Homosexualität im Nationalsozialismus

Der Paragraph 175


Seminararbeit, 2005

25 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Männerbünde, Nationalsozialismus und Homosexualität Das Wesen des Männerbundes

3. Das Wesen des nationalsozialistischen Männerbundes

4. Der Umgang der Nationalsozialisten mit der Homosexualität bis zur Liquidierung Röhms

5. Mittel zum Zweck? – Homosexualität als Waffe gegen Ernst Röhm

6. Der Umgang der Nationalsozialisten mit der Homosexualität nach der Liquidierung Röhms
6.1 Pathologisierung der Homosexualität – Biologie, Medizin und Homosexualität

7. Schlussbetrachtung

8. Literatur

1. Einleitung

Kurz vor Zusammenbruch der Republik von Weimar wäre fast etwas gelungen, was letztlich erst in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts erreicht wurde. Eine Strafrechtskommission beriet über die Abänderung des Paragraphen 175, der Unzucht zwischen erwachsenen Männern unter Strafe stellte. Doch durch die Wirren der Weltwirtschaftskrise und durch die Präsidialkabinette ließ sich eine Reform des §175 in der „Weimarer Republik“ nicht mehr durchsetzten. So blieb der alte Paragraph 175 zu Beginn der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten bestehen und diente als Ausgangspunkt ihres Umgangs mit Homosexuellen. Die Strafbarkeit der Homosexualität wurde von den Nationalsozialisten übernommen und verschärft.

Georg Hansen sieht in der Stigmatisierung ausgelebter Homosexualität durch die neue Regierung den Versuch einer Stiftung von Gemeinsamkeiten zwischen Staatsführung und Volk. Dies geschah vor dem Hintergrund der Formierung einer Nation und der Schaffung von Barrieren zu all jenen, die nicht dazu gehören sollten[1]. Daneben bildete das Streben nach Verwirklichung einer Utopie von Volksgemeinschaft den Hintergrund für die Hatz auf Homosexuelle[2]. Claudia Schoppmann sieht die Homosexuellenpolitik der Nationalsozialisten als Bestandteil einer qualitativen Sozial- und Bevölkerungspolitik[3].

Gleichwohl stellte Homosexualität weiterhin einen Straftatbestand dar.

In der hier vorliegenden Arbeit soll der Frage nachgegangen werden, wie während des Nationalsozialismus mit männlicher Homosexualität und männlichen Homosexuellen umgegangen wurde und welchen Paradigmen dieser Umgang unterlag. Vor diesem Hintergrund wird die These vertreten werden, dass Homosexualität im Nationalsozialismus nicht von Anfang an mit einer gleich bleibenden Intensität und Radikalität verfolgt wurde, sondern vielmehr eine Duldung gerade im Zusammenhang mit männerbündischen Bewegungen stattfand. Gleichwohl stellte Homosexualität offiziell weiterhin einen Straftatbestand dar.

Um dies herauszustellen, soll zunächst der These Theweleits[4], dass Homosexualität ein zentrales Moment in Männerbünden faschistischer Bewegungen ist, nachgegangen werden. Hierfür soll das Wesen des Männerbundes im Allgemeinen dargestellt werden. Denn der Nationalsozialismus war, was im Folgenden herausgestellt wird, im Kern eine männerbündische Bewegung, mit zum Teil homoerotischen Zügen. Eben dieses mystifizierte Bild des Männerbundes drohte durch das Ausleben von Homosexualität zerstört zu werden und dem galt es entgegenzuwirken. Aber auch der sozialen Utopie des Nationalsozialismus, in der die Reproduktion und Mehrung des Volkes einen entscheidenden Platz einnahm, lief die Homosexualität entgegen[5]. Dies soll anhand des Männerbundes im Nationalsozialismus im Speziellen gezeigt werden. Die Ausschaltung Röhms und der gesamten SA-Spitze, am 30. Juni 1934, markiert einen Wendepunkt im Umgang des Regimes mit Homosexualität. Bis dahin war Röhms sexuelle Veranlagung sowohl bekannt, als auch geduldet worden. Erst als machtpolitische Aspekte ihn untragbar machten, wurde Röhms sexuelle Veranlagung problematisiert und gegen ihn gerichtet. Dies soll ebenfalls in einem Kapitel thematisiert werden. Nach der Ausschaltung Röhms trat eine Radikalisierung der Verfolgung Homosexueller ein. In den folgenden Kapiteln sollen die Bemühungen der Nationalsozialisten sowohl nach medizinischen Erklärungs- als auch Heilungsversuchen nachgegangen werden. Kennzeichnend dabei war, dass während des „Dritten Reichs“ keine einheitliche Linie in Bezug auf den Umgang mit Homosexualität, weder im medizinischen, noch im strafrechtlichen Bereich, gefunden wurde. Vielmehr blieb der Umgang mit Homosexuellen und der Homosexualität im Allgemeinen, ein durch Uneinheitlichkeit und Vielschichtigkeit gekennzeichneter Komplex[6] . Eben diese Uneinheitlichkeit stand einer systematischen und effizienten Verfolgung im Wege und bewahrte so die Gruppe der Homosexuellen vor einer totalen, vernichtenden Verfolgung durch den Staatsapparat.

Am Ende dieser Arbeit wird sich die eingangs aufgestellte These verifizieren lassen. Es wird ersichtlich geworden sein, dass die Nationalsozialisten bemüht gewesen waren, ihre männerbündische Organisation vom Makel der Homosexualität vordergründig rein zu halten. Mit der Ermordung Röhms fand ein Bruch im Umgang mit der Homosexualität statt, aber es gab nie ein einheitliches nationalsozialistisches Konzept im Umgang mit Homosexuellen. Dennoch bildeten Demütigungen, ein Leben in ständiger Angst entdeckt zu werden und Repressalien die Grundlage des Alltags Homosexueller.

2. Männerbünde, Nationalsozialismus und Homosexualität
Das Wesen des Männerbundes

Um zu verstehen, warum Homosexualität vom Nationalsozialismus als etwas Gefährliches angesehen wurde ist es erforderlich zunächst das Wesen des Männerbundes im Allgemeinen zu erläutern. Nachfolgend sollen zwei Definitionen helfen einen ersten Eindruck zu erhalten was einen Männerbund ausmacht. Im Folgenden soll dieser Eindruck vertieft werden.

Männerbund: a) Geheimbund nur für Männer, b) Zusammenkommen der erwachsenen Männer eines Stammes[7].

Ein Männerbund ist eine freiwillige Schwurgemeinschaft von Männern, die gleiche Ziele und Werte akzeptieren. Rituale und Regeln bestimmen das Miteinander in einem Männerbund. Oft besteht eine hierarchische Ordnung innerhalb der Gemeinschaft, an deren Spitze eine starke Führungspersönlichkeit steht. Männerbunde zeichnen sich durch elitäres Sendungsbewusstsein aus und dienen ihren Mitgliedern als Möglichkeit gesellschaftlich aufzusteigen[8].

Der Ethnologe Heinrich Schurtz stellte bereits 1902 in seinem Buch „Altersklasse und Männerbünde“ den Männerbund als Ursprung aller öffentlichen und staatlichen Organisation dar[9]. Seine Thesen nahmen die Nationalsozialisten später als Erklärungsmuster für das männerbündische, nationalsozialistische System auf.

Etwa zwanzig Jahre später beschrieb Ernst Kriek in seiner „Philosophie der Erziehung“ ein auf ein männerbündisches System beruhendes Gesellschaftsmodell mit einem Führerprinzip[10]. Hans Blüher fügte 1917 den Thesen von Heinrich Schurtz und Ernst Kriek den Aspekt des Erotischen hinzu[11]. Blüher veröffentlichte eine Reihe von Briefen junger Männer, die ihm ihr Liebesleben beschrieben hatten, in Buchform. Diese Briefe beschrieben unter Anderem homosexuelles Verhalten i n Armeekreisen[12]. Das zu einem großen Teil vor allem in Armeekreisen homosexuelles Verhalten vorzufinden war, lässt sich vielleicht auch mit den Erlebnissen des ersten Weltkrieges erklären. Die Soldaten lagen oft monatelang auf engstem Raum in den Schützengräben und Stellungskriegen. Es entwickelten sich enge Männerfreundschaften unter den miteinander lebenden und sich in Todesgefahr unterstützenden Männern[13]. Während die Thesen von Kriek und Schurtz von den Nationalsozialisten bereitwillig aufgegriffen wurden, waren Blühers Thesen unakzeptabel. Denn diese implizierten mehr oder weniger ein Einhergehen von Männerbund und Homosexualität.

Die Erfahrungen des Krieges, der Schützengrabengemeinschaft und auch das Ideal der Männerfreundschaft lebten nach dem Krieg fort. Dieses war und sollte eine saubere und asexuelle Männerfreundschaft sein. Diesen Männerbund galt es frei von homoerotischen Zügen zuhalten.

Neben den Erfahrungen durch den ersten Weltkrieg und der daraus hervorgegangenen Schützengrabengemeinschaft, sieht Theweleit einen weiteren Aspekt für die Hinwendung des Mannes zum Mann: den der gesellschaftlichen Ordnung, welche die Frau größtenteils von öffentlichen Tätigkeiten ausschloss[14].

Die Frau sei durch ihre mangelnde Präsenz im öffentlichen Leben und machtvollen Positionen für den Mann weniger liebenswert. Deshalb, so Theweleit, sei „der offenkundige Zustand der Gesellschaft (dadurch gekennzeichnet, dass) die Attraktion durch das Männliche […] verordnet, […] das Weibliche entwertet und alle Bedrohung für das männliche Ich mit dem Weiblichen codiert.“[15]

Mit anderen Worten: Die Gesellschaftsordnung, die von den Nationalsozialisten übernommen worden war, war geprägt durch eine stark patriarchalische Struktur, in der es allein dem Mann offen stand, von Ausnahmen ist abzusehen, in hohe gesellschaftliche Stellungen zu gelangen.

3. Das Wesen des nationalsozialistischen Männerbundes

Das nationalsozialistische System basierte auf zwei zentralen Grundpfeilern: Auf der Familie, als Keimzelle für gesunden, arischen Nachwuchs und dem Männerbund, als Zusammenhalt von Staat und NS-System.

Die Familie war in den Augen des nationalsozialistischen Regimes durch die Homosexualität bedroht. Denn der homosexuelle, an sich gesunde arische Mann, als potenzieller Teil der Familie, verweigert sich seiner sexuellen Veranlagung dem Reproduktionsprozess und damit auch dem Staat. Die Machthaber sahen den homosexuellen Liebesakt als eine Verschwendung männlicher Zeugungskraft, wohingegen lesbische Frauen nicht als verloren für den Reproduktionsprozess angesehen wurden. Denn sie stünden, so das Denken, rein theoretisch immer noch für das Gebären von Volksgenossen zur Verfügung. In diesem bevölkerungspolitischen Kontext ist das Verbot von Abtreibung oder das Verbot gegen Aufstellen von Verhütungsmittel-Automaten zu sehen[16]. Dass das Gebären arischen Nachwuchses ein Kernelement nationalsozialistischer Bevölkerungspolitik war[17], zeigen auch Maßnahmen zu dessen Förderung, wie Ehestandsdarlehen, Junggesellensteuer oder das Mutterkreuz für besonders engagierte Mütter. Hitler sah in den Kindern die Rettung aus dem durch den Krieg bedingten Verlust an Menschenleben. Man erkennt welch zentrale Stellung die Reproduktion im „Dritten Reich“ einnahm und welche Gefahr ihr, in den Augen der Machthaber, durch eine Verbreitung der Homosexualität zu drohen schien. Marc Dupont spricht in diesem Zusammenhang davon, dass „kaum je zuvor das Gebären von Kindern derart fest mit einer positiv besetzten Sexualität verlötet, bzw. diese positive Besetzung der Sexualität von der beschriebenen Verlötung abhängig gemacht“ worden ist[18]. Es war diese Übersteigerung der traditionellen Fortpflanzungsmoral hin zu einer Zuchtmoral, die das nationalsozialistische Verhalten bei der Verfolgung Homosexueller in den Jahren 1933-1945 bestimmte[19].

Der Männerbund als zweiter Pfeiler des Staates wurde ebenfalls durch die Homosexualität als gefährdet angesehen. Wie schon oben beschrieben, bildeten der erste Weltkrieg und die gesellschaftliche Struktur jener Zeit im Allgemeinen den Hintergrund vor dem sich das Idealisieren und Heroisieren der Männerfreundschaften abspielte. Im Nationalsozialismus stellte die Dominanz des Mannes über die Frau ein Kernelement dar. Dieser Führungsanspruch des Mannes wurde mit einer natürlichen Andersartigkeit beider Geschlechter begründet[20].

[...]


[1] Hansen, Georg: Homosexuellenphobie als Teil staatlicher Sündenbockproduktion, in: Jellonnek, Burkhard/ Lautmann, Rüdiger (Hrsg.): Nationalsozialistischer Terror gegen Homosexuelle- Verdrängt und ungesühnt, Paderborn 2002, S.: 100.

[2] Jellonnek, Burkhard: Homosexuelle unter dem Hakenkreuz- die Verfolgung von Homosexuellen im Dritten Reich, Paderborn 1990, S.: 22.

[3] Schoppmann, Claudia, Nationalsozialistische Sexualpolitik und weibliche Homosexualität, Pfaffenweiler 1991, S.: 249.

[4] Theweleit, Klaus: Männerphantasien, Bd. 1 u. 2, München 2000.

[5] Jellonnek, Burkhard: Homosexuelle unter dem Hakenkreuz- die Verfolgung von Homosexuellen im Dritten Reich, Paderborn 1990, S.: 19.

[6] Oosterhuis, Harry: Medizin, Männerbund und die Homosexuellenverfolgung im Dritten Reich, in: Jellonnek, Burkhard/ Lautmann, Rüdiger (Hrsg.): Nationalsozialistischer Terror gegen Homosexuelle- Verdrängt und ungesühnt, Paderborn 2002, S.: 119.

[7] Bünting, Karl-Dieter: Deutsches Wörterbuch, Chur 1996.

[8] www.wikipedia.de am 11.04.2005

[9] Ernst, Roland/ Limpricht Cornelia: Der organisierte Mann, in: Limpricht, Cornelia/ Müller Jürgen/ Nina Oxenius (Hrsg.): „Verführte“ Männer- das Leben der Kölner Homosexuellen im Dritten Reich, Köln 1991, S.: 56.

[10] Ebd. S.: 57.

[11] Ebd. S.: 58.

[12] Siehe Theweleit, Klaus: Männerphantasien, Bd. 1 u. 2, München 2000, S.: 315.

[13] Gilles, Geoffrey J.: Männerbund mit Homo-Panik: Die Angst der Nazis vor der Rolle der Erotik, in: Jellonnek, Burkhard/ Lautmann, Rüdiger (Hrsg.): Nationalsozialistischer Terror gegen Homosexuelle- Verdrängt und ungesühnt, Paderborn 2002, S.: 106; siehe auch Bericht in Theweleit, Klaus: Männerphantasien, Bd. 1 u. 2, München 2000, S.: 329f.

[14] Theweleit, Klaus: Männerphantasien, Bd. 1 u. 2, München 2000, S.: 328.

[15] Ebd. S.: 330.

[16] Stümke, Hans-Georg/ Finkler Rudi: Rosa Winkel, Rosa Listen- Homosexuelle und „Gesundes Volksempfinden“ von Auschwitz bis heute, Hamburg 1981, S.: 94.

[17] Von jeder deutschen Familie wurden vier Kindern erwartet, siehe Müller, Jürgen: Ausgrenzung der Homosexuellen aus der „Volksgemeinschaft“ - Die Verfolgung von Homosexuellen in Köln 1933-1945, Köln 2003, S.: 29.

[18] Dupont, Marc: Biologische und psychologische Konzepte im „Dritten Reich“ zur Homosexualität, in: Jellonnek, Burkhard/ Lautmann, Rüdiger (Hrsg.): Nationalsozialistischer Terror gegen Homosexuelle- Verdrängt und ungesühnt, Paderborn 2002, S.: 189.

[19] Stümke, Hans-Georg: Homosexuelle in Deutschland- eine politische Geschichte, München 1989, S.: 102.

[20] Müller, Jürgen: Ausgrenzung der Homosexuellen aus der „Volksgemeinschaft“ - Die Verfolgung von Homosexuellen in Köln 1933-1945, Köln 2003, S.: 31.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Homosexualität im Nationalsozialismus
Untertitel
Der Paragraph 175
Hochschule
Universität zu Köln  (Historisches Seminar)
Veranstaltung
Die Universität zu Köln im Nationalsozialismus
Note
2,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
25
Katalognummer
V85986
ISBN (eBook)
9783638018173
ISBN (Buch)
9783638919364
Dateigröße
529 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Homosexualität, Nationalsozialismus, Universität, Köln, Nationalsozialismus
Arbeit zitieren
Raymond Alain Twiesselmann (Autor:in), 2005, Homosexualität im Nationalsozialismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/85986

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