Finanzanalysten versorgen die Investoren am Kapitalmarkt mit Informationen in Form von Research Reports, in denen sie ihre gesammelten Informationen über ein Unter-nehmen veröffentlichen und Handelsempfehlungen und Gewinnprognosen für die betreffenden Aktien abgeben.
Die Tätigkeit von Finanzanalysten ist in Verruf geraten, seit dem Börsenabsturz und der Aufdeckung der Investmentbankskandale in den USA, die zu einer Strafzahlung von zehn renommierten Wall-Street Investmentbanken im Rahmen des Global Settlement führten.
Insbesondere wird den Analysten vorgeworfen, aufgrund von Interessenkonflikten zu optimistische (geschönte) Empfehlungen und Gewinnprognosen, die sich nicht mit den fundamentalen Informationen vereinbaren lassen, abgegeben zu haben.
Im Kapitel 1 dieser Arbeit werden allgemein die Anforderungen an rationale Prognosen vorgestellt. Gleichzeitig wird, konträr zur neoklassischen Kapitalmarkttheorie, die Behavioral Finance Theorie skizziert.
Kapitel 2 dieser Arbeit untersucht das institutionelle Umfeld der Analysten und die daraus entstehenden Interessenkonflikte.
Der Prozess, wie Analysten zu ihren Prognosen und Empfehlungen kommen, kann in drei Prozessschritte eingeteilt werden: Informationssuche, Informationsverarbeitung, Informationsweitergabe (Abgabe der Handelsempfehlung) . In dieser Arbeit schließt sich die Reihenfolge der weiteren Kapitel (Kapitel 3,4, und 5) diesem Prozess an.
Aufgrund der exponierten Stellung der Gewinnprognosen für die Bewertung von Unternehmen und bei Investoren, werden die Ergebnisse empirischer Studien über die Rationalität der Gewinnprognosen aufgeführt und anschließend mögliche Gründe für das Abweichen der Gewinnprognosen von der Rationalität in Kapitel 4 aufgeführt. Es erfolgt keine Betrachtung der Vor- und Nachteile der verwendeten Bewertungsmodelle der Analysten sondern nur eine deskriptive Aufzählung.
in Kapitel 5 die Abgabe der Handelsempfehlung analysiert. Für Empfehlungen und Aktienkursziele erfolgt der Versuch, bestimmte Modelle zu identifizieren, die diese erklären, und festzustellen, inwieweit Analysten ihre Gewinnprognosen zur Bewertung verwenden. Im Rahmen der Diplomarbeit wird nicht darauf eingegangen, ob mit den Empfehlungen oder Aktienkurszielen eine Überrendite erwirtschaftet werden kann, sondern es wird der Informationsgehalt dieser überprüft.
Inhaltsverzeichnis
1 Rationale Anforderungen an Prognosen
1.1 Rationale Erwartungen
1.2 Erwartungsnutzentheorie
1.3 Behavioral Finance
1.3.1 Repräsentativheuristik
1.3.2 Ankerheuristik
1.3.3 Overconfidence Bias
2 Finanzanalysten und ihr institutionelles Umfeld
2.1 Aufgaben der Finanzanalysten unter der Annahme einer halbstrengen Informationseffizienz
2.2 Klassifizierung der Analysten
2.3 Methoden der Aktienanalyse
2.3.1 Technische Analyse
2.3.2 Fundamentalanalyse
2.4 Empfehlungssysteme
2.5 Beobachtbare Empfehlungspraxis
2.6 Analysten Coverage
2.7 Vergütung der Analystentätigkeiten
2.8 Interessenkonflikte von Analysten
2.8.1 Generierung von Provision
2.8.2 Abhängigkeit vom Management
2.8.3 Aufbau von Reputation
3 Informationsaufnahme
3.1 Bisherige Forschungsmethodik
3.1.1 Fragebogen
3.1.2 Beobachtungen (Verbalprotokolle)
3.1.3 Vorgenommene Abgrenzungen früherer Untersuchungen
3.2 Informationsquellen der Analysten und deren Relevanz für die Bewertung
3.2.1 Geschäftsbericht
3.2.2 Investor Relations
3.2.3 Nicht-finanzielle Kennzahlen (operative)
3.2.4 Börsenmarktlage
3.2.5 Volkswirtschaftliche Größen und Brancheninformationen
4 Informationsverarbeitung
4.1 Inhaltsanalyse von Analystenreports
4.2 Ergebnisse der Inhaltsanalysen von Analystenreports
4.3 Verwendete Modelle und deren Inputgrößen
4.4 Rationalität der Gewinnprognosen
4.4.1 Prüfung auf Unverzerrtheit
4.4.2 Prüfung der Effizienz von Gewinnprognosen
4.4.3 Ergebnisse ausgewählter Studien
4.4.4 Kritik an den Studienergebnissen
4.5 Erklärungen für das Abweichen von rationalen Prognosen
4.5.1 Interessenkonflikte
4.5.2 Kommunikationsstörung
4.6 Behavioristische Erklärungsansätze
4.6.1 Repräsentativitätsheuristik
4.6.2 Ankerheuristik
4.6.3 Overconfidence Bias
5 Abgabe der Handelsempfehlung
5.1 Welches Modell erklärt die Empfehlung?
5.2 Prognosequalität der Empfehlung
5.3 Welches Modell erklärt die Aktienkursziele?
5.4 Informationsgehalt von Aktienkurszielen
5.5 Qualität der Kursziele
6 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht den Entscheidungsprozess von Aktienanalysten bei der Erstellung von Handelsempfehlungen und Gewinnprognosen unter Berücksichtigung von Interessenkonflikten und behavioristischen Einflüssen. Dabei steht die Forschungsfrage im Mittelpunkt, ob Analystenprognosen rational sind und welche Faktoren deren Qualität sowie den Informationsgehalt am Kapitalmarkt bestimmen.
- Analyse rationaler Anforderungen an Prognosen und behavioral-ökonomischer Aspekte
- Untersuchung des institutionellen Umfelds und der Anreizstrukturen von Analysten
- Bewertung der Informationsaufnahme und -verarbeitung im Aktien Research
- Kritische Würdigung der Prognosequalität und der Rolle von Interessenkonflikten
Auszug aus dem Buch
1.1 Rationale Erwartungen
Es existiert kein natürliches Prüfkriterium für die Gewinnprognosen, weil anhand des Ausmaßes des Prognosefehlers keine Schlussfolgerung auf die Rationalität möglich ist. In den empirischen Arbeiten wird auf das Konzept der rationalen Erwartungen von MUTH zurückgegriffen, um die Güte von Gewinnprognosen zu bestimmen. Das Konzept wurde anhand von Preiserwartungen vorgestellt, erhielt aber nach der Veröffentlichung wenig Aufmerksamkeit. Erst als 1970 LUCAS das Konzept auf die Makroökonomie ausweitete und damit die neoklassische Makroökonomie mitbegründete, wurde das Konzept zum Standardparadigma, aus dem viele andere Theorien hervorgehen.
Die zentrale Aussage des Konzeptes ist, dass Erwartungen, die fundierte Prognosen darstellen, im Prinzip den Aussagen von ökonomischen Theorien gleichen. Diese Hypothese präzisiert MUTH noch, indem er anführt, dass die subjektive Wahrscheinlichkeitsverteilung für die Realisation der Variablen gleich der aus den verfügbaren Informationen bedingten tatsächlichen Verteilung dieser Variablen ist.
Der Hypothese unterliegt die Annahme, dass ökonomische Variablen durch einen systematischen Prozess gebildet werden. Die Wirtschaftssubjekte erlernen die objektive Wahrscheinlichkeitsverteilung der möglichen Realisationen der ökonomischen Variablen. Unter Beachtung der relevanten wirtschaftlichen Strukturbeziehungen und der objektiven Wahrscheinlichkeitsverteilung bilden sie ihre Prognosen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Rationale Anforderungen an Prognosen: Dieses Kapitel erläutert die theoretischen Grundlagen rationaler Erwartungen sowie konträre Ansätze der Behavioral Finance Theorie.
2 Finanzanalysten und ihr institutionelles Umfeld: Hier werden das institutionelle Umfeld, die Aufgaben, Methoden sowie die Interessenkonflikte von Finanzanalysten beschrieben.
3 Informationsaufnahme: Dieses Kapitel analysiert die empirische Forschungsmethodik zur Informationsbeschaffung und die verschiedenen relevanten Informationsquellen für Analysten.
4 Informationsverarbeitung: Der Abschnitt befasst sich mit der Inhaltsanalyse von Analystenreports, den verwendeten Bewertungsmodellen sowie der Rationalitätsprüfung von Gewinnprognosen.
5 Abgabe der Handelsempfehlung: Hier wird untersucht, welche Modelle Empfehlungen erklären und wie der Informationsgehalt von Aktienkurszielen zu bewerten ist.
6 Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse hinsichtlich der Interessenkonflikte und der Rationalität von Analystenprognosen zusammen.
Schlüsselwörter
Aktienanalysten, Gewinnprognosen, Handelsempfehlungen, Rationale Erwartungen, Behavioral Finance, Informationseffizienz, Interessenkonflikte, Fundamentalanalyse, Prognosequalität, Kapitalmarkt, Investor Relations, Aktienkursziele, Institutionelle Anleger, Agency Theorie, Reputationsaufbau.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert den Entscheidungsprozess von Finanzanalysten, insbesondere wie sie Informationen aufnehmen, verarbeiten und in Prognosen sowie Empfehlungen umwandeln.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die Rationalität von Prognosen, die Auswirkungen von Interessenkonflikten (z.B. Investmentbanking) sowie behavioristische Einflüsse wie Heuristiken.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, die Rationalität von Gewinnprognosen zu prüfen und zu verstehen, warum Analysten von rationalen Modellen abweichen, etwa durch strategisches Verhalten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt einen deskriptiven Ansatz und stützt sich auf eine umfassende Auswertung empirischer Studien zur Informationsverarbeitung und zum Analystenverhalten.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt den gesamten Analystenprozess: von der Informationsbeschaffung über die Inhaltsanalyse von Reports bis hin zur Prüfung der Prognosequalität und der Erklärungsansätze für Abweichungen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Finanzanalysten, Informationseffizienz, Behavioral Finance, Interessenkonflikte und Gewinnprognosen.
Wie beeinflussen Interessenkonflikte die Arbeit der Analysten?
Interessenkonflikte, wie die Abhängigkeit vom Management oder Provisionserwartungen aus dem Investmentbanking, führen häufig zu einer optimistischen Verzerrung der Prognosen und Empfehlungen.
Inwieweit spielt die Behavioral Finance Theorie eine Rolle?
Die Behavioral Finance Theorie dient dazu, systematische Abweichungen von rationalem Verhalten durch psychologische Heuristiken wie den Overconfidence Bias oder die Ankerheuristik zu erklären.
- Arbeit zitieren
- Diplom Kaufmann Roland Bindig (Autor:in), 2006, Handelsempfehlungen von Aktienanalysten , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/85607