Aggression bei Karl Kraus? Untersuchungen über Karl Kraus' Werk: "Die letzten Tage der Menschheit"


Seminararbeit, 2007

20 Seiten, Note: 1,75


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zur Gattung und zur Gestalt

3. Über die literarische Aggression in den LTM

4. Beispiele
4.1. Kritik an der Presse
4.2. Kritik an der Gesellschaft
4.3. Kritik am Militär

5. Schlussbetrachtung

6. Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

1922 wurde das gewaltige Werk Die letzten Tage der Menschheit von Karl Kraus erstmals publiziert. Laut vieler seiner Kritiker sei das Weltkriegsdrama das bedeutendste Werk Kraus´.[1]

Nach seinem Abitur studierte Karl Kraus, der Sohn eines wohlhabenden Papierfabrikanten, zunächst etwas Jura, Germanistik und Philosophie. Er schloss jedoch kein Studium ab. Nachdem der Versuch, eine Karriere als Schauspieler zu starten, fehlschlug, entschied sich Kraus für eine Karriere als Journalist. 1899 gründete er in Wien die Zeitschrift Die Fackel und avancierte damit zu einer geistigen und moralischen Instanz ersten Grades.[2] Zunächst war sein literarischer Stil stark von der Tradition und vom Konservativen geprägt und er verfasste hauptsächlich gewandt formulierte Gesellschaftskritik. Mit dem Beginn des ersten Weltkriegs setzte bei Kraus eine neue Phase seines Schaffens ein. Er entwickelte sich zum leidenschaftlichen Vorkämpfer der Opfer des Kriegs wie auch zum Ankläger der Kriegshetzer und zum Pazifisten.[3]

Das Werk Die letzten Tage der Menschheit gliedert sich, wie beispielsweise auch Heinrich Manns Kaiserreich- Trilogie oder Thomas Manns Zauberberg, in die Gruppe der Epochenbilanzen ein. Als das einzige Drama innerhalb dieser bilden Die letzten Tage der Menschheit einen Sonderfall.[4] Doch auch innerhalb seiner nicht unumstrittenen Gattung brachte das Werk als zeitkritisches, satirisches Theaterstück durchaus Innovation hervor.[5] Gewaltig ist die Schrift nicht nur aufgrund ihres Umfangs, sondern auch wegen ihres Inhalts. Auf über 750 Seiten hält Kraus in den letzten Tagen der Menschheit Gericht über die Brutalität an der Kriegsfront, die Unfähigkeit der Machthaber, die Verblendung der Menschen durch die Presse und die Schiebergeschäfte der Wucherer im Hinterland.[6] Eine literarische Aggression, die wohl auf die emotionale Entrüstung des Autors zurückzuführen ist, durchdringt das Werk vom Anfang bis zum Ende.

In dieser Arbeit gilt es, diese Kraussche Aggression in den letzten Tagen der Menschheit näher zu untersuchen. Im Wesentlichen soll geklärt werden, gegen wen sich die Aggressionen richten und durch welche Methoden die Angriffe erfolgen, die sich über das gesamte Werk hinweg erstrecken. Dabei werde ich zunächst auf die Gattungsfrage eingehen und einige elementare Strukturen erläutern. Anschließend wird unter Punkt 2. Grundlegendes bezüglich der literarischen Aggression dargelegt, bevor dies anhand einiger Beispiele direkt am Text veranschaulicht werden sollen. Es ist noch darauf hinzuweisen, dass diese Arbeit lediglich demonstrativ und keinesfalls als vollständige Analyse zu verstehen ist.

2. Zur Gattung und zur Gestalt

Es ist nicht einfach, Die letzten Tage der Menschheit einer bestimmten Gattung zuzuweisen, da das Werk konkret spezifizierende Gattungsmerkmale nicht konsequent einhält. Es durchdringt verschiedene Gattungen und ist Komödie, Tragödie oder auch Posse in Einem.[7] Der Untertitel `Tragödie` bezieht sich weniger auf die Gattung, als auf das Schicksal der Menschheit, das ihr am Ende des Werks zukommt[8] sowie auf das tragische Leiden des Nörglers. Durch das Fünf –Akt- Schema samt Vorspiel und Epilog, innerhalb dessen 220 Szenen locker miteinander verknüpft werden, erhalten Die letzten Tage der Menschheit eine dramatische Form. Alle fünf Akte beginnen am selben Ort - „ Wien. Ringstraßenkorse. Sirk- Ecke “ (LTM S. 45, S. 323)[9] - und bilden somit ein Ostinato, das neben ständig wiederkehrenden Phrasen den Stillstand des Geistes und der Zeit symbolisiert.[10]

Ort und Zeit des Ausgangspunkts des Dramas sind durch das Bekanntwerden der Ermordung des Thronfolgers Franz Ferdinands genau fixierbar.[11] Durch das Auftreten einer Überzahl an Figuren und den Umfang des Werks an sich mag es den Leser zunächst überwältigen, doch bei genauer Betrachtung wird man bemerken, dass es eine „komplexe, aber genau beschreibbare Struktur aufweißt.“[12]

Ein wesentliches Strukturelement innerhalb des komplexen Ganzen sind z.B. die Auftritte des Nörglers und des Optimisten.[13] Der Nörgler, der seinen Verfasser Karl Kraus verkörpert, kommentiert und kritisiert die Ereignisse.[14] Er fungiert als eine Art Staatsanwalt, der im Gericht Karl Kraus` die Menschheit vor Gott anklagt und für eine gerechte Strafe plädiert.[15] In unzähligen oppositionellen Dialogen mit dem Optimisten, einem offenbar nicht ganz überzeugten Patrioten, begründet er seine Anklagen und kritisiert die Geschehnisse, die im Werk Gestalt annehmen.[16] Weitere ähnlich stereotype Charaktere sind beispielsweise die Hofrätin und der Hofrat als Vertreter der späten Monarchie und die Verehrer der Neuen Freien Presse sowie der Reichspost. Auch die vier Offiziere treten ständig wieder auf. Sie stehen für eine verarmte Denkweise und ein mangelndes Problembewusstsein des Militärs.[17]

Im Epilog der Letzten Tage der Menschheit wird letztendlich das Urteil über die Menschheit von einer „ Stimme von oben “ (LTM S. 766) gefällt: Wegen der endlosen Untaten der Menschheit und der Schändung der Schöpfung durch den Krieg wird der Planet durch einen „ Meteorregen “ (LTM S. 769) vernichtet: „ Der Sturm gelang. Die Nacht war wild. Zerstört ist Gottes Ebenbild! “ (LTM S. 770)

Auch wenn es scheinbar unmöglich ist, die Gattung des Werks konkret zu definieren, so kann man doch behaupten, dass es durchgehend eine Satire ist, in der „Komik und Gewalt“ im „satirischen Spott ein Bündnis eingehen.“[18] Charakteristisch für die Satire ist, dass diese „ihr Objekt »geißelt«, soziale, sittliche oder politische Gebrechen ihrer Zeit »heilen«, »bessern« oder ihre Leser- Adressaten »erziehen« will […]“. Wie Kraus all diese Eigenschaften verwirklicht, wird in den folgenden Punkten zu klären sein.

3. Über die literarische Aggression in den LTM

Die Aggression Kraus` in den LTM richtet sich gegen Österreich und das verbündete Deutschland, die in Kraus` Augen für den Krieg verantwortlich sind. Angegriffen werden die „Staatsmänner, die den Präventivkrieg erklärt, die Generäle, die ihn geführt“ und „die Geschäftsleute, die an ihm verdient haben“[19]. Aber auch die einfachen Bürger seien nicht unschuldig, da sie hinter ihren Obrigkeiten gestanden und somit den Krieg erst ermöglicht hätten. Darüber hinaus findet man in den LTM eine groß angelegte Kultur- und Fortschrittskritik. Seien die Kultur und die Gesellschaft nicht so beschaffen gewesen, wie sie es waren, sei der Krieg nicht möglich gewesen.[20] Der industrielle Fortschritt übersteige die Fähigkeit der Menschen, mit diesem Fortschritt verantwortungsbewusst umzugehen:

Seitdem die todbringende Waffe ein Industrieprodukt ist, kehrt sie sich gegen die Menschheit […]. (LTM S. 198)

Wir haben das Ding erfunden und was uns im Rücken bedroht, ist nicht das Maschinengewehr, sondern das öde Wunder, daß es dieses gibt. (LTM S. 672)

Die Hauptantriebskraft Kraus` war jedoch der Kampf gegen die Presse[21]:

Nicht daß die Presse die Maschine des Todes in Bewegung setzte – aber daß sie unser Herz ausgehöhlt hat, uns nicht mehr vorstellen zu können, wie das wäre: das ist ihre Kriegsschuld! (LTM S. 677)

Mit Ausnahme der Nörgler- Passagen (,wie der hier zitierten,) urteilt Kraus nicht von außen oder von oben herab, sondern macht die Widersprüche und Verbrechen seiner Gegner durch Zitat- Montage sichtbar. Die Worte und Taten der Kritisierten verurteilen sich selbst.[22] Manchmal wird dies erst dann wirklich deutlich, wenn Kraus sie in einen fiktiven Zusammenhang bringt. Doch die Wahrheit der Taten und Zitate gerät nicht durch die Fiktionalität in Mitleidenschaft. Kraus betont in den LTM „das Faktische gegenüber dem Fiktiven, das Ordinäre gegenüber dem Abgeleiteten, die Beobachtung gegenüber der Phantasie […]“[23]. Im Vorwort der Letzten Tage der Menschheit heißt es diesbezüglich:

Die unwahrscheinlichsten Taten, die hier gemeldet werden, sind wirklich geschehen; ich habe gemalt, was sie nur taten. Die unwahrscheinlichten Gespräche, die hier geführt werden, sind wörtlich gesprochen worden; die grellsten Erfindungen sind Zitate. (LTM S. 9)

[...]


[1] Fischer, Heinrich: Art. „Kraus, Karl“, in: Handbuch der deutschen Gegenwartsliteratur, Zweite, verbesserte und erweiterte Auflage Bd. 1 A-K, München 1969, S. 400.

[2] Joost, Ulrich: Art. „Kraus, Karl“, in: Metzler Autoren Lexikon. Deutschsprachige Dichter und Schriftsteller vom Mittelalter bis zur Gegenwart, Zweite, überarbeitete und erweiterte Auflage, Stuttgart, Weimar 1997, Sp. 503- 504.

[3] Fischer, Heinrich: Art. „Kraus, Karl“, S. 400- 401.

[4] Achberger, Friedrich: „Die letzten Tage der Menschheit“ von Karl Kraus, in: Achberger, Friedrich; Scheit Gerhard (Hg.): Fluchtpunkt 1938. Essays zur österreichischen Literatur zwischen 1918 und 1938, Wien 1994, S. 59.

[5] Quack, Josef: Der Prozeß des Träumers und das Gericht des Satirikers. Notizen zu Franz Kafka und Karl Kraus, in: Quack, Josef: Die fragwürdige Identifikation. Studien zur Literatur, Würzburg 1991, S. 8.

[6] Achberger, Friedrich: „Die letzten tage der Menschheit“ von Karl Kraus, S. 71.

[7] Vgl. Hindemith, Wilhelm: Die Tragödie des Nörglers. Studien zu Karl Kraus` moderner Tragödie: „Die letzten Tage der Menschheit“ (Europäische Hochschulschriften, Reihe 1, Deutsche Sprache und Literatur Bd. 842), Frankfurt am Main u.a. 1985, S. 35.

[8] Achberger, Friedrich: „Die letzten tage der Menschheit“ von Karl Kraus, S. 68.

[9] Kraus, Karl: Die letzten Tage der Menschheit (LTM) zitiere ich nach der von Christian Wagenknecht herausgegebenen Ausgabe: Karl Kraus, Schriften, Bd. 10, Frankfurt am Main 1986.

[10] Achberger, Friedrich: „Die letzten tage der Menschheit“ von Karl Kraus, S. 67- 68.

[11] Kraus, Karl: Die letzten Tage der Menschheit (LTM), S. 45.

[12] Quack, Josef: Der Prozeß des Träumers und das Gericht des Satirikers, S.9.

[13] Zeyringer, Klaus: Im Anfang war… die „Extraausgabe“. Zur Struktur und Bedeutung der `letzten Tage der Menschheit` dargestellt am Beispiel der drei ersten Szenen des Vorspiels, in: Sprachkunst 19. Beiträge zur Literaturwissenschaft (Jahrgang 19) (1988), S. 24.

[14] Vgl. Quack, Josef: Der Prozeß des Träumers und das Gericht des Satirikers, S. 9.

[15] Kraus, Karl: Die letzten Tage der Menschheit (LTM), S. 65- 66.

[16] Vgl. Quack, Josef: Der Prozeß des Träumers und das Gericht des Satirikers, S. 9- 10.

[17] Panagl, Oswald: Zum Sprachprofil in Die letzten Tage der Menschheit von Karl Kraus. Eine vorläufige Annäherung, in: Bartenstein, Helmut u.a.(Hg.): Politische Betrachtungen einer Welt von gestern. Öffentliche Sprache in der Zwischenkriegszeit (Stuttgarter Arbeiten zur Germanistik Bd. 279), Stuttgart 1995, S.272- 273.

[18] Deupmann, Christoph: Furor satiricus. Verhandlungen über literarische Aggression im 17. und 18. Jahrhundert, Tübingen 2002, S. 8.

[19] Quack, Josef: Der Prozeß des Träumers und das Gericht des Satirikers, S. 10.

[20] Vgl. Quack, Josef: Der Prozeß des Träumers und das Gericht des Satirikers, S. 10- 11.

[21] Fischer, Heinrich: Art. „Kraus, Karl“, S. 400- 401.

[22] Stieg, Gerald: Die totale Satire. Nestroy, Kraus, Bernhard, in: Benay, Jeanne; Stieg, Gerald (Hg.): Österreich (1945- 2000). Das Land der Satire, Bern u.a. 2002, S. 6.

[23] Panagl, Oswald: Zum Sprachprofil in Die letzten Tage der Menschheit von Karl Kraus, S. 264.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Aggression bei Karl Kraus? Untersuchungen über Karl Kraus' Werk: "Die letzten Tage der Menschheit"
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Institut für deutsche Philologie/ Germanistikum)
Veranstaltung
Dr. Meyer- Sickendiek: Einführung in die Affektpoetik
Note
1,75
Autor
Jahr
2007
Seiten
20
Katalognummer
V87015
ISBN (eBook)
9783638010535
ISBN (Buch)
9783638935630
Dateigröße
548 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Aggression, Karl, Kraus, Untersuchungen, Werk, Tage, Menschheit, Meyer-, Sickendiek, Einführung, Affektpoetik
Arbeit zitieren
Philip Grabowski (Autor), 2007, Aggression bei Karl Kraus? Untersuchungen über Karl Kraus' Werk: "Die letzten Tage der Menschheit", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/87015

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