Das deutsche orthodoxe Judentum im Roman "Tohuwabohu" von Sammy Gronemann


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003

32 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Vertreter und Bilder der deutsch-jüdischen Orthodoxie
im Roman Tohuwabohu
1.1. Allgemeines
1.2. Professor Hirsch
1.2.1. Hintergrund
1.2.1.1. Rabbinerseminar
1.2.1.2. Wissenschaft des Judentums
1.2.2. Begegnung mit Professor Hirsch: Kuratoriumssitzung
1.2.2.1. Hirsch und Lehnsen: Orthodoxie und Abkehr vom Judentum
1.2.2.2. Prof. Hirsch und Dr. Magnus: Orthodoxie vs. Reformjudentum
1.3. Die orthodoxe Gemeinde in Berlin
1.3.1. Allgemeines
1.3.2. Rabbiner Rosenbacher
1.3.2.1. Bild des orthodoxen Rabbiners
1.3.2.2. Essensvorschriften
1.3.3 Seelsorge-Szene
1.3.3.1. Erwerbsleben
1.3.3.2. Errungenschaften „jüdischer Technik“

2. Widersprüche in der Darstellung der deutsch- jüdischen Orthodoxie

3. Gronemann und Orthodoxie

Schlusswort

Bibliographie

Einleitung

„Kunstwerk? Gronemanns Tohuwabohu ist ein Dokument; ein Querschnitt durch die neujüdische Kulturgeschichte.“[1]

So charakterisiert Theodor Zlocisti im J 1920 den eben erschienenen Roman von Sammy Gronemann, der in den ersten fünf Jahren nach seiner Erstveröffentlichung 16 Auflagen erlebt hat und als S des jü Lebens um die Jahrhundertwende in D zum Verstä der inneren Konflikte und Widersprüche des deutschen J­tums hat. „Spätere Historiker werden dieses scheinbar so ­re Buch wü“, schreibt Zlocisti weiter in seiner Rezension. „Ob sie alle Pointen, A, B­nungen auch verstehen werden?“[2] Zu einem solcher Bereiche, dessen Details mit der Zeit in Vergessenheit geraten sind, gehört mit G die Welt der deutsch-jüdischen Orthodoxie. Dies ist auch das Thema dieser Arbeit, die sich mit den folgenden Fragen auseinandersetzt: warum war es für den Autor so , die Orthodoxie so gnadenlos ­len, warum geht er überhaupt auf das Thema ein und, schließlich, wie macht er das, durch welche Figuren wird die deutsch-­jüdische Orthodoxie im Roman repräsentiert.

Das Ziel der A ist der Beantwortung der oben erwähnten Fragen auch, das im Buch ­te Bild der deutsch-jü Orthodoxie mit der historischen Wirklichkeit zu vergleichen und P zu klären, die dem heutigen Leser nicht geläufig sein können.

Es wird von den Figuren des Romans ausgegangen, sie werden und es wird versucht, den Bezug zur jüdisch-orthodoxen Wirklichkeit der J­wende herzustellen.

Bei der Behandlung des Themas, darf nicht außer Acht gelassen werden, wie der persönliche Bezug Gronemanns zur Orthodoxie war, diesem Aspekt ist das letzte Kapitel „Gronemann und die Orthodoxie“ gewidmet.

1. Vertreter und Bilder der deutsch-jüdischen Orthodoxie im Roman Tohuwabohu

1.1. Allgemeines

Die Zeitung Israelit, ein Presseorgan des deutschen orthodoxen J, ver­ö am 17. März 1921 eine Rezension des ­nen R des Berliner Anwalts Gronemann. Der Beitrag ist nicht gerade ­haft: gewiss sei das Judentum, so der Verfasser Harry Abt, faul, morsch, bloß man dürfe doch nicht darüber nur ironisieren, ohne jegliche ­ Lö­sungen anzubieten (natürlich sei der Zionismus als eine vernünftige Lösung nicht akzeptabel). „Nur Schattenseiten vermittelt uns das Buch.“[3] Sicherlich ist eine dieser Schattenseiten die Morschheit der deutsch-jüdischen Orthodoxie, ihre inneren Widersprüche und ihre Krise, die von den Orthodoxen selbst nicht so wahrgenommen werden wollen, wie von Gronemann und den Zionisten. Diese „Schattenseite“ zu beleuchten ist ohne Zweifel eines der Ziele G. Eine „Schattenseite“ ist es auch deshalb, weil der Leser über die O ziemlich mangelhaft informiert war und ist, wie es praktisch eine Regel ist, wenn es sich um eine Minderheit handelt. Umso schwerer wird die Aufgabe, sie zu erfassen und zu erkennen, sich ein Bild darüber zu machen, wenn man , dass die jüdische Orthodoxie in Deutschland keine B oder Erscheinung war. Sie war in sich kompliziert und ­voll.[4] In Tohuwabohu wird das beispielsweise durch das Befremden der üdischen Einwanderer, die ebenfalls als orthodox werden, gegenüber den deutsch-jüdischen Gesetztreuen und deren Lebensweise gezeigt. Gronemann Klischees über die Orthodoxie zu einem sehr persönlichen und nicht Bild der deutsch-jüdischen Orthodoxie und trägt auf die Weise zur Verständigung dieser Erscheinung bei.

Allerdings sollte man die Darstellung des deutschen orthodoxen J im Roman nicht als Selbstzweck sehen, sondern im Z mit allen anderen Themen und Problemen, denn die Orthodoxie ist eine der Teilen der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland und eine der P im jüdischen Chaos der Jahrhundertwende:

„Das jüdische Volk, das im Laufe der Jahrhunderte, gerade in der Zeit seiner Zerstreuung, einen Block von seltener Festigkeit und Einheitlichkeit bildete, wird vor unseren Augen – im 19. und noch mehr im 20. Jahrhundert – so tief von einer Partei- und Gruppengliederung durchfurcht, wie kaum ein anderes Volk.“[5]

Die Beleuchtung verschiedener Seiten im Roman erschafft ein facettenreiches Bild des deutschen Judentums und eine gewisse Tragik des ­ös und zersplitterten Volkes wird begreifbarer.

Im Buch handelt es sich hauptsächlich um zwei Facetten des Phä „deutsch-jüdische Orthodoxie“: eine progressivere, die sich in individueller E zum Gesetz äußert, in intellektueller Arbeit, in wissenschaftlichen Tä­ und apologetischen Überlegungen ihren Ausdruck findet – ein Bild ür liefert Professor Hirsch, ein Vertreter der Strömung, die sich moderne O, Neuorthodoxie oder auch Austrittsorthodoxie zu nennen pflegt.[6] Zum anderen ist das Alltagsleben einer orthodoxen Gemeinde in Berlin, ein L, das mit Schwierigkeiten verbunden ist, in der „Seelsorge-Szene“ ­stellt.

Es erheben sich immer die Fragen: Inwieweit sind die Figuren eines ­rischen Werkes realitätsnah? Inwieweit sind sie mit realen P ­bar? Inwieweit haben sie Bezug zur Rät? Umso mehr werden diese F sinnvoll, wenn man des Werk als „Dokument“ zu bezeichnen wagt. Der erwähnte Rezensent Gronemanns Zlocisti schrieb über die C­ des Romans:

„Jede einzelne Gestalt ist eine Ableitung aus den Tausenden seiner Art; die Vielfältigkeit persönlicher Erlebnisse ist auf einen allgemeinen Nenner gebracht. Der Dichter gibt Typen. Die Natur kennt sie nicht. Typen sind immer Karikaturen. Sie handeln nicht. Sie werden zu den Dingen gestellt – in die typische Tragik, in die Groteske.“[7]

1.2. Professor Hirsch

1.2.1. Hintergrund

1.2.1.1. Rabbinerseminar

Es ist kein Zufall, dass ein Professor stellvertretend für die Orthodoxie im Roman steht. Ein Wesenszeichen der deutsch-jüdischen Orthodoxie an der W vom 19. zum 20 Jahrhundert war es, dass sie eine Art geistige Elite ß, von dieser vorangetrieben und durch ihre wissenschaftliche Tätigkeit am L erhalten wurde. Für diese Menschen stand die Bildung über allem:

„Sie sahen keinen Widerspruch zwischen Thorastudium, obwohl sie diesem den ersten Platz einräumten, und akademischer Bildung; sie sprachen genau so gutes und ­freies Deutsch wie alle ihrer Kollegen. Aber in ihrem guten Deutsch und im Vollbesitz ihrer Kapazitäten brachten sie die Besonderheiten ihrer jüdischen A­en zum Ausdruck und führten eine vielseitige und reichhaltige Korrespondenz, die die G und Gesetze des Judentums behandelte. Sie waren in vollem Umfang an den F der Wissenschaft des Judentums beteiligt. Sie mussten ja geistige Führer einer kulturell sehr hochstehenden Gemeinschaft sein und konnten keinesfalls von dem Niveau ihrer Gemeinden fallen. Für sie musste die rabbinische Autorität Z sein, durch den sie ihrer Gemeinschaft überlegen waren. Aber auch andere, die nicht ­sche Funktionen hatten und vielleicht auch keine rabbinische Ausbildung, waren oft Gelehrte des jüdischen Schrifttums, besonders unter denen, die führende S in den verschiedenen Organisationen und Bewegungen einnahmen.“[8]

Zu ihnen gehört auch Professor Hirsch, der keine Rabbinertätigkeit aus­übt, dafür aber die jüdische Wissenschaft, und zwar die jüdische Philologie, auf den Stand bringt. Außerdem ist er im Rabbinerseminar tätig, wo der Nachwuchs herangezogen wird. Die Erziehung des orthodoxen N war für die Orthodoxie ein unabdingbarer Bestandteil ihrer Ideologie, denn daran lag es, ob die Orthodoxie als Minderheit überleben wird. Die A der Rabbiner war eine der wichtigsten Stufen dieser Erziehungspolitik, denn Rabbiner genossen eine enorme Autorität in den Gemeinden und neben ihrer Haupttätigkeit als Betreuer und geistliche Führer der Gemeinde konnten und mußten sie zahlreiche erzieherische Funktionen erfüllen, z.B. als T­lehrer fungieren und sich in der Jugenderziehung engagieren.

Es gab zwar sogenannte „gemischte Rabbinerseminare“, in denen die O nur einen Flügel bildeten aber natürlich bestand der Bedarf, sich Schulen einzurichten, um eigene Rabbiner auszubilden. Dabei war für die moderne Orthodoxe der Jahrhundertwende wichtig, eine gründliche ­liche Basis ihren Zöglingen zu vermitteln und somit die Kä der Orthodoxie gegenüber dem liberalen Judentum zu demonstrieren. Die E­ung des Rabbinerseminars in Berlin, an dem höchstwahrscheinlich G Professor Hirsch als Dozent für die semitische Philologie tätig ­sen war und an dem Gronemann tatsächlich sein Talmudstudium gemacht hatte, war an sich eine Folge dieses Konkurrenzdenkens der Orthodoxie. Es im Oktober 1873, etwa ein Jahr nach der Gründung der liberalen B Schule für die Wissenschaft des Judentums, nach heftigen Debatten in Kreisen über die Notwendigkeit einer eigenen höheren R­le. Sie sollte „den Wettkampf des Geistes“ bestehen. Esriel Hildesheimer, der zur Entsehung des Seminars einen großen Beitrag geleistet hatte und sein erster Dekan war, setzte auf die Bildung einer orthodoxen geistigen Elite; „G ist Wissen“ war sein Standpunkt.[9] Die Dozenten zeichneten sich durch tiefe Frö­keit, große Gelehrsamkeit und Liebe zur Wissenschaft aus[10]. G Erinnerungen an seine Dozenten waren auch positiv. Er bewundert ihre Fä, die Wissenschaft mit der Tradition zu verbinden, die H­ zu meistern, die auf diesem Spannungsfeld: Wissenschaft - Tradition , und dabei nicht ­men zu sein und viel für die Wissensaft zu .[11]

Somit ist Professor Hirschs Tätigkeit auch von wissenschaftlicher und ­ Bedeutung für die deutsch-jüdische Orthodoxie. Er ä sich mit der Grammatik und den sprachgeschichtlichen Problemen, was ihn mit einigen Dozenten Gronemanns vergleichbar macht. Was allerdings bei P Hirsch gewisse satirische Züge annimmt und wie vieles im Roman ins Groteske gezogen wird.

1.2.1.2. Wissenschaft des Judentums

„Meine Hochachtung und Verehrung gegenüber einer der Säulen unserer jüdischen Wissenschaft – das sind Sie, Herr Professor! Unbestritten“Dr. Magnus[12]

Interessant ist, dass Dr. Magnus, ein liberaler Rabbiner, den Professor „...eine der Säulen unserer jüdischen Wissenschaft“ (Tohuwabohu, S. 72) nennt und ihn (zwar auf seine etwas heuchlerische Weise) verehrt. Und Hirsch spricht über eine jüdische Wissenschaft, die sie alle vorantreiben, bloß Magnus habe wegen seiner anderen Verpflichtungen keine Zeit dafür:

„[...] Ihre neue Publikation im Jahresbericht ist phänomenal; sie wirft ganz neue Schlaglichter auf die Entwicklung der Suffixe der Pronomina“

„Haben Sie meine Arbeit gelesen?“ fragte der Professor mißtrauisch. „Ich wundere mich, daß Sie bei Ihrer vielseitigen Tätigkeit noch die Zeit haben, Wissenschaft zu treiben.“[13]

Für die beiden scheint es ein Idealfall, ein Idealbild des Judentums zu sein, sich dieser Wissenschaft des Judentums vollständig zu widmen, als wäre es das Wichtigste im Leben. Hirsch ist übermäßig stolz auf sich selbst, denn er hat das Ideal verwirklicht. Was war diese Wissenschaft, die für beide eine so große Rolle spielt?

Um die Jahrhundertwende sprach man über die Wissenschaft des J, die seit der Religionsreform liberal gefärbt war, und um die immer stärker zu Wort kommende und sich gegen die Reform und für die Werte des halachisch geprägten traditionellen Judentums kämpfende orthodoxe W. Die liberale Bewegung in der jüdischen Wissenschaft ging von einem Kreis junger Akademiker aus, die den Boden der verpflichtenden Tradition hatten und denen ihr Judentum und Judesein zum Problem geworden war. Sie schlossen sich zu einem Verein für Kultur und Wissenschaft des J zusammen und wollten ohne jegliche ­den Lebensformen die jü­ Tradition, Geschichte und Literatur . Eine Rückkehr zu den ­giösen Formen ihrer Kindheit sahen sie als an. Die Wissenschaft des J­tums war der Anker, der sie vor dem gä Abfall vom Judentum, ja vor dem Übertritt zum Christentum retten sollte.[14] Was ging im rivalisierenden orthodoxen Lager vor? Der Hauptsprecher der O, Samson Raphael Hirsch, bezeichnete die Wissenschaft des J als ein „System zur theoretischen Beschönigung des praktischen A“, alles was sie geschaffen habe, sei „mehr oder minder ein direkter Sand- oder Steinwurf gegen das im Leben sich bewegende Judentum“[15].

[...]


[1] Zlocisti 1920, Sp.199.

[2] ebd.

[3] Abt 1921, S 8.

[4] vgl. Breuer 1986, S 7.

[5] Krupnik, Baruch: Die jüdischen Parteien. ein Überblick zur Orientierung, Berlin 1919, S.1. Zitiert nach: Morgenstern 1995, S. 12.

[6] vgl. Morgenstern 1995, S. 17.

[7] Zlocisti 1920, Sp. 196.

[8] Ben-Avner 1987, S. 94.

[9] vgl. Breuer 1986, S 127 und Verlag T. Bautz, http://www.bautz.de/bbkl/h/hildesheimer_e.shtml vom 12.09.03.

[10] vgl. Breuer 1986, S. 130 und 172.

[11] vgl Gronemann, Erinnerungen

[12] Tohuwabohu (im weiteren T.): S. 72.

[13] T., S. 68.

[14] Breuer 1986, S. 163.

[15] Breuer 1986, S.164, vgl. auch Jeschurun 4 /1858, S. 23-31; 8/1862, S.88ff.

Ende der Leseprobe aus 32 Seiten

Details

Titel
Das deutsche orthodoxe Judentum im Roman "Tohuwabohu" von Sammy Gronemann
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Angewandte Sprach- und Kulturwissenschaft)
Veranstaltung
Juden in Deutschland - deutsche Juden. Ausprägungen jüdischer Identität in der deutschen Kultur
Note
1,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
32
Katalognummer
V84473
ISBN (eBook)
9783638008228
ISBN (Buch)
9783638914161
Dateigröße
522 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Judentum, Roman, Tohuwabohu, Sammy, Gronemann, Juden, Deutschland, Juden, Ausprägungen, Identität, Kultur
Arbeit zitieren
Irina Pohlan (Autor), 2003, Das deutsche orthodoxe Judentum im Roman "Tohuwabohu" von Sammy Gronemann, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/84473

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