Zur Bedeutung des Hörspiels "Träume" von Günther Eich - Eine exemplarische Analyse anhand des ersten Traumes


Hausarbeit, 2003

18 Seiten, Note: 2,0

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Günther Eich - seine Intention
1.1 Hörspielsituation und -funktion

2 Die innere Bedeutungsebene
2.1 Suche nach der „Wirklichkeit“
2.2 Motive

3 Fazit

Literaturverzeichnis

Quellen:

Forschungsliteratur:

Einleitung

„Alles, was geschieht, geht Dich an.“1 Dieser Satz ist die Kernthese Günter Eichs in seinem Hörspiel „Träume“ von 1951. Jeden geht alles an und somit trägt auch jeder einzelne Verantwortung. Aus diesem Anspruch heraus wurde das Hörspiel „Träume“ die Geburtsstunde des Nachkriegshörspiels.2 Das Hörspiel verweist gesellschafts- und politikkritisch auf das Fehlverhalten der deutschen Bevölkerung nach dem zweiten Weltkrieg. In dem Hörspiel be- droht eine universelle Gefahr die Menschen auf der ganzen Welt, wodurch sich jeder angesprochen fühlen soll. Um jeden einzelnen Hörer nicht nur anzuspre- chen, sondern auch jeden für seine Kernthese zu sensibilisieren, benutzt Eich eine besonders hervorstechende, plakative Motivik. Diese muss jedoch in ihrem Kontext als Hörspiel gesehen werden.

Die „Träume“ sind der Beginn einer neuen Hörspielära. Das Hörspiel existierte zwar bereits seit langem, doch „die Herausforderung des Hörers durch das Hör- spiel“ war völlig neu.3 In dieser Hausarbeit soll die Bedeutung der „Träume“ ge- nauer untersucht werden. Dabei wird sich diverser Teilaspekte gewidmet, die alle auf ihre Weise die Bedeutung des Hörspiels ausmachen. Im ersten Kapitel wird die Hörfunktion und -situation in den Fünfziger Jahren erläutert und der besondere Aufbau des Hörspiels untersucht. Nur so wird klar, warum Günter Eich für seinen Appell an die Gesellschaft die Form des Hörspiels gewählt hat. Im zweiten Kapitel wird auf die inhaltliche Bedeutung und ihr Umsetzung ein- gegangen. Daher wird eine Sprach- und Motivanalyse vorgenommen. Die ge- samte Untersuchung wird exemplarisch am ersten Traum durchgeführt.

In meiner Analyse stütze ich mich zum einen vornehmlich auf „Günter Eich und das Hörspiel der Fünfziger Jahre“ von Marlies Goss und zum anderen auf die Primärquellen der „Träume“ und der „Rede vor den Kriegsblinden“ von Günter Eich.

1 Günther Eich - seine Intention

1.1 Hörspielsituation und -funktion

Nach der Rückgabe des Rundfunks durch die Besatzungsmächte entwickelte sich das Hörspiel der Fünfziger Jahre. Der Rundfunk erlebte eine neue Blüte. Somit wurde das Hörspiel zu einer modernen eigenständigen Gattung.4 Diese Gattung bot verschiedene Vorteile gegenüber der schriftlichen Verbreitung. In der Nachkriegszeit hatten die Menschen nur wenig Geld, wodurch es keinen großen Bücherabsatz gab. Rundfunkgeräte jedoch existierten ausreichend. Im Nationalsozialismus war jeder mit einem Volksempfänger ausgestattet worden. Zudem waren die Menschen durch die Führerreden und durch den Flugzeug- alarm während des Krieges im Zuhören geschult. Ihre Wahrnehmung war ge- schult. Über das Radio konnten an einem Abend mehr Menschen erreicht wer- den, als in einer ganzen Theatersaison. Außerdem bot der Rundfunk die Mög- lichkeit größter Aktualität und Zeitkritik. Damit konnte ein direkter Kontakt zum Publikum aufgebaut werden. Unter diesen Umständen war der Rundfunk der ideale Absatzmarkt, vor allem, da das Hörspielhonorar recht hoch war.5 Für Günter Eich jedoch zählte noch ein weiterer Faktor:

„Seine [des Hörspiels] besondere Wirksamkeit scheint mir dabei nicht einmal die große Hörerschaft zu sein, als die dem Lautsprecher seiner Herkunft nach innewohnende Direktheit, der Ruf, die Nachricht, das Authentische, das allem ein wenig anhaftet, was über diese merkwürdige Apparatur an unser Ohr kommt, selbst das Phantasie- vollste und Märchenhafteste.“6

Um die Menschen direkt anzusprechen und zu erreichen, erwies sich nach sei- ner Meinung das Hörspiel als geeignetste Form. Die Authentizität sei wichtig, um die Träume und die damit verbunden Angstvorstellungen eindringlicher er- scheinen zu lassen. Damit die aufgedeckten Fehler in der Gesellschaft behoben werden könnten, müsste jeder einzelne etwas tun. Um das wiederum zu errei- chen, müsste jeder einzelne sich angesprochen oder provoziert fühlen. In einer Gesellschaft, die immer mehr in der Lethurgie verkommt und immer mehr ver- drängt, fällt es schwer die Menschen noch wirklich zu ergreifen und aus ihrem Panzer herauszulocken. Um dies zu vollbringen, muss jemand sehr direkt und stark emotional greifend vorgehen. Nur so ist die plakative Motivik Eichs zu ver- stehen.

Das Nachkriegshörspiel verdrängte das herkömmliche „Feature“. Das Feature bezog direkt Stellung zum Zeitgeschehen und damit zur Politik und anderen brisanten Themen.7 Das Publikum jedoch wollte sich der Realität nicht mehr stellen. Nach einem harten Arbeitstag erwartete es eine unproblematische Un- terhaltung zur Entspannung. Normalerweise konnte diese leichte Unterhaltung von einem Hörspiel geboten werden. Günter Eichs „Träume“ jedoch erinnern fast an ein Feature. Hinter der Fassade von Traumsequenzen wird direkt Stel- lung zum Zeitgeschehen genommen (genaueres zum Aufbau in 2.2). Vom Titel „Träume“ jedoch ließ sich ganz entgegen den Tatschen eine gute Unterhaltung, sowie die Umsetzung von Wunschvorstellungen und Phantasien vermuten.

Die Urausstrahlung der „Träume“ am 19.4.1951 unter der Regie von Fritz Schröder-Jahn auf dem Norddeutschen Rundfunk (NDR) Hamburg war aufse- henerregend.8 Normalerweise liefen die abendlichen Hörspiele um 20.00 Uhr an. Die Ausstrahlungszeit für die „Träume“ wurde jedoch auf 20.50 Uhr verlegt. Den Hörern wurde empfohlen das Hörspiel nicht gemeinsam mit den Kindern zu hören, weil es zu brutale Szenen enthielt. Auf diese Weise erhielt das Hörspiel schon im Voraus Publizität. Bereits während der Ausstrahlung kam es zu star- ken Reaktionen im Publikum. Tausende riefen beim Rundfunk an und be- schwerten sich über das unmögliche Programm.9 Sie wünschten sich keine schwere Kost, sondern leichte Unterhaltung. Einer der schockierten Anrufer meinte sogar, dass das Publikum in dem Hörspiel mit ihrer „Existenzangst“ kon- frontiert werden:

„...es hat mir nicht gefallen ... Es war die Existenzangst. Und das ist ja an sich eine Angelegenheit, die - na sagen wir in den ersten Jahren nach dem Kriege natürlich eine gewaltige Problematik bildete.“10

Dieser Zustand war für die Menschen kurz nach den Erlebnissen des Zweiten Weltkrieges nicht zu ertragen. Auch nach dem Hörspiel gingen noch Tausende Protestanrufe und -briefe an den Rundfunk. Nur die wenigsten erkannten den Wert der „Träume“. Der Psychologe Tobias Brocher analysiert das Verhalten der Hörer, wie folgt:

„Diese Angst [die Existenzangst] also, die eben schon überwunden schien, wird zornig, warnend und auswegs- los als eine unabweisbare Verbindung zwischen grauen- voller Vergangenheit und einer nicht weniger schreckli- chen Zukunft vom Autor in Metaphern dargestellt, die ge- rade durch die Unbestimmtheit des Traumhaften vor al- lem jene Hörer tief verunsichert, die ihre Schuldgefühle nur verdrängt, aber nicht bewältigt haben...“11

Betrachtet man sich das Entsetzen des Publikums während und nach der Aus- strahlung, stellt sich einem die Frage, warum die „Träume“ diese außergewöhn- lich große Bedeutung für unser heutiges Verständnis von Literatur haben. Gün- ter Eich schrieb: „Ein wirkungsvoller Schriftsteller muss auch gegen die Leser schreiben.“12 Somit hat er zwar den Wünschen der Hörer nicht entsprochen, ihnen aber vielleicht gerade dadurch den größten Dienst erwiesen. Denn gera- de „Schreiben gegen den Leser“ ist dabei der Schlüssel zum Erfolg und viel- leicht auch der Schlüssel für die Bedeutung der „Träume" für unsere heutige Zeit.

1.2 Aufbau des Horspiels

Das Hörspiel ist in vier Ebenen aufgeteilt. Marlies Goss bezeichnet diese Ebe- nen als die reale Wirklichkeit, als scheinbar reale Wirklichkeit, die irreale und die akustische Ebene. Die Ebene der realen Wirklichkeit ist zu Beginn, zwi- schen, und am Ende der einzelnen Träume. Sie kommentiert implizit oder expli- zit das Zeitgeschehen. Hier steht der Autor in unmittelbaren Kontakt mit dem Rezipienten. Der Rezipient wird direkt angesprochen, wodurch eine Dialogsitua- tion entsteht. Auf diese Weise ist das Publikum in das Geschehen miteinbezo- gen.13 Der direkte Bezug des Publikums zum Autor erhöht die Aufmerksamkeit des Zuhörers und lässt ihn nicht abschalten. Wichtig in dieser Beziehung ist, dass sich der Autor nicht über sein Publikum stellt. So beginnt er mit den Wor- ten: „Ich beneide sie alle, die vergessen können, die sich beruhigt schlafen le- gen und keine Träume haben.“14 Bereits im ersten Satz wird dem Zuhörer die Thematik vermittelt. Etwas schreckliches ist passiert, dass den Autor immer wieder Alpträume haben lässt. Der Hörer hat das gleiche erlebt. Beide möchten nicht mehr von dem Erlebten heimgesucht werden. Doch bereits ein paar Sätze später, beginnt sachte die Kritik, die sich durch die „Träume“ hindurchzieht - „...ich zweifele an der Güte des Schlafes, in dem wir uns alle wiegen.“15 Das Erlebte ist nicht zu vergessen.

Die scheinbar reale Ebene ist auf Authentizität angelegt. Durch statistische Zeit- und Personalangaben zu Traum und Träumenden wird der Eindruck er- weckt, es handele sich nicht um anonyme Massenschicksale. In eine konkrete Person lässt es sich besser hineinfühlen. Die „Träume“ sind von 1947-1950 da- tiert. Das Publikum bringt damit den nötigen Anschauungsvorrat für das Hör- spiel selbst mit. Gleichzeitig wird es so auch auf die Themen eingestimmt. Die fünf Träume spielen sich auf allen fünf verschieden Kontinenten ab. Der Zuhö- rer erhält dadurch den Eindruck einer universellen Gefahr.

[...]


1 Eich, Günther. Träume. In: Gesammelte Werke II. Hrsg. Von Karl Karst. Frankfurt/Main, 1991.S. 351

2 Schafroth, Heinz F. Gunter Eich. Munchen: Beck, 1976. S. 60

3 Schwitzke, Heinz. In: Schafroth, Heinz F. Günter Eich. S. 60

4 Lermen, Birgit. In: Goss, Marlies. Günter Eich und das Hörspiel der Fünfziger Jahre: Unters. Am Beispiel „Träume“. Frankfurt am Main, Bern, New York, Paris : Lang, 1988. S. 19

5 Goss, Marlies. Günter Eich. S. 20

6 Eich, Günter: Dankesrede. In: Klaus Schöning (Hg): Schriftsteller und Hörspiel. Reden zum Hörspielpreis der Kriegsblinden. Könistein/Ts. ,1981. S. 22

7 Goss, Marlies. Günter Eich. S. 20

8 Ebd. S.1

9 Schafroth, Heinz F. Günter Eich. S.60

10 Ebd. S. 152

11 Brocher, Tobias. In: Goss, Marlies. Günter Eich. S.154

12 Goss, Marlies. Günter Eich. S.27 f.

13 Ebd. S.45

14 Eich, Günter. Träume. S.351

15 Eich, Günter. Träume. S. 351

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Zur Bedeutung des Hörspiels "Träume" von Günther Eich - Eine exemplarische Analyse anhand des ersten Traumes
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Note
2,0
Jahr
2003
Seiten
18
Katalognummer
V86866
ISBN (eBook)
9783638022033
ISBN (Buch)
9783638937993
Dateigröße
423 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bedeutung, Hörspiels, Träume, Günther, Eich, Eine, Analyse, Traumes
Arbeit zitieren
Anonym, 2003, Zur Bedeutung des Hörspiels "Träume" von Günther Eich - Eine exemplarische Analyse anhand des ersten Traumes, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/86866

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