Günter Grass: "Mein Jahrhundert"

Geschichtstheorien, Historikerstreit und das Geschichtsbild eines Schriftstellers


Masterarbeit, 2006

133 Seiten, Note: 1,00


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

Einleitung

Kapitel I: Kritik und Perspektiven

Kapitel II: Historikerstreit und Auswirkungen auf die Geschichtsperspektive

Kapitel III: Zwei Erzählungen aus Mein Jahrhundert: Subjektivität vs. Objektivität

Kapitel IV: Historismus und Geschichtsrekonstruktion – Grass´ Mein Jahrhundert und Frühere Werke

Kapitel V: Vergangenheitsaufarbeitung, Vergangenheitsbewältigung und autobiographisches Schreiben

Zusammenfassung und Ausblick

Zitierte Werke

EINLEITUNG

„Jedenfalls ist seine, wie man sagte, ´Vergangenheitsbesessenheit´ bei der Elternversammlung von fast allen Anwesenden gerügt worden“ (Mein Jahrhundert 138).

Dieses Zitat aus Günter Grass´ Roman Mein Jahrhundert enthält einen wichtigen Aspekt der Erinnerung und der Beschäftigung des Menschen mit seiner bzw. der Vergangenheit anderer: Geschehnisse, Ereignisse und Vorfälle, die sich in der Vergangenheit zugetragen haben, werden zum Gegenstand der Betrachtung, und objektive sowie subjektive Implikationen werden durch diese mit den heutigen sozial-politisch, wirtschaftlich wie auch bürgerlich-privaten Abläufen verglichen, kommentiert, dargelegt und beschrieben. Genau dort setzen die hundert Geschichten des Romans ein, durch die Grass dem Leser einhundert Jahre deutsche Geschichte zwischen 1900 und 1999 beschreibt. Teilweise sind diese einzelnen Geschichten, die in einem chronologischen Zeitraster katalogisiert sind, jedoch keine sukzessiven oder kausalen Ursachen- und Wirkungsaspekte darlegen und somit auch allein und ohne Kontext Verständnis der Geschichtslage des jeweiligen Jahres aus der Perspektive verschiedener Bürger vermitteln, autobiographisch-subjektiv, realistisch-objektiv oder fiktional geschrieben. Dadurch werden sowohl autobiographische Elemente des Autors wie auch objektive Zeitzeugen sichtbar und entwickelt, wobei Kommunikation und Transmission entsteht. Das Geschichtsverständnis oder die Geschehnisoffenbarung der beschriebenen Jahre hat jedoch nicht den Anspruch auf eine vollständige Darstellung und dies wird von Grass auch nicht beabsichtigt.

Grass erzählt vielmehr interessante politische, wirtschaftliche, technologische, ökologische und soziale Themen mit und durch andere Personen, die nicht nur der intellektuellen Oberschicht oder der akademischen Elite angehören, denen vermehrt in der Forschung und öffentlichen Meinung das Recht auf uneingeschränkte Interpretation, Analyse und Distribution vergangener Geschehnisse und Ereignisse zugeschrieben wurde, sondern er lässt Zeitzeugen sprechen, die allen Schichten des Bürgertums angehören. Julian Preece nennt diese gesellschaftliche Gruppierung „einfache Leute“ (17), die zeigen, wie große geschichtliche Ereignisse mit deren Lebensläufen interagieren und eine Zusammensetzbarkeit erreichen. Grass möchte, wie Weber den Autor von dessen öffentlich vorgetragenen Rede auf der Historiker-Tagung in Essen vom Herbst 1999 zitiert „Geschichte von unten“ schreiben, „Geschichte aus der Sicht derer, die in den Geschichtsbüchern meist nicht zu Wort kommen: der Opfer der Geschichte, der kleinen Leute – nicht der Staatenlenker, Heerführer und Wirtschaftsbosse. Obwohl nur Fiktion, seien seine Geschichten oft wahrer als die authentischen Dokumente der Geschichtswissenschaft“ (zit. in Weber 1).

Eben diese Mischung aus Subjektivem und Objektivem, Realität und Fiktion ist das Interessante an Grass´ Roman und zeigt, dass Grass eine neue Art der Geschichtsrekonstruktion entwickelt hat, die jedoch im Feld der Geschichtsforschung sehr umstritten ist und Grass eine allgemeine negative Resonanz entgegen brachte. Der Rezensent Hubert Spiegel schreibt, dass der Titel Mein Jahrhundert in „Ich, überall“ umgeändert werden sollte, da dieser „ein passender Titel gewesen (wäre) für die Schrift eines vorlauten Chronisten seiner selbst, der durch unser Jahrhundert eilt im Habitus des unzuverlässigen Augenzeugen und Schwadroneurs, eines Allwissenden, Allgegenwärtigen, der die Welt nur deshalb so genau kennt, weil er sie selbst erfunden hat“ (Spiegel 1). Diese negative Meinung über Grass´ Werk haben außer dem erwähnten Rezensenten in ähnlicher, aber doch gleicher Deutungsweise auch viele andere Kritiker. Doch sollten diese den Autor Grass nicht mit den herkömmlichen Interpretationsmethoden und gängigen Historikerschreibstilen vergleichen. Grass hat vielmehr eine neue Theorie der Geschichtserzählung eingeführt, deren Existenz nicht durch eine bloße Verneinung und Ablehnung geleugnet werden kann.

Um Grass´ Intentionen offen zu legen und die Mixtur aus Objektivem und Subjektivem, Fiktionalem und Realem zu verstehen, muss eine genauere Analyse der Begleitumstände und der angeführten Aufarbeitung der Vergangenheit und deren Bewältigung entdeckt und artikuliert werden, die der Identitäts- und Gedächtnisstärkung, des subjektiv motivierten Verständnis der eigenen Person und der revolutionären Geschichtsperspektive dienlich ist. Um den roten Faden in Grass´ Werkimmanenz in der Jetztzeit zu finden und zu verstehen, muss der Schritt zurück an den Ausgangspunkt der geschichts- und literaturtheoretischen Schreibweise und deren Wirkung getan werden.

Grass´ Roman enthält einen wichtigen Aspekt der Geschichte und des Historismus, da er eine Verbindung zwischen subjektiven und objektiven Auffassungen der Geschehnisse herstellt und mit dieser Zusammenstellung und der historischen Denkweise das Problem der Geschichte erläutert. Geschichtswissenschaftler beschäftigen sich seit dem 18. Jahrhundert mit der geschichtstheoretischen Analyse der Vergangenheit und nach Annette Wittkau wurde man sich der Tatsache bewußt, „daß alles, was ist, geschichtlich geworden ist und versuchte, die historische Genese der Welt, in der man lebte, zu begreifen und die Vergangenheit als Bedingung der Gegenwart zu verstehen“ (12). Einige der geschichts- und kulturwissenschaftlichen Fachleute negieren und hinterfragen heutzutage jedoch die vorher als etabliert geltende historisch-hermeneutische Methode und den geschichtswissenschaftlichen Prozess der empirischen Erkenntnis, sowie den Historismus, also die historische Wissenschaft und die in Form einer verstehenden Geisteswissenschaft agierende Geschichtswissenschaft. Historismus ist nach Annette Wittkau als Vorwurf im „doppelten Sinne“ zu sehen: „Zum einen verdrängte die Beschäftigung mit der wissenschaftlichen Erkenntnis der Vergangenheit das Interesse am praktischen Handeln in der Gegenwart“ und „zum anderen mache darüber hinaus die historische Erkenntnis auch deshalb unfähig zum Handeln, weil sie die Wertüberzeugungen relativiere, die das Handeln motivieren. Beide Vorwürfe enthalten also die Warnung, die Geschichtswissenschaft mache lebensuntüchtig und die Aufforderung, anstelle der Frage: Was war? die Frage zu setzen: „Wie sollen wir handeln?“ (Wittkau 11).

Im 19. und vor allem im 20. Jahrhundert entbrannte deswegen eine Diskussion um die Frage nach dem Nutzen und dem Nachteil der geschichtswissenschaftlichen Erkenntnis[1] für das Leben, die sich von dem Selbstverständnis der geschichtstheoretischen Grundlagen der wissenschaftlichen und methodologischen Arbeitsweise und deren „erkenntnistheoretische Ausarbeitung des perspektivischen und konstruktivistischen Charakters sowie mit der Betonung der Praxisfunktion und gesellschaftlichen Relevanz historischer Erkenntnis“ abzugrenzen beabsichtigte (Jaeger 17). Dies geschah, da der Historismus und die übermächtig und stetig wachsende geschichtswissenschaftlichen Disziplinen sich von der eigentlichen „Begründung von praktischen Verhaltensregeln durch die Wissenschaften“ ablenkten und in einer „prinzipielle(n) Infragestellung der Möglichkeit einer praxisorientierten Wissenschaft“ resultierte (17).

Die Kritiker des Historismus wollen die Geschichtswissenschaft zu einer historischen Sozialwissenschaft umgestalten und eine theoretische Fundierung entwickeln. Die Hauptthese der neuen Geschichtstheoretiker liegt in der politischen Fragwürdigkeit des Historismus. Wurde am Historismus noch in früheren Jahren seine gleichwertige, relative Betrachtung aller historischen Ereignisse und der Aspekt der Einheit der Geschehnisse kritisiert, die eine, wie bereits angeführte, prinzipielle Infragestellung der Möglichkeit einer praxisorientierten Wissenschaft darlegt, so wird dieser Relativismusvorwurf nun in der Diskussion umgekehrt: Nicht-Relativismus, der in Wirklichkeit als Handlanger des deutschen Nationalsozialismus fungiere, wird gegenwärtig kritisiert. Bekannte Geschichts- und Sozialwissenschaftler treten jedoch offen gegen diese kritische Thesenbildung der neueren Geschichtstheorie ein.

Genau in diese Diskussion setzen auch die Kritiker von Günter Grass´ Roman Mein Jahrhundert ein, die ihm vorwerfen, seine hundert Geschichten nicht nach dem Prinzip der Wichtigkeit der Geschehnisse zu schreiben. Diese sehen Oberflächlichkeit und eine nicht nachvollziehbare Geschehnisbetrachtung in dessen Werk. Grass jedoch wählte gewissenhaft die etwa in gleicher Länge abgefassten Geschichten, die verschiedene Lebenssituationen in verschiedenen Zeiten unter unterschiedlichen Umständen darlegen, dabei aber trotzdem die historischen Einheiten der Geschichtlichkeit beibehalten und die deutsche Geschichte nicht zur „Ahnentafel des Nationalsozialismus“ (Taylor) degenerieren lässt. Damit fasst Grass auch die Kernthese des Historikerstreits auf, der in der Mitte der achtziger Jahre von Geschichtswissenschaftlern und Soziologen wie Erich Nolte, Jürgen Habermas und Martin Broszat begonnen wurde und weitestgehend als ein „Plädoyer für eine Historisierung des Nationalsozialismus“ angesehen wird. Grass hatte die Auffassung, dass die Zeit und die Geschehnisse des Nationalsozialismus, der Zweite Weltkrieg, Holocaust, Vertreibungen und die deutsche militärisch wie auch sozial ausufernde Niederlage allesamt als Themata in der Deutschlandgeschichte des 20. Jahrhunderts eingebettet werden sollten und müssten. Jedoch wollte er nicht nur dieser einschneidenden und gewiss entwicklungsgeschichtlich tragenden gesellschaftsbildenden Stufe des deutschen Volkes seine ganze, ungeteilte Aufmerksamkeit zusprechen, sondern er entwickelte ein für sich persönlich bestimmtes Wertekonzept, durch das er sich mit Hilfe der geschichtswissenschaftlichen Erkenntnis zu einem bewussten „Entschluss zur subjektiven Unterwerfung unter einem bestimmten Wertemaßstab“ entscheidet (Wittkau 18), durch den er teilweise, wenn auch wahrscheinlich unbewusst und keinesfalls vollständig, in Anlehnung an Max Webers Untersuchungen zur Lösung des Problems der Relativierung der Werte durch geschichtswissenschaftliche und kulturwissenschaftliche Erkenntnis steht.

Sozialwissenschaftler wie Max Horkheimer, der in den dreißiger Jahren die Hoffnung aufleben ließ, dass „wirkliche Erkenntnisse im Unterschied zu verklärender Ideologie den Menschen als Mittel dienen könnten, Sinn und Vernunft in die Welt zu bringen“, schien dabei die Arbeit Grass´ indirekt zu unterstützen, jedoch wurde dieser hoch zu lobende Aspekt von eben Horkheimer selbst bei seiner Antrittsrede für den Lehrstuhl für Sozialphilosophie an der Universität Frankfurt wieder abgeschwächt, indem er nur die „Glieder einer Gemeinschaft“ und „nicht bloß Individuen“ als Ziel seiner Auffassung sah.[2] Da Grass aber als Individuum sich selbst und andere Individuen aussprechen lässt, was sozial-politische und subjektiv-persönliche Ereignisse erwirken, wird er durch diese theoretische Fundierung Horkheimers seines subjektiven sowie objektiven Beschreibungsrechtes indirekt beraubt bzw. dieses unter dem vorherrschenden Dogma der weit verbreitenden Meinung in der Geschichts- und Sozialwissenschaft im Sinne der Frankfurter Schule als zu kritisieren dargelegt.

Joachim Garbe benennt in seinem Buch Deutsche Geschichte in deutschen Geschichten der neunziger Jahre auch die erweiterte Aufgabe des Schriftstellers, der sich in vielen Bereichen von einem wissenschaftlichen Historiker nicht erheblich unterscheidet. Wie dieser will der literarische Autor „an der Identitätsbildung einer Generation, einer Nation, eines Kulturkreises und letztlich der Menschheit beteiligt sein“ (Garbe 10). Durch eine Auseinandersetzung mit der Geschichte wird diese, wie Fulda durch Interpretationen und Analysen der beiden Romane Der Vorleser (1997) von Bernhard Schlink und Weiter leben: Eine Jugend (1992) von Ruth Klüger herausgefunden hat, als „Katalysator und Prüfstein ästhetischer Optionen (...) im Sinne eines plotorientierten, auf Empathie zielenden Erzählens (oder) im Sinne eines intertextuell reflektierenden Zeugnisses, das dem Verstehen Grenzen aufzeigt“ gesehen (1). Inwieweit Grass sich diesen Auffassungen nähert und ob er ähnliche Tendenzen und Konzeptionen verfolgt, wird im Verlauf der vorliegenden Arbeit deutlicher werden. Grass führte seine eigenen Wertvorstellungen und Konzeptionen mit geschichtswissenschaftlicher Erkenntnis zusammen, um so eine Darstellung Deutschlands im 20. Jahrhundert zu erreichen, die ohne ewig-gültige Werteannahmen von unendlichen Möglichkeiten der historischen empirisch-wissenschaftlichen Erkenntnis durchführbar ist, da sie durch eine endliche Auswahl derjenigen Erkenntnisobjekte präsentiert wird, die dem Autor wissenswert oder bedeutungsvoll erscheinen und somit ihre Existenz rechtfertigen.

Grass´ Intention der Geschichtsbetrachtung und seine eigene Perspektive muss hier ganz klar aufgezeigt werden, denn er ist kein Historiker, kein Geschichtswissenschaftler, kein forschender Gelehrter, der einem Publikum Ergebnisse vorlegen möchte, die durch einen Ursache – Wirkung – Deutung – Ausblick gekennzeichnet werden können oder sollen. Grass geht es nicht um die reine Form der historischen Analyse, sondern er nimmt seine Literatur, wie David Roberts argumentiert „zum Anlaß, die Frage nach dem historischen Stellenwert der Literatur der Bundesrepublik“ zu erörtern (243).

Dem gebürtigen Danziger geht es in Mein Jahrhundert vor allem darum, die ganzen einhundert Jahre des 20. Jahrhunderts aus seiner eigenen Sicht und aus der übertragenen bzw. subjektiv beeinflussten Perspektive von anderen deutschen Bürgern, Soldaten, Schriftstellern, Adjutanten, Sportlern, Schauspielern, Arbeitern und vielen weiteren zu beschreiben und er intensiviert eine Verbindung eines Einholungsversuches der Vergangenheit und der gegenwärtigen Standpunktdeutung zu einer verwobenen Einheit. Diese historische und augenblickliche Verbindung bescheinigt Roberts dem Autor schon bei einer eingehenden Analyse der Danziger Trilogie, den Gedichten und Reden der sechziger und siebziger Jahre (241).

Somit ist dieser Roman weder eine historische Darstellung, noch eine autobiographische Niederschrift. Stattdessen nutzt Grass, der sich schon vorher des Öfteren als Zeitzeuge zu Wort gemeldet hatte, den Stoff dieses 20. Jahrhunderts, dessen Auswahl er jedoch selbstverantwortlich durchführt, zu einer persönlichen Bilanz, wie Pelzer anführt (102). Deshalb benutzt Grass nicht den Ersten oder Zweiten Weltkrieg, den Nationalsozialismus und auch nicht die deutsche Wiedervereinigung als Hauptthema und Hauptinhaltspunkte dieses Romans, wie so viele andere Geschichtsschreiber, sondern ihm ist ein Gesamtverständnis wichtig, das natürlich als allererstes sein eigenes Interessenfeld abdecken sollte und zweitens sozialpolitische Misstände, Ereignisse, Entwicklungen, große und kleine Momente, traurige und glückliche Augenblicke, verrückte und unglaubliche Entdeckungen beschreibend sichtbar und fühlbar macht, um so die Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert nicht zu vergessen. Bei allen Prosageschichten dieses Buches, die mindestens zwei aber höchstens sechs Seiten lang sind, geht es nach der Meinung von Theodor Pelzer nicht um eine Anklage oder Belehrung der stattfindenden Ereignisse, Personen oder Situationen, nicht um eine Rechtfertigung, weshalb dieses und nicht ein anderes Geschehnis ausgewählt wurde und auch nicht um ein Bekenntnis, das der Autor seiner Leserschaft mitteilen möchte, sondern es werden „standpunktgeprägte Ansichten vorgetragen, die aufklärerisch wirken, indem sie zum Zurück- und Nachdenken zwingen und manchmal zum Widerspruch herausfordern“ (102).

Ein einfacher Soldat, der bei der Boxeraufstandsniederschlagung in China den deutsch-kaiserlichen Koalitionstruppen angehört und über die Ereignisse in dem asiatischen Land erzählt (1900); ein Spieler des Leipziger Fußballklubs, der von einem Turnier und dessen Ablauf in Hamburg berichtet (1903); ein Bürger, der die Inflation der Weimarer Republik und die dadurch auftretenden sozial-ökonomischen Probleme darlegt (1923); ein junger Adjutant der Wehrmacht, der 1934 über die SA, Konzentrationslager und die Behandlung von jüdischen Mitbürgern Bericht erstattet und seine eigene persönlichen Einbeziehung und Verantwortungsposition erläutert (1934). Dies sind nur einige Kurzbeschreibungen der Erzählungen des Romans. Obwohl die einhundert Geschichten in sich abgeschlossene Szenarien liefern und die Geschichte Deutschlands von 1900 bis 1999 chronologisch dargestellt wird, erkennt der Leser die markanten Epocheneinschnitte und die heraus stechenden Perioden dieses Jahrhunderts. Beginnend im Jahre 1900 unter der Führung des wilhelminischen Kaiserreiches über den Ersten Weltkrieg und das faschistische Hitlerregime, bis zu dem Dualismus der Blockbildung in Ost und West und zur Wiedervereinigung beider deutscher Staaten im Jahre 1990, kann der Leser die strukturelle Entwicklung nachvollziehen. Das Leben der Bürger wird jedoch nicht nur von politischen Ereignissen gestaltet und somit ist schon ein erster Unterschied zu den meisten traditionellen Historikern dargelegt. Grass kümmert sich auch um das soziale, individuelle wie kollektive Leben der Menschen, die in einem Jahrhundert voller technischer Errungenschaften und Neuerungen aufwachsen, in dem Erfindungen wie Radio, Fernseher, Schallplatte oder Internet und sportliche Großereignisse wie Weltmeisterschaft und Olympiade den Geist der Menschen fesselt und emotionalisiert und er thematisiert deren Eindrücke und Gedanken unmittelbar und direkt. Grass ist es wichtig den vorherrschenden „Zeitgeist“ in jedem einzelnen Jahr zu erfassen und darzulegen, manchmal ist dieser auch sehr stark autobiographisch gefärbt, so zum Beispiel 1959 als das Erscheinen der Blechtrommel und die damit beginnende Popularität des Autors dieses Jahr im persönlichen Bereich als historisch unvergesslich erscheinen lässt, worunter andere weltgeschichtliche Ereignisse verblassen (Pelster 103).

Das Ziel dieser Arbeit ist es, den Prozess der Debattierung über den Inhalt der Geschichte, deren Aufgabe und die des Historikers oder „historischen“ Autors bei der Einordnung, Berichterstattung und Interpretation von Geschehnissen anhand Günter Grass´ Mein Jahrhundert darzustellen. Besonders die politische Fragwürdigkeit, d.h. in welchem Maße die politische Vergangenheit Deutschlands evaluiert oder kritisiert wird, ist ein Thema in Grass´ Roman und anhand ausgewählter Abschnitte wird dessen Geschichtsbild, die bewusste oder unbewusste Kritik an dem Historikerstreit, der zentrale, politisch aktuelle und ideologisch historische Fragestellungen über die Betrachtung der NS-Zeit und der Bewältigung der Vergangenheit in einem kontrovers geführten Disput thematisierte, sowie die Debatte um Reformen in der Geschichtstheorie deutlich. Die Struktur und Kapiteleinteilung dieser Arbeit wird von diesen obig genannten Themen motiviert und soll nun kurz durch die folgenden Schwerpunkte inhaltlich skizziert werden.

Das erste Kapitel dient einer Heranführung an Mein Jahrhundert, an den kritischen Diskurs der Medien und deren Akzeptanz oder Ablehnung bzw. unterschiedlichen Interpretationsansichten. Außer der Anführung von einigen Kritiken und Rezensionen, die vermehrt negative Wertungen über Grass´ Jahrhundertbuch äußerten, sollen auch Befürworter und einzelne Aspekte der Geschichtsperspektive und Erzählgestaltung des Autors genannt werden, um einen ersten Überblick in das Diskussionsfeld zu erlangen.

Zum Ziel eines Gesamtverständnis sollen im Verlauf des zweiten Kapitels die Geschichtstheorien bzw. Geschichtsperspektiven einiger deutscher Philosophen, Soziologen, Pädagogen und Literaten um den Kreis der Frankfurter Schule mit einbezogen und mit den Repräsentanten der neueren Geschichtsauffassung (Habermas versus Nolte, Hillgruber, Diwald) und des Autors Grass verglichen werden. Es geht um die Frage, ob eine subjektive Geschichtsperspektive die allgemeine Gültigkeit in der wissenschaftlichen Diskussion erreichen und als globale und zuverlässige Quelle den Erkenntnisstand des Individuums erweitern kann, sowie befähigt Thesen und Begründungen im wissenschaftlichen Sinn aufzustellen und zu liefern. Hat Grass den Historikerstreit bewusst oder absichtlich bearbeitet und ist seine Bucheinteilung durch die geschichtswissenschaftlichen Diskurse der achtziger Jahre beeinflusst? Oder wollte er nur die Perspektive des normalen Bürgers, des eingebundenen Individuums in das Kollektiv der Geschichte aufzeigen und die subjektive Stimme über die objektiv-neutral wertende Geschichtsschreibung heben? Wollte Grass durch autobiographische Züge und Einschnitte den persönlichen Bezug zu einer Geschichtsauffassung sowie einer eigenen Geschichtsperspektive darlegen, die im Gegensatz zu den Machtgruppen steht und die aufgrund von Machtvorteilen dem aufgezwungenen individuellen Vakuum der Gesellschaft überlegen scheint? Diese und weitere Thesen sind Ausgangspunkt für das zweite Kapitel.

Das dritte Kapitel beschäftigt sich mit der intertextuellen Struktur des Werkes und der (teilweise) fiktiven Arbeit, die eine oftmals sozial-politische Kritik während der Bearbeitung der Geschichtsereignisse formiert, insbesondere der neueren deutschen Geschichte. Dabei wird geklärt, wie Grass diese Kritik erarbeitet und in das Gesamtwerk einarbeitet, sowie welche literarische Methodik das Ergebnis einer reflexiven, anti-objektiven Schrift offenbart. Welches Bild soll der Leser und Hörer für sich selbst konzipieren, welche Eindrücke und Gedanken werden bei der Lektüre psychologisiert und in das Weltverständnis des Menschen eingesetzt? Kann ein subjektiver Text, der dennoch chronologisch aufgebaut ist und in sich durch eine große Anzahl von individuellen Subjekten berichtet wird, die Objektivität der Geschichte gebührend, zuverlässig und gültig bekunden? Die von Grass gewählte Strategie ist natürlich sehr interessant, da er verschiedene Menschen oder Stimmen hörbar macht, wobei er diese auch übernimmt, was durch den oft nicht nachzuprüfenden Grad an Fiktion problematische Gesichtspunkte produziert, die durch eine weiter ausgeprägte Objektivierung vermieden werden könnten. Deshalb sollte das von Grass geschaffene Konstrukt, sein Text, eine Dekonstruktion erfahren, die einzelne Bestandteile besser offenbart und eine Antwort auf die Frage geben kann, inwiefern diese Dekonstruktion die Identität des deutschen Volkes und der wissenschaftlichen Reliabilität erweist. Eine detaillierte Analyse erfahren dabei die beiden subjektiv-autobiographischen bzw. objektiven Geschichten von 1927 und 1945.

In Kapitel IV wird der Roman Mein Jahrhundert in das literarische Oeuvre des Autors eingeordnet und mit anderen Werken, die vor- und nachher geschrieben wurden, in Vergleich gesetzt, um die historische und literarische Verbindung des Autors genauer zu evaluieren. Genauer wird dabei auf geschichtlich-literarische Werke Günter Grass´ eingegangen, wie Die Blechtrommel (1959), die als erstes Werk des Autors große internationale Aufmerksamkeit erwirkte. Dieses Werk war unter anderem ein Garant für die Nobelpreisverleihung für Grass im Jahre 1999. Als zweites Werk neben der Blechtrommel sollte auch auf Im Krebsgang (2002) eingegangen werden. Diese beiden Werke sind von der Schreibweise her natürlich sehr unterschiedlich, da die beschriebenen Ereignisse zum Teil durch fiktive Protagonisten dargestellt werden, deren Erlebnisse große inhaltliche Schwerpunkte der Handlung ausmachen, von Grund her aber genauso wie Mein Jahrhundert (deutsche) Geschichte als überlappendes, gleichermaßen homogenes Motiv innehaben. Dadurch erläutern sie eindeutig aus verschiedenen Perspektiven, welche Gedanken Grass sich über die deutsche Gesellschaft, Geschichte und den Verlauf der politischen, sozialen und humanen Gegebenheiten und Ereignisse machte.

Weiterhin wird das Geschichtsbild und die Perspektive des Geschichtsverständnisses des Autors erläutert und eine Einordnung seiner subjektiven Geschichtsheorie(n) in einen größeren historisch-soziologischen Zusammenhang gesetzt. Die Frage nach der Legitimation, d.h. wer Geschichte erzählen darf bzw. was Geschichte alles einschließt und warum die Menschheit Geschichtsverständnis braucht bzw. danach strebt dieses zu erlangen ist ein weiterer Punkt der Analyse.

Im fünften Kapitel werden die Begriffe Geschichte, Geschichtsperspektive und Geschichtstheorie, zu der Grass Stellung nimmt, genauer besprochen, wobei die Einschränkung dieser auf das 20. Jahrhundert gelegt ist, da diese Zeitperiode die Erzählzeit widerspiegelt. Vor allem die Geschichtstheorie der „Generation-Auschwitz“ (Grass, „Schreiben nach Auschwitz“ 18) befasst sich eingängig mit der deutschen Geschichte und der nationalen Identität und wird von daher intensiv analysiert und in Bezug zu Grass gesetzt.

Die Aufgabe der Nachkriegsschriftsteller erläutert David Roberts folgendermaßen: „Die Schriftsteller wurden aber mit dem Widerspruch konfrontiert, sowohl der geschlagenen nationalen Identität heilend zu Hilfe zu kommen als auch gleichzeitig die Wunde für unheilbar zu erklären“ (248). Grass und andere Schriftsteller der Nachkriegsgeneration wie Hans-Werner Richter oder Heinrich Böll hatten somit die schwierige Aufgabe einer Verbindung von einer wirklichen Vergangenheitsbeschreibung und einer nationalen Selbstfindung, der Etablierung eines „stabilen, selbstbewussten Ich“ (Roberts 248), dass bereits der Vergessenheit angehört und wieder neu erweckt werden sollte, ohne dabei die Einzigartigkeit der deutschen Geschichte zu vernachlässigen. Grass erklärt somit im Zuge einer neuen Geschichtstheorie, eines Neuanfangs, durch seine Werke die Wichtigkeit des Schriftstellers, des „Schriftsteller als Bürger“ (Roberts 246), der bei der historischen Bildung und Aufklärung mitwirkt und versucht das kollektive Bedürfnis einer ganzen Nation nach Vergangenheitsanalyse und –Bewältigung mit der persönlichen Ambition nach literaturwissenschaftlicher Poetik zu verbinden, um die geschichtliche Wirklichkeit historisch und literarisch aufzuzeigen. Dies soll ohne den Fokuspunkt auf einen einzelnen und einzigartigen Bruch in der Geschichte, wie der Holocaust, geschehen, da dies einer Suspendierung der anderen Geschehnisse entspräche.

Die Klärung gilt der Frage, wie Geschichtsschreibung im 20. Jahrhundert durchgeführt wird und welche Probleme dabei auftreten bzw. auftreten können. Dazu wird der Historismus und der bereits erwähnte Historikerstreit deutlicher untersucht und in Bezug zu Grass gesetzt, wobei anhand von autobiographischen Notizen, Kommentaren, Reden, Interviews und Streitgesprächen des Autors Grass dessen Geschichtsauffassung noch eingängiger formuliert und die Vergangenheitsbewältigung aus verschiedenen Standpunkten in der Gesellschaft betrachtet werden.

Ein weiterer Aspekt der Arbeit, der im fünften Kapitel und im Schlussteil eine Zusammenfassung und einen Ausblick geben sollte, ist der oftmals kritisch angesprochene Umgang mit der deutschen Vergangenheit während des zwölfjährigen Dritten Reiches und dessen Antistilisierung durch Grass. Warum hat er diese Großereignisse, die Deutschland und die Welt so vehement veränderten, nicht genauer und eingehender beschrieben? Welche Gründe hatte der einstige Flak-Helfer und spätere Kriegsgefangene Grass, der bis zuletzt wie so viele Deutsche an den Endsieg des Hitlerregimes glaubte und bereit war wegen seiner Überzeugung die Bereitstellung seiner Lebenskraft im Kampf zu erweisen, diesen deutschen Vergangenheitseinschnitt nicht genauer zu erläutern? Durch die benannte Dekonstruktion, den subjektiv-objektiven Vergleich, sowie die Relevanz der verschiedenen Geschichtstheorien werden diese Argumentationsfragen markiert und Grass´ eigene Geschichtstheorie aufgeführt. Was möchte Grass durch diese neue Geschichtserzählung erreichen? Wie und warum wurde er motiviert gegen die vorherrschende Tradition zu schreiben? Der Sinn und Zweck, sowie der Aufbau und thematische Schwerpunkt des gesamten Werkes tritt somit in den Fokus dieses Kapitels.

In diesem letzten Kapitel der Arbeit sollen außer der Zusammenführung der Ergebnisse aus den vorherigen Kapiteln und eines Ausblicks auch die verschiedenen Ebenen der Grass´schen Geschichtsschreibung diskutiert und interpretiert werden. Dabei rückt die genauere Betrachtung des Nationalsozialismus in den Blickpunkt und die Bedeutung des Opfer-Täter-Disputs, der Vergangenheitsbewältigung, sowie die Bedeutung der Sozialgeschichte und Gesellschaftsstruktur des Dritten Reiches für den Autor bzw. für das Leben nach 1945. Dazu wird Grass´ politische und gesellschaftliche Einstellung aufgedeckt und die Bedeutung der deutschen Kriegsgeschichte in Zusammenhang zu einer objektiven Geschichtsschreibung und einer (auto-)biographischen gesetzt.

Diese Analysen werden beweisen, dass objektive und subjektive Geschichte miteinander verschmelzen können und sogar müssen, um dem Leser oder Zuhörer ein absolut authentisches Bild der Geschichte zu präsentieren. Von daher möchte ich Grass´ eigenes Geschichtsbild, seine thematische und chronologische Aufteilung in Mein Jahrhundert positiv unterstützen und darlegen, dass auch andere Geschichtsperspektiven und Geschichtstheorien, die nicht von Wissenschaftlern und Historikern verfasst, erdacht und evaluiert wurden, ein hohes Grad an Gültigkeit erweisen. Trotz gelegentlicher fiktionaler Untermauerung können diese unglaublich authentisch wirken und von daher aufschlussreich für das Verständnis, Selbstwertgefühl und die Selbstbetrachtung eines Volkes im 20. Jahrhundert sein. Weiterhin kann es diesem Volk durch Vergangenheitsanalyse bei dessen Identitätsfindung behilflich sein und dies durch literarische Schreibraffinesse formen und erklären.

KAPITEL I

In einem Artikel der Presse vom 24. Juli 1999 wird Grass wie von vielen anderen Rezensenten und Kritikern unter anderem vorgeworfen, dass er in Mein Jahrhundert im großen und ganzen gar nicht befugt sei, über das komplette 20. Jahrhundert zu schreiben, da der erste Satz des Romans „Ich, ausgetauscht gegen mich, bin Jahr für Jahr dabeigewesen“ in Anbetracht des Geburtsjahres des Autors so ja nicht stimmen könne (7). Somit erteile Grass „dem Leser eine Geschichtslektion, die zumindest was das erste Viertel des Jahrhunderts betrifft, daran krankt, daß er eben nicht ´Jahr für Jahr dabeigewesen´ ist. Deshalb mußte Grass sich hier auf die Recherchedienste eines Zeithistorikers stützen. Ein weiterer Kritikpunkt ergibt sich aus den „ausgewählten Merkwürdigkeiten“ (Die Presse 24.Juli 1999) und dass die „Kostüme der literarischen Strömungen und Moden dieses Jahrhunderts (...) am Kleiderhaken“ bleiben (Frankfurter Allgemeine Zeitung 17.Juli.1999). Damit ist zum einen die Auswahl der Ereignisse im Bereich von technischen, mediengeschichtlichen und militärischen Geschehnissen am Beginn des Jahrhunderts gemeint, wie die 1901 eröffnete erste Schwebebahn der Welt oder der erste Stapellauf eines U-Bootes im Jahre 1906, sowie bei der zweiten angeführten Kritik die Nichtbeachtung des Naturalismus, Expressionismus oder des Dadaismus. Unverständlicherweise wird nicht berücksichtigt, dass Grass durch seine betriebene Auswahl keineswegs etwas absolut Ungewöhnliches darlegt. Es ist nicht eine Voraussetzung der geschichtlichen Forschung, in der Zeit, über die man schreibt, gelebt zu haben. Des weiteren haben viele Fachwissenschaftler in ihren Forschungsschwerpunkten „Merkwürdigkeiten“ ausgewählt und es gilt zumeist eine multiperspektivische Aufarbeitung der Welt- oder Landesgeschichte als etabliert.

Diese Kritik, die leider des Öfteren zu lesen und zu hören war und ist, entspricht jedoch überhaupt keiner vernünftigen Grund- und Sachlage, da jeder einzelne Wissenschaftler, jeder Literat, jeder Autor, sogar jedes Individuum in der täglichen Kommunikation mit anderen, persönlich wie gesellschaftlich, politische, kulturelle, wissenschaftliche, wirtschaftliche oder triviale wichtig erscheinende Erlebnisse, Erfahrungen und Geschehnisse aus der Gegenwart und der Vergangenheit wiedergibt und damit nie der Anspruch auf eine kollektive Übereinstimmung gelegt werden kann noch explizit angeführt werden möchte. Dies trifft ebenso zu, wie die Tatsache retroperspektivisch über Ereignisse zu berichten, obwohl eine physische Distanz vorliegt. Geschichtsschreibung kann ja nicht nur in der Gegenwart betrieben werden und Wissenschaftler evaluieren Materialien und Quellen der Vergangenheit in ihren Forschungsarbeiten.

Die Ereignisse, die Grass in den Jahren vor seiner Geburt in Mein Jahrhundert schildert, sind für ihn und für viele andere Menschen, sowie für das Verständnis einzelner Bereiche wie Politik, Gesellschaft oder Technologie und ihrer zeitgenössischen Ausprägungen maßgeblich interessante Geschehnisse, die zu einem erweiterten Geschichtsverständnis und zur Darstellung der vergangenen Wahrheit und Wirklichkeit verhelfen. Dass er sich dafür der Hilfe eines zeitgenössischen Historikers bediente, ist ebenso normal wie bei anderen Autoren, die historische Tatsachen wiedergeben möchten und ebenfalls auf Recherchedienste zurückgreifen. Eine fachwissenschaftliche Recherche ist ein unabdingbarer Grundstock für eine sachliche Darstellung der Vergangenheit, wobei es betont sei, dass Grass ja auch keinesfalls die Absicht pflegte, ein Geschichtsbuch im traditionellen Sinne zu schreiben. Verwunderlich ist weiterhin auch die Tatsache, dass so viele andere Autoren den permanenten Versuch unternehmen, Grass vorschreiben zu wollen, was ihrer Ansicht nach von Bedeutung in dem jeweiligen Jahr gewesen wäre und sich keineswegs mit dem gewählten Ausschnitt der Geschichte und Realität zufrieden geben wollen. Monika Shafi berichtet über die kritische Aufnahme des Romans in der Literaturwelt: “This text baffled and disturbed critics both in Germany and America; they called it peculiar, strange or weak, a piece that neither thematically nor formally seemed to fit into Grass´s ouvre. Many of them argued that the idea of portraying the century with a story per year did not work because neither literature´s nor history´s needs were met this way” (39).

Doch man muss der deutschen sowie der amerikanischen Kritik über Mein Jahrhundert widersprechen, denn Grass kann die historischen und die literarischen Bedürfnisse abdecken, was im Folgenden an einer Erzählung exemplarisch unterlegt werden soll.

Wenn er, zum Beispiel, für das Jahr 1906 von dem ersten Stapellauf eines deutschen U-Bootes erzählt und in dieser Geschichte folgendes schreibt: „Bedauerlicherweise hat mein Erfinder, Sir Arthur, vergessen zu berichten, daß ich als junger Leutnant in Kiel dabei gewesen bin, als am 4. August 1906 auf der Germaniawerft unser erstes seetaugliches Boot mit dem Werftkran auf Wasser gesetzt wurde, streng abgeschirmt, weil geheim“ (Mein Jahrhundert 27), so ist der Zusammenhang zwischen Literatur- und Geschichtsschreibung eindeutig zu erkennen. Historische Tatsachen werden mit Hilfe einer prosaischen Erzählweise von der Erzählperspektive eines Ich-Erzählers objektiv dargestellt. Es findet also eine Vermischung zweier geisteswissenschaftlicher Disziplinen statt, deren Ergebnis eine neu entwickelte Form der Überlieferung ausmacht. Somit sollten den vielen Kritikern, u.a. Ira Panic in ihrer Rezension über Grass´ Roman, entschieden widersprochen werden, wenn sie Mein Jahrhundert als „eine harmlose, nett anzusehende Sammlung zusammenhangloser, mehr oder weniger geglückter Kürzestgeschichten“ betrachten (1). Heinz-Peter Preusser gibt hierzu die absolut passende Antwort in seinem Aufsatz „Erinnerung, Fiktion und Geschichte. Über die Transformation des Erlebten ins kulturelle Gedächtnis: Walser – Wilkomirski – Grass.“ In diesem bespricht der Autor unter anderem Ein springender Brunnen (1998) von Martin Walser und Günter Grass´ Im Krebsgang (2002), in denen er Erinnerungen als Wahrheitsaussagen oder reine Produkte der künstlerischen Phantasie analysiert. Unter dem Teilpunkt „Geschichten und Geschichte“ werden dabei sehr interessante Ergebnisse gefunden, die außer in Walsers Buch und Im Krebsgang durchaus auch in Mein Jahrhundert zu finden sind. Walser, der ebenso wie Grass wegen seiner unkonventionellen Schreibweise und seiner Abhebung von den gesellschaftlichen Forderungen und Normen oft vorschnell kritisiert wird, schreibt in seinem Buch einen für das Verständnis von Grass´ Jahrhundertroman wichtigen Satz: „In der Vergangenheit, die alle zusammen haben, kann man herumgehen wie in einem Museum. Die eigene Vergangenheit ist nicht begehbar“ (9-10). Preusser erweitert nun diese Aussage und rundet ihren Inhalt ab, in dem er fordert, dass die eigene Vergangenheit erzählt werden muss: „Es müssen einzelne Geschichten sein, die Erzählungen, die dasjenige ergänzen und kontrastieren, was als allgemeine Geschichte nur im Singular vorkommt“ und legt indirekt Grass´ Intention vor, ein Buch zu schreiben, das subjektiv und autobiographisch ist und zugleich objektive Tatsachen enthält (487). Preusser schreibt weiter „In der dichotomen Konstruktion fällt einerseits die sprichwörtliche Objektivität auf, in der vergegenwärtigt wird, was allen präsent ist oder gesellschaftliches Wissen über eine Zeit sein soll. Andererseits ist dem Einzelnen gerade nicht verfügbar, was seinen individuierten Anteil am Ganzen der Vergangenheit ausmacht“ (488). Diese Aussage erklärt und verteidigt Grass´ Schreibweise und kann entscheidende Impulse für eine rechtmäßige Anerkennung der geleisteten Arbeit des Autors geben. Grass verbindet in Mein Jahrhundert nämlich durch objektive Beschreibungen vergangener Ereignisse, der historischen Faktenwiedergabe, die stets nachprüfbar ist und einer wissenschaftlichen Untersuchung jederzeit stand halten kann, und der subjektiven, oft autobiographischen Gedankenstruktur, eben ungemein einfallsreiche Historie und literarische Personen- und Handlungssysteme, in dem er eigene Lebenserfahrungen subjektiv bzw. Erfahrungen anderer intersubjektiv oder objektiv schildert. Dadurch stellt er Geschichte durch Geschichten dar, um sein eigenes Leben zu verstehen und wichtige Lebenseinschnitte aus der Retrospektive zu verarbeiten.

Das Ziel des Romans ist dabei die angesprochene Darlegung der eigenen Vergangenheit und deren Offenbarung und Verarbeitung durch kurz gefasste Geschichten, die außer der kollektiven Wissensbereicherung bzw. des bereits allgemein vorhandenen, die kleinen persönlich-individuellen Nuancen auszuarbeiten, deren Wichtigkeit oft nur vom Einzelnen verstehbar ist. Der Einzelne hingegen weiß des Öfteren auch nicht seine Stellung im Gesamtsystem. Somit ist jeder Protagonist in Grass´ Einzelgeschichten nur von seiner eigenen, individuellen Rolle eingenommen, nur über seine eigenen Gedanken, Erlebnisse und Werte kann er berichten, da er als kleiner Teil eines großen Ganzen keineswegs die Möglichkeit besitzt, alles für die gesamte Gesellschaft wissenswertes zu ergreifen bzw. zu ergreifen. Der Protagonist ist sich ebenso wie der Autor nicht völlig bewusst, in welchem Verhältnis sein eigenes Leben zu gesamtgesellschaftlichen Denk- und Wissenskategorien steht. Grass kann die Vergangenheit aller deutschen Bürger mit seiner interpersonellen koppeln, und durch Erzählung von einzelnen Geschichten wenigstens einen kleinen Teil der unendlich vielseitigen einhundert Jahre der deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert darstellen, der vom Kollektiv oder vom Individuum in den aktuellen Wissensstand einbezogen werden kann, diesen erweitert oder behindert, aber allemal die Wirklichkeit des Autors und die Wirklichkeit der Geschichte in einer historisch-literarischen Kombination offenbart. Wie der Autor selbst sagte: „Erinnern heißt Auswählen“ (zit. in Weber 1), und genau dies führt zu einem Buch wie dem vorliegenden Mein Jahrhundert.

Günter Grass hat somit den Gordischen Knoten gelöst, ohne diesen einfach zu zerschneiden, indem er von vornherein auf eine persönliche Bilanz über das deutsche 20. Jahrhundert zum einen explizit durch die Titelaufnahme Mein Jahrhundert und zum anderen durch den Anfangssatz „Ich, ausgetauscht gegen mich, bin Jahr für Jahr dabeigewesen“ verweist. In einem im Focus erschienen Interview, „Geschichte in Geschichten“, erklärt Grass detailliert den Blickwinkel des Romans und wie er den angebrachten ersten Satz zu verstehen gedenkt: „Das heißt, ich schlüpfe in Rollen, ganz verschiedene: männlich, weiblich, alt, jung. Ich blicke auf dieses Jahrhundert aus der Perspektive von Menschen, denen Geschichte widerfährt. Es sind nicht die großen Handelnden, von denen ich erzähle, sondern die Mitläufer und Opfer. Ich versuche, dem Leser trockenen Geschichtsstoff in Form von Geschichten näherzubringen“ (1).

Er erklärt im weiteren Gespräch auch seine Intention: „Es war immer meine Absicht, mit den Mitteln der Literatur, das heißt erzählend, aufzuklären“ (1).

In einem Gespräch zwischen Günter Grass und Pierre Bourdieu erklärt der Autor, warum er in Mein Jahrhundert eben die Geschichte „von unten“ als Antriebsfeder seiner Niederschrift benutzt: „Denn wenn ich an ihr Buch Das Elend der Welt denke oder an mein letztes Buch Mein Jahrhundert, haben wir in unserer Arbeit eines gemeinsam: Wir erzählen Geschichte von unten. Wir sprechen nicht über die Gesellschaft hinweg, nicht aus der Position der Sieger, sondern sind berufsnotorisch aufseiten der Verlierer“ (1).

KAPITEL II

In diesem Kapitel werden Frankfurter Schule und Revisionisten, der Historikerstreit der achtziger Jahre, sowie Parallelen zu Grass´ Schreibintention und Geschichtsauffassung objektiv und größtenteils unbewertet dargestellt. Ziel ist es aus der kulturpolitischen und geschichts- und sozialwissenschaftlichen Komponente der deutschen Gesellschaft einen Trend in der Geschichtsliteratur auszumachen, der in Grass´ Mein Jahrhundert teilweise in ähnlicher Art und Weise erkennbar ist und einige Elemente der wissenschaftlichen Diskussion verarbeitet. Deswegen werden der Werdegang des Historikerstreits und die Spaltung in zwei gegensätzliche Lager genauer dargestellt, um einen Gesamtüberblick zu bekommen, der Ähnlichkeiten, Unterschiede, Neuerungen oder Nichtbeachtungen in der geschichtstheoretischen und geschichtsliterarischen Schreib- und Themenwahl in der bundesrepublikanischen Gesellschaft und im spezifischen bei dem politik- und kulturinteressierten Günter Grass darstellt. Da es unterschiedliche Auffassung über die deutsche Vergangenheit gibt, deren Darstellung und Aufarbeitung, sollen im weiteren Verlauf dieses Kapitels die Schwerpunkte der variierenden Vergangenheitsbewältigung und die Darstellung der Geschichte im geschichtswissenschaftlichen Diskurs dargelegt werden, um von einem Gesamtüberblick aus Einzelheiten der Grass´schen Geschichtsschreibung und seines Erzählinhaltes differenzierter betrachten zu können.

Nachdem der zweite Weltkrieg beendet war und Deutschland im Sinne der Entnazifizierung, Demontage, Dezentralisierung und Demilitarisierung auf dem Wege in ein demokratisches Politsystem nach westlichem Standard und Vorbild war, kehrten viele ins Exil gegangene Intellektuelle in ihr Heimatland zurück. So auch die beiden Mitbegründer der Frankfurter Schule und des Instituts für Sozialforschung Theodor W. Adorno und Max Horkheimer. Beide Gelehrten dozierten über Bildung, Freiheit, Sinn des akademischen Studiums, Humanismus, Vergangenheitsbewältigung und vieles mehr. Besonders interessant war nun für Studenten am Institut für Sozialforschung (IfS) in Frankfurt, dass deutsche und amerikanische Traditionen miteinander verbunden wurden. Die amerikanische Exilzeit machte sich bemerkbar in der Repräsentation der amerikanischen Sozialforschung und in der Integration und im Vergleich der amerikanischen Kultur mit der deutschen, die dadurch einen Ausweg aus dem Sonderwegdenken suchen konnte und durch Demokratiebestrebungen den gesellschaftlichen Probleme enteilen konnte. Ziel der beiden Soziologen war hierbei natürlich die Überwindung des Nationalsozialismus bzw. des nationalsozialistischen Gedankenguts.

Die von Horkheimer, Pollock und anderen mitbegründete Frankfurter Schule, die aus dem 1923 gegründeten Institut für Sozialforschung hervorging und die später mit Adorno, Herbert Marcuse und Jürgen Habermas weitere berühmte Mitglieder aus Sozialforschung und Philosophie zählte, erlangte Bedeutung und Bekanntheit vor allem durch die von ihr geprägten „Kritische Theorie“, deren Wichtigkeit der Politikwissenschaftler Günter Rohrmoser 1977 andeutete: „Ohne Kenntnis dieser Theorie wird man heute nicht verstehen können, was gegenwärtig ist“ (66). Die vor allem von Horkheimer und Adorno im amerikanischen Exil durchgeführten Studien, die zu einer umfassenden Erklärung autoritärer Charakteristika und somit vorbildlich zur Analyse des Zustandekommens von autoritären Systemen dienten, fanden rege Aufmerksamkeit in Gesellschaftsbereichen, welche die nationalsozialistische Zeit zwischen 1933 und 1945 rational erfassen wollten. Was war nun so kritisch an dieser neuen Lehre, die so schnell viele neue Anhänger faszinierte und die Sozialwissenschaften wieder stärker in das Blickfeld rückte? Zum einen forderte diese Theorie zumindest Kritik „aller bestehenden, als Unterdrückungsverhältnisse behaupteten Beziehungen, nach Demokratisierung und Emanzipation, nach Abbau aller Bindungen und Verpflichtungen, nach Sexualisierung des Lebens und Umwälzung aller politischen Verhältnisse“, so Rolf Kosiek in seiner Abhandlung über die Geschichte und Auswirkungen der Frankfurter Schule (Die Frankfurter Schule 15). Die Bezeichnung „Kritische Theorie“ wurde, wie Rolf Wiggershaus anmerkt, zunächst „als ein Tarnbegriff für eine marxistische Theorie“ gebraucht, um den Begriff Marxismus nicht direkt zu benennen (13). Grund hierfür war die Regierung Stalins, unter dessen Terrorregime in der ehemaligen Sowjetunion in den dreißiger, vierziger und fünfziger Jahren Millionen Menschen ihr Leben verloren und der Deckmantel des Marxismus-Leninismus allgegenwärtig als richtungsweisende Ideologie und rechtmäßiges Politsystem über jede einzelne Schandtat von dem russischen Staatslenker ausgebreitet wurde. Mit dieser blutigen Ausführung des Marxismus wollte man sich in Deutschland keineswegs gleichsetzen und widersprach somit der gemeinsamen Namensverteilung (Frankfurter Schule 18). Die kritische Komponente der Theorie versuchte den Eindruck zu erwecken, dass erst jetzt eine kritische Reflexion in der deutschen geistigen Tradition zu verzeichnen sei, was Kosiek mit der Anmerkung negiert, dass schon viel früher Philosophen wie Immanuel Kant oder auch Georg Wilhelm Friedrich Hegel bereits den kritischen oder erkenntnistheoretischen Aspekt mit einfließen ließen (19).[3] Dennoch verlor die Frankfurter Schule nicht ihren theoretischen Unterbau des Marxismus. Sie verhalf nach dem Krieg diesem und auch der kommunistischen bzw. marxistischen Komponente dazu in der bundesrepublikanischen Gesellschaft wieder akzeptiert zu werden und konnte während der politischen Reform- und Umstürzungsversuche der späten sechziger Jahre weitere neue Mitstreiter finden.

Trotz aller scheinbaren Aufdeckungen von Misständen, die es nach den Anhängern der Kritischen Theorie in Deutschland aufzudecken gelte, wurden auch viele Proteststimmen laut, die sich gegen die Sozialisierung und die wissenschaftliche Bedeutung der Soziologie stellten. Friedrich Tenbruck war einer dieser Stimmen, die sich gegen Horkheimer und dessen Anhänger stellten: „Eine Sozialforschung, die sich nur noch selbst den Puls fühlt in dem Glauben, das natürliche oder sonst wie gesellschaftlich geprägte Handeln zu erfassen – das ist die zwar groteske, aber folgenschwere Paradoxie, auf die hier die Dinge zutreiben“ (211).

Tenbruck sieht sich dabei gestärkt in der Meinung anderer Intellektueller, das eine „Herrschaft durch Begriffe“ und eine Betrachtung der Gesellschaft nur aus dem Blickwinkel der Soziologie eine eingeschränkte und somit verhängnisvolle Begrenzung des menschlichen Geistes darstellt, da den Betroffenen und der ganzen Gesellschaft der Zugang zur Realität genommen wird, was auf Dauer wiederum diese ganze Gesellschaftsstruktur in ihrer Lebensfähigkeit beeinträchtigt. Dazu Tenbruck:

Denn auf eine Täuschung mit schweren individuellen und geschichtlichen Folgen läuft es ja hinaus, wenn die Wissenschaft den Menschen ihre Wirklichkeit einseitig verkürzt darstellt (...) Diese Soziologie ist ein Weltbild durch Reduktion und schreibt dies den ihr hörigen Sozialwissenschaftlern vor. Sie herrscht über unser Denken und Handeln, kaum durch den Zwang zu dogmatischen Bekenntnissen, als vielmehr durch das Angebot, die Wirklichkeit mit Begriffen zu erklären, in die unsichtbar ein Weltbild eingebaut ist. (99-100)

Tenbruck verschärft im weiteren Verlauf seiner Abhandlung den Ton gegenüber der Frankfurter Schule und zeigt seine Abneigung ganz offenkundig, indem er die Sozialforschung anprangert „ohne Hintersinn und Hinterlist gar nicht aus(zu)kommen“ (215). Die große Gefahr, die die Sozialwissenschaft auf die ihr ausgelieferte Gesellschaft ausübt, beschreibt er wie folgt: „Nichts hilft an der Einsicht vorbei, dass die Sozialforschung, als Programm und Betrieb, im ganzen zwecklos, unsinnig und gefährlich ist (...) Sie bleibt ein wissenschaftlich dubioses, menschlich anrüchiges und gesellschaftlich verderbliches Unterfangen“ (228). Weiter behauptet er: „Person und Kultur werden durch die Sozialwissenschaft – so muss man es prägnant ausdrücken – vernichtet“ (238).

In Bezug auf Geschichtswissenschaft, Geschichtswissen und Geschichtsbewusstsein des Menschen hat nach Tenbruck die Soziologie an der Zerstörung dieser beigetragen und eine „Entpersönlichung der Geschichte vollzogen“ (239). Diese stelle kaum noch handelnde Personen, sondern nur noch „gesellschaftliche Verhältnisse“ dar, die auch noch aus einer „ganz bestimmten marxistischen Sicht beleuchtet werden“, wie Kosiek behauptet (Historikerstreit 71). Dabei werden Ereignisse, die spontan, individuell und einzigartig im Verlaufe der historischen Vorgänge und Entwicklungen geschahen, verdrängt. Nach Kosiek werden die vergangenen Ereignisse durch„eine lebensfremde Matrix utopischer Vorstellungen ersetzt, die zur Gestaltung der Zukunft wenig tauglich ist“ (71). Tenbruck sieht dabei die negativen Auswirkungen auf das Verständnis des Menschen zur Realität und die Einsicht in die Bedeutung der Ereignisse gestört, da durch die Soziologie „Nation, Sittlichkeit, Geschichte, Kultur (...), in dem universellen Raster der ´Gesellschaft´, auf den die Soziologie alles reduziert keinen Platz“ haben (307).

Kosiek spricht in diesem Zusammenhang von einer „geistigen Scheinwelt“, die den Menschen durch die Soziologie vorgetäuscht wird. Dadurch sind diese anfällig für Manipulation und „erfolgreich von ihrer eigenen Kultur und Tradition abgenabelt“ (71). Obwohl die Soziologie im Gegensatz zu anderen wissenschaftlichen Gebieten weder vollkommen objektive noch uneingeschränkt vorzeigbare oder gültige Leistungen erbringen kann, hält der Siegeszug dieser Teilwissenschaft ungebremst an, ungehindert einer Nichtlösung von gesellschaftlichen Problemstellungen und erbringt, wie gezeigt, viele kritische Stimmen gegen sich.

Ein Grund für die Unterstützung, die dem Institut für Sozialforschung und der Frankfurter Schule vor allem von Seiten der Jugend und den Heranwachsenden entgegengebracht wurde, kann natürlich in der allgemein stattfindenden Vergangenheitsbewältigung und der „Verteufelung der früheren geistigen deutschen Tradition“ in den sechziger Jahren gesehen werden (Kosiek 72), die von einer kritischen Bevölkerungsschicht getragen wurde, die im besonderen die Jungakademiker beeinflusste und in die sozialwissenschaftlichen Interpretationsgefüge leitete. Diese jungen Menschen, die alle nach 1945 geboren wurden und als Nachkriegsgeneration weder den Krieg noch dessen Auswirkungen am eigenen Leibe spüren mussten, konnten dennoch nicht das Gefühl der Schuld von sich weisen. In Deutschland begann eine Kultur, in der sich die Jugend trotz der obig genannten Nichtzugehörigkeit zum Nationalsozialismus als Teil dessen Auswirkung, dessen Frucht und Nachkommen sahen, die ihnen im Kollektiv ein permanentes schlechtes Gewissen einredete, dass sie nicht länger annehmen wollten. Die Nachkriegsgeneration wollte frei sein, frei von jeglicher Schuld und frei von jeglicher Verantwortung und Pflicht. Nicht sie, sondern ihre Vätergeneration galt es zu hinterfragen, zu verklagen und diese sollte sich anstatt ihrer rechtfertigen und erklären.

Ein gewichtiger Aspekt im Gefüge dieser Massenmobilisierung und des kollektiven Zwang- und Schuldgefühls war ohne Frage die verbotene objektive Berichterstattung über die schrecklichen Ereignisse des NS-Regimes und das Schweigen oder Verdrängen der eigentlich verantwortlichen Bevölkerungsschicht der im Krieg agierenden Personen. Tenbruck sieht vor diesem Hintergrund die mögliche „Heilsverkündung“, die sich die jungen Abiturienten, Studenten und Akademiker von Gelehrten wie Horkheimer oder Adorno und deren Frankfurter Schule versprachen, sollten sie doch von der Erbschuld befreit werden. Durch den „Einfluß, den Horkheimer und Adorno auf Generationen ausgeübt haben“ war es möglich, dass sie den „deutschen Studenten Absolution von den Vorwürfen und Gewissensqualen“ ermöglichen konnten und somit die Schuldzuweisung reduzieren konnte. (Tenbruck 252)

Im Sinne der bereits angesprochenen Entnazifizierung, die zu einer Demokratisierung des deutschen Volkes nach Vorbild der westlichen Alliierten führen und alle faschistischen Restkörper aus jeglicher Gesellschaftsschicht verbannen sollte, wurde der neuen Sozialwissenschaft die Rolle des umerziehenden Elements zuteil, da sie sich aus folgenden Gründen hierzu vortrefflich eignen sollte:

„Sozialwissenschaftler wurden zur Vorbereitung und Ausführung der Besatzungspolitik systematisch von Regierung und Militär als Berater herangezogen; die entsprechenden Stellen, Stäbe, Ausbildungsstätten und Forschungsinstitute wurden eingerichtet – all dies in der Überzeugung, dass die Sozialwissenschaften die nötigen Erkenntnisse bereithielten, um Menschen, Völker, Kulturen, Staaten und Nationen nach Plan ändern und nach Muster demokratisieren zu können“ (Tenbruck 167).

Dass die meisten Gelehrten des Instituts für Sozialforschung bzw. der Frankfurter Schule während des Hitlerregimes zumeist ins Exil in die USA gegangen und somit bestens vertraut mit den politischen und gesellschaftlichen Zielen der Siegermacht vertraut waren, wurde bei der Lehrstuhlbesetzung an den deutschen Universitäten nun von außerordentlichem Vorteil. Gründe hierfür waren zum einen die Überlegenheit der Amerikaner, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg militärisch und ökonomisch als Supermacht etablierten, zum anderen gingen die USA auch als wahrer „geistiger Sieger“ aus dem Weltkrieg hervor (Tenbruck 170). Mit der systematischen Verbreitung ihrer ideologischen Sozialwissenschaften konnte nun in allen Teilen der „kolonisierten“ Welt eine Umerziehung und Umgestaltung nach amerikanischen Vorbild begonnen werden. Tenbruck beschreibt dieses Ergebnis, dass „in alle Teile der Welt, wo es eine Besatzung, Stützpunkte oder kulturelle Vertretungen unterhielt“ zu finden war, als „Soziologisierung der wissenschaftlichen, kulturellen und alltäglichen Wissensbestände“ (170).

Die deutsche Vergangenheit und Gesellschaft wurde ab nun aus einer ganz bestimmten Perspektive gesehen, wie Kosiek behauptet. Er argumentiert weiter, dass eine Lehrmeinung somit die vorherigen multiplen Organisationsformen der kulturell und traditionell unterschiedlichen Besatzungsländer beenge und gleich einem Dogma oder einer Doktrin bei vielen zu einer „Bewusstseinsverengung, Verdrängung der Wirklichkeit und Anfälligkeit für lebensfremde Utopien“ führe (73). Die Ausarbeitung eines entsprechenden politischen Programms im Sinne der Besatzungsmächte und der Ergebnisse der Zusammenarbeit zwischen Alliiertem Kontrollrat und der IfS konnte die Gesellschaft erreichen. Viele Gelehrte und Akademiker sahen in diesen Programmentwürfen jedoch eine Verneinung der Wirklichkeit und eine bewusste Veränderung der Existenzvorgaben, da ihnen die multiple Dimensionsmöglichkeiten abhanden gekommen erschien. Tenbruck erläutert zu dieser Thematik folgende Aussage:

Wo die Erfindung der Gesellschaft zur Matrix der Daseinsdeutung wird, da sinken konkrete Identitäten – wie Volk, Nation, Ehe, Familie u.ä. – als bloße Befangenheiten in das Nichts, aus dem am Ende der verzweifelte Ruf nach der eigenen Identität ertönt, dem die Wirklichkeit nicht mehr antworten kann, weil sie, aller geschichtlichen und kulturellen Konkretion beraubt, den Blick nur noch auf jene Tatsachen fallen lässt, die im Sinne der Soziologie als ´gesellschaftliche´ gelten. (201)

Kosiek sieht dabei das Eintreffen der obigen Aussagen in der heutigen deutschen Gesellschaft und bekräftigt Tenbrucks Meinung über die Gefahr, die deutsche Identität zu verlieren: Vor allem die „Grünen als treueste Erfüller der Ideen der Frankfurter Schule“, die „unkontrollierte Einwanderung fordern und das deutsche Volk abschaffen wollen (...) in dem Land, das früher die meisten Nobelpreisträger aufwies und die besten Hochschulen hatte, heute an Nachwuchs an Naturwissenschaftlern fehlt und Zigtausende von Computerspezialisten eingeführt werden müssen (73).

Diese Aussagen scheinen auf den ersten Blick vielen deutschen Bürgern vertraut vorzukommen und wahrscheinlich hegen viele andere Deutsche diese oder ähnliche Meinungen. Jedoch sollte man sich von einer Stereotypisierung und Pauschalisierung abgrenzen, da aufgrund von vielen internationalen Geflechten und im Sinne und Zuge der Globalisierung die Eigenstaatlichkeit nicht mehr einhundertprozentig aufrecht zu erhalten ist und auch nicht unabdingbar sollte. Deutschland ging schon zu viele Jahre in diesem 20. Jahrhundert einen am Ende einsamen Sonderweg, der zwar die Nationalstaatlichkeit und die eigene Identitätssuche und Selbstfindung der deutschen Bevölkerung in gewissem Maße ermöglichte oder auch beschränkte, aber trotz alledem nicht zu einer gefestigten Position der nationalen Überzeugung und Identitätserfüllung führte, die andere Völker, Religionen und Traditionen schon respektierten und akzeptierten. Wenn der Ruf nach Wirklichkeit, nach konkreter Realität und nach Multiperspektiven gefordert wird, der zu der einzig wahren Identitätsfindung des Individuums führen sollte, dann muss jedem Menschen das Recht auf Selbstverwirklichung und Eigenverantwortung erteilt werden. Kosieks Ansichten sind somit teilweise sehr kritisch zu betrachten, wenn auch die allgemeinen Forderungen und Anprangerungen der Misstände, die er und auch Tenbruck ansprechen, für viele Menschen der Wahrheit entsprechen und eine möglichst genaueste Untersuchung nach sich ziehen sollten. Autoren wie Grass helfen durch das Verfassen eines Romans wie Mein Jahrhundert dazu, dass sich der deutschen Bevölkerung die Chance offenbart „unbelastet von den Hypotheken ihrer Väter und Großväter deutsch und zugleich europäisch zu sein“, wie Grass selbst in einem Kommentar erließ (Essays, Reden, Briefe, Kommentare 684). Er steht auch für eine Liberalisierung und eine sozialdemokratische Regierungsweise ein, die den Benachteiligten und nicht integrierten Bevölkerungsgruppen Möglichkeiten der Assimilation erweisen. Akademiker wie Tenbruck oder Kosiek werden durch eine offene und multiperspektivische Annäherung an die Wirklichkeit der Vergangenheit und Gegenwart eine wohl differenzierte Meinungsbildung erfahren. Mein Jahrhundert steht jedenfalls für diese offene und zugleich kritische Überarbeitung der deutschen Geschichte, schließt aber viele Argumentationspunkte und Aspekte der beiden Lager des Historikerstreits mit ein, was im weiteren Verlauf dieser Arbeit noch erkennbar sein wird.

Da die Anhänger der Frankfurter Schule, wie bereits erwähnt, fast allesamt der ideologischen Ausrichtung des kommunistischen Gesellschafts- und Regierungssystems ihre ungeteilte Aufmerksamkeit zukommen ließen, war somit der Kommunismus das führende Geschichtsbild. Der „Meisterspion“ Richard Sorge, der von der deutschen Reichsregierung als Landesverräter der obersten Kategorie betitelt wurde, hatte im Zweiten Weltkrieg durch genaue Übermittlungen der deutschen militärischen Operationen und Kampfstrategien an die sowjetische Heeresführung einen nicht unerheblichen Teil dazu beigetragen, dass der kommunistische Oststaat dem Deutschen Reich in Schlachten auf russischem Boden auf Grund von übermittelten geheimen Informationen über Anfahrtswegen, Stoßrichtungen und Truppenlogistik überlegen sein und Streitkräfte gezielter zu etwaigen Krisenregionen entsenden konnte. Die Mitglieder der Frankfurter Schule, die durch die Greueltaten des Hitlerregimes und des Nationalsozialismus ebenso wie Sorge immer weiter zur systematischen Indoktrination des Kommunismus übergegangen waren, stellten sich einheitlich gegen alles Faschistische, Totalitäre und Antikommunistische, und setzten sich für ein baldiges Kriegsende ein. Kosiek beschreibt den Wirkungskreis der Frankfurter Schule wie ein „Kampf gegen alle deutschen Traditionen zur Zerstörung der Identität und zur Entwurzelung der Deutschen“ (74). Auch er war natürlich gegen das nationalsozialistische Regime, aber ihm mißfiel die Nichtbeachtung und die komplette Negierung aller deutschen Werte. Somit sind die Lager offensichtlich. Kosieck, Tenbruck und im weiteren Verlauf Nolte oder Diwald gegen die „Frankfurter“ um Habermas, die einen großen Streitpunkt in der Schuldzuweisung, Vergangenheitsbewältigung und Identitätsdarstellung des deutschen Volkes untereinander ausmachten.

Kosiek beschreibt das Vorgehen der IfS wie folgt: „Daher erfanden die Gelehrten der Frankfurter Schule bzw. deren Zöglinge die ´Faschismuskeule´ sowie den ´Ausschwitzknüppel´“ (173), um im Zuge der 68er Revolution Richter, Politiker, Schriftsteller, Historiker, Wissenschaftler, kurzum jeden gesellschaftlichen Bereich zu lüften und die angeblich bis dahin keineswegs durchgeführte Vergangenheitsbewältigung zu forcieren. Den Anhängern der Frankfurter Schule wurde vorgeworfen, eine Durchführung der Entnazifizierung und eine genaue Vergangenheitsbewältigung nicht zu erkennen, die die Bundesregierung durch Grundgesetz, Westintegration, soziale Marktwirtschaft und die Wiederbewaffnung nach westlichem Vorbild vor allem unter den ehemaligen Bundeskanzlern Konrad Adenauer und Ludwig Erhard sehr stark förderte und entwickelte. Durch die Gründung der Bundesrepublik im Jahre 1949 konnten einige politische und soziale Entscheidungen verfestigt und konkretisiert werden. Michael Bock schreibt hierzu: „Mit dieser Gründung endete jedoch nicht die unmittelbare Nachkriegsgeschichte Deutschlands, sondern es verschoben sich auch die Koordinaten der Vergangenheitsbewältigung“ (Bock 546). Ein Erfolgserlebnis konnte dennoch eintreffen, da „man in dieser Gründung tatsächlich die Bewältigung der Vergangenheit sehen“ konnte (546). Der Wiederaufbau war eingeleitet, die Entnazifizierung wurde durch eine juristisch-personelle Säuberung durchgeführt, Kriegsgefangene und Kriegsflüchtlinge sowie Kriegsvertriebene konnten integriert werden, „die Aufgaben der Wiedergutmachung, des Lastenausgleichs und der sozialen Integration der Vertriebenen waren als Teil der Vergangenheitsbewältigung angenommen und Lösungen zugeführt worden, die sich im historischen Vergleich sehr wohl sehen lassen können“ (Bock 547). Wie obig beschrieben wurde scheint es, als ob die Bundesregierung alles Menschenmögliche getan habe, um einen demokratischen Übergang und eine Diskreditierung des Nationalsozialismus und seiner Wirkungsgeschichte zu erreichen. Dennoch wurden im weiteren Verlauf der Diskussionen Kritik an der Vergangenheitsbewältigung angeführt und an der Form der Bewältigung negative Punkte herausgefiltert.

`Bock beschreibt die Ursachen dieser immer stärker aufkommenden Kritik an der bundesdeutschen Vergangenheitsbewältigungsstrategie in einer sehr nachzuvollziehenden Weise:

Für viele Angehörige der älteren Generation trat mit diesen Leistungen eine gewisse Ermüdung ein. Viele hatten schon den ersten Weltkrieg erlebt und waren nun am Ende ihrer physischen und psychischen Kräfte. Daher kam der von der jüngeren Generation oft als Verdrängung missverstandene Wunsch, nach nochmaligen bitteren Jahren endlich in Ruhe gelassen zu werden. (547)

Durch diese Aussagen wird es deutlich, dass die genannte Vergangenheitsbewältigung in den Augen der nachfolgenden Generation als Vergangenheitsverdrängung tituliert wurde, und obwohl „unbestreitbare Leistungen von Vergangenheitsbewältigung (...) vorzuweisen“ waren, konnte sich die Gesellschaft nicht vor den Forderungen „nach weiterer Vergangenheitsbewältigung“ schützen, die „die Form einer Anmahnung von Lücken, Mängeln und Defiziten in diesen Bemühungen annehmen musste“ (Bock 547). Die Vergangenheitsbewältigung wurde somit zu der im folgenden beschriebenen forcierten „Kritik an der Vergangenheitsbewältigung“ (547), in deren Umfeld auch Grass´ Lebenswerk Mein Jahrhundert in einem großen Maße zu betrachten ist, da er gegen die Verdrängung und für eine Bewältigung der deutschen Geschichte ein Buch mit bildlichem Charakter und handfesten, wenn auch sehr oft fiktiven Darstellungen hervorbringt.

Innerhalb der deutschen Aufarbeitung der Vergangenheit und der Identitätszuweisung des Individuums folgten im kulturpolitischen Streit zwischen den beiden Lagern Anklagen gegen die Kriegs- und somit natürlich gleichzeitig die Vatergeneration. Ein Gegensatz zwischen dieser und der 68er Revolutionsgeneration, die mit neuem Ideengut versuchte, die Geschichte der Deutschen aufzuarbeiten und die Distanz und Ablehnung gegenüber der Elternschaft zu erweitern bzw. zu vergrößern, entstand. Die Familien der Vatergeneration sollten somit unter Anklage gestellt werden, ihre Meinungen und vor allem Taten sollten sie verunsichern und die persönliche Schuld an der Misere des Zweiten Weltkrieges dargelegt werden. Eine komplette Umstrukturierung der Gesellschaft und deren Werte und Normen war eingeläutet. Die Frankfurter Schule stand entschieden gegen die Vätergeneration und alle Kritiker ein, die behaupteten, eine Vergangenheitsbewältigung sei schon im Verlauf der Jahre nach Beendigung der Kriegshandlungen und seit der bedingungslosen Kapitulation des Deutschen Reiches im Sinne der Entnazifizierung und Demokratisierung durchgeführt worden. Eine ihrer Hauptleistungen, die Mittel, Wege und Ansichten rechtfertigen und vor allem Meinungen von zumeist kritischen Akademikern wie Kosieck widerlegen sollten, ist der praktische Unterbau, der in der Ausrichtung auf die potentielle Verbesserung der Gesellschaft und damit des Individuums zielte.

Eine Kampagne setzte gegen den Psychologen Peter Hofstätter ein, der als angesehener Ordinarius an der Universität in Hamburg arbeitete und eine Abhandlung über die bewältigende Vergangenheit in der Zeitschrift Die Zeit vom 14. Juni 1963 mit dem Titel „Bewältigte Vergangenheit?“ herausbrachte. In diesem Artikel äußerte Hofstätter ernste Zweifel an der Art und Weise wie die Frankfurter Schule sich in den letzten Jahren mit der Vergangenheit der Deutschen während der nationalsozialistischen Ära auseinandersetzte. Er kritisierte die endlos erscheinenden Gerichtsverfahren, die im Zuge der Entnazifizierung einen nicht enden wollenden Rattenschwanz nach sich zu ziehen schien und die seit 1959 an allen deutschen Schulen im Sinne der Umerziehung und der Vergegenwärtigung der Schuld und Aufarbeitung der Geschehnisse des Dritten Reiches entsprang. Für Hofstätter war dies schlichtweg zu viel geworden, die Gesellschaft war von einem regelrechten Zwang der Aufarbeitung der Vergangenheit, der Interpretation der Geschichte und der Behandlung nur dieses einen Themas erfasst worden. Er jedoch sah z.B. den Mord an den Juden nicht als Genozid und den Holocaust als Endziel der allgemeinen Ausrottung der gesamten jüdischen Religion, Tradition, Kultur und Rasse, sondern während des Krieges als eine Kriegshandlung, die in Kriegszeiten von einer vorherrschend starken Militärmacht zum Ziele einer Macht- und Besitzerweiterung durchgeführt wurde. Man kennt diese Aussagen auch von anderen Begebenheiten wie dem ruandischen Bürgerkrieg oder dem Konflikt zwischen Israel und Palästina, bei denen Begriffsbezeichnungen wie „Genozid“ bzw. „Krieg“ zumeist nicht auftauchten, um weltpolitische Verwirrungen zu entgehen. Aus der heutigen Sicht kann ein Ereignis wie die Judenvernichtung jedoch nur eindeutig den Begriff Genozid erhalten, da eine systematische und vollständische Ausrottung der jüdischen Kultur durchgeplant und zu großen Teilen durchgeführt wurde.

Hofstätter mokierte sich über eine einseitige Aufarbeitung der Geschichte im Sinne einer einzigen richtigen Analyse, die von Seiten der Frankfurter Soziologen, den Mitstreiter der linken Studentenbunde sowie der marxistisch-kommunistischen Eliten angegeben wurden. Er fasste zusammen, dass „es auf der ganzen Erde kein Volk (gebe), das seine Vergangenheit je bewältigt hätte. Es scheint mir unklug, wenn wir uns eine prinzipiell unlösbare Aufgabe stellen“ (zit. in Kosiek 74). Diese Aussagen brachten jedoch nicht die von Hofstätter insgeheim erhoffte Wirkung einer Umdenkung der Vergangenheitsbewältigungsstrategie mit sich, sondern sie waren ein Startschuss für eine kritische Auseinandersetzung gegen den renommierten Psychologen, die in einer Strafanzeige und einem Disziplinarverfahren endete, so dass „gemeingefährliche Lehre(n)“ wie diese nicht unbehelligt geäußert werden können (Kosiek 74). Der Senat der Universität Hamburg hob am Ende des Verfahrens zwar ein Entlassungsgesuch auf und ließ das Angestelltenverhältnis mit dem Hochschullehrer unangetastet, dennoch missbilligte er ausdrücklich die Art und Weise, „in der Hofstätter besonders brennende Fragen unseres politischen Zusammenlebens behandelt“ habe (zit. in Kosiek 74).

Ein abschreckendes Beispiel war gesetzt, und die Anhänger der Frankfurter Schule waren der Ansicht, dass dieses alle möglichen Gegner ausschalten und aufzeigen sollte, dass eine Verleumdung und Umstrukturierung nach eigenen, persönlichen Idealen in der wissenschaftlichen Diskussion nicht funktionieren konnte. Ein einziger Wehmutstropfen für viele Geschichtswissenschaftler war jedoch die nun reduzierte Äußerungsmöglichkeit, die ihrer Meinung nach einer eindimensionalisierten Kollektivmeinung weichen musste. Die Frankfurter Schule hatte somit ihre Lehrmeinungen und Ansichten verteidigt und im Kraftkalkül um die rechtmäßige ideologische Interpretation und Ansicht der deutschen Geschichte zu Recht die Oberhand erlangt.

Ein weiteres Beispiel datiert aus dem Jahre 1965 als der Politikwissenschaftler Udo Walendy in seinem Buch Wahrheit für Deutschland durch die Sammlung vieler Dokumente, die die Kriegsfrage bzw. Kriegsschuldfrage in anderen Perspektiven als die gängige Meinung der Frankfurter Schule und der Gesellschaft beleuchtete und für eine differenzierte Behandlung der Kriegsgeneration eintrat. Walendy kam zu neuen Schlüssen und Ergebnissen, die er im Kreise einer intellektuellen und kritisch-reflexiven Gesellschaft erörtern wollte, um eine freie und offene Diskussion führen zu können. Walendy verlor jedoch seine Arbeit als Lehrer in einer Gewerbeschule und der zuständige Kulturministeriumsvorsitzende schrieb dem Buchautor folgende Entlassungsbegründung und eine Abweisung der getanen Forschungsarbeit:

Es ist (...) selbstverständlich, dass (...) von der Schulaufsicht darauf gesehen werden muss, nur solche Lehrkräfte (...) zu beschäftigen, die voll und ganz auf dem Boden unseres heutigen Staates stehen und vor allem auch die von der Bundes- und Landesregierung...vertretenen Ansichten und Konzeptionen ohne entscheidende Abweichungen wiederzugeben vermögen(...). (Es ist bekannt), dass Sie ein Buch geschrieben haben, in dem Sie zur jüngsten deutschen Geschichte in einer Weise Stellung nehmen, die den heutigen geschichtlichen Erkenntnissen nicht in allen Einzelheiten und vor allem Folgerungen entspricht, die aber jedenfalls (...) nicht gebilligt werden kann[4]. (zit. in Kosiek 75)

Im Verlauf der weiteren Jahre wurden noch vermehrt Lehrer oder Professoren aus dem Staatsdienste entlassen, da sie durch ihre Aussagen des Öfteren eine Verharmlosung oder gar eine Verherrlichung der nationalsozialistischen Vergangenheit betrieben haben. Als eines der prominentesten Opfer dieser Kampagnen stechen vor allem die Fälle um den ehemaligen FDP-Politiker Jürgen Möllemann, den Universitätsdozent der Münchner Bundeswehrhochschule Wolf, sowie die durchgeführte Verurteilung des britischen Historikers David Irving aufgrund von antisemitischen Zweideutigkeiten, Opfer-Täter-Kontroversen oder wie bei letzterem Genannten gar durch eine vollständige Verleumdung des Holocausts und der andersartigen Interpretation der öffentlichen Geschichtsmeinung. Vor allem Irving hat den Bogen eindeutig zu weit gespannt und einige Äußerungen und Forschungsergebnisse entsprechen nicht im Entferntesten der objektiven und gültigen Entsprechung der Geschichtswissenschaft und rechtfertigen durch ihre indiskutablen Thesen eine entschiedene Ablehnung im wissenschaftlichen Diskurs. Dennoch sollte in einer liberalen, fortschrittlich denkenden und demokratisch gesinnten Nation, wie der Bundesrepublik oder Österreich, im Zuge der Presse- und Meinungsfreiheit oftmals andere Wege des Disputs und der Erörterung von richtig oder falsch entworfen werden, als eine bloße Negation und Ausspielung von richterlichen Gewalten, wie sie in anderen, weit weniger drastischen Fällen des Öfteren geschehen ist. Um einen Konsens, einen Kompromiss oder eine Korrektur zu ermöglichen, die durch den öffentlichen oder inoffiziellen Dialog zu suchen und zu finden ist, sollten verschiedene Fragen einer fachwissenschaftlichen Untersuchung unterzogen werden, wobei der Angeklagte ein Recht auf freie Meinungsäußerungen und eigene Standpunkte zur Vergangenheitsbetrachtung haben sollte. Im Fall von Irving ist natürlich ein geschichtswissenschaftlicher Disput sinnlos, da er seine Ergebnisse nicht auf empirisch oder objektiv belegbare Forschung stützen kann und lediglich idealisierte persönliche Meinungen wiedergibt.

Vielleicht ist auch Grass deshalb von den Medien wegen seines Romans Mein Jahrhundert oft kritisiert worden, weil auch er nicht immer den allgemeinen Zeitgeist der diskussionswürdigen Themen der leitenden Gesellschaftsschicht trifft und auch nicht möchte. So hat der politisch aktive Grass auch seinen Ausschluss aus der SPD in den achtziger Jahren erwirkt, da die Gesellschaft und Politik bei der Asylantenbehandlung in seinen Augen nicht einen Konsens und eine menschenwürdige Anerkennung der innerstaatlichen Probleme und Fürsorgen erlangte. Da er seine persönlichen Erfahrungen und realen Erlebnisse der deutschen Gesellschaft in den verschiedenen Erzählungen in Mein Jahrhundert immer wieder einbaut, ist er natürlich wie die obig genannten Möllemann oder Wolf von einer anderen Perspektive ausgegangen, die er natürlich in einem anderen Spektrum und mit anderen Vorzeichen darstellt und dabei keine Umstrukturierungen in der allgemein gültigen wissenschaftlich und empirisch belegten Forschung fordert. Von daher ist er in ein anderes Diskussionsfeld involviert, ein weiteres Feld, in dem er des Öfteren seine politische oder kulturelle Unzufriedenheit indirekt ausdrückt, wobei zwar keine revisionistischen, aber dennoch wissenschaftstheoretische Kritikpunkte bzw. gesellschaftspolitische Anstöße deutlich werden. Durch seine Sprachgewandtheit und seine indirekte Kritik oder Beschreibung, die den Leser teilweise dazu bringen soll, zwischen den Zeilen die persönliche Überzeugung Grass´ zu entdecken, schafft er es zum Beispiel in der Geschichte von 1938 gleich drei einschneidende und tief diskutierte Begebenheiten auf wenigen Seiten zu besprechen. Neben der Schilderung des fiktiven Lehrers Hösle von Bücherverbrennung der jüdischen Schul- und Gebetsbücher in einem jüdischen Waisenhaus im Jahre 1938 und weiteren Schilderungen über die Reichskristallnacht während der Feierlichkeiten zur Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten, aus dessen Perspektive die Vorkommnisse von 1938 erläutert werden, wird von Grass als drittes großes sozialpolitisches Thema Kritik an der bundesrepublikanischen Regierung wegen deren ineffektiven Asylpolitik betrieben. Die thematische Verarbeitung der NS-Taten im Unterricht, die teilweise zu lange und zu detailliert betrieben wurden und werden und somit eine immerwährende Präsenz trotz anderer weltpolitischer Ereignisse der jüngeren Vergangenheit erfahren, und zum anderen, weil der direkte Bezug zu den persönlichen Erlebnissen oder Gedanken der Schüler nicht genügend Beachtung erfährt, ist ein weiterer Kritikpunkt, der Grass´ Geschichtsverständnis deutlich macht. Er möchte die Zeit des Nationalsozialismus ebenso wenig wie die Wiedervereinigung oder die Asylpolitik der BRD vergessen, aber alle in einen angemessenen Diskussionsraum einordnen, der nicht nur eine permanente Präsenz erlauben solle, sondern ein abwechslungsreiches und somit aufgeklärtes Diskussions- und Bearbeitungsfeld. Allein in dieser Geschichte spricht Grass also Antisemitismus, Asylpolitik und Wiedervereinigung an. Drei Themen, die in der Vergangenheitsdiskussion kontrovers betrachtet werden und in der Gesellschaft und der Fachwissenschaft etliche Spaltungen hervorbrachte. Somit ist auch Grass nicht vor Kritik gefeit, denn derjenige der Kritik äußert, sei es an bestimmten Institutionen, Begebenheiten oder Personen, oder eben nur in der quantitativen Darlegung der Vergangenheit und der Themenschwerpunkte, muss sich natürlich auch mit entgegenkommender Kritik auseinandersetzen. Im Zuge der sensiblen deutschen Vergangenheitsbewältigung ergeben sich jedoch einige Beispiele, bei denen die breite Öffentlichkeit und auch die Fachwissenschaft teilweise eine zu ungenaue und uneinsichtige bzw. diskussionsoffene Stellung eingenommen hatte.

[...]


[1] Dieser Ausdruck geht auf Nietzsches Vom Nutzen und Nachteil der Historie, (1874) zurück.

[2] Aus der Antrittsrede Horkheimers am 24. Januar 1931 für den Lehrstuhl für Sozialphilosophie und die Leitung des Instituts für Sozialforschung.

[3] Kant, Immanuel. Kritik der praktischen Vernunft, 1788.

Hegel, G.W.F. Phänomenologie des Geistes, 1806/07.

[4] Die Entlassungsbegründung wurde 1966 in der Fachzeitschrift „Freies Forum“ abgedruckt.

Ende der Leseprobe aus 133 Seiten

Details

Titel
Günter Grass: "Mein Jahrhundert"
Untertitel
Geschichtstheorien, Historikerstreit und das Geschichtsbild eines Schriftstellers
Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg
Note
1,00
Autor
Jahr
2006
Seiten
133
Katalognummer
V86326
ISBN (eBook)
9783638907231
ISBN (Buch)
9783638907262
Dateigröße
920 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Günter, Grass, Mein, Jahrhundert
Arbeit zitieren
Achim Zeidler (Autor), 2006, Günter Grass: "Mein Jahrhundert", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/86326

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