Die Zeitproblematik im XI. Buch der 'Confessiones' von Aurelius Augustinus


Hausarbeit (Hauptseminar), 1998

35 Seiten, Note: 2,5


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 EINLEITUNG

2 DAS LEBEN DES AURELIUS AUGUSTINS UND SEINE THEOLOGISCH- PHILOSOPHISCHEN EINFLÜSSE
2.1 THAGASTE - AUGUSTINS KINDHEIT - ELTERLICHE ERZIEHUNG
2.2 THAGASTE, MADAURA, KARTHAGO - SCHULZEIT UND JUGEND
2.3 KARTHAGO - MANICHÄISMUS: 373 - 382
2.4 ROM - SKEPTIZISMUS: 383
2.5 MAILAND - NEUPLATONISMUS - AMBROSIUS: 384 - 386
2.6 VERBINDUNG VON PHILOSOPHIE UND GLAUBEN
2.7 CASSICIACUM: 386 - „BEKEHRUNG“: 387
2.8 HIPPO REGIUS - BISCHOFSWÜRDE: 395 - 430

3 DIE ZEITPROBLEMATIK IM XI. BUCH DER CONFESSIONES
3.1 ANNÄHERUNG AN DAS PROBLEM
3.2 DEFINITIONEN
3.2.1 praeteritum
3.2.2 praesens
3.2.3 futurum
3.2.4 memoria
3.2.5 anima/ animus
3.2.6 distentio
3.2.7 affectio
3.2.8 intentio
3.3 DIE ENTWICKLUNG DES PROBLEMS
3.3.1 „ Quid est ergo tempus? “
3.3.2 Der Ort der Zeiten
3.3.3 Die Messung der Zeiten
3.3.4 Das Verhältnis der Zeiten zueinander
3.3.5 Begriffsbestimmungen
3.3.6 Zeit und Ewigkeit
3.4 DIE ‘ZUKUNFTSVORSTELLUNG’
3.4.1 Die Zukunft bei Augustin
3.4.1.1 Das Zukünftige analog zum Vergangenen
3.4.1.2 Prophetie
3.4.1.3 Individualzukunft vs. Gesamtzukunft
3.4.1.4 Die ‘Reichweite’ des Zukünftigen
3.4.2 Die Zukunftshaltung in der Spätantike und im frühen Mittelalter
3.4.2.1 Die moderne Zeitauffassung
3.4.2.2 Die antike Zeitauffassung
3.4.2.3 Die Zeitauffassung des Mittelalters
3.5 DIE PRÄDESTINATIONSPROBLEMATIK

4 FAZIT

5 LITERATURVERZEICHNIS
5.1 QUELLEN
5.2 SEKUNDÄRLITERATUR

1 Einleitung

Anliegen der folgenden Arbeit wird es sein, im ersten Teil das Leben des Aurelius Augustinus und im zweiten Teil seine Confessiones, in erster Linie das XI. Buch, darzustellen. Dabei sollen im ersten Teil der Untersuchung insbesondere die philosophischen und theologischen Einflüsse im Lebenslauf des Bischofs von Hippo betrachtet werden. Dieses ist immer von Bedeutung, da die Meinungsbildung während des Lebens stets Niederschlag im Werk eines Menschen findet. So auch hier: Vor allem die Beschäftigung mit Plotins Enneade III,7 (Über Zeit und Ewigkeit) kann als Grundlage für die Auseinandersetzung mit dem Zeitproblem im XI. Buch der Confessiones gesehen werden, wobei natürlich auch nicht vergessen werden darf, daß andere philosophisch-theologische Richtungen - so z. B. der Skeptizismus oder der Manichäismus - eine Rolle spielen.

Im zweiten Teil der Abhandlung soll das Zeitproblem selbst untersucht werden. Zum einen werden dabei die Worte Augustins selbst von Interesse sein, zum anderen werden die daraus resultierenden Fragestellungen nach einer Zukunftsvorstellung des Bischofs und nach dem Verhältnis vom freien Willen des Menschen und der Vorbestimmung in den Mittelpunkt der Arbeit rücken. Gerade bei der Untersuchung der Vorstellung der Zukunft bietet es sich an, vergleichend und ergänzend auch die Zukunftsvorstellung der Menschen der ausgehenden Antike und des Mittelalters zu betrachten, um herauszufinden, inwieweit Augustin als Wendepunkt in der Zeitvorstellung oder als in der Auffassung seiner Periode verhaftet zu sehen ist.

2 Das Leben des Aurelius Augustins und seine theologischphilosophischen Einflüsse

Aurelius Augustinus wurde am 13. November 354 n. Chr.1 in der römischen Municipalstadt Thagaste in der Provinz Numidien, dem heutigen Souk-Ahras in Algerien, geboren. Augustin gehörte, so Sandvoss, „gesellschaftlich zur Schicht des aufstrebenden, gebildeten Kleinbürgertums.“ Er war ein „geselliger Mensch mit vielen Freunden“, verfügte über eine „ungewöhnliche Sensibilität“ und „hielt selbst die Mitte zwischen radikalen Revolutionären und beschaulichen Kleinbürgern, zwischen reich und arm, zwischen afrikanischem Temperament und römischer Disziplin, zwischen ‘süßem Leben’ in einerWohlstandsgesellschaft und christlicher Askese, zwischen den Bedürfnissen des Fleisches und den Ansprüchen des Geistes.“1

Holl bezeichnet Augustin als „verwickelten Charakter“, der nur verstanden werden kann, wenn man „die Gesamtheit der auf ihn wirkenden Antriebe und das Ganze seiner Lebensgestaltung gleichzeitig ins Auge faßt.“2 Aus diesem Grund soll versucht werden, die verschiedenen Einflüsse aufzuzeigen, die das Leben Augustins beeinflußt haben.

2.1 Thagaste - Augustins Kindheit - elterliche Erziehung

Sein Vater Patricius war zuerst Heide, ließ sich später von seiner Frau Monica überreden, Katechumene zu werden und wurde erst kurz vor seinem Tod getauft. Im Gegensatz zu Augustins Mutter, die Wert auf die christliche Erziehung ihres Sohnes legte, beschäftige sich der Vater scheinbar wenig mit religiösen Belangen, steckte aber seine „begrenzten Einkünfte, die ihm, dem bescheidenen Bürger Thagastes, verfügbar waren“3 - er war kleiner Grundbesitzer und Stadtrat (decurio) in dieser Stadt - in die Erziehung und öffentliche Laufbahn seines Sohnes.

Augustins „inneres Leben wird von einer Gestalt beherrscht : von seiner Mutter Monica“4, die auch in den Confessiones, “von Gott abgesehen, die beherrschende Gestalt“ bleibt.5 Sie war überzeugte Christin6 und teilte die ehrgeizigen Pläne ihres Mannes, die die Karriere des gemeinsamen Sohnes betrafen. Der Versuch Augustins, sich vom Einfluß seiner Mutter zu lösen, indem er unerwartet aus Karthago abreiste, scheiterte. Monica reiste ihm nach Mailand nach, suchte für ihn eine geeignete Frau aus und sorgte dafür, daß Augustin eine standesgemäße Ehe schloß. Zusammen mit ihrem Sohn hörte sie die die Predigten des Ambrosius und nahm an Augustins Bekehrung teil.7 Tatsächlich gelang es Augustin nie, sich vom Einfluß Monicas zu befreien, denn „die starke Persönlichkeit seiner Mutter fesselte ihn an den Wurzeln seiner Existenz.“1

2.2 Thagaste, Madaura, Karthago - Schulzeit und Jugend

In Thagaste besuchte Augustin die Elementarschule und wechselte dann zur Grammatikschule in das benachbarte Madaura über. Eingebettet in die römische Kultur war Latein die Muttersprache. Die Lehrer in Madaura waren Heiden und „liebten das Forum mit seinen Götterstatuen ebensosehr wie den Schulhof.“2 Augustin lernte während seines Rhetorikstudiums in Madaura, und auch später in Karthago, nur wenige Werke klassischer lateinischer Autoren kennen. Wahrscheinlich waren dies die - zu seiner Schulzeit üblicherweise unterrichteten - Werke des Cicero, Vergil, Ovid, Horaz, Catull, Terenz und außerdem die Schriften der Historiker Livius und Sallust. Mit Hilfe dieser Autoren wurde ihm gelehrt, seine Ausdrucksfähigkeit den literarischen Vorbildern anzugleichen.3 So bemerkt Augustin in seinem Werk De civitate Dei, daß u. a. Vergil gelesen wurde, damit „der große Dichter, von allen der berühmteste und beste, sich tief in das noch zarte Gemüt einsenke.“4 Die griechische Sprache war Augustin verhaßt.5 Nach einem weiteren Jahr in Madaura an der dortigen Hochschule, mußte Augustin 370 wegen eines finanziellen Engpasses für ein Jahr seine Studien unterbrechen und nach Thagaste in sein Elternhaus zurückkehren.

Über die innere Entwicklung während seiner Schulzeit in Thagaste und Madaura gibt uns Augustin in den ersten beiden Büchern seiner Confessiones Auskunft. Nach dieser Zeit übernahm ein wohlhabender Freund der Familie, Romanianus, die Finanzierung seiner Ausbildung. Augustin begab sich 371 an die Hochschule in Karthago, um dort eine systematische Ausbildung in Rhetorik zu erhalten. In Karthago kam er mit „den vielfältigen Kultformen der heidnischen Götterreligion im Tempelbezirk, dem in Katholiken und Donatisten gespalteten Christentum und mit dem bunten Treiben der römischen Großstadt mit ihren Theatern, Bädern und circensischen Vorführungen“6 in Berührung.

An der Hochschule interessierte und begeisterte sich Augustin vor allem für Cicero (106-43 v.Chr.), den römischen Staatsmann, Redner und Philosophen. Er wurde ihm nicht nur ein rhetorisches Vorbild. Durch die Lektüre des Hortensius im Jahre 373 kam er erstmals mit der Philosophie in Berührung. Er bezeichnete diese Schrift als das „Grundbuch, mit dem jeder Höherstrebende beginnen müsse“7 und Cicero als „den Mann, der zuerst im Abendland die Philosophie begründet und sie sofort zur Vollendung geführt“ habe.8 An seinen eigenen Aussagen und aus seinem späteren Anliegen, die Philosophie mit dem christlichen Glauben in Einklang zu bringen, können wir erkennen, welchen entscheidenden Einfluß das Werk

Ciceros auf sein weiteres Leben genommen hatte. Ferner betont Augustin, daß die Lektüre des Hortensius ihn von seiner „Gier nach Reichtum“1 befreit und Cicero seine „Liebe zur Philosophie“2 geweckt habe. Im dritten Buch der Confessiones bezieht Augustin diesen Einfluß auf Gott, indem er schreibt: „Dies Buch war es, das meinen Sinn umwandelte, auf Dich, Herr, selbst meine Bitten lenkte und meinen Wünschen und Verlangen neuen Inhalt gab.“3 Augustin, der bis zur Aufnahme seines Studiums in Karthago nur Rhetoriker werden wollte4, begann nun nach einer „philosophisch begründeten Weltanschauung“ zu streben.

Augustin beschäftigte sich zunächst mit der Heiligen Schrift, aber „sein literarischer Geschmack wurde durch ihr bescheidenes sprachliches Gewand verletzt“5, so daß er sich von der Bibel enttäuscht wieder abwandte.6 Zunächst schlug er eine Laufbahn als Lehrer für Rhetorik in seiner Heimatstadt Thagaste ein, bevor er dann als Professor für Rhetorik zurück nach Karthago ging. Zu diesem Zeitpunkt erschien ihm „das Christentum der katholischen Kirche [...] als eine Religion der Unbildung, die nicht einmal ihre Anhänger zu einem moralischen Leben befähigt.“7

2.3 Karthago - Manichäismus: 373 - 382

Die philosophische Weltanschauung, nach der er nun strebte, glaubte Augustin am ehesten bei den Manichäern finden zu können, da diese „mit dem Anspruch eines höheren Wissens, das in ästhetischer Form dargeboten wird“8, auftraten..

Die „christliche Sekte“9, wie Holl sie bezeichnet10, entstand im dritten Jahrhundert in Persien. Ihr Begründer, der persische Prophet Mani (216-277) verstand „seine Prophetien als die abschließende Offenbarung für die Religionen des Buddhismus, des persischen Zoroastrismus und des Christentums“11. Der Manichäismus breitete sich von Syrien bis nach Nordarabien, Nordafrika, Palästina, Armenien, dann Rom, Gallien und Spanien aus. Im Westen war er bis ins 6. Jahrhundert hinein präsent, im Osten hielt er sich bis zu den Einfällen der Mongolen im 13. Jhd. und im Fernen Osten, in China und im Tibet vermutlich bis ins 17. Jhd.1

Kern der manichäischen Lehre war der ewige und ursprüngliche Gegensatz von Licht, in dessen Reich der Gott des Lichtes und des Paradieses herrscht, und Finsternis, die ebenfalls von einem Gott beherrscht wird. Das Reich des Lichtes gliederte sich in die fünf Bereiche Vernunft, Denken, Einsicht, Sinnen und Überlegung, während das Reich der Finsternis in die fünf Teile Rauch, Finsternis, Feuer, Wasser und Wind aufgeteilt war. In den Kampf dieser beiden Reiche war auch der Mensch eingebunden. Als Vermittler trat, wie auch in der Lehre des Gnostizismus, ein Urmensch auf, der den Kampf gegen die Finsternis führte. Die Götter des Lichts und der Finsternis standen für das Gute bzw. für das Böse.2 Während des Kampfes drangen Partikel des guten Gottes in den bösen Gott ein. Nun waren die Menschen angehalten, diese Lichtteilchen zu befreien. Durch Askese - die Manichäer praktizierten sexuelle Enthaltsamkeit, aßen kein Fleisch und nur solche Pflanzen, von denen sie glaubten, sie besäßen einen hohen Anteil des zu befreienden Lichtes und tranken keinen Wein - sollten die, durch die Materie des bösen Gottes eingeschlossenen Lichtpartikel des guten Gottes befreit und zurückgeführt werden, denn „die Entmischung war der Sinn der manichäischen Erkenntnis.“3 Der Manichäismus war damit eine Kampfreligion, der sich nun auch Augustin nach der Lektüre des Hortensius - im Alter von zwanzig Jahren - als „Probemitglied“4 anschloß.

Die Merkmale dieser religiösen Richtung, die Augustin besonders angesprochen haben dürften, waren zum einen die Distanzierung des Manichäismus vom Autoritätsglauben des Katholizismus, den auch Augustin in seiner Schrift de beata vita5 noch 386 kritisierte und der Umstand, daß diese religiöse Vereinigung ihre Weltanschauung auf Vernunftgründen stützte. Ferner kritisierte der Manichäismus die biblischen Schriften, besonders des Alten Testamentes, denen auch Augustin zu diesem Zeitpunkt ablehnend gegenüberstand6. Was Augustin bei den Manichäern zu finden hoffte, war eine „Lösung der Frage nach dem Ursprung des Bösen.“1

Während seiner neunjährigen Tätigkeit als Professor für Rhetorik in Karthago blieb er auditor bei den Manichäern, doch langsam erkannte er, daß sie „weder die rationale Erkenntnis überGott und das Böse besaßen, noch die ethische Zucht konsequent durchführten.“2 Die tiefe emotionale Betroffenheit durch den Tod eines guten manichäischen Freundes und das enttäuschende Gespräch mit dem Bischof der Manichäer, Faustus von Mileve, entlarvten ihm die manichäische Weltsicht als Phantasiegespinst. In der Folgezeit beschloß Augustin, nach Rom zu ziehen und starb, dort angekommen, beinahe durch eine fiebrige Krankheit. Einen lockeren Kontakt zu den Manichäern hielt er zwar noch aufrecht, doch wandte er sich nun dem Skeptizismus zu.

2.4 Rom - Skeptizismus: 383

In Rom orientierte sich Augustin an der Skepsis der Neueren Akademie, auch wenn die Hinwendung zu dieser philosophischen Richtung seiner Wesensart nicht entsprochen haben dürfte. Denn Augustin, so betont Holl, habe immer an seinem Gottesglauben und an seiner Überzeugung, daß eine bestimmte Vorsehung ihn leiten würde, festgehalten.3 Vom Manichäismus zunehmend enttäuscht, zweifelte er nun allgemein an der Möglichkeit der Wahrheitserkenntnis.

Die philosophische Richtung des Skeptizismus wurde von Arkesilaos (ca. 316/18-241 v.Chr.) in die Akademie eingeführt. Durch Anlehnung des Skeptizismus an die sokratisch- platonischen Lehren sahen sich die orthodoxen Platonschüler genötigt, sich von den Skeptikern abzugrenzen und bezeichneten sich als Platoniker. Augustin allerdings bezeichnete alle Skeptiker als Akademiker und verstand den Skeptizismus so, wie er von Cicero gesehen wurde.1 Ihren Ursprung hatten die skeptischen Ansichten der Neuen Akademie in den Lehren des griechischen Logikers Karneades (213-129 v.Chr.) gegen die Stoiker, aus dem zweiten Jahrhundert v. Chr. Die Stoiker behaupteten, der Mensch könne die Natur, der ihn umgebenden Welt genau erkennen und sei daher fähig, aufgrund seines Wissens, weise Entscheidungen zu treffen. Die Skeptiker hingegen verneinten die Ansicht der Stoiker, daß das Wissen so einfach zu erlangen sei. Cicero, mit den Skeptikern einer Ansicht, empfahl, sich keiner einzelnen Meinung anzuschließen und ein Urteil über die Dinge der Welt vielmehr immer in der Schwebe zu lassen.

Der Skeptizismus, dem Augustin sich anschloß, lehrte, daß die Möglichkeit des Wissens grundsätzlich bezweifelt werden müsse, da zu viele Faktoren, die man weder ausschließen noch überprüfen könne, zu falschen Schlüssen führen würden. Da man nicht(s) „wissen“könne, müsse man alle Alltagsentscheidungen nach einem Wahrscheinlichkeitsprinzip treffen. Der Skeptiker enthielt sich jeder positiven Aussage über wahr oder falsch und sah den Sinn seines Lebens allein in der permanenten Suche.2

Ob Augustin von den Lehren der Skeptiker bzw. Akademiker überzeugt war, bleibt zweifelhaft. Vielmehr muß man den Skeptizismus als „theoretischen Rahmen“ sehen, „der seiner Intellektualität und ästhetischen Sensibilität entsprach und seine geistigen, sittlichen und religiösen Schwierigkeiten abdeckte.“3

2.5 Mailand - Neuplatonismus - Ambrosius: 384 - 386

Als die Hochschule in Mailand einen neuen Lehrer für Rhetorik suchte, wählte der Stadtpräfekt von Rom, Symmachus, dem die Besetzung dieses Postens oblag, Augustin für diese Aufgabe aus.

In Mailand residierte zu dieser Zeit der kaiserlich-römische Hof und der Lehrer der Rhetorik mußte zu Ehren des Kaisers und des Konsuls öffentliche Reden halten. Am Hof hielten sich zahlreiche Philosophen und Künstler auf, die sich mit der platonischen Philosophie beschäftigten.

Augustin, von Rom ebenfalls enttäuscht, begegnete hier dem Denker und Prediger Ambrosius (ca. 340-397), der sich ausgiebig mit den Werken Ciceros und Plotins beschäftigt und seinen Glauben platonisch gedeutet hatte. Später wird er mit Mailand besonders diese Begegnung mit Ambrosius verbinden.4

Der vierzehn Jahre ältere Ambrosius war seit elf Jahren Bischof von Mailand. Als Sohn eines Verwaltungsbeamten lebte er als Provinzkonsular in Mailand, als die katholische Bevölkerung dieser Stadt ihn zu ihren Bischof wählte. 386 erbaute Ambrosius, gegen den erbitterten Widerstand der arianischen Kaiserin-Mutter, die von Ambrosius eine Übereignung des kirchlichen Besitzes an den kaiserlichen Hof gefordert hatte, seine „Basilica Ambrosiana“, die er mit den Reliquien des heiligen Gervasius und des Protasius ausstattete. Er gehörte zu den „eindrucksvollsten Repräsentanten der römischen Führungsschicht seiner Zeit.“5

Zuerst hatte die Redegewandtheit des Ambrosius großen Eindruck auf den Rhetoriker Augustin gemacht1, doch schließlich regten ihn die Inhalte seiner Predigten zum Nachdenken an. Durch Ambrosius geleitet, begann er die unklaren Stellen des Alten Testamentes zu verstehen. Der platonischen Zweistufenlehre folgend lernte Augustin den Unterschied zwischen sinnlicher Form und geistigem Gehalt in der christlichen Wahrheit zu erkennen. Die Vorwürfe der Manichäer gegenüber dem Alten Testament erwiesen sich für ihn nun als absolut unbegründet. Das platonisch interpretierte Christentum bot „dem skeptisch Schwankenden einen sicheren Boden der Erkenntnis.“2

Er beschloß, Katechume, d.h. Taufanwärter zu werden, und las in dieser Zeit die Werke der Neuplatoniker3, die durch Aufnahme verschiedener antiker Philosophien dem Platonismus eine neue Gestalt gaben. Besonders die Schriften des Plotin und des Porphyrios scheinen ihn beeindruckt zu haben.

Plotin (204-270), ein in Ägypten geborener Grieche, lehrte in Rom und hatte die Angewohnheit, von seinen Vorlesungsplänen über philosophische Systeme immer wieder abzuweichen, um einzelne Aspekte und Probleme oft tagelang auszudiskutieren. Anders war dagegen Porphyrios (233-301), Grieche aus Tyrus und Schüler Plotins, der wohl unzweifelhaft ein unsteter Mensch gewesen war, aber dafür ein sorgfältige akademische Ausbildung genossen hatte. Er gestaltete aus den Schriften Platons und Plotins ein zusammenhängendes System mit stark religiösen und überweltlichen Komponenten und kann als erster systematischer Theologe bezeichnet werden. Die Werke dieser beiden Philosophen waren Augustin, der der griechischen Sprache nicht mächtig war, in der lateinischen Übersetzung des afrikanischen Rhetoriklehrers Marius Victorinus zugänglich.4

Plotin, dem es um eine „prinzipielle Vereinigung von Platonismus und Aristotelismus“5 ging, lehrte Augustin die „Dreigliederung der Wirklichkeit in die Bereiche des Sinnlichen, des Intelligiblen und des einen Urprinzips“, gab ihm erste Ansätze für ein „Zeitverständnis im Sinne der bewegten Innerlichkeit“ vor und lehrte ihn „die Stufenordnung der Wirklichkeit und die Interpretation des Bösen als Seinsmangel“.6

[...]


1 alle weiteren Jahresangaben beziehen sich auf die Zeit nach Christi Geburt, sofern nicht explizit auf die Zeit vor der Jahrtausendwende hingewiesen wird.

1 Sandvoss, Aurelius Augustinus, S.28

2 Holl, Kirchengeschichte, S.54

3 Aug., Conf., II 3,5

4 Brown, Augustinus von Hippo, S.24

5 Sandvoss, Aurelius Augustinus, S.24

6 vgl. Aug., Conf., I 11,17

7 vgl. Schöpf, Augustinus, S.22

1 Sandvoss, Aurelius Augustinus, S.28

2 Aug., Ep. 17,2

3 vgl. Schöpf, Augustinus, S.23

4 Aug., de civ. Dei I,3

5 Aug., Conf., I 13,20

6 Schöpf, Augustinus, S.23

7 Aug., c. Acad., I,3

8 Aug., c. Acad., I,8

1 Aug., sol., I 17

2 Aug., de b. vita 4

3 Aug., Conf., III 4,7

4 vgl. Aug., Conf., III 4,7

5 Schöpf, Augustinus, S.24

6 vgl. Aug., Conf., III 5,9

7 Mühlenberg, Epochen der Kirchengeschichte, S.95

8 Schöpf, Augustinus, S.24

9 Holl, Kirchengeschichte, S.56

10 kontrovers dageg. Walsh, Christen und Caesaren, S.136, für den der Manichäismus „strenggenommen keine christliche Sekte war“, der aber einräumt, daß er „viele[n] im 3. und frühen 4. Jhd. dafür gehalten wurde.“

11 Jacobs, Christentum in der antiken Welt, S.156

1 vgl. Walsh, Christen und Caesaren, S.135

2 vgl. Jacobs, Christentum in der antiken Welt, S.157

3 Jacobs, Christentum in der antiken Welt, S.157

4 Mühlenberg, Epochen der Kirchengeschichte, S. 95

5 Aug., de b. vita, 4

6 vgl. Aug., c. Secund. Man., 896, 21 ff.

1 Walsh, Christen und Caesaren, S.136

2 Mühlenberg, Epochen der Kirchengeschichte, S.95

3 Holl, Kirchengeschichte, S.59

1 zu Ciceros Verständnis vom Skeptizismus vgl. Schöpf, Augustinus, S.27

2 vgl. Schöpf, Augustinus, S.27

3 Schöpf, Augustinus, S.27

4 vgl. Aug., Conf., V 13,23

5 Brown, Augustinus von Hippo, S.67

1 vgl. Aug., Conf., V 13, 23

2 Schöpf, Augustinus, S.29

3 vgl. Aug., c. Acad., III 41

4 vgl. Brown, Augustinus von Hippo, S.76f.

5 Flasch, Augustin, S.12

6 Schöpf, Augustinus, S.30

Ende der Leseprobe aus 35 Seiten

Details

Titel
Die Zeitproblematik im XI. Buch der 'Confessiones' von Aurelius Augustinus
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum  (Historisches Institut)
Veranstaltung
Die Entdeckung der Zukunft
Note
2,5
Autor
Jahr
1998
Seiten
35
Katalognummer
V84550
ISBN (eBook)
9783638008471
ISBN (Buch)
9783638914314
Dateigröße
637 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Zeitproblematik, Buch, Confessiones, Aurelius, Augustinus, Entdeckung, Zukunft
Arbeit zitieren
Jochen O. Ley (Autor), 1998, Die Zeitproblematik im XI. Buch der 'Confessiones' von Aurelius Augustinus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/84550

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