"Ist uns [...] bewußt, [...] welche Folgen wir mit unserer Art des Wirtschaftens, Produzierens und Vermarktens hervorrufen, in welch unerhörtem Ausmaß wir mit diesen uns selbstverständlich erscheinenden Mechanismen in jahrhundertealte traditionelle kulturelle Praxen anderer Völker eingreifen?", fragte Bundestagspräsident Wolfgang Thierse kürzlich in einer Rede anläßlich der Eröffnung des Interantional Dialogue for Young Elites der Firma Daimler Chrysler und der Deutschen Gesellschaft für die Vereinten Nationen. Gerade vor dem Hintergrund der Ereignisse des 11. Septembers muß die einzige Antwort auf diese Frage wohl ein eindeutiges Nein sein. Nicht einmal ansatzweise können wir noch einschätzen, welchen Konsequenzen des sich immer mehr verselbständigenden Globalisierungs- und Modernisierungsprozesses wir noch werden ins Auge blicken müssen. Ein solcher Aspekt ist sicherlich das in den letzten Jahren vermehrt auftretende Entstehen fundamentalistischer Bewegungen, und führen wir Thierses Gedanken in diesem Zusammenhang weiter, dann drängt sich sehr schnell und unweigerlich die Frage auf, inwieweit die aktuellen Entwicklungen in der islamischen Welt als Ausdrucksmodi der kulturellen Globalisierung gewertet werden können.
Fast zeitgleich mit der in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts einsetzenden letzten Globalisierungswelle, auf die wir uns für gewöhnlich beziehen, wenn wir von „Globalisierung“ sprechen, nämlich mit der arabischen Niederlage im 6-Tage-Krieg von 19673 oder doch zumindest aller spätestens mit der iranischen Revolution von 1979 lassen die Experten im allgemeinen das Aufleben des sogenannten islamischen Fundamentalismus beginnen. Somit scheint der Gedanke, daß es sich dabei nicht um zwei völlig eigenständige, lediglich zufällig gleichzeitig stattfindende Prozesse handeln könnte, nicht allzu abwegig.
Die vorliegen Arbeit wird daher nach einem Zusammenhang dieser beiden Phänomene fragen und sich mit der Problematik beschöftigen, inwieweit das Aufleben des islamischen Fundamentalismus durch den Globalisierungsprozeß beeinflußt wurde und ob es vielleicht sogar als eine Folge- bzw. Begleiterscheinung desselben bezeichnet werden kann.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
I.1. Einführende Bemerkungen zum Thema der Arbeit
I.2. Struktur der Arbeit
II. Definitionen
II.1. Definition von Globalisierung
II.1.1. Allgemeine Definition von Globalisierung
II.1.2. Globalization = Americanization
II.2. Definition von Fundamentalismus
II.2.1. Allgemeine Definition von Fundamentalismus
II.2.2. Definition von Islamischem Fundamentalismus
III. Globalisierung und Fundamentalismus
III.1. Fundamentalismus als sinnstiftendes Element
III.1.1. Individuelle Orientierungssuche in einer globalen Welt der Moderne
III.1.2. Individuelle Orientierungssuche im islamischen Fundamentalismus
III.2. Fundamentalismus als identitätsstiftendes Element
III.2.1. Verteidigung der kulturellen Identität gegen die „Universalkultur“
III.2.2. Verteidigung des Wertesystems gegen die „Verwestlichung“
III.3. Fundamentalismus als sozialpolitisches Element
III.4. Fundamentalismus als revolutionistisches Element
III.4.1. Auflehnung gegen wachsende ökonomisch-soziale Ungleichheiten
III.4.2. Soziale Verortung der Anhängerschaft
III.5. Die Rolle der Medien
IV. Fazit
V. Ausblick – Gibt es Chancen zu einer „Konfliktlösung“?
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Zusammenhang zwischen der globalen Moderne und dem Entstehen islamistischer fundamentalistischer Bewegungen. Die zentrale Forschungsfrage lautet, ob die heutigen Entwicklungen in der islamischen Welt als Ausdrucksmodi kultureller Globalisierung gewertet werden können und inwieweit Globalisierungsprozesse das Erstarken des Fundamentalismus begünstigen.
- Definition und Abgrenzung der Begriffe Globalisierung und Fundamentalismus.
- Die Rolle der globalen Moderne als identitätsstiftendes und sinnstiftendes Element.
- Sozioökonomische Faktoren und die Problematik wachsender Ungleichheit.
- Der Einfluss der westlich geprägten Medien und Konsumkultur.
- Möglichkeiten einer Konfliktlösung durch eine neue Weltinnenpolitik.
Auszug aus dem Buch
Fundamentalismus als identitätsstiftendes Element
„Ethnic and cultural fragmentation and modernist homogenization are not two opposing views [...] of what is happening in the world today but two constitutive trends of global reality“, lautet eine These von Jonathan Friedmann. Gemeint ist damit der paradoxe Effekt, daß unter dem Druck der Globalisierung neben dem Zwang zur Universalisierung zugleich die Tendenz zur Behauptung kultureller Eigenheiten sowie lokaler und regionaler Identitäten wächst. Es entsteht also offenbar keine „kollektive Weltidentität“, sondern ethnische, kulturelle, soziale und religiöse Komponenten scheinen als Identitätsmerkmale vielmehr wieder an Bedeutung zu gewinnen. Die stetig zunehmende und sich beschleunigende weltweite Interaktion zwischen Menschen verkürzt somit zwar einerseits Distanzen, macht zugleich aber auch die Identifizierung des „Anderen“ dringlicher. Globalisierung wird demnach begleitet von einem Prozeß der Fragmentierung und kann somit als „Synthese aus partikularistischen und universalistischen Faktoren“ verstanden werden.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet den Globalisierungsprozess und wirft die Frage auf, ob fundamentalistische Bewegungen in der islamischen Welt als Reaktion darauf zu verstehen sind.
II. Definitionen: In diesem Kapitel werden die theoretischen Grundlagen der Begriffe Globalisierung und Fundamentalismus dargelegt, um eine solide Diskussionsbasis zu schaffen.
III. Globalisierung und Fundamentalismus: Hier wird der inhaltliche Kern der Arbeit behandelt, indem die verschiedenen Facetten – wie Identität, Soziopolitik und Medien – in Bezug auf ihre fundamentalistische Ausprägung analysiert werden.
IV. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass eine enge Korrelation zwischen Globalisierung und Fundamentalismus besteht, wobei Letzterer als Reaktion auf soziokulturelle Umbrüche verstanden werden kann.
V. Ausblick – Gibt es Chancen zu einer „Konfliktlösung“?: Der Ausblick diskutiert, ob durch eine gerechtere Weltinnenpolitik ein fruchtbarer kultureller Austausch statt einer weiteren Radikalisierung ermöglicht werden kann.
Schlüsselwörter
Globalisierung, Fundamentalismus, Islamismus, Moderne, Identität, Verwestlichung, Kulturimperialismus, Globalisierungsverlierer, Soziale Ungleichheit, Medien, Weltinnenpolitik, Transformation, Säkularisierung, Radikalisierung, Religionssoziologie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Seminararbeit analysiert den Zusammenhang zwischen den globalen Modernisierungsprozessen und dem Aufleben fundamentalistischer Bewegungen im islamischen Raum.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf kultureller Identität, sozioökonomischer Ungleichheit, dem Einfluss der westlichen Medien sowie der Suche nach einer gerechteren globalen Ordnung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Es soll geklärt werden, ob islamischer Fundamentalismus als eine direkte oder indirekte Folge der kulturellen Globalisierung und der damit einhergehenden Modernisierungszwänge interpretiert werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine kultursoziologische Perspektive und stützt sich auf eine Literaturanalyse relevanter Fachbeiträge, um gesellschaftliche und individuelle Reaktionen auf globale Prozesse zu interpretieren.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert den Fundamentalismus als sinnstiftendes, identitätsstiftendes, sozialpolitisches und revolutionäres Element sowie die spezifische Rolle der global vernetzten Massenmedien.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Globalisierung, Fundamentalismus, Identitätskrise, Verwestlichung, Soziale Gerechtigkeit und das Spannungsfeld zwischen Moderne und Tradition.
Wie bewertet die Autorin die Rolle des Westens?
Der Westen wird als dominierende Kraft gesehen, deren Hegemonialstreben und Kulturimperialismus Ängste vor dem Verlust der eigenen Identität in islamischen Gesellschaften hervorrufen.
Warum bieten fundamentalistische Bewegungen laut der Arbeit Halt?
Sie füllen das durch den Wegfall traditioneller Sozialstrukturen entstandene Sinn- und Orientierungsvakuum und bieten zusätzlich pragmatische Hilfe in Bereichen wie Erziehung und Gesundheit an.
- Quote paper
- Katja Linnartz (Author), 2002, Islamischer Fundamentalismus-ein Globalisierungsphänomen?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/8645