentative Befragung zur Lage des Niederdeutschen im gesamten norddeutschen Sprachraum (der „alten“ Bundesrepublik) eingehen. Sie wurde 1984 von den Niederdeutsch-Lehrstühlen der Universitäten Bielefeld, Göttingen, Hamburg, Kiel und Münster konzipiert und von der Gesellschaft für angewandte Sozialpsychologie (Getas), Bremen, durchgeführt. Sie erbrachte die Erkenntnis, dass das Niederdeutsche in Norddeutschland 1984 „Sprachrealität“ war: 35 Prozent der Bevölkerung sprachen vor 22 Jahren Niederdeutsch nach eigener Einschätzung gut bis sehr gut, 21 Prozent ein wenig (insgesamt etwa 9 Millionen Menschen), 66 Prozent verstanden es gut bis sehr gut, 23 Prozent ein wenig (etwa 15 Millionen Menschen). Weitere Ergebnisse waren, dass das Niederdeutsche in der Bevölkerung positiv bewertet wurde: 70 Prozent der Bevölkerung hielten von der niederdeutschen Sprache viel bis sehr viel (vgl. PERSUHN, Grundkurse Niederdeutsch in der Sek. II 2000, S. 109).

Ich bezweifle allerdings, dass bei einer heutigen Erhebung die Zahlen noch derart positiv zugunsten der niederdeutschen Regionalsprache ausfallen würden. Ich gehe davon aus, dass zumindest die aktiven Sprachkenntnisse heute längst nicht mehr so hoch sind wie 1984.

„Das Niederdeutsche wird hauptsächlich von der älteren Bevölkerung auf dem Lande gesprochen, von Kindern und Jugendlichen wenig oder kaum. In den größeren Städten ist es so gut wie verschwunden. Auch wenn das Niederdeutsche in der Bevölkerung laut Getas-Umfrage hoch geschätzt ist, so wird heute überwiegend in den Familien (auch auf dem Lande) Hochdeutsch mit den Kindern gesprochen. Die plattdeutsche Sprache wird nicht mehr weitergegeben an die nächste Generation. Die Regel ist, dass auch plattdeutsch sprechende Eltern mit ihren Kindern aus Rücksicht auf deren vermeintliche Bildungschancen in der Schule Hochdeutsch sprechen.“ (ebd.)

Dieses Fazit von PERSUHN ist in Wildgens Veröffentlichung „Niederdeutsch in Schule und Gesellschaft“ nachzulesen. Im Großen und Ganzen kann ich diese Sichtweise unterstützen – allerdings nur bezogen auf den gesamten norddeutschen Raum. In Ostfriesland ist meiner Meinung nach zwar eine ähnliche Tendenz erkennbar, allerdings stellt sie sich für die niederdeutsche Sprache nicht derart negativ dar, wie es die neueren Umfrage-Ergebnisse ja auch zeigen. Allerdings ist eines aus meiner Sicht ganz klar: Die Zahl der Plattsprecher nimmt auch in Ostfriesland ab.

Die Aussage PERSUHNS, dass das Niederdeutsche in den letzten Jahrzehnten „den Charakter der Muttersprache (Primärsprache) in Norddeutschland weitgehend verloren“ hat und „heute überwiegend als Zweitsprache neben der fest etablierten hochdeutschen Einheitssprache“ auftritt (zitiert in: Grundkurse Niederdeutsch in der Sek. II 2000, S. 108), deckt sich dagegen auch mit meinen Erfahrungen aus Ostfriesland. Er stellt auch eine „gewisse reservierte bis diskriminierende Haltung gegenüber den Niederdeutsch-Sprechern“ (ebd.) fest, die teilweise noch vorhanden ist. Auch ich habe in dieser Hinsicht ähnliche Erfahrungen vor allem mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Ostfriesland gemacht.

3. Image des Plattdeutschen

Plattdeutsche Andachten und sogar Trauungen in der Kirche, Straßenschilder mit Ortsnamen auf Hoch- und Plattdeutsch, Ratssitzungen, die in niederdeutscher Sprache stattfinden, Plattdeutsch-Kurse an Kreisvolkshochschulen oder auch Schilder an öffentlichen Einrichtigungen, auf denen geschrieben steht „Wi proten ook platt“ – vielerorts in Ostfriesland bekennt man sich mittlerweile ganz offensiv zur Regionalsprache. Es hat eine regelrechte Plattdeutsch-Welle eingesetzt. Das Ziel ist klar: Die niederdeutsche Sprache soll wieder verstärkt ins Bewusstsein der Ostfriesen rücken und ein besseres Image bekommen. Denn um das Ansehen der Mundart war es lange Zeit nicht gut bestellt.

3.1. Plattdeutsch als ein „Hemmnis jeder Bildung“

Der Aufstieg oder der Niedergang von Sprachen ist nicht naturgegeben. Er wird immer von politischen, wirtschaftlichen und sozialen Gegenbenheiten beeinflusst oder sogar gelenkt. Während das Hochdeutsche vor allem nach dem 2. Weltkrieg in Deutschland als Amtssprache ausgebaut wurde, erfuhr das Niederdeutsche keine Unterstützung. Plattdeutsch wurde bis vor wenigen Jahren weitgehend aus den Schulen verbannt (vgl. NATH, Die Zukunft ist mehrsprachig 2003, S. 14). Warum die Zweisprachigkeit Hochdeutsch/Plattdeutsch selbst in Ostfriesland bis heute teilweise immer noch zumindest kritisch gesehen wird und welche Gründe dafür angeführt werden, die Regionalsprache aus dem Unterricht fern zu halten, möchte ich in diesem Kapitel darstellen.

Der Ausdruck „Plattdeutsch als Hemmnis jeder Bildung“ geht im Übrigen auf Jonas Goldschmidt zurück. Das Vorurteil hat somit eine Tradition, die mindestens bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts zurückreicht.

Mit der Öffnung der Universitäten ab 1968 und dem steigenden Wert von formalen Bildungstiteln für den beruflichen Erfolg wurde das einsprachig hochdeutsche Schulsystem zum Kernpunkt des gesamten Bildungssektors. Damit einher ging eine massive Abwertung des Niederdeutschen als eines Dialekts, der sich auf den Erwerb des Hochdeutschen angeblich schädlich auswirkte. Den Eltern schulpflichtiger Kinder wurde abgeraten, die Heimatsprache an die nachfolgende Generation weiterzugeben (vgl. BRÜCKMANN, Frühe Mehrsprachigkeit in der Grundschule 2000, S. 65). ABENDROTH-TIMMER/BREIDBACH sprechen in diesem Zusammenhang von „doppelter Halbsprachigkeit“ (Handlungsorientierung und Mehrsprachigkeit 2000, S. 13). Hiermit ist die Annahme gemeint, dass mehrsprachige Menschen ihre Sprachen nicht so weitgehend beherrschen wie einsprachige Sprecher. Das hat zur Folge, dass die in einer Gesellschaft verbreitete Vorstellung der „doppelten Halbsprachigkeit“ mit der Schlussfolgerung verbunden ist, dass die vollständige Beherrschung einer einzigen Sprache durch Maßnamen, wie zum Beispiel ein Verbot der jeweils anderen Sprache in der Schule, anzustreben ist (ebd.). Dieses für die niederdeutsche Sprache nahezu vernichtende Urteil basiert unter anderem auf Aussagen in älterer deutscher Fachliteratur vor 1950.

Die wiedergegebenen Argumente und Vor(-Urteile) in der Bildungs- und Sprachen-Diskussion der vergangenen Jahrzehnte haben somit eine große Rolle bei der Aufgabe des Niederdeutschen als Zweit- oder Familiensprache gespielt.

Auch die folgenden Negativurteile sind „Argumente“ jener Fachliteratur über die Zweisprachigkeit:

Durch das gezielte Erlernen von zwei Sprachen sind die Kinder überfordert.

- Diese Kinder sind sprachlich verspätet / sprachlich nicht kreativ und haben keine Muttersprache (vgl. KIELHÖFER, Zweisprachige Kindererziehung 1983, S. 9, 10).

[...]

Ende der Leseprobe aus 95 Seiten

Details

Titel
Die Rolle des Niederdeutschen in ostfriesischen Grundschulen heute
Untertitel
Diskutiert vor dem Hintergrund aktueller Konzepte zur Vermittlung einer Nahsprache
Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg  (Germanistik)
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
95
Katalognummer
V83833
ISBN (eBook)
9783638876926
ISBN (Buch)
9783638876995
Dateigröße
767 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Rolle, Niederdeutschen, Grundschulen
Arbeit zitieren
Stefan Janssen (Autor), 2006, Die Rolle des Niederdeutschen in ostfriesischen Grundschulen heute, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/83833

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