"Die Stunde Null" - Reeducation, Reorientation, Restauration

Bonner Republik - Deutschland 1945-1949


Hausarbeit, 2003

13 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung- „Die Stunde Null“

II. Ziele der Alliierten und Vorstellungen der Deutschen

III. Entnazifizierung
III.1 Der Nürnberger Hauptkriegsverbrecher-Prozess
III.2 Nachfolgeprozesse und spätere Entnazifizierung
III.3 Entnazifizierung der Richter

IV. „Reeducation“ „Reorientation“ und Restauration- Ein Kommentar

Literatur

I. Einleitung- „Die Stunde Null“

„Dieser Tag war für mich persönlich ein Tag der Befreiung. Nun muss ich auch sagen, dass einige Deutschen das anders sahen. Es ist schon richtig, dass dieser Tag für viele meiner Landsleute nicht mehr brachte als echtes und schmerzhaftes Leiden. Doch gibt es keinen Zweifel- dieser Tag war ein Tag der Befreiung!“ (Richard von Weizsäcker).[1]

Der Tag von dem der ehemalige deutsche Bundespräsident spricht ist der 08.05.1945; das Ende des 2. Weltkrieges[2] nach bedingungsloser Kapitulation der deutschen Wehrmacht.

Deutschland hatte bedingungslos vor den Alliierten kapituliert, und somit sein Schicksal in die Hände seiner künftigen Besatzer legen müssen (Vergleiche Anhang Abbildung 1). Das „Tausendjährige Reich“ hatte nur zwölf Jahre gehalten (Abb.2) - Deutschland lag wirtschaftlich, politisch und ideell am Boden.

Der Krieg hatte dort 10% der Bevölkerung gefordert; es entstand ein soziales Ungleichgewicht, da der Großteil der im Kampf Gefallenen Männer gewesen war.

Städte wie Köln oder Dresden waren zu 75 bzw. 50% zerstört[3] - Deutschland glich einem „Trümmerhaufen“[4]. Die Versorgung an Lebensmitteln, Wohnungen und Arbeitsplätzen war unzureichend, Seuchen und Krankheiten bedrohten das Land (Abb. 3, Nr. 58-61). Zudem mussten die deutschen Bürger bis 1949 über 16 Millionen Flüchtlinge und Heimatvertriebene[5] integrieren, die von den Alliierten aus den ehemals deutschen Territorien in Osteuropa vertrieben worden waren. Diesen „Entwurzelten“ gegenüber entstand von „innerdeutscher“ Seite her schnell ein Gefühl der Ablehnung und der Belastung[6].

Dem totalen Eroberungsanspruch des Hitler-Regimes war eine totale Zerstörung Deutschlands gefolgt. Die Alliierten hatten die Welt vom Nazi-Terror und deren Grausamkeiten befreit, doch sollten die große Probleme durch die „chaotischen Zustände“[7] im Nachkriegsdeutsch-land erst noch bevorstehen.

II. Ziele der Alliierten und Vorstellungen der Deutschen

„Was ist denn heute Deutschland?“[8] – Winston Churchill brachte die ganze Unsicherheit der Alliierten auf der Potsdamer Konferenz (17.07-02.08.1945) mit dieser simplen Frage auf den Punkt. Damit auch die Frage nach dem Wesen der deutschen Bürger, ihrem Charakter, ihren Einstellungen: Waren alle Deutschen gleich, „100% hitlergläubig“[9] und mit dem unauslöschbaren „deutschen Ungeist“ (Friedrich Tenbruck) versehen, wie es viele Amerikaner damals glaubten?[10]

Schon bei den vorhergegangenen Konferenzen von Teheran (01.12.1943) und Jalta (12.2.45) waren bei den drei Siegermächten USA, SU und GB bezüglich der Frage deutscher Mentalität einige Meinungsunterschiede festzustellen (der Autor geht später noch einmal genauer darauf ein). Schnell einigte man sich aber über politische Grundsätze der Behandlung Deutschlands und formulierte die „fünf D’s“ (Demilitarisierung, Denazifizierung, Dezentralisierung, Demo-kratisierung und Demontage) als Grundstock einer gemeinsamen Besatzungspolitik: Deutsch-land wurde in vier Zonen eingeteilt (Berlin erhielt den Sonderstatus der „Viersektorenstadt“) und vom Alliierten Kontrollrat (*30.08.1945) regiert und verwaltet (Frankreich war inzwischen zu den drei Siegermächten hinzugekommen). Das Potsdamer Abkommen zielte auf die gesellschaftliche Ungestaltung Deutschlands ab. Begriffe wie „Reeducation“ und „Reorientation“ waren Schlagworte dieser Politik, welche die Zukunft Deutschlands im Sinne einer friedlichen Welt regeln und die Verbrechen der Nazizeit unwiederholbar machen sollte.

Die „deutsche Frage“ stellte sich somit für Sieger und Besiegte gleichermaßen[11], wobei den Besiegten jegliches Recht auf Mitsprache zunächst abgesprochen wurde.

Die Minderheit der Deutschen empfand das Kriegsende als Befreiung[12] (Vgl. Zitat Weizsäckers am Anfang), hatte die Versorgung während der NS-Diktatur doch deutlich besser funktioniert.[13] Sie standen den Besatzern skeptisch gegenüber, und empfanden deren „Umerziehung“ als „Gehirnwäsche“[14] oder „geistige Vergewaltigung“[15].

Als allgemeine Warnung dienten die Schrecken des Holocaust und die überall sichtbaren Spuren des „totalen Krieges“ - sie verdeutlichten zugleich die Verantwortung der Besatzer wie der Besetzten (Abb.4; 54-56 und Abb.5). Die Neubildung von Parteien in den Jahren 45 und 46 forderte den Bürger auf, zur Tat zu schreiten und seine geringen Möglichkeiten zur Errichtung der Demokratie zu nutzen, um nie wieder in die Fänge der „Gestrigen“ zu gelangen (Abb.6).

Doch inwieweit arbeiteten Sieger und Besiegte zusammen, und wie rigoros wurden die Bestimmungen des Potsdamer Abkommens und die Maßnahmen zur „Reeducation“ und „Reorientation“ eingehalten? Konnte ein völliger Neuanfang in Deutschland überhaupt entstehen, wurden alle „braunen“ Altlasten beseitigt?

Diese Fragen muten angesichts der ersten beiden Kapitel dieser Hausarbeit zum Teil rhetorisch an.

Es geht in dieser Ausarbeitung aber nicht darum, die Errungenschaften der Alliierten und ihren Beitrag zur deutschen Demokratie komplett zu negieren, sondern es sollen auf den folgenden Seiten die Schwierigkeiten bei der Umsetzung der anspruchsvollen Ziele der Besatzer, auch auf Grund deutschen Widerstandes, aufgezeigt werden. Schwachstellen der alliierten Reorientierungsmaßnahmen werden kritisch beleuchtet und deren Auswirkungen auf die nachfolgenden Jahre verdeutlicht. Aufgrund der vorgegebenen Kürze soll dieses Phänomen zwischen Anspruch und Wirklichkeit am Beispiel der Entnazifizierung behandelt werden. Aufgrund ihrer Anschaulichkeit und ihrer Symbolik werden der Hauptkriegs-verbrecherprozess in Nürnberg, dessen Nachfolgeverfahren sowie die Säuberungsmaßnahmen im Richterwesen thematisiert.

Abschließend äußert sich der Autor zur Entstehung, Durchführung und Folgen der Entnazifizierung in Nachkriegsdeutschland, und zeigt neben „Reeducation“ und „Reorien-tation“ auch einige Spuren der Restauration auf.

[...]


[1] Von Weizsäcker, Richard; in: Newsweek, Voices of the century: The world at war, 15.03.1999, S.43 (sinngemäß übersetzt)

[2] im 2. Weltkrieg starben 35 Mio Menschen, 55 Mio wurden verwundet, etwa 3 Mio wurden vermisst

[3] ebd. S. 20

[4] ebd. S.20

[5] aus: Bundeszentrale, Haft 259, Deutschland 1945-1949, S.18, Zahl bezieht sich auf den Zeitraum von 1945-1949

[6] Vgl., ebd. S.18

[7] Göbel, Abiturwissen, S.20

[8] bei von Plato, Leh; ein unglaublicher Frühlig, S.11

[9] in Benz, Zwischen Adenauer und Hitler, S.21

[10] Vgl. Tenbruck, Friedrich; Von der verordneten Vergangenheitsbewältigung, S.89

[11] siehe auch: Tenbruck, von der verordneten Vergangenheitsbewältigung, S.72

[12] von Plato, Leh, Ein unglaublicher Frühling, S.11

[13] aus. Bundeszentrale, Heft 259, Deutschland 1945-49, S.18

[14] Benz, in: Bundeszentrale, Heft 271, Vorurteile, Stereotypen, Feindbilder, S. 12 (Informationen aktuell)

[15] ebd. S.12

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
"Die Stunde Null" - Reeducation, Reorientation, Restauration
Untertitel
Bonner Republik - Deutschland 1945-1949
Hochschule
Universität Leipzig  (Kulturwissenschaften)
Veranstaltung
Kulturwissenschaften der deutschen Neuzeit nach 1945
Note
1,7
Autor
Jahr
2003
Seiten
13
Katalognummer
V86789
ISBN (eBook)
9783638021876
ISBN (Buch)
9783638949866
Dateigröße
414 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Entnazifizierung, Ziele der Alliierten, Nürnberger Prozesse und Reeducation werden in dieser Arbeit systematisch und chronologisch aufbereitet und abschließend bewertet.
Schlagworte
Stunde, Null, Reeducation, Reorientation, Restauration, Kulturwissenschaften, Neuzeit
Arbeit zitieren
Timo Gramer (Autor), 2003, "Die Stunde Null" - Reeducation, Reorientation, Restauration, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/86789

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