Nicht zuletzt bedingt durch die PISA-Studie befindet sich das deutsche Schulsystem in einem Prozess massiver Umgestaltung. Unterrichts-Methoden und Fächer geraten auf den Prüfstand. Die Heranwachsenden sollen „fit“ gemacht werden für den internationalen Bildungsmarkt, was sich ja unter anderem auch in den Universitäten mit den neuen Bachelor- und Masterabschlüssen widerspiegelt. Gerade in dieser Zeit ist die Gefahr groß, dass das Bewusstsein für die Qualität des Regionalen in den Hintergrund gedrängt wird – dies gilt insbesondere natürlich auch für die Einbeziehung der Regionalsprache Plattdeutsch in den Unterricht.
Gerade weil sich die Situation der niederdeutschen Sprache in der schulischen Erziehung nicht positiv darstellt, möchte ich in dieser Examensarbeit einen gewichtigen Teil jenen Konzepten widmen, mit Hilfe derer den Kindern die Begegnung mit der so genannten Nahsprache ermöglicht wird. Dabei gehe ich im Besonderen auf die herkömmlichen Angebote des Plattdeutschen Lesewettbewerbs und der Arbeitsgemeinschaft Plattdeutsch sowie auf die noch unbekanntere Methode des Immersions-Unterrichts ein. Alle drei Vermittlungs-Konzepte werden zur Zeit in ostfriesischen Grundschulen angewandt.
Inhaltsverzeichnis
0. Vorwort
1 Einleitung
2. Historische und aktuelle Situation des Niederdeutschen
2.1 Definitionen
2.1.1 Niederdeutsch und Plattdeutsch
2.1.2 Sprache und Dialekt
2.2 Zur geographischen Einordnung Ostfrieslands
2.3 Die Geschichte des Niederdeutschen
2.4 Die Sprachensituation in Ostfriesland
3. Image des Plattdeutschen
3.1. Plattdeutsch als ein „Hemmnis jeder Bildung“
3.2 Frühe Mehrsprachigkeit mit Plattdeutsch: Eine Chance und ein Zugewinn
4. Mehrsprachigkeit bei Kindern: Definition und Beschreibung
5. Rechtliche Grundlagen für die Legitimation des Niederdeutschen in der Schule
6. Berücksichtigung des Niederdeutschen im Unterricht in ostfriesischen Schulen
7. Didaktisch-Methodische Aspekte des Niederdeutsch-Unterrichts in der (Grund-)Schule
7.1 Über die Relevanz der Einbeziehung des Plattdeutschen in den Unterricht
7.2 Die Ziele des Niederdeutsch-Unterrichts
7.3 Plattdeutsch als „Brückensprache“
7.4 Möglichkeiten der Einbeziehung des Plattdeutschen in den Unterricht
8. Herkömmliche Konzepte zur Vermittlung des Niederdeutschen
8.1 Lesewettbewerb Plattdeutsch: Ein Erfahrungsbericht aus der Praxis
8.2 Unterricht in einer Arbeitsgemeinschaft Plattdeutsch
9. Bilingualer Unterricht in Ostfriesland
9.1 Bilingualer Unterricht und Immersions-Methode: eine Begriffsklärung
9.2 Beschreibung und Leistungsfähigkeit von Immersion
9.3 Das Projekt „Mehrsprachigkeit in der Vor- und Grundschulperiode“
9.4 Immersions-Unterricht in der Grundschule Simonswolde
10. Drei Konzepte des Plattdeutsch-Unterrichts im Vergleich
11. Ausblick: Hat Niederdeutsch eine Zukunft?
12. Schlusswort
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die aktuelle Rolle und Vermittlung der niederdeutschen Sprache in ostfriesischen Grundschulen. Ziel ist es, die Diskrepanz zwischen der bildungspolitischen Verankerung der Regionalsprache und ihrer tatsächlichen schulischen Integration aufzuzeigen und verschiedene Vermittlungskonzepte vor dem Hintergrund aktueller didaktischer Ansätze zur Nahsprachenförderung zu bewerten.
- Historische Entwicklung und aktueller Status des Niederdeutschen in Ostfriesland.
- Analyse der Imageproblematik und bestehender Vorurteile ("Hemmnis jeder Bildung").
- Bewertung von Vermittlungsmodellen wie dem Plattdeutschen Lesewettbewerb und der Arbeitsgemeinschaft.
- Untersuchung des Immersionsansatzes als bilinguales Unterrichtskonzept.
- Diskussion des Potenzials von Plattdeutsch als Brückensprache für das Erlernen weiterer Fremdsprachen.
Auszug aus dem Buch
3.1. Plattdeutsch als ein „Hemmnis jeder Bildung“
Der Aufstieg oder der Niedergang von Sprachen ist nicht naturgegeben. Er wird immer von politischen, wirtschaftlichen und sozialen Gegenbenheiten beeinflusst oder sogar gelenkt. Während das Hochdeutsche vor allem nach dem 2. Weltkrieg in Deutschland als Amtssprache ausgebaut wurde, erfuhr das Niederdeutsche keine Unterstützung. Plattdeutsch wurde bis vor wenigen Jahren weitgehend aus den Schulen verbannt (vgl. NATH, Die Zukunft ist mehrsprachig 2003, S. 14). Warum die Zweisprachigkeit Hochdeutsch/Plattdeutsch selbst in Ostfriesland bis heute teilweise immer noch zumindest kritisch gesehen wird und welche Gründe dafür angeführt werden, die Regionalsprache aus dem Unterricht fern zu halten, möchte ich in diesem Kapitel darstellen.
Der Ausdruck „Plattdeutsch als Hemmnis jeder Bildung“ geht im Übrigen auf Jonas Goldschmidt zurück. Das Vorurteil hat somit eine Tradition, die mindestens bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts zurückreicht.
Mit der Öffnung der Universitäten ab 1968 und dem steigenden Wert von formalen Bildungstiteln für den beruflichen Erfolg wurde das einsprachig hochdeutsche Schulsystem zum Kernpunkt des gesamten Bildungssektors. Damit einher ging eine massive Abwertung des Niederdeutschen als eines Dialekts, der sich auf den Erwerb des Hochdeutschen angeblich schädlich auswirkte. Den Eltern schulpflichtiger Kinder wurde abgeraten, die Heimatsprache an die nachfolgende Generation weiterzugeben (vgl. BRÜCKMANN, Frühe Mehrsprachigkeit in der Grundschule 2000, S. 65). ABENDROTH-TIMMER/BREIDBACH sprechen in diesem Zusammenhang von „doppelter Halbsprachigkeit“ (Handlungsorientierung und Mehrsprachigkeit 2000, S. 13). Hiermit ist die Annahme gemeint, dass mehrsprachige Menschen ihre Sprachen nicht so weitgehend beherrschen wie einsprachige Sprecher. Das hat zur Folge, dass die in einer Gesellschaft verbreitete Vorstellung der „doppelten Halbsprachigkeit“ mit der Schlussfolgerung verbunden ist, dass die vollständige Beherrschung einer einzigen Sprache durch Maßnamen, wie zum Beispiel ein Verbot der jeweils anderen Sprache in der Schule, anzustreben ist (ebd.).
Zusammenfassung der Kapitel
0. Vorwort: Der Autor erläutert seine persönliche Motivation und Affinität zum Plattdeutschen sowie das Ziel seiner Untersuchung.
1 Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die aktuelle schulische Situation des Niederdeutschen im Kontext der PISA-Studie und den daraus resultierenden Umgestaltungen im Bildungssystem.
2. Historische und aktuelle Situation des Niederdeutschen: Dieses Kapitel liefert Grundlagen zu Definitionen, zur geografischen Einordnung Ostfrieslands sowie zur historischen Entwicklung der Sprache.
3. Image des Plattdeutschen: Der Fokus liegt auf der negativen Stigmatisierung der Sprache als Bildungshemmnis und den Chancen einer frühen Mehrsprachigkeit.
4. Mehrsprachigkeit bei Kindern: Definition und Beschreibung: Es erfolgt eine theoretische Einordnung der Begriffe Mehrsprachigkeit, Bilingualismus und Diglossie.
5. Rechtliche Grundlagen für die Legitimation des Niederdeutschen in der Schule: Das Kapitel behandelt die schulrechtliche Verankerung und internationale Abkommen wie die Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen.
6. Berücksichtigung des Niederdeutschen im Unterricht in ostfriesischen Schulen: Eine Analyse des Status quo der plattdeutschen Sprache an ostfriesischen Schulen basierend auf verschiedenen Umfragen.
7. Didaktisch-Methodische Aspekte des Niederdeutsch-Unterrichts in der (Grund-)Schule: Darlegung der Gründe für die Einbeziehung der Sprache sowie Formulierung von Unterrichtszielen.
8. Herkömmliche Konzepte zur Vermittlung des Niederdeutschen: Untersuchung traditioneller Vermittlungsmethoden wie dem Plattdeutschen Lesewettbewerb und der Arbeitsgemeinschaft.
9. Bilingualer Unterricht in Ostfriesland: Analyse des Immersions-Verfahrens als bilinguale Methode und des spezifischen Projekts „Mehrsprachigkeit in der Vor- und Grundschulperiode“.
10. Drei Konzepte des Plattdeutsch-Unterrichts im Vergleich: Vergleich der drei untersuchten Modelle hinsichtlich ihrer didaktischen Intentionen und praktischen Umsetzbarkeit.
11. Ausblick: Hat Niederdeutsch eine Zukunft?: Eine kritische Einschätzung der Zukunftschancen der Sprache vor dem Hintergrund aktueller Bemühungen zum Spracherhalt.
12. Schlusswort: Zusammenfassende Reflexion der Ergebnisse und ein Plädoyer für den Erhalt der Sprache durch bewusste pädagogische Arbeit.
Schlüsselwörter
Niederdeutsch, Plattdeutsch, Ostfriesland, Grundschule, Zweisprachigkeit, Mehrsprachigkeit, Immersion, Regionalsprache, Dialekt, Sprachvermittlung, Sprachidentität, Bildungsstandards, Sprachkontakt.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Rolle und die schulische Vermittlung der niederdeutschen Regionalsprache in ostfriesischen Grundschulen heute.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Themenfelder umfassen die historische Entwicklung, das Image der Sprache, rechtliche Rahmenbedingungen sowie didaktisch-methodische Konzepte für den Unterricht.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das primäre Ziel ist es, den aktuellen Status der plattdeutschen Sprache an Schulen zu evaluieren und aufzuzeigen, wie sie trotz Vorurteilen erfolgreich vermittelt werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturgestützte Analyse, ergänzt durch die Auswertung vorliegender Erhebungen und qualitative Interviews mit Lehrkräften und Experten.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die historische Situation, Vorurteile gegen die Sprache, rechtliche Legitimationen sowie konkrete Vermittlungskonzepte wie Lesewettbewerbe, Arbeitsgemeinschaften und Immersion.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Niederdeutsch, Ostfriesland, Zweisprachigkeit, Immersion, Regionalsprache und Sprachförderung.
Warum wird Plattdeutsch oft als "Hemmnis jeder Bildung" bezeichnet?
Dies ist ein historisch gewachsenes Vorurteil, das auf der Annahme basiert, dass das Erlernen einer Dialektform die kognitive Entwicklung und den Erwerb der Standardsprache negativ beeinflussen würde.
Wie effektiv ist die Immersion im Kontext des Plattdeutschen?
Die Immersion gilt als sehr effektiv für den aktiven Spracherwerb, findet jedoch in Ostfriesland aufgrund mangelnder Ressourcen und verbindlicher Vorgaben bisher nur selten Anwendung.
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- Stefan Janssen (Author), 2006, Die Rolle des Niederdeutschen in ostfriesischen Grundschulen heute, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/83833