Zur Problematik der statistischen Armutsmessung


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007
15 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Die Problematik einer vollständigen Definition von Armut

2 Die Problematik der Festsetzung einer Armutsgrenze

3.Die Problematik einer konkreten Armutsmessung

Fazit

Literatur

Einleitung

Die folgende Arbeit beschäftigt sich mit der Problematik einer statistischen Messung von Armut, einem Prozess, dessen methodische Vorgehensweise in der empirischen Forschung bisher noch keinen Konsens gefunden hat. Kann eine vollständige Definition des Gegenstandes „Armut“ noch relativ leicht in allgemeiner Anerkennung geleistet werden, so sind spätestens mit der Fixierung einer Armutsgrenze und der konkreten Messung über Armutsmaße Konzessionen nötig, die nicht frei von normativen Setzungen der Forscher sein können. Je nachdem, was man unter Armut versteht und wie man ihre Operationalisierung betreibt, können die unterschiedlichsten Resultate erreicht werden. Bspw. kann dadurch die wohlfahrtsökonomische Bewertung einer Gesellschaft gravierend beeinflusst werden, denn “poverty may […] be defined as lack of welfare” (Hagenaars/van Praag 1985: 140). In dieser Abhandlung kann natürlich keine ausführliche Darstellung der gesamten Problematik einer statistischen Armutsmessung geleistet, noch eine endgültige Lösung für die empirische Bestimmung und Messung von Armut angeboten werden. Vielmehr wird versucht, die bisherige Forschung dahingehend kritisch zu hinterfragen, inwiefern sie Vergleiche von Politikmaßnahmen in ihrer Wirkung auf Armut ermöglichen konnte, denn „[a]n der Armutsrate lässt sich […] der Bevölkerungsanteil ablesen, der nicht über die materiellen Voraussetzungen verfügt, um die Freiheitsrechte einer Gesellschaft effektiv in Anspruch nehmen zu können“ (Holtmann et al. 2007: 119). Dabei muss man der statistischen Routine folgen und zunächst per definitionem den zu untersuchenden Gegenstand bestimmen. Im zweiten Kapitel werden Probleme bei der Fixierung einer konkreten Armutsgrenze diskutiert, wobei die diesbezügliche Hauptfrage darauf gerichtet wird, inwiefern das (oftmals in der Forschung verwendete) Einkommen überhaupt ein hinreichender Indikator für Armut ist. Zuletzt sollen die Schwierigkeiten bei der Auswahl eines konkreten Armutsmaßes thematisiert werden und ob sich mit dessen Hilfe Aussagen über Ausmaß und Intensität wohlfahrtsökonomischer Handlungen rechtfertigen lassen.

1 Die Problematik einer vollständigen Definition von Armut

Der erste Schritt für eine angemessene statistische Armutsmessung ist die Definition des Untersuchungsgegenstandes, eine keineswegs leichte Aufgabe, entzieht sich der Begriff doch größtenteils einer in der Forschung allgemein anerkannten Bestimmung. Klar ist, dass jede Definition Ausdruck eines normativen Werturteils ist und sich letztendlich einer Klassifikation in „wahr“ oder „falsch“ entzieht. Mithin gilt weiterhin, was Mollie Orshansky bereits 1969 bemerkte: „Poverty, like beauty, lies in the eye of the beholder“ (1969: 37). Ziel der statistischen Armutsmessung sollte zunächst aber sein, sich auf eine gemeinsame Begriffsbestimmung einzulassen, um die Ergebnisse der Forschung auch vergleichbar zu machen. In diesem Kapitel soll daher auf die wichtigsten Problematiken bezüglich einer vollständigen Armutsdefinition eingegangen und anschließend ein Definitionsvorschlag unterbreitet werden.

Als erster Schritt zu einer angemessenen wissenschaftlichen Definition von Armut müssen die Begriffe Existenz- und Sozialnot unterschieden werden. Grenzt man Armut nämlich zunächst allgemein als einen Mangel ein, so wird schnell deutlich, dass sich dieser Mangel für die davon Betroffenen in den jeweiligen zu vergleichenden Gesellschaften in sehr verschiedenen Dimensionen vollzieht. Er kann sich einerseits physisch im nackten Überlebenskampf (= Existenznot oder absolute Armut) oder/und andererseits als soziale Minderstellung gegenüber denen zeigen, die über mehr verfügen oder mehr besitzen (= Sozialnot oder relative Armut) (vgl. Krämer 1997: 5). Ist die reine Existenznot auch richtigerweise als gravierender anzusehen, in den „modernen Gesellschaften“ (im Gegensatz zu den so genannten „Entwicklungs- und Schwellenländern“) glücklicherweise aber abnehmend, so ist auch die soziale Armut weit davon entfernt, keine wirkliche Not zu sein, denn objektiv und subjektiv wird sie von den Betroffenen als empfindlicher Ausschluss aus dem sozialen Leben gewertet werden. Die Wichtigkeit der Unterscheidung der Begrifflichkeiten, die beide auf den Mangel an Ressourcen anspielen, ist nicht nur bedeutend für ein tieferes Verständnis von Armut. Sie kann auch für die konkrete Armutsmessung nicht überschätzt werden, auch wenn darauf hinzuweisen ist, dass insbesondere dieser Sozialnot eine Charakterisierung nach Werturteilen anhaftet, die schwierig zu messen ist. Die ökonomische Armut hingegen kann bspw. über die Festlegung eines bestimmten Wertes durch die Weltbank empirisch eindeutig überprüft und gemessen werden. Betrachtet man Armut als Sozialnot, so müssen bei einer angemessenen Definition zudem die Lebenslagen der betroffenen Person berücksichtigt werden. Diese sind durch (Handlungs-)Spielräume (bspw. Arbeit, Bildung, Gesundheit, Alter etc.) bestimmt, wobei hier als arm verstanden wird, wer bezüglich dieser Spielräume unter dem Minimalstandard liegt (vgl. Hradil 2004: 220).

Als zweiter Schritt muss Armut wissenschaftlich von Ungleichheit[1] unterschieden werden, denn „[t]he fact that some people have a lower standard of living than others is certainly proof of inequality, but by itself it cannot be a proof of poverty unless we know something more about the standard of living that these people do in fact enjoy” (Sen 1983: 159). Zwar ist nicht von der Hand zu weisen, dass (ökonomische oder/und soziale) Ungleichheit Armut bedingen und die Verringerung der Ungleichheit auch die Armut mildern kann, doch wäre eine Gruppe von Armen nach diesem Denkmuster nicht arm, so lange alle gleichermaßen nichts besitzen.

Um abschließend eine mögliche Definition von Armut zu geben, die für diese Arbeit zu Grunde gelegt werden soll, sei hier auf die Begriffsbestimmung von Ulrich Scheurle verwiesen, die alle angesprochenen Facetten von Armut einschließt: „Armut bedeutet stets, daß ein in bestimmter Weise fixiertes Minimum an Bedürfnisbefriedigung bzw. an Mitteln zur Bedürfnisbefriedigung – also eine Armutsgrenze – nicht erreicht wird. Die Bestimmung dieses Mindestmaßes orientiert sich an bestimmten Vorstellungen vom Menschen als Individuum und als gesellschaftliches Wesen; die natürlichen, gesellschaftlichen und ökonomischen Rahmenbedingungen des menschlichen Daseins sind dabei zu berücksichtigen.“ (Scheurle 1996: 5)

2 Die Problematik der Festsetzung einer Armutsgrenze

Die im Kapitel 1 kurz behandelten Probleme und Versuche einer Definition haben gezeigt, dass Armut mehr beinhaltet als „nur“ materielle Aspekte. Vielmehr dürfen auch die immateriellen Charakteristika nicht vergessen werden, da diese insbesondere in „modernen“ Gesellschaften den Armutsbegriff bestimmen. Die adäquate Umsetzung eines Lebenslagenkonzepts, das die alles berücksichtigende Messung (auch) von Sozialnot in der Sozialforschung fordern muss, ist daher geboten, in der Praxis jedoch äußerst schwierig, ja angesichts einer immer komplizierter werdenden gesellschaftlichen Entwicklung beinahe unmöglich umzusetzen (vgl. Hradil 2004: 221). Dennoch hat es in der bisherigen Forschung verschiedene Ansätze gegeben, diesem hohen Anspruch gerecht zu werden. Dabei muss für eine statistische Erfassung der (in Kapitel 1) zu Grunde gelegte Armutsbegriff zunächst inhaltlich präzisiert und statistisch operationalisiert werden. Dies erfordert als zweiten Schritt nach der Definition die Bestimmung einer Armutsgrenze (= Identifikation von Armut). Über diese soll festgelegt werden, welche Personen oder Personengruppen als arm zu identifizieren sind, eine Problematik, mit der sich der folgende Abschnitt befassen wird.

[...]


[1] „Soziale Ungleichheit liegt dann vor, wenn Menschen aufgrund ihrer Stellung in sozialen Beziehungsgefügen von den wertvollen Gütern einer Gesellschaft regelmäßig mehr als andere erhalten.“ (Hradil 2001: 30).

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Zur Problematik der statistischen Armutsmessung
Hochschule
Universität Potsdam
Note
2,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
15
Katalognummer
V85382
ISBN (eBook)
9783638012898
ISBN (Buch)
9783656542445
Dateigröße
416 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Problematik, Armutsmessung, Statistik
Arbeit zitieren
Dominik Jesse (Autor), 2007, Zur Problematik der statistischen Armutsmessung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/85382

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