Die Auffassung von Großzügigkeit und Geiz in der arabischen Welt

Exemplifiziert an der arabischen Gastfreundschaft


Hausarbeit, 2007

16 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Zur Historie von Großzügigkeit, Geiz und Gastfreundschaft im arabischen Kulturraum
2.1. Historische Ansätze in vorislamischer Zeit
2.2. Die Behandlung von Großzügigkeit und Geiz im Koran

3. Über die arabische Gastfreundschaft

4. Ablauf und Verhaltenskodex bei Einladungen
4.1. Besonderheiten von Besuchen bei arabischen Gastgebern
4.2. Eigenheiten beim Essen

5. Kulturspezifische Besonderheiten und mögliche Missverständnisse in der interkulturellen Kommunikation

6. Zusammenfassung

7. Literaturverzeichnis

8. Anhang: Ausgewähltes arabisches Vokabular zum Höflichkeitsaustausch

1. Einleitung

In der heutigen globalisierten Welt gewinnt interkulturelle Kompetenz mehr und mehr an Bedeutung. Die Kulturen vermischen sich. Unternehmen expandieren in alle Teile der Erde. Es entsteht ein neue Dimension von Nomadentum, indem Menschen aus privaten, politischen, sozialen wie auch beruflichen Gründen in andere Länder umsiedeln. Diese Entwicklung stellt neue Herausforderungen an die modernen Gesellschaften. Um eine erfolgreiche Kommunikation zwischen den verschiedenen Kulturkreisen und Ländern im Allgemeinen und den Menschen unterschiedlicher Herkunft, Weltanschauung und Religion im Besonderen zu gewährleisten, bedarf es zunehmend interkultureller Kompetenz. Darunter ist die Fähigkeit zu verstehen, die kulturellen Spezifika fremder Kulturen zu erfassen, zu begreifen und zu verinnerlichen und so einen beiderseitig zufrieden stellenden Umgang miteinander pflegen zu können. Dazu gehören nicht nur Konzepte wie Wahrnehmung, Denken und Handeln, sondern auch das Wissen über die jeweiligen geographischen, historischen, gesellschaftlichen, politischen, moralischen, ethischen und religiösen Hintergründe der betreffenden Regionen.

Besonders in Bezug auf eine erfolgreiche Kommunikation zwischen Deutschen und Angehörigen des arabischen Kulturraumes ist es notwendig, bestehende Unterschiede zu erkennen.

Ziel der vorliegenden Seminararbeit ist es – vor dem Hintergrund der interkulturellen Kompetenz – die Auffassung von Großzügigkeit und Geiz am Beispiel der arabischen Gastfreundschaft näher zu beleuchten.

Zunächst soll ein Überblick über die Historie gegeben werden, dem sich eine genauere Betrachtung der „Gastfreundschaft“ anschließt. Es folgen praxisorientierte Überlegungen zum Themenkreis „Einladungen“ und den dazugehörigen Besonderheiten und Verhaltensweisen. Abschließend werden einige mögliche Probleme in der Kommunikation zwischen Deutschen und Arabern veranschaulicht.

Die Arbeit stützt sich dabei besonders auf die Veröffentlichungen von Peter Heine, Abdelaziz Bouchara und Kirstin Kabasci (vgl. Literaturverzeichnis).

2. Zur Historie von Großzügigkeit, Geiz und Gastfreundschaft im arabischen Kulturraum

Gutes Benehmen, Höflichkeit und Respekt, sowie deren unmittelbare Ausprägung in Form der Gastfreundschaft, haben im arabischen Raum eine lange Tradition. Schon in vorislamischer Zeit waren diese Tugenden tief in den Beduinengesellschaften verwurzelt. Der Koran, der als Hauptquelle des religiösen Gesetzes dient, nahm Anfang des siebten Jahrhunderts n. Chr. diese vorislamischen Normen auf und versah sie mit religiöser Autorität.

2.1 Historische Ansätze in vorislamischer Zeit

In vorislamischer Zeit existieren zwei Bevölkerungsgruppen, die sich in ihrer Lebensweise und wirtschaftlichen Betätigung deutlich voneinander unterschieden: einerseits die Ackerbauer und Städter, andererseits die Nomaden resp. Beduinen (von arab. بدوي badawī „nicht sesshaft“).

Die Domestizierung des Kamels um 1100. v. Chr. ermöglichte den Nomaden Arabiens ein ganzjähriges Leben in der Wüste. Das Kamel fungierte als Lastenträger und Reittier, aus dessen Haar auch Zelte und Decken gefertigt wurden. Unter den Beduinen entstand eine auf dem Besitz dieser Tiere beruhende Hierarchie. Das patriarchalische Stammessystem der Beduinen lieferte seinen Mitgliedern Schutz, indem der Stamm die Verantwortung für den Einzelnen übernahm. Der Beduine ist ursprünglich als Individualist geboren, doch hängt er stark von seiner Sippe resp. seinem Clan ab. Die Verbannung aus der Sippe ist gleichbedeutend mit Tod oder Versklavung. Die Wüstengebiete wurden streng durch die jeweiligen Stämme kontrolliert. Wer ein fremdes Gebiet betrat, lief Gefahr, ausgeraubt oder getötet zu werden – sofern er nicht das Gastrecht einer Sippe resp. eines Stammes besaß. Die existentiell wichtigste Aufgabe war es, die Einheit des Stammes zu bewahren, der zudem stark auf Gleichheit ausgerichtet war. Die Oberhäupter besaßen keinerlei besondere Rechte. Alle materiellen Güter eines Stammesmitglieds kamen der gesamten Sippe und den Bedürftigen zu.[1]

Als höchste menschliche Tugenden galten bei den Beduinen Loyalität, Mut und Großzügigkeit. Peter Heine[2] unterscheidet die Menschen der Arabischen Halbinsel zu jener Zeit in Verwandte, Feinde und Gastfreunde.

Damals galt es als vornehme Pflicht, einen Reisenden aufzunehmen und für ihn – wenn nötig – sogar sein Letztes zu geben, selbst wenn es sich dabei um das lebenswichtige Kamel handelte[3]. Dass diese Norm bei allen Stämmen anerkannt war, zeugt von der Notwendigkeit dieser ehernen Regel in der Wüste. Kam ein Stammesmitglied in einem fremden Gebiet in Not, so fand er zumeist bei einem anderen Clan Zuflucht. Folglich half er auch umgekehrt. Diese Gegenseitigkeit sicherte das Überleben in der Wüste. Es war üblich, den Reisenden erst nach drei Tagen nach seinem Weg und seinen weiteren Absichten zu fragen. Dieses Gebot hielt sich bis heute und ist auch in einem Hadith[4] niedergeschrieben:

من كان يومن بالله واليوم الآخر فليكرم ضيفه جانزته قالوا: وما جانزته ؟

قال: يومه وليلته, والضيافة ثلاثة أيام, فما كان وراء ذلك فهو صدقة.[5]

Die Übersetzung dazu lautet:

[Ich hörte den Gesandten Allahs folgendes sagen:] „Wer an Allah und den Jüngsten Tag glaubt soll seinen Gast ehren, wie es ihm zusteht“. Er wurde gefragt: „Oh Gesandter Allahs, was steht ihm zu?“ Er sagte: „Sein Tag und seine Nacht [an denen er gekommen ist] und die Gastfreundschaft dauert drei Tage. Danach ist es Sadaqa[6].

Beduinische Tugenden und Taten besonders außergewöhnlicher Großzügigkeit lebten über Jahrhunderte fort in vorislamischen Gedichten, mündlichen Überlieferungen und wurden zu jeder Zeit in der arabischen Literatur thematisiert.

Die Verse der vorislamischen Dichtung lassen sich in zwei Hauptgruppen teilen:

Zum einen gibt es den rajaz, einen einfachen Vers, der vermutlich für kleine, anspruchslose Liedchen oder Spottverse auf einen Feind in der Schlacht verwendet wurde. Zum anderen existiert die anspruchsvollere qasīda, die aus einem komplizierten metrischen Schema und einer dreiteiligen Struktur (Prolog, Bericht einer Wüstenreise, Lobpreis auf einen Stamm resp. eine Person) besteht.[7] Die bedeutenden alten qasīdas wurden im 8. Jahrhundert gesammelt und sieben davon wurden als Mu’allaqāt berühmt.

Als Verfasser dieser Sammlung sind überliefert: Imru’ al-Qays, Tarafa, Zuhayr ibn Abī Sulmā, Labīd ibn Rabī’a, 'Antara, 'Amr ibn Kulthūm und al-Hārith ibn Hilliza.

So berichtete auch Imru’ al-Qays einmal stolz von seiner Großzügigkeit gegenüber seinen Gästen:

„Und an jenem Tag schlachtete ich den Mädchen mein Reitkamel. Doch weh über den Packsattel, den man nun mitschleppen musste.“[8]

Zugleich wird, mit leichter Selbstironie, die Schmerzhaftigkeit dieses Opfers versinnbildlicht.

Die Tugenden der Großzügigkeit und Gastfreundschaft entstanden folglich in den Beduinengesellschaften aufgrund der Notwendigkeit fester und allgemein anerkannter wie verbindlicher Normen in der Wüste. Dass dieses Reglement bis in die Gegenwart lebendig geblieben ist, liegt besonders daran, dass der Koran diese Tradition aufnahm und sie zum religiösen Dogma erhob.

2.2 Die Behandlung von Großzügigkeit und Geiz im Koran

Der Koran (القرآن) enthält in vielen seiner 114 Suren Bezüge zum korrekten („gerechten“) Verhalten gegenüber Angehörigen, Bedürftigen und Reisenden. Darin wird nicht nur Gastfreundschaft gepriesen, sondern auch Geiz getadelt.

Die folgenden zwei Beispiele sollen dies verdeutlichen:

Sure 4:36:

Und dient Allah und setzet ihm nichts an die Seite; und seid gut gegen die Eltern, die Verwandten, die Waisen, die Armen, den Nachbar, sei er verwandt oder aus der Fremde, gegen den vertrauten Freund, den Sohn des Weges und den Besitz eurer Rechten. Siehe, Allah liebt nicht den Hochmütigen, den Prahler. Die da geizig sind und den Leuten gebieten, geizig zu sein, und verbergen, was Allah ihnen in seiner Huld gab; und den Ungläubigen haben wir schändende Strafe bereitet: […]

[...]


[1] Vgl.: Lexikon der islamischen Kultur. S. 66.

[2] Vgl. Heine, Peter: Kulturknigge für Nichtmuslime. Ein Ratgeber für den Alltag. Herder Verlag, Freiburg im Breisgau 2001. S. 82.

[3] Siehe dazu: Imru’ al-Qays, S. 4.

[4] Hadith: Arab. حديث „Mitteilung, Erzählung, Bericht“. Die Hadithe entstanden um die Taten, Entscheidungen, Empfehlungen, Verbote, Warnungen und Billigungen Muhammads zu sammeln, die im Koran als solche nicht enthalten sind.

[5] Aus: البخاري(810-870).

[6] Sadaqa: Arab. صدقة „Wohltätigkeit“. Siehe Kapitel 2.2.

[7] Vgl. Welt des Islam. Geschichte und Kultur im Zeichen des Propheten. S. 143.

[8] Heine: S. 83.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Die Auffassung von Großzügigkeit und Geiz in der arabischen Welt
Untertitel
Exemplifiziert an der arabischen Gastfreundschaft
Hochschule
Universität Leipzig  (Orientalisches Institut)
Veranstaltung
Soziokulturelles Verhalten im arabischen Alltag
Note
1,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
16
Katalognummer
V85635
ISBN (eBook)
9783638006750
ISBN (Buch)
9783640157273
Dateigröße
496 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Arbeit auf Deutsch mit arabischem Vokabular
Schlagworte
Auffassung, Großzügigkeit, Geiz, Welt, Soziokulturelles, Verhalten, Alltag, Arabische Welt, Geschichte und Kultur, Islam, Arabistik
Arbeit zitieren
Ulrike Römer (Autor), 2007, Die Auffassung von Großzügigkeit und Geiz in der arabischen Welt, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/85635

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